Fin­del­kin­der, eine Mons­ter­ma­schi­ne und Alex­an­dri­ner als Waf­fe

„Lesen Sie alles, was Sie in die Finger kriegen, vom Waschzettel bis zur Weltliteratur.“ Diese Empfehlung von Christian Hansen muss Jean-Paul Didierlaurent, der Autor des Romans Le liseur du 6h27, beherzigt haben. Das macht neugierig auf die Übersetzung. Von

Guylain lebt mit einem Goldfisch zusammen. Das Bild zeigt Rouget de Lisle II. Bild: Pixabay

Jeden Mor­gen zieht Guy­lain Vignol­les auf dem Weg zur Arbeit im Pari­ser Vor­ort­zug lose Blät­ter aus sei­ner Map­pe und liest den ande­ren Pend­lern vor: aus einem Roman, einem Kri­mi oder einem Koch­buch, ohne auf Inhalt oder Stil zu ach­ten, allein um des Lesens wil­len. Er arbei­tet näm­lich an einem gigan­ti­schen Reiß­wolf für unver­käuf­li­che Lite­ra­tur und fin­det abends beim Rei­ni­gen der Maschi­ne immer ein­zel­ne Sei­ten, die unge­schred­dert an der Innen­wand kle­ben geblie­ben sind. Vor­sich­tig abge­löst und getrock­net, sind sie sein Lese­stoff für den nächs­ten Mor­gen. Denn wäh­rend für sei­nen Chef nur der Pro­fit zählt und sein Kol­le­ge ein  sadis­ti­sches Ver­gnü­gen am Ein­stamp­fen gan­zer Wagen­la­dun­gen von Gedruck­tem emp­fin­det, hat Guy­lain Mit­leid mit all den Büchern, die ihren Lebens­abend nicht fried­lich bei einem Bou­qui­nis­ten am Sei­neufer ver­brin­gen dür­fen.

Allein die Viel­falt die­ser Tex­te – von einer Kriegs­er­zäh­lung oder einer Tat­ort­schil­de­rung bis hin zu einem Soft­por­no – bie­tet der Über­set­ze­rin schon Gele­gen­heit, ihr Kön­nen zu zei­gen. Doch es kommt noch bes­ser. Nicht nur, dass der Pfört­ner des Alt­pa­pier­re­cy­clings­be­triebs ein Fan des klas­si­schen Thea­ters ist und mit selbst­ge­drech­sel­ten Alex­an­dri­nern ahnungs­lo­sen LKW-Fah­rern die Ein­fahrt ver­wehrt, wenn sie aus­ge­rech­net in der Mit­tags­pau­se ankom­men. Die Palet­te der sprach­li­chen Aus­drucks­mit­tel wird noch erwei­tert, als die zwei­te Haupt­fi­gur ins Spiel kommt: Eines Tages fin­det Guy­lain – im Zug natür­lich – einen USB-Stick mit ihren Tage­buch­ein­trä­gen. Fas­zi­niert beginnt er die Frau zu suchen, die von ihrem Reich aus 14.717 wei­ßen Kacheln erzählt. Und den Fahr­gäs­ten im Vor­ort­zug liest er vor, was die Toi­let­ten­frau in einem Ein­kaufs­zen­trum den Tag über so denkt und erlebt.

Wie geht die Über­set­ze­rin Son­ja Finck an die­se Her­aus­for­de­run­gen her­an? Ein Bei­spiel: Die Beschrei­bung der Maschi­ne, an der Guy­lain arbei­tet, erfor­dert die Wie­der­ga­be tech­ni­scher Ter­mi­ni („Fixier­arm der Mes­ser­wel­le“), kom­bi­niert mit Per­so­ni­fi­zie­run­gen wie „sie stöhn­te, grunz­te und ächz­te“, die Guy­lains Ein­stel­lung ver­deut­li­chen. Er hasst die­ses Gerät, nicht nur, weil es Bücher zer­klei­nert, son­dern auch, weil es sich gele­gent­lich ohne mensch­li­ches Zutun in Gang setzt und dann gern vor­wit­zi­ge Rat­ten zer­malmt. Es kommt sogar zu einem schreck­li­chen Unfall, bei dem die Bei­ne eines Arbei­ters in das Häck­sel­werk hin­ein­ge­zo­gen wer­den. Obwohl als Ursa­che ein tech­ni­scher Defekt aus­ge­macht wird, ist die Maschi­ne für Guy­lain ein bös­ar­ti­ges, gefrä­ßi­ges Mons­ter: „Er war sich näm­lich sicher, dass sie auf die quie­ken­den, zap­peln­den Kör­per [der Rat­ten] ganz ver­ses­sen war“. Daher erscheint, auch wenn er selbst sie „la Cho­se“ (das Ding) nennt, der Aus­druck „die Bes­tie“ durch­aus nicht unpas­send.

Lebe­we­sen sind für Guy­lain auch die all­abend­lich geret­te­ten Buch­sei­ten, näm­lich „peaux vives“, eine Wort­schöp­fung des Autors, das Gegen­teil von „peaux mor­tes“ (abge­stor­be­ne Haut­par­ti­kel). Die Über­set­zung „Fin­del­kin­der“ ent­fernt sich vom Bild des Ori­gi­nals, ent­spricht aber der lie­be­vol­len Für­sorg­lich­keit, mit der Guy­lain sei­ne Fund­stü­cke behan­delt. Dass der Name des Betriebs eben­falls etwas Leben­di­ges bezeich­net, ist dage­gen rei­ner Euphe­mis­mus. Die fran­zö­si­sche Abkür­zung STERN evo­ziert eine See­schwal­be (ster­ne); die Über­set­zung erhält das Bild des Zug­vo­gels und kre­iert die Abkür­zung STAR („Ser­vice und Tech­nik beim Alt­pa­pier-Recy­cling“).

In den Tage­buch­ein­trä­gen der Toi­let­ten­da­me fin­den sich Meta­phern und Laut­ma­le­rei. Julie spricht zwar stolz von ihrem blitz­saube­ren geka­chel­ten Uni­ver­sum, aber fast zärt­lich von jenen beschä­dig­ten Kacheln, denen sie eine Geschich­te ansieht und die sie „geu­les cas­sées“ nennt. Mit die­sem Aus­druck (kaput­te Gesich­ter) wur­den im Ers­ten Welt­krieg die Ver­wun­de­ten bezeich­net, die vor allem durch Ver­let­zun­gen im Gesicht ent­stellt waren; im Deut­schen lässt er sich mit „Kriegs­ver­sehr­te“ nur annä­hernd wie­der­ge­ben. Zwei­mal jähr­lich zählt Julie sämt­li­che Kacheln, und immer kommt 14.717 her­aus, eine Zahl wie ein „Hun­ger­ha­ken“. Sie träumt von einer Zahl „mit dick­bäu­chi­gen Nul­len“ oder einer schö­nen Drei, „gewölbt wie die aus­la­den­de Brust einer Amme“. Dras­tisch wird Julie bei den Geräu­schen ihrer Kun­den, kate­go­ri­siert in „noble“ („das Rei­ben, Rascheln, Knis­tern oder lei­se Rau­schen von Sei­de, Satin, Nylon“), „ablen­ken­de“ („demons­tra­ti­ves Hüs­teln“), „Akti­vi­täts­ge­räu­sche“ („Fur­zen, Pup­sen, Plät­schern, Glu­ckern, Tröp­feln, Plat­schen“) und „Wohl­fühl­ge­räu­sche“ („befrie­dig­tes Stöh­nen“), um nur eini­ge Bei­spie­le anzu­füh­ren.

Grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten bei der Über­set­zung stel­len bekannt­lich Wort­spie­le und Gedich­te dar. In Le liseur du 6h27 betrifft ein Wort­spiel den Namen der Haupt­per­son; da die­ser für eine äqui­va­len­te Stil­fi­gur geän­dert wer­den müss­te, löst die Über­set­ze­rin das Pro­blem durch eine Erklä­rung für den Spitz­na­men, mit dem Guy­lain geschla­gen ist: Böse Zun­gen ver­dre­hen „Guy­lain Vignol­les“ zu „vilain gui­gnol“, „dum­mer Kas­per“. Rich­tig kniff­lig wird es bei den Alex­an­dri­nern des Pfört­ners, denn Rei­me fin­den sich im Fran­zö­si­schen leich­ter als im Deut­schen. Aber die Über­set­ze­rin hat am Dich­ten offen­bar eben­so viel Spaß wie der kau­zi­ge Lieb­ha­ber des Zwölf­sil­blers, und so geht auf den Last­wa­gen­fah­rer vor geschlos­se­ner Schran­ke eine lan­ge Tira­de her­nie­der:

Il est pas­sé midi, voy­ez la gran­de horloge./
Déjà sur la demie, la gran­de aiguil­le se loge!/
Quit­tez cet­te arro­gan­ce, ren­gai­nez ce dédain,/
Il res­te un peu de chan­ce que je vous ouvre enfin.
„Die Uhr an der Wand hat längst Mit­tag geschlagen/
Der emsi­ge Zei­ger tickt ohne Verzagen!/
Legt ab euren Hoch­mut und hört auf zu brüllen/
Dann werd ich den Wunsch Euch viel­leicht noch erfül­len!“
(Und so wei­ter über sechs Stro­phen).

Didier­laurents Roman war in Frank­reich ein sol­cher Erfolg, dass die Auf­la­ge schon vor sei­nem Erschei­nen von 8.000 um wei­te­re 5.000 Stück erhöht wur­de; meh­re­re Taschen­buch­ver­la­ge ris­sen sich um die Rech­te, und 25 Über­set­zun­gen waren in Auf­trag, wie Le Figa­ro in einer Rezen­si­on die­ses „moder­nen Mär­chens“ schrieb. Die deut­sche Aus­ga­be ist lie­be­voll gestal­tet: Guy­lains lose Blät­ter sind gra­fisch vom Rest des Tex­tes abge­ho­ben, ein biss­chen grau und mit Was­ser­rän­dern – eine hüb­sche Idee. Lei­der lässt sich jedoch schon am Titel und an der Umschlag­ge­stal­tung mit dem Ver­spre­chen „die hin­rei­ßen­de Geschich­te von zwei lie­bens­wer­ten Außen­sei­tern“ eine Ten­denz zur Sen­ti­men­ta­li­sie­rung, wenn nicht gar zur Tri­via­li­sie­rung, erken­nen.

In die­se Rich­tung geht ver­mut­lich auch ein Detail, das mich nach­denk­lich gemacht hat: Didier­lau­rent hat die Bücher­ver­nich­tungs­ma­schi­ne als deut­sches Pro­dukt mit der Typ­be­zeich­nung Zers­tor 500 erfun­den und erläu­tert sei­nen Lesern die Bedeu­tung die­ses Wor­tes „dans la lan­gue de Goe­the“ – sicher nicht zufäl­lig eine Anspie­lung des im Elsass gebo­re­nen Autors auf ein Deut­schen­bild, das von den Extre­men Kul­tur und Bar­ba­rei gekenn­zeich­net ist. Dass die­se Wort­er­klä­rung in der Über­set­zung ent­fällt und das Ding schlicht Zer­stör 500 heißt, genügt zur rei­nem Infor­ma­ti­on – aber wird dem deutsch­spra­chi­gen Leser damit nicht auch eine Nuan­ce der Kom­mu­ni­ka­ti­on des Autors mit sei­nen fran­zö­si­schen Lesern vor­ent­hal­ten?

Trotz­dem: Wer sich von dem Cover nicht beir­ren lässt, ent­deckt eine Geschich­te mit Witz und Humor, einen Roman über die Lie­be zu Büchern, zum Fabu­lie­ren, zur Spra­che – lesens­wert auch ohne Lie­bes­ge­schich­te, und auf jeden Fall gekonnt, ja: lie­be­voll über­setzt.

Jean-Paul Didierlaurent/Sonja Finck: Die Sehn­sucht des Vor­le­sers. (Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Le liseur du 6h27.)

dtv 2015 ⋅ 224 Sei­ten ⋅ 15 Euro

www.dtv.de/buch/jean-paul-didierlaurent-die-sehnsucht-des-vorlesers-26078/

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