Guten Abend, liebe Anwesende,
danke für Ihr Interesse an der Idee, beim Übersetzen könnten „Funken der Zuversicht“ springen. Ich musste ja leer schlucken, als ich die Einladung zu dieser Rede erhielt – als ich das Wort „Weltretten“ im Festivalthema las. Dann kam mir der Verdacht, Hélène Thiérard und Henning Bochert seien von einem Satz im ersten Kapitel meines Romans Tiefenlager ausgegangen: „Ehrlich. Du kannst ein geruhsames Leben führen und damit die Welt retten.“
Dazu möchte ich zwei Einschränkungen formulieren: Erstens wird dieser Satz an einer Bar in Hongkong in sturzbetrunkenem Zustand gesprochen. Zweitens von einem Mann, der sich im Verlauf des Romans als komplett unzuverlässig erweisen wird. Übersetzer:in zu sein, ist kein geruhsames Leben. Dafür sind die Honorare viel zu tief. Aber man kommt in eine große Ruhe beim Übersetzen, sonst geht’s nicht, und das ist doch ein interessanter Ausgangspunkt.
Vor einigen Jahren habe ich mir auf der Suche nach Ruhe zum Nachdenken einen Orden ausgedacht, eine klösterliche Gemeinschaft. Dabei ging ich von einer seltsamen Idee aus, die in Kreisen, die sich mit Atommüll beschäftigen, seit Jahrzehnten immer wieder auftaucht: Es geht um die Lösung eines Übermittlungs- und Übersetzungsproblems. Verbrauchte Brennstäbe aus Atomkraftwerken strahlen noch Hunderttausende von Jahren. Wie sind künftige Generationen zu warnen? Anzusprechen? In welchen Sprachen oder Zeichen? In einem Felslabor, wo Material für ein Schweizer Endlager getestet wird, hörte ich die Idee zum ersten Mal: Man müsste vielleicht einen Orden gründen.
Nun will ich hier nicht den Roman nacherzählen, gehe aber auf eine Frage ein, die beim Schreiben wichtig wurde: Wie kommen wir vor unmöglichen Aufgaben dazu, Ruhe zu bewahren? Nachzudenken? Und dann zu handeln?
Zuerst will ich noch weiter zurückgehen: Am 7. Juli 1972 erschien in der Zeitschrift Science ein Artikel des Reaktorphysikers Alvin M. Weinberg mit dem Titel „Soziale Institutionen und Nuklearenergie“. Es ist ein kurzer Text von acht Seiten. Meines Wissens ist das der erste Fachtext, in dem die Idee einer „Atompriesterschaft“ auftaucht, also die Idee einer quasi-religiösen Vereinigung von Wissenschaftlerinnen. Weinberg zeichnet die Funktionsweise und die Entwicklung der Atomkraft nach. Verblüffend ist die Offenheit, ja die Bestürzung, mit welcher der Autor folgende Feststellung trifft: Erst als bereits ein ganzer Park von Atomkraftwerken lief, wurde das Problem der Abfälle ernsthaft erörtert. Erst als sich Brennstäbe stapelten, stellten sich Forscher und Kraftwerksbetreiber die Frage, wie dieses Material sicher zu lagern sei.
Als ich Weinbergs Text jetzt wieder las, traf mich diese Bestürzung. Das ist doch sehr aktuell, dachte ich ganz allgemein, und dann verkünden Sam Altman und Dario Amodei, sekundiert von Elon Musk, dass die Modelle sogenannter „Künstlicher Intelligenz“, die sie selbst entwickelt haben, die Existenz der Menschheit gefährden könnten. Sie fordern deshalb eine Verlangsamung und Regulierung der Entwicklung, was aber vielleicht nur Finanzmarktkommunikation ist, Trommelwirbel im Run-Up zum (verzögerten) Börsengang von Anthropic bzw. Open AI.
Im Wutanfall, der diese Nachricht auslöst, stelle ich mir vor, dass sich Tech-Milliardäre die Welt als Materiallager denken, als Spiel- und Schlachtfeld, als Lieferketten-Mobile, als System zu optimierender Interfaces zwischen Warmblütern und Maschinen, im Endstadium als Müllhalde, die per Raumschiff zu verlassen ist. Da sind wir alle nur passive Bestandteile einer Umwelt, die zur Un-welt wird. Die genannten Männer drohen mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das soll ihnen nicht gelingen.
Dafür brauche ich andere, um gemeinsam nachzudenken. Und Literatur, in der die Welt ganz anders erscheint: Wo lebendige Wesen handeln oder zumindest denken können – Menschen, aber auch Krokodile. Dörrfruchtmotten. Und ich verstehe wieder, was mich an der Idee, ein Kloster zu gründen, gereizt hat: Ein säkularer Orden als Labor kollektiver Vernunft? Wäre das möglich? Für die Dauer eines Romans?
Der namenlose Erzähler von Tiefenlager sagt einmal:
Wer irgendwo aufgerieben wird zwischen panischer Hektik und ängstlicher Starre, findet bei uns eine Insel der Vernunft. Wir lernen und arbeiten.
Dabei hilft ein schön geordneter Tagesablauf. Alkohol, sagen die einen, kein Alkohol, sagen die andern. Sich kreuz und quer verlieben, ohne dass die Gruppe dabei hops geht. Lektionen (alle lehren und lernen: die Krankenpflegerin, der Physiker, die Pensionskassenspezialistin, der Kraftwerktechniker, die Linguistin).
Als dann mit diesem Orden schon einiges schief gelaufen ist, sagt Céline, Schriftgelehrte:
Verse sind zu singen. Schwirrende Worte. Denn es wächst unendlicher dort das Jahr und die heilgen Stunden, die Tage, sie sind kühner geordnet, gemischt.
Wir zimmern eine neue Zeit. Dürfen jetzt nicht die Contenance verlieren, sonst machen wir uns gegenseitig verrückt. Singen genügt nicht. Wir müssen sachlich festhalten, dass der bekannteste Unfall in einem Lager für radioaktive Abfälle …
… einen langen Vorlauf hatte, erzählt Céline. Sie schildert Fehlleistungen im Detail – alle haben mit dem „Faktor Mensch“ zu tun – ich springe hier aber ins Gespräch mit Camille Luscher, die Tiefenlager ins Französische übersetzt hat. Sie war damit konfrontiert, dass „Orden“ auf Französisch „ordre“ heißt, was zurückübersetzt auch „Ordnung“ bedeutet – also schleicht sich in jeden französischen Satz, in dem „Orden“ vorkommt, eine Aussage zu „Ordnung“ ein. Wenn zum Beispiel Anatol, ein russischer Physiker und Anarchosyndikalist, davon spricht, dass der Name „Mindere Forscher“ der Demut und dem unendlichen Ehrgeiz des Ordens am besten entspreche, dann lese ich auf Französisch von der „mélange d’humilité et d’infinie ambition qui caractérise notre ordre.“
Was wäre das, eine Ordnung, die sich nicht aufzwingt?
„In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung, als da Hunger herrschte…“, heißt es bei Bertolt Brecht und Sie müssen entschuldigen, im Tiefenlager schwirren überall Verse herum, in Gesprächen mit Übersetzer:innen wird die Geschichte von Wörtern wachgerufen, ihr historischer Resonanzraum. Als Jugendliche hatte ich diese Verse von Brecht zwar auswendig gelernt, sie lagen mir aber sperrig im Hirn, weil Ordnung suspekt war – das Wort klang nach „Recht und Ordnung“, nach Polizei, (fast so schlimm wie „Berlin sicher machen“, das mich von Wahlplakaten aus attackiert, seit ich gestern in die Stadt gekommen bin) – ohne Unordnung würden wir nicht ausbrechen können aus einschläfernden Lektionen und Routinen. Gerade das Sperrige an der „Zeit der Unordnung“ war dann aber Anlass, immer wieder auf Brecht zurückzukommen, auf seine Verwandtschaft mit andern, die im Faschismus verfolgt wurden, Anna Freud, zum Beispiel, oder Anna Seghers, die den ungehemmten Zerstörern eine schöne Ordnung entgegensetzen wollte, eine Welt, in der niemand verhungert.
Und natürlich stellt sich auch gleich die Frage, wie und wann die Idee einer schönen Ordnung in einen Polizei- und Unrechtsstaat umschlägt. Dank der französischen Übersetzung von Tiefenlager denke ich am eigenen Text weiter: Ob der Orden nicht auch ein Unorden sein müsste, ein désordre, beziehungsweise ein Schwingen zwischen den beiden, eine produktive Spannung von Schließung und Öffnung.
Wenn aber, wie eben, der vergangene und der drohende Faschismus hineinfunken, wenn beim Nachdenken über die Welt Komplexität das Hirn zu sprengen droht, dann bietet das Übersetzen manchmal einen Ausweg – für Übersetzende, vielleicht auch für Leser:innen? Ich denke an gute Momente, wenn in der Aufmerksamkeit für ein Detail doch wieder eine Ahnung des Ganzen enthalten ist.
Solche Momente ergeben sich zum Beispiel im Gespräch mit Camille Luscher, und mit anderen Kolleginnen, Kollegen, auch mit Leser:innen, die sich zu Wort melden. Zum Beispiel erfuhren Camille und ich auf einem Festival von einer Studie im Auftrag der französischen Atommüllbehörde ANDRA, die zu dem Schluss kommt, auf „menschliche Sprachen“ sei nicht zu setzen, die seien zu vergänglich, das heißt, zu veränderlich. Man müsse die künftigen Generationen in universell verständlichen Piktogrammen vor strahlenden Abfällen warnen. Das knüpfte an die Frage der „Minderen Forscher:innen“ an: Sollen sie ihre Botschaft an die Künftigen in einem universalen Code formulieren? Oder in allen möglichen Sprachen? Könnten sie eine Leseanleitung für Sprachspiele zwischen künftigen Sprachen formulieren?
Den Roman habe ich 2019 fertig geschrieben, er erschien gegen Ende der COVID-19-Pandemie. Szenen in Hongkong hatte ich gerade noch ins Imperfekt versetzen können, weil die dortige Demokratiebewegung während der Lektoratsphase niedergeschlagen wurde – die Stadt ist seither nicht mehr dieselbe. Als Camille und ich dann mit der französischen Übersetzung unterwegs waren, brach der Hype um Large Language Models wie Chat-GPT aus, wir gründeten zusammen eine „cellule germanophone“ – eine „deutschsprachige Zelle“ des französischen Kollektivs „En Chair et en Os“: „Mit Herz und Nieren“ – „Kollektiv für menschliches Übersetzen“. In diesen Auseinandersetzungen tönte „universaler Code“ nicht mehr nur nach Piktogrammen, sondern nach sich selbst weiterprogrammierenden Sprachattrappen. (Dieser Begriff stammt aus Begegnungen mit Claudia Hamm, der ich viele Aufschlüsse zum Thema KI und Übersetzen verdanke.)
Nach einigen Gläsern Wein, ermutigt von einem Sternschnuppenregen, erzählt in Tiefenlager die „Mindere Forscherin“ Petra eine andere Geschichte. In dem Szenario, das sie sich ausdenkt, wird doch noch alles gut. Waffen wurden verschrottet, ökonomisch wird aus Kreislauflogik eine weltweite Schlaufenwirtschaft, sie zerstört die Lebensgrundlagen nicht, produziert keinen Abfall, natürliche Monopole und lebensnotwendige Netzwerke sind demokratisch kontrolliert. Die Sprachen bleiben lebendig, sie sind der Nährstoff weltweit verbundener Demokratien. Natürlich ergeben sich auch neue Probleme und Konflikte. Weil Atomkraft schon lange abgeschafft ist, versteht niemand mehr etwas davon, der Orden stößt mit seinen anspruchsvollen Apparaten zur Strahlenmessung auf Unverständnis und Abwehr. Petra erzählt:
… der Orden ist kurios geworden – in eine Altmode gefallen, sagen Stadträte, denn alte französische Wendungen geistern durch die Sprache dieses Parlaments, Sprichwörter werden neu erfunden, aus weiteren Sprachen anverwandt …
Weil es platt wäre, das französische „tomber en désuétude“, das hier zur Altmode geworden ist, einfach zurückzuübersetzen, macht Camille Luscher etwas anderes:
L’ordre est devenu une curiosité, il est „à l’antique“, disent les conseillers municipaux, car quelques vieilles expressions espagnoles hantent encore la langue de ce parlement …
Hier taucht also, anders als in der deutschen Version, eine Phrase auf, die an etwas Spanisches denken lässt. Das ist eine ungeheure Freude, wenn ein eigener Text in der Übersetzung neue Volten schlägt. Dieses Gefühl, verstanden zu werden, geht tief: Nicht nur einzelne Wörter werden lexikalisch erkannt und übertragen, die Übersetzerin scheint in die Vorstellung einzutauchen, die meiner Niederschrift vorausging, und aus dieser Vorstellung heraus findet sie eine französische Variante. Dass solches Verstehen möglich ist, gibt mir Hoffnung, dass wir uns doch verständigen können. Warum sollte kollektive Intelligenz nicht auch im größeren Rahmen möglich sein?
Im Roman nimmt Betty Wang, eine philippinische Krankpflegerin, ebenfalls Gründungsmitglied des Ordens, die Hoffnung Bertolt Brechts auf: den Versuch, eine schöne Ordnung des Weltganzen zu verwirklichen. Und da möchte ich für den zweiten Teil dieser Rede anknüpfen: Wie verändert sich die Vorstellung der Welt im Ganzen, dieser Welt, die es zu retten gilt, wenn ich sie in der philippinischen Sprache Tagalog denke?
Bei José Rizal, Schriftsteller und Arzt aus Manila, habe ich ein besonders interessantes Wort gefunden. Im Sommer und Herbst 1886 hat er in Deutschland den Wilhelm Tell von Friedrich Schiller in seine Muttersprache Tagalog übersetzt. In dem Stück kommt der Ausdruck „Natur“ an vielen Stellen vor, in wandelnden Bedeutungen – für Schillers Idee des Naturrechts ist er entscheidend. Tagalog war damals nicht standardisiert, junge Intellektuelle begannen in der spanischen Kolonie gerade, diese Sprache für politische und philosophische Texte zu verwenden, sie wurde dann zum Idiom, das Revolutionär:innen verschiedener Klassen in Austausch brachte. Es gab keine eindeutige Entsprechung für das Wort „Natur“ – eine binäre Einteilung in „Natur“ versus „Kultur“ ist im Denken der philippinischen Sprachgruppen nicht entstanden. Erst durch die Übersetzung westlicher Texte kam die Wortschöpfung «kalikasan» auf.
Der Autor und Literaturwissenschaftler Ramon Guillermo hat dargestellt, dass Rizal sechs verschiedene Ausdrücke verwendet, um in seinem Guillermo Tell „Natur“ zu übersetzen, zurückübersetzt wären das: Erde (lupa), Schöpfung (kinapal), Leben (buhay), das Menschsein/Persönlichkeit (pagkatao) und das Innigste (loob). Wie dieser letzte Begriff, „loob“, ist auch folgendes Wort schwierig zurückzuübersetzen: „sangsinukuban“. In heutigen Tagalog-Englisch-Wörterbüchern steht für „sansinukuban“: „universe“. Im Wilhelm Tell taucht das Wort in dem Moment auf, da Fischer am Vierwaldstättersee vom Apfelschuss hören. Einer von ihnen sagt (in der ersten Szene des vierten Aufzugs):
Zu zielen auf des eignen Kindes Haupt,
Solches ward keinem Vater noch geboten!
Und die Natur soll nicht in wildem Grimm
Sich drob empören – O mich soll’s nicht wundern,
Wenn sich die Felsen bücken in den See …
In Rizals Prosaübersetzung neigen sich die Felsen dann in ein „dagat“ – ein Vierwaldstättermeer – und „sangsinukuban“ empört sich mit den Unterdrückten. (Diese Empörung ist sehr schön zu hören in dem Verb, das José Rizal verwendet: „At di nga magngangalit ang sangsinukuban“.) Im Sinne von „Universum“ wurde „sansinukob“ in einer Ausstellung zeitgenössischer Plastiken verwendet, die im Februar 2017 auf dem Campus der University of the Philippines in Metro Manila stattfand. Die Künstler:innen hatten den Auftrag, von Geschichten über die Entstehung der Welt in indigenen Kosmologien auszugehen.
Das Wort „sansinukob“ scheint mir eine ganz andere Bildwelt wachzurufen als das europäische Wort „Universum“. Es ist aus dem Kern „sukob“ gebildet. Das ist ein alltägliches Wort für einen Unterstand, einen Schutz vor Hitze oder Regen. Als Verb „sumukob“ ist das oft eine Aufforderung: «Stell dich hier unter! Komm unter meinen Regenschirm!» Die Erweiterung zu „sansinukob“ macht daraus ein abstrakteres Wort, mit dem «-an» am Schluss – also Rizals „sangsinukuban“ – wird alles noch allgemeiner. Meine Übersetzungsschwierigkeit beginnt bereits beim Kern, „sukob“, allerdings auch meine Faszination: Wie kommt es, dass in einer Landschaft, die schon immer von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, saisonalen Tropenstürmen und Überschwemmungen geprägt war, ein Wort geläufig wurde, das die Welt als Ort beschreibt, wo man geborgen ist? Auch bei Unwetter aufgehoben?
In der Ausstellung von 2017 hat der Künstler Leeroy New einen Vogel präsentiert: Bambusstäbe bilden zusammen mit einem menschen-raupenartigen, verpuppten Körper ein Tier in Bewegung. (Eine Abbildung findet sich in der Wochenzeitung WOZ vom 8. Februar 2019.) Auf einer Tafel zum Kunstwerk stand, dass die Installation Agtayabon darstelle, einen Menschenvogel. Er sei in Gefahr, im Kampf mächtiger Götter zertrampelt zu werden, deshalb breite er seine Flügel aus, um abzuheben und mit seinem Flügelschlag die kämpfenden Götter zu besänftigen.
Im Februar 2017 vermittelte diese Skulptur noch eine ganz andere Geschichte: Der Körper im Innern der Bambusstäbe bildete die damals aktuelle Praxis von Polizei und sogenannten Vigilante-Gruppen ab, Leichen in Klebeband einzuwickeln und mit einem Warnschild an Straßenrändern liegen zu lassen. „Wag tularan“, „Nicht nachmachen“, stand auf den Schildern. Es war das erste Jahr der Regierungszeit von Rodrigo Duterte, der einen sogenannten „Krieg gegen Drogen“ losgetreten hatte. Im Zuge systematisch organisierter Razzien in Armenvierteln wurden Tausende von Menschen erschossen.
(Klammer: Dass Rodrigo Duterte heute, zehn Jahre nach seinem Amtsantritt, in Den Haag hinter Gittern sitzt, dass ein Prozess am Internationalen Strafgerichtshof wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begonnen hat, ist vertrauenserweckend. Das internationale Recht ist nicht überall zum toten Buchstaben verkommen.)
Der Künstler Leeroy New hat sich 2017 Menschen gewidmet, die den Denunziant:innen unter den Nachbarn und den Mördertruppen schutzlos ausgeliefert waren. Die Welt war für sie alles andere als ein „sukob“ – erst in der Installation sind sie im wörtlichen Sinn des Wortes „aufgehoben“. 2017 hatte ich mir den Aufenthalt in Manila über eine Zeitungsreportage zu der Mordkampage finanziert, zufällig ging ich durch die Freilicht-Ausstellung auf dem Universitätscampus, nach den Besuchen und Interviews in einem menschlich verheerten Armenviertel rührte mich der Vogel Agtabayon zu Tränen. Wer hätte rechtzeitig da sein können, um zu sagen, „steh bei mir unter“, jemand, der mächtig genug gewesen wäre, um sagen zu können: „komm, hier bist zu sicher“. (Es gab solche Leute, die Schutz vor der Polizei gewährten.)
Auch die Rührung vor Leeroy News Installation hat sich mit dem Wort „sukob“ verbunden, das ich auf Schweizerdeutsch als „Schärme“ übersetzen würde – „am Schärme sii“ heisst „trocken bleiben, wenn es regnet“ – auf Hochdeutsch kann ich beim besten Willen keine Entsprechung dafür finden, aber sie muss doch auszudrücken sein, diese Vorstellung einer Welt, mit der gut auszukommen ist, die wir nicht beherrschen, austrocknen, vergiften, umbauen müssen, um darin leben zu können.
(Noch eine Klammer: Was für Verwandlungen von Menschen in Tiere oder Geister in Vorstellungswelten der philippinischen Insel Panay zutage treten, wie da Wandel- und Mittelwesen die Grenzen verwischen – mal verspielt, mal schrecklich – das malt Allan N. Derain in seinem Roman Das Meer der Aswang aus. Dieses Buch von Tagalog/Filipino ins Deutsche zu übersetzen, erforderte ein paar Neologismen, das Wort «sansinukuban» benutzt Allan allerdings nicht.)
Dagegen fand ich eine schöne Liste an möglichen deutschen Wörtern bei Doris Heinemann, sie hat Felwine Sarrs Roman Die Orte, an denen meine Träume wohnen vom Französischen ins Deutsche übersetzt. Hier spricht ein Mann, der in Europa lebt und davon erfährt, dass seine Mutter im Senegal unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben ist. Leinen, die ihn am Leben halten, scheinen zu reißen. Und da steht der Satz:
„Wir erstürmen Land und Wasser in dem Wissen, dass wir einen Rückhalt haben, eine Zuflucht, einen Stamm, an den wir uns lehnen können, einen Rückzugsort, ein Biwak, wo wir wieder Kraft und Hoffnung schöpfen.“
„Obdach“, wäre eine Variante. „Kram“ soll ursprünglich „Zelt“ geheissen haben: ein Kramladen war einmal eine Marktbude, die leicht zu transportieren ist. Bei Felwine Sarr ist die zunehmende Abstraktion zu beobachten, die sich im Tagalischen mit einer zunehmenden Zahl von Vor‑, Zwischen- und Nachsilben deckt. Das Biwak ist im übertragenen Sinn zu verstehen: Obdach bietet die Mutter. Es sind menschliche Beziehungen, die Verbindungen um die Welt real werden lassen.
Ekkehard May liefert in seiner Übersetzung der Haibun des japanischen Dichters Bashô eine weitere Übersetzungsmöglichkeit. Da folgen wir einem Mann im 17. Jahrhundert, der nicht nur Amt und Würden, sondern auch ein festes Haus zurückgelassen hat. Seine Wanderungen führen ihn an Orte, die an verstorbene Dichter erinnern. In folgendem Haiku aus der Aufzeichnung über einen Flechthut meine ich die Vorstellung von „sansinukuban“ wiederzufinden:
In dieser Welt leben –
letztlich nur ‚Unterschlupf bei Regen’
wie Sôgi einst schrieb!
Und als ich schon dachte, einer ostasiatischen – also sehr weit entfernten – Vorstellungswelt auf der Spur zu sein, kam ich auf ganz anderen Wegen auf Paul Celan zurück, auf das Liebesgedicht „Anabasis“ aus dem Zyklus Die Niemandsrose. Es endet mit den Zeilen:
Sichtbares, Hörbares, das
frei-
werdende Zeltwort:
Mitsammen.
Nun bin ich unsicher, ob sich das Glück übertragen lässt, das mich beim Auffinden solcher Resonanzen befällt – ein Glück im doppelten Sinn von Glücksfall und Glücklichsein. Noch unsicherer bin ich, wenn ich mich nach dieser Ausschweifung frage, wie ich vom Wort „sansinukuban“ zum Thema dieses Festivals zurückkomme: zur Weltrettung. Bin ich doch in bedrohten Gefilden gelandet. Den Kräften, die auf den Philippinen inzwischen jede Regenzeit zu einer Serie außerordentlicher Katastrophen machen, weil sich die Temperatur des Pazifiks schon soweit erhöht hat, dass Supertaifune viel häufiger auftreten – diesen Kräften und bedrohlichen Technologien habe ich keine mächtigen Apparate entgegenzusetzen.
Im Gegenteil: Meine Hoffnung entsteht da, wo sich Menschen, die sich ihrer Verletzlichkeit bewusst sind, verständigen – im Gespräch oder in Texten, die dank Übersetzer:innen Zeiten und Räume in Beziehung setzen. Diese Verbindungen machen selten große Schlagzeilen, aber Beobachter:innen wie die Literatur-Soziologin Gisèle Sapiro deuten darauf hin, dass sie seit den 1990er-Jahren zugenommen haben. Am Rande und abseits der Buchmessen in den alten Zentren der westlichen Welt florieren internationale Festivals auf allen Kontinenten, die Vielfalt an Sprachen, die sich da kreuzen, nimmt mit der Kleinheit der Veranstaltung eher zu.
Im Unterschied zu Automatensprachen kommen diese Verbindungen ohne Datacenters aus, ohne Großkapital, in ihnen ist die Möglichkeit der Überwindung imperialer Zentren angelegt, also eine sehr viel horizontalere, vielfältigere Verflechtung von Sprachen und Sprach-Paaren. Da ist es auch möglich, die Welt neu zu denken und zumindest die eigenen Bezüge und Beziehungen neu zu gestalten.
Lassen Sie mich zum Schluss noch ein Beispiel anführen, das mir auf der Suche nach einer deutschen Übersetzung von „sansinukuban“ begegnet ist: In ihrem Roman Ein von Schatten begrenzter Raum zitiert Emine Sevgi Özdamar ein Gedicht, das sie auf Türkisch geschrieben hat:
atlarımız yoktu
dünya haritalarına bakmıyorduk gezmek icin
oturmuş sıkılıyorduk
kimsenin bilmediği bu kız nerden geldi
renkleriyle sevdiğimiz kişilerin
bir mor göğe dönüştü yalnızlık
yağmurun rüzgarın oyuncuların halatların
ve trapezlerin buluştuğu bir manto içinde
sie fügt eine deutsche Übersetzung an:
Wir hatten keine Pferde.
Schauten nicht in den Weltatlas, um zu fahren.
Wir saßen da und sprachen vor uns her.
Woher kam das Mädchen, das keiner kannte,
Mit den Farben der Menschen, die wir liebten.
Die Einsamkeit wurde zu einem Himmellila,
Ein Manteau, in dem Regen, Wind, Wolken sich trafen.
Der Unterschlupf wird auch hier, wie bei Bashô, mitgetragen: Nicht als Hut, aber als Mantel. Obdach bieten der Erzählerin andere Menschen in Paris, in Istanbul und Berlin. Dieses Gedicht ist einer Freundin in Frankreich gewidmet. Weiter nachdenken muss ich über die Wendung nach innen: Dass sich Regen, Wind, Wolken in dem Mantel drin treffen … trotzdem scheint er zu schützen.
Ich schätze es sehr, dass die türkische Version im Buch steht, gerade weil ich diese Sprache nicht verstehe. In der Gegenwart von Sprachen zu leben, die ich in diesem Leben wohl nicht mehr lernen werde, gewinnt heute an Brisanz. Sie steht gegen das automatische Übersetzen in allen Gadgets, im Sekundentakt. Ein Bewusstsein dafür zu bewahren, dass Verständigung Arbeit erfordert, dass sie sehr oft nicht gelingt, scheint mir dringlich.
Übersetzung mit Weltrettung in Verbindung zu bringen, gelingt mir nur, wenn ich auch das Bewusstsein dafür wachhalte, dass oft übersetzt wurde, um zu beherrschen und andere Sprachen auszulöschen. Von den philippinischen Kosmologien ist sehr viel verloren gegangen – dreihundert Jahre spanische und fünfzig Jahre amerikanische Kolonialzeit haben Vorstellungswelten geprägt, die Standardisierung von Tagalog begann zu einer Zeit, als Katechismusübersetzungen die gehobenen Sprachvarianten prägten. Wesen wie der Menschenvogel Agtabayon geisterten darin nur noch als Phantome herum.
José Rizal schrieb im Begleitbrief zu seiner Wilhelm-Tell-Übersetzung an seinen Bruder Paciano, wie er sich die Aufführung des Stücks in Kalamba, im Hinterland Manilas, vorstellte: Da würden spanische Mönche in der ersten Reihe sitzen und nichts verstehen. Ihr Tagalog sei zu simpel, schrieb Rizal. Der Übersetzer hatte absichtlich schwierige Verbformen verwendet, deren Feinheit würde den Dorfpotentaten entgehen.
In den Jahren vor der philippinischen Revolution, die José Rizal das Leben kosten sollte, war «sangsinukuban» also kein verbindendes Universum, keine universal verständliche gute Botschaft. Die eigene Hoffnung auf eine Welt ohne rassistische Unterdrückung und Ausbeutung musste als Geheimbotschaft formuliert werden. Die Befreiung war auf Opazität angewiesen, um einen Ausdruck des karibischen Philosophen Édouard Glissant zu verwenden. José Rizal schrieb meistens auf Spanisch, um von den Mächtigen verstanden zu werden, manchmal aber auch auf Tagalog, weil er davon ausgehen konnte, dass das nicht übersetzt wurde. (Das Buch Traduction et violence von Tiphaine Samoyault hat mir sehr geholfen, solche Verschlingungen und Herausforderungen des eigenen Übersetzens zu denken. Eine deutsche Übersetzung liegt leider noch nicht vor.)
Aber jetzt will ich nochmal zurück zum Gedicht von Emine Sevgi Özdamar. Bei genauerem Hinschauen stelle ich nämlich fest, dass ich in der türkischen Variante doch etwas verstehe:
atlarımız yoktu
dünya haritalarına bakmıyorduk gezmek icin
oturmuş sıkılıyorduk
kimsenin bilmediği bu kız nerden geldi
renkleriyle sevdiğimiz kişilerin
bir mor göğe dönüştü yalnızlık
yağmurun rüzgarın oyuncuların halatların
ve trapezlerin buluştuğu bir manto içinde
Der französische Mantel, dieser manteau, ist in der letzten Zeile deutlich auszumachen: manto. Ein wanderndes Zeltwort meine ich zu sehen, ein weiteres Anzeichen dafür, dass das „Universum“ – das Gemeinsame der menschlichen, vielleicht auch tierischen und pflanzlichen Existenzen – von ganz unterschiedlichen Sprachen und Orten her gedacht werden kann. Aber eine abschließende Übersetzung von „sansinukuban“ habe ich nicht gefunden, geschweige denn die allen einleuchtende, rettende Vorstellung der Welt. Die Suche nach neuen Möglichkeiten geht weiter: in Gesprächen, in Erfahrungen kollektiver Intelligenz und schöner Organisation, in immer neuen Übersetzungen.
Schriftversion: 21. September 2026
