Dich­ten am Abgrund

Der bulgarische Dichter Aleksandăr Vutimski schrieb so intensiv, wie er lebte. Der zweisprachige Band „Gedichte vom blauen Jungen“, übersetzt von Andreas Tretner, macht sein Werk erstmals auf Deutsch zugänglich. Von

Edvard Munch, Kristiania Bohemians II, Quelle: WikiCommons

„Ich bin kein geschlos­se­ner Kreis“, gibt Alek­san­dăr Vutim­ski in dem Gedicht „Fro­hes Selbst­ge­spräch“ zu Pro­to­koll, kurz bevor sich der schwer an Tuber­ku­lo­se erkrank­te bul­ga­ri­sche Dich­ter mit gera­de ein­mal 24 Jah­ren aus sei­nem kur­zen Leben ver­ab­schie­den muss. Ein zwei­spra­chi­ger Band mit dem Titel Gedich­te vom Blau­en Jun­gen, her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Andre­as Tret­ner, lädt nun dazu ein, in den offe­nen Kreis die­ses Autors ein­zu­tre­ten, der in der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur wie der sla­vis­ti­schen For­schung bis­her zu wenig Beach­tung gefun­den hat. Tret­ner ist ein for­schen­der Über­set­zer, der sich tief in die His­to­rie sei­ner Autoren ein­ar­bei­tet. Der sorg­fäl­tig kura­tier­ten Vutim­ski-Aus­wahl, die Lyrik und Pro­sa umfasst, fügt er ein aus­führ­li­ches bio­gra­fi­sches Por­trät bei, das gut ein Drit­tel des Buchs umfasst! Detail­reich erzählt und mit zahl­rei­chen his­to­ri­schen Foto­gra­fien illus­triert, ent­steht weni­ger das Por­trät eines ein­zel­nen Dich­ters als viel­mehr das sei­ner gesam­ten Epoche.

Alek­san­dăr Vutim­ski war mit sei­nem Sprach­fie­ber eine Inspi­ra­ti­ons­fi­gur für sei­ne Zeit­ge­nos­sen im Bul­ga­ri­en der Zwi­schen­kriegs­zeit und gilt heu­te eben­dort als Vor­läu­fer einer quee­ren Lite­ra­tur (die in der ander­wei­tig sehr leben­di­gen Poe­sie­sze­ne des Lan­des immer noch eine rand­stän­di­ge Erschei­nung ist). 1919 in der bul­ga­ri­schen Klein­stadt Svo­ge in ärm­li­che Ver­hält­nis­se gebo­ren, ver­liert Vutim­ski auf einen Schlag fast sei­ne gan­ze Fami­lie an die Unter­schich­ten­krank­heit Tuber­ku­lo­se. Der jun­ge Vutov – Vutim­ski ist sein spä­ter ange­nom­me­nes Pseud­onym, einer Gepflo­gen­heit der loka­len lite­ra­ri­schen Sze­ne zur Pseu­do­mas­kie­rung fol­gend  – flieht vor der Anste­ckung in die Haupt­stadt Sofia. Doch die „gel­be Gäs­tin“ („žăl­ta­ta gos­ten­ka“), wie die Tuber­ku­lo­se in der bul­ga­ri­schen Lite­ra­tur per­so­ni­fi­ziert wird, sucht ihn auch hier heim. Nach zahl­rei­chen Kran­ken­haus- und Sana­to­ri­ums­auf­ent­hal­ten stirbt Vutim­ski 1943 in einem Sana­to­ri­um in Süd­ser­bi­en, das Bul­ga­ri­en im revi­sio­nis­ti­schen Rausch und im Schlepp­tau der nazi­deut­schen Expan­sio­nen wie­der ein­mal erobert hatte.

Dazwi­schen liegt ein künst­le­ri­sches Leben im Zeit­raf­fer, das den Kli­schees einer armen, aber krea­ti­ven (oder krea­ti­ven, weil armen) Bohè­me über­ent­spricht. Er „bren­ne wie ein Buch über der Ker­ze“ („izgar­jam kato kni­ga vărchu plamăk“), for­mu­liert der Autor selbst im Gedicht „Gespens­ter“ („Priz­ra­ci“). Sol­che Ste­reo­ty­pe des exis­ten­zi­el­len Schaf­fens­rauschs – nächt­li­che Dro­gen- und Lie­bes­exzes­se, Stadt­land­schaf­ten im elek­tri­schen Licht, exo­ti­sie­ren­de Moden von afro­ame­ri­ka­ni­schem Jazz bis hin zur asia­ti­schen Mytho­lo­gie – agiert Vutim­ski im Schrei­ben wie im Leben aus. Andre­as Tret­ner spricht denn auch von einem „Dich­ter im eige­nen Leben“.

Vutim­ski gilt als der „fran­zö­sischs­te“ Dich­ter der bul­ga­ri­schen Moder­ne, die bis in die 1940er Jah­re hin­ein­ragt. Dabei hat er in sei­nem kur­zen, pre­kä­ren Leben das Land nie ver­las­sen, sich jedoch die Wer­ke der von ihm ver­ehr­ten fran­zö­sisch­spra­chi­gen Autoren wie Arthur Rim­baud und Émi­le Ver­hae­ren in auto­di­dak­tisch erlern­tem Fran­zö­sisch erschlos­sen. Typisch für die kom­pri­mier­te kul­tu­rel­le Dyna­mik der Regi­on und beför­dert durch die Kür­ze sei­nes Lebens, über­la­gern sich die Ein­flüs­se jen­seits fest­ge­leg­ter Stil- und Epo­chen­gren­zen: Unter sym­bo­lis­ti­schen Ein­flüs­sen und einer von Rim­baud ent­lehn­ten Syn­äs­the­sie mischen sich sozia­lis­ti­sche Töne, durch­setzt mit neo­ro­man­ti­schen Mär­chen­mo­ti­ven und expres­sio­nis­ti­schen Schat­ten­spie­len. Kurz­um: die geraff­te Lebens­zeit des Tuber­ku­lo­se­kran­ken kor­re­spon­diert mit dem epo­cha­len Dra­ma der Zwi­schen­kriegs­zeit, poten­ziert in den Echo­ef­fek­ten der Peri­phe­rie, dem ästhe­ti­schen Wider­hall, der sich aus der Aneig­nung der poe­ti­schen Moden aus den euro­päi­schen Zen­tren ergibt.

Die von Andre­as Tret­ner her­aus­ge­ge­be­ne volu­mi­nö­se Werk­aus­wahl ver­schafft uns heu­ti­gen Leser:innen einen umfas­sen­den Ein­blick in Vutimskis Fie­ber­werk. Neben der Lyrik, die frü­he Fin­ger­übun­gen und her­aus­ra­gen­de Ein­zel­wer­ke umfasst, fin­den auch Pro­sa­frag­men­te Ein­gang in den Band (aller­dings nur deren deut­sche Über­tra­gun­gen). Die Erzähl­tex­te bestehen aus phi­lo­so­phi­scher Kurz­pro­sa sowie Aus­schnit­ten aus Vutimskis ein­zi­gem Roman Oči, koi­to plačat (Augen, die wei­nen). Wie der Her­aus­ge­ber im Nach­wort resü­miert, gilt die Pro­sa in der For­schung als schwä­cher als die Lyrik. Inter­es­sant ist sie alle­mal, nicht zuletzt als Bei­trag zum trans­na­tio­na­len Nar­ra­tiv der Tuberkulose.

Vutim­ski wird in der bul­ga­ri­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te der zwei­fel­haf­te Ehren­platz des ers­ten Dich­ters der homo­se­xu­el­len Lie­be zuge­wie­sen. Wie der Her­aus­ge­ber deut­lich macht, hielt der Autor zu Leb­zei­ten mit sei­ner Lie­bes­nei­gung nicht hin­ter dem Berg, in der kon­ser­va­ti­ven Gesell­schaft konn­te sie gleich­wohl kei­ne offi­zi­el­le Akzep­tanz fin­den. Aus heu­ti­ger Sicht ist es frap­pie­rend, wie offen und unver­krampft die gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be in Vutimskis Schaf­fen den­noch ihren Aus­druck fin­det. Sie liegt sozu­sa­gen offen ver­steckt zu Tage, mani­fes­tiert sich in Figu­ren des Dazwi­schen wie Brü­cken oder Tages­an­brü­chen. Sie konn­te über­le­sen wer­de, denn sie ist immer mit dem phi­lo­so­phi­schen The­ma des exis­ten­zi­el­len Anders­seins ver­bun­den, wie in den Gedich­ten „Der frem­de Jun­ge“ („Čuž­do­to momče“) oder „Aus hei­te­ren Him­meln“ („Vese­li nebesa“). 

Vutimskis Werk soll­te gleich­wohl nicht auf die­sen Aspekt des ‚ers­ten quee­ren bul­ga­ri­schen Autors‛ redu­ziert wer­den. Beein­dru­ckend ist der poli­ti­sche Blick des Dich­ters auf die euro­päi­sche Gesell­schaft im Krieg. Sein tra­gi­sches Lebens­en­de geht mit dem Zusam­men­bruch der euro­päi­schen zivi­li­sa­to­ri­schen Ord­nung ein­her. Bul­ga­ri­en stellt sich 1941 auf die Sei­te der Ach­sen­mäch­te, um sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät zu sichern, aber auch, um in den Bal­kan­krie­gen ver­lo­re­ne Gebie­te im Zuge einer revan­chis­ti­schen Poli­tik wie­der zurück­zu­ge­win­nen. 1943 bom­bar­die­ren die Ame­ri­ka­ner Sofia und der Krieg hält direkt Ein­zug. Vutimskis Gedicht „Okto­ber“ („Oktom­vri“) braucht in sei­ner nüch­ter­nen Ver­zweif­lung ob der unüber­brück­ba­ren Dis­so­nanz zwi­schen Kriegs­schre­cken und Kriegs­all­tag den Ver­gleich mit W.H. Audens berühm­tem „Sep­tem­ber 1, 1939“ nicht zu scheuen:

По навик ти ще отбележиш датата

във своята тетрадка от картон.

[…]

По навик ще си спомниш за войната.

И като гледаш бавната стрелка,

безшумно ще пристигне раздавачът

със пликове и черна козирка.

Животът механично се върти.

И привечер не ти остава друго,

освен да прочетеш старинен стих,

при пуснати пердета, свит във ъгъла.

Wie jeden Tag trägst du das neue Datum

brav in dein kar­to­nier­tes Büch­lein ein.

[…]

Wie jeden Tag denkst du dar­an, dass Krieg ist,

siehst, wie der Zei­ger lang­sam vorwärtsrückt,

den Brief­trä­ger hör­test du gar nicht kommen,

bis vor dir auf­leuch­tet sein schwar­zer Mützenschirm.

Das Leben dreht sich auto­ma­tisch fort,

und gegen Abend bleibt dir gar nichts weiter,

als die Gar­di­nen vor­zu­zie­hen und, eingerollt

ins dunk­le Eck, den alten Vers zu memorieren.

In die­sen Stro­phen zei­gen sich auch gleich ers­te Prin­zi­pi­en des Tret­ner­schen Über­set­zungs­pro­jekts: Die fünf­he­bi­gen Jam­ben des Autors wer­den auf­merk­sam ana­ly­siert und nach­mo­del­liert, ohne sich auto­ma­tisch fort­zu­dre­hen. Denn rhyth­mi­sche Brü­che mar­kie­ren auch die ver­sier­te Metrik Vutimskis, wie der Über­set­zer im Gespräch mit der Rezen­sen­tin betont. Das zu errei­chen, erlaubt eine freie Hand­ha­bung des Zei­len­flus­ses. Es liegt in der Natur eines sol­chen Vers-Schie­bens, dass the­ma­ti­sche Akzen­te anders gewich­tet wer­den. So endet das Ori­gi­nal­ge­dicht des­il­lu­sio­niert mit dem ins Eck gekau­er­ten Dich­ter, die Über­tra­gung tröst­li­cher mit dem memo­rier­ten Vers.

Die­se Ver­wen­dung ein und des­sel­ben Wor­tes als dop­pelt les­ba­re rhe­to­ri­scher Figur erlaubt auch die ver­steckt-offe­ne The­ma­ti­sie­run­gen der Homo­se­xua­li­tät (in der erwähn­ten Figur der Brü­cke). Dass die­se dop­pel­te Tro­pe für die deut­schen Leser:innen erkenn­bar bleibt, dafür sorgt die akri­bi­sche, die Ein­zel­ge­dich­te über­grei­fen­de Auf­merk­sam­keit des Über­set­zers für Wie­der­ho­lungs­struk­tu­ren. Der beson­de­re Umgang Vutimskis mit die­sen rhe­to­ri­schen Figu­ren mar­kiert dar­über hin­aus die Posi­ti­on des Autors inner­halb der bul­ga­ri­schen Moder­ne, zwi­schen einem deka­dent-sym­bo­lis­ti­schen Dich­ter wie Pejo Javor­ov (Meta­pher) und einem phi­lo­so­phi­schen Ding-Dich­ter wie Ata­nas Dalčev (Met­ony­mie). Bei­de Autoren sind auf Deutsch in bis heu­te auto­ri­ta­ti­ven Aus­ga­ben zugäng­lich, die der gro­ße Über­set­zer Nor­bert Ran­dow her­aus­ge­ge­ben hat (Ata­nas Dalt­schew. Frag­men­te, 1980; Pejo Jawo­row. Den Schat­ten der Wol­ken nach, 1999). Und des­halb ist es sicher kein Zufall, dass der Ran­dow-Ver­trau­te Andre­as Tret­ner mit sei­ner Vutim­ski-Aus­ga­be nun die edi­to­ri­sche Brü­cke zwi­schen die­sen bei­den Ver­tre­tern der bul­ga­ri­schen und euro­päi­schen Moder­ne schlägt.

Aber das Werk Vutimskis ist nicht nur des­halb fas­zi­nie­rend, weil der Autor sowie der von ihm gepfleg­te Stil-Eklek­ti­zis­mus von lite­ra­tur­ge­schicht­li­chem Inter­es­se sind, son­dern weil der Dich­ter die­se viel­fäl­ti­gen Ein­flüs­se – unter den teils ober­fläch­li­chen Ste­reo­ty­pen von Rausch und Eksta­se – sprach­lich auf­zu­fan­gen weiß. In exem­pla­ri­scher Form zei­gen dies die „Gedich­te vom blau­en Jun­gen“ („Stichot­vor­en­i­ja za sin’oto momče“), die den Titel der deut­schen Aus­ga­be stel­len und gene­rell zu einer Chif­fre des Vutims­ki­schen Œuvre gewor­den sind. Der „blaue Jun­ge“ („sin’oto momče“) , der eine Schirm­müt­ze und Schul­ter­klap­pen trägt, ist das Alter Ego des Dich­ters, sein Gegen­über und die Pro­jek­ti­ons­fi­gur sei­nes poe­ti­schen und sexu­el­len Begehrens.

Sei­ne Exis­tenz bleibt unver­bürgt, ein „Trug­bild“, was sowohl sei­ner engel­haf­ten Natur geschul­det ist als auch dem über­mä­ßi­gen Rum­kon­sum des lyri­schen Sub­jekts. In die­sem Dop­pel­ge­dicht offen­bart sich zunächst eine eher neo­ro­man­ti­sche als sym­bo­lis­ti­sche Sze­ne­rie in regel­mä­ßi­gen vier­zei­li­gen Stro­phen in einem unauf­dring­li­chen fünf­he­bi­gen Jam­bus. Im zwei­ten Teil zer­bricht das tra­di­tio­nel­le Mus­ter in freie Ver­se unter­schied­li­cher Zei­len­län­ge, bestehend aus dia­lo­gisch-dia­bo­li­schen Wort­fet­zen, um in einer absur­dis­ti­schen Poin­te zu enden: Das betrun­ke­ne lyri­sche Ich ruft aus­ge­rech­net die Poli­zei, um vor den eige­nen Erin­ne­run­gen geret­tet zu werden.

Geson­dert her­vor­zu­he­ben ist der kon­zep­tio­nel­le, meta­poe­ti­sche Ein­satz der bul­ga­ri­schen Gram­ma­tik. Vutim­ski benutzt näm­lich häu­fig die Form des Ren­ar­ra­tiv, im Deut­schen irgend­wo zwi­schen Kon­junk­tiv I und Kon­junk­tiv II anzu­sie­deln. Die­ser spe­zi­fi­sche Verb­mo­dus mar­kiert im Bul­ga­ri­schen, dass ein Spre­cher nicht selbst Zeu­ge der beschrie­be­nen Ereig­nis­se gewe­sen ist. Die Nut­zung des Ren­ar­ra­tivs in der ers­ten Per­son stellt eine logi­sche Unmög­lich­keit dar, gilt doch der Ich-Erzäh­ler unver­meid­lich als phy­si­scher Zeu­ge sei­ner Erzäh­lung, und möge er auch noch so unzu­ver­läs­sig sein. Vutim­ski bricht hier also mit der gram­ma­ti­schen Norm. 

Der krea­ti­ve Ein­satz des Ren­ar­ra­tivs ist gewis­ser­ma­ßen der gram­ma­ti­sche „Fuß­ab­druck“ Vutimskis. Die­se gram­ma­tisch-erzäh­le­ri­sche Abgren­zung kann durch­aus im Zusam­men­hang mit dem unter­drückt-offe­nen homo­se­xu­el­len Begeh­ren und Schrei­ben des Autors gele­sen wer­den. Und sie for­dert, wie Andre­as Tret­ner im Nach­wort eher kurz anreißt, den Über­set­zer her­aus. Schau­en wir uns eine Stro­phe aus dem Gedicht „Eines Nachts“ („Edna nošt“) aus dem Jahr 1939 genau­er an. In vier Stro­phen und einer ein­zei­li­gen Koda setzt es eine träu­me­ri­sche Lie­bes­be­geg­nung in Sze­ne. In der titel­ge­ben­den Nacht im Park sit­zen zwei, ja was: Freun­de, Lie­ben­de, Trunk- oder Truggestalten? 

Die Schluss­zei­le „Ach Liebs­ter, was weiß ich. Muss mans denn wis­sen?“ lässt die­se schwan­ken­de Wahr­neh­mung in der Figu­ren­re­de kul­mi­nie­ren, als rück­wir­ken­de Lese­an­wei­sung für den gan­zen Text. Der Autor setzt die­se Stim­mung um, indem im Wech­sel eine Stro­phe im Ren­ar­ra­tiv und eine Stro­phe im Indi­ka­tiv gehal­ten ist. Im Deut­schen lässt sich dies gram­ma­tisch nur umständ­lich nach­mo­del­lie­ren, da der Kon­junk­tiv II Prä­sens mit dem Prä­ter­itum gleich­lau­tend ist. Der Über­set­zer ent­schei­det sich ent­spre­chend für ein „rabia­tes Mit­tel für den beson­de­ren Fall“, wie er im Maga­zin 5plus selbst erläu­tert: Er setzt eine hal­be Vers­zei­le hin­zu, die das Mär­chen­haft expliziert:

Затваряли се кръчмиците тихо.

Дъждът валял безшумно в тъмнината.

Дърветата задрямвали. В градината

полеко опустявали алеите.

Ein Mär­chen wars … die Knei­pen mach­ten dicht.

Aus dunk­ler Nacht ein lei­ser Regen sprühte.

Die Bäu­me schlie­fen schon. In den Alleen

Des Parks war kaum noch wer zu sehen.

Im Übri­gen muss er auch noch den fünf­he­bi­gen jam­bi­schen Rhyth­mus hal­ten und es gelingt ihm, einen zar­ten Reim – leicht ver­scho­ben – zu bewah­ren.  Der Blick auf das Ein­zel­ge­dicht zeigt also, wie sou­ve­rän die poe­ti­schen Eigen­schaf­ten des Texts hin­sicht­lich der Über­set­zung beob­ach­tet, gewich­tet und aus­ba­lan­ciert wer­den. Betrach­tet man den Band als Gan­zes, so zeigt sich, dass Tret­ner das Mär­chen­haft-Schil­lern­de der Vutims­ki­schen Dich­tung immer wie­der von der Gram­ma­tik zur Lexik ver­schiebt. Wie Feen­staub wird es über das gesam­te Text­kor­pus ver­streut, etwa wenn an ande­rer Stel­le ein „ver­träum­ter Jun­ge“ („unese­no momče“) zum „fer­nen Prinz“ erho­ben wird. Aus die­ser Beob­ach­tung las­sen sich wei­te­re Cha­rak­te­ris­ti­ka sei­nes Über­set­zungs­pro­jekts abs­tra­hie­ren: In Tret­ners Vutim­ski erken­ne ich eine ‚Werk­treue‛, die sich über die ein­zel­ne Vers­zei­le, ja das ein­zel­ne Gedicht uner­schro­cken erhebt. Es han­delt sich um ein „Ver­fah­ren im Gro­ßen“, wie es Fried­rich Schlei­er­ma­cher in sei­nen berühm­ten Über­le­gun­gen „Über die ver­schie­de­nen Metho­den des Über­set­zens“ gefor­dert hat. Die Ent­schie­den­heit, mit der die Zei­len­fol­ge in den ein­zel­nen Gedicht­über­tra­gun­gen vari­iert wird, hat bereits das Gedicht „Okto­ber“ offengelegt.

Die Zei­len­en­den mar­kie­ren kei­ne künst­li­chen Ein­schnit­te, son­dern es ent­steht ein unge­zwun­ge­ner Fluss von Moti­ven, Gedan­ken, Gefüh­len. Nah fol­gen die deut­schen Neu­mo­del­lie­run­gen den fei­nen For­men, den rhyth­misch varia­blen Jam­ben und den sub­ti­len Rei­men. Letz­te­rer ist in den deut­schen Über­tra­gun­gen aller­dings teils stär­ker mar­kiert als im Ori­gi­nal, was mit­un­ter das neo­ro­man­ti­sche gegen­über dem expres­sio­nis­ti­schen Regis­ter ver­stärkt. „Gelock­tes Kind“ reimt sich dann auf „Ster­nen­wind“, wo im Ori­gi­nal ein Reim eher beschei­den auf­tritt oder ganz fehlt („dete“/„kăm neja“). 

Zu die­sem Effekt trägt auch die kom­pak­te Wie­der­ga­be der bei Vutim­ski oft in gan­zen Sät­zen ent­fal­te­ten Bil­der durch Kom­po­si­ta bei, wie sie wie­der­um für das Deut­sche so prä­gend sind („Ster­nen­wind“, „Schlaf­wan­de­rer“). „Die Son­ne, toten­bleich, ver­steckt“ ist im Ori­gi­nal „weiß vor Angst“. In der Sum­me die­ser Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen domi­niert des­halb gele­gent­lich ein hoher Ton über die Nüch­tern­heit, die Vutimskis Eklek­ti­zis­mus auch so eigen macht. Beson­ders in der spä­te­ren Pha­se sei­nes Schaf­fens, dem Tod schon nahe, prak­ti­ziert die­ser eine phi­lo­so­phisch auf­ge­la­de­ne Natur­ly­rik, die das moder­ne Sub­jekt aus sei­ner anthro­po­zen­tri­schen Gefan­gen­schaft erlöst („Fro­hes Selbstgespräch“/„Radosten monolog“):

Не съм затворен кръг.

Стоя пред цялата безкрайност на света.

И сутринта, и вечерта.

Аз слушам как земята диша,

усещам как се движи,

[…]

Ich bin kein geschlos­se­ner Kreis.

Steh vor der Welt,

mor­gens wie abends,

in ihrer Unendlichkeit.

Kann die Erde atmen hören,

spü­ren, wie sie sich bewegt.

[…]

Im bei­gefüg­ten Nach­wort erklärt der Über­set­zer sei­ne so kon­se­quen­ten wie muti­gen Ent­schei­dun­gen kaum, son­dern kon­zen­triert sich auf  die aus­führ­li­che bio­gra­fi­sche Dar­stel­lung. In die­ser Kom­men­tar­lü­cke kommt auch eine Unent­schie­den­heit bezüg­lich der Ziel­grup­pe der Über­set­zung zum Aus­druck: Mit sei­ner sorg­fäl­tig kura­tier­ten Aus­wahl, dem umfas­sen­den Nach­wort, den aus­gie­bi­gen Fuß­no­ten und dem Lite­ra­tur­ver­zeich­nis schwankt der Band zwi­schen einer Lese­aus­ga­be für ein brei­tes Publi­kum und einem aka­de­mi­schen Band für sla­vis­tisch infor­mier­te Expert:innen. Dass die­se Vutim­ski-Aus­ga­be bei­de Auf­ga­ben zugleich erfül­len will, zeugt davon, dass sowohl Lese­aus­ga­ben bul­ga­ri­scher Klas­si­ker der Moder­ne als auch aka­de­misch kom­men­tier­te Über­set­zun­gen im deutsch­spra­chi­gen lite­ra­ri­schen Feld unter­re­prä­sen­tiert sind. 

Uner­war­tet ist die unmar­kier­te Ver­wen­dung des N‑Worts, zumal es in der Vutims­ki­schen Dich­tung häu­fig vor­kommt – oft ver­knüpft mit kli­schee­haf­ten Wen­dun­gen gestei­ger­ter Sexua­li­tät. Dies ist beson­ders in den pro­gram­ma­ti­schen Gedich­ten der Fall, wie „Gedich­te vom blau­en Jungen“/„Stichotvorenija za sin’oto momce“ oder „O Hiku San“/„O‑chi-ku-san“. „Mach auf die Knie den gei­len Lip­pen, gib den N*. / Rum­ba, Rum­ba!“ („Razt­var­jaj kolene pod alč­ni ust­ni kato n*. / Rum­ba, rum­ba“). Nach einem Jahr­zehnt inten­si­ver Dis­kus­si­on im über­set­ze­ri­schen Feld haben sich für den Umgang mit his­to­ri­scher dis­kri­mi­nie­ren­der Spra­che ver­schie­de­ne Posi­tio­nen und Text­stra­te­gien ent­wi­ckelt: Auf der einen Sei­te steht die Ver­mei­dung von Retrau­ma­ti­sie­rung durch Strei­chung, Mar­kie­rung oder Kom­men­tie­rung, auf der ande­ren Sei­te das Ver­trau­en in die his­to­risch-kri­ti­sche Lese­kom­pe­tenz des Publikums.

Andre­as Tret­ner ent­schei­det sich für Letz­te­res und the­ma­ti­siert die (zeit­ty­pi­schen) ras­sis­ti­schen Exo­tis­men im Werk des Dich­ters, die auch den asia­ti­schen Kul­tur­raum berüh­ren, im Nach­wort nicht. Dadurch wird gera­de in die­ser für den deut­schen Sprach­raum so wich­ti­gen Vutim­ski-Werk­schau die Chan­ce ver­passt, die auf­fäl­li­ge Ver­knüp­fung von quee­rem Begeh­ren und exo­ti­sie­ren­den Ste­reo­ty­pen aus­zu­leuch­ten, die noch ein­mal poten­ziert wird durch den ‚peri­phe­ral gaze‛, den Blick von der Peri­phe­rie. Denn hier offen­bart sich ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Zusam­men­spiel viel­fäl­ti­ger Mar­gi­na­li­sie­run­gen, die sich in ihrer Wider­sprüch­lich­keit gegen­sei­tig ver­stär­ken: homo­se­xu­el­le Lie­be, ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe und geo­po­li­ti­sche Randständigkeit. 

Es gehört zu den vie­len Kurio­si­tä­ten des Vutims­ki­schen Werks, dass es zu Leb­zei­ten des Autors nie publi­ziert, son­dern von sei­nen Lieb­ha­bern und Anhän­gern bei­der­lei Geschlechts münd­lich wei­ter­ge­ge­ben und auf Papier­schnip­seln fest­ge­hal­ten, in Tru­hen auf­be­wahrt und pri­vat archi­viert wur­de. Dass es in den 1970er Jah­ren auf Bul­ga­risch und heu­te in deut­scher Über­tra­gung erschei­nen konn­te, ist vor die­sem Hin­ter­grund ein edi­to­ri­sches Wun­der. „Ich bin kein geschlos­se­ner Kreis“ – Alek­san­dăr Vutimskis Blau­er Jun­ge in Andre­as Tret­ners Nach­dich­tung ist eine Ein­la­dung ins Offe­ne. Eine Lücke in der Geschich­te der euro­päi­schen Poe­sie und Lite­ra­tur­ge­schich­te ist mit die­sem Band aber geschlos­sen. In Bul­ga­ri­en wur­de Andre­as Tret­ner noch im Jahr des Erschei­nens für sei­ne deut­sche Über­tra­gung des Blau­en Jun­gen mit dem Lite­ra­tur­preis „Pero­to“ („Die Feder“) des Natio­na­len Buch­zen­trums aus­ge­zeich­net. Sein bio­gra­fi­scher Essay über den Dich­ter Vutim­ski und des­sen Epo­che wird gera­de ins Bul­ga­ri­sche über­setzt und soll als eigen­stän­di­ges Buch erschei­nen. So zeigt sich, dass eine Über­set­zung zum rich­ti­gen Zeit­punkt durch­aus auf den hei­mi­schen Kon­text der Aus­gangs­kul­tur rück­wir­ken kann.


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