Nord­ame­ri­ka neu erzählt

Das Gastland der diesjährigen Buchmesse ist Kanada. Ein guter Anlass, um die üblichen englisch-französischen Trampelpfade zu verlassen und sich auf die Suche nach Kinderbüchern der First Nations zu machen. Von

Herbstzeit, Buchmessezeit - und Zeit für spannende Neuentdeckungen wie „Als wir allein waren“ von David A. Robertson (Little Tiger Verlag).

Kana­da ist Ehren­gast der vir­tu­el­len Frank­fur­ter Buch­mes­se 2020 (und kommt phy­sisch viel­leicht 2021 wie­der). Eine gute Gele­gen­heit, um den Blick weg von den zahl­rei­chen eng­li­schen und fran­zö­sisch­spra­chi­gen Über­set­zun­gen, auf Bücher, die (zumin­dest teil­wei­se) in Spra­chen von First Nati­ons erschie­nen sind, zu len­ken. Was zunächst etwas nach lite­ra­ri­scher Nische klingt, ist nicht nur für Freund_innen des #diver­sen­kin­der­bu­ches ein span­nen­des und zen­tra­les The­ma.

Seit 2012 bin ich Mit­be­trei­be­rin des Kin­der­buch­blogs buuu.ch, der sich voll und ganz pro­gres­si­ver Kin­der­li­te­ra­tur wid­met. Dort bespre­che ich nicht nur Novi­tä­ten, Geheim­tipps und Klas­si­ker, die Auf­merk­sam­keit ver­die­nen, son­dern beschäf­ti­ge mich dar­über hin­aus auch mit den dazu­ge­hö­ri­gen Dis­kur­sen. Der meist­ge­le­se­ne Arti­kel auf unse­rem Blog trägt den Titel „Bei den India­nern“, „Flie­gen­der Stern“, „Yaka­ri“ und Co.: War­um wir kei­ne „Indianer“bücher lesen. Er besagt: Der Begriff „India­ner“ ist in ers­ter Linie ein euro­päi­sches Fan­ta­sie­kon­strukt und im deutsch­spra­chi­gen Raum vor allem durch Roma­ne, Bücher und Comics, die von wei­ßen Europäer_innen ver­fasst wur­den, geprägt. Er ist his­to­risch inkor­rekt und knüpft an bio­lo­gis­ti­sche Ras­se­vor­stel­lun­gen an. Dar­über hin­aus blen­det der Begriff aus, dass es sich bei den Ersteinwohner_innen Ame­ri­kas um vie­le, sehr hete­ro­ge­ne Bevöl­ke­rungs­grup­pen handelt(e). Die damals wie heu­te exis­tie­ren­de kul­tu­rel­le, geschicht­li­che und sprach­li­che Viel­falt wird durch die­sen Begriff unsicht­bar gemacht – mit allen damit ver­bun­de­nen gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen.

Das­sel­be pas­siert bei einer bild­li­chen Zusam­men­fas­sung, also einer ste­reo­ty­pen Abbil­dung eines „India­ners“, wie sie in Kin­der­bü­chern übli­cher­wei­se zu fin­den ist. Die­se wäre nur pas­send, wenn man eine west­li­che Pro­jek­ti­ons­flä­che dar­stel­len woll­te, die es in die­ser Form nie gege­ben hat, die aber mit ras­sis­ti­schen und exo­ti­sie­ren­den Ele­men­ten durch­setzt ist (und im schlimms­ten Fall auch noch Völ­ker­mor­de ver­harm­lost). Die­se Abbil­dun­gen haben somit in (pro­gres­si­ven) Kin­der­bü­chern schlicht kei­nen Platz. Oder, wie es Twit­ter-User xnx­nx­mA kurz und bün­dig zusam­men­fasst:

Immer wie­der fra­gen buuu.ch-Leser_innen nach Alter­na­ti­ven, wie sie sich gemein­sam mit ihren Kin­dern mit der Geschich­te Nord­ame­ri­kas und sei­nen Ersteinwohner_innen aus­ein­an­der­set­zen kön­nen. Dafür kom­men mei­ner Mei­nung nach nur Bücher aus der Per­spek­ti­ve von Ange­hö­ri­gen einer der zahl­rei­chen First Nati­ons in Fra­ge. Im Ide­al­fall soll­ten sie auch von die­sen geschrie­ben, also #own­voices, sein. Auf Eng­lisch kur­sie­ren eini­ge Lis­ten mit emp­feh­lens­wer­ten Büchern (u. a. #Indi­ge­nous­Reads by Indi­ge­nous Wri­ters: A Children’s Rea­ding List). Auf Deutsch gibt es erst seit kur­zer Zeit eine Hand­voll Bücher, die die­se Kri­te­ri­en erfül­len. Auch wenn die Ori­gi­nal­aus­ga­ben alle­samt zumin­dest teil­wei­se in einer Kolo­ni­al­spra­che (also auf Eng­lisch oder Fran­zö­sisch) erschie­nen sind und somit auch inter­es­sier­te Außen­ste­hen­de anspre­chen, ist die Reprä­sen­ta­ti­on der indi­ge­nen Spra­chen eine wich­ti­ge Moti­va­ti­on für die Autor_innen. Die­ser Aspekt ist nicht nur aus trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve höchst span­nend, son­dern auch im Kon­text einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Kin­der­li­te­ra­tur und der immer noch weit ver­brei­te­ten Dar­stel­lung von „India­nern“.

Hel­fen (Illus­tra­ti­on: Cait­lin Dale Nichol­son)

Zwei Bücher, auf die ich vor eini­ger Zeit auf­merk­sam gewor­den bin, sind niwîci­hâw / ᓂᐄᐧᒋᐦᐋᐤ / Hel­fen und nipêhon / ᓂᐯᐦᐅᐣ / War­ten. Bei­de Wer­ke wur­den von der kana­di­schen Künst­le­rin Cait­lin Dale Nichol­son illus­triert und sind im Susan­na Rie­der Ver­lag erschie­nen. Der Text, zwei­mal in Cree-Spra­che – sowohl in fas­zi­nie­ren­den Cree-Sil­ben als auch in latei­ni­scher Schrift – und ein­mal in der deut­schen Über­set­zung (von Susan­na und Johan­nes Rie­der), stammt von Leo­na Morin-Neil­son, einer Pflan­zen­heil­kund­le­rin und Cree-Leh­re­rin, die die Male­rin auch zu die­sem Buch inspi­rier­te. Die Bücher fan­gen durch die gelun­ge­ne Kom­po­si­ti­on aus weni­gen Wor­ten und aus­drucks­star­ken Bil­dern wun­der­bar und unauf­ge­regt beson­de­re All­tags­sze­nen ein. Sie schaf­fen es, trotz aller Sim­pli­zi­tät, einen Ein­blick in das heu­ti­ge Leben einer First Nati­ons-Fami­lie, fern­ab von Kli­schees und Ste­reo­ty­pen, zu geben.

Dass mit Als wir allein waren von David A. Robert­son (über­setzt von  Chris­tia­ne Kay­ser) ein wei­te­res bemer­kens­wer­tes Buch auf Deutsch erschie­nen ist, hängt mit dem dies­jäh­ri­gen Buch­mes­se-Gast­land Kana­da zusam­men. Hier ist das Cana­da Coun­cil for the Arts gezielt an den Ver­lag her­an­ge­tre­ten. Der Litt­le Tiger Ver­lag ver­treibt vor allem Janosch-Mer­chan­di­se-Arti­kel, hat aber in den letz­ten Jah­ren auch immer wie­der Kin­der­bü­cher mit First Nati­ons-Bezug ver­öf­fent­licht. Die­ses hier ist ein wah­rer Schatz. Die Geschich­te, ver­fasst von Robert­son und illus­triert von Julie Flett, bei­de mit Cree-Back­ground, zeigt auf, dass auch heik­le The­men (im kon­kre­ten Fall die Trau­ma­ti­sie­rung einer Resi­den­ti­al School-Über­le­ben­den) kind­ge­recht dar­ge­stellt wer­den kön­nen. So schreibt Robert­son im Nach­wort:

Es scheint schwie­rig zu sein, mit Kin­dern über so etwas Schreck­li­ches zu spre­chen, über ein Sys­tem, das „den India­ner im Kind“ töten soll­te. Aber es gibt behut­sa­me Wege, um auch über die här­tes­ten The­men zu spre­chen.

Spra­che spielt, eben­so wie die Fami­lie, eine gro­ße Rol­le für die Iden­ti­tät der por­trä­tier­ten Groß­mutter. Bei­des woll­te das Sys­tem der Resi­den­tal School besei­ti­gen. So nann­te man die über­wie­gend kirch­li­chen Inter­na­te in Kana­da, in denen Kin­der von Ersteinwohner_innen noch bis in die spä­ten 90er-Jah­re unter­ge­bracht wur­den. Das Ziel war, sie struk­tu­rell unter dem Deck­man­tel eines „Zivi­li­sie­rungs­auf­trags“ von ihren Eltern fern­zu­hal­ten, sie dar­an zu hin­dern, ihre Erst­spra­che zu spre­chen und als wei­te­re Fol­ge ihre gesam­te Kul­tur zu eli­mi­nie­ren.

Als wir allein waren (Illus­tra­ti­on: Julie Flett)

Robert­son hat gewis­ser­ma­ßen sei­ne eige­ne Geschich­te auf­ge­schrie­ben. Er ist Enkel­kind einer Über­le­ben­den, die als Kind ihre eige­ne Spra­che nicht spre­chen durf­te. Auch sein Vater wur­de in der Schu­le davon abge­hal­ten, auf Cree zu kom­mu­ni­zie­ren. Eini­ge Wor­te, die er nicht sagen durf­te, hat Robert­son in Als wir allein waren ein­ge­ar­bei­tet. Bevor er das Buch schrieb, begann er erst ein­mal selbst, aktiv die Wör­ter und Phra­sen, die aus­ge­löscht wer­den soll­ten, zu ver­wen­den. Es war ihm nicht nur ein Anlie­gen, ein Kin­der­buch über die kolo­nia­lis­ti­sche Pra­xis von Umer­zie­hungs­pro­gram­men zu schrei­ben, son­dern zugleich auch sei­ne Ahnen­spra­che wie­der­zu­be­le­ben.

Im Schwes­ter­ver­lag Mer­lin ist übri­gens zur sel­ben Zeit mit Als wir allein waren die an Jugend­li­che gerich­te­te Cole Har­per-Tri­lo­gie des­sel­ben Autors (über­setzt von Micha­el Raab) erschie­nen. Sie spielt in der Jetzt­zeit in der Woun­ded Sky First Nati­on und gibt einen rea­lis­ti­schen Ein­blick in das gegen­wär­ti­ge Leben in einem kana­di­schen Reser­vat. Auch hier baut Robert­son immer wie­der Phra­sen auf Cree ein. Die Lek­tü­re ist lehr­reich und höchst span­nend – und das nicht nur, weil Cole Har­per ein wahr­haf­ti­ger Super­held ist (lei­der wird er im über­setz­ten Klap­pen­text als ers­ter „india­ni­scher“ Super­held bezeich­net, das Ori­gi­nal kommt ohne die­se Bezeich­nung aus).

Die Wür­di­gung des Bisons (Illus­tra­ti­on: Mike Keep­ness)

Ein in die­sem Kon­text unbe­dingt erwäh­nens­wer­tes Buch ist auch Die Wür­di­gung des Bisons. Eine Legen­de der Plains Cree aus dem MONS Ver­lag, das gleich­zei­tig eine Über­lie­fe­rung, eine genera­tio­nen­über­grei­fen­de Groß­el­tern-Kind-Geschich­te (wie die vor­ab erwähn­ten Titel auch) und ein Sach­buch ist. In die­ser erst­mals auf­ge­zeich­ne­ten Legen­de wird die Bedeu­tung des Bisons für das Über­le­ben der Plains Cree erzählt.
Das Kon­ser­vie­ren von Geschichte(n), Kul­tur und Spra­che spielt eine gro­ße Rol­le für alle Betei­lig­ten an die­sem Buch: Die Kin­der­buch­au­torin Judith Sil­verthor­ne hat die Geschich­te basie­rend auf den Erzäh­lun­gen des Wäch­ters der Weis­heit, Hei­lers und Ange­hö­ri­gen der Cree, Ray Lav­al­lee, auf­ge­schrie­ben, illus­triert wur­de sie von Mike Keep­ness, der im Reser­vat der First Nati­on Pas­qua auf­wuchs. Der ursprüng­lich auf Eng­lisch geschrie­be­ne und dann ins Fran­zö­si­sche über­setz­te Text wur­de von einer Grup­pe Lin­gu­is­ten, die Cree sowohl leh­ren als auch bewah­ren wol­len, näm­lich Jean Oki­mā­sis, Ran­dy Morin und Arok Wol­ven­grey, rück­über­setzt. Die deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be ent­hält die Über­set­zung von Wolf­gang Barth und den Cree-Text (in latei­ni­scher Schrift).

Extrem bedeut­sam sind sol­che Bücher für die Ange­hö­ri­gen der Volks­grup­pen selbst. Kin­der­bü­cher sind ein nie­der­schwel­li­ger Anlass, um die jün­ge­re Genera­ti­on mit ihrer Ahnen­spra­che zu kon­fron­tie­ren – und sie so schließ­lich wie­der­zu­be­le­ben und auf­le­ben las­sen zu kön­nen. Sie sind ein ele­men­ta­rer Bei­trag zur kul­tu­rel­len Selbst­er­mäch­ti­gung. Genau­so wich­tig sind die Publi­ka­tio­nen aber auch für inter­es­sier­te Außen­ste­hen­de. Es gibt in Euro­pa gro­ßes Inter­es­se am The­ma First Nati­ons, und alle hier vor­ge­stell­ten Bücher ermög­li­chen einen dies­be­züg­lich drin­gend erfor­der­li­chen Per­spek­ti­ven­wech­sel. Weg von Kli­schees, Ste­reo­ty­pen, Ras­sis­mus und Geschich­ten ÜBER die Nach­fah­ren von Erstbewohner_innen Kana­das, und hin zu authen­ti­schen Ein­bli­cken in die tat­säch­li­che Lebens­welt und auch in die (auf­er­stan­de­nen) Sprach­wel­ten von real exis­tie­ren­den Indi­vi­du­en.

Wenn ich das Ange­bot an emp­feh­lens­wer­ten Büchern mit dem von vor weni­gen Jah­ren ver­glei­che, hat sich durch­aus eini­ges getan. Das Cana­da Coun­cil for the Arts hat unter ande­rem im Rah­men der Buch­mes­se eine Bewe­gung bewirkt, und dies gibt Hoff­nung, dass das Inter­es­se am The­ma First Nati­ons und das Bewusst­sein für die Pro­ble­ma­tik nach­hal­tig ist und es end­lich zu einem Umden­ken in der Main­stream-Kin­der­buch­welt kommt.

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de auf Wunsch der Ver­fas­se­rin nicht­bi­när gegen­dert.

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