Gro­ße klei­ne Spra­che Grön­län­disch (Kalaal­li­sut)

Grönländische Literatur beruht auf einer der ältesten Erzähltraditionen weltweit. Nun kündigt sich eine neue Generation grönländischer Stimmen an. Von

Christian Benjamin Olsen, Parti fra Diskobugten i Grønland, 1921 Quelle: WikiCommons

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.

Wie hast du Grön­län­disch (Kalaal­li­sut) gelernt?

Ich bin Inuk, Kalaa­leq, Grön­län­de­rin, gebo­ren und auf­ge­wach­sen in Inu­it Nunaat, Kalaal­lit Nunaat Grön­land. Auch wenn ich Kalaal­li­sut nicht flie­ßend spre­che, ist es zu 100% mei­ne Her­zens­spra­che. Kalaal­lit Nunaat wur­de von Däne­mark kolo­nia­li­siert und wäh­rend einer bestimm­ten sprach­po­li­ti­schen Pha­se des Lan­des beschloss mein Vater, mei­ner zweit­äl­tes­ten Schwes­ter und mir Dänisch bei­zu­brin­gen, wäh­rend mei­ne bei­den jün­ge­ren Geschwis­ter, nach Ein­füh­rung der (begrenz­ten) Selbst­ver­wal­tung im Jahr 1979, mit Kalaal­li­sut (Grön­län­disch) auf­wuch­sen. Heu­te spre­chen mei­ne jün­ge­ren Geschwis­ter flie­ßend Grön­län­disch und Dänisch.

Wie sieht die grön­län­di­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Unse­re Geschich­ten sind sehr alt. Wir sind Geschich­ten­er­zäh­ler. Die Geschich­ten, die wir erzäh­len, stam­men aus unse­rem Nuna, unse­rem Land. Wir sind tief mit unse­rem Land und unse­rer Sila ver­bun­den. Unse­re Geschich­ten ent­ste­hen aus unse­rem Trom­mel­ge­sang, von den Anga­ank­koqs, unse­ren Scha­ma­nen, und erzäh­len von den Stra­pa­zen des Lebens in der Ark­tis, von der Freu­de am Leben in der Ark­tis sowie von Lie­be und Tod. Sie sol­len unse­ren Kin­dern Recht und Unrecht leh­ren und dien­ten wäh­rend der lan­gen Win­ter auch als Unter­hal­tung. Zugleich ver­mit­teln sie aber auch mora­li­sche Wer­te. Heu­te fin­den wir die­se Geschich­ten in zeit­ge­nös­si­schen Büchern, Fil­men und in der Kunst.

Ich darf die­ses Jahr auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se den grön­län­di­schen Schrift­stel­le­rin­nen- und Schrift­stel­ler­ver­band Kalaal­lit Atuakki­or­tut ver­tre­ten, der in Koope­ra­ti­on mit dem grön­län­di­schen Lite­ra­tur­bü­ro Green­Lit Über­set­zungs­för­de­run­gen anbie­tet und als Sprung­brett für wei­te­re inter­na­tio­na­le Über­set­zun­gen und Koope­ra­tio­nen fun­giert. Durch die kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit von Green­Lit hat die grön­län­di­sche Lite­ra­tur in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zuneh­men­des inter­na­tio­na­les Inter­es­se und Aner­ken­nung erfah­ren. Mit Autorin­nen wie Niviaq Kor­ne­li­us­sen, die 2021 als ers­te Grön­län­de­rin den Lite­ra­tur­preis des Nor­di­schen Rates erhielt, wird die Viel­falt und Qua­li­tät der zeit­ge­nös­si­schen grön­län­di­schen Lite­ra­tur sicht­bar. Ihr 2014 erschie­ne­nes Debüt HOMO Sapi­en­ne wird Ende des Jah­res im Inu­it Ver­lag, den ich lei­te, in deut­scher Über­set­zung von Miran­da Nicho­las-Zaar und André Wil­ke­ning erscheinen.

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Arnaru­lunn­guaq, das 2024 erschie­ne­ne Buch der grön­län­di­schen Archäo­lo­gin und Autorin Pau­li­ne Klein­schmidt Knud­sen. Dar­in erzählt sie die Geschich­te von Arnaru­lunn­guag (1896–1933), einer Inuk-Frau aus Grön­land, die als ein­zi­ge Frau an Knud Ras­mus­sens fünf­ter Thu­le-Expe­di­ti­on (1921–1924) teil­nahm. Zusam­men mit Ras­mus­sen und ihrem Cou­sin Qaa­vi­gar­suaq Mit­eq leg­te sie mit dem Hun­de­schlit­ten etwa 18.000 Kilo­me­ter zurück – von Grön­land durch die ark­ti­schen Regio­nen Nord­ame­ri­kas bis nach Alas­ka und Sibirien.

Arnaru­lunn­guag war nicht nur Expe­di­ti­ons­hel­fe­rin, son­dern auch erfah­re­ne Schnei­de­rin, Jäge­rin, Hun­de­schlit­ten­füh­re­rin und Beob­ach­te­rin. Sie war ver­ant­wort­lich für die not­wen­di­ge Beklei­dung, die Zube­rei­tung der Mahl­zei­ten sowie für prak­ti­sches Wis­sen, das not­wen­dig war, um die ark­ti­schen Bedin­gun­gen zu über­ste­hen. Pau­li­ne Knud­sens Buch möch­te Arnaru­lunn­guaqs his­to­ri­sche Bedeu­tung wie­der auf­le­ben las­sen, da ihr Bei­trag zu der Expe­di­ti­on lan­ge Zeit von den männ­li­chen Ent­de­ckern über­schat­tet wor­den war.

Auch Arnaru­lunn­guaq erscheint 2027 im Inu­it Ver­lag in deut­scher Übersetzung.

Was ist noch nicht übersetzt?

Min sjæl har voks­eværk (My Soul Has Gro­wing Pains, Mei­ne See­le hat Wachs­tums­schmer­zen), Lyrik von Kuluk Helms mit Illus­tra­tio­nen von Paar­ma Brandt. Kuluk Helms ist dar­stel­len­de Künst­le­rin, Kul­tur­schaf­fen­de, grön­län­di­sche Mas­ken­tän­ze­rin, Lyri­ke­rin, Schau­spie­le­rin und Leh­re­rin. Ihre Arbeit erstreckt sich über ein brei­tes künst­le­ri­sches und päd­ago­gi­sches Spek­trum. Durch einen Mas­ter-Abschluss der East15 Acting School in Lon­don und einer Schau­spiel­aus­bil­dung am Natio­nal­thea­ter von Grön­land hat sie eine viel­sei­ti­ge Pra­xis ent­wi­ckelt, die sowohl in indi­ge­nen als auch in west­li­chen Erzähl­tra­di­tio­nen ver­wur­zelt ist. Ihre Arbeit spie­gelt ein tie­fes Ver­ständ­nis dafür wider, auf wie unter­schied­li­che Art Geschich­ten geschaf­fen, auf­ge­führt und kul­tur­über­grei­fend wei­ter­ge­ge­ben wer­den können.

Ihr Werk My Soul Has Gro­wing Pains ist eine poe­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Iden­ti­tät und Zuge­hö­rig­keit in einem leben­di­gen Kul­tur­mix. In ihren Tex­ten unter­sucht sie die Kom­ple­xi­tät des Umgangs mit unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den und die Art und Wei­se, wie Spra­che, Erin­ne­rung und kul­tu­rel­les Erbe unser Selbst­ver­ständ­nis prägen.

Neben ihrer Tätig­keit als Schau­spie­le­rin, Geschich­ten­er­zäh­le­rin und Lyri­ke­rin ist Helms auch eine erfah­re­ne Päd­ago­gin. Ihre Lehr­tä­tig­keit führ­te sie nach Tai­wan, Gua­te­ma­la und Eng­land, wo sie mit Men­schen aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren und mit unter­schied­lichs­ten Bil­dungs­hin­ter­grün­den zusam­men­ge­ar­bei­tet hat, wobei sie ihren Blick noch mehr wei­ten konn­te und was ihr gezeigt hat, wie sich durch Per­for­man­ces, Bil­dungs­ar­beit und das geschrie­be­ne Wort ech­te Ver­bin­dun­gen her­stel­len lassen.

Ich ste­he in Kon­takt mit Kuluk Helms und hof­fe, ihr Buch für die Über­set­zung ins Deut­sche im Inu­it Ver­lag gewin­nen zu kön­nen und eine:n Übersetzer:in zu fin­den, die bereits Erfah­rung im Bereich Lyrik­über­set­zung hat. Bis­her wer­den alle für den Inu­it Ver­lag über­setz­ten Bücher über das Däni­sche ins Deut­sche über­setzt, da ich noch nie­man­den gefun­den habe, der auf pro­fes­sio­nel­lem Niveau vom Grön­län­di­schen ins Deut­sche über­set­zen kann.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Grön­län­di­schen? Wie gehst du damit um?

Kul­tu­rel­le Begrif­fe wie Iggu oder qaa las­sen sich nur schwer in eine ande­re Spra­che über­set­zen. Der bes­te Weg, Iggu oder qaa zu ver­ste­hen, ist, nach Grön­land zu rei­sen und die Spra­che dort in echt zu erle­ben und zu hören. In Grön­land drü­cken wir uns laut­stark mit unse­rem Kör­per und unse­ren Gesich­tern aus. Mei­ne Spra­che ist mit mei­nem Land, mei­nem Nuna, ver­bun­den und wird von ihm geformt. In Kalaal­li­sut gibt es das Wort Sila, es bedeu­tet sowohl Wet­ter als auch Sinn oder Ver­nunft. Es gibt eine Rede­wen­dung, die besagt „Sila ent­schei­det“ und damit alle Begrif­fe ver­eint. „Ano­rak“ ist ein grön­län­di­sches Wort (Kalaal­li­sut: Anno­ra­aq) und kommt von Anori. Anori bedeu­tet Wind. Anno­ra­aq bedeu­tet so viel wie „etwas gegen den Wind“. Wör­ter und unse­re Namen haben immer eine Bedeu­tung. Malik bedeu­tet auf Grön­län­disch „Wel­le“, und vie­le Män­ner und Jun­gen bei uns hei­ßen Malik. Ein typi­scher Frau­en­na­me ist Tupaar­n­aq, was Thy­mi­an heißt (Grön­land ist bekannt für sei­nen ark­ti­schen Thy­mi­an). Die­se Wör­ter bedeu­ten für mich Heimat

Was kann Grön­län­disch (Kalaal­li­sut), was Deutsch nicht kann?

Grön­län­disch ist eine poly­syn­the­ti­sche Spra­che, die die Bil­dung lan­ger Wör­ter durch Anein­an­der­rei­hen von Wort­stäm­men und Suf­fi­xen ermög­licht. Die mor­pho­syn­tak­ti­sche Aus­rich­tung der Spra­che ist erga­tiv, d. h. das Sub­jekt eines intran­si­ti­ven Verbs und das Objekt eines tran­si­ti­ven Verbs wer­den anders behan­delt als das Sub­jekt eines tran­si­ti­ven Verbs. Bei­spiels­wei­se stün­de „er spielt Gitar­re“ im Erga­tiv als tran­si­ti­ver Akteur, wäh­rend „ich habe eine Gitar­re gekauft“ und „wäh­rend die Gitar­re spielt“ (wobei letz­te­res die intran­si­ti­ve Bedeu­tung des­sel­ben Verbs „spie­len“ dar­stellt) bei­de im Abso­lu­tiv stünden. 

Bei der Über­nah­me neu­er Kon­zep­te oder Tech­no­lo­gien wer­den im Grön­län­di­schen in der Regel neue Wör­ter aus grön­län­di­schen Wort­stäm­men gebil­det, doch das moder­ne Grön­län­disch hat auch zahl­rei­che Lehn­wör­ter aus dem Däni­schen und Eng­li­schen. Seit Beginn der däni­schen Kolo­nia­li­sie­rung im 18. Jahr­hun­dert wird die Spra­che in latei­ni­scher Schrift geschrie­ben. Die ers­te grön­län­di­sche Recht­schrei­bung wur­de 1851 von Samu­el Klein­schmidt ent­wi­ckelt, doch bereits inner­halb von 100 Jah­ren wich sie auf­grund einer Rei­he von Laut­ver­schie­bun­gen erheb­lich von der gespro­che­nen Spra­che ab. Samu­el Petrus Klein­schmidt (1814–1886) war ein in Grön­land gebo­re­ner deutsch-däni­scher Mis­sio­nars­lin­gu­ist, dafür bekannt, dass er aus­führ­lich über die grön­län­di­sche Spra­che geschrie­ben und die Recht­schrei­bung ent­wi­ckelt hat­te, die von 1851 bis 1973 ver­wen­det wur­de. Außer­dem über­setz­te er Tei­le der Bibel ins Grön­län­di­sche. 1973 wur­de eine umfas­sen­de Recht­schreib­re­form durch­ge­führt, die das Schrift­sys­tem wesent­lich leich­ter lern­bar mach­te, was zu einem Anstieg der Alpha­be­ti­sie­rungs­ra­te in Grön­land führ­te, die heu­te zu den höchs­ten welt­weit zählt.

Im Kalaal­li­sut gibt es, ähn­lich wie im Deut­schen, vie­le Zun­gen­bre­cher. Ein belieb­ter Zun­gen­bre­cher geht so: 

tut­tut tutut­tut tut­tu­tut tutut­tu­tut tuttutuuttut 

Das bedeu­tet:

Ein schmut­zi­ges Ren­tier frisst ein schmut­zi­ges Ren­tier, das ein schmut­zi­ges Ren­tier ist.


Laa­li Lyberth

Der Inu­it Ver­lag wird von der Grön­län­de­rin Laa­li Lyberth gelei­tet, deren Stim­me eini­ge aus der »Sen­dung mit der Maus« ken­nen. Seit eini­gen Jah­ren spricht sie dort immer wie­der Kalaal­li­sut, die grön­län­di­sche Spra­che. Eine Lie­bes­er­klä­rung und gleich­zei­tig ein Fin­ger­zeig ihrer sich durch den Kli­ma­wan­del so rasant ver­än­dern­den Hei­mat, hat sie mit dem Foto­kunst­pro­jekt und dem Kino­film Stel­la Pola­ris* Ull­ori­ars­suaq hin­ter­las­sen (Gemein­schafts­pro­jekt mit Sven Nie­der, Nomi Baum­gartl und Yar­ti N. Nie­haus). Als Miss Grön­land 1992 konn­te sie schon früh Ihr Land in der Welt reprä­sen­tie­ren. 12 Jah­re hat sie in Kana­da gelebt und in einem Frau­en­haus First Nati­on und Inu­it Frau­en unter­stützt. Zurück in Grön­land lern­te sie ihren Part­ner Sven Nie­der wäh­rend der Arbeit an einem Buch über ein scha­ma­ni­sches Tref­fen, initi­iert von Anga­an­gaq Angak­kor­suaq, ken­nen, der ihr Onkel väter­li­cher­seits ist. Inzwi­schen lebt sie mit ihrer Fami­lie im Her­zen der Vul­kan­ei­fel, ver­liert aber nie den Kon­takt zu ihrer grön­län­di­schen Fami­lie. Der Inu­it Ver­lag erhält als Imprint der Kra­ter­leuch­ten GmbH den Deut­schen Ver­lags­preis 2026, der am 09. Okto­ber auf der Buch­mes­se über­reicht wird.


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