Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt, doch nur ein winziger Bruchteil davon wird ins Deutsche übersetzt. Wir interviewen Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Alle Beiträge der Rubrik findet ihr hier.
Wie hast du Grönländisch (Kalaallisut) gelernt?
Ich bin Inuk, Kalaaleq, Grönländerin, geboren und aufgewachsen in Inuit Nunaat, Kalaallit Nunaat Grönland. Auch wenn ich Kalaallisut nicht fließend spreche, ist es zu 100% meine Herzenssprache. Kalaallit Nunaat wurde von Dänemark kolonialisiert und während einer bestimmten sprachpolitischen Phase des Landes beschloss mein Vater, meiner zweitältesten Schwester und mir Dänisch beizubringen, während meine beiden jüngeren Geschwister, nach Einführung der (begrenzten) Selbstverwaltung im Jahr 1979, mit Kalaallisut (Grönländisch) aufwuchsen. Heute sprechen meine jüngeren Geschwister fließend Grönländisch und Dänisch.
Wie sieht die grönländische Literaturszene aus?
Unsere Geschichten sind sehr alt. Wir sind Geschichtenerzähler. Die Geschichten, die wir erzählen, stammen aus unserem Nuna, unserem Land. Wir sind tief mit unserem Land und unserer Sila verbunden. Unsere Geschichten entstehen aus unserem Trommelgesang, von den Angaankkoqs, unseren Schamanen, und erzählen von den Strapazen des Lebens in der Arktis, von der Freude am Leben in der Arktis sowie von Liebe und Tod. Sie sollen unseren Kindern Recht und Unrecht lehren und dienten während der langen Winter auch als Unterhaltung. Zugleich vermitteln sie aber auch moralische Werte. Heute finden wir diese Geschichten in zeitgenössischen Büchern, Filmen und in der Kunst.
Ich darf dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse den grönländischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband Kalaallit Atuakkiortut vertreten, der in Kooperation mit dem grönländischen Literaturbüro GreenLit Übersetzungsförderungen anbietet und als Sprungbrett für weitere internationale Übersetzungen und Kooperationen fungiert. Durch die kontinuierliche Arbeit von GreenLit hat die grönländische Literatur in den vergangenen Jahren zunehmendes internationales Interesse und Anerkennung erfahren. Mit Autorinnen wie Niviaq Korneliussen, die 2021 als erste Grönländerin den Literaturpreis des Nordischen Rates erhielt, wird die Vielfalt und Qualität der zeitgenössischen grönländischen Literatur sichtbar. Ihr 2014 erschienenes Debüt HOMO Sapienne wird Ende des Jahres im Inuit Verlag, den ich leite, in deutscher Übersetzung von Miranda Nicholas-Zaar und André Wilkening erscheinen.
Was sollte man unbedingt gelesen haben?
Arnarulunnguaq, das 2024 erschienene Buch der grönländischen Archäologin und Autorin Pauline Kleinschmidt Knudsen. Darin erzählt sie die Geschichte von Arnarulunnguag (1896–1933), einer Inuk-Frau aus Grönland, die als einzige Frau an Knud Rasmussens fünfter Thule-Expedition (1921–1924) teilnahm. Zusammen mit Rasmussen und ihrem Cousin Qaavigarsuaq Miteq legte sie mit dem Hundeschlitten etwa 18.000 Kilometer zurück – von Grönland durch die arktischen Regionen Nordamerikas bis nach Alaska und Sibirien.
Arnarulunnguag war nicht nur Expeditionshelferin, sondern auch erfahrene Schneiderin, Jägerin, Hundeschlittenführerin und Beobachterin. Sie war verantwortlich für die notwendige Bekleidung, die Zubereitung der Mahlzeiten sowie für praktisches Wissen, das notwendig war, um die arktischen Bedingungen zu überstehen. Pauline Knudsens Buch möchte Arnarulunnguaqs historische Bedeutung wieder aufleben lassen, da ihr Beitrag zu der Expedition lange Zeit von den männlichen Entdeckern überschattet worden war.
Auch Arnarulunnguaq erscheint 2027 im Inuit Verlag in deutscher Übersetzung.
Was ist noch nicht übersetzt?
Min sjæl har vokseværk (My Soul Has Growing Pains, Meine Seele hat Wachstumsschmerzen), Lyrik von Kuluk Helms mit Illustrationen von Paarma Brandt. Kuluk Helms ist darstellende Künstlerin, Kulturschaffende, grönländische Maskentänzerin, Lyrikerin, Schauspielerin und Lehrerin. Ihre Arbeit erstreckt sich über ein breites künstlerisches und pädagogisches Spektrum. Durch einen Master-Abschluss der East15 Acting School in London und einer Schauspielausbildung am Nationaltheater von Grönland hat sie eine vielseitige Praxis entwickelt, die sowohl in indigenen als auch in westlichen Erzähltraditionen verwurzelt ist. Ihre Arbeit spiegelt ein tiefes Verständnis dafür wider, auf wie unterschiedliche Art Geschichten geschaffen, aufgeführt und kulturübergreifend weitergegeben werden können.
Ihr Werk My Soul Has Growing Pains ist eine poetische Auseinandersetzung mit Identität und Zugehörigkeit in einem lebendigen Kulturmix. In ihren Texten untersucht sie die Komplexität des Umgangs mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und die Art und Weise, wie Sprache, Erinnerung und kulturelles Erbe unser Selbstverständnis prägen.
Neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin, Geschichtenerzählerin und Lyrikerin ist Helms auch eine erfahrene Pädagogin. Ihre Lehrtätigkeit führte sie nach Taiwan, Guatemala und England, wo sie mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichsten Bildungshintergründen zusammengearbeitet hat, wobei sie ihren Blick noch mehr weiten konnte und was ihr gezeigt hat, wie sich durch Performances, Bildungsarbeit und das geschriebene Wort echte Verbindungen herstellen lassen.
Ich stehe in Kontakt mit Kuluk Helms und hoffe, ihr Buch für die Übersetzung ins Deutsche im Inuit Verlag gewinnen zu können und eine:n Übersetzer:in zu finden, die bereits Erfahrung im Bereich Lyrikübersetzung hat. Bisher werden alle für den Inuit Verlag übersetzten Bücher über das Dänische ins Deutsche übersetzt, da ich noch niemanden gefunden habe, der auf professionellem Niveau vom Grönländischen ins Deutsche übersetzen kann.
Was sind die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Grönländischen? Wie gehst du damit um?
Kulturelle Begriffe wie Iggu oder qaa lassen sich nur schwer in eine andere Sprache übersetzen. Der beste Weg, Iggu oder qaa zu verstehen, ist, nach Grönland zu reisen und die Sprache dort in echt zu erleben und zu hören. In Grönland drücken wir uns lautstark mit unserem Körper und unseren Gesichtern aus. Meine Sprache ist mit meinem Land, meinem Nuna, verbunden und wird von ihm geformt. In Kalaallisut gibt es das Wort Sila, es bedeutet sowohl Wetter als auch Sinn oder Vernunft. Es gibt eine Redewendung, die besagt „Sila entscheidet“ und damit alle Begriffe vereint. „Anorak“ ist ein grönländisches Wort (Kalaallisut: Annoraaq) und kommt von Anori. Anori bedeutet Wind. Annoraaq bedeutet so viel wie „etwas gegen den Wind“. Wörter und unsere Namen haben immer eine Bedeutung. Malik bedeutet auf Grönländisch „Welle“, und viele Männer und Jungen bei uns heißen Malik. Ein typischer Frauenname ist Tupaarnaq, was Thymian heißt (Grönland ist bekannt für seinen arktischen Thymian). Diese Wörter bedeuten für mich Heimat
Was kann Grönländisch (Kalaallisut), was Deutsch nicht kann?
Grönländisch ist eine polysynthetische Sprache, die die Bildung langer Wörter durch Aneinanderreihen von Wortstämmen und Suffixen ermöglicht. Die morphosyntaktische Ausrichtung der Sprache ist ergativ, d. h. das Subjekt eines intransitiven Verbs und das Objekt eines transitiven Verbs werden anders behandelt als das Subjekt eines transitiven Verbs. Beispielsweise stünde „er spielt Gitarre“ im Ergativ als transitiver Akteur, während „ich habe eine Gitarre gekauft“ und „während die Gitarre spielt“ (wobei letzteres die intransitive Bedeutung desselben Verbs „spielen“ darstellt) beide im Absolutiv stünden.
Bei der Übernahme neuer Konzepte oder Technologien werden im Grönländischen in der Regel neue Wörter aus grönländischen Wortstämmen gebildet, doch das moderne Grönländisch hat auch zahlreiche Lehnwörter aus dem Dänischen und Englischen. Seit Beginn der dänischen Kolonialisierung im 18. Jahrhundert wird die Sprache in lateinischer Schrift geschrieben. Die erste grönländische Rechtschreibung wurde 1851 von Samuel Kleinschmidt entwickelt, doch bereits innerhalb von 100 Jahren wich sie aufgrund einer Reihe von Lautverschiebungen erheblich von der gesprochenen Sprache ab. Samuel Petrus Kleinschmidt (1814–1886) war ein in Grönland geborener deutsch-dänischer Missionarslinguist, dafür bekannt, dass er ausführlich über die grönländische Sprache geschrieben und die Rechtschreibung entwickelt hatte, die von 1851 bis 1973 verwendet wurde. Außerdem übersetzte er Teile der Bibel ins Grönländische. 1973 wurde eine umfassende Rechtschreibreform durchgeführt, die das Schriftsystem wesentlich leichter lernbar machte, was zu einem Anstieg der Alphabetisierungsrate in Grönland führte, die heute zu den höchsten weltweit zählt.
Im Kalaallisut gibt es, ähnlich wie im Deutschen, viele Zungenbrecher. Ein beliebter Zungenbrecher geht so:
tuttut tututtut tuttutut tututtutut tuttutuuttut
Das bedeutet:
Ein schmutziges Rentier frisst ein schmutziges Rentier, das ein schmutziges Rentier ist.

Laali Lyberth
Der Inuit Verlag wird von der Grönländerin Laali Lyberth geleitet, deren Stimme einige aus der »Sendung mit der Maus« kennen. Seit einigen Jahren spricht sie dort immer wieder Kalaallisut, die grönländische Sprache. Eine Liebeserklärung und gleichzeitig ein Fingerzeig ihrer sich durch den Klimawandel so rasant verändernden Heimat, hat sie mit dem Fotokunstprojekt und dem Kinofilm Stella Polaris* Ulloriarssuaq hinterlassen (Gemeinschaftsprojekt mit Sven Nieder, Nomi Baumgartl und Yarti N. Niehaus). Als Miss Grönland 1992 konnte sie schon früh Ihr Land in der Welt repräsentieren. 12 Jahre hat sie in Kanada gelebt und in einem Frauenhaus First Nation und Inuit Frauen unterstützt. Zurück in Grönland lernte sie ihren Partner Sven Nieder während der Arbeit an einem Buch über ein schamanisches Treffen, initiiert von Angaangaq Angakkorsuaq, kennen, der ihr Onkel väterlicherseits ist. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie im Herzen der Vulkaneifel, verliert aber nie den Kontakt zu ihrer grönländischen Familie. Der Inuit Verlag erhält als Imprint der Kraterleuchten GmbH den Deutschen Verlagspreis 2026, der am 09. Oktober auf der Buchmesse überreicht wird.
Wir suchen für die Rubrik „Große kleine Sprache“ Übersetzerinnen und Übersetzer, die Lust haben, ihre „kleine“ Sprache mit unserem Fragebogen vorzustellen. Wenn du dich angesprochen fühlst, melde dich gerne unter redaktion@tralalit.de.
