Über­set­zen in Zei­ten der Pan­de­mie

Die Corona-Pandemie ist das einschneidende Ereignis des Jahres 2020. Wie trifft sie Literaturübersetzer und -übersetzerinnen? Von

Auf Instagram rief das Münchner Übersetzer-Forum zur Aktion #behindeverybook auf. Übersetzerinnen und Übersetzer posierten dort mit den von ihnen übersetzten Büchern. © MÜF

Plötz­lich Lock­down

Es ist ein paar Minu­ten nach 7 Uhr mor­gens. Mein Mann und ich ste­hen an einer men­schen­lee­ren Stra­ße in Ber­lin. Auf der ande­ren Sei­te beginnt der Park, eini­ge jog­gen, sonst ist nie­mand zu sehen. Noch nie war die Stadt so lan­ge so leer. Es ist März, seit Kur­zem erst ist klar gewor­den, dass das neu­ar­ti­ge Coro­na-Virus sich zur glo­ba­len Pan­de­mie ent­wi­ckelt. Noch wis­sen wir wenig über die Krank­heit und den Erre­ger, aber so wie ich ver­fol­gen Tau­sen­de Tag für Tag Chris­ti­an Dros­ten, den Chef­vi­ro­lo­gen und Exper­ten für Coro­na-Viren an der Cha­ri­té, der in sei­nem NDR-Pod­cast täg­lich den aktu­el­len Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se zum Virus, des­sen Über­tra­gung und den zu ergrei­fen­den Maß­nah­men ver­ständ­lich zusam­men­fasst.

Wie die meis­ten Über­set­ze­rin­nen arbei­te ich – wenn ich über­set­ze – selbst­stän­dig und zu Hau­se. Die all­ge­mei­ne Ver­schie­bung der Arbeits­welt in die eige­nen vier Wän­de mer­ke ich also nur dar­an, dass sich auch mein ande­rer Job in die Heim­ar­beit ver­la­gert. Beim Spa­zier­gang in der lee­ren Stadt schlei­chen sich Frag­men­te von Ril­kes Herbst­tag in mein Bewusst­sein: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich kei­nes mehr / Wer jetzt allein ist, wird es lan­ge blei­ben“, und ich bin dank­bar. Dank­bar dafür, ein Dach über dem Kopf zu haben, und dank­bar für den Men­schen, mit dem ich die­ses Dach tei­le; dank­bar, dass wir nicht Hals über Kopf die Stadt ver­las­sen oder wie vie­le ande­re aus dem Aus­land rück­ge­führt wer­den müs­sen; dank­bar, dass die Super­markt­re­ga­le immer wie­der auf­ge­füllt wer­den, und dank­bar für ein gere­gel­tes Ein­kom­men, für Sta­bi­li­tät, für Gesund­heit.

Noch sind die Ängs­te dif­fus, die Risi­ken der Infek­ti­on kaum bekannt. Nie­mand weiß, wie lan­ge die Situa­ti­on anhal­ten wird. Wie in der Schu­le ler­nen wir täg­lich neue Voka­beln: „Infek­ti­ons­ge­sche­hen“, „Über­tra­gungs­ket­ten“, „Virus­last“, „sys­tem­re­le­vant“, „kri­ti­sche Infra­struk­tur“, „Super­sprea­ding-Events“ … Ver­mut­lich fällt das uns Sprach­ar­bei­tern beson­ders auf, da wir jeden Tag mit Tex­ten in ver­schie­de­nen Spra­chen auf Tuch­füh­lung gehen.

Wir wis­sen noch nicht, wie lan­ge wel­che Ein­schrän­kun­gen in Kraft blei­ben, ob man nun Mas­ken tra­gen soll oder nicht (man soll!), und wel­che Bran­chen in wel­cher Form und wel­chem Aus­maß durch die Situa­ti­on beein­träch­tigt wer­den.

Die eige­nen Pri­vi­le­gi­en

Eini­ge Beson­der­hei­ten unse­res Jobs kom­men Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zern in der Kri­se zugu­te: Wir arbei­ten zu Hau­se an meist umfang­rei­chen Pro­jek­ten, häu­fig über meh­re­re Mona­te. Wer also gera­de ein oder meh­re­re Über­set­zun­gen begon­nen hat, wird erst ein­mal kaum Ver­än­de­run­gen spü­ren. Im Unter­schied zu den eben­falls hart betrof­fe­nen Autorin­nen und Autoren machen Lesungs­ho­no­ra­re bei den wenigs­ten von uns den Groß­teil der Ein­künf­te aus. Grund­sätz­lich sind die Arbeits­be­din­gun­gen aber pre­kär. Als Selbst­stän­di­ge mit nied­ri­gen Sei­ten­ho­no­ra­ren sind wir abhän­gig von regel­mä­ßi­gen Auf­trä­gen durch Ver­la­ge und auch vom Buch­markt – mit etwas ver­zö­ger­ter Wir­kung. Denn wenn Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen am Gewinn aus Buch­ver­käu­fen betei­ligt wer­den, dann meis­tens erst ab dem tau­sends­ten oder fünf­tau­sends­ten ver­kauf­ten Exem­plar – und sol­che Zah­len erreicht kaum eine Publi­ka­ti­on. Häu­fi­ger kommt es vor, dass das nächs­te Buch eines Autors, des­sen ers­te Über­set­zung sich gut ver­kauft hat, dann als Fol­ge­auf­trag auch über­setzt wird.

In den ers­ten Tagen und Wochen wird also mei­ne Halb­tags­stel­le auf Heim­ar­beit umge­stellt. Es fällt mir zu Hau­se noch schwer, mich zu kon­zen­trie­ren – zum Glück ist das Lite­ra­tur­haus, wo ich arbei­te, geschlos­sen, es ste­hen unkom­pli­zier­te Auf­ga­ben an, und auf dem Über­set­ze­rin­nen­schreib­tisch im Arbeits­zim­mer lie­gen kei­ne drin­gen­den Auf­trä­ge. Irgend­wie habe ich Zeit, aber so recht will sich kei­ne Muße ein­stel­len.

Das Über­set­zungs­pro­jekt „Fran­cis­co de Goya – Träu­me und Alb­träu­me – Brie­fe“, an dem ich bis vor Kur­zem gear­bei­tet habe, ist prak­tisch abge­schlos­sen. Es wur­de von ver­schie­de­nen Stif­tun­gen finan­ziert und die Hono­ra­re sind bereits aus­be­zahlt. Die Über­set­zun­gen sind fer­tig, die meis­ten Lek­to­ra­te mit Ver­le­ger und Her­aus­ge­bern erle­digt, das Buch ist gesetzt und jetzt geht es nur noch um den letz­ten Fein­schliff.

Ande­re Pro­jek­te wer­den gestri­chen oder in eine unbe­kann­te Zukunft ver­scho­ben. Selbst­ver­ständ­lich ohne Vor­schuss. Im März glau­ben wir noch, die Leip­zi­ger Buch­mes­se, eines der bei­den wich­tigs­ten Ereig­nis­se der Lite­ra­tur­bran­che, wer­de statt­fin­den. Erst nach und nach däm­mert es, dass sich auch für uns vie­les radi­kal ver­än­dern wird. Aber nicht nur die Mes­se fällt aus, auch außer­halb davon geplan­te Lesun­gen und Buch­vor­stel­lun­gen wer­den abge­sagt. Gewis­ser­ma­ßen leben wir eine Wei­le im Irrea­lis – Ver­an­stal­tun­gen hät­ten statt­fin­den sol­len, tun es aber nicht. Vor allem die­je­ni­gen Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die zusätz­lich ande­ren Nicht-Über­set­zungs­tä­tig­kei­ten wie Sprach­un­ter­richt, Dol­met­sche­r­ei, Work­shop­lei­tung etc. nach­ge­hen, um die Über­set­zungs­ho­no­ra­re auf­zu­sto­cken, trifft die Absa­ge­wel­le hart.

Mich inter­es­siert, wie es ande­ren ergeht. Mit­tels eines Fra­ge­bo­gens höre ich mich ein biss­chen im Kreis befreun­de­ter Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen um. Her­aus kommt ein hete­ro­ge­nes Bild, bei dem sich ein paar Ten­den­zen abzeich­nen. Auf euro­päi­scher Ebe­ne bemüht sich die Inter­es­sen­ver­tre­tung der Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zer CEATL um einen mög­lichst reprä­sen­ta­ti­ven Über­blick. Bei Redak­ti­ons­schluss lagen lei­der noch kei­ne Ergeb­nis­se vor.

Ret­tungs­pa­ke­te und Coro­na-Hil­fen

Die Hilfs­pa­ke­te, die ab März deutsch­land­weit geschnürt wer­den, ver­nach­läs­si­gen Ein­zel­selbst­stän­di­ge und Kul­tur­schaf­fen­de zunächst kom­plett, erst mit eini­ger Ver­spä­tung kom­men eini­ge Bun­des­län­der doch noch dar­auf, Sofort­hil­fe­fonds ein­zu­rich­ten. Fast täg­lich wer­den neue, aller­dings unüber­sicht­li­che Hilfs­an­ge­bo­te gemel­det, die Fris­ten und Ein­satz­be­schrän­kun­gen für die ver­schie­de­nen Töp­fe sind sehr unter­schied­lich. Wo kei­ne Sofort­hil­fe­fonds auf­ge­legt wer­den oder die­se erschöpft sind, bleibt Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern auf­grund der frei­be­ruf­li­chen Arbeit aller­dings nur Hartz IV, wenn sie durch Coro­na in Not gera­ten. Hier und da wird der Zugang zur Grund­si­che­rung ver­ein­facht, es müs­sen nicht die gesam­ten Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se offen­ge­legt wer­den, aber auch das ist nicht flä­chen­de­ckend gege­ben. Eini­ge konn­ten Gel­der bean­tra­gen, wer­den die Unter­stüt­zung aber antei­lig oder voll­stän­dig zurück­zah­len, wie es das pünkt­lich nach Über­wei­sung der Hil­fe nach­ge­sen­de­te Schrei­ben des Ber­li­ner Senats ver­langt, da sie doch nicht gebraucht wur­de. In ande­ren Län­dern sieht es mit För­de­rung und Auf­fang­pa­ke­ten anders aus. Also schlech­ter. Dass Selbst­stän­di­ge in Deutsch­land die erhal­te­nen Hil­fen meis­tens nicht zurück­zah­len müs­sen, ist eher die Aus­nah­me. In Spa­ni­en bei­spiels­wei­se, wo auch das Virus ziem­lich übel gewü­tet hat, ist prak­tisch jede und jeder auf sich gestellt. In Mexi­ko gab es für Selbst­stän­di­ge die Mög­lich­keit, ihre eige­nen staat­li­chen Ren­ten­kon­ten anzu­zap­fen oder geför­der­te Kre­di­te zu guten Kon­di­tio­nen auf­zu­neh­men.

Ab ins Neu­land: Zoom-Boom der Online-For­ma­te

Eben­so wie der poli­ti­sche Kampf in Bra­si­li­en ver­la­gern sich zahl­rei­che Lesun­gen und Fes­ti­vals ins Netz. Auch kom­plett neue For­ma­te ent­ste­hen. Lite­ra­tur­prei­se wer­den online und in ande­ren Medi­en ver­ge­ben, dar­un­ter eini­ge der wich­tigs­ten Prei­se für Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zer: der Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se, der Inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur­preis Ber­lin, der Helmut‑M.-Braem-Preis, der dies­mal in „kleins­tem Kreis“ ver­lie­hen wur­de.

Zahl­rei­che Ver­an­stal­tun­gen zum Welt­tag des Buches am 23. April, der eigent­lich mit Lesun­gen, Fes­ti­vals und Live-Aktio­nen began­gen wer­den soll­te, wer­den eben­falls ins Netz ver­scho­ben, auch unter Betei­li­gung von Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern. So greift das Münch­ner Über­set­zer-Forum auf sei­nem neu­en Insta­gram-Kanal das Mot­to #behin­de­ver­y­book auf und zeigt Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer mit den von ihnen über­setz­ten Büchern.

Die NZZ gibt einen sicher nicht voll­stän­di­gen, aber doch ganz guten Über­blick über die größ­ten digi­ta­len Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen, die wäh­rend der Pan­de­mie ent­stan­den. Ich per­sön­lich habe das von Donat Blum, Kath­rin Bach und Mela­nie Katz kura­tier­te und orga­ni­sier­te Online-Lite­ra­tur­fes­ti­val „Viral“ sehr genos­sen. Schön zu beob­ach­ten war, wie sich alle Betei­lig­ten mit der Zeit immer mehr mit dem ande­ren Medi­um anfreun­de­ten und immer bes­se­re Modi des Inter­agie­rens fan­den.

Noch immer ist die Lite­ra­tur-Wahr­sa­ge-Show der Drag-Queen Audrey Nali­ne (ali­as Alex­an­der Leh­nert) meist sonn­tags auf Insta­gram ein Wochen­high­light, wenn sie denn statt­fin­det. Auch wenn es nicht expli­zit ums Über­set­zen geht, zeigt das For­mat, wie der Über­gang ins Digi­ta­le auch aus­se­hen kann.

So schal­ten wir uns regel­mä­ßig in die Wohn- oder Arbeits­zim­mer ver­schie­dens­ter Lite­ra­tur­men­schen und mer­ken viel­leicht, dass die Heim­ar­beit gar kei­ne so schlech­te Alter­na­ti­ve sein muss. Ver­mut­lich wird es in Zukunft ins­ge­samt mehr digi­ta­le oder Misch­for­ma­te geben – auch um der CO2-Bilanz wil­len eine gute Stra­te­gie.

„A room of one’s own“ – War­um muss das Pri­va­te immer so poli­tisch sein?!

Für die­je­ni­gen, die den Haus­halt mit Kin­dern tei­len, kommt eines der dicken Enden im Zeit­raum zwi­schen dem 13. und dem 17. März: mit Schlie­ßung der Schu­len und Umstel­lung auf Heim­un­ter­richt. Um die expo­nen­ti­el­le Ver­brei­tung des Virus zu ver­hin­dern und Über­tra­gungs­ket­ten zu durch­bre­chen, wer­den Schu­len und Kin­der­gär­ten geschlos­sen bzw. auf Heim­un­ter­richt umge­stellt. Für „sys­tem­re­le­van­te Beru­fe“ wird Not­be­treu­ung ein­ge­rich­tet. Die Heim­be­schu­lung ist je nach Lehr­kraft unter­schied­lich gestal­tet – beim einen gibt es regen Aus­tausch per E‑Mail oder sogar Video­kon­fe­ren­zen unter Kin­dern und Lehr­kräf­ten, bei den ande­ren beschränkt sich das schu­li­sche Ange­bot auf einen Sta­pel Arbeits­blät­ter, die abzu­ar­bei­ten sind.

Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen bestä­ti­gen, dass die Situa­ti­on mit Kin­dern im Haus­halt eine ganz ande­re ist als mei­ne, dass pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se noch viel pre­kä­rer wer­den. Hat­ten Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zer mit Kin­dern es vor­her schon schwer, den hei­mi­schen Schreib­tisch gegen Stö­run­gen zu ver­tei­di­gen und die Arbeit in die Zeit­räu­men zu ver­le­gen, wenn die Kin­der in Schu­le oder Kita sind, wird es jetzt für man­che rich­tig eng. Wer schon vor­her mit den Norm­sei­ten­ho­no­ra­ren, die 2017/18 im Durch­schnitt bei 18,72 € lagen (die Emp­feh­lung der Bran­chen­ver­bän­de fängt bei 20€ an), nur sehr knapp die Mie­te bezahl­ten konn­te, kommt jetzt in ech­te Nöte. Kurz, alles, was vor­her schon krass war, wird jetzt rich­tig krass.

Wo soll das alles enden?

Für mich wer­den erst jetzt die Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie auf mei­ne Über­set­zungs­tä­tig­keit deut­lich. Denn die Goya-Brie­fe, die ich über­setzt habe, soll­te eigent­lich im Rah­men der gro­ßen Goya-Schau in Basel, die im Mai 2020 eröff­nen soll­te, ergän­zend zum Aus­stel­lungs­ka­ta­log erschei­nen. Nach jet­zi­gem Stand wird die Aus­stel­lung auf Okto­ber 2021 bis Janu­ar 2022 ver­scho­ben. Und so geht es vie­len mit ihren Pro­jek­ten. Die Ver­an­stal­tun­gen, in deren Rah­men sie lan­ciert wer­den sol­len, fal­len weg oder wer­den ver­scho­ben. Auf­la­gen wer­den klei­ner und dadurch fal­len Tan­tie­men weg. Buch­ver­käu­fe sin­ken wie­der­um durch aus­ge­fal­le­ne Ver­an­stal­tun­gen. Die Ein­nah­men für Her­aus­ge­ber und Über­set­ze­rin­nen durch die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Wort, die ana­log zur GEMA jähr­lich Tan­tie­men für Tex­te aus­schüt­tet, wer­den weni­ger. Und unab­hän­gi­ge Ver­la­ge kämp­fen wei­ter ums Über­le­ben, da Misch­kal­ku­la­tio­nen nicht mehr auf­ge­hen. Noch lan­ge wer­den wir – mit der gesam­ten Lite­ra­tur­bran­che – die Fol­gen der Pan­de­mie spü­ren. Eini­ge unab­hän­gi­ge Ver­la­ge wer­den das Gan­ze sicher nicht über­le­ben und vie­le grö­ße­re Häu­ser redu­zie­ren ihre Pro­gram­me radi­kal. Die Frank­fur­ter Buch­mes­se im Okto­ber soll zwar statt­fin­den, aber in völ­lig neu­er, ver­klei­ner­ter Form. Die für Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zer wich­ti­gen Gast­land­auf­trit­te wur­den alle­samt um ein Jahr ver­scho­ben.

Wie vie­le ande­re Bran­chen, wer­den auch Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer im Lite­ra­tur­be­trieb beson­ders hart getrof­fen, deren Exis­tenz schon vor­her pre­kär war. Selbst­stän­dig­keit mit nied­ri­gen Sei­ten­ho­no­ra­ren, Kin­der im Haus­halt, Weg­fall von Lesun­gen und ande­ren Ver­an­stal­tun­gen, ver­scho­be­ne und gestri­che­ne Bücher und in der Fol­ge der Aus­fall von Tan­tie­men sind die Fak­to­ren, die uns beson­ders zu schaf­fen machen. Der Fli­cken­tep­pich an För­de­run­gen bot zwar eini­gen ein vor­über­ge­hen­des Sicher­heits­netz, doch grif­fen sie Maß­nah­men nicht über­all.

Eini­ge Hil­fen konn­ten nur für Betriebs­kos­ten auf­ge­wen­det wer­den, in Bun­des­län­dern wie Nie­der­sach­sen waren dies die ein­zi­gen. Dort, wo es Unter­stüt­zung gab, die auch für den Lebens­un­ter­halt ver­wen­det wer­den durf­te, wur­den die­je­ni­gen, die sie bean­tragt hat­ten, post­wen­dend und unter Andro­hung von Stra­fen auf­ge­for­dert, die Hil­fen bei Nicht­be­darf umge­hend zurück­zu­zah­len. Aber immer­hin: Es gab und gibt Unter­stüt­zung. Ganz im Gegen­satz zu ande­ren Län­dern.

Tat­säch­lich hat sich bei mir seit unge­fähr Mit­te Juni die Auf­trags­la­ge wie­der auf ein Niveau zurecht­ge­ru­ckelt, das mit dem vor Coro­na ver­gleich­bar ist. Was wir gelernt haben: Lite­ra­tur fin­det auch in einer Pan­de­mie ihren Weg zu den Men­schen – und sei es auf dem Las­ten­rad des Buch­händ­lers, über den Gar­ten­zaun der Ver­le­ge­rin oder als Online-Lesung. Doch sicher­lich wird die Kri­se auch für uns nicht ohne lang­fris­ti­ge Fol­gen blie­ben.

Seit dem 23. Juli gibt es ein umfas­sen­des, „Neu­start Kul­tur“ beti­tel­tes Ret­tungs­pa­ket des Bun­des für den gesam­ten Kul­tur­be­reich von Kinos über Muse­en bis hin zu Thea­tern und Lite­ra­tur­häu­sern, die nicht über­wie­gend öffent­lich finan­ziert sind. Die Hil­fen von ins­ge­samt 250 Mil­lio­nen Euro kön­nen von Insti­tu­tio­nen bean­tragt wer­den, um die all­mäh­li­che Wie­der­auf­nah­me des Kul­tur­be­triebs unter den neu­en Bedin­gun­gen zu unter­stüt­zen und die Mehr­kos­ten bzw. Ein­nah­me­aus­fäl­le abzu­fe­dern.

Zusätz­lich gibt es 50 Mil­lio­nen Euro für die Bun­des­kul­tur­fonds, dar­un­ter auch der Deut­sche Über­set­zer­fonds, der die Hil­fe direkt an Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen , indem das bestehen­de Sti­pen­di­en­pro­gramm umfäng­lich erwei­tert wird. Für Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zer ein Segen, der die Kri­se hof­fent­lich nach­hal­tig abfe­dert. Und ein Zei­chen der Wert­schät­zung von Kul­tur und Lite­ra­tur. Denn Lite­ra­tur und Kunst all­ge­mein – das soll­te spä­tes­tens im Lock­down klar gewor­den sein – ist ein grund­le­gen­des Bedürf­nis von uns Men­schen.

Auch wenn die Pan­de­mie für vie­le üble Kon­se­quen­zen mit sich gebracht hat und dies noch lan­ge tun wird, zei­gen sich doch eini­ge Ansät­ze, die auch zukünf­tig wei­ter­ver­folgt wer­den soll­ten: Online-For­ma­te, klei­ne­re Ver­lags­pro­gram­me, flä­chen­de­cken­de und nach­hal­ti­ge För­de­rung. Durch die plötz­lich not­wen­di­ge digi­ta­le Ver­net­zung wur­den neue Alli­an­zen, neue For­men der Soli­da­ri­tät und der Zusam­men­ar­beit mög­lich. Miss­stän­de wie die pre­kä­re Arbeits­wei­se von Auf­trag zu Auf­trag mit zu nied­ri­gen Hono­ra­ren oder die Pro­ble­ma­tik der Kin­der­be­treu­ung wur­den offen­bar und öffent­lich, die zuvor nur denen bekannt waren, die dar­un­ter zu lei­den hat­ten. Bleibt zu hof­fen, dass die­se Stim­men auch künf­tig gehört wer­den.

Auch wenn die Pan­de­mie längst nicht vor­bei ist und die Infek­ti­ons­zah­len in man­chen Län­dern erschre­cken­de Dimen­sio­nen anneh­men, dür­fen wir nicht ver­ges­sen, dass wir Men­schen anpas­sungs­fä­hi­ge Wesen und in der Lage sind, Kri­sen zu über­ste­hen – manch­mal gehen wir sogar gestärkt dar­aus her­vor. Initia­ti­ven wie Neu­start Kul­tur und die neu­en För­de­run­gen des Über­set­zer­fonds machen Hoff­nung. Ob das aller­dings für die Ein­zel­nen oder gar für unse­ren Berufs­stand als Gan­zen über die­se Kri­se hin­aus das Über­le­ben sichern kann, muss sich – wie so vie­les – noch zei­gen.

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