Vor einigen Jahren war der Ruf nach „starken Frauenfiguren“ kaum zu überhören. Inzwischen scheint er leiser geworden zu sein, vielleicht im Sog jener reaktionären politischen Tendenzen, die derzeit vielerorts spürbar sind, und dafür sorgen, dass hin und wieder provokante Meinungsartikel erscheinen, die argumentieren, dass auch Jungen ihre Bücher brauchen. O Caledonia von Elspeth Barker ist ein Roman, dessen Heldin vielleicht nicht immer stark ist, aber auf jeden Fall authentisch wirkt. Man ahnt schnell, dass eine Figur wie sie auch heute noch anecken würde, und zwar ziemlich zuverlässig, bei Männern wie bei Frauen.
Die schottische Schriftstellerin Ali Smith soll O Caledonia als „einen der besten und am wenigsten bekannten Romane des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet haben. Auch für die Autorin Maggie O’Farrell war der Roman prägend, wie dem Vorwort zur englisch- und deutschsprachigen Neuauflage zu entnehmen ist. Sein anhaltender Kultstatus sorgte dafür, dass 2021 eine neue Ausgabe in Großbritannien veröffentlicht wurde. Nun legt der Berlin Verlag nach und veröffentlicht eine Neuübersetzung von Verena von Koskull, einer erfahrenen Übersetzerin, die eigentlich eher für ihre Übertragungen aus dem Italienischen bekannt ist.
Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Seine Protagonistin wird tot unter einem Buntglasfenster im elterlichen Schloss aufgefunden. Vor allem die von ihr gezähmte Dohle (die auch auf dem deutschen Cover zu sehen ist) trauert treu um ihre Heldin, die schon bald von ihrer Familie vergessen wird. Es ist ein eigenwilliger Auftakt einer Geschichte, die sich irgendwo zwischen Krimi und Gothic Novel bewegt. Im nächsten Kapitel wird dann aber mit einem doch eher dickensschen Satz („Janets sechzehnjähriges Leben begann in Kriegszeiten“) in die chronologische Erzählung von Janets kurzem Leben eingestiegen.
Eigenbrötlerisch und alles andere als „mädchenhaft“ zieht Janet durch eine Welt, in der ihr Äußeres als „fad“ kommentiert wird und ihr Umgang mit den jüngeren Geschwistern, mit denen sie herzlich wenig anfangen kann, als problematisch gilt. In einer beinah schwarzhumorigen Szene im Auto bekommt Janet mit, wie ihre kleine Schwester Lulu die Autotür öffnet (man bedenke, dass der Roman in den späten 50er, frühen 60er Jahren spielt) und aus dem Auto fällt. Janet, der beim Autofahren ohnehin speiübel wird, grübelt, wie sie es ihrer Mutter beibringen soll, und betet, dass Sawney Bean – ein legendärer schottischer Kannibale aus dem 16. Jahrhundert – sie vorher auffressen möge.
Elspeth Barker, 1940 in Edinburgh geboren, wuchs in einem Schloss auf, das ihr Vater angeblich dem König von Norwegen abgekauft hatte und heute als Teil des National Trust Privatbesucher:innen offensteht. Ähnlich wie in O Caledonia verwandelte der Vater das Anwesen in eine Jungenschule. „Auchnasaugh“ ist der Name des fiktiven Schlosses, in dem Janet ihre Kindheit und Jugend verbringt, umgeben von einer Horde mehr oder weniger pubertierender Jungs. Zwar ziehen diese sie gehörig auf, aber sie schaut sich auch einige Dinge bei ihnen ab und entdeckt ihre Liebe für Literatur und Sprache. Zur ultimativen Außenseiterin wird sie erst, als man sie auf eine Mädchenschule schickt, wo sie feststellen muss, dass nicht alle altgriechische Texte vor sich hin murmeln. Auch in dieser Hinsicht ist sie ihrer Autorin ähnlich – Barker studierte klassische Philologie an der Universität in Oxford.
Würde man den knapp 250 Seiten langen Roman in ein Genre einordnen, so fielen neben den klassischen Tendenzen des Entwicklungsromans auch Elemente des Nature Writing auf. Mit Blick auf die Biografie der Autorin ist das wenig überraschend, denn Barker verbrachte den Großteil ihres Lebens auf dem Land, wo sie fünf Kinder großzog. Auch die Protagonistin Janet fühlt sich in der rauen schottischen Natur mit ihrem Zugang zur stürmischen See und den einsamen Hochmooren am wohlsten und freisten. Entsprechend viele Beschreibungen von Flora und Fauna finden sich in O Caledonia wieder und dürften das Herz des einen oder anderen Schottlandfans höher schlagen lassen. Tiere, besonders die bereits erwähnte Dohle, kommen natürlich auch prominent vor.
Womöglich stechen die Naturbeschreibungen auch deshalb besonders heraus, weil Verena von Koskull den vielen atmosphärischen Beschreibungen in ihrer Übersetzung neues Gewicht verleiht. Im Vergleich zur Erstübersetzung von Elfie Knoll-Stemeseder aus dem Jahr 1997, die bei dtv erschienen ist, erweckt die Neuübersetzung den Eindruck, als hätte sich die Übersetzerin auf den bildhaften Detailreichtum und die sprachliche Dichte des Originals gestürzt und versucht, diese mit mindest genauso viel Verve ins Deutsche zu übertragen. Bereits ein Vergleich der ersten Zeilen dürfte einige Unterschiede zwischen den Übersetzungen deutlich machen:
Halfway up the great stone staircase which rises from the dim and vaulting hall of Auchnasaugh, there is a tall stained-glass window. In the height of its Gothic arch is sheltered a circular panel, where a white cockatoo, his breast transfixed by an arrow, is swooning in death. Around the circumference, threaded through sharp green leaves and twisted branches, runs the legend: ‘Moriens sed Invictus’, dying but unconquered.[…] Here it was that Janet was found, oddly attired in her mother’s black lace evening dress, twisted and slumped in bloody, murderous death.
Auf halber Höhe der großen Steintreppe, die aus dem Schummer der gewölbigen Halle von Auchnasaugh emporführt, prangt ein hohes Buntglasfenster. Sein gotischer Bogen fasst ein kreisrundes Glas, auf dem ein weißer Kakadu mit pfeildurchbohrter Brust eines schmachtenden Todes stirbt. Rings um das Rund windet sich, zwischen spitzen Blättern und krummen Zweigen, das Motto »Moriens sed Invictus«: sterbend, aber unbesiegt. […] Hier wurde Janet gefunden, seltsam gewandet in das schwarze Spitzenabendkleid ihrer Mutter, verdreht und zusammengesunken in blutigem, mörderischem Tod. (Verena von Koskull, 2026)
Auf halber Höhe der großen steinernen Treppe, die sich aus der dunklen Eingangshalle von Schloss Auchnasaugh mit ihrem Deckengewölbe hebt, befindet sich ein großes farbiges Glasfenster. An der Spitze des gotischen Bogens ist eine runde Scheibe angebracht; sie zeigt einen sterbenden weißen Kakadu, dessen Brust von einem Pfeil durchbohrt ist. An ihrem Rand steht, eingewoben in spitze grüne Blätter und verschlungene Zweige, die Inschrift: »Moriens sed invicts«. […] Hier wurde Janet gefunden, seltsam verkleidet im schwarzen Spitzenabendkleid ihrer Mutter, zusammengesunken in einem blutigen, gewaltsamen Tod. (Elfie Knoll-Stemeseder, 1997)
Schon die Übersetzungen des ersten Satzes, der auf Englisch wunderbar prägnant formuliert ist, unterscheiden sich merklich. Man könnte meinen, dass Koskull hier versucht, die Gothic-Elemente zu verstärken: Hier ist von „Schummer aus der gewölbigen Halle“ und einer „emporführenden“ Treppe die Rede. In der Erstübersetzung klingt das mit „dunkler Eingangshalle“, aus der sich die Treppe „hebt“, doch etwas technischer.
Ähnliches fällt bei der Beschreibung des Buntglasfensters auf. In der Neuübersetzung stirbt „ein weißer Kakadu mit pfeildurchbohrter Brust einen schmachtenden Tod“. In der Erstübersetzung klingt die Beschreibung weniger pathetisch. Diese Tendenz zieht sich bis zum Ende des ersten Absatzes, in dem die Protagonistin bei von Koskull „seltsam gewandet“ („oddly attired“) vorgefunden wird, während Knoll-Stemeseder dies schlicht mit „seltsam verkleidet“ übersetzt.
Schon hier lassen sich mit Blick auf beide Übersetzungen noch weitere Tendenzen erkennen. Das Verb „twisted“ („verdreht“) übersieht die Übersetzerin Elfie Knoll-Stemeseder ebenso wie die Erklärung des lateinischen Spruchs „Moriens sed invictus“, die im Original vorhanden ist. Doch auch an anderen Stellen überlässt sie die Lesenden hin und wieder sich selbst. Ein Beispiel: Janet hasst ihren Namen und überlegt, welche beneidenswerten Assoziationen ihr bei den Namen ihrer Geschwister einfallen. Sie kommt zu dem Schluss: „Die einzig mögliche Assoziation verwies auf Sahne in der Dickmilch.“ Im Englischen ist an dieser Stelle die Rede von dem Dessert „Junket“, das den meisten deutschsprachigen Leser:innen vermutlich nicht geläufig ist. Von Koskull lässt den Begriff stehen und erklärt ihn an anderer Stelle, da in diesem Kontext der ähnliche Klang der beiden Wörter entscheidender ist als die Bedeutung.
Die Wortwahl ist in der Neuübersetzung an vielen Stellen besonders auffällig. Nicht nur bedient sich die Übersetzerin tendenziell emphatischerer Begriffe als ihre Vorgängerin, sie verwendet auch eher altmodische, manchmal sogar dialektale Begriffe. Ein Beispiel hierfür ist folgende Stelle:
After that, only the speywives, the fishwives, the midwives, the ill-wishers spoke of her, endlessly rehearsing a litany of blame; for blame there must be, and no one could blame the murderer. Their voices whined and droned, spiteful as the sleety wind …
Danach sprachen nur noch die Spökenkiekerinnen, die Fischweiber, die Hebammen, die Tratschmäuler über sie und ergingen sich in endlosen Schuldzuweisungen; irgendjemand musste schließlich schuld sein, und dem Mörder konnte gewiss niemand die Schuld geben. Sie traschten und tuschelten, wie der grauplige Wind … (Verena von Koskull, 2026)
Später redeten nur noch die Klatschbasen, die Fischweiber, die Hebammen und die Mißgünstigen von ihr, wobei sie endlos tadelten und Schuld zuwiesen; bei irgend jemandem musste die Schuld liegen, und dem Mörder konnte ganz bestimmt niemandem die Schuld geben. Ihre Stimmen klangen weinerlich, monoton und boshaft wie der Schneesturm … (Elfie Knoll-Stemeseder, 1997)
Bei einem Roman, dessen Protagonistin die Sprache liebt und dessen Autorin über ein breites englisches Vokabular verfügt und gerne mit Zitaten arbeitet, reicht es für die Übersetzerin nicht aus, nur zu übertragen – sie muss auch selbst sprachlich kreativ werden. Dies gelingt Verena von Koskull mit ihrer Neuübersetzung durchaus sehr gut, wobei hin und wieder unstimmige Bilder entstehen. Man erinnere sich beispielsweise an das erste Zitat, in dem von „mörderischem Tod“ die Rede ist. Dies orientiert sich zwar am Original, ergibt aber wenig Sinn. Ein weiteres Beispiel ist das ebenfalls recht wörtlich übersetzte „Rings um das Rund“ („Around the circumfence“), das sich in der Erstübersetzung flüssiger liest.
Die Zitate sollen jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass der Roman ausschließlich von solchen Beschreibungen lebt. Es gibt viele äußerst komische Szenen, in denen Janet erfolglos versucht, sich mit Gleichaltrigen zu unterhalten, oder in denen sie durch ihre besonders ungeschickte Art ihre Mutter zur Verzweiflung bringt. Letztere hat ohnehin kaum noch Hoffnung, dass Janet sich je wie ein „normales“ Mädchen verhalten wird. Ihre einzige Verbündete ist lange Zeit daher ihre verwitwete Tante, die in einem Zimmer des Schlosses ihrem bohemienhaften Lebensstil nachgeht, bevor sie irgendwann in eine Anstalt eingewiesen wird – für Janet ein faszinierendes, aber wohl auch abschreckendes Beispiel dafür, was mit aufmüpfigen Frauen passiert.
Eine ihrer wenigen Freundinnen an der Mädchenschule ist eine gewisse Cynthia, mit der sie einen Zweckfreundschaft eingeht, um nicht allein zu sein. Janets neunmalkluge Belehrungen kommen bei den wenigsten ihrer Zeitgenossinnen gut an:
‘Don’t be ridiculous,’ said Janet. ‘It’s freezing cold and the waves are all going in different directions. You’ll be sucked under and that’ll be the end of you. Not that I care, but I’ll get the blame.’ ‘Shut up, you drip.’ Cynthia twisted her wrist. ‘Come on, quick, now, into the dunes.’
»Sei nicht albern«, sagte Janet. »Es ist eiskalt, und die Wellen sind ganz kabbelig. Du wirst absaufen, und das war’s. Mir wär’s ja egal, aber ich kriege dann die Schuld.« – »Halt’s Maul, du Nulpe.« Cynthia verdrehte ihr das Handgelenk. »Komm schon, schnell, ab in die Dünen.« (Verena von Koskull, 2026)
»Mach dich nicht lächerlich«, sagte Janet. »Es ist eiskalt, und die Wellen ziehen in alle Richtungen. Sie werden dich hinunterziehen, und dann ist es aus mit dir. Nicht daß es mir etwas ausmacht, aber man wird.mir die Schuld geben.« – »Halt den Mund, du Flasche.« Cynthia verdrehte ihr das Handgelenk. »Komm, mach schnell, in die Dünen!« (Elfie Knoll-Stemeseder, 1997)
„You drip“ ist im Englischen, so wie es hier verwendet wird, eine veraltete Beschimpfung. Denn bemerkenswerter Weise hat sich „drip“ (das viele Konnotationen mit Flüssigkeit aufweist) bei den jüngeren Generationen zu einem positiv konnotierten Jugendwort avanciert, wo es momentan einen besonders „interessanten Style“ einer Person beschreibt und eher adjektivisch verwendet wird. „Drip“ kann aber im Englischen auch das Gegenteil – eine langweilige Person ohne starken Charakter – beschreiben. In der Neuübersetzung ist der Begriff mit „Nulpe“ passend übersetzt, so handelt sich dabei auch um einen recht veralteten, fast dialektalen Begriff. Auch das eher aus der Seemannssprache bekannte Adjektiv „kabbelig“ sticht hervor. „Welcher Teenager spricht so?”, könnte man an dieser Stelle berechtigterweise einwerfen.
Tatsächlich ist es gar nicht so unvorstellbar, dass eine Janet genauso redet. Belesen und ein bisschen altklug zieht sie durch eine Welt, die weder für sie gemacht ist noch besonders viel Sinn für sie ergibt. In Verena von Koskulls Neuübersetzung glänzt alles, was den Roman ausmacht: präzise, fast lyrische Naturbeschreibungen der schottischen Landschaft, das leise Augenzwinkern der Autorin und Janets schillernde, ambivalente Innenwelt. Ob sie will oder nicht: Janet sticht heraus, als Kind zunächst unabsichtlich, als Teenagerin mitunter durchaus absichtlich. Die Erfahrung, dass dies kein Fluch sein muss, bleibt ihr in O Caledonia leider verwehrt. Aber vielleicht können ihre Leserinnen sich trotzdem noch etwas von ihr abgucken.

