Ein Buch, ein Satz

Wie übersetzt man einen wiederentdeckten französischen Roman, der nur aus einem Satz besteht? Olga Radetzkaja hat sich dieser Aufgabe angenommen. Von

Paris von oben mit vielen Gebäuden
Hochhäuser tagsüber. © Alexander Kagan via Unsplash.

Ein Ver­lag legt einen Roman einer geheim­nis­vol­len Autorin neu auf, der nur aus einem Satz besteht. Nach über 50 Jah­ren gewinnt er end­lich einen Preis. Klingt nach einer span­nen­den Geschich­te? Sie ist vor nicht all­zu lan­ger Zeit in Frank­reich so pas­siert. Die Autorin ist Cathe­ri­ne Gué­rard, der Roman Rena­ta n’importe quoi.

Kaum mehr als den Namen der Autorin kann­te man bei den Édi­ti­ons du Che­min de fer vor der erneu­ten Ver­öf­fent­li­chung des Buchs im Jah­re 2021. Inzwi­schen ist bekannt, dass Cathe­ri­ne Isa­bel­le Drey­fus aus einer jüdi­schen Fami­lie stamm­te und von 1929 bis 2010 im Pari­ser Raum leb­te. Ihr ers­ter Roman, Ces Prin­ces, der eine schwu­le Lie­bes­be­zie­hung the­ma­ti­siert, erschien 1955 bereits unter dem Pseud­onym Cathe­ri­ne Gué­rard. 1967 folg­te Rena­ta n’importe quoi (ver­öf­fent­licht damals bei Gal­li­mard). Er erhielt posi­ti­ve Kri­ti­ken und wur­de für den Prix Gon­court nomi­niert, den wich­tigs­ten fran­zö­si­schen Lite­ra­tur­preis. Zwi­schen einem wei­te­ren Roman unter einem ande­ren Pseud­onym und musik­jour­na­lis­ti­schen Arti­keln ver­liert sich Cathe­ri­ne Gué­rards Spur. Bekannt ist, dass sie den Prix d’Honneur, einen Lite­ra­tur­preis mit rein weib­li­cher Jury, mit ins Leben geru­fen hat.

Wie hat der Roman Rena­ta n’im­por­te quoi es geschafft, zunächst in Frank­reich erneut Inter­es­se zu wecken und dann ins Deut­sche über­setzt zu wer­den? Sei­ne Aus­zeich­nung mit dem Prix Mémo­rable hat zu die­sem Erfolg sicher­lich bei­getra­gen. Die­ser Preis wird von einem Ver­band unab­hän­gi­ger fran­zö­si­scher Buch­hand­lun­gen ver­ge­ben, der den Sie­ger unter Neu­auf­la­gen von Wer­ken ver­ges­se­ner Autor:innen sowie Neu­über­set­zun­gen aus­wählt. Als „ver­bor­ge­nen Schatz“ bezeich­ne­te die Jury den Roman. Ende Mai 2026 erschien Rena­ta was­wei­ßich in einer Über­set­zung von Olga Radetz­ka­ja bei den S. Fischer Verlagen.

Wie die Ich-Erzäh­le­rin tat­säch­lich heißt, erfah­ren wir nicht. Rena­ta ist nur einer der Vor­na­men, die sie sich auf Nach­fra­ge gibt, Namens­vor­bild ist eine Hotel­mit­ar­bei­te­rin, der sie unter­wegs begeg­net. Unter­wegs ist sie, weil sie ihre Stel­le als Haus­mäd­chen gekün­digt hat. Drei Tage lang streift sie durch Paris, bevor sie die Haupt­stadt schließ­lich auf der Suche nach Frei­heit ver­lässt. Frei­heit ist der zen­tra­le Begriff des Romans. Für die Ich-Erzäh­le­rin bedeu­tet er, sich weder von Men­schen noch von Din­gen abhän­gig zu machen, spon­tan zu ent­schei­den, kei­nen Zeit­druck zu haben und nie­man­dem eine Erklä­rung schul­dig zu sein. „Wenn die Leu­te kei­ne Fra­gen stel­len wür­den, bräuch­te man nicht zu lügen“, sagt sie sich. In der Groß­stadt die eige­ne Frei­heit zu genie­ßen, gestal­tet sich schwie­rig, da fast alles Geld kos­tet und es häu­fig zu Stö­run­gen kommt. Außer­dem man­gelt es an Son­ne, Bäu­men, Blu­men und Vögeln. Tau­ben und Enten zäh­len nicht, die mag die Ich-Erzäh­le­rin eben­so wenig wie Men­schen, die „nicht von hier“ sind.

Neben ihrer Frem­den­feind­lich­keit macht sie die Tat­sa­che unsym­pa­thisch, dass sie für Miss­ver­ständ­nis­se stets ande­ren die Schuld gibt. Ihre ori­gi­nel­len Ideen, über die sich nach­zu­den­ken lohnt, wer­den im Ver­lauf des Romans immer mehr zu Sym­pto­men von Schwach­sinn. Von der Rea­li­tät scheint sie sich immer wei­ter zu ent­fer­nen. Am Ende ent­schei­det sie nicht nur für ande­re, was das Bes­te für sie ist, sie bringt sie auch in Lebensgefahr.

Erst hin­ter dem letz­ten Wort des Romans steht schließ­lich ein Punkt. Die Ich-Erzäh­le­rin ist nicht nur in ihren Hand­lun­gen spon­tan, son­dern auch in ihrer Spra­che. Rena­ta was­wei­ßich wirkt wie ein unge­brems­ter Rede­fluss, die Autorin ver­wen­det ein eher infor­mel­les, münd­li­ches Regis­ter mit vie­len Wie­der­ho­lun­gen. Die Über­set­ze­rin gibt dies mit teil­wei­se inkor­rek­ter Zei­chen­set­zung und Gram­ma­tik wie­der. Ein Beispiel:

et je suis par­tie et je suis entrée dans l’immeuble d’à côté pour dire au revoir à la con­cier­ge de l’immeuble d’à côté par­ce qu’on se par­lait et qu’elle était bien aima­ble, Je m’en vais, j’ai dit, Mon Dieu ce n’est pas pos­si­ble, mais où allez-vous, elle a dit en s’écriant, alors j’ai tout raconté

und dann bin ich ins Haus neben­an gegan­gen um mich von der Con­cier­ge neben­an zu ver­ab­schie­den, weil mit der habe ich mich manch­mal unter­hal­ten und sie war ganz freund­lich, Ich gehe fort, sage ich, Du lie­ber Him­mel, unglaub­lich, ruft sie, wo gehen Sie denn hin, also habe ich alles erzählt

Vor dem mit „um“ ein­ge­lei­te­ten Neben­satz fehlt das Kom­ma, im Neben­satz zwei­ten Gra­des ist die Wort­stel­lung falsch. Zusätz­lich fällt in der deut­schen Über­set­zung die Ver­wen­dung des Prä­sens auf. Wäh­rend der Roman im Ori­gi­nal durch­gän­gig im pas­sé com­po­sé erzählt wird, ver­wen­det die Über­set­ze­rin meist das Per­fekt und wech­selt vor allem in Dia­lo­gen gele­gent­lich ins his­to­ri­sche Prä­sens, was deut­lich macht, dass „Rena­ta“ im Moment lebt.

Gibt es ein Wort noch nicht, so erfin­det die Ich-Erzäh­le­rin es ein­fach; an Regeln muss sie sich schließ­lich nicht hal­ten. „Une lib­re“ möch­te sie sein, auf Deutsch „eine Freie“. In bei­den Spra­chen fällt die Sub­stan­ti­vie­rung des Adjek­tivs als unge­wöhn­lich auf. Immer wie­der tau­chen im Roman auch neu gebil­de­te Nomi­na Agen­tis auf, also Sub­stan­ti­ve, die eine Per­son bezeich­nen, die etwas tut. Fra­gen sind blöd und ner­ven – die Frau­en, die sie stel­len, wer­den im Ori­gi­nal ent­we­der als „ques­ti­on­neu­se““ oder als „inter­ro­geu­se“ bezeich­net, in der Über­set­zung stets als „Aus­fra­ge­rin“. Da Sub­stan­ti­vie­run­gen im Deut­schen etwas bes­ser als im Fran­zö­si­schen funk­tio­nie­ren, wer­den „ceux qui gagn­ent de l’argent“ zu „Geld­ver­die­nern“ – eine über­set­ze­ri­sche Ent­schei­dung, die zeigt, wie stark die Ich-Erzäh­le­rin Lohn­ar­beit ablehnt. Nicht nur Men­schen, auch Din­ge kön­nen Hand­lun­gen voll­zie­hen. Eine feuch­te Rose lässt sich nicht zwi­schen Brie­fen trock­nen, sie wür­de das Papier rui­nie­ren und wäre des­halb eine „sale gâcheu­se de mes let­t­res“, eine „mie­se Briefverderberin“.

„Rena­ta“ nimmt sich die Zeit, um alles, was um sie her­um geschieht, bewusst wahr­zu­neh­men. Da sie sich meis­tens im Frei­en auf­hält (nicht immer ganz frei­wil­lig), kann sie den Wech­sel der Tages­zei­ten ganz genau beob­ach­ten. Unge­wöhn­li­che For­mu­lie­run­gen weist der Roman auch in die­sem Zusam­men­hang auf. „Le petit jour“ exis­tiert im Fran­zö­si­schen als Bezeich­nung für das ers­te Licht des Mor­gens tat­säch­lich, „le petit soir“ und „le petit jour du soir“ sind dage­gen Erfin­dun­gen der rebel­li­schen Ich-Erzäh­le­rin. Die Über­set­ze­rin hält sich hier zurück und schreibt ganz kon­ven­tio­nell von der „Abend­däm­me­rung“ bzw. „es fing an zu dämmern“.

Sehr gelun­gen ist in der deut­schen Fas­sung die fol­gen­de Pas­sa­ge, in der die Stadt­strei­che­rin von einer Mie­te­rin des Hau­ses ver­jagt wird, vor dem sie laut sin­gend sitzt:

Et qu’est-ce que vous fai­tes là, elle a dit, vous ne pour­riez pas aller couch­er ail­leurs, non, alors moi j’ai dit Je ne suis pas couchée, je regar­de la nuit, Eh bien allez la regar­der ail­leurs, elle a dit, allez, allez, Ah si ce n’est pas mal­heu­reux, elle a dit, alors moi je n’avais plus rien à fai­re là, avec cet­te gâcheu­se de nuit

Was machen Sie über­haupt hier, kön­nen Sie nicht woan­ders über­nach­ten, und da sage ich Ich über­nach­te nicht, ich betrach­te die Nacht, Mei­net­we­gen, aber nicht hier, sagt sie, Na los, ver­schwin­den Sie, sagt sie, und So ein Elend, sagt sie noch, und da hat mich nichts mehr gehal­ten bei die­ser Nachtverderberin

Die Wie­der­ho­lung von „über­NACH­Ten“ / „Nacht“ bie­tet sich im Deut­schen an, auch wenn sie im Fran­zö­si­schen nicht vor­han­den ist. „Nacht­ver­der­be­rin“ ist ein wei­te­res schö­nes Bei­spiel für ein neu gebil­de­tes Nomen Agentis.

Neben all den Aus­fra­ge­rin­nen und Ver­der­be­rin­nen fin­den sich in Rena­ta n’importe quoi pas­send zur schnell unzu­frie­de­nen und generv­ten Ich-Erzäh­le­rin zahl­rei­che wei­te­re Schimpf­wör­ter. Abge­se­hen von einem „roi des cons“ / „Arsch­loch“ sind die Ver­bal­in­ju­ri­en eher harm­los und dabei sehr aus­drucks­stark. Die Autorin ver­wen­det jeweils mehr­mals „andouil­le“ (wört­lich „Kut­tel­wurst“) und das davon abge­lei­te­te „andouil­lard“ sowie „nouil­lard“ (von „nouil­le“, wört­lich „Nudel“). Bei­de Begrif­fe klin­gen heu­te alt­mo­disch und impli­zie­ren eine gewis­se Weich­heit bzw. Schlaff­heit. Bezeich­net „Rena­ta“ ande­re Men­schen so, weil sie sich im Gegen­satz zu ihr selbst an Regeln hal­ten und Kom­pro­mis­se ein­ge­hen? Die Über­set­ze­rin schöpft das Wort­feld der Schlaff­heit nicht aus, scheint aber eine Vor­lie­be für „Papp­na­se“, „Trot­tel“ und das krea­ti­ve „Dumm­fug“ zu haben. Sehr schö­ne Wort­schöp­fun­gen sind „Schreiam­sel“ für „crieu­se“ und „Kap­pen­hei­nis“ für „nouil­lards à casquette“.

Olga Radetz­ka­ja muss­te nicht nur eine Brü­cke zwi­schen zwei Spra­chen, son­dern auch über fast sech­zig Jah­re hin­weg schla­gen. Vie­le erwähn­te Beru­fe wie der von Ser­ge Gains­bourg besun­ge­ne „poin­çon­neur“ (Fahr­kar­ten­knip­ser) exis­tie­ren nicht mehr, Haus­an­ge­stell­te woh­nen nicht mehr im Haus ihrer Herr­schaft und nut­zen ein eige­nes Trep­pen­haus zwei­ter Klas­se, das sie zu ihrem Zim­mer unter dem Dach führt. Die Wie­der­ga­be von „pas­sa­ge clou­té“ mit „Zebra­strei­fen“ könn­te ana­chro­nis­tisch sein: Für Paris waren ab den 20er-Jah­ren durch zwei Rei­hen von Nägeln gekenn­zeich­ne­te Fuß­gän­ger­über­we­ge typisch. Ver­schie­de­nen Quel­len zufol­ge wur­den sie erst im Lau­fe der 60er-Jah­re durch die heu­ti­gen Zebra­strei­fen ersetzt. „Pas­sa­ge clou­té“ wird noch heu­te ver­wen­det, wenn­gleich es das ursprüng­lich so Bezeich­ne­te gar nicht mehr gibt. Die Autorin mein­te mög­li­cher­wei­se tat­säch­lich noch das, was sie schrieb. „Fuß­gän­ger­über­weg“ wäre eine neu­tra­le Lösung gewesen.

Die Ich-Erzäh­le­rin erfin­det für sich nicht nur unter­schied­li­che Vor­na­men, son­dern auch Nach­na­men, die stets einen Bezug zur Natur haben. Unklar ist, war­um sie in zwei Fäl­len nicht ins Deut­sche über­setzt wur­den. Im Fal­le von „Riviè­re“ ist dies viel­leicht dem Klang geschul­det, der unbe­strit­ten schö­ner ist als der des deut­schen Worts „Fluss“ („Rena­ta“ ist selbst von ihrem „schö­nen Namen“ begeis­tert). „Apfel­baum“ statt „Pom­mier“ wäre dage­gen pro­blem­los mög­lich gewe­sen. Wei­te­re klei­ne Wer­muts­trop­fen sind „Schlaf­statt“ für „couch­er“ (im Fran­zö­si­schen als Sub­stan­tiv gebraucht, was unge­wöhn­lich ist) und „ver­gäl­len“ für „gâcher“; bei­de For­mu­lie­run­gen tau­chen in der Über­set­zung mehr­fach auf und wir­ken ver­gli­chen mit „Rena­tas“ sons­ti­ger Aus­drucks­wei­se zu gehoben.

Der deut­sche Titel zeigt mit der Zusam­men­schrei­bung von „was­wei­ßich“ bereits, dass die Ich-Erzäh­le­rin Spra­che eben­so wie ihr Leben nach ihren Vor­stel­lun­gen gestal­tet. Im Fran­zö­si­schen ist „n’im­por­te quoi“ zwar umgangs­sprach­lich, aber geläu­fig. Die Über­set­ze­rin ver­wen­det auch im Fließ­text stets die Zusam­men­schrei­bung und über­setzt „n’importe où“ mit „was­wei­ßich wo“. Auf die­se Wei­se schafft es ein trot­zi­ges „was­wei­ßich“ bereits in die zehn­te Zei­le des Romans.

Bei den Men­schen, denen sie im Lau­fe des Romans begeg­net, stößt „Rena­ta“ mit ihrer Lebens­wei­se auf Unver­ständ­nis. Nach der Lek­tü­re kann jede:r selbst urtei­len: Ist sie eine muti­ge Rebel­lin oder geis­tes­ge­stört? Sicher ist: Dank der fast alle Ecken und Kan­ten des Ori­gi­nals aus­kos­ten­den Über­set­zung wer­den auch deutsch­spra­chi­ge Leser:innen die Figur nicht so schnell vergessen.


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