Stadt aus Glas (Original: City of Glass) ist das erste und noch immer bekannteste Werk des US-amerikanischen Schriftstellers Paul Auster. Es erschien 1985 als erster Teil seiner New-York-Trilogie (Original: The New York Trilogy). 17 Anläufe benötigte Auster, um sein Manuskript bei einem Verlag unterzubringen. Paradoxerweise fand die in New York spielende Geschichte nicht im Empire State ihr Zuhause, sondern bei Douglas Messerlis inzwischen längst aufgelöster Sun & Moon Press in Los Angeles. Der Veröffentlichungsprozess nahm so viel Zeit in Anspruch, dass Auster noch zwei weitere Manuskripte nachreichte, und aus dem anfänglich als Einzelwerk geplanten City of Glass eine thematisch verbundene Trilogie wurde. Zwei Jahre später erschien dann im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe die Übersetzung des Österreichers Joachim A. Frank.
Zeit seines Lebens war Auster in Europa erfolgreicher als in seiner Heimat. Austers metaphysisch angehauchter Blick auf die Welt und die Ungewissheit, die sie beherrscht, fand vor allem in Frankreich, Spanien und Deutschland Anklang. In den USA wurde die New York Trilogy hingegen als detective novel vermarktet, wohl um eine gewisse Massentauglichkeit zu suggerieren und die Absatzzahlen zu erhöhen, obwohl keines der drei enthaltenen Werke auch nur ansatzweise einer traditionellen Detektivgeschichte entspricht. Heutzutage wird sie oftmals als Anti-Detektivroman beschrieben – in den Augen mancher ist sie gar der letzte Nagel im Sarg traditioneller Detektivgeschichten, wie sie vor allem in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Regale der Buchhandlungen füllten.
Als Joachim A. Frank den Übersetzungsauftrag annahm, hatte er bereits dutzende Werke ins Deutsche übersetzt, war also ein absoluter Veteran seines Felds. Sein Übersetzungsansatz orientiert sich an der bewusst nüchternen Prosa Austers und es gelingt ihm weitestgehend, dieselbe Wirkung wie Austers Original zu erzielen. Frank zeigt sich sowohl lexikalisch als auch grammatisch sehr präzise und schafft es, den in Austers Original so prävalenten Eindruck der Entfremdung auch im Deutschen zu erzeugen. Alles in allem eine weise Entscheidung, zumal Sprache an sich – die Bedeutung einzelner Worte, wie sie erlernt werden und welche Auswirkungen sie haben können – ein zentrales Thema des Werks darstellt.
Die Handlung startet konventionell. Eines Nachts ruft ein junger Mann die Hauptfigur, Quinn, an und fragt nach dem Privatdetektiv Paul Auster. Peter Stillman, so heißt der junge Mann, brauche unbedingt Austers Hilfe, es ginge um Leben und Tod. Quinn beschließt, die Identität Austers (des Privatdetektivs innerhalb der Geschichte, nicht die des Autors, der ebenfalls als Figur unter seinem wirklichen Namen vorkommt) anzunehmen und der Bitte des Anrufers zu folgen. Schnell werden die Limitationen des Detektivgenres ausgehebelt und es entfaltet sich eine Geschichte um Trugbilder, Verschwinden, Zufall und Identität – und Sprache.
I am Peter Stillman. I say this of my own free will. Yes. That is not my real name. No. Of course, my mind is not all it should be. But nothing can be done about that. No. About that. No, no. Not anymore.
Ich bin Peter Stillman. Ich sage das aus meinem eigenen freien Willen. Ja. Das ist nicht mein richtiger Name. Nein. Natürlich ist mein Verstand nicht ganz, was er sein sollte. Aber dagegen lässt sich nichts machen. Nein. Dagegen. Nein, nein. Nicht mehr.
So der Auftakt eines achteinhalb Seiten langen Monologs Peter Stillmans. Stillman musste als Jugendlicher das Sprechen von Grund auf neu erlernen, da er als Kind für Jahre von seinem Vater in ein dunkles Zimmer eingesperrt wurde. Dieser glaubte nämlich, Kinder trügen „Gottes Sprache“ in sich, könnten sie aber nur dann auch sprechen, wenn sie von keinem Menschen gesehen würden. Nun, als Erwachsener, sitzt Stillman Quinn, den er für den Privatdetektiv Paul Auster hält, gegenüber und redet scheinbar stundenlang in abrupten, abgehackten, teilweise zusammenhangslos wirkenden Sätzen auf ihn ein. Joachim A. Frank gelingt es, den gesamten Monolog ins Deutsche zu übersetzen, ohne dass dieser seinen bewusst irritierenden Effekt verliert. Das ist vor allem in der folgenden Passage von größter Wichtigkeit, da Frank auch die beunruhigende Attitüde von Stillman als Figur makellos nachbildet:
I even have a wife. You can see that. I mentioned her before. Perhaps you have even met her. She is beautiful, is she not? Her name is Virginia. That is not her real name. But that makes no difference. To me. Whenever I ask, my wife gets a girl for me. They are whores. I put my worm inside them and they moan. There have been so many. Ha ha.
Ich habe sogar eine Frau. Sie können es sehen. Ich habe sie schon erwähnt. Vielleicht haben Sie sie sogar kennengelernt. Sie ist schön, nicht wahr? Ihr Name ist Virginia. Das ist nicht ihr richtiger Name. Aber das spielt keine Rolle. Für mich. Sooft ich darum bitte, besorgt mir meine Frau ein Mädchen. Es sind Huren. Ich stecke meinen Wurm in sie hinein, und sie stöhnen. Es waren schon so viele da. Haha.
Neben dem Verwirrspiel durch namensgleiche Figuren bleiben auch deren Handlungsmotive in Stadt aus Glas meist unklar. Dinge geschehen ohne ersichtlichen Grund und haben unbekannte Folgen. Die Hauptfigur Quinn selbst wird zudem als dreigeteilte Persönlichkeit beschrieben: Er ist er selbst, Quinn, der ehemalige Dichter und Autor. Er ist William Wilson, ein Pseudonym, unter dem er Kriminalromane schreibt. Und er ist Max Work, der findige Privatdetektiv aus Wilsons Romanreihe. Ein besonderes Wortspiel auf den ersten Seiten verdeutlicht diese Dreifaltigkeit:
Private eye. The term held a triple meaning for Quinn. Not only was the letter ‘i,’ standing for ‘investigator,’ it was ‘I,’ in the upper case, the tiny life-bud buried in the body of the breathing itself. At the same time, it was also the physical eye of the writer, the eye of the man who looks out from himself into the world and demands that the world reveal itself to him. For five years now, Quinn had been living in the grip of this pun.
Der Privatdetektiv, ‚private eye‘, das ‚private Auge‘. Der Ausdruck hatte für Quinn eine dreifache Bedeutung. Da war nicht nur ein ‚i‘ wie in ‚ermitteln‘, da war das ‚I‘ als Großbuchstabe, der winzige Lebenskeim, im Leib des atmenden Ichs verborgen. Zugleich war es auch das physische Auge des Mannes, der aus sich selbst hinaussieht in die Welt und fordert, dass sich ihm die Welt enthüllt. Seit fünf Jahren lebte Quinn nun im Bann dieses Wortspiels.
Mit kleinen Anpassungen, sowie Verweisen auf die in der englischsprachigen Version verwendeten Originalbegriffe, schafft es Joachim A. Frank, das Wortspiel in die deutsche Sprache zu retten, ohne seine für die gesamte Geschichte eminent wichtige Bedeutung zu verfälschen.
Nachdem er den Fall übernommen hat, besteht Quinns Aufgabe darin, Peter Stillmans Leben zu schützen, indem er dessen Vater, der nach langen Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, beschattet. Doch ist es wirklich der Plan des Vaters, den eigenen Sohn umzubringen? Und ist der Mann, den er beschattet, wirklich der Richtige? Quinn hat von Stillmans Vater bloß ein jahrzehntealtes Bild und kann nur hoffen, dass er dem richtigen Mann auf den Fersen ist. Nichts ist klar in Stadt aus Glas, nichts kann wirklich durchschaut werden, und am Ende hängt vieles vom Zufall ab.
Im Laufe der Handlung vertieft sich Quinn immer mehr in den Fall, glaubt zu erkennen, dass der alte Mann, dem er auf Schritt und Tritt folgt, auf seinem Weg durch New York eine Botschaft formuliert. Jeden Tag folgt Quinn dem scheinbar ziellos umherwandernden Mann stundenlang durch die Straßen und glaubt festzustellen, dass er jeden Tag einen Buchstaben in den Stadtplan New Yorks „läuft“. Doch weiter passiert nichts. Irgendwann verliert Quinn den Kontakt zum jungen Peter Stillman und damit den Glauben an seine Aufgabe und sich selbst. Er verliert die Spur des alten Mannes und hängt schließlich gänzlich in der Luft, kann den Fall aber nicht loslassen.
Quinn hält jedes auch noch so unbedeutend anmutende Detail in einem roten Notizbuch fest. Er schläft auf der Straße, vor dem Gebäude, in dem er den alten Mann vermutet, doch er bekommt ihn nicht zu Gesicht. Ist er wirklich noch dort? Ist er vielleicht längst verschwunden, untergetaucht, eins geworden mit der gläsernen Stadt, die ihn umgibt? Monatelang observiert Quinn das Gebäude, während er selbst immer mehr zum Schatten wird. Auch in diesen Passagen, die sich immer mehr mit Quinns Gedanken und schwindender Gefühlswelt befassen, wirkt Joachim A. Franks Übersetzung mit ihrer Nüchternheit auf derselben Ebene wie das Original, während er gleichzeitig die wachsende Ratlosigkeit Quinns einfängt.
Even the red notebook, which until now has provided a detailed account of Quinn’s experiences, is suspect. We cannot say for certain what happened to Quinn during this period, for it is at this point in the story that he began to lose his grip. He remained for the most part in the alley. It was not uncomfortable once he got used to it, and it had the advantage of being well hidden from view. From there he could observe all the comings and goings at the Stillmans’ building.
Sogar das rote Notizbuch, das bisher einen ausführlichen Bericht über Quinns Erlebnisse lieferte, ist suspekt. Wir können nicht mit Gewissheit sagen, was mit Quinn während dieser Zeit geschah, denn gerade an diesem Punkt in der Geschichte begann er die Herrschaft über sich zu verlieren. Er blieb die meiste Zeit in der Gasse. Sie war nicht unbequem, sobald er sich einmal an sie gewöhnt hatte, und sie hatte den Vorteil, gut vor allen Blicken verborgen zu sein. Von dort aus konnte er das Kommen und Gehen im Hause der Stillmans beobachten.
Joachim A. Franks Entscheidung, den Ausdruck „to lose one’s grip“ mit „die Herrschaft über sich verlieren“, anstatt von einem generellen Kontrollverlust zu sprechen, ist in dieser Passage besonders passend, da Quinn eben nicht nur der Lage nicht mehr Herr ist, sondern nicht mal mehr über seine eigene Person. Quinns Identitätsverlust wird der lesenden Person auf diese Weise zielsicher kommuniziert.
Stadt aus Glas ist kein langer Roman. Die deutschsprachige Fassung hat 160 Seiten, die englischsprachige sogar nur 133. Dennoch ist er ein hochkomplexes Werk, voller Zweifel, ausstehender Antworten und einer nicht zu verachtenden Dosis metaphysischer Existenzfragen. Eine klassische Detektivgeschichte hätte einen klar definierbaren Fall präsentiert, Quinn hätte präzise Nachforschungen angestellt, Schlussfolgerungen gezogen und der Ungewissheit ein Ende gesetzt. Doch Stadt aus Glas ist eben keine detective story. Viel mehr beschreibt es eine Welt, die sich der Hauptfigur von Tag zu Tag mehr entzieht, wirft angestaubte Konventionen über Bord und trifft so auch noch heute – über vierzig Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung – den Zeitgeist.

