Gro­ße klei­ne Spra­che Färöisch

Färöische Literatur ist in deutscher Übersetzung nach wie vor ein Geheimtipp. Hier folgt ein kleiner Einblick in die Literaturlandschaft der achtzehn Inseln im Nordatlantik. Von

Ingo Kühl „Färöer II“, Öl auf Nessel 120 x 120 cm, 1995, Quelle: WikiCommons

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.

Wie hast du Färö­isch gelernt?

Ange­fan­gen hat alles an einem Frei­tag­abend im Spät­som­mer 2017, als ich mit ande­ren Stu­die­ren­den im Fach­schafts­raum des Nord­eu­ro­pa-Insti­tuts der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin saß und die Stu­di­en­wo­che aus­klin­gen ließ. Ein Kom­mi­li­to­ne such­te am Com­pu­ter (ein alter Tower aus den 2000er Jah­ren) nach lus­ti­gen Fak­ten und Vide­os über die nor­di­schen Län­der. Dabei stie­ßen wir auf ein altes Wer­be­pla­kat der färöi­schen Ver­kehrs­be­trie­be Strand­fa­raskip Land­sins, auf dem die Fah­rer­ka­bi­ne eines Bus­ses und ein flau­schi­ger brau­ner Schaf­bock zu sehen waren, beglei­tet von der Schlag­zei­le „It’s sheep and easy by bus.“ Im Hin­ter­grund zeich­ne­te sich die land­schaft­li­che Kulis­se der Färö­er ab. Ich war sofort fas­zi­niert und ver­brach­te die nächs­ten Wochen damit, Infor­ma­tio­nen über die 18 Inseln zu sam­meln, von denen ich trotz mei­nes Skan­di­na­vis­tik-Bache­lor­stu­di­ums noch nie gehört hat­te. Dabei stieß ich auf die Sum­mer School der färöi­schen Uni­ver­si­tät: drei Wochen in der Haupt­stadt Tór­shavn mit inten­si­ven Sprach- und Kul­tur­kur­sen – das klang ein­fach per­fekt für mich! Die Teil­nah­me an besag­tem Som­mer­kurs leg­te den Grund­stein. Seit­dem habe ich sehr viel Zeit auf den Inseln ver­bracht und mich einem inten­si­ven Sprach­bad ausgesetzt.

Wie sieht die färöi­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Aus deut­scher Per­spek­ti­ve ist der färöi­sche Buch­markt klein, aber pro­duk­tiv. Seit Ende der neun­zi­ger Jah­re erschei­nen im Durch­schnitt etwa 100 auf Färö­isch ver­fass­te Bücher und in etwa eben­so vie­le ins Färöi­sche über­setz­te Wer­ke. Das ist bei einer Bevöl­ke­rungs­zahl von aktu­ell 55.117 (Stand: Janu­ar 2026, hagstova.fo), die etwa der einer deut­schen Mit­tel­stadt wie Baden-Baden oder Pas­sau ent­spricht, sehr beachtlich. 

Zwei­mal im Jahr fin­den gro­ße Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen statt: das inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur­fes­ti­val im Febru­ar und die Bücher­ta­ge, Bóka­da­gar, im Novem­ber. Dane­ben fin­den regel­mä­ßig Lesun­gen, Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen und Open-Stage-Ver­an­stal­tun­gen statt. Zudem erschei­nen zwei Lite­ra­tur­ma­ga­zi­ne halb­jähr­lich und ein­mal im Jahr wird ein Nach­wuchs­preis an viel­ver­spre­chen­de Autor*innen ver­lie­hen. Seit eini­gen Jah­ren kann man außer­dem Krea­ti­ves Schrei­ben an der Uni­ver­si­tät in Tór­shavn stu­die­ren. Kurz gesagt: Es gibt alles, was man so von einer leben­di­gen Lite­ra­tur­sze­ne erwartet.

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Zwei färöi­sche Autoren, die man ken­nen soll­te, auch, wenn sie auf Dänisch geschrie­ben haben, sind sicher­lich Wil­liam Hei­ne­sen und Jør­gen-Frantz Jacob­sen. Letz­te­rer wur­de mit sei­nem Erfolgs­ro­man Bar­ba­ra berühmt, der 1997 ver­filmt wur­de und in deut­scher Syn­chron­fas­sung ver­füg­bar ist. Von Hei­ne­sen wur­de eini­ges ins Deut­sche über­setzt, zuletzt erschien eine Neu­über­set­zung sei­nes Romans Noa­tun im Gug­golz Ver­lag. Im sel­ben Ver­lag ist auch der Autor Heðin Brú erschie­nen. Richard Köl­bel hat den Roman aus dem Färöi­schen über­setzt. In sei­nem Roman Vater und Sohn unter­wegs schafft Brú es, das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Tra­di­ti­on und Moder­ne auf den Färö­ern in den 1930er Jah­re leben­dig zu machen. Für Kri­mi-Fans hat Mar­tin Schür­holz eini­ges, auch direkt aus dem Färöi­schen, über­setzt. Wer lie­ber etwas vom Ende des letz­ten Jahr­hun­derts lesen möch­te und auf Fami­li­en­sa­gas (wie der Ver­lag btb es nennt) steht, wird bei Jóa­nes Niel­sens Die Erin­ne­run­gen (aus dem Däni­schen über­setzt von Ulrich Son­nen­berg) fün­dig. Dane­ben kann ich noch wärms­tens Siri Ran­va Hjelm Jacob­sens Roman Insel emp­feh­len, den Fran­zis­ka Hüt­her letz­tes Jahr aus dem Däni­schen für den März Ver­lag über­setzt hat. Man fragt sich viel­leicht, war­um ich so häu­fig auf däni­sche Bücher ver­wei­se. Das hat zwei Grün­de: Zum einen ist Färöi­sche Lite­ra­tur seit jeher mehr­spra­chig. Das hängt mit der his­to­ri­schen und bis heu­te andau­ern­den Ver­bin­dung der Färö­er zu Däne­mark zusam­men. Man muss sich hier von der natio­na­len Vor­stel­lung lösen, dass die Lite­ra­tur eines Lan­des immer nur in einer spe­zi­fi­schen Spra­che exis­tiert. Zum ande­ren gibt es weni­ge Übersetzer*innen die das Färöi­sche beherr­schen, wes­halb auf Brü­cken­über­set­zun­gen aus dem Däni­schen zurück­ge­grif­fen wird.

So viel zur Pro­sa. Bei der Lyrik wird es etwas enger, denn hier ist es häu­fig schwie­rig, auf dem deut­schen Buch­markt Ver­la­ge für eine Ver­öf­fent­li­chung zu fin­den. Vor fast 20 Jah­ren erschien im Engels­dor­fer Ver­lag die Antho­lo­gie Von Djur­hu­us bis Poul­sen – färöi­sche Dich­tung aus 100 Jah­ren. Sie lie­fert einen frag­men­ta­ri­schen Über­blick über die färöi­sche Dich­tung des 20. Jahr­hun­derts und ist ein guter Ein­stieg. Für die­ses Pro­jekt lie­fer­te die mitt­ler­wei­le lei­der ver­stor­be­ne Dr. Inga Mein­cke Inter­li­ne­ar­über­set­zun­gen, auf deren Basis die Gedich­te dann von Anne­ma­rie Bostro­em, Gün­ther Dei­cke und Paul Alfred Klei­nert nach­emp­fun­den wurden.Wer zeit­ge­nös­si­sche jun­ge Dich­tung von den Färö­ern lesen möch­te, kann dies seit kur­zem mit dem von mir aus dem Färöi­schen über­tra­ge­nen Gedicht­band Ich schär­fe mein Mes­ser, ich keh­re heim von der preis­ge­krön­ten Autorin Nan­sý Suna­dót­tir tun, der im Köl­ner Ver­lag para­si­ten­pres­se erschie­nen ist. Der Band ist eine poe­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit den uner­füll­ba­ren Erwar­tun­gen, die die Gesell­schaft an jun­ge Frau­en stellt. Er führt ohne Scham in die schwie­rigs­ten Pha­sen des Erwach­sen­wer­dens. Es ist ein schmerz­haft ehr­li­ches und zugleich sprach­schö­nes Werk.

Was ist noch nicht übersetzt?

Mei­ne Ant­wort lau­tet: zu viel! Gera­de im Bereich Lyrik. Ich habe ein gan­zes Regal vol­ler Bücher, die ich für lesens- und natür­lich über­set­zens­wert hal­te. Dar­un­ter sind auch vie­le Dichter*innen, die mit Prei­sen aus­ge­zeich­net oder für Prei­se nomi­niert wur­den. Auf­grund öko­no­mi­scher Inter­es­sen und viel­leicht auch eines gewis­sen Maßes an Unwis­sen­heit gegen­über der färöi­schen Lite­ra­tur blei­ben die­se beein­dru­cken­den Stim­men im deutsch­spra­chi­gen Raum aktu­ell unge­hört. Autor*innen wie zum Bei­spiel Bei­nir Berg­s­son, der natur­poe­tisch über que­e­re Lie­be schreibt, oder Svan­na Jákup­sdót­tir, die Lyrik und kli­ni­sche Psy­cho­lo­gie in ihren Tex­ten zu weib­li­cher Kör­per­lich­keit mit­ein­an­der ver­webt, wir­ken unab­hän­gig von ihrem Ent­ste­hungs­kon­text, und ihre Über­set­zun­gen wür­den den deut­schen Buch­markt um eini­ges berei­chern. Ein wei­te­res Bei­spiel ist die Lyri­ke­rin Vonbjørt Vang, die mit ihrem Band Svørt Orki­dé letz­tes Jahr den Lite­ra­tur­preis des Nor­di­schen Minis­ter­ra­tes gewon­nen hat. Als Nach­wuchs­über­set­ze­rin mit Schwer­punkt färöi­sche Lyrik ist es mein beson­de­res Anlie­gen, mehr Auf­merk­sam­keit für die­se star­ken Autor*innen zu gewinnen.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Färöi­schen? Wie gehst du damit um?

Zunächst ein­mal eine kur­ze gene­rel­le Ein­ord­nung des Färöi­schen: Es zählt zusam­men mit Nor­we­gisch und Islän­disch zur Grup­pe der west­nor­di­schen Spra­chen. Wäh­rend das Nor­we­gi­sche heu­te nur noch den Nomi­na­tiv und den Geni­tiv kennt, hat das Färöi­sche, wie auch das Islän­di­sche oder auch das Deut­sche, noch vier Fäl­le. Im Gegen­satz zum Deut­schen hat das Färöi­sche, beson­ders im gespro­che­nen Wort, kei­ne Stan­dard­spra­che. Zwar gibt es seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts eine stan­dar­di­sier­te Ortho­gra­fie, doch vor allem in der Lyrik ist nicht garan­tiert, dass nicht doch Schreib­wei­sen ver­wen­det wer­den, die einer loka­len Mund­art entsprechen. 

Dia­lek­te sind das eine. Was beim Über­set­zen auch ger­ne Pro­ble­me berei­tet, sind Idio­me bzw. Rede­wen­dun­gen, die sich nicht wört­lich über­set­zen las­sen oder die auf mir unbe­kann­ten Zusam­men­hän­gen – häu­fig aus der Fische­rei, der Land­wirt­schaft oder Wet­ter­be­stim­mung – auf­bau­en. In der Lyrik kann es beson­ders ver­zwickt wer­den, wenn sol­che For­mu­lie­run­gen mehr­deu­tig ange­wen­det wer­den. Ähn­lich ver­hält es sich bei der Über­set­zung von Tier- und Pflan­zen­na­men, die im Färöi­schen häu­fig meh­re­re Bedeu­tungs­ebe­nen haben. Ein Bei­spiel ist die Fuch­sia-Pflan­ze, Kris­ti blóð­dro­pi, deren Name wört­lich über­setzt der Bluts­trop­fen Chris­ti bedeu­tet. In bei­den Fäl­len ist es am bes­ten, bei den Autor*innen selbst oder bei färöi­schen Freund*innen und Bekann­ten nach­zu­fra­gen. Es gibt zwar immer mehr digi­ta­le Res­sour­cen, doch im Ver­gleich zu grö­ße­ren Spra­chen sind die Mög­lich­kei­ten der Online-Recher­che nach wie vor eingeschränkt.

Was kann Färö­isch, was Deutsch nicht kann?

In der Tou­ris­tik wird oft damit gewor­ben, dass es im Färöi­schen fast 40 unter­schied­li­che Wör­ter für Nebel gibt. Mit ihrem Rei­se­be­richt Why the Faroe Islands needs 37 words for fog, hat die Autorin Jan Court­ney 2018 sogar den Tra­vel-Wri­ting-Wett­be­werb des Dai­ly Tele­graph gewonnen. 

Beson­ders fas­zi­nie­rend fin­de ich außer­dem die bereits erwähn­ten Rede­wen­dun­gen, Wort­spie­le und Sprich­wör­ter, die Bezug auf Fische, Fische­rei und See­fahrt neh­men. Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass sich mei­ne Dok­tor­ar­beit mit lite­ra­ri­schen Beschrei­bun­gen der färöi­schen Fisch­in­dus­trie befasst und sich des­halb bei mir seit eini­gen Jah­ren alles um Fisch dreht. Des­halb zum Schluss ein färöi­scher Auf­ruf zur Genüg­sam­keit: „Betri eru smá­ir fis­kar enn tómir dis­kar.“ – „Klei­ne Fische sind bes­ser als lee­re Teller.“ ><(((°>


The­re­sa Kohl­beck Jakobsen

pro­mo­viert an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin zu färöi­scher Roman­li­te­ra­tur. The­re­sa setzt sich für mehr Sicht­bar­keit von färöi­scher Lyrik auf dem deut­schen Buch­markt ein. Sowohl die färöi­sche Lite­ra­tur­agen­tur Far­Lit als auch der deut­sche Über­set­zer­fonds haben The­re­sas Über­set­zun­gen mit Anschubsti­pen­di­en ausgezeichnet.


Wir suchen für die Rubrik „Gro­ße klei­ne Spra­che“ Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die Lust haben, ihre „klei­ne“ Spra­che mit unse­rem Fra­ge­bo­gen vor­zu­stel­len. Wenn du dich ange­spro­chen fühlst, mel­de dich ger­ne unter redaktion@tralalit.de.


3 Comments

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  1. 2
    Charlotte

    span­nen­des Inter­view und gute Lite­ra­tur­tipps! Im nächs­ten Urlaub lese ich auf jeden Fall was von den Färö­ern ☺️

  2. 3
    Lena Leimgruber Haraldsson

    Sehr span­nend! Ich hof­fe, dass es bald mehr Über­set­zun­gen gibt – beson­ders Bei­nir Berg­s­sons natur­poe­ti­sche Bei­trä­ge über que­e­re Lie­be wür­de ich sehr ger­ne lesen!

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