Vom Cover lächelt mir vor einem strahlend blauen Himmel der blaue Dinosaurier mit Fliege und gelbem Umhang entgegen. Und ich ahne gleich, dass das Lächeln zynisch gemeint ist. Meryem, fünfundzwanzig Jahre alt, gewährt uns in Supersaurio einen Einblick in ihre Gedanken und scharfsinnigen Beobachtungen über die kapitalistische Welt, in der sie täglich mehrere Stunden mit dem Bus zur kanarischen Supermarktkette Supersaurio pendelt, um als überqualifizierte Praktikantin Kopien zu erstellen.

Neben der stupiden Arbeit ist sie dem Alltagsrassismus und Mobbing ihrer Vorgesetzten ausgesetzt. Einziger Lichtblick sind ihr Arbeitskollege Omar und ihre Fanfiction-Passagen, in der mittlerweile nicht mehr Bella Swan und Edward Cullen, sondern ihre Supersaurio-Kolleg:innen die Hauptrollen spielen. Zwischenzeitlich war ich mir aufgrund der amüsanten Beobachtungen von Meryems Büroalltag nicht sicher, was real und was Fiktion ist und musste mich anhand der Kapitelüberschriften orientieren – ein lustiges Beispiel dafür, wie absurd die moderne Arbeitswelt sein kann.
Mir hat besonders die gesellschaftskritische Haltung von Meryem gefallen – ihre politischen und feministischen Ansichten sind geprägt von ihrem Aufwachsen als Migrantentochter, die schon früh gelernt hat, sich anzupassen und genau das immer wieder in Frage stellt. Dass ihre Schlagfertigkeit und der bissige Humor in der deutschen Fassung nicht verloren gehen, haben wir der wunderbaren, authentischen Übersetzung von Johanna Schwering zu verdanken. – Viktoria Wenker
Meryem em Mehdati El Ami/Johanna Schwering (aus dem Spanischen): Supersaurio. Ecco 2026, 352 Seiten, 18 Euro.
Lange Buchtitel sind gerade anscheinend im Trend. Fast Abend, immer noch hell ist allerdings eine besonders schöne Variante davon und bietet sich damit direkt als perfektes Sommerbuch an. Die dänische Autorin Linea Maja Ernst schickt in ihrem Debüt eine Freundesgruppe in den Dreißigern in einen gemeinsamen Urlaub. Was als idyllische Rückbesinnung auf die guten alten Studienzeiten gedacht ist, entpuppt sich jedoch schon bald als geheime Hochzeitsfeier von zweien von ihnen im Wald.

Viel Handlung gibt es in diesem Roman eigentlich nicht, und trotzdem gelingt es Fast Abend, immer noch hell in Ursel Allensteins Übersetzung, einen unglaublichen Lesesog zu entfalten. Die Figuren, die feststellen müssen, dass sie vielleicht nicht mehr so viel gemein haben, wie noch während des Studiums, schrappen immerzu haarscharf an der Aversion vorbei und teilen ausführlich ihre Auffassungen von Freiheit und Liebe mit den Leser:innen.
Mal will man sie umarmen, mal schütteln, aber auf jeden Fall will man ihnen weiterzuhören. Man hängt an Ursel Allensteins Übersetzung, die alle Figuren im Buch absolut authentisch wirken lässt und zum Leben erweckt, sodass man sich schließlich selbst unter ihnen in einer gemütlichen Ferienhütte in der Natur wähnt. Und dann wird man auch noch mit einem fantastischen Ende belohnt. – Lisa Mensing
Linea Maja Ernst/Ursel Allenstein (aus dem Dänischen): Fast Abend, immer noch hell. S. Fischer 2026, 256 Seiten, 24 Euro.
Die Temperaturen im Dunklen Tal übersteigen schon lange die 50° C, die menschenverlassene Gegend ist nicht mehr lebenswert. Nur wenige entlegene Dörfer existieren noch in dieser dystopischen Welt, in der Dalia, die nie eine echte Blume gesehen hat, in die Berge aufbricht. Dort möchte sie sich, nachdem sie die meiste Zeit ihres jungen Lebens im Krankenhaus verbracht hat, einem Dorf im Wald anschließen, in dem es noch Wasser und einen Funken Hoffnung geben soll.

Dalia, Morena, Fioranna, Orsola, Boscarato und Biagio, Manuel und Samuel – die starken Romanfiguren sind mir beim Lesen ans Herz gewachsen oder ich habe sie verabscheut. Lamberti hat ein großes Talent dafür, glaubwürdige Charaktere zu erschaffen, die berühren, überraschen und nachwirken.
Die poetische und facettenreiche Sprache hat Annette Kopetzki stilsicher ins Deutsche übersetzt, mit so wunderschönen Neuschöpfungen wie dem Forsten, einem besonderen Wetterphänomen, das im Roman beschrieben wird. Diese düstere Parabel liest sich besonders gut im Hochsommer, Ginevra Lamberti soll den Roman bei ähnlich steigenden Temperaturen geschrieben haben. – Viktoria Wenker
Ginevra Lamberti/Annette Kopetzi (aus dem Italienischen): Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit. Piper 2026, 304 Seiten, 24 Euro.
„Das All ist das Auge, in dem ich mich spiegeln möchte“, schreibt A. in Siri Ranva Hjelm Jacobsens Meeresbriefe an M. Der schmale Band ist genau das, was der Titel andeutet: ein Briefwechsel zwischen zwei Meeresschwestern, der älteren Atlantik und der in ozeanischer Zeit noch blutjungen Mittelmeer. Einst waren die beiden und ihre anderen Schwestern vereint, bis Landmassen hervorbrachen und sie voneinander trennten. Jetzt, in Zeiten der Klimakatastrophe, hecken sie einen Plan aus, der sie wieder zusammenführen soll.

Bis dahin schreiben sie sich Briefe. Die kleine M. ist darin spürbar aufgewühlt, ihr ist schrecklich heiß, vor allem in den Sommermonaten, und sie leidet mit den Menschen, dem „Geziefer“, wie sie sagt, die in ihren Fluten ertrinken. Bei ihrer älteren Schwester sucht sie Trost, findet ihn aber nur selten, denn A. hat nicht viel übrig für Geziefer-Geschichten, sie kann nichts mehr erschüttern. Ihr Blick geht auf das große Ganze, ins All und in die Ewigkeit.
Mit Meeresbriefe zoomen wir ganz weit raus – aus unserem Alltag, aus unserer Kleinheit, unserem Zeitgefühl. Doch wie ein Menschenleben aus der Perspektive der Meeresschwestern im Nu vorbeiflickert, so ist leider auch dieser schmale Band – wunderbar behutsam übersetzt von Franziska Hüther und illustriert von Dorte Naomi − viel zu schnell ausgelesen. Für den Urlaub müssen also unbedingt noch ein paar mehr Bücher ins Gepäck! – Sula Textor
Siri Ranva Hjelm Jacobsen/Frankziska Hüther (aus dem Dänischen): Meeresbriefe. März Verlag 2026, 64 Seiten, 18 Euro.
Auch in Siri Ranva Hjelm Jacobens erstem Roman Insel reisen wir übers Meer: von Dänemark auf die Färöer und umgekehrt. Die Erzählerin ist Dänin mit färöischen Vorfahren. Sie lebt als Geologin in Kopenhagen, wo einst ihre Großeltern mütterlicherseits anlandeten – zuerst ihr Abbe und ein Jahr später seine Verlobte, ihre Omma –, dann in der Nähe eine Familie gründeten und dort den Rest ihres Lebens verbrachten. Nach dem Tod ihrer Großeltern macht sich die Erzählerin auf die Suche nach ihren Wurzeln.

Dafür reist sie mit ihren Eltern auf die Faröer, sie fahren durch Landschaften, die die Erzählerin noch aus ihrer Kindheit kennt. Sie besuchen Verwandte, erzählen sich alte Geschichten aus der Familie, die oft eng mit den Landschaften, in denen sie sich abspielen, verwoben sind. Immer wieder muss die Erzählerin dabei vermeintliche Erinnerungen nachträglich korrigieren, und immer wieder fühlt sie sich auf dieser Reise in die Heimat ihrer Familie mehr als Touristin, als ihr lieb ist. Insel erzählt eindringlich von einer fragilen Identität, von Herkunft, von Migrationserfahrung und den Folgen des dänischen Kolonialismus.
Ganz besonders ist die knappe, aber ungeheuer plastische Sprache des Romans. Vor allem die Beschreibung von atmosphärischen und landschaftlichen Details sind wunderschön. Siri Ranva Hjelm Jacoben lässt sie in verdichteten Bildern, die Franziska Hüter sehr kunstfertig übersetzt, fast greifbar werden. Mein sprachliches Highlight: die kleinen, unauffälligen Verbneuschöpfungen der Übersetzerin, die den Text total lebendig machen. Achtet mal drauf! – Sula Textor
Siri Ranva Hjelm Jacobsen/Frankziska Hüther (aus dem Dänischen): Insel. März Verlag 2025, 181 Seiten, 25 Euro.
Sehnsucht heißt der neue Roman des polnischen Bestsellerautors Szczepan Twardoch. Es ist der zehnte Roman von ihm, der ins Deutsche übertragen wurde – allesamt von Olaf Kühl, einer Art Veteran des Übersetzens aus dem Polnischen. Vor zwei Jahren wurde er mit einer Twardoch-Übersetzung dann auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Mit Sehnsucht erkundet Twardoch augenscheinlich bekanntes Terrain und erzählt von einsamen Männern, die von Großem träumen, letztlich aber relativ unbedeutsam sind: Erwin Piontek ist (zumindest in der ersten Version) ein Schlesier in Rente, der jahrelang im Bergbau schuften musste und nun nicht zur Ruhe kommt. Denn sein eigentlicher Lebenstraum, nämlich auf See zu fahren, blieb jahrelang unerfüllt. Er vergisst vieles, aber nicht die Sehnsucht nach dem Meer. Eines Tages kauft er ein altes Segelboot und segelt los, allerdings auf einem Binnensee. Dort fährt er monatelang im Kreis und erlangt durch sein leicht verrücktes Verhalten Lokalprominenz.
Seine Reise geht jedoch noch weiter: Im zweiten Teil landet Erwin im kolonialen Deutsch-Südwestafrika. Dort darf er zwar seine Identität als Schiffsmann ausleben, soll aber auch einheimische Truppen niederschlagen. Im letzten Teil ist er dann wieder gegenwartsnaher unterwegs: Er ist ein bescheidener Opel-Verkäufer, bis er vom polnischen Geheimdienst entführt wird. Mit Erwin und Twardoch als wenig vertrauenswürdigen Erzählern erlebt man also viele Abenteuer, auf die man sich aber auch einlassen muss. Aufgrund von Olaf Kühls umsichtiger, aber nie unterfordernder Übersetzung, die bis an die Grenze zur Zweisprachigkeit geht (sehr viel Polnisch wird am Anfang stehen gelassen), sollte das jedoch kein Problem sein. – Julia Rosche
Szczepan Twardoch/Olaf Kühl (aus dem Polnischen): Sehnsucht. Rowohlt 2026, 224 Seiten, 24 Euro.
