„Fad, ver­rä­te­risch und schuldig“

Erwachsenwerden ist nicht leicht, auch nicht in der schottischen Einöde Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Neuübersetzung des Klassikers „O Caledonia“ von Verena von Koskull lässt Elspeth Barkers Heldin glänzen. Von

Bild: John Lewin, Jackdaw, Yale Center for British Art via WikiCommons

Vor eini­gen Jah­ren war der Ruf nach „star­ken Frau­en­fi­gu­ren“ kaum zu über­hö­ren. Inzwi­schen scheint er lei­ser gewor­den zu sein, viel­leicht im Sog jener reak­tio­nä­ren poli­ti­schen Ten­den­zen, die der­zeit vie­ler­orts spür­bar sind, und dafür sor­gen, dass hin und wie­der pro­vo­kan­te Mei­nungs­ar­ti­kel erschei­nen, die argu­men­tie­ren, dass auch Jun­gen ihre Bücher brau­chen. O Cale­do­nia von Els­peth Bar­ker ist ein Roman, des­sen Hel­din viel­leicht nicht immer stark ist, aber auf jeden Fall authen­tisch wirkt. Man ahnt schnell, dass eine Figur wie sie auch heu­te noch anecken wür­de, und zwar ziem­lich zuver­läs­sig, bei Män­nern wie bei Frauen.

Die schot­ti­sche Schrift­stel­le­rin Ali Smith soll O Cale­do­nia als „einen der bes­ten und am wenigs­ten bekann­ten Roma­ne des 20. Jahr­hun­derts“ bezeich­net haben. Auch für die Autorin Mag­gie O’Farrell war der Roman prä­gend, wie dem Vor­wort zur eng­lisch- und deutsch­spra­chi­gen Neu­auf­la­ge zu ent­neh­men ist. Sein anhal­ten­der Kult­sta­tus sorg­te dafür, dass 2021 eine neue Aus­ga­be in Groß­bri­tan­ni­en ver­öf­fent­licht wur­de. Nun legt der Ber­lin Ver­lag nach und ver­öf­fent­licht eine Neu­über­set­zung von Vere­na von Kos­kull, einer erfah­re­nen Über­set­ze­rin, die eigent­lich eher für ihre Über­tra­gun­gen aus dem Ita­lie­ni­schen bekannt ist. 

Der Roman beginnt mit einem Pau­ken­schlag: Sei­ne Prot­ago­nis­tin wird tot unter einem Bunt­glas­fens­ter im elter­li­chen Schloss auf­ge­fun­den. Vor allem die von ihr gezähm­te Doh­le (die auch auf dem deut­schen Cover zu sehen ist) trau­ert treu um ihre Hel­din, die schon bald von ihrer Fami­lie ver­ges­sen wird. Es ist ein eigen­wil­li­ger Auf­takt einer Geschich­te, die sich irgend­wo zwi­schen Kri­mi und Gothic Novel bewegt. Im nächs­ten Kapi­tel wird dann aber mit einem doch eher dickens­schen Satz („Janets sech­zehn­jäh­ri­ges Leben begann in Kriegs­zei­ten“) in die chro­no­lo­gi­sche Erzäh­lung von Janets kur­zem Leben eingestiegen.

Eigen­bröt­le­risch und alles ande­re als „mäd­chen­haft“ zieht Janet durch eine Welt, in der ihr Äuße­res als „fad“ kom­men­tiert wird und ihr Umgang mit den jün­ge­ren Geschwis­tern, mit denen sie herz­lich wenig anfan­gen kann, als pro­ble­ma­tisch gilt. In einer bei­nah schwarz­hu­mo­ri­gen Sze­ne im Auto bekommt Janet mit, wie ihre klei­ne Schwes­ter Lulu die Auto­tür öff­net (man beden­ke, dass der Roman in den spä­ten 50er, frü­hen 60er Jah­ren spielt) und aus dem Auto fällt. Janet, der beim Auto­fah­ren ohne­hin spei­übel wird, grü­belt, wie sie es ihrer Mut­ter bei­brin­gen soll, und betet, dass Saw­ney Bean – ein legen­dä­rer schot­ti­scher Kan­ni­ba­le aus dem 16. Jahr­hun­dert – sie vor­her auf­fres­sen möge.

Els­peth Bar­ker, 1940 in Edin­burgh gebo­ren, wuchs in einem Schloss auf, das ihr Vater angeb­lich dem König von Nor­we­gen abge­kauft hat­te und heu­te als Teil des Natio­nal Trust Privatbesucher:innen offen­steht. Ähn­lich wie in O Cale­do­nia ver­wan­del­te der Vater das Anwe­sen in eine Jun­gen­schu­le. „Auch­na­s­augh“  ist der Name des fik­ti­ven Schlos­ses, in dem Janet ihre Kind­heit und Jugend ver­bringt, umge­ben von einer Hor­de mehr oder weni­ger puber­tie­ren­der Jungs. Zwar zie­hen die­se sie gehö­rig auf, aber sie schaut sich auch eini­ge Din­ge bei ihnen ab und ent­deckt ihre Lie­be für Lite­ra­tur und Spra­che. Zur ulti­ma­ti­ven Außen­sei­te­rin wird sie erst, als man sie auf eine Mäd­chen­schu­le schickt, wo sie fest­stel­len muss, dass nicht alle alt­grie­chi­sche Tex­te vor sich hin mur­meln. Auch in die­ser Hin­sicht ist sie ihrer Autorin ähn­lich – Bar­ker stu­dier­te klas­si­sche Phi­lo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät in Oxford. 

Wür­de man den knapp 250 Sei­ten lan­gen Roman in ein Gen­re ein­ord­nen, so fie­len neben den klas­si­schen Ten­den­zen des Ent­wick­lungs­ro­mans auch Ele­men­te des Natu­re Wri­ting auf. Mit Blick auf die Bio­gra­fie der Autorin ist das wenig über­ra­schend, denn Bar­ker ver­brach­te den Groß­teil ihres Lebens auf dem Land, wo sie fünf Kin­der groß­zog. Auch die Prot­ago­nis­tin Janet fühlt sich in der rau­en schot­ti­schen Natur mit ihrem Zugang zur stür­mi­schen See und den ein­sa­men Hoch­moo­ren am wohls­ten und freis­ten. Ent­spre­chend vie­le Beschrei­bun­gen von Flo­ra und Fau­na fin­den sich in O Cale­do­nia wie­der und dürf­ten das Herz des einen oder ande­ren Schott­land­fans höher schla­gen las­sen. Tie­re, beson­ders die bereits erwähn­te Doh­le, kom­men natür­lich auch pro­mi­nent vor.

Womög­lich ste­chen die Natur­be­schrei­bun­gen auch des­halb beson­ders her­aus, weil Vere­na von Kos­kull den vie­len atmo­sphä­ri­schen Beschrei­bun­gen in ihrer Über­set­zung neu­es Gewicht ver­leiht. Im Ver­gleich zur Erst­über­set­zung von Elfie Knoll-Ste­me­se­der aus dem Jahr 1997, die bei dtv erschie­nen ist, erweckt die Neu­über­set­zung den Ein­druck, als hät­te sich die Über­set­ze­rin auf den bild­haf­ten Detail­reich­tum und die sprach­li­che Dich­te des Ori­gi­nals gestürzt und ver­sucht, die­se mit min­dest genau­so viel Ver­ve ins Deut­sche zu über­tra­gen. Bereits ein Ver­gleich der ers­ten Zei­len dürf­te eini­ge Unter­schie­de zwi­schen den Über­set­zun­gen deut­lich machen: 

Half­way up the gre­at stone stair­ca­se which rises from the dim and vaul­ting hall of Auch­na­s­augh, the­re is a tall stained-glass win­dow. In the height of its Gothic arch is shel­te­red a cir­cu­lar panel, whe­re a white cocka­too, his breast trans­fi­xed by an arrow, is swoo­ning in death. Around the cir­cum­fe­rence, threa­ded through sharp green lea­ves and twis­ted bran­ches, runs the legend: ‘Mori­ens sed Invic­tus’, dying but uncon­que­r­ed.[…] Here it was that Janet was found, oddly atti­red in her mother’s black lace evening dress, twis­ted and slum­ped in bloo­dy, mur­de­rous death. 

Auf hal­ber Höhe der gro­ßen Stein­trep­pe, die aus dem Schum­mer der gewöl­bi­gen Hal­le von Auch­na­s­augh empor­führt, prangt ein hohes Bunt­glas­fens­ter. Sein goti­scher Bogen fasst ein kreis­run­des Glas, auf dem ein wei­ßer Kaka­du mit pfeil­durch­bohr­ter Brust eines schmach­ten­den Todes stirbt. Rings um das Rund win­det sich, zwi­schen spit­zen Blät­tern und krum­men Zwei­gen, das Mot­to »Mori­ens sed Invic­tus«: ster­bend, aber unbe­siegt. […] Hier wur­de Janet gefun­den, selt­sam gewan­det in das schwar­ze Spit­zen­a­bend­kleid ihrer Mut­ter, ver­dreht und zusam­men­ge­sun­ken in blu­ti­gem, mör­de­ri­schem Tod. (Vere­na von Kos­kull, 2026)

Auf hal­ber Höhe der gro­ßen stei­ner­nen Trep­pe, die sich aus der dunk­len Ein­gangs­hal­le von Schloss Auch­na­s­augh mit ihrem Decken­ge­wöl­be hebt, befin­det sich ein gro­ßes far­bi­ges Glas­fens­ter. An der Spit­ze des goti­schen Bogens ist eine run­de Schei­be ange­bracht; sie zeigt einen ster­ben­den wei­ßen Kaka­du, des­sen Brust von einem Pfeil durch­bohrt ist. An ihrem Rand steht, ein­ge­wo­ben in spit­ze grü­ne Blät­ter und ver­schlun­ge­ne Zwei­ge, die Inschrift: »Mori­ens sed invicts«. […] Hier wur­de Janet gefun­den, selt­sam ver­klei­det im schwar­zen Spit­zen­a­bend­kleid ihrer Mut­ter, zusam­men­ge­sun­ken in einem blu­ti­gen, gewalt­sa­men Tod. (Elfie Knoll-Ste­me­se­der, 1997)

Schon die Über­set­zun­gen des ers­ten Sat­zes, der auf Eng­lisch wun­der­bar prä­gnant for­mu­liert ist, unter­schei­den sich merk­lich. Man könn­te mei­nen, dass Kos­kull hier ver­sucht, die Gothic-Ele­men­te zu ver­stär­ken: Hier ist von „Schum­mer aus der gewöl­bi­gen Hal­le“ und einer „empor­füh­ren­den“ Trep­pe die Rede. In der Erst­über­set­zung klingt das mit „dunk­ler Ein­gangs­hal­le“, aus der sich die Trep­pe „hebt“, doch etwas technischer.

Ähn­li­ches fällt bei der Beschrei­bung des Bunt­glas­fens­ters auf. In der Neu­über­set­zung stirbt „ein wei­ßer Kaka­du mit pfeil­durch­bohr­ter Brust einen schmach­ten­den Tod“. In der Erst­über­set­zung klingt die Beschrei­bung weni­ger pathe­tisch. Die­se Ten­denz zieht sich bis zum Ende des ers­ten Absat­zes, in dem die Prot­ago­nis­tin bei von Kos­kull „selt­sam gewan­det“ („oddly atti­red“) vor­ge­fun­den wird, wäh­rend Knoll-Ste­me­se­der dies schlicht mit „selt­sam ver­klei­det“ übersetzt.

Schon hier las­sen sich mit Blick auf bei­de Über­set­zun­gen noch wei­te­re Ten­den­zen erken­nen. Das Verb „twis­ted“ („ver­dreht“) über­sieht die Über­set­ze­rin Elfie Knoll-Ste­me­se­der eben­so wie die Erklä­rung des latei­ni­schen Spruchs „Mori­ens sed invic­tus“, die im Ori­gi­nal vor­han­den ist. Doch auch an ande­ren Stel­len über­lässt sie die Lesen­den hin und wie­der sich selbst. Ein Bei­spiel: Janet hasst ihren Namen und über­legt, wel­che benei­dens­wer­ten Asso­zia­tio­nen ihr bei den Namen ihrer Geschwis­ter ein­fal­len. Sie kommt zu dem Schluss: „Die ein­zig mög­li­che Asso­zia­ti­on ver­wies auf Sah­ne in der Dick­milch.“ Im Eng­li­schen ist an die­ser Stel­le die Rede von dem Des­sert „Junket“, das den meis­ten deutsch­spra­chi­gen Leser:innen ver­mut­lich nicht geläu­fig ist. Von Kos­kull lässt den Begriff ste­hen und erklärt ihn an ande­rer Stel­le, da in die­sem Kon­text der ähn­li­che Klang der bei­den Wör­ter ent­schei­den­der ist als die Bedeutung.

Die Wort­wahl ist in der Neu­über­set­zung an vie­len Stel­len beson­ders auf­fäl­lig. Nicht nur bedient sich die Über­set­ze­rin ten­den­zi­ell empha­ti­sche­rer Begrif­fe als ihre Vor­gän­ge­rin, sie ver­wen­det auch eher alt­mo­di­sche, manch­mal sogar dia­lek­ta­le Begrif­fe. Ein Bei­spiel hier­für ist fol­gen­de Stelle:

After that, only the spey­wi­ves, the fishwi­ves, the mid­wi­ves, the ill-wis­hers spo­ke of her, end­less­ly rehe­ar­sing a lita­ny of bla­me; for bla­me the­re must be, and no one could bla­me the mur­de­rer. Their voices whined and dro­ned, spi­teful as the slee­ty wind … 

Danach spra­chen nur noch die Spö­ken­kie­ke­rin­nen, die Fisch­wei­ber, die Heb­am­men, die Trat­sch­mäu­ler über sie und ergin­gen sich in end­lo­sen Schuld­zu­wei­sun­gen; irgend­je­mand muss­te schließ­lich schuld sein, und dem Mör­der konn­te gewiss nie­mand die Schuld geben. Sie trasch­ten und tuschel­ten, wie der graup­li­ge Wind … (Vere­na von Kos­kull, 2026)

Spä­ter rede­ten nur noch die Klatsch­ba­sen, die Fisch­wei­ber, die Heb­am­men und die Miß­güns­ti­gen von ihr, wobei sie end­los tadel­ten und Schuld zuwie­sen; bei irgend jeman­dem muss­te die Schuld lie­gen, und dem Mör­der konn­te ganz bestimmt nie­man­dem die Schuld geben. Ihre Stim­men klan­gen wei­ner­lich, mono­ton und bos­haft wie der Schnee­sturm … (Elfie Knoll-Ste­me­se­der, 1997)

Bei einem Roman, des­sen Prot­ago­nis­tin die Spra­che liebt und des­sen Autorin über ein brei­tes eng­li­sches Voka­bu­lar ver­fügt und ger­ne mit Zita­ten arbei­tet, reicht es für die Über­set­ze­rin nicht aus, nur zu über­tra­gen – sie muss auch selbst sprach­lich krea­tiv wer­den. Dies gelingt Vere­na von Kos­kull mit ihrer Neu­über­set­zung durch­aus sehr gut, wobei hin und wie­der unstim­mi­ge Bil­der ent­ste­hen. Man erin­ne­re sich bei­spiels­wei­se an das ers­te Zitat, in dem von „mör­de­ri­schem Tod“ die Rede ist. Dies ori­en­tiert sich zwar am Ori­gi­nal, ergibt aber  wenig Sinn. Ein wei­te­res Bei­spiel ist das eben­falls recht wört­lich über­setz­te „Rings um das Rund“ („Around the cir­cum­fence“), das sich in der Erst­über­set­zung flüs­si­ger liest. 

Die Zita­te sol­len jedoch nicht den Ein­druck erwe­cken, dass der Roman aus­schließ­lich von sol­chen Beschrei­bun­gen lebt. Es gibt vie­le äußerst komi­sche Sze­nen, in denen Janet erfolg­los ver­sucht, sich mit Gleich­alt­ri­gen zu unter­hal­ten, oder in denen sie durch ihre beson­ders unge­schick­te Art ihre Mut­ter zur Ver­zweif­lung bringt. Letz­te­re hat ohne­hin kaum noch Hoff­nung, dass Janet sich je wie ein „nor­ma­les“ Mäd­chen ver­hal­ten wird. Ihre ein­zi­ge Ver­bün­de­te ist lan­ge Zeit daher ihre ver­wit­we­te Tan­te, die in einem Zim­mer des Schlos­ses ihrem bohe­mi­en­haf­ten Lebens­stil nach­geht, bevor sie irgend­wann in eine Anstalt ein­ge­wie­sen wird – für Janet ein fas­zi­nie­ren­des, aber wohl auch abschre­cken­des Bei­spiel dafür, was mit auf­müp­fi­gen Frau­en passiert. 

Eine ihrer weni­gen Freun­din­nen an der Mäd­chen­schu­le ist eine gewis­se Cyn­thia, mit der sie  einen Zweck­freund­schaft ein­geht, um nicht allein zu sein. Janets neun­mal­klu­ge Beleh­run­gen kom­men bei den wenigs­ten ihrer Zeit­ge­nos­sin­nen gut an:

‘Don’t be ridi­cu­lous,’ said Janet. ‘It’s free­zing cold and the waves are all going in dif­fe­rent direc­tions. You’ll be sucked under and that’ll be the end of you. Not that I care, but I’ll get the bla­me.’ ‘Shut up, you drip.’ Cyn­thia twis­ted her wrist. ‘Come on, quick, now, into the dunes.’

»Sei nicht albern«, sag­te Janet. »Es ist eis­kalt, und die Wel­len sind ganz kab­be­lig. Du wirst absau­fen, und das war’s. Mir wär’s ja egal, aber ich krie­ge dann die Schuld.« – »Halt’s Maul, du Nul­pe.« Cyn­thia ver­dreh­te ihr das Hand­ge­lenk. »Komm schon, schnell, ab in die Dünen.« (Vere­na von Kos­kull, 2026)

»Mach dich nicht lächer­lich«, sag­te Janet. »Es ist eis­kalt, und die Wel­len zie­hen in alle Rich­tun­gen. Sie wer­den dich hin­un­ter­zie­hen, und dann ist es aus mit dir. Nicht daß es mir etwas aus­macht, aber man wird.mir die Schuld geben.« – »Halt den Mund, du Fla­sche.« Cyn­thia ver­dreh­te ihr das Hand­ge­lenk. »Komm, mach schnell, in die Dünen!« (Elfie Knoll-Ste­me­se­der, 1997)

„You drip“ ist im Eng­li­schen, so wie es hier ver­wen­det wird, eine ver­al­te­te Beschimp­fung. Denn bemer­kens­wer­ter Wei­se hat sich „drip“ (das vie­le Kon­no­ta­tio­nen mit Flüs­sig­keit auf­weist) bei den jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen zu einem posi­tiv kon­no­tier­ten Jugend­wort avan­ciert, wo es momen­tan einen beson­ders „inter­es­san­ten Style“ einer Per­son beschreibt und eher adjek­ti­visch ver­wen­det wird. „Drip“ kann aber im Eng­li­schen auch das Gegen­teil – eine lang­wei­li­ge Per­son ohne star­ken Cha­rak­ter – beschrei­ben. In der Neu­über­set­zung ist der Begriff mit „Nul­pe“ pas­send über­setzt, so han­delt sich dabei auch um einen recht ver­al­te­ten, fast dia­lek­ta­len Begriff. Auch das eher aus der See­manns­spra­che bekann­te Adjek­tiv „kab­be­lig“ sticht her­vor. „Wel­cher Teen­ager spricht so?”, könn­te man an die­ser Stel­le berech­tig­ter­wei­se einwerfen. 

Tat­säch­lich ist es gar nicht so unvor­stell­bar, dass eine Janet genau­so redet. Bele­sen und ein biss­chen alt­klug zieht sie durch eine Welt, die weder für sie gemacht ist noch beson­ders viel Sinn für sie ergibt. In Vere­na von Kos­kulls Neu­über­set­zung glänzt alles, was den Roman aus­macht: prä­zi­se, fast lyri­sche Natur­be­schrei­bun­gen der schot­ti­schen Land­schaft, das lei­se Augen­zwin­kern der Autorin und Janets schil­lern­de, ambi­va­len­te Innen­welt. Ob sie will oder nicht: Janet sticht her­aus, als Kind zunächst unab­sicht­lich, als Teen­age­rin mit­un­ter durch­aus absicht­lich. Die Erfah­rung, dass dies kein Fluch sein muss, bleibt ihr in O Cale­do­nia lei­der ver­wehrt. Aber viel­leicht kön­nen ihre Lese­rin­nen sich trotz­dem noch etwas von ihr abgucken.


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