Vor anderthalb Jahren hat Lisa ein Buch geschenkt bekommen. Das ist nicht unbedingt ein besonderer Umstand, aber es handelte sich um Ik die nooit een man heb gekend, die niederländische Übersetzung von Jacqueline Harpmans Klassiker Moi qui n’ai pas connu les hommes. Sie hielt also die niederländische Übersetzung eines französischsprachigen Romans aus Belgien in der Hand. Und weil die Schenkerin schon viel von der Autorin geschwärmt hatte, war Lisa unglaublich neugierig. Kurz darauf schrieb Julia aus dem TraLaLit-Team, sie habe gerade die englische Übersetzung von Jacqueline Harpmans auf BookTok gehypten Roman gelesen. Und dann wurde nicht viel später eine deutsche Neuübersetzung des wiederbelebten Klassikers angekündigt, die Sula sich ansehen wollte. Und wenn sich schon drei von uns mit drei Versionen eines Textes beschäftigen, dann sollten wir die Gelegenheit nutzen, und uns darüber austauschen, oder?
Lisa: Bei mir war es also ein Geschenk und die Behauptung der Schenkerin, Jacqueline Harpman sei die beste belgische Autorin aller Zeiten. Wie seid ihr auf die Autorin und den Roman aufmerksam geworden?
Julia: Ich folge einigen Influencern, die sich eigentlich mit Mode beschäftigen, aber auch viel lesen – es ist ja gerade ein großer Trend –, und ich bin mir sicher, dass eine davon das Buch in die Kamera gehalten hat. Es geht auf Social Media ja auch bei Büchern um Ästhetik, und wenn man dann als Influencerin im Jardin du Luxembourg in Paris mit einem Matcha Latte und einem Buch sitzt, dann soll das Ganze einen bestimmten „Vibe“ vermitteln. Ich denke, dass der Erfolg der englischen Übersetzung viel mit dem neuen Cover und neuen Titel zu tun hat, aber darauf kommen wir bestimmt gleich noch zu sprechen. Auf jeden Fall habe ich die englische Übersetzung von Ros Schwartz dann im Sommer in einer Buchhandlung gesehen und mitgenommen, ohne eigentlich irgendwas über die Autorin oder die Entstehungsgeschichte zu wissen.
Sula: Ich habe tatsächlich erst durch die Ankündigung der deutschen Übersetzung von dem Buch erfahren. Der Hype auf TikTok um die englische Ausgabe ist ein bisschen an mir vorbei gegangen, umso gespannter war ich dann aber darauf, was das für ein Roman ist, der so viele Leser:innen mitgerissen hat, und habe mir zuerst das französische Original und später dann die deutsche Neuübersetzung angesehen.
Lisa: Was könnt ihr über die Übersetzungsgeschichte in der von euch gelesenen Zielsprache sagen?

Die niederländische Übersetzung Ik die nooit een man heb gekend von Peggy van der Leeuw ist ursprünglich 1998 erschienen, also drei Jahre nach dem Original von 1995. Ich habe jedoch eine überarbeitete Version gelesen, die Übersetzung von Peggy van der Leeuw wurde von dem Übersetzer Rokus Hofstede genauer unter die Lupe genommen und angepasst und in dieser Form 2024 neu veröffentlicht. In welchem Maße Hofstede eingegriffen hat, ist leider nicht ersichtlich. Interessant ist, dass Harpman, obwohl sie Belgierin ist, auch in Flandern erst jetzt im Zuge der internationalen Aufmerksamkeit wiederentdeckt wird, aber längst keinen Hype im niederländischsprachigen Teil ihres Herkunftslandes auslöst.
Die belgische Autorin Gaea Schoeters, die schon seit Jahren in Flandern versucht, auf Harpmans Werk aufmerksam zu machen, begründet das folgendermaßen: „Wir leben in Belgien in kultureller Hinsicht dermaßen Rücken an Rücken, dass es Bücher nur dann über die Sprachgrenze schaffen, wenn sie den Umweg über das Ausland nehmen. Vor allem jetzt, wo I who have never known men so ein Erfolg ist, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass junge Menschen aus Flandern Harpman sogar eher auf Englisch lesen als auf Niederländisch.“ Da ist es wahrscheinlich auch nicht besonders hilfreich, dass die niederländische Ausgabe mit einem anderen Cover daherkommt und eine gemäldeartige Abbildung einer Frau zeigt, die mich ehrlich gesagt nicht nach dem Buch hätte greifen lassen. Im Frühjahr ist ebenfalls eine Neuauflage von Orlanda (beim Orlando Verlag) erschienen, dem Roman, den Jacqueline Harpman nach Moi qui n’ai pas connu les hommes geschrieben hat. Auch hier ziert das Cover ein ähnliches Bild.
Julia: Die englischsprachige Übersetzung des Romans, angefertigt von Ros Schwarz, erschien erstmals 1997, also ebenfalls nur wenige Jahre nach dem Original. Die Übersetzung hatte damals einen ganz anderen Titel, nämlich The Mistress of Silence – man hat wohl versucht, damit mysteriös zu wirken, aber eigentlich ist der Titel völlig nichtssagend. 2019 erschien die Neuauflage in Großbritannien und verzeichnete seither kontinuierlich steigende Verkaufszahlen – auch unabhängig von BookTok. Mit der US-Neuauflage 2022 bei Transit Books erhielt der Absatz durch die Plattform jedoch nochmals einen deutlichen Schub.

Im Nachwort der aktuellen englischen Ausgabe erklärt Nick Skidmore, Verleger von Vintage Classics, wie es zu der Neuauflage kam. Angeblich hatte ein Kollege aus der Sales-Abteilung das Buch in einer Spendenbox entdeckt und empfohlen. Ich glaube, er hat sofort erkannt, wie man das Buch gut vermarkten könnte und es als „The Handmaids Tale meets The Road“ gepitcht, beides ja ebenfalls unheimliche Dystopien, wobei der Erfolg auch ein wenig an die Wiederentdeckung von John Williams Roman Stoner anfang der 2000er erinnert. Allein im Jahr 2024 soll sich die englische Ausgabe über 100.000 Mal verkauft haben. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass viele aktuell das Gefühl haben, in besonders düsteren Zeiten zu leben. Manche Bücher verkaufen sich bekanntermaßen dann besonders gut, wenn sie den Nerv der Zeit treffen.
Der Titel der Übersetzung wurde zu I Who Have Never Known Men geändert, was sich am Originaltitel orientiert, und man hat ihr ein modernes, enigmatisches Cover verpasst (mich überrascht nicht, dass auch andere Verlage das Cover übernommen haben). Klappentexte können ja sehr generisch klingen, aber bei der englischen Ausgabe beginnt er mit dem recht schlichten Satz „Deep underground, thirty-nine women live imprisoned in a cage“ – einen besseren, unheimlicheren Teaser kann man sich kaum vorstellen. Ich finde, das Zusammenspiel dieser Elemente ist dem Verlag sehr gut gelungen. Bemerkenswert ist auch, dass es keine Neuübersetzung gab. Die Übersetzerin Ros Schwartz, die viele bekannte Namen aus dem Französischen übersetzt, schreibt über ihre Arbeit an dem Roman: „Translators are not often given the opportunity to reprise their own work. We say glibly that a translation is never finished, that it can always be improved, and this has been confirmed for me page after excruciating page.“ Dementsprechend hat sie ihre Übersetzung von 1997 mehrere Male überarbeitet.

Sula: Eine erste deutsche Übersetzung des Romans ist auch schon 1998 erschienen. Brigitte Große hatte den Roman unter dem etwas sperrigen Titel Die Frau, die die Männer nicht kannte für Hoffmann und Campe übersetzt. Diese Ausgabe ist aber schon länger nicht mehr lieferbar, und der Roman im deutschsprachigen Raum wohl ziemlich in Vergessenheit geraten − versiertere Leser:innen feministischer Literatur ausgenommen. Als das Buch infolge der 2022 erschienenen Neuauflage in den USA zum BookTok-Hype wurde, kaufte auch Klett-Cotta in Deutschland die Rechte für eine Neuübersetzung. Das war im Frühjahr 2024. Luca Homburg hat dann die neue Übersetzung angefertigt, die jetzt im März unter dem Titel Ich, die ich Männer nicht kannte erschienen ist.
Lisa: Wird der Roman seinem Hype gerecht?
Sula: Ich würde sagen ja, einfach weil er nicht nur viele Leser:innen findet, sondern die dann nach der Lektüre auch nachhaltig zu beschäftigen scheint. Ich denke, das liegt zum einen daran, dass der Roman viele grundlegende (um nicht zu sagen universelle, in jedem Fall aber zeitlose) Fragen aufwirft, und die in einem Setting und einer Handlung verhandelt, die erstmal denkbar schlicht angelegt sind. Das macht den Roman besonders zugänglich, und das macht es vielleicht auch leichter, ihn als Folie für aktuelle Ereignisse zu lesen. Das Buch ist ja ein Bericht, die Ich-Erzählerin bezeugt ihre eigene Geschichte, indem sie sie niederschreibt. Sie ist die jüngste von 40 Frauen, die in einem unterirdischen Gefängnis leben, rund um die Uhr bewacht von Wärtern, die nie das Wort an sie richten. Sinn und Zweck ihrer Gefangenschaft sind ihnen völlig unklar. Auch wie sie in das Gefängnis gelangt sind – und wo sich dieses befindet – wissen sie nicht. Sie haben nur wenige Erinnerungen an ihr früheres Leben – die Protagonistin kann sich als einzige gar nicht daran erinnern. Sie können in ihrer Gefangenschaft keinerlei Hinweise darauf erkennen, was geschehen ist und warum sie überhaupt noch am Leben gehalten werden. Und sie haben letztlich auch aufgehört, über diese Frage auch nur nachzudenken.
Julia: Ich habe aus Lesekreisen mitbekommen, dass einige hin und wieder frustriert waren, dass viele Dinge im Roman weder erklärt noch aufgelöst wurden. Aber mir gefällt es, wenn man als Leserin die fiktionale Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten so akzeptieren muss, wie sie ist und man nicht allwissend sein kann. Wir sind ja in der begrenzten Perspektive der Ich-Erzählerin gefangen, und ich habe beim Lesen immer wieder gemerkt, wie mein Gehirn versucht hat, einzelne Zusammenhänge zu suchen oder mögliche Gründe zu finden, warum man diese Menschen überhaupt eingesperrt hat. Ich denke, der Roman beschäftigt viele auch noch nach der Lektüre, gerade weil er (ich hoffe, das ist kein Spoiler) wenig beantwortet. Ich habe mich auch lange gefragt, warum Harpman eine Protagonistin gewählt hat, die zunächst noch ein Kind ist und keine Erinnerung an ein normales Leben hat. Allein das ist ja schon unheimlich, wenn sie erzählt: „As far back as I can recall, I have been in the bunker. Is that what they mean by memories?“ Sie spürt, dass ihr etwas fehlen könnte, aber Verlust ist kein Motor für ihre Handlungen.
Lisa: Ich sehe das genauso wie du, Julia. Gerade der Umstand, dass Literatur die Leser:innen vor vollendete Tatsachen stellen kann, ist eine ihrer größten Stärken. Ich mag es unglaublich gerne, wenn Literatur neue Welten eröffnet, die mit der uns bekannten Welt kollidieren, und genau wie du habe ich auch versucht, Zusammenhänge herzustellen oder Muster zu erkennen. Außerdem finde ich es wirklich faszinierend, das Harpman ein Buch geschrieben hat, das aufgrund des Settings vermutlich in sehr vielen kulturellen Kreisen auf eine ähnliche Weise rezipiert werden kann, gerade weil so viel im Vagen bleibt und die Leser:innen viele Leerstellen selbst füllen müssen. Darüber hinaus ist der Stil auch faszinierend – es passiert wirklich nicht besonders viel, aber trotzdem hält Harpman die Spannung hoch, sodass man doch immerzu damit rechnet, dass etwas passiert.
Julia: Wie wirkte die Erzählerin in der Übersetzung auf euch?
Sula: Was ihr ja im Unterschied zu allen anderen Frauen fehlt, ist eine Name. Sie haben ihr keinen gegeben, nennen sie nur „la petite“ („Kleine“ / „Child“ / „kleine“). Und sie halten es auch nicht für nötig, ihr Wissen über die Welt außerhalb des Käfigs mit ihr zu teilen. Ich finde, es ist gerade dieser, ich würde mal sagen, lückenhafte Bezug zur ‚alten Welt‘, der sie als Erzählerin so interessant macht. Da sie keine Welt vor dem Gefängnis kannte, wecken all die Worte, mit denen Mitgefangene über Realitäten außerhalb des Käfigs sprechen, für sie keine richtige Vorstellung. Ihr Verhältnis zur Sprache − einer Sprache, die der Welt, in der sie entstanden ist, entrissen wurde − ist für mich eines der spannendsten Themen des Buches.
Besonders deutlich wird das in einer Schlüsselszene des Romans. Irgendwann ertönt im Gefängnis der Frauen aus dem Nichts ein Alarm, zufällig genau in dem Moment, da einer der Wärter dabei ist, das Gitter aufzuschließen. Der Wärter lässt den Schlüssel fallen, ergreift zusammen mit seinen Kollegen die Flucht. Das Gittertor bleibt offen. Die Erzählerin wagt sich als erste nach draußen. Die Beschreibung ihres Wegs nach draußen, in der für sie nur in Worten gespeicherte Vorstellungen zum ersten Mal auf die Realität treffen, ist eine meiner Lieblingsstellen im Buch:
[…] moi qui n’avais jamais fait plus de vingt pas en ligne droite, je volais le long des marches comme dans ces rêves que je ne fis que plus tard, mais dont j’avais entendu les femmes parler, où l’on s’envole, on plane comme les oiseaux que j’allais bientôt regarder se laisser porter par les courants, dériver sans effort, danser longtemps dans le crépuscule comme je dansais au long des marches, aérienne, flottant interminablement, ascension saoulante vers quelque chose d’inouï, en cet instant-là je ne savais pas quoi, le dehors, le monde qui n’était pas la cage, et je n’avais pas de pensées mais un ravissement profond qui m’emportait, et des images, peut-être, qui me traversaient l’esprit, ou seulement des mots qui gisaient en moi et se levaient pour recevoir les images imminentes, le ciel, la nuit, l’horizon, le soleil, le vent, d’autres encore, innombrables, accumulés depuis des années et qui se hâtaient, me poussaient en avant. Ah! Cette première fois où j’ai monté l’escalier!
[…] ik die nooit meer dan twintig stappen voor me uit had gezet, ik vloog nu langs de treden omhoog zoals in die dromen die ik pas later kreeg, maar waar ik de vrouwen al over had horen praten, dromen waarin je omhoogvliegt, door de lucht zweeft, zoals de vogels waarvan ik binnenkort zou kunnen aanschouwen, hoe ze zich op de luchtstromen laten voortdrijven, moeiteloos uit hun koers raken en langdurig in de schemering dansend heen en weer vliegen, zoals ik over de treden danste, zo licht als de lucht, eindeloos omhoogzwevend, benevelende hemelvaart naar het ongekende, op dat moment wist ik niet naar wat, naar de buitenwereld, naar een wereld die niet de kooi was, gedachten had ik niet, alleen een gevoel van intense verrukking, dat me omhoogvoerde, en beelden misschien, die door mijn hoofd speelden, of alleen woorden, die allang sluimerend in me aanwezig waren maar zich nu aandienden, klaar om beelden te ontvangen, de lucht, de nacht, de horizon, de zon, de wind, en ik weet niet hoeveel andere woorden, woorden die zich al jaren hadden opgehoopt en nu haast maakten en me voortjoegen. O, die eerste keer dat ik de trap opliep!
I climbed without becoming breathless, without getting tired, even though I had never taken more than twenty steps in a straight line. I flew up the steps as in the dreams I had later, dreams I’d heard the women describing, where you rise up and glide like the birds that I was soon to watch being carried by the airstreams, effortlessly drifting, dancing for hours in the twilight, just as I was dancing up the steps, weightless, floating, in an exhilarating ascent towards the undreamed-of unknown, the outside, the world that was not the cage; and I had no thoughts, only a visceral thrill that swept me along, and images, perhaps, that raced through my mind, or simply words that gushed up and rose to receive the imminent images – the sky, the night, the horizon, the sun, the wind, and many more, countless words that accumulated over the years, and which were in a hurry, spurring me on. Oh! That first time I went up the stairs!
[…] ich, die ich nie mehr als zwanzig Schritte geradeaus gemacht hatte, ich flog die Stufen hinauf wie in den Träumen, die ich erst später haben sollte, von denen ich die Frauen aber hatte erzählen hören, die Träume, in denen man fliegen kann, in denen man sich in die Lüfte schwingt wie ein Vogel, wie die Vögel, die ich schon bald dabei beobachten würde, wie sie am Himmel kreisten und lange in der Dämmerung tanzten, genauso wie ich jetzt die Stufen hinauftanzte, schwerelos, schwebend, ein trunkener Aufstieg zu etwas Unerhörtem – in diesem Moment wusste ich noch nicht, was es war – , dem Draußen, der Welt außerhalb des Käfigs, ich dachte an nichts, empfand nur eine tiefe Verzückung, und vielleicht schossen mir Bilder durch den Kopf oder auch nur Wörter, die in mir geschlummert hatten und nun auf die Bilder treffen würden, die mich erwarteten: Himmel, Nacht, Horizont, Sonne, Wind und unzählige andere, die sich im Lauf der Jahre in mir angesammelt hatten und mich nun ungeduldig vorantrieben. Ach, dieses erste Mal, als ich die Treppe hinauflief!
Die Frauen wagen sich dann vorsichtig nach draußen und finden sich in einer völlig verlassenen, wüstenartigen Landschaft wieder, die sie dann über Jahre erkunden, in der Hoffnung, doch noch herauszufinden, wo sie sich befinden und wie sie dort hingelangt sind.
Julia: Ich finde diese Stelle auch sehr markant, und das nicht nur, was den Inhalt angeht. Zu Beginn des Romans sitzt die Erzählerin in einem Sessel und liest. Sie sagt: „Seit Kurzem interessiere ich mich auch für die Vorworte.“ Trockener geht es eigentlich kaum. An dieser Stelle verändert sich jedoch das Erzähltempo deutlich, um der Euphorie der Hauptfigur gerecht zu werden. Es ist ein großer Moment, der zugleich voller Nostalgie ist, da die Erzählerin zurückblickt. Und wie alle wissen, sind die Dinge beim ersten Mal oft am einprägsamsten.
Bei einem Vergleich der verschiedenen Übersetzungen fallen einige Unterschiede auf: In der englischen Übersetzung werden lange Sätze oft geteilt und vieles wirkt etwas zusammengerafft. Das ist besonders im ersten Satz der Fall: Von zwanzig Stufen ist darin keine Rede. Auch der „ascent towards the undreamed-of unknown“ empfand ich als sehr auffällig. Allerdings finde ich die Wortwahl recht treffend. Ganz anders als im Deutschen, wo mich „Unerhörtem“ nicht ganz überzeugt. Das klingt zwar auch mysteriös, aber nicht auf gute Weise.
Sula: Die deutsche Übersetzung zieht den Satz als einen Satz durch, spannt ihn wie im Original über eine ganze Seite, was ich schon entscheidend finde an dieser Stelle. Dass der Spannungsbogen auf das, was da oben am Ende der Treppe wartet, sich über den ganzen Weg nach oben erstreckt. Es entsteht ein rhythmischer Sog der Erwartung, der Neugier, der die Erzählerin und uns mit ihr nach oben zieht. Das Tempo im Deutschen aufrechtzuerhalten, ist nicht ganz einfach, wenn Relativsätze ins Spiel kommen, wie hier zu Beginn des Ausschnitts, aber ich finde, das ist Luca Homburg sehr gut gelungen.
Die verschiedenen Übersetzungen des „quelque chose d’inouï“, das oben wartet, finde ich total spannend. „undreamd-of unknown“ klingt für mich, mit dem Original und der deutschen Übersetzung im Ohr, fast ein bisschen sentimental. Das kleine, unauffällige französische Wort beschreibt etwas noch nie Dagewesenes, noch nie Gesehenes, noch nie Gehörtes. Die Formulierung ist ganz schlicht, aber trotzdem spannungsgeladen, weil in gewisser Weise impliziert ist, dass dieses Etwas in seiner Neuartigkeit auch das Potential hat, Realitäten zu verschieben, wenn es auf den Plan tritt. „Unerhört“ finde ich als Übersetzung eigentlich überzeugend, auch wenn es vielleicht ein bisschen irritiert. Es enthält etwas von der Spannung, dass eine Veränderung eintreten muss, wenn das Unbekannte sich enthüllt. „Unknown“ ist sicher geschmeidiger, schlichter, aber vielleicht auch etwas blasser.
Lisa: Ich habe den Eindruck, dass Luca Homburg und Peggy van der Leeuw sich genauer ans Original, vor allem an den Aufbau und den Rhythmus der Sätze gehalten haben. Die englische Übersetzung verschenkt meiner Meinung nach in diesem Beispiel viel. Wo das Deutsche und das Niederländische die Anspielung auf den Titel aufgreifen, lässt das Englische diese Möglichkeit liegen. In der niederländischen Übersetzung bin ich nur an einer Stelle wirklich hängengeblieben. Dort versucht Thea, eine der Frauen und die Bezugsperson der Erzählerin, ihr Grammatik beizubringen. Der ganze Text spielt an einem unbekannten Ort – ich habe den Text so gelesen, dass Harpman den Text extra so angelegt hat, dass er in jedem Kulturraum spielen und somit auch jede Sprache die Muttersprache der Erzählerin sein könnte. In der niederländischen Übersetzung erklärt Thea der Erzählerin trotzdem einen Aspekt der französischen Grammatik, was für mich kurz die Immersion der Geschichte gestört hat, da vorher mit keinem Wort die französische Sprache erwähnt wurde, und es meiner Meinung nach auch nicht sinnvoll ist, plötzlich eine Sprache einzubeziehen, die aus erzählerischer Sicht unlogisch ist. Wie sind die deutsche und die englische Übersetzerin mit der Stelle umgegangen?
Je la vis se concentrer, comme jadis, la première fois qu’elle avait essayé de refaire du calcul mental. Elle me sourit :
− Dans le cas du verbe avoir, le participe passé s’accorde avec le complément d’objet direct si le complément est placé avant le verbe.
− Oh ! Qu’est-ce que c’est qu’un participe passé ? Et un verbe ? Et un accord ?
Je ne connaissais aucun de ces termes car, bien sûr, je n’avais pas appris à parler de façon systématique, mais en reproduisant machinalement ce que j’entendais.
Ik zah hoe ze zich concentreerde, net als die eerste keer, toen ze weer probeerde te hoofdrekenen. Ze begon te lachen: „Als een werkwoord wordt vervoegd met avoir stemt de uitgang van het voltooid deelwoord overeen met het lijdend voorwerp, als dit tenminste vóór de persoonsvorm staat.“ „O, maar wat is een voltooid deelwoord? En een persoonsvorm? En een uitgang?“ Ik kende geen van die termen want ik had natuurlijk nooit volgens een vaststaand systeem leren spreken, alleen door automatisch na te zeggen wat ik hoorde.
I saw her concentrate, as in the past, the first time she had tried to do mental arithmetic. She smiled at me. “A relative clause is a clause introduced by a pronoun and used to qualify a preceding noun or pronoun” “Oh! What’s a clause? And a noun? And a pronoun?” I wasn’t familiar with any of these terms because, of course, I hadn’t learned to speak in a systematic way, but by parroting what I heard.
Sie konzentrierte sich, das sah man ihr an, genauso wie damals, als sie versucht hatte, zum ersten Mal seit Langem wieder kopfzurechnen. Dann sagte sie lächelnd: »Intransitive Verben, die den Übergang in einen neuen Zustand bezeichnen, bilden das Perfekt mit ›sein‹.« »Ach!«, sagte ich. »Was ist denn ein Perfekt? Und was ist ein Verb? Und was bedeutet ›intransitiv‹?« Ich kannte keinen dieser Begriffe. Ich hatte ja nicht nach Regeln sprechen gelernt, sondern indem ich einfach alles nachplapperte, was ich hörte.
Sula: Das ist echt eine schwierige Stelle für jede Übersetzung. Im Original wird hier eine grammatikalische „Regel“ genannt, die so wohl nur für das Französische zutrifft, die außerdem schön kompliziert klingt und für Sprachlernende auch zu den kniffligeren Fällen gehört (es geht um die Konkordanz von direktem Objekt und der Partizipialform des Verbes im passé composé: wird das passé composé mit dem Hilfsverb ‚avoir‘ (haben) gebildet, dann wird das Partizip nur dann an das Genus des direkten Objekts angepasst, wenn das Objekt im Satz vor dem Verb steht). Aber ja, es geht nicht primär um eine grammatikalische Eigenheit des Französischen, sondern um größere Fragen rund um Spracherwerb und die Beschaffenheit von gewachsenen sprachlichen Strukturen selbst. Luca Homburg löst das in der deutschen Übersetzung sehr stimmig. Sie benennt die Sprache, auf die sich die Regel bezieht, nicht explizit, und ersetzt die französische Regel durch eine deutsche, über die man auch kurz nachdenken muss, bevor man sie versteht, die aber auch nicht schreit: „Ich bin eine deutsche Grammatikregel.“
Julia: In einer postapokalyptischen Welt wäre die Regel zu „intransitiven Verben“ das Letzte, an das ich mich erinnern würde. Die englische Übersetzung ist an dieser Stelle aber etwas kurios, da die benannte Relativsatzregel im Vergleich wenig komplex wirkt. Allerdings muss man dabei wohl den kulturellen Kontext berücksichtigen. Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber oft haben Englischlerner:innen große Probleme mit grammatikalischen Begriffen und Strukturen, da diese nicht systematisch unterrichtet werden und der Fremdsprachenunterricht insgesamt zu kurz kommt. In meinen Sprachkursen saßen Leute, die wirklich nicht wussten, was Substantive oder Verben sind – da fehlen oft die Grundlagen. Die Erklärung mit dem Relativsatz erscheint uns sehr grundlegend, aber ich denke, dass die englische Übersetzerin für das Zielpublikum eine angemessene Lösung gefunden hat. Grundsätzlich mutet sie ihren Leser:innen aber nicht zu viel zu. Auffällig ist an dieser Stelle auch, dass Thea in der englischen Übersetzung „Anthea“ heißt.
Lisa: Ja, diese Anglisierungen fallen auch an anderer Stelle auf. Zu Beginn des Romans spricht die Erzählerin von Shakespeare und sinniert sogar kurz über das Thema „Neuübersetzung“. Wenn man diese Textstelle vergleicht, fällt einem sehr schnell auf, dass Shakespeare in der englischen Übersetzung durch Proust ersetzt wurde. Eine interessante Entscheidung. Was haltet ihr davon?
Je ne me suis intéressée que récemment aux préfaces. Les auteurs y parlent volontiers d’eux-mêmes, ils expliquent pour quelles raisons ils ont rédigé l’ouvrage qu’ils proposent. […] Ou bien ils disent pourquoi ils ont estimé qu’il convenait de publier une nouvelle traduction de Shakespeare, les précédentes, si louables qu’elles soient, présentant telle ou telle imperfection.
Pas onlangs ben ik me gaan interesseren voor de voorwoorden. De schrijvers hebben het daarin graag over zichzelf, ze leggen uit waarom ze het betreffende werk geschreven hebben. […] Of ze leggen uit waarom het zo goed is dat er een nieuwe vertaling van Shakespeare verschijnt, de voorgaande vertalingen, hoe verdienstelijk ook, waren immers in een bepaald opzicht onvolmaakt.
I only recently started taking an interest in the prefaces. The authors talk readily about themselves, explaining the reason for writing the book. […] Or, they explain why they felt it was appropriate to publish a new translation of Proust, because previous efforts, laudable they may be, lacked something or other.
Seit Kurzem interessiere ich mich auch für die Vorworte. Die Autoren erzählen darin gerne von sich selbst, erklären, aus welchen Gründen sie das Buch verfasst haben. […] Manchmal erklären sie auch, warum sie es für angezeigt hielten, eine neue Shakespeare-Übersetzung zu veröffentlichen, wiesen die vorigen, so gelungen sie auch sein mochten, doch diesen oder jenen Mangel auf.
Sula: Es würde englischsprachige Leser:innen vermutlich schon irritieren, wenn die Erzählerin gleich auf den ersten Seiten von einer Shakespeare-Neuübersetzung spricht. Sie müssten sich direkt fragen, in welcher Sprache sie eigentlich schreibt. Aber ich finde, genau diese Irritation könnte ein großer Gewinn sein. Leser:innen werden dann gleich zu Beginn sehr deutlich mit der unsicheren Verortung des Geschehens − nicht nur in geographischer und zeitlicher Hinsicht, sondern auch sprachlich/kulturell − konfrontiert. Ist von einer Proust-Neuübersetzung die Rede, wird diese Irritation vermieden und Leser:innen der beruhigende Eindruck vermittelt, sie hätten es mit einer anglophonen Erzählerin zu tun. Und davon ganz abgesehen kommt ein Proust-Verweis ja mit ganz anderen Assoziationen daher, ob man seine Werke kennt oder nicht; das ist natürlich auch an sich ein starker Eingriff, besonders wenn er so früh in der Erzählung erfolgt.
Julia: Auf der Verlagsseite erläutert Ros Schwartz, worüber sie bei der Überarbeitung ihrer Übersetzung nachgedacht hat. Dabei wird deutlich, dass sie sich lexikalisch und grammatikalisch in früheren Versionen für ihr heutiges Empfinden zu sehr am Französischen orientiert hat. Ich glaube, der Wunsch, sich stärker vom Original zu befreien, ist an dieser Stelle klar erkennbar. Gleichzeitig vermute ich, dass hinter diesen Entscheidungen ein anderer Umgang mit Übersetzungen steckt, der heute mitunter als veraltet betrachtet wird. Früher hat man ja in Übersetzungen viel mehr eingedeutscht, was man heute nicht mehr tun würde.
In englischen Übersetzungen sind solche stark kulturell geprägten Anpassungen vermutlich noch üblicher (man denke an die Übersetzungen von The Vegetarian oder Erpenbecks Kairos), obwohl sich auch da die Lesegewohnheiten ändern. Übersetzungen waren im angelsächsischen Raum lange Zeit wenig beliebt und hatten einen vergleichsweise geringen Marktanteil. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert, nicht zuletzt durch den großen Erfolg einiger übersetzter Autor:innen. Es ist zudem bemerkenswert, dass Jack Edwards, einer der größten BookToker, ganze Videos zu seinen Lieblingsübersetzungen macht – das wäre vor zehn, zwanzig Jahren wohl sehr nischig gewesen.
Sula: Da stellt sich mir jetzt die Frage, wie sich die erste Fassung der englischen Übersetzung im Vergleich zur deutschen Neuübersetzung gelesen hätte. Im Vergleich mit der überarbeiteten Fassung der englischen Übersetzung fällt an der nämlich immer wieder der leicht gehobenere Ton auf. Sie liest sich nicht ganz so locker, die Sprache der Erzählerin klingt vielleicht ein bisschen weniger natürlich. Der Eindruck mag stellenweise auch daher kommen, dass die Übersetzung sich etwas näher an der Satzstruktur des Französischen entlang bewegt (aber sie hatte sie ja auch noch keine dreißig Jahre zum Reifen wie die Englische). Aber insgesamt fand ich sie beim Lesen sehr stimmig. Die Erzählerin ist als solche ja Autodidaktin, sie bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei, mit Hilfe von Büchern, die sie findet. An denen orientiert sie sich und wie wir gehört haben, sind da auch einige ältere Bücher dabei. Ich finde es total wichtig, dass das im Text spürbar bleibt.
Lisa: Insgesamt hat mich die von Rokus Hofstede überarbeitete Übersetzung von Peggy van der Leeuw überzeugt. Natürlich liegt hier keine Neuübersetzung vor, natürlich ist die Übersetzung in gewisser Weise gealtert, aber insgesamt hat van der Leeuw den Ton und die Stimmung des Originals gut eingefangen. Ich finde, die Sprache passt hervorragend zum Setting und lässt genug Raum für all die Fragen, die dadurch aufgerufen werden. Die niederländischsprachigen Leser:innen können also den Roman also ruhig in ihrer Muttersprache lesen, und müssen nicht extra ein englisches Exemplar heranziehen.
Julia: Der gehobenere Ton ist tatsächlich ein interessanter Aspekt. Ros Schwartz sagt, die lexikalische und syntaktische Überarbeitung der Übersetzung zielte auch auf eine Absenkung des Registers ab. Anlass war offenbar die Erkenntnis, dass der etwas gestelzte Ton vorheriger Versionen nicht zur Erzählerin passt, die nur über eine rudimentäre Bildung verfügt. Die Übersetzerin hat daher in der neuen Version vieles präzisiert und möglicherweise auch vereinfacht. Aus meiner Sicht tragen die Änderungen aber dazu bei, dass die Übersetzung lesbarer ist. Ein kurzes Beispiel:
This business had made me jumpy, I did not feel like sitting still, I could not regain my concenctration. I rose and joined the women who were preparing the vegetables and offered to help them. (alte Version)
That episode had made me jumpy. I was fidgety and couldn’t regain my concentration. I got up and went over to the women peeling the vegetables and offered to help. But I was clumsy and annoyed them. (neue Version)
Das gehobenere „I rose and joined“ wurde beispielsweise durch das umgangssprachlichere „I got up and went over“ ersetzt. Auch der Satzbau wurde überarbeitet, sodass die aktuelle Version deutlich sauberer klingt.
Beim ersten Lesen war ich mit der englischen Übersetzung grundsätzlich sehr zufrieden. Im direkten Vergleich fallen jedoch einige übersetzerische Entscheidungen auf, die man sicherlich hinterfragen kann. Ohne das Original oder andere Übersetzungen zu kennen, wäre ich aber nie auf die Idee gekommen, dass im Original anstelle von Proust Shakespeare steht. Gut, dass wir das gemeinsam besprechen konnten! Der Roman gehört zu den besten, die ich im letzten Jahr gelesen habe – nicht zuletzt dank der sehr zugänglichen englischen Übersetzung. Würdet ihr die Übersetzungen, die ihr gelesen habt, empfehlen?
Sula: Ja, auf jeden Fall.
Lisa: Ja, definitiv.
Weitere Besprechungen von Klassikern findet ihr in unserer Reihe „Welche Übersetzung soll ich lesen?“. Außerdem veröffentlichen wir regelmäßig Rezensionen von Neuerscheinungen. Du hast Lust, auch eine zu schreiben? Alle Infos findest du hier.
