Harp­man: Nur ein Hype?

Nach dem großen Erfolg der englischen Übersetzung von Jacqueline Harpmans Kultbuch liegt nun auch eine deutsche Neuübersetzung vor. Ein Gespräch über die vielen Versionen von „Ich, die ich Männer nicht kannte“. Von , und

Die Übersetzungen und das Original. Hintergrund: Wolfgang Hasselmann via Unsplash

Vor andert­halb Jah­ren hat Lisa ein Buch geschenkt bekom­men. Das ist nicht unbe­dingt ein beson­de­rer Umstand, aber es han­del­te sich um Ik die nooit een man heb gekend, die nie­der­län­di­sche Über­set­zung von Jac­que­line Harp­mans Klas­si­ker Moi qui n’ai pas con­nu les hom­mes. Sie hielt also die nie­der­län­di­sche Über­set­zung eines fran­zö­sisch­spra­chi­gen Romans aus Bel­gi­en in der Hand. Und weil die Schen­ke­rin schon viel von der Autorin geschwärmt hat­te, war Lisa unglaub­lich neu­gie­rig. Kurz dar­auf schrieb Julia aus dem TraLaLit-Team, sie habe gera­de die eng­li­sche Über­set­zung von Jac­que­line Harp­mans auf Book­Tok gehyp­ten Roman gele­sen. Und dann wur­de nicht viel spä­ter eine deut­sche Neu­über­set­zung des wie­der­be­leb­ten Klas­si­kers ange­kün­digt, die Sula sich anse­hen woll­te. Und wenn sich schon drei von uns mit drei Ver­sio­nen eines Tex­tes beschäf­ti­gen, dann soll­ten wir die Gele­gen­heit nut­zen, und uns dar­über aus­tau­schen, oder?


Lisa: Bei mir war es also ein Geschenk und die Behaup­tung der Schen­ke­rin, Jac­que­line Harp­man sei die bes­te bel­gi­sche Autorin aller Zei­ten. Wie seid ihr auf die Autorin und den Roman auf­merk­sam geworden?

Julia: Ich fol­ge eini­gen Influen­cern, die sich eigent­lich mit Mode beschäf­ti­gen, aber auch viel lesen – es ist ja gera­de ein gro­ßer Trend –, und ich bin mir sicher, dass eine davon das Buch in die Kame­ra gehal­ten hat. Es geht auf Social Media ja auch bei Büchern um Ästhe­tik, und wenn man dann als Influen­ce­rin im Jar­din du Luxem­bourg in Paris mit einem Matcha Lat­te und einem Buch sitzt, dann soll das Gan­ze einen bestimm­ten „Vibe“ ver­mit­teln. Ich den­ke, dass der Erfolg der eng­li­schen Über­set­zung viel mit dem neu­en Cover und neu­en Titel zu tun hat, aber dar­auf kom­men wir bestimmt gleich noch zu spre­chen. Auf jeden Fall habe ich die eng­li­sche Über­set­zung von Ros Schwartz dann im Som­mer in einer Buch­hand­lung gese­hen und mit­ge­nom­men, ohne eigent­lich irgend­was über die Autorin oder die Ent­ste­hungs­ge­schich­te zu wissen.

Sula: Ich habe tat­säch­lich erst durch die Ankün­di­gung der deut­schen Über­set­zung von dem Buch erfah­ren. Der Hype auf Tik­Tok um die eng­li­sche Aus­ga­be ist ein biss­chen an mir vor­bei gegan­gen, umso gespann­ter war ich dann aber dar­auf, was das für ein Roman ist, der so vie­le Leser:innen mit­ge­ris­sen hat, und habe mir zuerst das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal und spä­ter dann die deut­sche Neu­über­set­zung angesehen.

Lisa: Was könnt ihr über die Über­set­zungs­ge­schich­te in der von euch gele­se­nen Ziel­spra­che sagen? 

Die nie­der­län­di­sche Über­set­zung Ik die nooit een man heb gekend von Peg­gy van der Lee­uw ist ursprüng­lich 1998 erschie­nen, also drei Jah­re nach dem Ori­gi­nal von 1995. Ich habe jedoch eine über­ar­bei­te­te Ver­si­on gele­sen, die Über­set­zung von Peg­gy van der Lee­uw wur­de von dem Über­set­zer Rokus Hof­stede genau­er unter die Lupe genom­men und ange­passt und in die­ser Form 2024 neu ver­öf­fent­licht. In wel­chem Maße Hof­stede ein­ge­grif­fen hat, ist lei­der nicht ersicht­lich. Inter­es­sant ist, dass Harp­man, obwohl sie Bel­gie­rin ist, auch in Flan­dern erst jetzt im Zuge der inter­na­tio­na­len Auf­merk­sam­keit wie­der­ent­deckt wird, aber längst kei­nen Hype im nie­der­län­disch­spra­chi­gen Teil ihres Her­kunfts­lan­des auslöst.

Die bel­gi­sche Autorin Gaea Schoe­ters, die schon seit Jah­ren in Flan­dern ver­sucht, auf Harp­mans Werk auf­merk­sam zu machen, begrün­det das fol­gen­der­ma­ßen: „Wir leben in Bel­gi­en in kul­tu­rel­ler Hin­sicht der­ma­ßen Rücken an Rücken, dass es Bücher nur dann über die Sprach­gren­ze schaf­fen, wenn sie den Umweg über das Aus­land neh­men. Vor allem jetzt, wo I who have never known men so ein Erfolg ist, ist die Wahr­schein­lich­keit höher, dass jun­ge Men­schen aus Flan­dern Harp­man sogar eher auf Eng­lisch lesen als auf Nie­der­län­disch.“ Da ist es wahr­schein­lich auch nicht beson­ders hilf­reich, dass die nie­der­län­di­sche Aus­ga­be mit einem ande­ren Cover daher­kommt und eine gemäl­de­ar­ti­ge Abbil­dung einer Frau zeigt, die mich ehr­lich gesagt nicht nach dem Buch hät­te grei­fen las­sen. Im Früh­jahr ist eben­falls eine Neu­auf­la­ge von Orlan­da (beim Orlan­do Ver­lag) erschie­nen, dem Roman, den Jac­que­line Harp­man nach Moi qui n’ai pas con­nu les hom­mes geschrie­ben hat. Auch hier ziert das Cover ein ähn­li­ches Bild.

Julia: Die eng­lisch­spra­chi­ge Über­set­zung des Romans, ange­fer­tigt von Ros Schwarz, erschien erst­mals 1997, also eben­falls nur weni­ge Jah­re nach dem Ori­gi­nal. Die Über­set­zung hat­te damals einen ganz ande­ren Titel, näm­lich The Mistress of Silence – man hat wohl ver­sucht, damit mys­te­ri­ös zu wir­ken, aber eigent­lich ist der Titel völ­lig nichts­sa­gend. 2019 erschien die Neu­auf­la­ge in Groß­bri­tan­ni­en und ver­zeich­ne­te seit­her kon­ti­nu­ier­lich stei­gen­de Ver­kaufs­zah­len – auch unab­hän­gig von Book­Tok. Mit der US-Neu­auf­la­ge 2022 bei Tran­sit Books erhielt der Absatz durch die Platt­form jedoch noch­mals einen deut­li­chen Schub.

Im Nach­wort der aktu­el­len eng­li­schen Aus­ga­be erklärt Nick Skid­mo­re, Ver­le­ger von Vin­ta­ge Clas­sics, wie es zu der Neu­auf­la­ge kam. Angeb­lich hat­te ein Kol­le­ge aus der Sales-Abtei­lung das Buch in einer Spen­den­box ent­deckt und emp­foh­len. Ich glau­be, er hat sofort erkannt, wie man das Buch gut ver­mark­ten könn­te und es als „The Hand­maids Tale meets The Road“ gepitcht, bei­des ja eben­falls unheim­li­che Dys­to­pien, wobei der Erfolg auch ein wenig an die Wie­der­ent­de­ckung von John Wil­liams Roman Stoner anfang der 2000er erin­nert.  Allein im Jahr 2024 soll sich die eng­li­sche Aus­ga­be über 100.000 Mal ver­kauft haben. Natür­lich spielt dabei auch eine Rol­le, dass vie­le aktu­ell das Gefühl haben, in beson­ders düs­te­ren Zei­ten zu leben. Man­che Bücher ver­kau­fen sich bekann­ter­ma­ßen dann beson­ders gut, wenn sie den Nerv der Zeit treffen. 

Der Titel der Über­set­zung wur­de zu I Who Have Never Known Men geän­dert, was sich am Ori­gi­nal­ti­tel ori­en­tiert, und man hat ihr ein moder­nes, enig­ma­ti­sches Cover ver­passt (mich über­rascht nicht, dass auch ande­re Ver­la­ge das Cover über­nom­men haben). Klap­pen­tex­te kön­nen ja sehr gene­risch klin­gen, aber bei der eng­li­schen Aus­ga­be beginnt er mit dem recht schlich­ten Satz „Deep under­ground, thir­ty-nine women live impri­so­ned in a cage“ – einen bes­se­ren, unheim­li­che­ren Teaser kann man sich kaum vor­stel­len. Ich fin­de, das Zusam­men­spiel die­ser Ele­men­te ist dem Ver­lag sehr gut gelun­gen. Bemer­kens­wert ist auch, dass es kei­ne Neu­über­set­zung gab. Die Über­set­ze­rin Ros Schwartz, die vie­le bekann­te Namen aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt, schreibt über ihre Arbeit an dem Roman: „Trans­la­tors are not often given the oppor­tu­ni­ty to repri­se their own work. We say gli­bly that a trans­la­ti­on is never finis­hed, that it can always be impro­ved, and this has been con­firm­ed for me page after excru­cia­ting page.“ Dem­entspre­chend hat sie ihre Über­set­zung von 1997 meh­re­re Male überarbeitet.

Sula: Eine ers­te deut­sche Über­set­zung des Romans ist auch schon 1998 erschie­nen. Bri­git­te Gro­ße hat­te den Roman unter dem etwas sper­ri­gen Titel Die Frau, die die Män­ner nicht kann­te für Hoff­mann und Cam­pe über­setzt. Die­se Aus­ga­be ist aber schon län­ger nicht mehr lie­fer­bar, und der Roman im deutsch­spra­chi­gen Raum wohl ziem­lich in Ver­ges­sen­heit gera­ten − ver­sier­te­re Leser:innen femi­nis­ti­scher Lite­ra­tur aus­ge­nom­men. Als das Buch infol­ge der 2022 erschie­ne­nen Neu­auf­la­ge in den USA zum Book­Tok-Hype wur­de, kauf­te auch Klett-Cot­ta in Deutsch­land die Rech­te für eine Neu­über­set­zung. Das war im Früh­jahr 2024. Luca Hom­burg hat dann die neue Über­set­zung ange­fer­tigt, die jetzt im März unter dem Titel Ich, die ich Män­ner nicht kann­te erschie­nen ist.

Lisa: Wird der Roman sei­nem Hype gerecht?

Sula: Ich wür­de sagen ja, ein­fach weil er nicht nur vie­le Leser:innen fin­det, son­dern die dann nach der Lek­tü­re auch nach­hal­tig zu beschäf­ti­gen scheint. Ich den­ke, das liegt zum einen dar­an, dass der Roman vie­le grund­le­gen­de (um nicht zu sagen uni­ver­sel­le, in jedem Fall aber zeit­lo­se) Fra­gen auf­wirft, und die in einem Set­ting und einer Hand­lung ver­han­delt, die erst­mal denk­bar schlicht ange­legt sind. Das macht den Roman beson­ders zugäng­lich, und das macht es viel­leicht auch leich­ter, ihn als Folie für aktu­el­le Ereig­nis­se zu lesen. Das Buch ist ja ein Bericht, die Ich-Erzäh­le­rin bezeugt ihre eige­ne Geschich­te, indem sie sie nie­der­schreibt. Sie ist die jüngs­te von 40 Frau­en, die in einem unter­ir­di­schen Gefäng­nis leben, rund um die Uhr bewacht von Wär­tern, die nie das Wort an sie rich­ten. Sinn und Zweck ihrer Gefan­gen­schaft sind ihnen völ­lig unklar. Auch wie sie in das Gefäng­nis gelangt sind – und wo sich die­ses befin­det – wis­sen sie nicht. Sie haben nur weni­ge Erin­ne­run­gen an ihr frü­he­res Leben – die Prot­ago­nis­tin kann sich als ein­zi­ge gar nicht dar­an erin­nern. Sie kön­nen in ihrer Gefan­gen­schaft kei­ner­lei Hin­wei­se dar­auf erken­nen, was gesche­hen ist und war­um sie über­haupt noch am Leben gehal­ten wer­den. Und sie haben letzt­lich auch auf­ge­hört, über die­se Fra­ge auch nur nachzudenken. 

Julia: Ich habe aus Lese­krei­sen mit­be­kom­men, dass eini­ge hin und wie­der frus­triert waren, dass vie­le Din­ge im Roman weder erklärt noch auf­ge­löst wur­den. Aber mir gefällt es, wenn man als Lese­rin die fik­tio­na­le Welt mit ihren Gesetz­mä­ßig­kei­ten so akzep­tie­ren muss, wie sie ist und man nicht all­wis­send sein kann. Wir sind ja in der begrenz­ten Per­spek­ti­ve der Ich-Erzäh­le­rin gefan­gen, und ich habe beim Lesen immer wie­der gemerkt, wie mein Gehirn ver­sucht hat, ein­zel­ne Zusam­men­hän­ge zu suchen oder mög­li­che Grün­de zu fin­den, war­um man die­se Men­schen über­haupt ein­ge­sperrt hat. Ich den­ke, der Roman beschäf­tigt vie­le auch noch nach der Lek­tü­re, gera­de weil er (ich hof­fe, das ist kein Spoi­ler) wenig beant­wor­tet. Ich habe mich auch lan­ge gefragt, war­um Harp­man eine Prot­ago­nis­tin gewählt hat, die zunächst noch ein Kind ist und kei­ne Erin­ne­rung an ein nor­ma­les Leben hat. Allein das ist ja schon unheim­lich, wenn sie erzählt: „As far back as I can recall, I have been in the bun­ker. Is that what they mean by memo­ries?“ Sie spürt, dass ihr etwas feh­len könn­te, aber Ver­lust ist kein Motor für ihre Handlungen. 

Lisa: Ich sehe das genau­so wie du, Julia. Gera­de der Umstand, dass Lite­ra­tur die Leser:innen vor voll­ende­te Tat­sa­chen stel­len kann, ist eine ihrer größ­ten Stär­ken. Ich mag es unglaub­lich ger­ne, wenn Lite­ra­tur neue Wel­ten eröff­net, die mit der uns bekann­ten Welt kol­li­die­ren, und genau wie du habe ich auch ver­sucht, Zusam­men­hän­ge her­zu­stel­len oder Mus­ter zu erken­nen. Außer­dem fin­de ich es wirk­lich fas­zi­nie­rend, das Harp­man ein Buch geschrie­ben hat, das auf­grund des Set­tings ver­mut­lich in sehr vie­len kul­tu­rel­len Krei­sen auf eine ähn­li­che Wei­se rezi­piert wer­den kann, gera­de weil so viel im Vagen bleibt und die Leser:innen vie­le Leer­stel­len selbst fül­len müs­sen. Dar­über hin­aus ist der Stil auch fas­zi­nie­rend – es pas­siert wirk­lich nicht beson­ders viel, aber trotz­dem hält Harp­man die Span­nung hoch, sodass man doch immer­zu damit rech­net, dass etwas passiert.

Julia: Wie wirk­te die Erzäh­le­rin in der Über­set­zung auf euch?

Sula: Was ihr ja im Unter­schied zu allen ande­ren Frau­en fehlt, ist eine Name. Sie haben ihr kei­nen gege­ben, nen­nen sie nur „la peti­te“ („Klei­ne“ / „Child“ / „klei­ne“). Und sie hal­ten es auch nicht für nötig, ihr Wis­sen über die Welt außer­halb des Käfigs mit ihr zu tei­len. Ich fin­de, es ist gera­de die­ser, ich wür­de mal sagen, lücken­haf­te Bezug zur ‚alten Welt‘, der sie als Erzäh­le­rin so inter­es­sant macht.  Da sie kei­ne Welt vor dem Gefäng­nis kann­te, wecken all die Wor­te, mit denen Mit­ge­fan­ge­ne über Rea­li­tä­ten außer­halb des Käfigs spre­chen, für sie kei­ne rich­ti­ge Vor­stel­lung. Ihr Ver­hält­nis zur Spra­che − einer Spra­che, die der Welt, in der sie ent­stan­den ist, ent­ris­sen wur­de − ist für mich eines der span­nends­ten The­men des Buches. 

Beson­ders deut­lich wird das in einer Schlüs­sel­sze­ne des Romans. Irgend­wann ertönt im Gefäng­nis der Frau­en aus dem Nichts ein Alarm, zufäl­lig genau in dem Moment, da einer der Wär­ter dabei ist, das Git­ter auf­zu­schlie­ßen. Der Wär­ter lässt den Schlüs­sel fal­len, ergreift zusam­men mit sei­nen Kol­le­gen die Flucht. Das Git­ter­tor bleibt offen. Die Erzäh­le­rin wagt sich als ers­te nach drau­ßen. Die Beschrei­bung ihres Wegs nach drau­ßen, in der für sie nur in Wor­ten gespei­cher­te Vor­stel­lun­gen zum ers­ten Mal auf die Rea­li­tät tref­fen, ist eine mei­ner Lieb­lings­stel­len im Buch:

[…] moi qui n’avais jamais fait plus de vingt pas en ligne droi­te, je volais le long des mar­ches com­me dans ces rêves que je ne fis que plus tard, mais dont j’avais enten­du les femmes par­ler, où l’on s’envole, on pla­ne com­me les oise­aux que j’allais bien­tôt regar­der se lais­ser por­ter par les cou­rants, déri­ver sans effort, dan­ser long­temps dans le cré­pus­cu­le com­me je dan­sais au long des mar­ches, aéri­en­ne, flot­tant inter­mina­blem­ent, ascen­si­on saou­lan­te vers quel­que cho­se d’inouï, en cet instant-là je ne savais pas quoi, le dehors, le mon­de qui n’était pas la cage, et je n’avais pas de pen­sées mais un ravis­se­ment pro­fond qui m’emportait, et des images, peut-être, qui me tra­ver­sai­ent l’esprit, ou seu­le­ment des mots qui gisai­ent en moi et se levai­ent pour rece­voir les images immi­nen­tes, le ciel, la nuit, l’horizon, le sol­eil, le vent, d’autres enco­re, innom­bra­bles, accu­mulés depuis des années et qui se hâtai­ent, me pous­sai­ent en avant. Ah! Cet­te pre­miè­re fois où j’ai mon­té l’escalier!

[…] ik die nooit meer dan twin­tig stap­pen voor me uit had gezet, ik vloog nu langs de tre­den omhoog zoals in die dro­men die ik pas later kreeg, maar waar ik de vrou­wen al over had horen pra­ten, dro­men waa­r­in je omhoog­vliegt, door de lucht zweeft, zoals de vogels waar­van ik bin­nenk­ort zou kun­nen aan­schou­wen, hoe ze zich op de lucht­stromen laten voort­drij­ven, moei­te­loos uit hun koers raken en lang­du­rig in de sche­me­ring dan­send heen en weer vlie­gen, zoals ik over de tre­den dans­te, zo licht als de lucht, ein­de­loos omhoog­zwe­vend, beneve­len­de hemel­vaart naar het onge­ken­de, op dat moment wist ik niet naar wat, naar de bui­ten­we­reld, naar een wereld die niet de kooi was, gedach­ten had ik niet, alleen een gev­oel van inten­se ver­ruk­king, dat me omhoog­voer­de, en beel­den mis­schien, die door mijn hoofd speel­den, of alleen woor­den, die allang slu­i­mer­end in me aan­we­zig waren maar zich nu aan­dien­den, kla­ar om beel­den te ont­van­gen, de lucht, de nacht, de hori­zon, de zon, de wind, en ik weet niet hoe­ve­el ande­re woor­den, woor­den die zich al jaren had­den opge­ho­opt en nu haast maak­ten en me voort­joe­gen. O, die eers­te keer dat ik de trap opliep!

I clim­bed wit­hout beco­ming breathl­ess, wit­hout get­ting tired, even though I had never taken more than twen­ty steps in a straight line. I flew up the steps as in the dreams I had later, dreams I’d heard the women describ­ing, whe­re you rise up and gli­de like the birds that I was soon to watch being car­ri­ed by the airst­reams, effort­less­ly drif­ting, dancing for hours in the twi­light, just as I was dancing up the steps, weight­less, floa­ting, in an exhi­la­ra­ting ascent towards the und­rea­med-of unknown, the out­side, the world that was not the cage; and I had no thoughts, only a vis­ce­ral thrill that swept me along, and images, per­haps, that raced through my mind, or sim­ply words that gus­hed up and rose to recei­ve the immi­nent images – the sky, the night, the hori­zon, the sun, the wind, and many more, count­less words that accu­mu­la­ted over the years, and which were in a hur­ry, spur­ring me on. Oh! That first time I went up the stairs!

[…] ich, die ich nie mehr als zwan­zig Schrit­te gera­de­aus gemacht hat­te, ich flog die Stu­fen hin­auf wie in den Träu­men, die ich erst spä­ter haben soll­te, von denen ich die Frau­en aber hat­te erzäh­len hören, die Träu­me, in denen man flie­gen kann, in denen man sich in die Lüf­te schwingt wie ein Vogel, wie die Vögel, die ich schon bald dabei beob­ach­ten wür­de, wie sie am Him­mel kreis­ten und lan­ge in der Däm­me­rung tanz­ten, genau­so wie ich jetzt die Stu­fen hin­auf­tanz­te, schwe­re­los, schwe­bend, ein trun­ke­ner Auf­stieg zu etwas Uner­hör­tem – in die­sem Moment wuss­te ich noch nicht, was es war – , dem Drau­ßen, der Welt außer­halb des Käfigs, ich dach­te an nichts, emp­fand nur eine tie­fe Ver­zü­ckung, und viel­leicht schos­sen mir Bil­der durch den Kopf oder auch nur Wör­ter, die in mir geschlum­mert hat­ten und nun auf die Bil­der tref­fen wür­den, die mich erwar­te­ten: Him­mel, Nacht, Hori­zont, Son­ne, Wind und unzäh­li­ge ande­re, die sich im Lauf der Jah­re in mir ange­sam­melt hat­ten und mich nun unge­dul­dig vor­an­trie­ben. Ach, die­ses ers­te Mal, als ich die Trep­pe hinauflief!

Die Frau­en wagen sich dann vor­sich­tig nach drau­ßen und fin­den sich in einer völ­lig ver­las­se­nen, wüs­ten­ar­ti­gen Land­schaft wie­der, die sie dann über Jah­re erkun­den, in der Hoff­nung, doch noch her­aus­zu­fin­den, wo sie sich befin­den und wie sie dort hin­ge­langt sind. 

Julia: Ich fin­de die­se Stel­le auch sehr mar­kant, und das nicht nur, was den Inhalt angeht. Zu Beginn des Romans sitzt die Erzäh­le­rin in einem Ses­sel und liest. Sie sagt: „Seit Kur­zem inter­es­sie­re ich mich auch für die Vor­wor­te.“ Tro­cke­ner geht es eigent­lich kaum. An die­ser Stel­le ver­än­dert sich jedoch das Erzähl­tem­po deut­lich, um der Eupho­rie der Haupt­fi­gur gerecht zu wer­den. Es ist ein gro­ßer Moment, der zugleich vol­ler Nost­al­gie ist, da die Erzäh­le­rin zurück­blickt. Und wie alle wis­sen, sind die Din­ge beim ers­ten Mal oft am einprägsamsten. 

Bei einem Ver­gleich der ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen fal­len eini­ge Unter­schie­de auf: In der eng­li­schen Über­set­zung wer­den lan­ge Sät­ze oft geteilt und vie­les wirkt etwas zusam­men­ge­rafft. Das ist beson­ders im ers­ten Satz der Fall: Von zwan­zig Stu­fen ist dar­in kei­ne Rede. Auch der „ascent towards the und­rea­med-of unknown“ emp­fand ich als sehr auf­fäl­lig. Aller­dings fin­de ich die Wort­wahl recht tref­fend. Ganz anders als im Deut­schen, wo mich „Uner­hör­tem“ nicht ganz über­zeugt. Das klingt zwar auch mys­te­ri­ös, aber nicht auf gute Weise.

Sula: Die deut­sche Über­set­zung zieht den Satz als einen Satz durch, spannt ihn wie im Ori­gi­nal über eine gan­ze Sei­te, was ich schon ent­schei­dend fin­de an die­ser Stel­le. Dass der Span­nungs­bo­gen auf das, was da oben am Ende der Trep­pe war­tet, sich über den gan­zen Weg nach oben erstreckt. Es ent­steht ein rhyth­mi­scher Sog der Erwar­tung, der Neu­gier, der die Erzäh­le­rin und uns mit ihr nach oben zieht. Das Tem­po im Deut­schen auf­recht­zu­er­hal­ten, ist nicht ganz ein­fach, wenn Rela­tiv­sät­ze ins Spiel kom­men, wie hier zu Beginn des Aus­schnitts, aber ich fin­de, das ist Luca Hom­burg sehr gut gelungen.

Die ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen des „quel­que cho­se d’inouï“, das oben war­tet, fin­de ich total span­nend. „und­reamd-of unknown“ klingt für mich, mit dem Ori­gi­nal und der deut­schen Über­set­zung im Ohr, fast ein biss­chen sen­ti­men­tal. Das klei­ne, unauf­fäl­li­ge fran­zö­si­sche Wort beschreibt etwas noch nie Dage­we­se­nes, noch nie Gese­he­nes, noch nie Gehör­tes. Die For­mu­lie­rung ist ganz schlicht, aber trotz­dem span­nungs­ge­la­den, weil in gewis­ser Wei­se impli­ziert ist, dass die­ses Etwas in sei­ner Neu­ar­tig­keit auch das Poten­ti­al hat, Rea­li­tä­ten zu ver­schie­ben, wenn es auf den Plan tritt. „Uner­hört“ fin­de ich als Über­set­zung eigent­lich über­zeu­gend, auch wenn es viel­leicht ein biss­chen irri­tiert. Es ent­hält etwas von der Span­nung, dass eine Ver­än­de­rung ein­tre­ten muss, wenn das Unbe­kann­te sich ent­hüllt. „Unknown“ ist sicher geschmei­di­ger, schlich­ter, aber viel­leicht auch etwas blasser.

Lisa: Ich habe den Ein­druck, dass Luca Hom­burg und Peg­gy van der Lee­uw sich genau­er ans Ori­gi­nal, vor allem an den Auf­bau und den Rhyth­mus der Sät­ze gehal­ten haben. Die eng­li­sche Über­set­zung ver­schenkt mei­ner Mei­nung nach in die­sem Bei­spiel viel. Wo das Deut­sche und das Nie­der­län­di­sche die Anspie­lung auf den Titel auf­grei­fen, lässt das Eng­li­sche die­se Mög­lich­keit lie­gen. In der nie­der­län­di­schen Über­set­zung bin ich nur an einer Stel­le wirk­lich hän­gen­ge­blie­ben. Dort ver­sucht Thea, eine der Frau­en und die Bezugs­per­son der Erzäh­le­rin, ihr Gram­ma­tik bei­zu­brin­gen. Der gan­ze Text spielt an einem unbe­kann­ten Ort – ich habe den Text so gele­sen, dass Harp­man den Text extra so ange­legt hat, dass er in jedem Kul­tur­raum spie­len und somit auch jede Spra­che die Mut­ter­spra­che der Erzäh­le­rin sein könn­te. In der nie­der­län­di­schen Über­set­zung erklärt Thea der Erzäh­le­rin trotz­dem einen Aspekt der fran­zö­si­schen Gram­ma­tik, was für mich kurz die Immersi­on der Geschich­te gestört hat, da vor­her mit kei­nem Wort die fran­zö­si­sche Spra­che erwähnt wur­de, und es mei­ner Mei­nung nach auch nicht sinn­voll ist, plötz­lich eine Spra­che ein­zu­be­zie­hen, die aus erzäh­le­ri­scher Sicht unlo­gisch ist. Wie sind die deut­sche und die eng­li­sche Über­set­ze­rin mit der Stel­le umgegangen?

Je la vis se con­cen­trer, com­me jadis, la pre­miè­re fois qu’elle avait essayé de refai­re du cal­cul men­tal. Elle me sou­rit :
− Dans le cas du ver­be avoir, le par­ti­ci­pe pas­sé s’accorde avec le com­plé­ment d’objet direct si le com­plé­ment est pla­cé avant le ver­be.
− Oh ! Qu’est-ce que c’est qu’un par­ti­ci­pe pas­sé ? Et un ver­be ? Et un accord ?
Je ne con­nais­sais aucun de ces ter­mes car, bien sûr, je n’avais pas app­ris à par­ler de façon sys­té­ma­tique, mais en repro­dui­sant machi­na­le­ment ce que j’entendais.

Ik zah hoe ze zich con­cen­tre­er­de, net als die eers­te keer, toen ze weer pro­be­er­de te hoofdre­ke­nen. Ze begon te lachen: „Als een werk­wo­ord wordt ver­voegd met avoir stemt de uit­gang van het vol­too­id deel­wo­ord overe­en met het lij­dend voor­werp, als dit ten­mins­te vóór de per­so­ons­vorm staat.“ „O, maar wat is een vol­too­id deel­wo­ord? En een per­so­ons­vorm? En een uit­gang?“ Ik ken­de geen van die ter­men want ik had natu­ur­li­jk nooit vol­gens een vast­s­taand sys­teem leren spre­ken, alleen door auto­ma­tisch na te zeg­gen wat ik hoorde.

I saw her con­cen­tra­te, as in the past, the first time she had tried to do men­tal arith­me­tic. She smi­led at me. “A rela­ti­ve clau­se is a clau­se intro­du­ced by a pro­no­un and used to qua­li­fy a pre­ce­ding noun or pro­no­un” “Oh! What’s a clau­se? And a noun? And a pro­no­un?” I wasn’t fami­li­ar with any of the­se terms becau­se, of cour­se, I hadn’t lear­ned to speak in a sys­te­ma­tic way, but by par­ro­ting what I heard.

Sie kon­zen­trier­te sich, das sah man ihr an, genau­so wie damals, als sie ver­sucht hat­te, zum ers­ten Mal seit Lan­gem wie­der kopf­zu­rech­nen. Dann sag­te sie lächelnd: »Intran­si­ti­ve Ver­ben, die den Über­gang in einen neu­en Zustand bezeich­nen, bil­den das Per­fekt mit ›sein‹.« »Ach!«, sag­te ich. »Was ist denn ein Per­fekt? Und was ist ein Verb? Und was bedeu­tet ›intran­si­tiv‹?« Ich kann­te kei­nen die­ser Begrif­fe. Ich hat­te ja nicht nach Regeln spre­chen gelernt, son­dern indem ich ein­fach alles nach­plap­per­te, was ich hörte.

Sula: Das ist echt eine schwie­ri­ge Stel­le für jede Über­set­zung. Im Ori­gi­nal wird hier eine gram­ma­ti­ka­li­sche „Regel“ genannt, die so wohl nur für das Fran­zö­si­sche zutrifft, die außer­dem schön kom­pli­ziert klingt und für Sprach­ler­nen­de auch zu den kniff­li­ge­ren Fäl­len gehört (es geht um die Kon­kor­danz von direk­tem Objekt und der Par­ti­zi­pi­al­form des Ver­bes im pas­sé com­po­sé: wird das pas­sé com­po­sé mit dem Hilfs­verb ‚avoir‘ (haben) gebil­det, dann wird das Par­ti­zip nur dann an das Genus des direk­ten Objekts ange­passt, wenn das Objekt im Satz vor dem Verb steht). Aber ja, es geht nicht pri­mär um eine gram­ma­ti­ka­li­sche Eigen­heit des Fran­zö­si­schen, son­dern um grö­ße­re Fra­gen rund um Sprach­er­werb und die Beschaf­fen­heit von gewach­se­nen sprach­li­chen Struk­tu­ren selbst. Luca Hom­burg löst das in der deut­schen Über­set­zung sehr stim­mig. Sie benennt die Spra­che, auf die sich die Regel bezieht, nicht expli­zit, und ersetzt die fran­zö­si­sche Regel durch eine deut­sche, über die man auch kurz nach­den­ken muss, bevor man sie ver­steht, die aber auch nicht schreit: „Ich bin eine deut­sche Grammatikregel.“

Julia: In einer post­apo­ka­lyp­ti­schen Welt wäre die Regel zu „intran­si­ti­ven Ver­ben“ das Letz­te, an das ich mich erin­nern wür­de. Die eng­li­sche Über­set­zung ist an die­ser Stel­le aber etwas kuri­os, da die benann­te Rela­tiv­satz­re­gel im Ver­gleich wenig kom­plex wirkt. Aller­dings muss man dabei wohl den kul­tu­rel­len Kon­text berück­sich­ti­gen. Ich möch­te nie­man­dem zu nahe tre­ten, aber oft haben Englischlerner:innen gro­ße Pro­ble­me mit gram­ma­ti­ka­li­schen Begrif­fen und Struk­tu­ren, da die­se nicht sys­te­ma­tisch unter­rich­tet wer­den und der Fremd­spra­chen­un­ter­richt ins­ge­samt zu kurz kommt. In mei­nen Sprach­kur­sen saßen Leu­te, die wirk­lich nicht wuss­ten, was Sub­stan­ti­ve oder Ver­ben sind – da feh­len oft die Grund­la­gen. Die Erklä­rung mit dem Rela­tiv­satz erscheint uns sehr grund­le­gend, aber ich den­ke, dass die eng­li­sche Über­set­ze­rin für das Ziel­pu­bli­kum eine ange­mes­se­ne Lösung gefun­den hat. Grund­sätz­lich mutet sie ihren Leser:innen aber nicht zu viel zu. Auf­fäl­lig ist an die­ser Stel­le auch, dass Thea in der eng­li­schen Über­set­zung „Anthea“ heißt.

Lisa: Ja, die­se Angli­sie­run­gen fal­len auch an ande­rer Stel­le auf. Zu Beginn des Romans spricht die Erzäh­le­rin von Shake­speare und sin­niert sogar kurz über das The­ma „Neu­über­set­zung“. Wenn man die­se Text­stel­le ver­gleicht, fällt einem sehr schnell auf, dass Shake­speare in der eng­li­schen Über­set­zung durch Proust ersetzt wur­de. Eine inter­es­san­te Ent­schei­dung. Was hal­tet ihr davon?

Je ne me suis inté­res­sée que récem­ment aux pré­faces. Les auteurs y par­lent volon­tiers d’eux-mêmes, ils expli­quent pour quel­les rai­sons ils ont rédi­gé l’ouvrage qu’ils pro­po­sent. […] Ou bien ils disent pour­quoi ils ont esti­mé qu’il con­ve­nait de publier une nou­vel­le tra­duc­tion de Shake­speare, les pré­cé­den­tes, si lou­ables qu’elles soi­ent, pré­sen­tant tel­le ou tel­le imperfection.

Pas onlangs ben ik me gaan inter­es­se­ren voor de voor­wo­or­den. De schrij­vers heb­ben het daa­r­in graag over zich­zelf, ze leg­gen uit waa­rom ze het betref­fen­de werk geschre­ven heb­ben. […] Of ze leg­gen uit waa­rom het zo goed is dat er een nieu­we ver­ta­ling van Shake­speare ver­schi­jnt, de voor­gaan­de ver­ta­lin­gen, hoe ver­diens­te­li­jk ook, waren immers in een bepaald opzicht onvolmaakt.

I only recent­ly star­ted taking an inte­rest in the pre­faces. The aut­hors talk rea­di­ly about them­sel­ves, explai­ning the reason for wri­ting the book. […] Or, they explain why they felt it was appro­pria­te to publish a new trans­la­ti­on of Proust, becau­se pre­vious efforts, lau­da­ble they may be, lacked some­thing or other. 

Seit Kur­zem inter­es­sie­re ich mich auch für die Vor­wor­te. Die Autoren erzäh­len dar­in ger­ne von sich selbst, erklä­ren, aus wel­chen Grün­den sie das Buch ver­fasst haben. […] Manch­mal erklä­ren sie auch, war­um sie es für ange­zeigt hiel­ten, eine neue Shake­speare-Über­set­zung zu ver­öf­fent­li­chen, wie­sen die vori­gen, so gelun­gen sie auch sein moch­ten, doch die­sen oder jenen Man­gel auf.

Sula: Es wür­de eng­lisch­spra­chi­ge Leser:innen ver­mut­lich schon irri­tie­ren, wenn die Erzäh­le­rin gleich auf den ers­ten Sei­ten von einer Shake­speare-Neu­über­set­zung spricht. Sie müss­ten sich direkt fra­gen, in wel­cher Spra­che sie eigent­lich schreibt. Aber ich fin­de, genau die­se Irri­ta­ti­on könn­te ein gro­ßer Gewinn sein. Leser:innen wer­den dann gleich zu Beginn sehr deut­lich mit der unsi­che­ren Ver­or­tung des Gesche­hens − nicht nur in geo­gra­phi­scher und zeit­li­cher Hin­sicht, son­dern auch sprachlich/kulturell − kon­fron­tiert. Ist von einer Proust-Neu­über­set­zung die Rede, wird die­se Irri­ta­ti­on ver­mie­den und Leser:innen der beru­hi­gen­de Ein­druck ver­mit­telt, sie hät­ten es mit einer anglo­pho­nen Erzäh­le­rin zu tun. Und davon ganz abge­se­hen kommt ein Proust-Ver­weis ja mit ganz ande­ren Asso­zia­tio­nen daher, ob man sei­ne Wer­ke kennt oder nicht; das ist natür­lich auch an sich ein star­ker Ein­griff, beson­ders wenn er so früh in der Erzäh­lung erfolgt.

Julia: Auf der Ver­lags­sei­te erläu­tert Ros Schwartz, wor­über sie bei der Über­ar­bei­tung ihrer Über­set­zung nach­ge­dacht hat. Dabei wird deut­lich, dass sie sich lexi­ka­lisch und gram­ma­ti­ka­lisch in frü­he­ren Ver­sio­nen für ihr heu­ti­ges Emp­fin­den zu sehr am Fran­zö­si­schen ori­en­tiert hat. Ich glau­be, der Wunsch, sich stär­ker vom Ori­gi­nal zu befrei­en, ist an die­ser Stel­le klar erkenn­bar. Gleich­zei­tig ver­mu­te ich, dass hin­ter die­sen Ent­schei­dun­gen ein ande­rer Umgang mit Über­set­zun­gen steckt, der heu­te mit­un­ter als ver­al­tet betrach­tet wird. Frü­her hat man ja in Über­set­zun­gen viel mehr ein­ge­deutscht, was man heu­te nicht mehr tun wür­de.
In eng­li­schen Über­set­zun­gen sind sol­che stark kul­tu­rell gepräg­ten Anpas­sun­gen ver­mut­lich noch übli­cher (man den­ke an die Über­set­zun­gen von The Vege­ta­ri­an oder Erpen­becks Kai­ros), obwohl sich auch da die Lese­ge­wohn­hei­ten ändern. Über­set­zun­gen waren im angel­säch­si­schen Raum lan­ge Zeit wenig beliebt und hat­ten einen ver­gleichs­wei­se gerin­gen Markt­an­teil. Das hat sich in den letz­ten Jah­ren stark geän­dert, nicht zuletzt durch den gro­ßen Erfolg eini­ger über­setz­ter Autor:innen. Es ist zudem bemer­kens­wert, dass Jack Edwards, einer der größ­ten Book­To­ker, gan­ze Vide­os zu sei­nen Lieb­lings­über­set­zun­gen macht – das wäre vor zehn, zwan­zig Jah­ren wohl sehr nischig gewesen.

Sula: Da stellt sich mir jetzt die Fra­ge, wie sich die ers­te Fas­sung der eng­li­schen Über­set­zung im Ver­gleich zur deut­schen Neu­über­set­zung gele­sen hät­te. Im Ver­gleich mit der über­ar­bei­te­ten Fas­sung der eng­li­schen Über­set­zung fällt an der näm­lich immer wie­der der leicht geho­be­ne­re Ton auf. Sie liest sich nicht ganz so locker, die Spra­che der Erzäh­le­rin klingt viel­leicht ein biss­chen weni­ger natür­lich. Der Ein­druck mag stel­len­wei­se auch daher kom­men, dass die Über­set­zung sich etwas näher an der Satz­struk­tur des Fran­zö­si­schen ent­lang bewegt (aber sie hat­te sie ja auch noch kei­ne drei­ßig Jah­re zum Rei­fen wie die Eng­li­sche). Aber ins­ge­samt fand ich sie beim Lesen sehr stim­mig. Die Erzäh­le­rin ist als sol­che ja Auto­di­dak­tin, sie bringt sich selbst Lesen und Schrei­ben bei, mit Hil­fe von Büchern, die sie fin­det. An denen ori­en­tiert sie sich und wie wir gehört haben, sind da auch eini­ge älte­re Bücher dabei. Ich fin­de es total wich­tig, dass das im Text spür­bar bleibt.

Lisa: Ins­ge­samt hat mich die von Rokus Hof­stede über­ar­bei­te­te Über­set­zung von Peg­gy van der Lee­uw über­zeugt. Natür­lich liegt hier kei­ne Neu­über­set­zung vor, natür­lich ist die Über­set­zung in gewis­ser Wei­se geal­tert, aber ins­ge­samt hat van der Lee­uw den Ton und die Stim­mung des Ori­gi­nals gut ein­ge­fan­gen. Ich fin­de, die Spra­che passt her­vor­ra­gend zum Set­ting und lässt genug Raum für all die Fra­gen, die dadurch auf­ge­ru­fen wer­den. Die nie­der­län­disch­spra­chi­gen Leser:innen kön­nen also den Roman also ruhig in ihrer Mut­ter­spra­che lesen, und müs­sen nicht extra ein eng­li­sches Exem­plar heranziehen.

Julia: Der geho­be­ne­re Ton ist tat­säch­lich ein inter­es­san­ter Aspekt. Ros Schwartz sagt, die lexi­ka­li­sche und syn­tak­ti­sche Über­ar­bei­tung der Über­set­zung ziel­te auch auf eine Absen­kung des Regis­ters ab. Anlass war offen­bar die Erkennt­nis, dass der etwas gestelz­te Ton vor­he­ri­ger Ver­sio­nen nicht zur Erzäh­le­rin passt, die nur über eine rudi­men­tä­re Bil­dung ver­fügt. Die Über­set­ze­rin hat daher in der neu­en Ver­si­on vie­les prä­zi­siert und mög­li­cher­wei­se auch ver­ein­facht. Aus mei­ner Sicht tra­gen die Ände­run­gen aber dazu bei, dass die Über­set­zung les­ba­rer ist. Ein kur­zes Beispiel:

This busi­ness had made me jum­py, I did not feel like sit­ting still, I could not regain my con­cenc­tra­ti­on. I rose and joi­n­ed the women who were pre­pa­ring the vege­ta­bles and offe­red to help them. (alte Version)

That epi­so­de had made me jum­py. I was fid­ge­ty and could­n’t regain my con­cen­tra­ti­on. I got up and went over to the women pee­ling the vege­ta­bles and offe­red to help. But I was clum­sy and annoy­ed them. (neue Version)

Das geho­be­ne­re „I rose and joi­n­ed“ wur­de bei­spiels­wei­se durch das umgangs­sprach­li­che­re „I got up and went over“ ersetzt. Auch der Satz­bau wur­de über­ar­bei­tet, sodass die aktu­el­le Ver­si­on deut­lich sau­be­rer klingt.

Beim ers­ten Lesen war ich mit der eng­li­schen Über­set­zung grund­sätz­lich sehr zufrie­den. Im direk­ten Ver­gleich fal­len jedoch eini­ge über­set­ze­ri­sche Ent­schei­dun­gen auf, die man sicher­lich hin­ter­fra­gen kann. Ohne das Ori­gi­nal oder ande­re Über­set­zun­gen zu ken­nen, wäre ich aber nie auf die Idee gekom­men, dass im Ori­gi­nal anstel­le von Proust Shake­speare steht. Gut, dass wir das gemein­sam bespre­chen konn­ten! Der Roman gehört zu den bes­ten, die ich im letz­ten Jahr gele­sen habe – nicht zuletzt dank der sehr zugäng­li­chen eng­li­schen Über­set­zung. Wür­det ihr die Über­set­zun­gen, die ihr gele­sen habt, empfehlen?

Sula: Ja, auf jeden Fall. 

Lisa: Ja, definitiv.


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