Die Welt in neu­en Wörtern

In ihrer Rede beim Festival „Übersetzen & Weltretten“ erkundet Annette Hug die Zwischenräume der Sprachen. Sie folgt den Funken von Zuversicht, die im Übersetzen aufscheinen, und der Frage, welche Wörter eine andere Gegenwart möglich machen. Von

Annette Hug auf dem Festival „Übersetzen & Weltretten“
Annette Hug auf dem Festival „Übersetzen & Weltretten“

Guten Abend, lie­be Anwesende,

dan­ke für Ihr Inter­es­se an der Idee, beim Über­set­zen könn­ten „Fun­ken der Zuver­sicht“ sprin­gen. Ich muss­te ja leer schlu­cken, als ich die Ein­la­dung zu die­ser Rede erhielt – als ich das Wort „Welt­ret­ten“ im Fes­ti­val­the­ma las. Dann kam mir der Ver­dacht, Hélè­ne Thié­rard und Hen­ning Bochert sei­en von einem Satz im ers­ten Kapi­tel mei­nes Romans Tie­fen­la­ger aus­ge­gan­gen: „Ehr­lich. Du kannst ein geruh­sa­mes Leben füh­ren und damit die Welt retten.“

Dazu möch­te ich zwei Ein­schrän­kun­gen for­mu­lie­ren: Ers­tens wird die­ser Satz an einer Bar in Hong­kong in sturz­be­trun­ke­nem Zustand gespro­chen. Zwei­tens von einem Mann, der sich im Ver­lauf des Romans als kom­plett unzu­ver­läs­sig erwei­sen wird. Übersetzer:in zu sein, ist kein geruh­sa­mes Leben. Dafür sind die Hono­ra­re viel zu tief. Aber man kommt in eine gro­ße Ruhe beim Über­set­zen, sonst geht’s nicht, und das ist doch ein inter­es­san­ter Ausgangspunkt.

Vor eini­gen Jah­ren habe ich mir auf der Suche nach Ruhe zum Nach­den­ken einen Orden aus­ge­dacht, eine klös­ter­li­che Gemein­schaft. Dabei ging ich von einer selt­sa­men Idee aus, die in Krei­sen, die sich mit Atom­müll beschäf­ti­gen, seit Jahr­zehn­ten immer wie­der auf­taucht: Es geht um die Lösung eines Über­mitt­lungs- und Über­set­zungs­pro­blems. Ver­brauch­te Brenn­stä­be aus Atom­kraft­wer­ken strah­len noch Hun­dert­tau­sen­de von Jah­ren. Wie sind künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen zu war­nen? Anzu­spre­chen? In wel­chen Spra­chen oder Zei­chen? In einem Fels­la­bor, wo Mate­ri­al für ein Schwei­zer End­la­ger getes­tet wird, hör­te ich die Idee zum ers­ten Mal: Man müss­te viel­leicht einen Orden gründen.

Nun will ich hier nicht den Roman nach­er­zäh­len, gehe aber auf eine Fra­ge ein, die beim Schrei­ben wich­tig wur­de: Wie kom­men wir vor unmög­li­chen Auf­ga­ben dazu, Ruhe zu bewah­ren? Nach­zu­den­ken? Und dann zu handeln?

Zuerst will ich noch wei­ter zurück­ge­hen: Am 7. Juli 1972 erschien in der Zeit­schrift Sci­ence ein Arti­kel des Reak­tor­phy­si­kers Alvin M. Wein­berg mit dem Titel „Sozia­le Insti­tu­tio­nen und Nukle­ar­ener­gie“. Es ist ein kur­zer Text von acht Sei­ten. Mei­nes Wis­sens ist das der ers­te Fach­text, in dem die Idee einer „Atom­pries­ter­schaft“ auf­taucht, also die Idee einer qua­si-reli­giö­sen Ver­ei­ni­gung von Wis­sen­schaft­le­rin­nen. Wein­berg zeich­net die Funk­ti­ons­wei­se und die Ent­wick­lung der Atom­kraft nach. Ver­blüf­fend ist die Offen­heit, ja die Bestür­zung, mit wel­cher der Autor fol­gen­de Fest­stel­lung trifft: Erst als bereits ein gan­zer Park von Atom­kraft­wer­ken lief, wur­de das Pro­blem der Abfäl­le ernst­haft erör­tert. Erst als sich Brenn­stä­be sta­pel­ten, stell­ten sich For­scher und Kraft­werks­be­trei­ber die Fra­ge, wie die­ses Mate­ri­al sicher zu lagern sei.

Als ich Wein­bergs Text jetzt wie­der las, traf mich die­se Bestür­zung. Das ist doch sehr aktu­ell, dach­te ich ganz all­ge­mein, und dann ver­kün­den Sam Alt­man und Dario Amo­dei, sekun­diert von Elon Musk, dass die Model­le soge­nann­ter „Künst­li­cher Intel­li­genz“, die sie selbst ent­wi­ckelt haben, die Exis­tenz der Mensch­heit gefähr­den könn­ten. Sie for­dern des­halb eine Ver­lang­sa­mung und Regu­lie­rung der Ent­wick­lung, was aber viel­leicht nur Finanz­markt­kom­mu­ni­ka­ti­on ist, Trom­mel­wir­bel im Run-Up zum (ver­zö­ger­ten) Bör­sen­gang von Anthro­pic bzw. Open AI.

Im Wut­an­fall, der die­se Nach­richt aus­löst, stel­le ich mir vor, dass sich Tech-Mil­li­ar­dä­re die Welt als Mate­ri­al­la­ger den­ken, als Spiel- und Schlacht­feld, als Lie­fer­ket­ten-Mobi­le, als Sys­tem zu opti­mie­ren­der Inter­faces zwi­schen Warm­blü­tern und Maschi­nen, im End­sta­di­um als Müll­hal­de, die per Raum­schiff zu ver­las­sen ist. Da sind wir alle nur pas­si­ve Bestand­tei­le einer Umwelt, die zur Un-welt wird. Die genann­ten Män­ner dro­hen mir den Boden unter den Füßen weg­zu­zie­hen. Das soll ihnen nicht gelin­gen.

Dafür brau­che ich ande­re, um gemein­sam nach­zu­den­ken. Und Lite­ra­tur, in der die Welt ganz anders erscheint: Wo leben­di­ge Wesen han­deln oder zumin­dest den­ken kön­nen – Men­schen, aber auch Kro­ko­di­le. Dörr­frucht­mot­ten. Und ich ver­ste­he wie­der, was mich an der Idee, ein Klos­ter zu grün­den, gereizt hat: Ein säku­la­rer Orden als Labor kol­lek­ti­ver Ver­nunft? Wäre das mög­lich? Für die Dau­er eines Romans?

Der namen­lo­se Erzäh­ler von Tie­fen­la­ger sagt ein­mal:

Wer irgend­wo auf­ge­rie­ben wird zwi­schen pani­scher Hek­tik und ängst­li­cher Star­re, fin­det bei uns eine Insel der Ver­nunft. Wir ler­nen und arbeiten.

Dabei hilft ein schön geord­ne­ter Tages­ab­lauf. Alko­hol, sagen die einen, kein Alko­hol, sagen die andern. Sich kreuz und quer ver­lie­ben, ohne dass die Grup­pe dabei hops geht. Lek­tio­nen (alle leh­ren und ler­nen: die Kran­ken­pfle­ge­rin, der Phy­si­ker, die Pen­si­ons­kas­sen­spe­zia­lis­tin, der Kraft­werk­tech­ni­ker, die Linguistin).

Als dann mit die­sem Orden schon eini­ges schief gelau­fen ist, sagt Céli­ne, Schriftgelehrte:

Ver­se sind zu sin­gen. Schwir­ren­de Wor­te. Denn es wächst unend­li­cher dort das Jahr und die heil­gen Stun­den, die Tage, sie sind küh­ner geord­net, gemischt.
Wir zim­mern eine neue Zeit. Dür­fen jetzt nicht die Con­ten­an­ce ver­lie­ren, sonst machen wir uns gegen­sei­tig ver­rückt. Sin­gen genügt nicht. Wir müs­sen sach­lich fest­hal­ten, dass der bekann­tes­te Unfall in einem Lager für radio­ak­ti­ve Abfälle …

… einen lan­gen Vor­lauf hat­te, erzählt Céli­ne. Sie schil­dert Fehl­leis­tun­gen im Detail – alle haben mit dem „Fak­tor Mensch“ zu tun – ich sprin­ge hier aber ins Gespräch mit Camil­le Luscher, die Tie­fen­la­ger ins Fran­zö­si­sche über­setzt hat. Sie war damit kon­fron­tiert, dass „Orden“ auf Fran­zö­sisch „ord­re“ heißt, was zurück­über­setzt auch „Ord­nung“ bedeu­tet – also schleicht sich in jeden fran­zö­si­schen Satz, in dem „Orden“ vor­kommt, eine Aus­sa­ge zu „Ord­nung“ ein. Wenn zum Bei­spiel Ana­tol, ein rus­si­scher Phy­si­ker und Anar­cho­syn­di­ka­list, davon spricht, dass der Name „Min­de­re For­scher“ der Demut und dem unend­li­chen Ehr­geiz des Ordens am bes­ten ent­spre­che, dann lese ich auf Fran­zö­sisch von der „mélan­ge d’humilité et d’infinie ambi­ti­on qui carac­té­ri­se not­re ordre.“

Was wäre das, eine Ord­nung, die sich nicht aufzwingt?

„In die Städ­te kam ich zu der Zeit der Unord­nung, als da Hun­ger herrsch­te…“, heißt es bei Ber­tolt Brecht und Sie müs­sen ent­schul­di­gen, im Tie­fen­la­ger schwir­ren über­all Ver­se her­um, in Gesprä­chen mit Übersetzer:innen wird die Geschich­te von Wör­tern wach­ge­ru­fen, ihr his­to­ri­scher Reso­nanz­raum. Als Jugend­li­che hat­te ich die­se Ver­se von Brecht zwar aus­wen­dig gelernt, sie lagen mir aber sper­rig im Hirn, weil Ord­nung suspekt war – das Wort klang nach „Recht und Ord­nung“, nach Poli­zei, (fast so schlimm wie „Ber­lin sicher machen“, das mich von Wahl­pla­ka­ten aus atta­ckiert, seit ich ges­tern in die Stadt gekom­men bin) – ohne Unord­nung wür­den wir nicht aus­bre­chen kön­nen aus ein­schlä­fern­den Lek­tio­nen und Rou­ti­nen. Gera­de das Sper­ri­ge an der „Zeit der Unord­nung“ war dann aber Anlass, immer wie­der auf Brecht zurück­zu­kom­men, auf sei­ne Ver­wandt­schaft mit andern, die im Faschis­mus ver­folgt wur­den, Anna Freud, zum Bei­spiel, oder Anna Seg­hers, die den unge­hemm­ten Zer­stö­rern eine schö­ne Ord­nung ent­ge­gen­set­zen woll­te, eine Welt, in der nie­mand ver­hun­gert.

Und natür­lich stellt sich auch gleich die Fra­ge, wie und wann die Idee einer schö­nen Ord­nung in einen Poli­zei- und Unrechts­staat umschlägt. Dank der fran­zö­si­schen Über­set­zung von Tie­fen­la­ger den­ke ich am eige­nen Text wei­ter: Ob der Orden nicht auch ein Unor­den sein müss­te, ein dés­ord­re, bezie­hungs­wei­se ein Schwin­gen zwi­schen den bei­den, eine pro­duk­ti­ve Span­nung von Schlie­ßung und Öff­nung.

Wenn aber, wie eben, der ver­gan­ge­ne und der dro­hen­de Faschis­mus hin­ein­fun­ken, wenn beim Nach­den­ken über die Welt Kom­ple­xi­tät das Hirn zu spren­gen droht, dann bie­tet das Über­set­zen manch­mal einen Aus­weg – für Über­set­zen­de, viel­leicht auch für Leser:innen? Ich den­ke an gute Momen­te, wenn in der Auf­merk­sam­keit für ein Detail doch wie­der eine Ahnung des Gan­zen ent­hal­ten ist.

Sol­che Momen­te erge­ben sich zum Bei­spiel im Gespräch mit Camil­le Luscher, und mit ande­ren Kol­le­gin­nen, Kol­le­gen, auch mit Leser:innen, die sich zu Wort mel­den. Zum Bei­spiel erfuh­ren Camil­le und ich auf einem Fes­ti­val von einer Stu­die im Auf­trag der fran­zö­si­schen Atom­müll­be­hör­de ANDRA, die zu dem Schluss kommt, auf „mensch­li­che Spra­chen“ sei nicht zu set­zen, die sei­en zu ver­gäng­lich, das heißt, zu ver­än­der­lich. Man müs­se die künf­ti­gen Gene­ra­tio­nen in uni­ver­sell ver­ständ­li­chen Pik­to­gram­men vor strah­len­den Abfäl­len war­nen. Das knüpf­te an die Fra­ge der „Min­de­ren Forscher:innen“ an: Sol­len sie ihre Bot­schaft an die Künf­ti­gen in einem uni­ver­sa­len Code for­mu­lie­ren? Oder in allen mög­li­chen Spra­chen? Könn­ten sie eine Lese­an­lei­tung für Sprach­spie­le zwi­schen künf­ti­gen Spra­chen for­mu­lie­ren?

Den Roman habe ich 2019 fer­tig geschrie­ben, er erschien gegen Ende der COVID-19-Pan­de­mie. Sze­nen in Hong­kong hat­te ich gera­de noch ins Imper­fekt ver­set­zen kön­nen, weil die dor­ti­ge Demo­kra­tie­be­we­gung wäh­rend der Lek­to­rats­pha­se nie­der­ge­schla­gen wur­de – die Stadt ist seit­her nicht mehr die­sel­be. Als Camil­le und ich dann mit der fran­zö­si­schen Über­set­zung unter­wegs waren, brach der Hype um Lar­ge Lan­guage Models wie Chat-GPT aus, wir grün­de­ten zusam­men eine „cel­lu­le ger­ma­no­pho­ne“ – eine „deutsch­spra­chi­ge Zel­le“ des fran­zö­si­schen Kol­lek­tivs „En Chair et en Os“: „Mit Herz und Nie­ren“ – „Kol­lek­tiv für mensch­li­ches Über­set­zen“. In die­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen tön­te „uni­ver­sa­ler Code“ nicht mehr nur nach Pik­to­gram­men, son­dern nach sich selbst wei­ter­pro­gram­mie­ren­den Sprach­at­trap­pen. (Die­ser Begriff stammt aus Begeg­nun­gen mit Clau­dia Hamm, der ich vie­le Auf­schlüs­se zum The­ma KI und Über­set­zen verdanke.)

Nach eini­gen Glä­sern Wein, ermu­tigt von einem Stern­schnup­pen­re­gen, erzählt in Tie­fen­la­ger die „Min­de­re For­sche­rin“ Petra eine ande­re Geschich­te. In dem Sze­na­rio, das sie sich aus­denkt, wird doch noch alles gut. Waf­fen wur­den ver­schrot­tet, öko­no­misch wird aus Kreis­lauf­lo­gik eine welt­wei­te Schlau­fen­wirt­schaft, sie zer­stört die Lebens­grund­la­gen nicht, pro­du­ziert kei­nen Abfall, natür­li­che Mono­po­le und lebens­not­wen­di­ge Netz­wer­ke sind demo­kra­tisch kon­trol­liert. Die Spra­chen blei­ben leben­dig, sie sind der Nähr­stoff welt­weit ver­bun­de­ner Demo­kra­tien. Natür­lich erge­ben sich auch neue Pro­ble­me und Kon­flik­te. Weil Atom­kraft schon lan­ge abge­schafft ist, ver­steht nie­mand mehr etwas davon, der Orden stößt mit sei­nen anspruchs­vol­len Appa­ra­ten zur Strah­len­mes­sung auf Unver­ständ­nis und Abwehr. Petra erzählt:

… der Orden ist kuri­os gewor­den – in eine Alt­mo­de gefal­len, sagen Stadt­rä­te, denn alte fran­zö­si­sche Wen­dun­gen geis­tern durch die Spra­che die­ses Par­la­ments, Sprich­wör­ter wer­den neu erfun­den, aus wei­te­ren Spra­chen anverwandt …

Weil es platt wäre, das fran­zö­si­sche „tom­ber en désuétu­de“, das hier zur Alt­mo­de gewor­den ist, ein­fach zurück­zu­über­set­zen, macht Camil­le Luscher etwas anderes:

L’ordre est devenu une curio­si­té, il est „à l’antique“, disent les con­seil­lers muni­ci­paux, car quel­ques vieil­les expres­si­ons espa­gno­les han­tent enco­re la lan­gue de ce parlement …

Hier taucht also, anders als in der deut­schen Ver­si­on, eine Phra­se auf, die an etwas Spa­ni­sches den­ken lässt. Das ist eine unge­heu­re Freu­de, wenn ein eige­ner Text in der Über­set­zung neue Vol­ten schlägt. Die­ses Gefühl, ver­stan­den zu wer­den, geht tief: Nicht nur ein­zel­ne Wör­ter wer­den lexi­ka­lisch erkannt und über­tra­gen, die Über­set­ze­rin scheint in die Vor­stel­lung ein­zu­tau­chen, die mei­ner Nie­der­schrift vor­aus­ging, und aus die­ser Vor­stel­lung her­aus fin­det sie eine fran­zö­si­sche Vari­an­te. Dass sol­ches Ver­ste­hen mög­lich ist, gibt mir Hoff­nung, dass wir uns doch ver­stän­di­gen kön­nen. War­um soll­te kol­lek­ti­ve Intel­li­genz nicht auch im grö­ße­ren Rah­men mög­lich sein? 

Im Roman nimmt Bet­ty Wang, eine phil­ip­pi­ni­sche Krank­pfle­ge­rin, eben­falls Grün­dungs­mit­glied des Ordens, die Hoff­nung Ber­tolt Brechts auf: den Ver­such, eine schö­ne Ord­nung des Welt­gan­zen zu ver­wirk­li­chen. Und da möch­te ich für den zwei­ten Teil die­ser Rede anknüp­fen: Wie ver­än­dert sich die Vor­stel­lung der Welt im Gan­zen, die­ser Welt, die es zu ret­ten gilt, wenn ich sie in der phil­ip­pi­ni­schen Spra­che Tag­a­log denke?

Bei José Rizal, Schrift­stel­ler und Arzt aus Mani­la, habe ich ein beson­ders inter­es­san­tes Wort gefun­den. Im Som­mer und Herbst 1886 hat er in Deutsch­land den Wil­helm Tell von Fried­rich Schil­ler in sei­ne Mut­ter­spra­che Tag­a­log über­setzt. In dem Stück kommt der Aus­druck „Natur“ an vie­len Stel­len vor, in wan­deln­den Bedeu­tun­gen – für Schil­lers Idee des Natur­rechts ist er ent­schei­dend. Tag­a­log war damals nicht stan­dar­di­siert, jun­ge Intel­lek­tu­el­le began­nen in der spa­ni­schen Kolo­nie gera­de, die­se Spra­che für poli­ti­sche und phi­lo­so­phi­sche Tex­te zu ver­wen­den, sie wur­de dann zum Idi­om, das Revolutionär:innen ver­schie­de­ner Klas­sen in Aus­tausch brach­te. Es gab kei­ne ein­deu­ti­ge Ent­spre­chung für das Wort „Natur“ – eine binä­re Ein­tei­lung in „Natur“ ver­sus „Kul­tur“ ist im Den­ken der phil­ip­pi­ni­schen Sprach­grup­pen nicht ent­stan­den. Erst durch die Über­set­zung west­li­cher Tex­te kam die Wort­schöp­fung «kali­ka­san» auf.

Der Autor und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ramon Guil­ler­mo hat dar­ge­stellt, dass Rizal sechs ver­schie­de­ne Aus­drü­cke ver­wen­det, um in sei­nem Guil­ler­mo Tell „Natur“ zu über­set­zen, zurück­über­setzt wären das: Erde (lupa), Schöp­fung (kina­pal), Leben (buhay), das Menschsein/Persönlichkeit (pag­ka­tao) und das Innigs­te (loob). Wie die­ser letz­te Begriff, „loob“, ist auch fol­gen­des Wort schwie­rig zurück­zu­über­set­zen: „sangs­i­nu­ku­ban“. In heu­ti­gen Tag­a­log-Eng­lisch-Wör­ter­bü­chern steht für „san­si­nu­ku­ban“: „uni­ver­se“. Im Wil­helm Tell taucht das Wort in dem Moment auf, da Fischer am Vier­wald­stät­ter­see vom Apfel­schuss hören. Einer von ihnen sagt (in der ers­ten Sze­ne des vier­ten Aufzugs):

Zu zie­len auf des eig­nen Kin­des Haupt,
Sol­ches ward kei­nem Vater noch gebo­ten!
Und die Natur soll nicht in wil­dem Grimm
Sich drob empö­ren – O mich soll’s nicht wun­dern,
Wenn sich die Fel­sen bücken in den See …

In Rizals Pro­sa­über­set­zung nei­gen sich die Fel­sen dann in ein „dagat“ – ein Vier­wald­stät­ter­meer – und „sangs­i­nu­ku­ban“ empört sich mit den Unter­drück­ten. (Die­se Empö­rung ist sehr schön zu hören in dem Verb, das José Rizal ver­wen­det: „At di nga magnganga­lit ang sangs­i­nu­ku­ban“.) Im Sin­ne von „Uni­ver­sum“ wur­de „san­si­nuk­ob“ in einer Aus­stel­lung zeit­ge­nös­si­scher Plas­ti­ken ver­wen­det, die im Febru­ar 2017 auf dem Cam­pus der Uni­ver­si­ty of the Phil­ip­pi­nes in Metro Mani­la statt­fand. Die Künstler:innen hat­ten den Auf­trag, von Geschich­ten über die Ent­ste­hung der Welt in indi­ge­nen Kos­mo­lo­gien auszugehen.

Das Wort „san­si­nuk­ob“ scheint mir eine ganz ande­re Bild­welt wach­zu­ru­fen als das euro­päi­sche Wort „Uni­ver­sum“. Es ist aus dem Kern „suk­ob“ gebil­det. Das ist ein all­täg­li­ches Wort für einen Unter­stand, einen Schutz vor Hit­ze oder Regen. Als Verb „sumuk­ob“ ist das oft eine Auf­for­de­rung: «Stell dich hier unter! Komm unter mei­nen Regen­schirm!» Die Erwei­te­rung zu „san­si­nuk­ob“ macht dar­aus ein abs­trak­te­res Wort, mit dem «-an» am Schluss – also Rizals „sangs­i­nu­ku­ban“ – wird alles noch all­ge­mei­ner. Mei­ne Über­set­zungs­schwie­rig­keit beginnt bereits beim Kern, „suk­ob“, aller­dings auch mei­ne Fas­zi­na­ti­on: Wie kommt es, dass in einer Land­schaft, die schon immer von Vul­kan­aus­brü­chen, Erd­be­ben, sai­so­na­len Tro­pen­stür­men und Über­schwem­mun­gen geprägt war, ein Wort geläu­fig wur­de, das die Welt als Ort beschreibt, wo man gebor­gen ist? Auch bei Unwet­ter aufgehoben?

In der Aus­stel­lung von 2017 hat der Künst­ler Leeroy New einen Vogel prä­sen­tiert: Bam­bus­stä­be bil­den zusam­men mit einem men­schen-rau­pen­ar­ti­gen, ver­pupp­ten Kör­per ein Tier in Bewe­gung. (Eine Abbil­dung fin­det sich in der Wochen­zei­tung WOZ vom 8. Febru­ar 2019.) Auf einer Tafel zum Kunst­werk stand, dass die Instal­la­ti­on Agta­ya­bon dar­stel­le, einen Men­schen­vo­gel. Er sei in Gefahr, im Kampf mäch­ti­ger Göt­ter zer­tram­pelt zu wer­den, des­halb brei­te er sei­ne Flü­gel aus, um abzu­he­ben und mit sei­nem Flü­gel­schlag die kämp­fen­den Göt­ter zu besänftigen.

Im Febru­ar 2017 ver­mit­tel­te die­se Skulp­tur noch eine ganz ande­re Geschich­te: Der Kör­per im Innern der Bam­bus­stä­be bil­de­te die damals aktu­el­le Pra­xis von Poli­zei und soge­nann­ten Vigi­lan­te-Grup­pen ab, Lei­chen in Kle­be­band ein­zu­wi­ckeln und mit einem Warn­schild an Stra­ßen­rän­dern lie­gen zu las­sen. „Wag tular­an“, „Nicht nach­ma­chen“, stand auf den Schil­dern. Es war das ers­te Jahr der Regie­rungs­zeit von Rodri­go Duter­te, der einen soge­nann­ten „Krieg gegen Dro­gen“ los­ge­tre­ten hat­te. Im Zuge sys­te­ma­tisch orga­ni­sier­ter Raz­zi­en in Armen­vier­teln wur­den Tau­sen­de von Men­schen erschossen.

(Klam­mer: Dass Rodri­go Duter­te heu­te, zehn Jah­re nach sei­nem Amts­an­tritt, in Den Haag hin­ter Git­tern sitzt, dass ein Pro­zess am Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof wegen „Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit“ begon­nen hat, ist ver­trau­ens­er­we­ckend. Das inter­na­tio­na­le Recht ist nicht über­all zum toten Buch­sta­ben verkommen.)

Der Künst­ler Leeroy New hat sich 2017 Men­schen gewid­met, die den Denunziant:innen unter den Nach­barn und den Mör­der­trup­pen schutz­los aus­ge­lie­fert waren. Die Welt war für sie alles ande­re als ein „suk­ob“ – erst in der Instal­la­ti­on sind sie im wört­li­chen Sinn des Wor­tes „auf­ge­ho­ben“. 2017 hat­te ich mir den Auf­ent­halt in Mani­la über eine Zei­tungs­re­por­ta­ge zu der Mord­kam­pa­ge finan­ziert, zufäl­lig ging ich durch die Frei­licht-Aus­stel­lung auf dem Uni­ver­si­täts­cam­pus, nach den Besu­chen und Inter­views in einem mensch­lich ver­heer­ten Armen­vier­tel rühr­te mich der Vogel Agta­ba­yon zu Trä­nen. Wer hät­te recht­zei­tig da sein kön­nen, um zu sagen, „steh bei mir unter“, jemand, der mäch­tig genug gewe­sen wäre, um sagen zu kön­nen: „komm, hier bist zu sicher“. (Es gab sol­che Leu­te, die Schutz vor der Poli­zei gewährten.)

Auch die Rüh­rung vor Leeroy News Instal­la­ti­on hat sich mit dem Wort „suk­ob“ ver­bun­den, das ich auf Schwei­zer­deutsch als „Schär­me“ über­set­zen wür­de – „am Schär­me sii“ heisst „tro­cken blei­ben, wenn es reg­net“ – auf Hoch­deutsch kann ich beim bes­ten Wil­len kei­ne Ent­spre­chung dafür fin­den, aber sie muss doch aus­zu­drü­cken sein, die­se Vor­stel­lung einer Welt, mit der gut aus­zu­kom­men ist, die wir nicht beherr­schen, aus­trock­nen, ver­gif­ten, umbau­en müs­sen, um dar­in leben zu können.

(Noch eine Klam­mer: Was für Ver­wand­lun­gen von Men­schen in Tie­re oder Geis­ter in Vor­stel­lungs­wel­ten der phil­ip­pi­ni­schen Insel Panay zuta­ge tre­ten, wie da Wan­del- und Mit­tel­we­sen die Gren­zen ver­wi­schen – mal ver­spielt, mal schreck­lich – das malt Allan N. Derain in sei­nem Roman Das Meer der Aswang aus. Die­ses Buch von Tagalog/Filipino ins Deut­sche zu über­set­zen, erfor­der­te ein paar Neo­lo­gis­men, das Wort «san­si­nu­ku­ban» benutzt Allan aller­dings nicht.)

Dage­gen fand ich eine schö­ne Lis­te an mög­li­chen deut­schen Wör­tern bei Doris Hei­ne­mann, sie hat Fel­wi­ne Sarrs Roman Die Orte, an denen mei­ne Träu­me woh­nen vom Fran­zö­si­schen ins Deut­sche über­setzt. Hier spricht ein Mann, der in Euro­pa lebt und davon erfährt, dass sei­ne Mut­ter im Sene­gal uner­war­tet an einem Herz­in­farkt gestor­ben ist. Lei­nen, die ihn am Leben hal­ten, schei­nen zu rei­ßen. Und da steht der Satz:

„Wir erstür­men Land und Was­ser in dem Wis­sen, dass wir einen Rück­halt haben, eine Zuflucht, einen Stamm, an den wir uns leh­nen kön­nen, einen Rück­zugs­ort, ein Biwak, wo wir wie­der Kraft und Hoff­nung schöpfen.“

„Obdach“, wäre eine Vari­an­te. „Kram“ soll ursprüng­lich „Zelt“ geheis­sen haben: ein Kram­la­den war ein­mal eine Markt­bu­de, die leicht zu trans­por­tie­ren ist. Bei Fel­wi­ne Sarr ist die zuneh­men­de Abs­trak­ti­on zu beob­ach­ten, die sich im Tag­ali­schen mit einer zuneh­men­den Zahl von Vor‑, Zwi­schen- und Nach­sil­ben deckt. Das Biwak ist im über­tra­ge­nen Sinn zu ver­ste­hen: Obdach bie­tet die Mut­ter. Es sind mensch­li­che Bezie­hun­gen, die Ver­bin­dun­gen um die Welt real wer­den lassen.

Ekke­hard May lie­fert in sei­ner Über­set­zung der Hai­bun des japa­ni­schen Dich­ters Bas­hô eine wei­te­re Über­set­zungs­mög­lich­keit. Da fol­gen wir einem Mann im 17. Jahr­hun­dert, der nicht nur Amt und Wür­den, son­dern auch ein fes­tes Haus zurück­ge­las­sen hat. Sei­ne Wan­de­run­gen füh­ren ihn an Orte, die an ver­stor­be­ne Dich­ter erin­nern. In fol­gen­dem Hai­ku aus der Auf­zeich­nung über einen Flecht­hut mei­ne ich die Vor­stel­lung von „san­si­nu­ku­ban“ wiederzufinden:

In die­ser Welt leben –
letzt­lich nur ‚Unter­schlupf bei Regen’
wie Sôgi einst schrieb!

Und als ich schon dach­te, einer ost­asia­ti­schen – also sehr weit ent­fern­ten – Vor­stel­lungs­welt auf der Spur zu sein, kam ich auf ganz ande­ren Wegen auf Paul Celan zurück, auf das Lie­bes­ge­dicht „Ana­ba­sis“ aus dem Zyklus Die Nie­mands­ro­se. Es endet mit den Zeilen:

Sicht­ba­res, Hör­ba­res, das
frei-
wer­den­de Zeltwort:

Mit­sam­men.

Nun bin ich unsi­cher, ob sich das Glück über­tra­gen lässt, das mich beim Auf­fin­den sol­cher Reso­nan­zen befällt – ein Glück im dop­pel­ten Sinn von Glücks­fall und Glück­lich­sein. Noch unsi­che­rer bin ich, wenn ich mich nach die­ser Aus­schwei­fung fra­ge, wie ich vom Wort „san­si­nu­ku­ban“ zum The­ma die­ses Fes­ti­vals zurück­kom­me: zur Welt­ret­tung. Bin ich doch in bedroh­ten Gefil­den gelan­det. Den Kräf­ten, die auf den Phil­ip­pi­nen inzwi­schen jede Regen­zeit zu einer Serie außer­or­dent­li­cher Kata­stro­phen machen, weil sich die Tem­pe­ra­tur des Pazi­fiks schon soweit erhöht hat, dass Super­tai­fu­ne viel häu­fi­ger auf­tre­ten – die­sen Kräf­ten und bedroh­li­chen Tech­no­lo­gien habe ich kei­ne mäch­ti­gen Appa­ra­te entgegenzusetzen. 

Im Gegen­teil: Mei­ne Hoff­nung ent­steht da, wo sich Men­schen, die sich ihrer Ver­letz­lich­keit bewusst sind, ver­stän­di­gen – im Gespräch oder in Tex­ten, die dank Übersetzer:innen Zei­ten und Räu­me in Bezie­hung set­zen. Die­se Ver­bin­dun­gen machen sel­ten gro­ße Schlag­zei­len, aber Beobachter:innen wie die Lite­ra­tur-Sozio­lo­gin Gisè­le Sapi­ro deu­ten dar­auf hin, dass sie seit den 1990er-Jah­ren zuge­nom­men haben. Am Ran­de und abseits der Buch­mes­sen in den alten Zen­tren der west­li­chen Welt flo­rie­ren inter­na­tio­na­le Fes­ti­vals auf allen Kon­ti­nen­ten, die Viel­falt an Spra­chen, die sich da kreu­zen, nimmt mit der Klein­heit der Ver­an­stal­tung eher zu.

Im Unter­schied zu Auto­ma­ten­spra­chen kom­men die­se Ver­bin­dun­gen ohne Dat­a­cen­ters aus, ohne Groß­ka­pi­tal, in ihnen ist die Mög­lich­keit der Über­win­dung impe­ria­ler Zen­tren ange­legt, also eine sehr viel hori­zon­ta­le­re, viel­fäl­ti­ge­re Ver­flech­tung von Spra­chen und Sprach-Paa­ren. Da ist es auch mög­lich, die Welt neu zu den­ken und zumin­dest die eige­nen Bezü­ge und Bezie­hun­gen neu zu gestalten.

Las­sen Sie mich zum Schluss noch ein Bei­spiel anfüh­ren, das mir auf der Suche nach einer deut­schen Über­set­zung von „san­si­nu­ku­ban“ begeg­net ist: In ihrem Roman Ein von Schat­ten begrenz­ter Raum zitiert Emi­ne Sev­gi Özda­mar ein Gedicht, das sie auf Tür­kisch geschrie­ben hat:

atlarımız yok­tu
dünya har­ital­arı­na bak­mıyord­uk gez­mek icin
otur­muş sıkılıyord­uk
kim­sen­in bil­me­diği bu kız ner­den gel­di
ren­k­le­ri­yle sev­diği­miz kişi­le­rin
bir mor göğe dönüş­tü yal­nız­lık
yağ­mu­run rüz­garın oyun­cu­ların hal­at­ların
ve tra­pez­le­rin buluş­tuğu bir man­to içinde

sie fügt eine deut­sche Über­set­zung an:

Wir hat­ten kei­ne Pfer­de.
Schau­ten nicht in den Welt­at­las, um zu fah­ren.
Wir saßen da und spra­chen vor uns her.
Woher kam das Mäd­chen, das kei­ner kann­te,
Mit den Far­ben der Men­schen, die wir lieb­ten.
Die Ein­sam­keit wur­de zu einem Him­mel­li­la,
Ein Man­teau, in dem Regen, Wind, Wol­ken sich trafen.

Der Unter­schlupf wird auch hier, wie bei Bas­hô, mit­ge­tra­gen: Nicht als Hut, aber als Man­tel. Obdach bie­ten der Erzäh­le­rin ande­re Men­schen in Paris, in Istan­bul und Ber­lin. Die­ses Gedicht ist einer Freun­din in Frank­reich gewid­met. Wei­ter nach­den­ken muss ich über die Wen­dung nach innen: Dass sich Regen, Wind, Wol­ken in dem Man­tel drin tref­fen … trotz­dem scheint er zu schützen.

Ich schät­ze es sehr, dass die tür­ki­sche Ver­si­on im Buch steht, gera­de weil ich die­se Spra­che nicht ver­ste­he. In der Gegen­wart von Spra­chen zu leben, die ich in die­sem Leben wohl nicht mehr ler­nen wer­de, gewinnt heu­te an Bri­sanz. Sie steht gegen das auto­ma­ti­sche Über­set­zen in allen Gad­gets, im Sekun­den­takt. Ein Bewusst­sein dafür zu bewah­ren, dass Ver­stän­di­gung Arbeit erfor­dert, dass sie sehr oft nicht gelingt, scheint mir dring­lich.

Über­set­zung mit Welt­ret­tung in Ver­bin­dung zu brin­gen, gelingt mir nur, wenn ich auch das Bewusst­sein dafür wach­hal­te, dass oft über­setzt wur­de, um zu beherr­schen und ande­re Spra­chen aus­zu­lö­schen. Von den phil­ip­pi­ni­schen Kos­mo­lo­gien ist sehr viel ver­lo­ren gegan­gen – drei­hun­dert Jah­re spa­ni­sche und fünf­zig Jah­re ame­ri­ka­ni­sche Kolo­ni­al­zeit haben Vor­stel­lungs­wel­ten geprägt, die Stan­dar­di­sie­rung von Tag­a­log begann zu einer Zeit, als Kate­chis­mus­über­set­zun­gen die geho­be­nen Sprach­va­ri­an­ten präg­ten. Wesen wie der Men­schen­vo­gel Agta­ba­yon geis­ter­ten dar­in nur noch als Phan­to­me her­um.

José Rizal schrieb im Begleit­brief zu sei­ner Wil­helm-Tell-Über­set­zung an sei­nen Bru­der Pacia­no, wie er sich die Auf­füh­rung des Stücks in Kalam­ba, im Hin­ter­land Mani­las, vor­stell­te: Da wür­den spa­ni­sche Mön­che in der ers­ten Rei­he sit­zen und nichts ver­ste­hen. Ihr Tag­a­log sei zu sim­pel, schrieb Rizal. Der Über­set­zer hat­te absicht­lich schwie­ri­ge Verb­for­men ver­wen­det, deren Fein­heit wür­de den Dorf­po­ten­ta­ten ent­ge­hen.

In den Jah­ren vor der phil­ip­pi­ni­schen Revo­lu­ti­on, die José Rizal das Leben kos­ten soll­te, war «sangs­i­nu­ku­ban» also kein ver­bin­den­des Uni­ver­sum, kei­ne uni­ver­sal ver­ständ­li­che gute Bot­schaft. Die eige­ne Hoff­nung auf eine Welt ohne ras­sis­ti­sche Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung muss­te als Geheim­bot­schaft for­mu­liert wer­den. Die Befrei­ung war auf Opa­zi­tät ange­wie­sen, um einen Aus­druck des kari­bi­schen Phi­lo­so­phen Édouard Glis­sant zu ver­wen­den. José Rizal schrieb meis­tens auf Spa­nisch, um von den Mäch­ti­gen ver­stan­den zu wer­den, manch­mal aber auch auf Tag­a­log, weil er davon aus­ge­hen konn­te, dass das nicht über­setzt wur­de. (Das Buch Tra­duc­tion et vio­lence von Tiphai­ne Samoy­ault hat mir sehr gehol­fen, sol­che Ver­schlin­gun­gen und Her­aus­for­de­run­gen des eige­nen Über­set­zens zu den­ken. Eine deut­sche Über­set­zung liegt lei­der noch nicht vor.)

Aber jetzt will ich noch­mal zurück zum Gedicht von Emi­ne Sev­gi Özda­mar. Bei genaue­rem Hin­schau­en stel­le ich näm­lich fest, dass ich in der tür­ki­schen Vari­an­te doch etwas verstehe:


atlarımız yok­tu
dünya har­ital­arı­na bak­mıyord­uk gez­mek icin
otur­muş sıkılıyord­uk
kim­sen­in bil­me­diği bu kız ner­den gel­di
ren­k­le­ri­yle sev­diği­miz kişi­le­rin
bir mor göğe dönüş­tü yal­nız­lık
yağ­mu­run rüz­garın oyun­cu­ların hal­at­ların
ve tra­pez­le­rin buluş­tuğu bir man­to içinde

Der fran­zö­si­sche Man­tel, die­ser man­teau, ist in der letz­ten Zei­le deut­lich aus­zu­ma­chen: man­to. Ein wan­dern­des Zelt­wort mei­ne ich zu sehen, ein wei­te­res Anzei­chen dafür, dass das „Uni­ver­sum“ – das Gemein­sa­me der mensch­li­chen, viel­leicht auch tie­ri­schen und pflanz­li­chen Exis­ten­zen – von ganz unter­schied­li­chen Spra­chen und Orten her gedacht wer­den kann. Aber eine abschlie­ßen­de Über­set­zung von „san­si­nu­ku­ban“ habe ich nicht gefun­den, geschwei­ge denn die allen ein­leuch­ten­de, ret­ten­de Vor­stel­lung der Welt. Die Suche nach neu­en Mög­lich­kei­ten geht wei­ter: in Gesprä­chen, in Erfah­run­gen kol­lek­ti­ver Intel­li­genz und schö­ner Orga­ni­sa­ti­on, in immer neu­en Übersetzungen.

Schrift­ver­si­on: 21. Sep­tem­ber 2026

1 Comment

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  1. 1
    Schiess Elisabeth

    Jetzt ver­ste­he ich das Tie­fen­la­ger schon besser,und den Will­helm Tell wer­de ich jetzt doch wie­der wei­ter­le­sen, viel­leicht sogar auch „das Meer der Aswang“, alles liegt auf mei­nem Nacht­tisch, dan­ke Frau Hug für die­sen Text!

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