Nichts ist sicher, außer der Übersetzung

Ende der 1980er Jahre wurde Paul Auster mit seiner „New-York-Trilogie“ weltberühmt. Anlässlich seines zweiten Todestages werfen wir einen Blick zurück auf deren ersten Band – und seine deutsche Übersetzung. Von

Straße in Manhattan, gespiegelt in einer Pfütze an der Bordsteinkante
Gespiegelte Realität. Foto: Umit Yildirim (Unsplash)

Stadt aus Glas (Ori­gi­nal: City of Glass) ist das ers­te und noch immer bekann­tes­te Werk des US-ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­lers Paul Aus­ter. Es erschien 1985 als ers­ter Teil sei­ner New-York-Tri­lo­gie (Ori­gi­nal: The New York Tri­lo­gy). 17 Anläu­fe benö­tig­te Aus­ter, um sein Manu­skript bei einem Ver­lag unter­zu­brin­gen. Para­do­xer­wei­se fand die in New York spie­len­de Geschich­te nicht im Empire Sta­te ihr Zuhau­se, son­dern bei Dou­glas Mes­ser­lis inzwi­schen längst auf­ge­lös­ter Sun & Moon Press in Los Ange­les. Der Ver­öf­fent­li­chungs­pro­zess nahm so viel Zeit in Anspruch, dass Aus­ter noch zwei wei­te­re Manu­skrip­te nach­reich­te, und aus dem anfäng­lich als Ein­zel­werk geplan­ten City of Glass eine the­ma­tisch ver­bun­de­ne Tri­lo­gie wur­de. Zwei Jah­re spä­ter erschien dann im Ham­bur­ger Ver­lag Hoff­mann und Cam­pe die Über­set­zung des Öster­rei­chers Joa­chim A. Frank.

Zeit sei­nes Lebens war Aus­ter in Euro­pa erfolg­rei­cher als in sei­ner Hei­mat. Aus­ters meta­phy­sisch ange­hauch­ter Blick auf die Welt und die Unge­wiss­heit, die sie beherrscht, fand vor allem in Frank­reich, Spa­ni­en und Deutsch­land Anklang. In den USA wur­de die New York Tri­lo­gy hin­ge­gen als detec­ti­ve novel ver­mark­tet, wohl um eine gewis­se Mas­sen­taug­lich­keit zu sug­ge­rie­ren und die Absatz­zah­len zu erhö­hen, obwohl kei­nes der drei ent­hal­te­nen Wer­ke auch nur ansatz­wei­se einer tra­di­tio­nel­len Detek­tiv­ge­schich­te ent­spricht. Heut­zu­ta­ge wird sie oft­mals als Anti-Detek­tiv­ro­man beschrie­ben – in den Augen man­cher ist sie gar der letz­te Nagel im Sarg tra­di­tio­nel­ler Detek­tiv­ge­schich­ten, wie sie vor allem in der ers­ten Hälf­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts die Rega­le der Buch­hand­lun­gen füllten.

Als Joa­chim A. Frank den Über­set­zungs­auf­trag annahm, hat­te er bereits dut­zen­de Wer­ke ins Deut­sche über­setzt, war also ein abso­lu­ter Vete­ran sei­nes Felds. Sein Über­set­zungs­an­satz ori­en­tiert sich an der bewusst nüch­ter­nen Pro­sa Aus­ters und es gelingt ihm wei­test­ge­hend, die­sel­be Wir­kung wie Aus­ters Ori­gi­nal zu erzie­len. Frank zeigt sich sowohl lexi­ka­lisch als auch gram­ma­tisch sehr prä­zi­se und schafft es, den in Aus­ters Ori­gi­nal so prä­va­len­ten Ein­druck der Ent­frem­dung auch im Deut­schen zu erzeu­gen. Alles in allem eine wei­se Ent­schei­dung, zumal Spra­che an sich – die Bedeu­tung ein­zel­ner Wor­te, wie sie erlernt wer­den und wel­che Aus­wir­kun­gen sie haben kön­nen – ein zen­tra­les The­ma des Werks darstellt.

Die Hand­lung star­tet kon­ven­tio­nell. Eines Nachts ruft ein jun­ger Mann die Haupt­fi­gur, Quinn, an und fragt nach dem Pri­vat­de­tek­tiv Paul Aus­ter. Peter Still­man, so heißt der jun­ge Mann, brau­che unbe­dingt Aus­ters Hil­fe, es gin­ge um Leben und Tod. Quinn beschließt, die Iden­ti­tät Aus­ters (des Pri­vat­de­tek­tivs inner­halb der Geschich­te, nicht die des Autors, der eben­falls als Figur unter sei­nem wirk­li­chen Namen vor­kommt) anzu­neh­men und der Bit­te des Anru­fers zu fol­gen. Schnell wer­den die Limi­ta­tio­nen des Detek­tiv­gen­res aus­ge­he­belt und es ent­fal­tet sich eine Geschich­te um Trug­bil­der, Ver­schwin­den, Zufall und Iden­ti­tät – und Sprache.

I am Peter Still­man. I say this of my own free will. Yes. That is not my real name. No. Of cour­se, my mind is not all it should be. But not­hing can be done about that. No. About that. No, no. Not anymore.

Ich bin Peter Still­man. Ich sage das aus mei­nem eige­nen frei­en Wil­len. Ja. Das ist nicht mein rich­ti­ger Name. Nein. Natür­lich ist mein Ver­stand nicht ganz, was er sein soll­te. Aber dage­gen lässt sich nichts machen. Nein. Dage­gen. Nein, nein. Nicht mehr.

So der Auf­takt eines acht­ein­halb Sei­ten lan­gen Mono­logs Peter Still­mans. Still­man muss­te als Jugend­li­cher das Spre­chen von Grund auf neu erler­nen, da er als Kind für Jah­re von sei­nem Vater in ein dunk­les Zim­mer ein­ge­sperrt wur­de. Die­ser glaub­te näm­lich, Kin­der trü­gen „Got­tes Spra­che“ in sich, könn­ten sie aber nur dann auch spre­chen, wenn sie von kei­nem Men­schen gese­hen wür­den. Nun, als Erwach­se­ner, sitzt Still­man Quinn, den er für den Pri­vat­de­tek­tiv Paul Aus­ter hält, gegen­über und redet schein­bar stun­den­lang in abrup­ten, abge­hack­ten, teil­wei­se zusam­men­hangs­los wir­ken­den Sät­zen auf ihn ein. Joa­chim A. Frank gelingt es, den gesam­ten Mono­log ins Deut­sche zu über­set­zen, ohne dass die­ser sei­nen bewusst irri­tie­ren­den Effekt ver­liert. Das ist vor allem in der fol­gen­den Pas­sa­ge von größ­ter Wich­tig­keit, da Frank auch die beun­ru­hi­gen­de Atti­tü­de von Still­man als Figur makel­los nachbildet:

I even have a wife. You can see that. I men­tio­ned her befo­re. Per­haps you have even met her. She is beau­tiful, is she not? Her name is Vir­gi­nia. That is not her real name. But that makes no dif­fe­rence. To me. When­ever I ask, my wife gets a girl for me. They are who­res. I put my worm insi­de them and they moan. The­re have been so many. Ha ha.

Ich habe sogar eine Frau. Sie kön­nen es sehen. Ich habe sie schon erwähnt. Viel­leicht haben Sie sie sogar ken­nen­ge­lernt. Sie ist schön, nicht wahr? Ihr Name ist Vir­gi­nia. Das ist nicht ihr rich­ti­ger Name. Aber das spielt kei­ne Rol­le. Für mich. Sooft ich dar­um bit­te, besorgt mir mei­ne Frau ein Mäd­chen. Es sind Huren. Ich ste­cke mei­nen Wurm in sie hin­ein, und sie stöh­nen. Es waren schon so vie­le da. Haha.

Neben dem Ver­wirr­spiel durch namens­glei­che Figu­ren blei­ben auch deren Hand­lungs­mo­ti­ve in Stadt aus Glas meist unklar. Din­ge gesche­hen ohne ersicht­li­chen Grund und haben unbe­kann­te Fol­gen. Die Haupt­fi­gur Quinn selbst wird zudem als drei­ge­teil­te Per­sön­lich­keit beschrie­ben: Er ist er selbst, Quinn, der ehe­ma­li­ge Dich­ter und Autor. Er ist Wil­liam Wil­son, ein Pseud­onym, unter dem er Kri­mi­nal­ro­ma­ne schreibt. Und er ist Max Work, der fin­di­ge Pri­vat­de­tek­tiv aus Wil­sons Roman­rei­he. Ein beson­de­res Wort­spiel auf den ers­ten Sei­ten ver­deut­licht die­se Dreifaltigkeit:

Pri­va­te eye. The term held a tri­ple mea­ning for Quinn. Not only was the let­ter ‘i,’ stan­ding for ‘inves­ti­ga­tor,’ it was ‘I,’ in the upper case, the tiny life-bud buried in the body of the breathing its­elf. At the same time, it was also the phy­si­cal eye of the wri­ter, the eye of the man who looks out from hims­elf into the world and demands that the world reve­al its­elf to him. For five years now, Quinn had been living in the grip of this pun.

Der Pri­vat­de­tek­tiv, ‚pri­va­te eye‘, das ‚pri­va­te Auge‘. Der Aus­druck hat­te für Quinn eine drei­fa­che Bedeu­tung. Da war nicht nur ein ‚i‘ wie in ‚ermit­teln‘, da war das ‚I‘ als Groß­buch­sta­be, der win­zi­ge Lebens­keim, im Leib des atmen­den Ichs ver­bor­gen. Zugleich war es auch das phy­si­sche Auge des Man­nes, der aus sich selbst hin­aus­sieht in die Welt und for­dert, dass sich ihm die Welt ent­hüllt. Seit fünf Jah­ren leb­te Quinn nun im Bann die­ses Wortspiels.

Mit klei­nen Anpas­sun­gen, sowie Ver­wei­sen auf die in der eng­lisch­spra­chi­gen Ver­si­on ver­wen­de­ten Ori­gi­nal­be­grif­fe, schafft es Joa­chim A. Frank, das Wort­spiel in die deut­sche Spra­che zu ret­ten, ohne sei­ne für die gesam­te Geschich­te emi­nent wich­ti­ge Bedeu­tung zu verfälschen.

Nach­dem er den Fall über­nom­men hat, besteht Quinns Auf­ga­be dar­in, Peter Still­mans Leben zu schüt­zen, indem er des­sen Vater, der nach lan­gen Jah­ren aus dem Gefäng­nis ent­las­sen wur­de, beschat­tet. Doch ist es wirk­lich der Plan des Vaters, den eige­nen Sohn umzu­brin­gen? Und ist der Mann, den er beschat­tet, wirk­lich der Rich­ti­ge? Quinn hat von Still­mans Vater bloß ein jahr­zehn­te­al­tes Bild und kann nur hof­fen, dass er dem rich­ti­gen Mann auf den Fer­sen ist. Nichts ist klar in Stadt aus Glas, nichts kann wirk­lich durch­schaut wer­den, und am Ende hängt vie­les vom Zufall ab.

Im Lau­fe der Hand­lung ver­tieft sich Quinn immer mehr in den Fall, glaubt zu erken­nen, dass der alte Mann, dem er auf Schritt und Tritt folgt, auf sei­nem Weg durch New York eine Bot­schaft for­mu­liert. Jeden Tag folgt Quinn dem schein­bar ziel­los umher­wan­dern­den Mann stun­den­lang durch die Stra­ßen und glaubt fest­zu­stel­len, dass er jeden Tag einen Buch­sta­ben in den Stadt­plan New Yorks „läuft“. Doch wei­ter pas­siert nichts. Irgend­wann ver­liert Quinn den Kon­takt zum jun­gen Peter Still­man und damit den Glau­ben an sei­ne Auf­ga­be und sich selbst. Er ver­liert die Spur des alten Man­nes und hängt schließ­lich gänz­lich in der Luft, kann den Fall aber nicht loslassen.

Quinn hält jedes auch noch so unbe­deu­tend anmu­ten­de Detail in einem roten Notiz­buch fest. Er schläft auf der Stra­ße, vor dem Gebäu­de, in dem er den alten Mann ver­mu­tet, doch er bekommt ihn nicht zu Gesicht. Ist er wirk­lich noch dort? Ist er viel­leicht längst ver­schwun­den, unter­ge­taucht, eins gewor­den mit der glä­ser­nen Stadt, die ihn umgibt? Mona­te­lang obser­viert Quinn das Gebäu­de, wäh­rend er selbst immer mehr zum Schat­ten wird. Auch in die­sen Pas­sa­gen, die sich immer mehr mit Quinns Gedan­ken und schwin­den­der Gefühls­welt befas­sen, wirkt Joa­chim A. Franks Über­set­zung mit ihrer Nüch­tern­heit auf der­sel­ben Ebe­ne wie das Ori­gi­nal, wäh­rend er gleich­zei­tig die wach­sen­de Rat­lo­sig­keit Quinns einfängt.

Even the red note­book, which until now has pro­vi­ded a detail­ed account of Quinn’s expe­ri­en­ces, is suspect. We can­not say for cer­tain what hap­pen­ed to Quinn during this peri­od, for it is at this point in the sto­ry that he began to lose his grip. He remain­ed for the most part in the alley. It was not uncom­for­ta­ble once he got used to it, and it had the advan­ta­ge of being well hid­den from view. From the­re he could obser­ve all the comings and goings at the Still­mans’ building.

Sogar das rote Notiz­buch, das bis­her einen aus­führ­li­chen Bericht über Quinns Erleb­nis­se lie­fer­te, ist suspekt. Wir kön­nen nicht mit Gewiss­heit sagen, was mit Quinn wäh­rend die­ser Zeit geschah, denn gera­de an die­sem Punkt in der Geschich­te begann er die Herr­schaft über sich zu ver­lie­ren. Er blieb die meis­te Zeit in der Gas­se. Sie war nicht unbe­quem, sobald er sich ein­mal an sie gewöhnt hat­te, und sie hat­te den Vor­teil, gut vor allen Bli­cken ver­bor­gen zu sein. Von dort aus konn­te er das Kom­men und Gehen im Hau­se der Still­mans beobachten.

Joa­chim A. Franks Ent­schei­dung, den Aus­druck „to lose one’s grip“ mit „die Herr­schaft über sich ver­lie­ren“, anstatt von einem gene­rel­len Kon­troll­ver­lust zu spre­chen, ist in die­ser Pas­sa­ge beson­ders pas­send, da Quinn eben nicht nur der Lage nicht mehr Herr ist, son­dern nicht mal mehr über sei­ne eige­ne Per­son. Quinns Iden­ti­täts­ver­lust wird der lesen­den Per­son auf die­se Wei­se ziel­si­cher kommuniziert.

Stadt aus Glas ist kein lan­ger Roman. Die deutsch­spra­chi­ge Fas­sung hat 160 Sei­ten, die eng­lisch­spra­chi­ge sogar nur 133. Den­noch ist er ein hoch­kom­ple­xes Werk, vol­ler Zwei­fel, aus­ste­hen­der Ant­wor­ten und einer nicht zu ver­ach­ten­den Dosis meta­phy­si­scher Exis­tenz­fra­gen. Eine klas­si­sche Detek­tiv­ge­schich­te hät­te einen klar defi­nier­ba­ren Fall prä­sen­tiert, Quinn hät­te prä­zi­se Nach­for­schun­gen ange­stellt, Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen und der Unge­wiss­heit ein Ende gesetzt. Doch Stadt aus Glas ist eben kei­ne detec­ti­ve sto­ry. Viel mehr beschreibt es eine Welt, die sich der Haupt­fi­gur von Tag zu Tag mehr ent­zieht, wirft ange­staub­te Kon­ven­tio­nen über Bord und trifft so auch noch heu­te – über vier­zig Jah­re nach sei­ner ers­ten Ver­öf­fent­li­chung – den Zeitgeist.


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