Lieber Henning, liebe Hélène, ihr kuratiert für den Verein Weltlesebühne, gemeinsam mit Gastkuratorin Aurélie Maurin vom TOLEDO-Programm, das Festival „Übersetzen & Weltretten“, das am Freitag startet. Ich würde gern zuerst über den Titel sprechen, denn der dürfte viele überrascht haben. Zu utopischem Denken in dystopischen Zeiten möchtet ihr mit den geplanten Veranstaltungen anstiften. Wo liegt denn aus eurer Sicht das utopische Potential der Literaturübersetzung?
Hélène Thiérard: „Ohne Übersetzung keine Weltliteratur“, so ein Leitsatz der Übersetzer:innen-Community. Aber was bedeutet hier Welt? Es ist die utopische Vorstellung einer pluralistischen Welt, in der jede Stimme zählt. In Zeiten automatisierter Übersetzung und algorithmischer Glättung ist menschliches Übersetzen ein utopischer Gegenentwurf: Es setzt auf Nuancen, Ambiguität, kulturelle Tiefe – also auf genau das, was demokratische Gesellschaften brauchen.
Übersetzen wird oft als Reproduktion oder Wiederholung verstanden, dabei handelt es sich um einen Transformationsprozess. Die Kernidee des Festivals – dass im literarischen Übersetzen selbst ein Funke Utopie steckt – lässt sich ganz einfach fassen: Übersetzen ist keine Technik, sondern eine Handlung, und zwar eine Handlung mit hoher gesellschaftlicher Transformationskraft. Die Wirkungsmacht literarischer Übersetzer:innen, ihre Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern, wird weitgehend ignoriert, zum Teil auch innerhalb der Literaturbranche.
Henning Bochert: Überraschung beziehungsweise Schrecken sind vielleicht zwei Reaktionen, die Utopien respektive Dystopien auslösen können, um auf Missstände in der Welt aufmerksam zu machen. Literatur kann überraschende Ideen liefern, wie es auch anders gehen könnte, und mit drastischen Zukunftsprojektionen warnen, wie dringend die Probleme sind, über die wir uns in der Gegenwart hinwegträumen oder hinweggetäuscht werden. Besonders in polarisierten Zeiten bietet Literaturübersetzen für mich die Möglichkeit, das vermeintlich Fremde zugänglich und verständlich zu machen.
Mauern werden abgebaut – die Mauermetapher taucht in vielen utopisch-dystopischen Werken auf, zum Beispiel in Boualem Sansals 2084, wo Mauern ideologisch Verdummten als Herrschaftsinstrument den Überblick verstellen. Übersetzen setzt auch in Kenntnis, klärt auf, zeigt die Vielfalt und auch Ambiguität der Welt. Meine Utopie ist der Mut und Wille, die Komplexität der Welt, das Fremde und Unbekannte als Bereicherung zu empfinden, wie es literarisches Übersetzen notwendig tut. Damit ließe sich schon viel retten.
Im Festivalprogramm rückt ihr auch prägende literarische Utopien und Dystopien in den Vordergrund, etwa Werke von Ursula K. Le Guin, die in viele Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt gelesen werden. Was interessiert euch an diesen Texten mit Blick auf die Tätigkeit des Übersetzens besonders? Und was macht sie vielleicht gerade jetzt so relevant?
Henning Bochert: Wir stellen Le Guin insbesondere im Hinblick auf den Aspekt der Ökosysteme in ihren Werken im Gespräch mit Milena Adam und Karen Nölle zu Ökotopien vor. Gerade las ich einen Artikel im Guardian mit dem Titel „Why we need more climate fiction“ – ein weiterer Beleg dafür, dass Literatur immer schon Ideen für die Gestaltung der realen Welt geliefert hat. Elemente aus Klassikern wie Samjatins Wir oder Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep? sind bereits immer wieder in Ansätzen eingetreten, sei es die Entwicklung von Robotern und Künstlicher Intelligenz, seien es ökologische Kipppunkte – Stichwort tipping points. Wenn gegenwärtige Machteliten in den USA vom Weltraum träumen, dann sind diese Vorstellungen ohne Erzählungen wie The Martian Chronicles von Bradbury oder The Martian Way von Asimov schwer denkbar.
Aktuelle Utopien wie Luise Meiers Hyphen oder Annette Hugs Tiefenlager – um nur zwei deutschsprachige zu nennen, aber auch die französische Autorin Céline Minard oder die ungarische Autorin Krisztina Tóth haben mich beeindruckt – haben die Kraft, in einer uns überwältigenden Gegenwart positive Ideen und Entwürfe zu behaupten, hoffnungsvoll nach vorn gerichtete Ermächtigungen gegenüber Kräften, die uns diese Zukunft absprechen möchten. Übersetzen bietet hier die Möglichkeit, Perspektiven und Ideen aus anderen Kulturen zu transportieren und uns – um auf Ökotopien zurückzukommen – auch von global unterschiedlichen Narrativisierungen der Klimakatastrophe überraschen zu lassen, die politisch leider aus viel zu nationaler Position verhandelt wird.
Hélène Thiérard: Utopien und Dystopien bieten beim Übersetzen spannende Herausforderungen, die besonders kreative Lösungen erfordern. Dystopien veranschaulichen häufig, wie Sprache in totalitären Regimen zu einem Instrument der Unterdrückung wird und die Gedankenfreiheit einschränkt – wie Orwells „Neusprech“ in 1984. Doch Utopien zeigen auch, wie Sprache sich als Mittel der Emanzipation einsetzen lässt, und genau daraus können wir heute lernen.
Ich denke hier zum Beispiel an die Pravic-Sprache, die Ursula K. Le Guin in The Dispossessed (Freie Geister) erfindet: eine Sprache, die konsequent nach den Prinzipien einer anarchistischen Gesellschaft gebaut ist und es den Sprecher:innen tatsächlich schwer macht, Eigentum überhaupt zu denken. Doch wie übersetzt man eine erfundene Sprache? Das fragen wir Karen Nölle, die diesen Roman 2017 neuübersetzt hat. Die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Macht zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Programm. Und die Expertise, die die Übersetzer:innen von George Orwell (Frank Heibert), Karel Čapek (Doris Kouba), Ursula K. Le Guin (Karen Nölle), Céline Minard (Milena Adam), Michal Hvorecky (Mirko Kraetsch), Jacqueline Harpman (Luca Homburg), Elena Aldunate (Laura Haber), Krisztina Tóth (Timea Tankó), usw. mitbringen, verspricht intensive und zugleich vergnügliche Gespräche.
Trotzdem werden Literaturübersetzer:innen ja leider selten als heldenhafte Weltretter gesehen. Oft müssen sie ihre Rolle im literarischen Diskurs als eine recht machtlose erleben, sich Sichtbarkeit und Gehör erst mühsam erkämpfen. Welchen Beitrag kann ein Festival wie das von euch geplante da leisten?
Hélène Thiérard: Die Besonderheit unseres Festivals besteht darin, dass die Mehrheit unserer Gäste Literaturübersetzer:innen sind, die sich im Gespräch mit anderen Akteur:innen aus dem Literaturbetrieb austauschen. Zwei Wochen lang bekommt der Übersetzungsberuf erhöhte Sichtbarkeit beim Publikum. Die meistgelesenen Utopien und Dystopien in Deutschland erscheinen in Übersetzungen aus anderen Sprachen. Wir wollen ein Bewusstsein für die Bedeutung des Berufs in der breiten Öffentlichkeit schaffen. Erlebbar machen, was verloren geht, wenn Literatur morgen von DeepL und ChatGPT übersetzt wird. Das Können menschlicher Übersetzer:innen ist heute gefragter denn je.
Henning Bochert: Angesichts des massiven Einsatzes automatischen Übersetzens bleibt menschliche (Übersetzungs-) Intelligenz unverzichtbar, wenn Literatur aus anderen Ursprungssprachen weiterhin im deutschsprachigen Raum publiziert werden soll. Die politische und gesellschaftliche Tragweite der Gefährdung unserer Branche ist noch gar nicht in der Öffentlichkeit angekommen. Diese Frage klingt in vielen Veranstaltungen an und wird in der Podiumsdiskussion „Welche Zukunft haben menschliche Sprachen mit KI?“ mit Claudia Hamm und Chantal Wright besonders explizit Thema sein.
Bis 2023 organisierte die Weltlesebühne e. V., ebenfalls in Kooperation mit dem TOLEDO-Programm, das Festival translationale – ebenfalls im September und damit in zeitlicher Nähe zum Hieronymustag, dem Internationalen Tag des Übersetzens am 30. September. Auch Veranstaltungsformat und Spielorte waren teils dieselben. Versteht sich das diesjährige Festival als Fortsetzung der translationale?
Hélène Thiérard: Die translationale war zweifelsohne ein Leuchtturmprojekt der Weltlesebühne, und die Ausgaben 2021, 2022 und 2023 haben gezeigt, dass ein Festival zu Literaturübersetzung sich in Berlin durchsetzen kann – trotz starker Konkurrenz in der Festivallandschaft. Als Nachfolgeprojekt stützt sich Übersetzen & Weltretten auf bestehende Kooperationsstrukturen, aber wir haben ein neues Konzept entworfen. Der Hauptunterschied liegt im klaren Themenfokus: dieses Jahr Utopien und Dystopien, in zwei Jahren … wer weiß? Der Fokus soll nicht nur publikumsfreundlich sein, sondern auch die gesellschaftliche Relevanz von Übersetzungsthemen hervorheben. Wir wollen im Programm stets literarische und gesellschaftspolitische Debatten mit konkreten Einblicken in die Praxis des Übersetzens verbinden.
Henning Bochert: Wir freuen uns insbesondere, die Kooperation mit dem Collegium Hungaricum Berlin weiterführen zu können, das uns schon von Anfang an unterstützt. Die zwei zentralen Festivaltage werden in dieser fantastischen Location ausgerichtet. Auch TOLEDO, das Programm des Übersetzerfonds, ist mit Aurélie Maurin wieder im Boot. Sie kuratiert zwei Festivalveranstaltungen aus der Reihe Staying Alive zu Neuübersetzungen. Über die bewährten Strukturen hinaus haben wir uns breiter aufgestellt: Mit der Amerika-Gedenkbibliothek, der Lettrétage und dem Iberoamerikanischen Institut haben wir neue, starke Partner für einige Termine gewonnen. Denn als wichtige Neuerung entzerren wir den Festivalzeitraum und verteilen die Termine auf zwei Wochen. Das macht es dem Publikum leichter, im dichten Berliner Veranstaltungskalender mehrere Termine wahrzunehmen.
Wen hofft ihr mit dem Festival ganz besonders zu erreichen?
Henning Bochert: Wir freuen uns auf Literaturbegeisterte, SciFi-Fans …
Hélène Thiérard: Verleger:innen, Übersetzende, Sprachbegeisterte …
Henning Bochert: Bücherwürmer, Zukunftsforschende …
Hélène Thiérard: Und überhaupt alle, die mehr über Literaturübersetzen erfahren wollen. Mit dem Fokus auf Utopien und Dystopien hoffen wir aber insbesondere, ein Publikum zu erreichen, das sich nicht in erster Linie für Fragen rund ums Literaturübersetzen, sondern auch für dieses Genre interessiert. Selbst Fans spekulativer Fiktion werden neue Autor:innen entdecken, denn im Programm haben wir neben bekannten Stimmen aus dem angelsächsischen Raum auch weniger bekannte Autor:innen, die zum Beispiel auf Französisch, Slowakisch, Tschechisch, Spanisch, Türkisch oder Kurdisch schreiben.
Henning Bochert: Wir wollen näher ran an die Berliner:innen. Dass wir nicht nur Fachpublikum erreichen wollen, sieht man auch an der Vielfalt unserer Formate. Neben Gesprächen und Lesungen gibt es auch Performatives, Entspannteres. Das Kollektiv Kunst & Krawall bringt uns einen Poetry Slam zum Thema Utopie, unter anderem mit der berlin-brandenburgischen Meisterin Lisa Pauline Wagner. Wir zeigen ein Kurzstück von Dia Hakim Khaeri aus Singapur in szenischer Lesung. Und am letzten Abend gibt es ein DJ-Set zum Ausklang.
Was war für euch in der Planung die größte Herausforderung? Die größte Überraschung?
Henning Bochert: Die größte Herausforderung war eindeutig die Finanzierung. Über die sehr lange Zeit der Antragsstellungen noch den Kopf über Wasser zu halten, war in Zeiten stark gekürzter Mittel schwierig. Ich spreche für uns beide, wenn wir einen Dank an die Jury des Programms der Senatskanzlei senden, dass sie uns schließlich ausgewählt hat, und an den Senat für die Förderung. Dank ebenfalls an den Übersetzerfonds, an die GLS Treuhandstiftung für weitere Förderungen; auch an die Weltlesebühne für das große Vertrauen, denn wir waren als Festivalteam lange wie ein U‑Boot außer Sicht des Mutterschiffs, ehe wir mit Bewilligung der Fördermittel wieder auftauchten.
Hélène Thiérard: Die schönste Überraschung für mich ist, dass unsere Zusammenarbeit so gut funktioniert. Das Festival Übersetzen & Weltretten ist das erste Projekt, das Henning und ich zusammen machen. Wir kannten uns davor nicht besonders gut, erst durch das gemeinsame Entwickeln des Konzepts und durch das gegenseitige Motivieren bei den vielen Anträgen sind wir zu einem Team geworden. Es macht Spaß, zusammen zu arbeiten.
18 verschiedene Veranstaltungen habt ihr auf die Beine gestellt. Unter den Beteiligten sind natürlich, wie schon erwähnt, viele namhafte Literaturübersetzer:innen, aber auch Autor:innen und Literaturwissenschaftler:innen. Auf wen und auf welche Veranstaltungen freut ihr euch besonders?
Henning Bochert: Ich bin wahnsinnig gespannt, wie das gesamte Programm ineinandergreift und sich über verschiedene Spielorte verbindet und entfaltet. Besonders gespannt bin ich vielleicht auf Timea Tankó und Krisztina Tóth, denn hier wird ein Ausschnitt aus einem in andere Sprachen schon übersetzten und gut verkauften Buch, Das Auge des Affen, präsentiert, das in Deutschland noch einen Verlag sucht. Wenn das gelingt, haben wir wirklich einen Erfolg gelandet.
Hélène Thiérard: Ganz besonders freue ich mich auf die Festivalrede der Schriftstellerin und Übersetzerin Annette Hug, weil sie das Festivalthema aus zwei Perspektiven beleuchten kann, die sich perfekt ergänzen. Zum einen hat Hug mit Tiefenlager eine einzigartige Dystopie zum Thema Zukunftsplanung für Atommüll über Jahrtausende entworfen, in der auch Sprachvielfalt ein tragendes Element ist. Zum anderen leistet sie als erste Übersetzerin philippinischer Literatur ins Deutsche wahrhaft Pionierarbeit – und dieses Engagement verkörpert für mich genau das, was ich mir unter dem utopischen Funken im literarischen Übersetzen vorstelle.
Hélène Thiérard lebt als Literaturübersetzerin und ‑wissenschaftlerin in Berlin. Sie übersetzt ins Französische (Raoul Hausmann, Franz Kafka, u.s.w.) und ist Vorstandsmitglied der Weltlesebühne e. V. Nach der Promotion lehrte und forschte sie an der Sorbonne (Paris), am IFK (Wien) und an der Universität des Saarlandes. Derzeit ist sie an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Zu ihren Forschungsgebieten gehören Avantgarden, mehrsprachiges Denken und Übersetzung.
Henning Bochert arbeitet als Autor, Dramaturg, Dozent und staatlich geprüfter Übersetzer in Berlin und übersetzt seit 1996 dramatische und andere Texte zwischen Deutsch und Englisch, zuletzt Susan Glaspell, Eve Leigh, David Vaughan, Inua Ellams und Dawn King. Er engagiert sich u. a. bei der Weltlesebühne e. V., VTheA e. V. sowie im Vorstand von raum4 – netzwerk für künstlerische alltagsbewältigung e. V. und Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V.

