Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt, doch nur ein winziger Bruchteil davon wird ins Deutsche übersetzt. Wir interviewen Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Alle Beiträge der Rubrik findet ihr hier.
Wie hast du Färöisch gelernt?
Angefangen hat alles an einem Freitagabend im Spätsommer 2017, als ich mit anderen Studierenden im Fachschaftsraum des Nordeuropa-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin saß und die Studienwoche ausklingen ließ. Ein Kommilitone suchte am Computer (ein alter Tower aus den 2000er Jahren) nach lustigen Fakten und Videos über die nordischen Länder. Dabei stießen wir auf ein altes Werbeplakat der färöischen Verkehrsbetriebe Strandfaraskip Landsins, auf dem die Fahrerkabine eines Busses und ein flauschiger brauner Schafbock zu sehen waren, begleitet von der Schlagzeile „It’s sheep and easy by bus.“ Im Hintergrund zeichnete sich die landschaftliche Kulisse der Färöer ab. Ich war sofort fasziniert und verbrachte die nächsten Wochen damit, Informationen über die 18 Inseln zu sammeln, von denen ich trotz meines Skandinavistik-Bachelorstudiums noch nie gehört hatte. Dabei stieß ich auf die Summer School der färöischen Universität: drei Wochen in der Hauptstadt Tórshavn mit intensiven Sprach- und Kulturkursen – das klang einfach perfekt für mich! Die Teilnahme an besagtem Sommerkurs legte den Grundstein. Seitdem habe ich sehr viel Zeit auf den Inseln verbracht und mich einem intensiven Sprachbad ausgesetzt.
Wie sieht die färöische Literaturszene aus?
Aus deutscher Perspektive ist der färöische Buchmarkt klein, aber produktiv. Seit Ende der neunziger Jahre erscheinen im Durchschnitt etwa 100 auf Färöisch verfasste Bücher und in etwa ebenso viele ins Färöische übersetzte Werke. Das ist bei einer Bevölkerungszahl von aktuell 55.117 (Stand: Januar 2026, hagstova.fo), die etwa der einer deutschen Mittelstadt wie Baden-Baden oder Passau entspricht, sehr beachtlich.
Zweimal im Jahr finden große Literaturveranstaltungen statt: das internationale Literaturfestival im Februar und die Büchertage, Bókadagar, im November. Daneben finden regelmäßig Lesungen, Buchveröffentlichungen und Open-Stage-Veranstaltungen statt. Zudem erscheinen zwei Literaturmagazine halbjährlich und einmal im Jahr wird ein Nachwuchspreis an vielversprechende Autor*innen verliehen. Seit einigen Jahren kann man außerdem Kreatives Schreiben an der Universität in Tórshavn studieren. Kurz gesagt: Es gibt alles, was man so von einer lebendigen Literaturszene erwartet.
Was sollte man unbedingt gelesen haben?
Zwei färöische Autoren, die man kennen sollte, auch, wenn sie auf Dänisch geschrieben haben, sind sicherlich William Heinesen und Jørgen-Frantz Jacobsen. Letzterer wurde mit seinem Erfolgsroman Barbara berühmt, der 1997 verfilmt wurde und in deutscher Synchronfassung verfügbar ist. Von Heinesen wurde einiges ins Deutsche übersetzt, zuletzt erschien eine Neuübersetzung seines Romans Noatun im Guggolz Verlag. Im selben Verlag ist auch der Autor Heðin Brú erschienen. Richard Kölbel hat den Roman aus dem Färöischen übersetzt. In seinem Roman Vater und Sohn unterwegs schafft Brú es, das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne auf den Färöern in den 1930er Jahre lebendig zu machen. Für Krimi-Fans hat Martin Schürholz einiges, auch direkt aus dem Färöischen, übersetzt. Wer lieber etwas vom Ende des letzten Jahrhunderts lesen möchte und auf Familiensagas (wie der Verlag btb es nennt) steht, wird bei Jóanes Nielsens Die Erinnerungen (aus dem Dänischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg) fündig. Daneben kann ich noch wärmstens Siri Ranva Hjelm Jacobsens Roman Insel empfehlen, den Franziska Hüther letztes Jahr aus dem Dänischen für den März Verlag übersetzt hat. Man fragt sich vielleicht, warum ich so häufig auf dänische Bücher verweise. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist Färöische Literatur seit jeher mehrsprachig. Das hängt mit der historischen und bis heute andauernden Verbindung der Färöer zu Dänemark zusammen. Man muss sich hier von der nationalen Vorstellung lösen, dass die Literatur eines Landes immer nur in einer spezifischen Sprache existiert. Zum anderen gibt es wenige Übersetzer*innen die das Färöische beherrschen, weshalb auf Brückenübersetzungen aus dem Dänischen zurückgegriffen wird.
So viel zur Prosa. Bei der Lyrik wird es etwas enger, denn hier ist es häufig schwierig, auf dem deutschen Buchmarkt Verlage für eine Veröffentlichung zu finden. Vor fast 20 Jahren erschien im Engelsdorfer Verlag die Anthologie Von Djurhuus bis Poulsen – färöische Dichtung aus 100 Jahren. Sie liefert einen fragmentarischen Überblick über die färöische Dichtung des 20. Jahrhunderts und ist ein guter Einstieg. Für dieses Projekt lieferte die mittlerweile leider verstorbene Dr. Inga Meincke Interlinearübersetzungen, auf deren Basis die Gedichte dann von Annemarie Bostroem, Günther Deicke und Paul Alfred Kleinert nachempfunden wurden.Wer zeitgenössische junge Dichtung von den Färöern lesen möchte, kann dies seit kurzem mit dem von mir aus dem Färöischen übertragenen Gedichtband Ich schärfe mein Messer, ich kehre heim von der preisgekrönten Autorin Nansý Sunadóttir tun, der im Kölner Verlag parasitenpresse erschienen ist. Der Band ist eine poetische Auseinandersetzung mit den unerfüllbaren Erwartungen, die die Gesellschaft an junge Frauen stellt. Er führt ohne Scham in die schwierigsten Phasen des Erwachsenwerdens. Es ist ein schmerzhaft ehrliches und zugleich sprachschönes Werk.
Was ist noch nicht übersetzt?
Meine Antwort lautet: zu viel! Gerade im Bereich Lyrik. Ich habe ein ganzes Regal voller Bücher, die ich für lesens- und natürlich übersetzenswert halte. Darunter sind auch viele Dichter*innen, die mit Preisen ausgezeichnet oder für Preise nominiert wurden. Aufgrund ökonomischer Interessen und vielleicht auch eines gewissen Maßes an Unwissenheit gegenüber der färöischen Literatur bleiben diese beeindruckenden Stimmen im deutschsprachigen Raum aktuell ungehört. Autor*innen wie zum Beispiel Beinir Bergsson, der naturpoetisch über queere Liebe schreibt, oder Svanna Jákupsdóttir, die Lyrik und klinische Psychologie in ihren Texten zu weiblicher Körperlichkeit miteinander verwebt, wirken unabhängig von ihrem Entstehungskontext, und ihre Übersetzungen würden den deutschen Buchmarkt um einiges bereichern. Ein weiteres Beispiel ist die Lyrikerin Vonbjørt Vang, die mit ihrem Band Svørt Orkidé letztes Jahr den Literaturpreis des Nordischen Ministerrates gewonnen hat. Als Nachwuchsübersetzerin mit Schwerpunkt färöische Lyrik ist es mein besonderes Anliegen, mehr Aufmerksamkeit für diese starken Autor*innen zu gewinnen.
Was sind die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Färöischen? Wie gehst du damit um?
Zunächst einmal eine kurze generelle Einordnung des Färöischen: Es zählt zusammen mit Norwegisch und Isländisch zur Gruppe der westnordischen Sprachen. Während das Norwegische heute nur noch den Nominativ und den Genitiv kennt, hat das Färöische, wie auch das Isländische oder auch das Deutsche, noch vier Fälle. Im Gegensatz zum Deutschen hat das Färöische, besonders im gesprochenen Wort, keine Standardsprache. Zwar gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine standardisierte Orthografie, doch vor allem in der Lyrik ist nicht garantiert, dass nicht doch Schreibweisen verwendet werden, die einer lokalen Mundart entsprechen.
Dialekte sind das eine. Was beim Übersetzen auch gerne Probleme bereitet, sind Idiome bzw. Redewendungen, die sich nicht wörtlich übersetzen lassen oder die auf mir unbekannten Zusammenhängen – häufig aus der Fischerei, der Landwirtschaft oder Wetterbestimmung – aufbauen. In der Lyrik kann es besonders verzwickt werden, wenn solche Formulierungen mehrdeutig angewendet werden. Ähnlich verhält es sich bei der Übersetzung von Tier- und Pflanzennamen, die im Färöischen häufig mehrere Bedeutungsebenen haben. Ein Beispiel ist die Fuchsia-Pflanze, Kristi blóðdropi, deren Name wörtlich übersetzt der Blutstropfen Christi bedeutet. In beiden Fällen ist es am besten, bei den Autor*innen selbst oder bei färöischen Freund*innen und Bekannten nachzufragen. Es gibt zwar immer mehr digitale Ressourcen, doch im Vergleich zu größeren Sprachen sind die Möglichkeiten der Online-Recherche nach wie vor eingeschränkt.
Was kann Färöisch, was Deutsch nicht kann?
In der Touristik wird oft damit geworben, dass es im Färöischen fast 40 unterschiedliche Wörter für Nebel gibt. Mit ihrem Reisebericht Why the Faroe Islands needs 37 words for fog, hat die Autorin Jan Courtney 2018 sogar den Travel-Writing-Wettbewerb des Daily Telegraph gewonnen.
Besonders faszinierend finde ich außerdem die bereits erwähnten Redewendungen, Wortspiele und Sprichwörter, die Bezug auf Fische, Fischerei und Seefahrt nehmen. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich meine Doktorarbeit mit literarischen Beschreibungen der färöischen Fischindustrie befasst und sich deshalb bei mir seit einigen Jahren alles um Fisch dreht. Deshalb zum Schluss ein färöischer Aufruf zur Genügsamkeit: „Betri eru smáir fiskar enn tómir diskar.“ – „Kleine Fische sind besser als leere Teller.“ ><(((°>

Theresa Kohlbeck Jakobsen
promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin zu färöischer Romanliteratur. Theresa setzt sich für mehr Sichtbarkeit von färöischer Lyrik auf dem deutschen Buchmarkt ein. Sowohl die färöische Literaturagentur FarLit als auch der deutsche Übersetzerfonds haben Theresas Übersetzungen mit Anschubstipendien ausgezeichnet.
Wir suchen für die Rubrik „Große kleine Sprache“ Übersetzerinnen und Übersetzer, die Lust haben, ihre „kleine“ Sprache mit unserem Fragebogen vorzustellen. Wenn du dich angesprochen fühlst, melde dich gerne unter redaktion@tralalit.de.
