Schön kri­tisch

Die Krise der Literaturkritik hält an: Redaktionen schrumpfen, Rezensionen schwinden zusehends, Übersetzungen kommen ohnehin kaum vor. Aber immerhin gibt es uns! Von

„Der heilige Hieronymus in seinem Arbeitszimmer“ von Domenico Ghirlandaio, 1480. Quelle: WikiCommons.

Vor gut einem Jahr, anläss­lich eines wei­te­ren TraLaLit-Jubi­lä­ums, erschien hier ein Mani­fest zum The­ma Über­set­zungs­kri­tik, in dem es dar­um ging, was wir mit die­sem Maga­zin ver­su­chen und errei­chen wol­len. Nun steckt die Lite­ra­tur­kri­tik mal wie­der in einer Kri­se – oder ist sie schon wie­der vor­über? – und womög­lich auch die Über­set­zungs­kri­tik, wenn sie denn über­haupt prak­ti­ziert würde.

Man könn­te jetzt aus­ho­len und noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen, wel­che Debat­ten Denis Schecks unsach­ge­mä­ße Ent­sor­gung eini­ger Bücher aus­ge­löst hat, was dar­auf­hin alles gesagt wur­de und wie die Zukunft der Lite­ra­tur­kri­tik aus­se­hen mag. Sig­rid Löff­ler hat sich dazu bereits vor ein paar Jah­ren geäu­ßert: Sie ist sich sicher, dass die „unab­hän­gi­ge Urteils­fä­hig­keit [eines Kri­ti­kers] heu­te sogar nöti­ger denn je ist – vor allem als Markt-Kor­rek­tiv“. Und über­haupt wür­de es die Ziel­grup­pe („den anspruchs­vol­len, wäh­le­ri­schen Kon­su­men­ten“) wei­ter­hin geben. Wer das liest, dürf­te einen Ver­dacht hegen, war­um die Lite­ra­tur­kri­tik nicht mehr so ernst genom­men wird wie vor dem Internetzeitalter.

Die Kri­se der Lite­ra­tur­kri­tik, aus­ge­löst durch die Angst vor dem Ver­lust der eige­nen Deu­tungs­ho­heit und Rele­vanz, dau­ert an. Schuld dar­an, liest man vie­ler­orts, ist pri­mär das Inter­net, denn dank die­sem kön­nen sich alle jeder­zeit zu allem äußern. Der größ­te Feind der Lite­ra­tur­kri­tik sei­en laut Löff­ler dem­nach also all die „selbst­er­mäch­tig­ten Hob­by-Kri­ti­ker“, deren Wert­ur­tei­le höchst sub­jek­tiv und manch­mal etwas undif­fe­ren­ziert daher­kom­men, und sich somit eigent­lich gar nicht so sehr von denen eines Denis Scheck unter­schei­den. Das Pro­blem ist nur: Jetzt haben die­se Hobby-Kritiker:innen eine grö­ße­re Reich­wei­te und ein grö­ße­res Publi­kum als so man­che „pro­fes­sio­nel­len“. Viel­leicht ist die Kri­se also doch real. 

Wo man auch hin­schaut, wird das Feuil­le­ton redu­ziert oder gar ein­ge­stellt (erst kürz­lich wur­de eine Pro­gramm­re­form vom Deutsch­land­funk ange­kün­digt). Von der Lite­ra­tur­kri­tik allein konn­te ohne­hin fast nie­mand leben, heu­te noch weni­ger. All­ge­mein bekannt ist außer­dem, dass das Feuil­le­ton nur noch in Aus­nah­me­fäl­len Aus­wir­kun­gen auf Buch­ver­käu­fe hat, also tat­säch­lich an Rele­vanz inner­halb der Buch­bran­che ver­liert. Knut Cord­sen ist zwar auf Book­Tok erfolg­reich, trau­ert aber auch der klas­si­schen Lite­ra­tur­kri­tik nach. Im Inter­view sagt er weh­mü­tig: „Das, was Lite­ra­tur­kri­tik im stren­gen Sin­ne ein­mal gewe­sen ist und wofür, glau­be ich, vie­le von uns nach wie vor bren­nen, spielt sich mitt­ler­wei­le in einem sehr nischi­gen Milieu ab.“

Und womög­lich war die Sche­re zwi­schen genau die­ser Nische und dem, was Leser:innen – von denen es gar nicht so weni­ge gibt, schließ­lich ist Lesen im Trend! – tat­säch­lich kon­su­mie­ren, noch nie so groß wie heu­te. Vie­le Literaturkritiker:innen mögen sich ange­sichts der stän­dig neu auf­tau­chen­den Gen­res wie Roman­t­a­sy oder Mafia-Fan­ta­sy, die oft pau­schal als Schrott abge­tan wer­den, grä­men. Aber wen inter­es­siert das schon? Sicher­lich nicht die Leser:innen, die die Buch­mes­sen bevöl­kern und in ande­ren For­ma­ten und auf ande­ren Platt­for­men als dem klas­si­schen Feuil­le­ton über ihre Lite­ra­tur disk­tu­ie­ren. Und schon gar nicht die Ver­la­ge, die mit dem Umsatz durch die­se Gen­res ihr eigent­li­ches „Literatur“-Programm finanzieren.

Auch in der Über­set­zungs­sze­ne fällt es schwer, mit die­ser Dyna­mik umzu­ge­hen: Bookstagrammer:innen sind zwar mit­un­ter bes­ser dar­in, Über­set­zungs­leis­tun­gen zumin­dest zu erwäh­nen, wenn nicht gar expli­zit zu wür­di­gen. Aber was zählt das schon im Ver­gleich zu einem Rit­ter­schlag durch das alt­ehr­wür­di­ge Feuil­le­ton? Wer ernst genom­men wer­den will, sehnt sich nach die­sem Güte­sie­gel. Das Feuil­le­ton scheint das herz­lich wenig zu inter­es­sie­ren. Es ist nach wie vor erstaun­lich wenig sprech­fä­hig, wie auf eini­gen weni­gen Buch­mes­se-Ver­an­stal­tun­gen zu dem The­ma deut­lich wur­de. Aber man ist ja auch pri­mär mit dem eige­nen Unter­gang beschäftigt.

Unser 2018 gegrün­de­tes Maga­zin TraLaLit erscheint vor dem Hin­ter­grund all die­ser Debat­ten wie eine Art Hybrid. Inner­halb des nischi­gen Milieus gibt es sozu­sa­gen eine Neben-Nische, in der sich Leu­te nicht nur mit Lite­ra­tur, son­dern auch mit Über­set­zung beschäf­ti­gen. Die­ser Fokus ist aus genann­ten Grün­den nach wie vor sehr spe­zi­ell. Gleich­zei­tig ist TraLaLit natür­lich auch ein Pro­dukt des Inter­nets: Wir haben uns vor vie­len Jah­ren schließ­lich selbst dazu ermäch­tigt, über Über­set­zun­gen zu schrei­ben und Rezen­sio­nen zu ver­öf­fent­li­chen. In die­sem Bereich gab es wenig Kon­kur­renz. Aber selbst wenn es sie gege­ben hät­te, hät­ten wir das sehr wahr­schein­lich trotz­dem ein­fach gemacht, ohne jeman­den um Erlaub­nis bit­ten zu müs­sen – weil das Inter­net die Lite­ra­tur­kri­tik demo­kra­ti­siert hat und die Gren­zen zwi­schen pole­mi­schem Leseur­teil und fun­dier­ter Kri­tik schon seit Lan­gem ver­schwim­men. Dar­an hat die Lite­ra­tur­kri­tik übri­gens selbst auch ihren Anteil. 

Prin­zi­pi­ell sind wir also Teil des Nischen­milieus, das die Lite­ra­tur­kri­tik nicht nur am Leben erhal­ten möch­te, son­dern dar­an irgend­wie auch Spaß hat. Wenn schon nicht im Feuil­le­ton über Über­set­zun­gen geschrie­ben wird, dann eben bei uns (und das mit einer Rei­he von Gastautor:innen, die sich erstaun­li­cher­wei­se fürs Über­set­zen inter­es­sie­ren!). Dabei sind gera­de die Rezen­sio­nen in unse­rem Maga­zin das kon­tro­ver­ses­te For­mat. Leicht kri­ti­sche Bespre­chun­gen – von Ver­ris­sen sei hier noch gar nicht ein­mal die Rede, sol­che erschei­nen ohne­hin nicht beson­ders oft – sor­gen hin und wie­der für erbos­te Leser­brie­fe, deren „Kri­tik“ nicht nur deut­lich unsach­li­cher als die Rezen­si­on ist, son­dern in denen uns auch Unso­li­da­ri­tät und Ruf­schä­di­gung inner­halb der Über­set­zungs­sze­ne unter­stellt wird.

Man könn­te mei­nen, alle wären glück­li­cher, wenn wir nur noch Por­träts, Inter­views und Werk­statt­be­rich­te ver­öf­fent­li­chen wür­den, so wie es im Feuil­le­ton mitt­ler­wei­le üblich ist. Aber dafür gibt es ande­re Platt­for­men mit ande­ren Zie­len. Die Rezen­si­on ist so kon­tro­vers, weil es natür­lich unbe­quem ist, wenn die eige­ne Arbeit öffent­lich unter die Lupe genom­men wird. Und viel­leicht gibt es unter den Übersetzer:innen eini­ge, die nicht sicht­bar sein wol­len – zumin­dest nicht auf die­se Art. Viel­leicht hilft eine Rück­be­sin­nung auf das, was Rezen­sio­nen sind: eine Ana­ly­se und Bewer­tung eines Buchs. Die Wer­tung ist rein sub­jek­tiv, aber im Ide­al­fall nicht unfun­diert. Buch­be­spre­chun­gen, die sich vor einem Urteil scheu­en, sind kei­ne Bespre­chun­gen. Und nicht nur das: sie sind vor allem auch ziem­lich langweilig. 

Bei Urtei­len über Über­set­zun­gen wird oft das Argu­ment vor­ge­bracht, man habe nicht ver­stan­den, wie viel Arbeit dahin­ter­ste­cke und wel­che Inten­ti­on die Über­set­zen­den ver­folg­ten. Dass Über­set­zen­de für wenig Geld viel arbei­ten, ist jedoch Stoff für ande­re Text­for­ma­te. In Rezen­sio­nen spielt die Inten­ti­on der Über­set­zen­den kaum eine Rol­le, son­dern die Wir­kung des Tex­tes auf die jewei­li­ge Rezen­sen­tin. Und nach wie vor ist die Lite­ra­tur­kri­tik zumin­dest in Tei­len noch unab­hän­gig genug, um sich das eige­ne Urteil nicht von der Autorin oder dem Autor oder gar vom Ver­lag dik­tie­ren zu las­sen. War­um soll­te das in der Über­set­zungs­kri­tik anders sein? 

Zudem sind Rezen­sio­nen weder wis­sen­schaft­li­che Abhand­lun­gen noch Haus­ar­bei­ten, die sich über Wochen in der Ent­ste­hung befin­den. Es kann daher nicht der Anspruch sein, dass jede noch so klei­ne Nuan­ce der Über­set­zung berück­sich­tigt wer­den muss, damit eine Rezen­si­on als Über­set­zungs­kri­tik gel­ten darf. Wel­che Aspek­te bespro­chen wer­den und wel­che nicht, obliegt den Rezensent:innen.

Wenn die Über­set­zungs­kri­tik auch woan­ders einen gän­gi­gen Platz hät­te, wür­den nega­ti­ve Bespre­chun­gen auf TraLaLit deut­lich weni­ger Inter­es­se oder Ent­rüs­tung her­vor­ru­fen. Die Fra­ge nach der sprach­li­chen Qua­li­tät einer Über­set­zung fin­det in einem immer enger geschnür­ten Feuil­le­ton nur sel­ten Raum. Und dar­an wird sich ohne Druck von allen Sei­ten, vor allem aber der Lesen­den, wenig ändern. Wel­che Rol­le das klas­si­sche Feuil­le­ton in ein paar Jah­ren spie­len wird, will die­ser Text nicht ora­keln. Ich per­sön­lich wür­de auf all die Hobby-Kritiker:innen und Leser:innen set­zen, die das Buch­ge­schäft aktu­ell am Leben halten.

Denis Scheck hat übri­gens neu­lich in einem sehr unter­halt­sa­men Inter­view in der FAZ ver­kün­det: „Kri­tik ist ein Instru­ment zur Ver­bes­se­rung der Welt.“ Nur um kurz dar­auf zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit zu dif­fe­ren­zie­ren, nicht dass sei­ne Arbeit noch an die­ser Aus­sa­ge gemes­sen wird. Am Ende kann man es als Kritiker:in wohl ohne­hin nie­man­dem recht machen.



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