Das Übersetzen von Erotikliteratur ist eine ganz besondere Herausforderung. Nicht nur erfordert die Arbeit mit zum Teil tabuisierten Themen ein hohes Maß an Sensibilität, auch kann sie sich manchmal erschreckend persönlich anfühlen. So kann das eigene Verhältnis zum Text zu einem Balanceakt zwischen Einfühlung und Distanzierung werden.
Um mich überhaupt mit Erotikliteratur jenseits von „Guilty Readings“ auseinanderzusetzen, brauchte es einen Impuls von außen: Pornpoetik, ein Seminar von Madita Oeming, hat meine Perspektive auf Erotikcontent nachhaltig verändert und mir vor allem gezeigt, dass und wie es möglich ist, mit anderen in einen Austausch zu treten, der weder unangenehm oder schambesetzt ist noch erzwungen wirkt. Bis dahin war mir nicht bewusst, wie sehr ich Erotik und Sex in einem ausschließlich privaten Raum und damit in der Regel in Bezug zu mir selbst verortet, so aber die gesellschaftlich-politische Dimension immer nur sehr eingeschränkt mitgedacht habe.
Zu einer solchen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Dimensionen von Erotik lädt der Kurzgeschichtenwettbewerb „Het Rode Oor“ (wörtlich „das rote Ohr“) des belgischen Kulturhaus deBuren ein – ein Format, das mich erst privat begeistert und schließlich für ein Praktikum nach Brüssel gelockt hat. Als Teil der Vor-Jury war ich dort plötzlich mit einer Vielzahl niederländischer Erotiktexte konfrontiert – und musste in den Diskussionen feststellen, wie schwer es mir fiel, Eindrücke und Gedanken in einer anderen Sprache auszudrücken. An vielen Stellen fehlte schlicht das niederländische Vokabular, um über die Texte sprechen zu können, aber auch mit Deutsch als Vergleichsfolie fiel mir auf, wie wenig gesellschaftlich verhandelte Sprechmuster es überhaupt gibt, um über Erotik und Sex zu sprechen – meine „Sprachlosigkeit“ sich also nicht nur auf eine Fremdsprache bezog.
Die ersten Versuche, zunächst nur für mich niederländische Sequenzen aus erotischer Literatur ins Deutsche zu übertragen, waren nicht nur sehr anspruchsvoll, sondern auch extrem inspirierend. Denn oft führen kniffelige Textstellen genau zu den richtigen Fragen: Warum empfinde ich viele Ausdrücke im Deutschen schneller als vulgär? Wieso hören sich manche Begriffe für das männliche Geschlechtsteil deutlich gewohnter an als für das weibliche? Wieso ist die Grenze zwischen „Sexy!“ und „Gives me the ick.“ so schmal und wie verschiebt sie sich im Sprachwechsel? Wie viel verraten sexuell aufgeladene Begriffe in einer Sprache über die Gesellschaft(en), in der sie verwendet wird (und deren Geschichte)? Inwieweit habe ich als Übersetzerin eine politische Verantwortung in Bezug auf die Verwendung von Sprache?
Aus dieser Erfahrung und mithilfe vieler toller Menschen entstand die erste Idee für „Rote Ohren“: ein deutsch-niederländisches Übersetzungs- und Ausstellungsprojekt, das ich 2024 als Kooperation zwischen deBuren und der Universität Münster leiten durfte und in dessen Rahmen zwölf Kurzgeschichten aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt, eingesprochen und in einem Café ausgestellt wurden.
Eine besondere Möglichkeit für alle Übersetzer:innen des Projekts, sich über Herausforderungen, individuelle Strategien und Denkanstöße im Kontext von Erotikübersetzung auszutauschen, boten zwei Übersetzungsateliers, die wir zusammen mit Lisa Mensing als Teil des Rote Ohren-Projekts organisiert haben. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit Registerfragen, möglichen Konnotationen und sprachlichen Nuancen war nicht nur sehr produktiv, sondern half dabei, die eigene Wahrnehmung für Übersetzungsentscheidungen und mögliche Alternativen zu schärfen. Gleichzeitig war schon die Tatsache, als Gruppe in einem Café zu sitzen und gemeinsam zu überlegen, ob für „Tepels“ eher „Brustwarzen“ oder „Nippel“ verwendet werden sollte, für die meisten von uns eine neue und bereichernde Erfahrung.
Für das Projekt habe ich selbst drei Texte übersetzt, die sich dem Thema Erotik alle sehr unterschiedlich nähern und mich somit auch vor sehr unterschiedliche Herausforderungen gestellt haben. Die Geschichte „Myzelium“ (nl. „Mycelium“) von Olga Ponjée hat mich direkt fasziniert und vor allem auch mit der Frage konfrontiert, was einen Text denn eigentlich zu einem Erotiktext macht. In dieser Kurzgeschichte kommt es zu einer Art Mensch-Pilz-Symbiose, die durch den Einsatz sinnlicher Sprache für Lesende erfahrbar wird:
Een dikke laag schimmel die zich rond gebroken meubels heeft geweven, gebarsten spiegels, met half doorzichtige uitlopers richting de lage balken reikt. Hier en daar zie ik zaadlichamen die uit de gevlokte bodem opbloeien als boeketten; stengels zo lang als mijn onderarm, gekroond met grillige, paarsblauwe hoeden.
Über zerbrochene Möbel und zersprungene Spiegel hat sich eine dicke Schimmelschicht gelegt, deren halbdurchsichtige Ausläufer bis zu den niedrigen Balken reichen. Hier und da sehe ich Sporenständer, die auf dem pelzigen Teppich kleine Sträuße bilden; Stiele so lang wie mein Unterarm, geschmückt mit seltsamen kobaltblauen Hüten.
Wie sich sexuelle Implikationen selbst in die Beschreibung von Schimmel einfügen können, lässt sich gut an den Sporenständern (bzw. „Zaadlichamen“) mit Hüten nachvollziehen. Für die deutsche Übersetzung habe ich mich an dieser Stelle für einen Begriff aus dem Wortfeld „Pilze“ entschieden, der trotzdem die Idee eines Phallus zulässt. Während bei der Recherche für „Myzelium“ vor allem naturwissenschaftliche Quellen dienten, führte mich die Übersetzung von „Stimmgabeln“ (nl. „Stemvorken“) auf ganz andere Wege. Die Kurzgeschichte von Leonore Spee, die ich zusammen mit Christine Koopmann übersetzt habe, thematisiert den Einfluss von Male Gaze Pornos auf die Entwicklung weiblicher Sexualität und Queer Awakening:
De brunette opent langzaam haar benen, terwijl de blondine tegelijkertijd de beide rode rokjes omhoogduwt. Twee zachte, zwarte tapijtjes verschijnen.
Die Brünette spreizt langsam ihre Beine, während die Blondine beide Kleider zugleich hochschiebt. Schwarze Wolle kommt zum Vorschein.
Da eine Verniedlichungsform von Teppichen (s. im Nl. „tapijtjes“) im Deutschen deutlich markierter wäre, haben wir uns nach langer Suche (und Befragungen von Freund:innen) für „Wolle“ entschieden. Im Vergleich zu beispielsweise „Flaum“ – ein Begriff, dem ich in der Erotikliteratur viel begegnet bin – bringt diese keine spezielle Konnotation mit sich. Gerade bei sexuell expliziten sowie anatomischen Formulierungen können sprachspezifische Idiomatik oder kulturelle Codierungen eine große Rolle spielen. So wird im Niederländischen vulgäres Vokabular wie „neuken“ tendenziell häufiger oder auch beiläufiger in Alltagssituationen verwendet als das deutsche Äquivalent „ficken“ (bzw. „vögeln“). In „Star“ (nl. „Staar”), einer Kurzgeschichte von Tülin Erkan, kommt körperlichem Empfinden eine ganz besondere Rolle zu. Da sie vom Sex als blinde Person handelt, rückt mit dem Wegfallen der visuellen Eindrücke das Fühlen mehr in den Fokus.
Je torent naakt boven me uit, je dijen rondom de mijne geklemd en fluistert, ‘luister, het schemert.’
Du thronst nackt über mir, umklammerst meine Schenkel mit deinen und flüsterst: „Hör mal, es dämmert.“
Was beim Übersetzen von Handlungen aus dem Niederländischen, vor allem in Bezug auf Körper, häufig auffällt, ist eine Neigung zu Übergenauigkeit. So wird in der niederländischen Formulierung „je dijen rondom de mijne geklemd“ die genaue Positionierung der Beine stärker betont, als in dem deutschen „du umklammerst meine Schenkel“.
Bei „Rote Ohren“ bezieht sich das Übersetzen allerdings nicht nur auf den Sprachwechsel zwischen Niederländisch und Deutsch, sondern auch auf das Übertragen von einem Medium ins andere. Im Auditiven treten die Stimme und Körperlichkeit der Sprechenden in den Vordergrund und untermalen je individuell die Erzählung, was wiederum auch die Rezeption beeinflusst.
Wie sich ein Text konkret in der Audio-Umsetzung verändern kann und welche Rolle dabei die Stimme spielt, kann auf der Seite von deBuren unter „Het Rode Oor“ entdeckt werden: https://deburen.eu/rote-ohren
