Autorinnen und Autoren haben, bewusst oder unbewusst, ihre sprachlichen Eigenheiten. Lieblingswörter und aussagekräftige Formulierungen gehören ebenso dazu wie verborgene Stilmerkmale oder verräterische Manierismen. In seinem Buch Nabokov’s Favorite Word is Mauve rückt Ben Blatt solchen Häufigkeiten und Auffälligkeiten mit statistischen Methoden zu Leibe. Bei der quantitativen Auswertung großer Textmengen stützt er sich auf die Stylometrie. Sein Interesse gilt unter anderem Wendungen und Wörtern, die zahlenmäßig aus der Reihe tanzen und auf die Schreibende behelfsmäßig immer wieder zurückgreifen (sogenannte „fallbacks“). Eine besondere Bewandtnis hat es mit den Lieblingswörtern. Von ihnen geht eine ungewöhnliche, fast geheimnisvolle Strahlkraft aus. „They’re favorites that go beyond rarity and become common for that author, almost as if they’re a part of the way that author thinks and operates.“
Um sie ausfindig zu machen, hat Blatt ein paar einfache Regeln aufgestellt. Im Gegensatz zu den aufdringlichen „fallbacks“ bleiben Lieblingswörter diskret im Hintergrund. Es reicht, wenn sie in der Hälfte der Werke und mindestens einmal pro 100.000 Wörter vorkommen. Gleichzeitig sollen sie nicht so exotisch und ausgefallen sein, dass sie im Corpus of Historical American English weniger als einmal pro Million vorkommen. Bei der Endauswahl der Favoriten entscheidet sich Blatt dann jeweils für die Vokabeln mit der höchsten Rate im Vergleichskorpus. Dies trifft auf Vladimir Nabokovs titelgebendes Adjektiv mauve zu. Es taucht sogar in allen acht Romanen auf, die Nabokov auf Englisch verfasst hat, und erscheint 44 Mal häufiger als in anderen Texten aus dem Vergleichskorpus.
Da Übersetzer:innen gemeinhin nicht als Sprachprofiler mit tiefenstilistischem Röntgenblick an die Arbeit gehen, drängte sich mir sogleich die Frage auf, ob mauve auch in den deutschen Nabokov-Ausgaben als Lieblingswort figuriert und wie es sich dort mit der Wortkonstanz verhält. Die Resultate meiner Vergleichsstudie sind jedoch nicht als Kritik an der Qualität der vorliegenden Übersetzungen zu verstehen. Ausschlaggebend ist für mich die Frage, ob und wie textanalytische Erkenntnisse und aktuelle Werkinterpretationen in die Übersetzungsarbeit einfließen sollen. Mit anderen Worten: Stehen Linguistik und Literaturkritik (qua Hilfwissenschaften) den Übersetzer:innen zu Diensten?
Wortwahl und Wortkonstanz
Die Forderung nach Wortkonstanz ist kein Gebot der Übersetzungstheorie – vielmehr wird im Rahmen der Äquivalenz unterstrichen, dass es auf Wortbedeutung und Kontext ankomme. Während bei Sachbüchern terminologische Konsistenz verlangt wird, haben literarische Texte mehr Freiheiten. Einen Konflikt sehe ich am ehesten dort, wo bestimmte Wörter oder Formulierungen zufällig oder beabsichtigt markiert sind oder die ästhetische Wirkung in den Vordergrund rückt. So ist es gelegentlich angezeigt, Auffälligkeiten im Originaltext oder Vorlieben der Autor:innen in der Übersetzung zu berücksichtigen und sichtbar zu machen, um entsprechende Interpretationsansätze nicht zu vereiteln. Gleichzeitig leuchtet es ein, dass sich Äquivalenz in der Zielsprache nicht in jedem Fall bewerkstelligen lässt.
Dieter E. Zimmer, Nabokov-Übersetzer und Herausgeber der Gesamtausgabe im Rowohlt Verlag, hat schon früh darauf gepocht, dass gleiche Wörter nicht immer gleich zu übersetzen seien. „In jeder Sprache“, schreibt er in Redens Arten, „wird die Wirklichkeit durch die Begriffe etwas anders aufgeteilt, und selbst gleichbedeutende Begriffe, vor allem Abstrakta und Gefühlsbegriffe, haben einen unterschiedlichen Nimbus von Konnotationen, mit dem zu rechnen ist.“ Bereits die Bibelübersetzer der Authorized Version von 1611 verteidigen ihre Neuübersetzung und halten in ihrer Vorbemerkung an die Leser:innen („The Translators to the Reader“) ausdrücklich fest, dass Wortkonstanz kein unverrückbares Gebot darstelle und dass es für das Verständnis des Textes und der Botschaft erforderlich sei, je nach Kontext zu entscheiden.
Another thing we think good to admonish thee of (gentle Reader) that we have not tied ourselves to an uniformity of phrasing, or to an identity of words […] Truly, that we might not vary from the sense of that which we had translated before, if the word signified that same in both places (for there be some words that be not the same sense everywhere) we were especially careful, and made a conscience, according to our duty.
Die Übersetzer lehnen es explizit ab, bestimmte Wörter im Hebräischen oder Griechischen stur mit demselben Begriff zu übersetzen. Im Zentrum steht das Aushandeln. Kontext und Verständlichkeit bestimmen darüber, ob „wörtlich“ oder „sinngemäß“ übertragen wird. Das sah 1200 Jahre vor ihnen schon Hieronymus so, schloss jedoch die Heilige Schrift aus, da in ihr „selbst die Wortfolge ein Mysterium“ sei.
Nun ist das „Wort des Dichters“ zwar nicht sankrosankt, aber Nabokov, der autoritäre Kontrolle über seine Texte ausübte und mit ketzerischen Übersetzungen scharf ins Gericht ging, würde womöglich widersprechen. Wäre er damit einverstanden, dass ausgerechnet sein Lieblingswort – und stilles Markenzeichen – im Deutschen in zehn Varianten zerschlagen wird?
Farbe bekennen
In seinem Kapitel über „Clichés, Repeats, and Favorites“ verwendet Ben Blatt knapp eine Seite auf Nabokovs mauve. Kein anderes Wort in dessen Werk weise im Vergleich zu gewöhnlichen Texten dermaßen große Unterschiede auf. Nabokov setzt zwar wesentlich mehr Farben ein als andere Autor:innen, aber mauve sticht durch seine Einzigartigkeit heraus. Ob das für die Interpretation seines literarischen Schaffens überhaupt von Belang ist und wie Übersetzer:innen mit dieser Information umgehen, bleibt eine wichtige Frage.
In Nabokovs Roman Ada or Ardor kommt die adjektivische Farbbezeichnung mauve ein Dutzend mal vor (gleich häufig wie im Ulysses von James Joyce). Zudem taucht es einmal als Verb mauving auf, das in den Übersetzungen mit „leicht violett färben“ wiedergegeben wird. Damit das markierte Lexem auch deutschsprachigen Leser:innen ins Auge springt und den Status Lieblingswort behält, müsste mauve überall gleich übersetzt werden. Gefangen in einem hermeneutischen Zirkel gilt es also zu entscheiden, ob beim Übersetzen mit Blick aufs Ganze Wortkonstanz angesagt ist oder je nach Werk und Passage anders verfahren wird.
In den deutschen Ausgaben von Ada oder Das Verlangen haben Uwe Friesel und Marianne Therstappen beziehungsweise Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer die zwölf mauve-Nennungen unterschiedlich wiedergegeben, durch lila, lilafarben, violett (in der überabeiteten Übersetzung dann mauvefarben) sowie malvenfarben, das in einer neueren Ausgabe durch rosaviolett ersetzt wird.
Lila ist mit acht Nennungen die prominenteste Variante. Sie kommt allerdings in der deutschen Übersetzung nahezu gleich oft für andere englische Farbbezeichnungen zum Einsatz: vor allem für purple (das sonst überwiegend mit violett übersetzt wird), vereinzelt auch für violet, violet-purple oder lilac. – Falls die übrigen Romane ein ähnliches Bild zeichnen, dürfte man spitzzüngig fragen, ob Ben Blatts Buch in einer deutschen Übersetzung den alliterativen Titel Nabokovs Lieblingswort lautet „lila“ tragen müsste.
Über die Verteilung auf die acht untersuchten Romane und Details schweigt sich Blatt zwar aus, aber schauen wir trotzdem, wie die übrigen Titel punkto mauve abschneiden. Platz zwei bis vier belegen Lolita (7 Nennungen), Look at the Harlequins! (5) und Pale Fire (4). In den restlichen Büchern kommt mauve dann nur noch je zwei Mal vor. Aufschlussreicher sind hingegen die Übersetzungen. Die häufigste Lösung bleibt malvenfarben. Als valable Neuzugänge kommen mehrfach blassviolett und vereinzelt malvenrosa vor. An einer einzigen Stelle findet sich dann doch noch ein freistehendes mauve: „wir sind mauve bei der Geburt, dann teerosig, und später haben wir alle möglichen abstoßenden Farben“, heißt es laut Zimmer in Fahles Feuer.
Nabokov und Proust
Welche Bedeutung die Farbe Mauve für Nabokov spielt, lässt sich auch seinen Vorlesungen über westeuropäische Literatur entnehmen. Hier referiert er über sein Vorbild Marcel Proust, dessen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit er bewunderte und bis ins Detail kannte. In seiner von Dieter E. Zimmer ins Deutsche übersetzten Vorlesung zu In Swanns Welt spricht Nabokov über Prousts Umgang mit Farben und kommt in diesem Zusammenhang auf Mauve zu sprechen, „jenen violetten Ton“ (violet tint), der das ganze Buch durchwirke. „Dieses rosapurpurne Mauve, ein pinkes Lila, eine violette Röte“ (this rose-purple mauve, a pinkish lilac, a violet flush) sei schlechthin die Farbe der Zeit selbst.
Wie Zimmer in einer Fußnote erläutert, hat sich Nabokov verschiedentlich mit den Farbtönen zwischen Blau und Rot beschäftigt und sich geärgert, wenn seine Übersetzer diese falsch wiedergaben. Vor diesem lesebiografischen und interpretatorischen Hintergrund spräche demnach einiges dafür, mauve auch in den deutschen Übersetzungen adäquat unterzubringen. Die Sache hat allerdings einen Haken. Das Wort ist zwar kurz und auratisch, bleibt aufgrund seines grammatischen Handicaps aber sperrig.
Im Deutschen existiert das französisch artikulierte mauve zwar durchaus als akzeptierte Farbbezeichnung, disqualifiziert sich als indeklinables Adjektiv jedoch für den geschmeidigen Gebrauch. Damit teilt es das Schicksal weiterer nicht alltäglicher Farbnamen im blauvioletten Bereich wie aubergine, bleu, lavendel oder ultramarin. Die Umgangssprache behebt das Problem durch Flexion, die traditionelle Standardsprache weicht auf Zusammensetzungen aus. Dazu gehört malvenfarben, das in Übersetzungen aus dem Englischen oder Französischen den Normalfall darstellt.
Es wäre somit keine schlechte Wahl, hat aber den kleinen Nachteil, dass es im Gegensatz zu den Grundfarbnamen oder Zwischenfarbadjektiven wie lila, violett und purpur kein eigenständiges Monolexem ist, sondern ein Kompositum aus substantivischem Erstglied und einem adjektivischen Derivat. Solche Zusammensetzungen mit dem Suffixoid -farben oder -farbig verweisen zwar auf anschauliche Farbträger (in Form von Pflanzen, Mineralien, Metallen), wirken aber weniger kraftvoll als Verbindungen mit Farbadjektiven wie fliederlila, heliotropviolett, lavendel- oder veilchenblau.
Warum sollen sich Übersetzer:innen nicht sämtliche gestalterischen Freiräume nutzen und mauve genau wie beige und orange behandeln beziehungsweise den nicht standardsprachlichen Beispielen von rosa und lila zu folgen? Sprache sei mehr als Standard und Norm, erinnert Bastian Sick in seiner Kolumne über rosane T‑Shirts und lilane Leggins: „Mit Kreativität und Fantasie lassen sich die Grenzen zwischen Umgangssprache und Standard spielend überwinden.“ Rainer Maria Rilke geht mit gutem Beispiel voran, wenn er in seinem Gedicht „Corrida“ von „mauver Rosaseide“ spricht.
Um den Klassikern sprachlich gerecht zu werden, gilt es stets aufs Neue abzuwägen, auszuhandeln und nach mutigen Lösungen zu suchen. So lassen sich Interpretation und individuelle Wortwahl vielleicht doch unter einen Hut bringen. Im Falle von mauve würde ich tatsächlich für mehr Wortkonstanz plädieren, zum einen, um dem fremdartigen Lieblingswort des Meisters auch in den Übersetzungen mehr Gewicht zu verleihen, zum anderen, um den alltäglichen und überstrapazierten Farbtönen Lila und Violett etwas suggestiv Aufregendes entgegenzusetzen.
Dieser Beitrag ist dank der Förderung durch den Deutschen Übersetzerfonds entstanden.
