Kar­tie­rung einer Geisterstadt

„Brandung“, der neue Roman der französischen Schriftstellerin Maylis de Kerangal, erzählt mit einer Synchronsprecherin als Ich-Erzählerin und einer Stadt als Protagonistin von einem Mordfall, der Fragen aufwirft. Andrea Spingler hat ihn übersetzt. Von

Riss in einer Betonplatte.
Beton als Motiv. © Zoshua Colah via Unsplash.

Der Begriff der Lit­té­ra­tu­re du bitu­me, der „Beton-Lite­ra­tur“, hat sich im fran­zö­si­schen Lite­ra­tur­be­trieb spä­tes­tens seit den 1980er Jah­ren eta­bliert. Aus­ge­hend von Schlüs­sel­wer­ken wie Meh­di Charefs Le Thé au harem d’Ar­chimè­de (1983) oder Azouz Begags Le Gone du Chaâ­ba (1986) bezeich­net das Gen­re Erzäh­lun­gen, die aus dem Kon­text der Ban­lieue her­vor­ge­hen, jener cha­rak­te­ris­ti­schen Vor­städ­te, die den fran­zö­si­schen Metro­po­len, ins­be­son­de­re Paris, vor­ge­la­gert und die im öffent­li­chen Dis­kurs zumeist als Räu­me sozia­ler Aus­gren­zung, staat­li­cher Gewalt und post­mi­gran­ti­scher Erfah­rung codiert sind. Der Beton steht in den Tex­ten die­ses Gen­res nicht nur für die bild­prä­gen­den Hoch­haus­sied­lun­gen, die im Zuge der sozia­len Woh­nungs­bau­po­li­tik der 1960er Jah­re ent­stan­den, son­dern ver­weist viel­mehr auf ein kom­ple­xes Gefü­ge aus gebau­tem Raum, sozia­ler Erfah­rung und Macht­ver­hält­nis­sen, in dem Archi­tek­tur nicht bloß Kulis­se bleibt, son­dern sich in Kör­per, Spra­che und Wahr­neh­mung einschreibt:

Il [= le béton] est par­tout pré­sent, pesant, dans les ges­tes, dans la voix, dans le lan­ga­ge, jusqu’au fond des yeux, jusqu’au bout des ongles […]. À jamais. Il suit par­tout com­me une ombre. (Charef, Meh­di: Le Thé au harem d’Archimède, Mer­cu­re de France: Paris, 1983, S. 58).

Beton ist über­all gegen­wär­tig, gewich­tig, in den Ges­ten, in der Stim­me, in der Spra­che, bis auf den Grund der Augen, bis in die Fin­ger­spit­zen […]. Für immer. Er ver­folgt einen über­all hin, wie ein Schat­ten. (Über­set­zung A. K.).

Auch Bran­dung, der neue Roman von May­lis de Ker­angal, die in Frank­reich längst zu den prä­gen­den Stim­men der Gegen­warts­li­te­ra­tur zählt, lie­ße sich als Beton­ro­man beschrei­ben. Auch hier wer­den Fra­gen sozia­ler Ungleich­heit, Kri­mi­na­li­sie­rung und Kon­trol­le berührt; die sozia­len und räum­li­chen Koor­di­na­ten der Ban­lieue-Lite­ra­tur über­nimmt der Roman jedoch nicht. Viel­mehr löst er aus ihr das prä­gen­de Motiv her­aus und ent­wirft dar­aus eine ver­wand­te, aber anders gela­ger­te Poe­tik, die nicht in den Hoch­haus­sied­lun­gen der fran­zö­si­schen Vor­städ­te ansetzt, son­dern Le Hav­re als Schau­platz wählt, jene Stadt an der Küs­te des Ärmel­ka­nals, die von die­sem Mate­ri­al geprägt ist wie kei­ne andere.

Nach der fast voll­stän­di­gen Zer­stö­rung Le Hav­res im Zwei­ten Welt­krieg wur­de das Zen­trum der Stadt nicht nach altem Vor­bild rekon­stru­iert, son­dern unter Lei­tung Augus­te Per­rets radi­kal neu geplant. Per­ret, in des­sen Büro auch Le Cor­bu­si­er zeit­wei­se gear­bei­tet hat­te, setz­te auf ein kla­res Ras­ter, seri­el­le For­men und Beton als bestim­men­des Mate­ri­al des neu­en Stadt­bil­des und schuf damit eines der bekann­tes­ten Bei­spie­le fran­zö­si­scher Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur. Bei de Ker­angal wird die­se Archi­tek­tur nicht als Tri­umph des Neu­an­fangs les­bar, son­dern als Form, in der ein Ver­lust fortbesteht:

[L’] archi­tec­tu­re nous dit quel­que cho­se qui n’est pas la Recon­s­truc­tion, ni la Renais­sance, la Répa­ra­ti­on, tout ce qui com­mence par re […], non, elle est la trace maté­ri­el­le de ce qui a dispa­ru, elle nous rap­pel­le que not­re ville est han­tée : il y avait une aut­re ville avant, voi­là ce qu’elle nous raconte.

Die Archi­tek­tur sagt uns etwas, was nicht Wie­der­auf­bau, Wie­der­ge­burt oder Wie­der­gut­ma­chung ist, all das, was mit Wie­der beginnt, […], nein, sie ist die mate­ri­el­le Spur des­sen, was ver­schwun­den ist, sie erin­nert uns dar­an, dass unse­re Stadt gezeich­net ist, vor­her gab es hier eine ande­re Stadt, das erzählt uns die Architektur.

Beton, das ist bei de Ker­angal kein Pathos der Moder­ne, son­dern das Mate­ri­al einer Abwe­sen­heit: ein Stoff, in dem sich die zen­tra­len The­men von Bran­dung ver­dich­ten – Erin­ne­rung, Ver­lust und die gespens­ti­sche Prä­senz der Vergangenheit.

Die unmit­tel­ba­re Hand­lung bleibt in Bran­dung, das im Fran­zö­si­schen unter dem Titel Jour de res­sac bereits 2024 bei Gal­li­mard erschien, auf bei­na­he pro­vo­kan­te Wei­se redu­ziert: Sie umfasst kaum mehr als vier­und­zwan­zig Stun­den und läuft auf wenig äuße­res Gesche­hen hin­aus. Eine namen­lo­se Frau in ihren spä­ten Vier­zi­gern, die mit Toch­ter und Part­ner ein eher unschein­ba­res Pari­ser Groß­stadt­le­ben führt, erhält einen Anruf von einem Poli­zei­kom­mis­sar aus ihrer Hei­mat­stadt Le Hav­re, zu der sie jeg­li­chen Bezug ver­lo­ren hat. Am Strand wur­de ein Toter gefun­den; in sei­ner Hosen­ta­sche ein zer­knit­ter­tes Kino­ti­cket, auf dem ihre Han­dy­num­mer notiert ist. Auf den ers­ten Blick scheint es kei­ner­lei Ver­bin­dung zu geben zwi­schen der Ich-Erzäh­le­rin und dem unbe­kann­ten Toten. Doch mit der Ankunft der unfrei­wil­li­gen Kron­zeu­gin in der Hafen­stadt beginnt eine Suche nach Ant­wor­ten, die sich auf knapp 250 Sei­ten und über ver­schie­de­ne Zeit­ebe­nen hin­weg ent­fal­ten wird. Die Fra­ge nach dem Tat­her­gang und einer viel­leicht doch exis­tie­ren­den Bezie­hung zwi­schen der Erzäh­le­rin und dem Toten bleibt bestehen, ist aber bald nicht mehr die ein­zi­ge – und viel­leicht nicht ein­mal die dringlichste.

Die Über­set­zung weist den glei­chen unver­wech­sel­ba­rer Stil auf, wie de Ker­angals Leser*innen ihn bereits aus Vor­gän­ger­ro­ma­nen wie Wei­ter nach Osten (2024) oder dem Erzähl­band Kanus (2023), bei­de eben­falls in der Über­set­zung von Andrea Spin­gler bei Suhr­kamp erschie­nen, ken­nen: eine Form der Intro­spek­ti­on, die weni­ger auf psy­cho­lo­gi­sche Aus­deu­tung als auf die prä­zi­se Beschrei­bung von Bewe­gung und Wahr­neh­mung, Erin­ne­rung und Asso­zia­ti­on zielt. Ihre Sät­ze fol­gen einer Logik der Ver­ket­tung; sie rei­hen Ein­drü­cke, Gedan­ken­split­ter und mini­ma­le Ver­schie­bun­gen des Bewusst­seins anein­an­der, sodass selbst die unmit­tel­bar erzähl­te Gegen­wart dabei nie als rei­ne Gegen­wart, son­dern ledig­lich als palim­psest­ar­ti­ge Über­la­ge­rung ver­schie­de­ner Zeit- und Bedeu­tungs­schich­ten ver­füg­bar wird:

Com­me la plu­part des gens, je pré­fè­re les balades en cir­cuit qui débou­clent un péri­ple à cel­les qui ral­li­ent un point fixe puis exi­gent de fai­re demi-tour et de reb­rous­ser che­min. La pro­me­na­de de la digue appar­tient évi­dem­ment à la secon­de caté­go­rie mais off­re un bon kilo­mèt­re pour se désemb­rouil­ler le cer­ve­au, se lais­ser aller à la réfle­xi­on selon le prin­ci­pe du thin­king by wal­king que pra­ti­quent les flâ­neurs obli­ques, ceux qui con­ju­guent la ten­si­on mus­cu­lai­re, l’enchaînement des appuis et le ryth­me des jam­bes à la spé­cu­la­ti­on, inde­xent la gram­mai­re du corps sur cel­le de la pen­sée, et pour qui mar­cher con­sis­te pré­cis­é­ment à fai­re trot­ter ce que l’on a dans la tête. Sur la digue, l’aller enclen­cher­ait la décon­ges­ti­on de l’esprit – on bras­se la ques­ti­on, on l’oxygène, on la dép­lie à mesu­re que le pha­re s’élève dans la per­spec­ti­ve, haut de quin­ze mètres et cou­ron­né d’une lan­ter­ne rouge, de plus en plus tan­gi­ble, évi­dent, de plus en plus détail­lé aus­si –, tan­dis que le retour, invers­ant le point de vue, pren­drait la réa­li­té à rebours pour fai­re appa­raît­re sinon une répon­se, du moins une aut­re for­mu­la­ti­on, l’art de reve­nir sur ses pas.

Wie die meis­ten Men­schen zie­he ich Rund­gän­ge, die eine Rou­te öff­nen, den­je­ni­gen vor, die die zu einem fes­ten Punkt füh­ren, an dem man kehrt­ma­chen und den­sel­ben Weg zurück­ge­hen muss. Der Spa­zier­gang auf der Mole gehört natür­lich zur zwei­ten Kate­go­rie, bie­tet aber einen guten Kilo­me­ter, um das Hirn zu ent­wir­ren, sich den Gedan­ken zu über­las­sen gemäß dem Prin­zip des thin­king by wal­king, das die Fla­neu­re prak­ti­zie­ren, wenn sie Mus­kel­span­nung, Gewichts­ver­la­ge­rung und Rhyth­mus der Bei­ne mit der Spe­ku­la­ti­on ver­ei­nen, die Gram­ma­tik des Kör­pers an die des Den­kens kop­peln, und für die Gehen dar­in besteht, das, was man im Kopf hat, in Bewe­gung zu brin­gen. Der Hin­weg auf der Mole soll den Geist ent­las­ten – man rührt die Fra­ge auf, man belüf­tet sie, man ent­fal­tet sie, je deut­li­cher sich vor den Augen der Leucht­turm erhebt, fünf­zehn Meter hoch und von einer roten Later­ne gekrönt, immer greif­ba­rer, kla­rer, auch immer detail­lier­ter –, wäh­rend der Rück­weg, der die Per­spek­ti­ve umdreht, die Rea­li­tät gegen den Strich betrach­ten soll, um, wenn nicht eine Ant­wort, so zumin­dest eine ande­re For­mu­lie­rung her­bei­zu­füh­ren: die Kunst umzu­keh­ren.

Was im Fran­zö­si­schen als syn­tak­ti­scher Fluss trägt, droht im Deut­schen rasch in eine Schwer­fäl­lig­keit der Ver­schach­te­lung umzu­schla­gen: Ana­lo­ge Neben­satz­struk­tu­ren, Rela­tiv­sät­ze und Ein­schü­be, wie die zitier­te Pas­sa­ge sie nahe­legt, könn­ten zen­tra­le Infor­ma­tio­nen ans Satz­en­de ver­schie­ben und die Bewe­gung der Pro­sa ent­spre­chend beschwe­ren. Andrea Spin­gler begeg­net die­sem Risi­ko mit bemer­kens­wer­ter Genau­ig­keit. Sie glät­tet de Ker­angals lan­ge Satz­be­we­gun­gen nicht, baut sie aber auch nicht mecha­nisch nach; viel­mehr über­führt sie deren Rhyth­mus in ein Deutsch, das Prä­zi­si­on und Schwe­be, erzäh­le­ri­sche Fort­be­we­gung und intro­spek­ti­ve Deh­nung glei­cher­ma­ßen bewahrt.

Die­se Kunst der Annä­he­rung zeigt sich bereits im Titel: Bran­dung ent­spricht kei­nes­wegs schlicht dem fran­zö­si­schen res­sac, son­dern fin­det eine eige­ne Lösung für ein Wort, das Rück­strom, Wie­der­kehr und Nach­hall zugleich auf­ruft. Auch dort, wo das Deut­sche kei­ne deckungs­glei­che Ent­spre­chung bereit­hält, wider­steht Spin­glers Über­set­zung der Ver­su­chung, para­phras­tisch abzu­si­chern. Sie hält Bedeu­tun­gen offen, ohne sie zu ver­un­klä­ren, und bewahrt so den eigen­tüm­li­chen Sog von de Ker­angals Pro­sa: eine Syn­tax, die sich dehnt und ver­zweigt, ohne ihre Bewe­gung voll­stän­dig preiszugeben.

Neben die­ser Her­aus­for­de­rung des Erzähl­stils stellt sich der Über­set­zung eine zwei­te, weni­ger augen­fäl­li­ge Auf­ga­be im Bereich der Form: Sie muss der dis­kre­ten Selbst­re­fle­xi­vi­tät des Romans gerecht wer­den. Bran­dung ist durch­zo­gen von meta­tex­tu­el­len Spie­ge­lun­gen, Wort­spie­len und mise-en-aby­me-Effek­ten, ohne die­se je vor­der­grün­dig aus­zu­stel­len. Sie bil­den eine Art zwei­te Ord­nung des Tex­tes, die ihre Wir­kung gera­de aus ihrer Zurück­hal­tung bezieht: prä­sent genug, um die Lek­tü­re zu ver­schie­ben, aber doch nie so deut­lich mar­kiert, dass sie sich zu einem Deu­tungs­pro­gramm ver­fes­tig­te – auch hier liegt die Poin­te nicht in der Auf­lö­sung, son­dern in der kon­trol­lier­ten Offen­heit der Bezüge.

Die Prot­ago­nis­tin tritt in vie­ler­lei Hin­sicht als Dou­ble der Autorin auf (wie die fran­zö­si­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Anne-Marie Pail­let in einer Ana­ly­se des Romans schreibt). Dass sie als Syn­chron­spre­che­rin arbei­tet, ist in die­sem Zusam­men­hang weder Zufall, noch blo­ße bio­gra­phi­sche Ein­zel­heit: Sie leiht buch­stäb­lich frem­den Stim­men ihren Kör­per und lebt von einer Kunst der nach­träg­li­chen Ver­kör­pe­rung. Ihr Part­ner wie­der­um ist Dru­cker und damit auf der Sei­te der mate­ri­el­len Schrift, der Repro­duk­ti­on, des Abdrucks ver­or­tet. Ent­schei­dend ist, dass der Roman die­se Moti­ve nicht bloß deko­ra­tiv ein­setzt: Die Tra­gik des gesam­ten Plots ist letzt­end­lich immer in einem Moment der kom­mu­ni­ka­ti­ven Nach­zei­tig­keit ange­legt, steht im Zei­chen einer gestör­ten, ver­spä­te­ten oder ersetz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on. Der Tote, des­sen Spur die Erzäh­le­rin nach Le Hav­re zurück­führt, scheint ihr, wie sie selbst fest­hält, „etwas zu sagen“ gehabt zu haben. Doch die­ses Sagen, auch im Sin­ne einer fina­len Auf­klä­rung, kommt nicht mehr zustan­de, kann viel­leicht über­haupt nie zustan­de kommen.

Die Erzäh­le­rin ver­liert unter­des­sen einen wich­ti­gen Auf­trag an eine K.I., weil deren Stim­me effi­zi­en­ter und kos­ten­güns­ti­ger ver­füg­bar ist. Die Fra­ge „habe ich schon gar kei­ne Stim­me mehr?“ kann hier nicht nur als beruf­li­che Krän­kung ver­stan­den wer­den, son­dern berührt das Zen­trum des Romans selbst. Auch der Part­ner, der „Akzi­den­zen“ druckt, wirkt in einer Gegen­wart digi­ta­ler Zir­ku­la­ti­on eigen­tüm­lich aus der Zeit gefal­len. Und selbst die ver­schwun­de­ne Jugend­lie­be gehört in die­se Ord­nung: eine Bezie­hung, die ohne Erklä­rung abbricht, eine Stim­me, die aus­setzt, eine Nach­richt, die nie ankommt. Der Reso­nanz­raum zwi­schen Schrei­ben und Spre­chen, Stim­me und Trä­ger, Ori­gi­nal und Repro­duk­ti­on wird fort­wäh­rend auf­ge­ru­fen, ohne dass der Roman dar­aus eine Theo­rie machte.

Hier lässt sich auch die Brü­cke zur Archi­tek­tur schla­gen: Wie Le Hav­re von einer ver­schwun­de­nen Stadt her gedacht ist, deren Abwe­sen­heit in der neu­en Stadt­form fort­be­steht, schöpft auch Bran­dung aus Leer­stel­len, Spu­ren und Über­la­ge­run­gen. Sei­ne Selbst­re­fle­xi­vi­tät liegt nicht an der Ober­flä­che, son­dern in der Kon­struk­ti­on: Das Feh­len­de, das Abwe­sen­de, das Ange­deu­te­te ist hier eben­so form­bil­dend wie das Sicht­ba­re. Für die Über­set­zung heißt das, ein Regis­ter zu fin­den, das die­se Ord­nung nicht ver­eindeu­tigt: Die Selbst­be­züg­lich­keit muss erkenn­bar blei­ben, ohne in Thea­tra­lik umzu­schla­gen. Der Witz der Spie­ge­lun­gen muss erhal­ten blei­ben, ohne durch Erklä­rung still­ge­stellt zu wer­den. Die Kon­struk­ti­on muss spür­bar sein, ohne zum Sche­ma zu gerinnen.

Il se reprend, rac­cord à la moder­ni­té, de plain-pied dans l’époque : on va pas se men­tir, vous n’êtes pas mau­vai­se, non, mais les voix de syn­thè­se simu­lent de mieux en mieux la paro­le humaine, le clo­na­ge vocal fait par­ler n’importe qui, dans n’importe quel­le lan­gue, avec n’importe quel accent, je dis ça pour vous, on res­su­s­ci­te aujourd’hui des voix légend­ai­res qui peu­vent enco­re rap­por­ter beau­coup ; braquée, je lui réponds de maniè­re absur­de et sans à‑propos que la pro­fes­si­on ne va pas se lais­ser fai­re, que la voix est une don­née bio­mé­tri­que et qu’elle est pro­té­gée, mais je suis à côté de la plaque, je joue en défen­se, je sais que c’est plié et d’ailleurs – suis-je déjà deve­nue apho­ne ? – il ne m’écoute pas, n’en a rien à fout­re, en roue lib­re à présent […].

Er ver­bes­sert sich, Anschluss an die Moder­ne, Augen­hö­he mit der Epo­che: Wir wol­len uns nichts vor­ma­chen, Sie sind nicht schlecht, nein aber die syn­the­ti­schen Stim­men simu­lie­ren das mensch­li­che Spre­chen immer bes­ser, durch Stim­men­klo­nen kann jeder in jeder Spra­che mit jedem Akzent spre­chen, ich sage das für Sie, man erweckt heu­te legen­dä­re Stim­men wie­der zum Leben, an denen man noch viel ver­die­nen kann; auf­ge­bracht ant­wor­te ich, absur­der- und unpas­sen­der­wei­se, dass der Berufs­stand sich das nicht gefal­len las­sen wird, dass die Stim­me eine bio­me­tri­sche Grö­ße ist und dass sie geschützt ist, aber ich lie­ge völ­lig dane­ben, ich bin auf Abwehr, ich weiß, dass es ent­schie­den ist, und außer­dem – habe ich schon gar kei­ne Stim­me mehr? – hört er mir nicht zu, hat damit nichts zu tun, ist jetzt im Leerlauf […].

Die auch hier erfor­der­li­che Sen­si­bi­li­tät zur Annä­he­rung betrifft schließ­lich nicht nur ein­zel­ne Wör­ter, syn­tak­ti­sche Bewe­gun­gen oder meta­tex­tu­el­le Fein­hei­ten, son­dern auch den kul­tu­rel­len Raum, aus dem der Roman sei­ne Bil­der bezieht. Le Hav­re ist in Bran­dung weit mehr als Schau­platz; die Stadt ist Figur, Wider­la­ger, viel­leicht sogar eigent­li­che Prot­ago­nis­tin. Gera­de des­halb stellt sie die Über­set­zung vor eine Schwie­rig­keit, die sich nicht auf den Wort­laut redu­zie­ren lässt. Für das Ima­gi­na­ri­um Le Hav­re – die fast voll­stän­di­ge Zer­stö­rung im Krieg, der Wie­der­auf­bau unter Augus­te Per­ret, das spe­zi­fisch fran­zö­si­sche Beton­ge­fühl der Nach­kriegs­mo­der­ne – gibt es im deutsch­spra­chi­gen Raum kein unmit­tel­ba­res Pendant.

Was der fran­zö­si­sche Text an kul­tu­rel­ler Erin­ne­rung auf­ruft, kann die deut­sche Über­set­zung also nicht ein­fach vor­aus­set­zen. Sie muss es ver­mit­teln, ohne es zu musea­li­sie­ren. Sie muss Le Hav­re fremd genug belas­sen, um sei­ne Eigen­lo­gik zu bewah­ren, und nah genug rücken, damit sei­ne affek­ti­ve Kraft les­bar wird. Nicht zufäl­lig ist das Kino eine der Leit­fi­gu­ren des Romans: „Le ciné­ma ne pré­sen­te pas seu­le­ment des images, il les entou­re d’un mon­de.“, schreibt Deleu­ze bekann­ter­ma­ßen in Kino 2; „Das Kino zeigt nicht nur Bil­der, es umgibt sie mit einer gan­zen Welt.“

Ähn­lich lie­ße sich auch die Auf­ga­be der Über­set­zung beschrei­ben. Sie über­trägt nicht bloß Bedeu­tun­gen, son­dern muss den Welt­zu­sam­men­hang mit­füh­ren, in dem die­se Bedeu­tun­gen les­bar wer­den, in die­sem Fall den Klang einer Stadt, ihre Archi­tek­tur, ihre Trüm­mer, ihre Nach­kriegs­phan­ta­sien, ihre Gespens­ter. Dass Andrea Spin­glers Über­set­zung gera­de die­se Umge­bung nicht erklärt, son­dern ent­ste­hen lässt, ist viel­leicht ihre unauf­fäl­ligs­te und zugleich ent­schei­den­de Leistung.


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