Vor gut einem Jahr, anlässlich eines weiteren TraLaLit-Jubiläums, erschien hier ein Manifest zum Thema Übersetzungskritik, in dem es darum ging, was wir mit diesem Magazin versuchen und erreichen wollen. Nun steckt die Literaturkritik mal wieder in einer Krise – oder ist sie schon wieder vorüber? – und womöglich auch die Übersetzungskritik, wenn sie denn überhaupt praktiziert würde.
Man könnte jetzt ausholen und noch einmal Revue passieren lassen, welche Debatten Denis Schecks unsachgemäße Entsorgung einiger Bücher ausgelöst hat, was daraufhin alles gesagt wurde und wie die Zukunft der Literaturkritik aussehen mag. Sigrid Löffler hat sich dazu bereits vor ein paar Jahren geäußert: Sie ist sich sicher, dass die „unabhängige Urteilsfähigkeit [eines Kritikers] heute sogar nötiger denn je ist – vor allem als Markt-Korrektiv“. Und überhaupt würde es die Zielgruppe („den anspruchsvollen, wählerischen Konsumenten“) weiterhin geben. Wer das liest, dürfte einen Verdacht hegen, warum die Literaturkritik nicht mehr so ernst genommen wird wie vor dem Internetzeitalter.
Die Krise der Literaturkritik, ausgelöst durch die Angst vor dem Verlust der eigenen Deutungshoheit und Relevanz, dauert an. Schuld daran, liest man vielerorts, ist primär das Internet, denn dank diesem können sich alle jederzeit zu allem äußern. Der größte Feind der Literaturkritik seien laut Löffler demnach also all die „selbstermächtigten Hobby-Kritiker“, deren Werturteile höchst subjektiv und manchmal etwas undifferenziert daherkommen, und sich somit eigentlich gar nicht so sehr von denen eines Denis Scheck unterscheiden. Das Problem ist nur: Jetzt haben diese Hobby-Kritiker:innen eine größere Reichweite und ein größeres Publikum als so manche „professionellen“. Vielleicht ist die Krise also doch real.
Wo man auch hinschaut, wird das Feuilleton reduziert oder gar eingestellt (erst kürzlich wurde eine Programmreform vom Deutschlandfunk angekündigt). Von der Literaturkritik allein konnte ohnehin fast niemand leben, heute noch weniger. Allgemein bekannt ist außerdem, dass das Feuilleton nur noch in Ausnahmefällen Auswirkungen auf Buchverkäufe hat, also tatsächlich an Relevanz innerhalb der Buchbranche verliert. Knut Cordsen ist zwar auf BookTok erfolgreich, trauert aber auch der klassischen Literaturkritik nach. Im Interview sagt er wehmütig: „Das, was Literaturkritik im strengen Sinne einmal gewesen ist und wofür, glaube ich, viele von uns nach wie vor brennen, spielt sich mittlerweile in einem sehr nischigen Milieu ab.“
Und womöglich war die Schere zwischen genau dieser Nische und dem, was Leser:innen – von denen es gar nicht so wenige gibt, schließlich ist Lesen im Trend! – tatsächlich konsumieren, noch nie so groß wie heute. Viele Literaturkritiker:innen mögen sich angesichts der ständig neu auftauchenden Genres wie Romantasy oder Mafia-Fantasy, die oft pauschal als Schrott abgetan werden, grämen. Aber wen interessiert das schon? Sicherlich nicht die Leser:innen, die die Buchmessen bevölkern und in anderen Formaten und auf anderen Plattformen als dem klassischen Feuilleton über ihre Literatur disktuieren. Und schon gar nicht die Verlage, die mit dem Umsatz durch diese Genres ihr eigentliches „Literatur“-Programm finanzieren.
Auch in der Übersetzungsszene fällt es schwer, mit dieser Dynamik umzugehen: Bookstagrammer:innen sind zwar mitunter besser darin, Übersetzungsleistungen zumindest zu erwähnen, wenn nicht gar explizit zu würdigen. Aber was zählt das schon im Vergleich zu einem Ritterschlag durch das altehrwürdige Feuilleton? Wer ernst genommen werden will, sehnt sich nach diesem Gütesiegel. Das Feuilleton scheint das herzlich wenig zu interessieren. Es ist nach wie vor erstaunlich wenig sprechfähig, wie auf einigen wenigen Buchmesse-Veranstaltungen zu dem Thema deutlich wurde. Aber man ist ja auch primär mit dem eigenen Untergang beschäftigt.
Unser 2018 gegründetes Magazin TraLaLit erscheint vor dem Hintergrund all dieser Debatten wie eine Art Hybrid. Innerhalb des nischigen Milieus gibt es sozusagen eine Neben-Nische, in der sich Leute nicht nur mit Literatur, sondern auch mit Übersetzung beschäftigen. Dieser Fokus ist aus genannten Gründen nach wie vor sehr speziell. Gleichzeitig ist TraLaLit natürlich auch ein Produkt des Internets: Wir haben uns vor vielen Jahren schließlich selbst dazu ermächtigt, über Übersetzungen zu schreiben und Rezensionen zu veröffentlichen. In diesem Bereich gab es wenig Konkurrenz. Aber selbst wenn es sie gegeben hätte, hätten wir das sehr wahrscheinlich trotzdem einfach gemacht, ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen – weil das Internet die Literaturkritik demokratisiert hat und die Grenzen zwischen polemischem Leseurteil und fundierter Kritik schon seit Langem verschwimmen. Daran hat die Literaturkritik übrigens selbst auch ihren Anteil.
Prinzipiell sind wir also Teil des Nischenmilieus, das die Literaturkritik nicht nur am Leben erhalten möchte, sondern daran irgendwie auch Spaß hat. Wenn schon nicht im Feuilleton über Übersetzungen geschrieben wird, dann eben bei uns (und das mit einer Reihe von Gastautor:innen, die sich erstaunlicherweise fürs Übersetzen interessieren!). Dabei sind gerade die Rezensionen in unserem Magazin das kontroverseste Format. Leicht kritische Besprechungen – von Verrissen sei hier noch gar nicht einmal die Rede, solche erscheinen ohnehin nicht besonders oft – sorgen hin und wieder für erboste Leserbriefe, deren „Kritik“ nicht nur deutlich unsachlicher als die Rezension ist, sondern in denen uns auch Unsolidarität und Rufschädigung innerhalb der Übersetzungsszene unterstellt wird.
Man könnte meinen, alle wären glücklicher, wenn wir nur noch Porträts, Interviews und Werkstattberichte veröffentlichen würden, so wie es im Feuilleton mittlerweile üblich ist. Aber dafür gibt es andere Plattformen mit anderen Zielen. Die Rezension ist so kontrovers, weil es natürlich unbequem ist, wenn die eigene Arbeit öffentlich unter die Lupe genommen wird. Und vielleicht gibt es unter den Übersetzer:innen einige, die nicht sichtbar sein wollen – zumindest nicht auf diese Art. Vielleicht hilft eine Rückbesinnung auf das, was Rezensionen sind: eine Analyse und Bewertung eines Buchs. Die Wertung ist rein subjektiv, aber im Idealfall nicht unfundiert. Buchbesprechungen, die sich vor einem Urteil scheuen, sind keine Besprechungen. Und nicht nur das: sie sind vor allem auch ziemlich langweilig.
Bei Urteilen über Übersetzungen wird oft das Argument vorgebracht, man habe nicht verstanden, wie viel Arbeit dahinterstecke und welche Intention die Übersetzenden verfolgten. Dass Übersetzende für wenig Geld viel arbeiten, ist jedoch Stoff für andere Textformate. In Rezensionen spielt die Intention der Übersetzenden kaum eine Rolle, sondern die Wirkung des Textes auf die jeweilige Rezensentin. Und nach wie vor ist die Literaturkritik zumindest in Teilen noch unabhängig genug, um sich das eigene Urteil nicht von der Autorin oder dem Autor oder gar vom Verlag diktieren zu lassen. Warum sollte das in der Übersetzungskritik anders sein?
Zudem sind Rezensionen weder wissenschaftliche Abhandlungen noch Hausarbeiten, die sich über Wochen in der Entstehung befinden. Es kann daher nicht der Anspruch sein, dass jede noch so kleine Nuance der Übersetzung berücksichtigt werden muss, damit eine Rezension als Übersetzungskritik gelten darf. Welche Aspekte besprochen werden und welche nicht, obliegt den Rezensent:innen.
Wenn die Übersetzungskritik auch woanders einen gängigen Platz hätte, würden negative Besprechungen auf TraLaLit deutlich weniger Interesse oder Entrüstung hervorrufen. Die Frage nach der sprachlichen Qualität einer Übersetzung findet in einem immer enger geschnürten Feuilleton nur selten Raum. Und daran wird sich ohne Druck von allen Seiten, vor allem aber der Lesenden, wenig ändern. Welche Rolle das klassische Feuilleton in ein paar Jahren spielen wird, will dieser Text nicht orakeln. Ich persönlich würde auf all die Hobby-Kritiker:innen und Leser:innen setzen, die das Buchgeschäft aktuell am Leben halten.
Denis Scheck hat übrigens neulich in einem sehr unterhaltsamen Interview in der FAZ verkündet: „Kritik ist ein Instrument zur Verbesserung der Welt.“ Nur um kurz darauf zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu differenzieren, nicht dass seine Arbeit noch an dieser Aussage gemessen wird. Am Ende kann man es als Kritiker:in wohl ohnehin niemandem recht machen.
