Auf ein Wort: Nabo­kovs Lieb­lings­far­be auf Deutsch

Erst interpretieren und dann übersetzen? Von

Nabokov posiert, aufgenommen in den 1960er Jahren. Foto: Giuseppe Pino (Mondadori Publishers) via WikiCommons

Autorin­nen und Autoren haben, bewusst oder unbe­wusst, ihre sprach­li­chen Eigen­hei­ten. Lieb­lings­wör­ter und aus­sa­ge­kräf­ti­ge For­mu­lie­run­gen gehö­ren eben­so dazu wie ver­bor­ge­ne Stil­merk­ma­le oder ver­rä­te­ri­sche Manie­ris­men. In sei­nem Buch Nabokov’s Favo­ri­te Word is Mauve rückt Ben Blatt sol­chen Häu­fig­kei­ten und Auf­fäl­lig­kei­ten mit sta­tis­ti­schen Metho­den zu Lei­be. Bei der quan­ti­ta­ti­ven Aus­wer­tung gro­ßer Text­men­gen stützt er sich auf die Sty­lo­me­trie. Sein Inter­es­se gilt unter ande­rem Wen­dun­gen und Wör­tern, die zah­len­mä­ßig aus der Rei­he tan­zen und auf die Schrei­ben­de behelfs­mä­ßig immer wie­der zurück­grei­fen (soge­nann­te „fall­backs“). Eine beson­de­re Bewandt­nis hat es mit den Lieb­lings­wör­tern. Von ihnen geht eine unge­wöhn­li­che, fast geheim­nis­vol­le Strahl­kraft aus. „They’re favo­ri­tes that go bey­ond rari­ty and beco­me com­mon for that aut­hor, almost as if they’re a part of the way that aut­hor thinks and operates.“

Um sie aus­fin­dig zu machen, hat Blatt ein paar ein­fa­che Regeln auf­ge­stellt. Im Gegen­satz zu den auf­dring­li­chen „fall­backs“ blei­ben Lieb­lings­wör­ter dis­kret im Hin­ter­grund. Es reicht, wenn sie in der Hälf­te der Wer­ke und min­des­tens ein­mal pro 100.000 Wör­ter vor­kom­men. Gleich­zei­tig sol­len sie nicht so exo­tisch und aus­ge­fal­len sein, dass sie im Cor­pus of His­to­ri­cal Ame­ri­can Eng­lish weni­ger als ein­mal pro Mil­li­on vor­kom­men. Bei der End­aus­wahl der Favo­ri­ten ent­schei­det sich Blatt dann jeweils für die Voka­beln mit der höchs­ten Rate im Ver­gleichs­kor­pus. Dies trifft auf Vla­di­mir Nabo­kovs titel­ge­ben­des Adjek­tiv mauve zu. Es taucht sogar in allen acht Roma­nen auf, die Nabo­kov auf Eng­lisch ver­fasst hat, und erscheint 44 Mal häu­fi­ger als in ande­ren Tex­ten aus dem Vergleichskorpus. 

Da Übersetzer:innen gemein­hin nicht als Sprach­pro­fi­ler mit tie­fen­sti­lis­ti­schem Rönt­gen­blick an die Arbeit gehen, dräng­te sich mir sogleich die Fra­ge auf, ob mauve auch in den deut­schen Nabo­kov-Aus­ga­ben als Lieb­lings­wort figu­riert und wie es sich dort mit der Wort­kon­stanz ver­hält. Die Resul­ta­te mei­ner Ver­gleichs­stu­die sind jedoch nicht als Kri­tik an der Qua­li­tät der vor­lie­gen­den Über­set­zun­gen zu ver­ste­hen. Aus­schlag­ge­bend ist für mich die Fra­ge, ob und wie text­ana­ly­ti­sche Erkennt­nis­se und aktu­el­le Werk­in­ter­pre­ta­tio­nen in die Über­set­zungs­ar­beit ein­flie­ßen sol­len. Mit ande­ren Wor­ten: Ste­hen Lin­gu­is­tik und Lite­ra­tur­kri­tik (qua Hilf­wis­sen­schaf­ten) den Übersetzer:innen zu Diensten?

Wort­wahl und Wort­kon­stanz 

Die For­de­rung nach Wort­kon­stanz ist kein Gebot der Über­set­zungs­theo­rie – viel­mehr wird im Rah­men der Äqui­va­lenz unter­stri­chen, dass es auf Wort­be­deu­tung und Kon­text ankom­me. Wäh­rend bei Sach­bü­chern ter­mi­no­lo­gi­sche Kon­sis­tenz ver­langt wird, haben lite­ra­ri­sche Tex­te mehr Frei­hei­ten. Einen Kon­flikt sehe ich am ehes­ten dort, wo bestimm­te Wör­ter oder For­mu­lie­run­gen zufäl­lig oder beab­sich­tigt mar­kiert sind oder die ästhe­ti­sche Wir­kung in den Vor­der­grund rückt. So ist es gele­gent­lich ange­zeigt, Auf­fäl­lig­kei­ten im Ori­gi­nal­text oder Vor­lie­ben der Autor:innen in der Über­set­zung zu berück­sich­ti­gen und sicht­bar zu machen, um ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze nicht zu ver­ei­teln. Gleich­zei­tig leuch­tet es ein, dass sich Äqui­va­lenz in der Ziel­spra­che nicht in jedem Fall bewerk­stel­li­gen lässt. 

Die­ter E. Zim­mer, Nabo­kov-Über­set­zer und Her­aus­ge­ber der Gesamt­aus­ga­be im Rowohlt Ver­lag, hat schon früh dar­auf gepocht, dass glei­che Wör­ter nicht immer gleich zu über­set­zen sei­en. „In jeder Spra­che“, schreibt er in Redens Arten, „wird die Wirk­lich­keit durch die Begrif­fe etwas anders auf­ge­teilt, und selbst gleich­be­deu­ten­de Begrif­fe, vor allem Abs­trak­ta und Gefühls­be­grif­fe, haben einen unter­schied­li­chen Nim­bus von Kon­no­ta­tio­nen, mit dem zu rech­nen ist.“ Bereits die Bibel­über­set­zer der Aut­ho­ri­zed Ver­si­on von 1611 ver­tei­di­gen ihre Neu­über­set­zung und hal­ten in ihrer Vor­be­mer­kung an die Leser:innen („The Trans­la­tors to the Rea­der“) aus­drück­lich fest, dass Wort­kon­stanz kein unver­rück­ba­res Gebot dar­stel­le und dass es für das Ver­ständ­nis des Tex­tes und der Bot­schaft erfor­der­lich sei, je nach Kon­text zu entscheiden. 

Ano­ther thing we think good to admo­nish thee of (gent­le Rea­der) that we have not tied our­sel­ves to an uni­for­mi­ty of phra­sing, or to an iden­ti­ty of words […] Tru­ly, that we might not vary from the sen­se of that which we had trans­la­ted befo­re, if the word signi­fied that same in both places (for the­re be some words that be not the same sen­se ever­y­whe­re) we were espe­ci­al­ly careful, and made a con­sci­ence, accor­ding to our duty.

Die Über­set­zer leh­nen es expli­zit ab, bestimm­te Wör­ter im Hebräi­schen oder Grie­chi­schen stur mit dem­sel­ben Begriff zu über­set­zen. Im Zen­trum steht das Aus­han­deln. Kon­text und Ver­ständ­lich­keit bestim­men dar­über, ob „wört­lich“ oder „sinn­ge­mäß“ über­tra­gen wird. Das sah 1200 Jah­re vor ihnen schon Hie­ro­ny­mus so, schloss jedoch die Hei­li­ge Schrift aus, da in ihr „selbst die Wort­fol­ge ein Mys­te­ri­um“ sei. 

Nun ist das „Wort des Dich­ters“ zwar nicht sank­ro­sankt, aber Nabo­kov, der auto­ri­tä­re Kon­trol­le über sei­ne Tex­te aus­üb­te und mit ket­ze­ri­schen Über­set­zun­gen scharf ins Gericht ging, wür­de womög­lich wider­spre­chen. Wäre er damit ein­ver­stan­den, dass aus­ge­rech­net sein Lieb­lings­wort – und stil­les Mar­ken­zei­chen – im Deut­schen in zehn Vari­an­ten zer­schla­gen wird? 

Far­be beken­nen 

In sei­nem Kapi­tel über „Cli­chés, Repeats, and Favo­ri­tes“ ver­wen­det Ben Blatt knapp eine Sei­te auf Nabo­kovs mauve. Kein ande­res Wort in des­sen Werk wei­se im Ver­gleich zu gewöhn­li­chen Tex­ten der­ma­ßen gro­ße Unter­schie­de auf. Nabo­kov setzt zwar wesent­lich mehr Far­ben ein als ande­re Autor:innen, aber mauve sticht durch sei­ne Ein­zig­ar­tig­keit her­aus. Ob das für die Inter­pre­ta­ti­on sei­nes lite­ra­ri­schen Schaf­fens über­haupt von Belang ist und wie Übersetzer:innen mit die­ser Infor­ma­ti­on umge­hen, bleibt eine wich­ti­ge Frage. 

In Nabo­kovs Roman Ada or Ardor kommt die adjek­ti­vi­sche Farb­be­zeich­nung mauve ein Dut­zend mal vor (gleich häu­fig wie im Ulys­ses von James Joy­ce). Zudem taucht es ein­mal als Verb mau­ving auf, das in den Über­set­zun­gen mit „leicht vio­lett fär­ben“ wie­der­ge­ge­ben wird. Damit das mar­kier­te Lexem auch deutsch­spra­chi­gen Leser:innen ins Auge springt und den Sta­tus Lieb­lings­wort behält, müss­te mauve über­all gleich über­setzt wer­den. Gefan­gen in einem her­me­neu­ti­schen Zir­kel gilt es also zu ent­schei­den, ob beim Über­set­zen mit Blick aufs Gan­ze Wort­kon­stanz ange­sagt ist oder je nach Werk und Pas­sa­ge anders ver­fah­ren wird. 

In den deut­schen Aus­ga­ben von Ada oder Das Ver­lan­gen haben Uwe Frie­sel und Mari­an­ne Ther­st­ap­pen bezie­hungs­wei­se Uwe Frie­sel und Die­ter E. Zim­mer die zwölf mauve-Nen­nun­gen unter­schied­lich wie­der­ge­ge­ben, durch lila, lila­far­ben, vio­lett (in der über­ab­ei­te­ten Über­set­zung dann mau­vefar­ben) sowie mal­ven­far­ben, das in einer neue­ren Aus­ga­be durch rosa­vio­lett ersetzt wird. 

Lila ist mit acht Nen­nun­gen die pro­mi­nen­tes­te Vari­an­te. Sie kommt aller­dings in der deut­schen Über­set­zung nahe­zu gleich oft für ande­re eng­li­sche Farb­be­zeich­nun­gen zum Ein­satz: vor allem für pur­ple (das sonst über­wie­gend mit vio­lett über­setzt wird), ver­ein­zelt auch für vio­let, vio­let-pur­ple oder lil­ac. – Falls die übri­gen Roma­ne ein ähn­li­ches Bild zeich­nen, dürf­te man spitz­zün­gig fra­gen, ob Ben Blatts Buch in einer deut­schen Über­set­zung den alli­te­ra­ti­ven Titel Nabo­kovs Lieb­lings­wort lau­tet „lila“ tra­gen müsste. 

Über die Ver­tei­lung auf die acht unter­such­ten Roma­ne und Details schweigt sich Blatt zwar aus, aber schau­en wir trotz­dem, wie die übri­gen Titel punk­to mauve abschnei­den. Platz zwei bis vier bele­gen Loli­ta (7 Nen­nun­gen), Look at the Har­le­quins! (5) und Pale Fire (4). In den rest­li­chen Büchern kommt mauve dann nur noch je zwei Mal vor. Auf­schluss­rei­cher sind hin­ge­gen die Über­set­zun­gen. Die häu­figs­te Lösung bleibt mal­ven­far­ben. Als valable Neu­zu­gän­ge kom­men mehr­fach blass­vio­lett und ver­ein­zelt mal­ven­ro­sa vor. An einer ein­zi­gen Stel­le fin­det sich dann doch noch ein frei­ste­hen­des mauve: „wir sind mauve bei der Geburt, dann tee­ro­sig, und spä­ter haben wir alle mög­li­chen absto­ßen­den Far­ben“, heißt es laut Zim­mer in Fah­les Feu­er.

Nabo­kov und Proust 

Wel­che Bedeu­tung die Far­be Mauve für Nabo­kov spielt, lässt sich auch sei­nen Vor­le­sun­gen über west­eu­ro­päi­sche Lite­ra­tur ent­neh­men. Hier refe­riert er über sein Vor­bild Mar­cel Proust, des­sen Roman­zy­klus Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit er bewun­der­te und bis ins Detail kann­te. In sei­ner von Die­ter E. Zim­mer ins Deut­sche über­setz­ten Vor­le­sung zu In Swanns Welt spricht Nabo­kov über Prousts Umgang mit Far­ben und kommt in die­sem Zusam­men­hang auf Mauve zu spre­chen, „jenen vio­let­ten Ton“ (vio­let tint), der das gan­ze Buch durch­wir­ke. „Die­ses rosa­pur­pur­ne Mauve, ein pin­kes Lila, eine vio­let­te Röte“ (this rose-pur­ple mauve, a pin­ki­sh lil­ac, a vio­let flush) sei schlecht­hin die Far­be der Zeit selbst. 

Wie Zim­mer in einer Fuß­no­te erläu­tert, hat sich Nabo­kov ver­schie­dent­lich mit den Farb­tö­nen zwi­schen Blau und Rot beschäf­tigt und sich geär­gert, wenn sei­ne Über­set­zer die­se falsch wie­der­ga­ben. Vor die­sem lese­bio­gra­fi­schen und inter­pre­ta­to­ri­schen Hin­ter­grund sprä­che dem­nach eini­ges dafür, mauve auch in den deut­schen Über­set­zun­gen adäquat unter­zu­brin­gen. Die Sache hat aller­dings einen Haken. Das Wort ist zwar kurz und aura­tisch, bleibt auf­grund sei­nes gram­ma­ti­schen Han­di­caps aber sperrig.

Im Deut­schen exis­tiert das fran­zö­sisch arti­ku­lier­te mauve zwar durch­aus als akzep­tier­te Farb­be­zeich­nung, dis­qua­li­fi­ziert sich als inde­kli­n­ables Adjek­tiv jedoch für den geschmei­di­gen Gebrauch. Damit teilt es das Schick­sal wei­te­rer nicht all­täg­li­cher Farb­na­men im blau­vio­let­ten Bereich wie auber­gi­ne, bleu, laven­del oder ultra­ma­rin. Die Umgangs­spra­che behebt das Pro­blem durch Fle­xi­on, die tra­di­tio­nel­le Stan­dard­spra­che weicht auf Zusam­men­set­zun­gen aus. Dazu gehört mal­ven­far­ben, das in Über­set­zun­gen aus dem Eng­li­schen oder Fran­zö­si­schen den Nor­mal­fall darstellt. 

Es wäre somit kei­ne schlech­te Wahl, hat aber den klei­nen Nach­teil, dass es im Gegen­satz zu den Grund­farb­na­men oder Zwi­schen­farb­ad­jek­ti­ven wie lila, vio­lett und pur­pur kein eigen­stän­di­ges Monole­xem ist, son­dern ein Kom­po­si­tum aus sub­stan­ti­vi­schem Erst­glied und einem adjek­ti­vi­schen Deri­vat. Sol­che Zusam­men­set­zun­gen mit dem Suf­fixo­id -far­ben oder -far­big ver­wei­sen zwar auf anschau­li­che Farb­trä­ger (in Form von Pflan­zen, Mine­ra­li­en, Metal­len), wir­ken aber weni­ger kraft­voll als Ver­bin­dun­gen mit Farb­ad­jek­ti­ven wie flie­der­li­la, helio­trop­vio­lett, laven­del- oder veil­chen­blau. 

War­um sol­len sich Übersetzer:innen nicht sämt­li­che gestal­te­ri­schen Frei­räu­me nut­zen und mauve genau wie beige und oran­ge behan­deln bezie­hungs­wei­se den nicht stan­dard­sprach­li­chen Bei­spie­len von rosa und lila zu fol­gen? Spra­che sei mehr als Stan­dard und Norm, erin­nert Bas­ti­an Sick in sei­ner Kolum­ne über rosa­ne T‑Shirts und lila­ne Leg­gins: „Mit Krea­ti­vi­tät und Fan­ta­sie las­sen sich die Gren­zen zwi­schen Umgangs­spra­che und Stan­dard spie­lend über­win­den.“ Rai­ner Maria Ril­ke geht mit gutem Bei­spiel vor­an, wenn er in sei­nem Gedicht „Cor­ri­da“ von „mau­ver Rosa­sei­de“ spricht. 

Um den Klas­si­kern sprach­lich gerecht zu wer­den, gilt es stets aufs Neue abzu­wä­gen, aus­zu­han­deln und nach muti­gen Lösun­gen zu suchen. So las­sen sich Inter­pre­ta­ti­on und indi­vi­du­el­le Wort­wahl viel­leicht doch unter einen Hut brin­gen. Im Fal­le von mauve wür­de ich tat­säch­lich für mehr Wort­kon­stanz plä­die­ren, zum einen, um dem fremd­ar­ti­gen Lieb­lings­wort des Meis­ters auch in den Über­set­zun­gen mehr Gewicht zu ver­lei­hen, zum ande­ren, um den all­täg­li­chen und über­stra­pa­zier­ten Farb­tö­nen Lila und Vio­lett etwas sug­ges­tiv Auf­re­gen­des entgegenzusetzen. 


Die­ser Bei­trag ist dank der För­de­rung durch den Deut­schen Über­set­zer­fonds entstanden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert