Ein Verlag legt einen Roman einer geheimnisvollen Autorin neu auf, der nur aus einem Satz besteht. Nach über 50 Jahren gewinnt er endlich einen Preis. Klingt nach einer spannenden Geschichte? Sie ist vor nicht allzu langer Zeit in Frankreich so passiert. Die Autorin ist Catherine Guérard, der Roman Renata n’importe quoi.
Kaum mehr als den Namen der Autorin kannte man bei den Éditions du Chemin de fer vor der erneuten Veröffentlichung des Buchs im Jahre 2021. Inzwischen ist bekannt, dass Catherine Isabelle Dreyfus aus einer jüdischen Familie stammte und von 1929 bis 2010 im Pariser Raum lebte. Ihr erster Roman, Ces Princes, der eine schwule Liebesbeziehung thematisiert, erschien 1955 bereits unter dem Pseudonym Catherine Guérard. 1967 folgte Renata n’importe quoi (veröffentlicht damals bei Gallimard). Er erhielt positive Kritiken und wurde für den Prix Goncourt nominiert, den wichtigsten französischen Literaturpreis. Zwischen einem weiteren Roman unter einem anderen Pseudonym und musikjournalistischen Artikeln verliert sich Catherine Guérards Spur. Bekannt ist, dass sie den Prix d’Honneur, einen Literaturpreis mit rein weiblicher Jury, mit ins Leben gerufen hat.
Wie hat der Roman Renata n’importe quoi es geschafft, zunächst in Frankreich erneut Interesse zu wecken und dann ins Deutsche übersetzt zu werden? Seine Auszeichnung mit dem Prix Mémorable hat zu diesem Erfolg sicherlich beigetragen. Dieser Preis wird von einem Verband unabhängiger französischer Buchhandlungen vergeben, der den Sieger unter Neuauflagen von Werken vergessener Autor:innen sowie Neuübersetzungen auswählt. Als „verborgenen Schatz“ bezeichnete die Jury den Roman. Ende Mai 2026 erschien Renata wasweißich in einer Übersetzung von Olga Radetzkaja bei den S. Fischer Verlagen.
Wie die Ich-Erzählerin tatsächlich heißt, erfahren wir nicht. Renata ist nur einer der Vornamen, die sie sich auf Nachfrage gibt, Namensvorbild ist eine Hotelmitarbeiterin, der sie unterwegs begegnet. Unterwegs ist sie, weil sie ihre Stelle als Hausmädchen gekündigt hat. Drei Tage lang streift sie durch Paris, bevor sie die Hauptstadt schließlich auf der Suche nach Freiheit verlässt. Freiheit ist der zentrale Begriff des Romans. Für die Ich-Erzählerin bedeutet er, sich weder von Menschen noch von Dingen abhängig zu machen, spontan zu entscheiden, keinen Zeitdruck zu haben und niemandem eine Erklärung schuldig zu sein. „Wenn die Leute keine Fragen stellen würden, bräuchte man nicht zu lügen“, sagt sie sich. In der Großstadt die eigene Freiheit zu genießen, gestaltet sich schwierig, da fast alles Geld kostet und es häufig zu Störungen kommt. Außerdem mangelt es an Sonne, Bäumen, Blumen und Vögeln. Tauben und Enten zählen nicht, die mag die Ich-Erzählerin ebenso wenig wie Menschen, die „nicht von hier“ sind.
Neben ihrer Fremdenfeindlichkeit macht sie die Tatsache unsympathisch, dass sie für Missverständnisse stets anderen die Schuld gibt. Ihre originellen Ideen, über die sich nachzudenken lohnt, werden im Verlauf des Romans immer mehr zu Symptomen von Schwachsinn. Von der Realität scheint sie sich immer weiter zu entfernen. Am Ende entscheidet sie nicht nur für andere, was das Beste für sie ist, sie bringt sie auch in Lebensgefahr.
Erst hinter dem letzten Wort des Romans steht schließlich ein Punkt. Die Ich-Erzählerin ist nicht nur in ihren Handlungen spontan, sondern auch in ihrer Sprache. Renata wasweißich wirkt wie ein ungebremster Redefluss, die Autorin verwendet ein eher informelles, mündliches Register mit vielen Wiederholungen. Die Übersetzerin gibt dies mit teilweise inkorrekter Zeichensetzung und Grammatik wieder. Ein Beispiel:
et je suis partie et je suis entrée dans l’immeuble d’à côté pour dire au revoir à la concierge de l’immeuble d’à côté parce qu’on se parlait et qu’elle était bien aimable, Je m’en vais, j’ai dit, Mon Dieu ce n’est pas possible, mais où allez-vous, elle a dit en s’écriant, alors j’ai tout raconté
und dann bin ich ins Haus nebenan gegangen um mich von der Concierge nebenan zu verabschieden, weil mit der habe ich mich manchmal unterhalten und sie war ganz freundlich, Ich gehe fort, sage ich, Du lieber Himmel, unglaublich, ruft sie, wo gehen Sie denn hin, also habe ich alles erzählt
Vor dem mit „um“ eingeleiteten Nebensatz fehlt das Komma, im Nebensatz zweiten Grades ist die Wortstellung falsch. Zusätzlich fällt in der deutschen Übersetzung die Verwendung des Präsens auf. Während der Roman im Original durchgängig im passé composé erzählt wird, verwendet die Übersetzerin meist das Perfekt und wechselt vor allem in Dialogen gelegentlich ins historische Präsens, was deutlich macht, dass „Renata“ im Moment lebt.
Gibt es ein Wort noch nicht, so erfindet die Ich-Erzählerin es einfach; an Regeln muss sie sich schließlich nicht halten. „Une libre“ möchte sie sein, auf Deutsch „eine Freie“. In beiden Sprachen fällt die Substantivierung des Adjektivs als ungewöhnlich auf. Immer wieder tauchen im Roman auch neu gebildete Nomina Agentis auf, also Substantive, die eine Person bezeichnen, die etwas tut. Fragen sind blöd und nerven – die Frauen, die sie stellen, werden im Original entweder als „questionneuse““ oder als „interrogeuse“ bezeichnet, in der Übersetzung stets als „Ausfragerin“. Da Substantivierungen im Deutschen etwas besser als im Französischen funktionieren, werden „ceux qui gagnent de l’argent“ zu „Geldverdienern“ – eine übersetzerische Entscheidung, die zeigt, wie stark die Ich-Erzählerin Lohnarbeit ablehnt. Nicht nur Menschen, auch Dinge können Handlungen vollziehen. Eine feuchte Rose lässt sich nicht zwischen Briefen trocknen, sie würde das Papier ruinieren und wäre deshalb eine „sale gâcheuse de mes lettres“, eine „miese Briefverderberin“.
„Renata“ nimmt sich die Zeit, um alles, was um sie herum geschieht, bewusst wahrzunehmen. Da sie sich meistens im Freien aufhält (nicht immer ganz freiwillig), kann sie den Wechsel der Tageszeiten ganz genau beobachten. Ungewöhnliche Formulierungen weist der Roman auch in diesem Zusammenhang auf. „Le petit jour“ existiert im Französischen als Bezeichnung für das erste Licht des Morgens tatsächlich, „le petit soir“ und „le petit jour du soir“ sind dagegen Erfindungen der rebellischen Ich-Erzählerin. Die Übersetzerin hält sich hier zurück und schreibt ganz konventionell von der „Abenddämmerung“ bzw. „es fing an zu dämmern“.
Sehr gelungen ist in der deutschen Fassung die folgende Passage, in der die Stadtstreicherin von einer Mieterin des Hauses verjagt wird, vor dem sie laut singend sitzt:
Et qu’est-ce que vous faites là, elle a dit, vous ne pourriez pas aller coucher ailleurs, non, alors moi j’ai dit Je ne suis pas couchée, je regarde la nuit, Eh bien allez la regarder ailleurs, elle a dit, allez, allez, Ah si ce n’est pas malheureux, elle a dit, alors moi je n’avais plus rien à faire là, avec cette gâcheuse de nuit
Was machen Sie überhaupt hier, können Sie nicht woanders übernachten, und da sage ich Ich übernachte nicht, ich betrachte die Nacht, Meinetwegen, aber nicht hier, sagt sie, Na los, verschwinden Sie, sagt sie, und So ein Elend, sagt sie noch, und da hat mich nichts mehr gehalten bei dieser Nachtverderberin
Die Wiederholung von „überNACHTen“ / „Nacht“ bietet sich im Deutschen an, auch wenn sie im Französischen nicht vorhanden ist. „Nachtverderberin“ ist ein weiteres schönes Beispiel für ein neu gebildetes Nomen Agentis.
Neben all den Ausfragerinnen und Verderberinnen finden sich in Renata n’importe quoi passend zur schnell unzufriedenen und genervten Ich-Erzählerin zahlreiche weitere Schimpfwörter. Abgesehen von einem „roi des cons“ / „Arschloch“ sind die Verbalinjurien eher harmlos und dabei sehr ausdrucksstark. Die Autorin verwendet jeweils mehrmals „andouille“ (wörtlich „Kuttelwurst“) und das davon abgeleitete „andouillard“ sowie „nouillard“ (von „nouille“, wörtlich „Nudel“). Beide Begriffe klingen heute altmodisch und implizieren eine gewisse Weichheit bzw. Schlaffheit. Bezeichnet „Renata“ andere Menschen so, weil sie sich im Gegensatz zu ihr selbst an Regeln halten und Kompromisse eingehen? Die Übersetzerin schöpft das Wortfeld der Schlaffheit nicht aus, scheint aber eine Vorliebe für „Pappnase“, „Trottel“ und das kreative „Dummfug“ zu haben. Sehr schöne Wortschöpfungen sind „Schreiamsel“ für „crieuse“ und „Kappenheinis“ für „nouillards à casquette“.
Olga Radetzkaja musste nicht nur eine Brücke zwischen zwei Sprachen, sondern auch über fast sechzig Jahre hinweg schlagen. Viele erwähnte Berufe wie der von Serge Gainsbourg besungene „poinçonneur“ (Fahrkartenknipser) existieren nicht mehr, Hausangestellte wohnen nicht mehr im Haus ihrer Herrschaft und nutzen ein eigenes Treppenhaus zweiter Klasse, das sie zu ihrem Zimmer unter dem Dach führt. Die Wiedergabe von „passage clouté“ mit „Zebrastreifen“ könnte anachronistisch sein: Für Paris waren ab den 20er-Jahren durch zwei Reihen von Nägeln gekennzeichnete Fußgängerüberwege typisch. Verschiedenen Quellen zufolge wurden sie erst im Laufe der 60er-Jahre durch die heutigen Zebrastreifen ersetzt. „Passage clouté“ wird noch heute verwendet, wenngleich es das ursprünglich so Bezeichnete gar nicht mehr gibt. Die Autorin meinte möglicherweise tatsächlich noch das, was sie schrieb. „Fußgängerüberweg“ wäre eine neutrale Lösung gewesen.
Die Ich-Erzählerin erfindet für sich nicht nur unterschiedliche Vornamen, sondern auch Nachnamen, die stets einen Bezug zur Natur haben. Unklar ist, warum sie in zwei Fällen nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Im Falle von „Rivière“ ist dies vielleicht dem Klang geschuldet, der unbestritten schöner ist als der des deutschen Worts „Fluss“ („Renata“ ist selbst von ihrem „schönen Namen“ begeistert). „Apfelbaum“ statt „Pommier“ wäre dagegen problemlos möglich gewesen. Weitere kleine Wermutstropfen sind „Schlafstatt“ für „coucher“ (im Französischen als Substantiv gebraucht, was ungewöhnlich ist) und „vergällen“ für „gâcher“; beide Formulierungen tauchen in der Übersetzung mehrfach auf und wirken verglichen mit „Renatas“ sonstiger Ausdrucksweise zu gehoben.
Der deutsche Titel zeigt mit der Zusammenschreibung von „wasweißich“ bereits, dass die Ich-Erzählerin Sprache ebenso wie ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestaltet. Im Französischen ist „n’importe quoi“ zwar umgangssprachlich, aber geläufig. Die Übersetzerin verwendet auch im Fließtext stets die Zusammenschreibung und übersetzt „n’importe où“ mit „wasweißich wo“. Auf diese Weise schafft es ein trotziges „wasweißich“ bereits in die zehnte Zeile des Romans.
Bei den Menschen, denen sie im Laufe des Romans begegnet, stößt „Renata“ mit ihrer Lebensweise auf Unverständnis. Nach der Lektüre kann jede:r selbst urteilen: Ist sie eine mutige Rebellin oder geistesgestört? Sicher ist: Dank der fast alle Ecken und Kanten des Originals auskostenden Übersetzung werden auch deutschsprachige Leser:innen die Figur nicht so schnell vergessen.

