„Die Sze­nen kön­nen von­ein­an­der profitieren”

Ein Gespräch mit Christoph Wenzel und Stefan Wieczorek über den Trimaran, ein zweisprachiges Übersetzungsprojekt der Kunststiftung NRW, Flanders Literature und der Niederländischen Literaturstiftung.

Interview:

Zwei Männer
Stefan Wieczorek (Bild: Carina Becker) und Christoph Wenzel (Bild: WDR/Ben Knabe)

Könnt ihr in drei Sät­zen das Pro­jekt Tri­ma­ran vorstellen? 

SW: Der Tri­ma­ran ist ein zwei­spra­chi­ges Über­set­zungs­pro­jekt in Form eines Lyrik­ma­ga­zins, das zum Ziel hat, die Lyrik­land­schaf­ten der Nie­der­lan­de, Flan­derns und Deutsch­lands mit­ein­an­der zu ver­net­zen. Im Zen­trum steht ein Über­set­zungs­work­shop, an dem vier Autor*innen aus den genann­ten Regio­nen teil­neh­men, die Paa­re bil­den und sich gegen­sei­tig über­set­zen – unter­stützt von pro­fes­sio­nel­len Übersetzer*innen und mit­hil­fe von Inter­li­ne­ar­fas­sun­gen. Das Heft ergänzt die­sen über­set­ze­ri­schen Kern mit einem soge­nann­ten Man­tel­teil bestehend aus Essays, Inter­views und Infor­ma­tio­nen rund um die ver­schie­de­nen Lyriklandschaften.

Woher kommt eure Begeis­te­rung für die nie­der­län­di­sche Sprache?

SW: Ich habe Mit­te der Neun­zi­ger Jah­re mit dem Eras­mus-Sti­pen­di­um ein Semes­ter in Utrecht ver­bracht. Dort habe ich mich so wohl gefühlt und mich mit einer unge­heu­ren Auf­bruch­stim­mung in die Spra­che, die Kul­tur und den All­tag bege­ben, dass es irgend­wann fast schon selbst­ver­ständ­lich war, dass die ers­ten Über­set­zungs­an­fra­gen kamen. Am Anfang habe ich als Ergän­zung zur lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Metho­de über­setzt, als eine Art Her­me­neu­tik: Man über­setzt einen Text und ver­sucht, alle Ver­äs­te­lun­gen und Nuan­cen zu ver­ste­hen. Ich habe damals ein paar Autor*innen regel­mä­ßig über­setzt und  über­set­ze seit gut sechs Jah­ren hauptberuflich.

CW: Ich woh­ne schon seit über 20 Jah­ren in Aachen, also unmit­tel­bar an der Gren­ze zu den Nie­der­lan­den und Bel­gi­en.  Man könn­te mei­nen, das allein hät­te bei einer poe­si­ein­ter­es­sier­ten Per­son wie mir schon aus­schlag­ge­bend sein kön­nen, aber so war es nicht. Den eigent­li­chen Aus­schlag, mich mit der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur und Poe­sie aus­ein­an­der­zu­set­zen, gab ein Auf­ent­halts­sti­pen­di­um, das ich 2009 in Ams­ter­dam ver­bracht habe. Mich inter­es­sier­te vor allem die Stadt, ihre Geschich­te und ihre Archi­tek­tur, damit woll­te ich mich poe­tisch aus­ein­an­der­set­zen. Ich habe dort den Dich­ter Tse­ad Bruin­ja ken­nen­ge­lernt und beim gemein­sa­men Kaf­fee­trin­ken kamen wir ins Gespräch. Ich schrei­be und publi­zie­re selbst Gedich­te, und mitt­ler­wei­le ver­ste­he ich die nie­der­län­di­schen und flä­mi­schen Dichter*innen als mei­ne unmit­tel­ba­ren Kolleg*innen.

Wer hat­te die zün­den­de Idee, ein grenz­über­grei­fen­des, zwei­spra­chi­ges Poe­sie­ma­ga­zin zu verlegen?

CW: Ich bekam eine Anfra­ge von der Kunst­stif­tung Nord­rhein-West­fa­len. Esther Kin­sky, die wie­der­um mit Anne­lie David befreun­det ist, nahm  Kon­takt zur Kunst­stif­tung auf, weil die bei­den ange­fan­gen hat­ten, sich gegen­sei­tig zu über­set­zen. Sie haben die Rudi­men­te einer Idee prä­sen­tiert, aus der dann spä­ter der Tri­ma­ran erwach­sen ist. Wir haben das Gespräch mit dem Neder­lands Let­te­ren­fonds in Ams­ter­dam und mit den flä­mi­schen Kol­le­gen von Fland­ers Lite­ra­tu­re gesucht und die­se als Mit­her­aus­ge­ber gewin­nen kön­nen. Spä­ter haben wir dann Ste­fan mit an Bord geholt. Zu zweit bil­den wir den Kern der Redaktion. 

Lyrikmagazin Trimaran zwei Ausgaben
Tri­ma­ran – Die bei­den ers­ten Aus­ga­ben (Bild: Anke Berßelis)

SW: Die Idee des Tri­ma­ran war von Anfang an auch, die Dyna­mik fort­zu­set­zen, die dadurch ent­stand, dass die Nie­der­lan­de und Flan­dern 2016 Gast­land der Frank­fur­ter Buch­mes­se waren. Wir woll­ten Kon­ti­nui­tä­ten ermög­li­chen. Aus die­ser Idee ist der Tri­ma­ran gebo­ren und es war ein glück­li­cher Zufall, dass Esther Kin­sky und Anne­lie David schon vor­ge­ar­bei­tet hat­ten. Gera­de für den Poe­sie­aus­tausch ist es eines der Haupt­er­for­der­nis­se, Kon­ti­nui­tät zu schaf­fen, und der Tri­ma­ran ist dafür natür­lich ein wun­der­ba­res Podium.

Das Herz­stück eures Maga­zins bil­det der Aus­tausch zwei­er Dichter*innen, die in einer Über­set­zungs­werk­statt an den Über­set­zun­gen von Tex­ten des jeweils ande­ren arbei­ten. Wie sieht die gemein­sa­me Arbeit der Duos aus, und wel­che Rol­le nehmt ihr dabei ein?

CW: Wir bil­den zwei Paa­re pro Heft, ein flä­misch-deutsch­spra­chi­ges und ein nie­der­län­disch-deutsch­spra­chi­ges Paar. Dabei ach­ten wir dar­auf, dass es Autor*innen sind, die einer­seits aus­rei­chend Gemein­sam­kei­ten haben, ande­rer­seits aber mit ihren jewei­li­gen Poe­to­lo­gien auch ein Span­nungs­feld erzeu­gen, aus dem ein poe­ti­scher Fun­ken­schlag ent­ste­hen kann. Die Duos suchen jeweils zehn Gedich­te aus und kön­nen dann selbst ent­schei­den, wie sie vor­ge­hen möch­ten. Die Vor­ge­hens­wei­se hängt vor allem von den Sprach­kennt­nis­sen ab. Wenn die Paa­re kei­ne Kennt­nis­se der jeweils ande­ren Spra­che haben, stel­len wir ihnen Inter­li­ne­ar­fas­sun­gen zur Ver­fü­gung, die wir von pro­fes­sio­nel­len Literaturübersetzer*innen erstel­len las­sen. Der Pro­zess ist trotz­dem wei­ter­hin offen, die Inter­li­ne­ar­fas­sun­gen bil­den ledig­lich eine Grund­la­ge. Die Tex­te bekom­men sie vor einem Tref­fen im Euro­päi­schen Über­set­zer-Kol­le­gi­um in Strae­len, damit sie sich ein­ar­bei­ten kön­nen. In Strae­len arbei­ten sie dann meh­re­re Tage gemein­sam an den Übersetzungen.

SW: Es geht letzt­end­lich nicht nur dar­um, dass sich die Lyriker*innen über­set­zen – zuerst müs­sen sie über­haupt erst defi­nie­ren, was das für sie bedeu­tet –  son­dern dass sie auch einen Ein­lei­tungs­text über­ein­an­der und über den Über­set­zungs­pro­zess schrei­ben und ein neu­es, gemein­sa­mes Pro­jekt ent­wi­ckeln. Sol­che Koope­ra­ti­ons­pro­jek­te kön­nen bei­spiels­wei­se ein gemein­sa­mes Gedicht, ein Foto-Poem oder eine doku­men­tier­te Arbeits­kor­re­spon­denz sein. Sie sol­len also nicht nur über­set­zen, son­dern dar­über hin­aus auch etwas ent­ste­hen las­sen, was es vor­her nicht gab und das es ohne die­se Bedin­gun­gen nicht gege­ben hät­te. Wir freu­en uns auch dar­über, wenn die Autor*innen im redak­tio­nel­len Teil des Maga­zins Gedicht­bän­de aus ihren Spra­chen emp­feh­len möch­ten. Für all das ist es essen­zi­ell, dass man sich kennt und ein Arbeits­ver­trau­en zuein­an­der auf­baut. Ich beto­ne immer, dass die Art des Über­set­zens nicht defi­niert ist, dass die Dichter*innen einen gro­ßen Frei­raum haben und sich dafür ent­schei­den kön­nen, Ver­fah­rens­wei­sen des Gedichts, Ent­ste­hungs­pro­zes­se und Metho­den nach­zu­über­set­zen. Sie bekom­men auch die Mög­lich­keit, visu­ell zu arbei­ten und kön­nen für sich bestim­men, was Über­set­zen in ihrem Fall ist: Ist es Nach­dich­ten, ist es eine Cover­ver­si­on oder ist es sogar ein Ant­wort­ge­dicht auf das vor­lie­gen­de Gedicht?

Seite aus Lyrikmagazin Trimaran
Bild: Anke Berßelis

Aber die Arbeit geht über die Work­shops hin­aus, oder?

SW: Die Duos haben meh­re­re Mona­te Zeit für die ver­schie­de­nen Text­sor­ten und wir bie­ten ihnen an, sich gegen­sei­tig zu besu­chen, was zur­zeit natür­lich vor allem in Form von Zoom­kon­fe­ren­zen stattfindet. 

CW: Das ist sehr bedau­er­lich, weil gera­de wech­sel­sei­ti­ge Besu­che nicht nur dazu bei­tra­gen kön­nen, dass man inten­si­ver an den Über­set­zun­gen arbei­ten kann, son­dern auch zum Ent­ste­hen einer dau­er­haf­ten Bezie­hung. Das ist der Wunsch des Tri­ma­ran: Wir möch­ten Dichter*innen in Kon­takt brin­gen und dazu bei­tra­gen, dass sie mög­lichst auch im Aus­tausch blei­ben – sei es über die wech­sel­sei­ti­ge Lek­tü­re oder die Wahr­neh­mung des Ande­ren. Das hat bei Ulrich Koch und Erik Spi­noy super funk­tio­niert – Ulrich Koch über­setzt wei­ter­hin Gedich­te von Erik Spi­noy. Sie haben aus­rei­chend Ver­wandt­schaft ent­deckt und das Bedürf­nis ent­wi­ckelt, ein­an­der wei­ter zu folgen.

In eurer Über­set­zungs­werk­statt spie­len Inter­li­ne­ar­über­set­zun­gen eine wich­ti­ge Rol­le – wel­che Chan­ce bie­tet die­se beson­de­re Übersetzungsform?

SW: Die Vor­stel­lung ist meis­tens, dass eine Inter­li­ne­ar­fas­sung eines Tex­tes eine phi­lo­lo­gisch kor­rek­te Text­fas­sung ist, bei der auf alle poe­ti­schen Momen­te wie Klang­fi­gu­ren, Mehr­deu­tig­kei­ten, Sprach­ver­fah­ren, Neo­lo­gis­men ver­zich­tet wird. Die Auf­ga­be der Übersetzer*innen bzw. der Dichter*innen wäre es dann, die Inter­li­ne­ar­fas­sung immer wei­ter zu bear­bei­ten, bis es für ihn oder sie ein stim­mi­ges Gedicht wird. In der Werk­statt ver­ste­hen wir die Inter­li­ne­ar­fas­sun­gen aber vor allem als krea­ti­ves Mate­ri­al, als Arbeits­blät­ter, die auf Text­cha­rak­te­ris­ti­ka auf­merk­sam machen. Die Autor*innen ent­schei­den dann, was sie damit machen, wie sie die­ses Mate­ri­al ins Spiel brin­gen. Es gibt kaum einen Moment, wo ich schö­ne­re poe­to­lo­gi­sche Gesprä­che erlebt habe als in die­sen Über­set­zungs­work­shops, weil man ganz schnell von der Ebe­ne „Was heißt das eigent­lich?“ zu den Fra­gen kommt: „Wie ist das ent­stan­den? Auf wel­cher poe­to­lo­gi­schen Vor­stel­lung beruht das? Wel­che Sprach­ver­fah­ren benutzt du eigent­lich?“ Auch die Autor*innen erzäh­len oft, dass sie sel­ten so inten­siv und kol­le­gi­al über die­se Din­ge gere­det haben. Für die Lek­tü­re sind die­se Kon­tex­te und Ver­or­tun­gen kei­ne Vor­aus­set­zun­gen, aber in der Werk­statt muss vie­les davon auf den Tisch. Das ist auch der Moment, in dem sich die Über­set­zer­du­os ent­schei­den, auf wel­cher Ebe­ne sie wei­ter­ar­bei­ten möch­ten. Die Inter­li­ne­ar­fas­sun­gen stel­len für mich des­halb weni­ger eine Metho­de dar, son­dern sind ein zur Ver­fü­gung gestell­tes Arbeits­pa­pier. Es gibt ein schö­nes Bei­spiel von Her­ta Mül­ler aus dem Pro­jekt Poe­sie der Nach­barn, deren Über­set­zun­gen Col­la­gen aus Inter­li­ne­ar­fas­sun­gen waren. Sie hat über­setzt, wie sie auch ihre eige­nen Gedich­te schreibt, in Form einer Col­la­ge und somit das Gedicht des ande­ren in der eige­nen Metho­dik geborgen.

Ach­tet ihr bei der Aus­wahl der Dichter*innen dar­auf, ob sie bereits Über­set­zungs­er­fah­rung haben?

SW: Für uns ist das kein Kri­te­ri­um, aber manch­mal ist das für die Dichter*innen ein Kri­te­ri­um. Gera­de für die nie­der­län­disch­spra­chi­gen, die mit dem Arbeits­ma­te­ri­al Inter­li­ne­ar­fas­sung nicht so ver­traut sind. Bei uns ist das Modell  durch die gro­ßen Über­set­zungs­pro­jek­te weit­ge­hend bekannt, aber in den Nie­der­lan­den und Flan­dern gibt es eine gewis­se Scheu. Eini­ge Autor*innen sagen auch: Mein Deutsch ist über­haupt nicht gut und ich traue mich das eigent­lich nicht. Dann ver­su­chen wir und die mode­rie­ren­den Übersetzer*innen, ihnen die­se Arbei­st­wei­se zu ver­mit­teln. Aber es gab auch schon Autor*innen, die abge­lehnt haben, weil die Berüh­rungs­ängs­te zu groß waren. 

Unter­schei­den sich die flä­mi­sche, die nie­der­län­di­sche und die deut­sche Lyrik­land­schaft stark von­ein­an­der? Was zeich­net sie jeweils aus?

SW: Ich stau­ne vor allem über die Auf­füh­rungs­prak­ti­ken in den Nie­der­lan­den und Flan­dern. Wir haben unse­rer zur Frank­fur­ter Buch­mes­se gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie Pol­der­poe­sie im Nach­wort das Schlag­wort „Öffent­lich­keit“ vor­an­ge­stellt, und dazu gehört auch die Beob­ach­tung, dass Poe­sie im öffent­li­chen Raum prä­sent ist, dass es Sta­ds­dich­ter gibt, die ihre Stadt mit Poe­sie bespie­len, dass Poe­sie in Tages­zei­tun­gen abge­druckt wird, dass es Pro­jek­te wie das Poe­sie­te­le­fon gibt oder den Turm von Babel als inter­kul­tu­rel­le Per­for­mance­flä­che – kurz­um, dass sich sehr viel krea­ti­ve Ener­gie auf die Stadt­öf­fent­lich­keit rich­tet, was auch mit der Spo­ken-Word-Tra­di­ti­on und der Podi­ums­tra­di­ti­on in den Nie­der­lan­den und Flan­dern zu tun hat. Man fin­det dort sehr vie­le unter­schied­li­che Auf­füh­rungs­prak­ti­ken von Poe­sie, und das funk­tio­niert in Deutsch­land noch ganz anders. Die Fes­ti­vals sind bei uns auch im Kom­men. Wir ver­su­chen im Tri­ma­ran Leucht­turm­pro­jek­te wech­sel­sei­tig vor­zu­stel­len, mit der Idee, dass die Regio­nen von­ein­an­der pro­fi­tie­ren kön­nen. Und tat­säch­lich sind die­se Leuch­turm­pro­jek­te aus Flan­dern und den Nie­der­lan­den häu­fig die­se Dich­tung-in-der-Öffent­lich­keit-Pro­jek­te, bspw. der Bau des Turms von Babel in Ant­wer­pen. Und aus Deutsch­land kom­men dann ande­re Pro­jek­te, zum Bei­spiel im letz­ten Heft die Fra­ge nach der Über­setz­bar­keit von Poe­sie in Gebär­den­spra­che, ver­knüpft mit der Fra­ge, ob man Tex­te, die in Gebär­den­spra­che ent­stan­den sind, auf Schrift­spra­che zurück­füh­ren kann. Das sind Unter­schie­de in den Per­spek­ti­ven und Her­an­ge­hens­wei­sen in den jewei­li­gen Lyrik­land­schaf­ten, die nicht gegen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den müs­sen. Ganz im Gegen­teil, die Sze­nen kön­nen von­ein­an­der pro­fi­tie­ren. Ein wei­te­rer Unter­schied besteht dar­in, dass nie­der­län­disch­spra­chi­ge Autor*innen mehr Auf­trags­ar­bei­ten machen. Das gehört zu ihrem All­tag. Bei den deutsch­spra­chi­gen Autoren*innen habe ich den Ein­druck, dass das erst in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt auf­ge­kom­men ist.

CW: Auf­trä­ge gab es auch hier schon immer, nur wird das dann aber oft etwas ver­schämt und unter der Hand behan­delt. Mit­un­ter ver­sucht man, die Auf­trags­ar­bei­ten in die eige­nen Gedicht­bän­de zu inte­grie­ren, damit es nicht so offen­sicht­lich ist, dass dies oder jenes ein Auf­trags­ge­dicht ist. Dabei ist es ja über­haupt nichts Ehren­rüh­ri­ges. Wenn das Gedicht aber im öffent­li­chen Raum prä­sent ist, lässt sich ja kaum leug­nen, dass es sich um ein Auf­trags­ge­dicht han­delt, das spe­zi­ell für die­sen Ort, für die­se Zeit, für die­se Umstän­de ent­stan­den ist, und das fin­det jetzt, hof­fe ich zumin­dest, mehr und mehr auch im deutsch­spra­chi­gen Raum statt. Die Dis­kus­si­on über sehr prä­sen­te Gedich­te im öffent­li­chen Raum hat­ten wir zuletzt mit der Gom­rin­ger-Debat­te. Unab­hän­gig von die­sem Gedicht wün­sche ich mir mehr Prä­senz, nicht nur im urba­nen öffent­li­chen Raum, son­dern auch wie in den Nie­der­lan­den im TV. Dort gehört Poe­sie zum Pro­gramm der öffent­lich-recht­li­chen Sen­der, da gibt es zum Bei­spiel die tol­le Rei­he Dich­ter­Bij, in der klei­ne Homes­to­ries gezeigt wer­den. Der Sen­der besucht Dichter*innen, filmt sie  am Schreib­tisch oder sonst wo, und am Ende liest er oder sie ein Gedicht vor. Ich fin­de es unheim­lich herz­er­wär­mend, das sowas mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit aus­ge­strahlt wird, unkom­men­tiert, ohne eine Beson­der­heit dar­aus zu machen. Statt­des­sen wird Poe­sie in der Brei­te erleb­bar gemacht, sie gehört dazu: im Fern­se­hen, in der Zei­tung, im Stadt­bild, auf der Büh­ne, und zwar mit flie­ßen­de­ren Über­gän­gen von Spo­ken-Word-Artists hin zu den „Serious Poets“. 

SW: Inter­es­sant sind auch die Über­set­zungs­ent­wick­lun­gen in Bezug auf die Poe­sie. Ins Nie­der­län­di­sche wer­den – was Gedicht­bän­de betrifft – vor allem älte­re Autor*innen und (moder­ne) Klas­si­ker über­setzt, in den letz­ten Jah­ren bei­spiels­wei­se Enzens­ber­ger, die Kurz­ge­dich­te von Sebald, Frie­de­ri­ke May­rö­cker, im Paul-Celan-Jahr natür­lich eine Neu­auf­la­ge der Über­set­zung von Ton Naai­jkens. Ins Deut­sche wer­den eher die Gegenwartsautor*innen über­setzt, was natür­lich auch mit der Über­set­zer­struk­tur zusam­men­hängt, aber viel­leicht auch damit, wie man das ande­re wahr­nimmt: Wir sehen, dass in den Nie­der­lan­den und Flan­dern aktu­ell ganz viel Span­nen­des pas­siert, und von der ande­ren Sei­te wird in Gedicht­bän­den eher (aber nicht nur) die deutsch­spra­chi­ge Lyrik­tra­di­ti­on gewür­digt. Bei Fes­ti­vals kann man zum Glück in bei­den Sprach­re­gio­nen regel­mä­ßig Dichter*innen aus der jeweils ande­ren Spra­chen hören. Auch lite­ra­ri­sche Zeit­schrif­ten in den Nie­der­lan­den prä­sen­tie­ren immer wie­der deutsch­spra­chi­ge Gegenwartspoesie.

CW: Dass deut­lich mehr jün­ge­re nie­der­län­disch­spra­chi­ge Dichter*innen ins Deut­sche über­setzt wer­den, hängt ins­be­son­de­re damit zusam­men, dass die bei­den Stif­tun­gen – Neder­lands Let­te­ren­fonds und Fland­ers Lite­ra­tu­re – deutsch­spra­chi­ge Über­set­zun­gen und Ver­la­ge tat­kräf­tig finan­zi­ell unter­stüt­zen. So ist es etwas risi­ko­är­mer, einen Gedicht­band aus dem Nie­der­län­di­schen über­set­zen zu las­sen und auf Deutsch zu publi­zie­ren. In Deutsch­land gibt es eine der­art insti­tu­tio­na­li­sier­te För­de­rung von Lite­ra­tur­über­set­zun­gen in ande­re Spra­chen in die­ser Form nicht.

Lyrik ist selbst für Lite­ra­tur­fans oft ein rotes Tuch. War­um soll­te man Gedich­te lesen? Was ist die Stär­ke die­ses Genres? 

CW: Ich keh­re die Fra­ge immer ger­ne um: War­um soll­te man kei­ne Gedich­te lesen? Ich bin es ein biss­chen Leid, dass Dichter*innen sich immer erklä­ren müs­sen. Das müs­sen ande­re Künstler*innen sel­te­ner. Ich glau­be tat­säch­lich, dass die Hemm­schwel­le klei­ner wäre, wenn Poe­sie, egal in wel­cher Form und aus wel­cher Zeit, prä­sen­ter ist. Wenn es selbst­ver­ständ­li­cher wäre, dass ich an der nächs­ten Stra­ßen­ecke an einem Gedicht vor­bei­lau­fe, das auf 15 Metern Höhe an einer Häu­ser­fas­sa­de steht, habe ich viel­leicht auch weni­ger Scheu, wenn ich an ande­ren Stel­len einem Gedicht begeg­ne. Natür­lich haben wir als Dichter*innen, aber auch die Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen, die Ver­ant­wor­tung, etwas für unse­re Kunst zu tun. Wir könn­ten eine gro­ße bil­dungs­po­li­ti­sche Debat­te auf­ma­chen, was in Hoch­schu­len und Schu­len bei der Poe­sie­ver­mitt­lung schief­läuft. Jeden­falls müss­te man Dichter*innen sehr viel selbst­ver­ständ­li­cher ein­la­den, sie Teil des Schul- und Hoch­schul­all­tags wer­den las­sen. Ansons­ten gilt: Legt die Scheu ab, lasst euch über­ra­schen, lasst euch irri­tie­ren, lasst euch ver­un­si­chern, traut euch dem Unver­ständ­nis aus­zu­set­zen. Habt kei­ne Angst davor, etwas nicht zu ver­ste­hen, denn das ist nicht schlimm.

SW: Man muss sich die Chan­ce geben, dem rich­ti­gen Gedicht zu begeg­nen. Dazu möch­te der Tri­ma­ran sei­nen Teil beitragen.

Far­ben und Form spie­len in eurem Maga­zin eine wich­ti­ge Rol­le. Ori­gi­nal­spra­che und Über­set­zung wer­den durch ver­schie­de­ne Far­ben kennt­lich gemacht und die beson­de­re Form fällt natür­lich direkt ins Auge – das Heft im Heft. Wer hat­te die Ideen?

CW: Das haben wir ein­zig und allein der Gestal­te­rin Anke Ber­ße­lis und dem Lili­en­feld Ver­lag zu ver­dan­ken. Die Ursprungs­idee kam von Jan Fre­richs, der für den Lili­en­feld Ver­lag immer wie­der anspruchs­vol­le Print­pro­jek­te umsetzt: Es war die gestal­te­ri­sche Grund­idee, ein Boot mit drei Rümp­fen, einen Tri­ma­ran, als Maga­zin in Form eines Hef­tes im Heft nach­zu­ge­stal­ten. Die­se Form ermög­licht uns, den Kern des Pro­jek­tes im Heft im Heft zu doku­men­tie­ren, und das Drum­her­um ist der ergän­zen­de, erwei­tern­de, aus­bli­cken­de Man­tel mit Inter­views, Essays, etc.

Lyrikzeitrschrift in Form eines Trimarans
Tri­ma­ran – Das Heft im Heft (Bild: Anke Berßelis)

SW: Es gibt im Redak­ti­ons­pro­zess immer irgend­wann den Moment, wo Anke sagt: Schickt mir doch mal Tex­te. Und dabei geht es dann um Gedich­te aus dem inne­ren Teil, das ist das Mate­ri­al, mit dem sie beginnt. Es ist wahn­sin­nig span­nend zu schau­en, wie sie sich von die­sen Moti­ven anre­gen lässt, wie sie plötz­lich irgend­wo eine Fisch­schup­pe ver­steckt, ein Segel, und Gra­fi­ken so über­ar­bei­tet, dass Text und Visua­li­tät eine Bezie­hung eingehen. 

Am Ende eures Maga­zins fin­det sich eine Lis­te mit Neu­erschei­nun­gen. Wenn man sich in der nie­der­län­disch­spra­chi­gen Lyrik­land­schaft aus­kennt, fällt auf, dass unzäh­li­ge her­aus­ra­gen­de Lyriker*innen noch nicht über­setzt wur­den. Wer soll­te eurer Mei­nung nach ganz drin­gend über­setzt werden?

SW: Erfreu­lich ist, dass seit 2016 jähr­lich meh­re­re über­setz­te Gedicht­bän­de mit Poe­sie aus den Nie­der­lan­den und Flan­dern erschei­nen. Ich wür­de zuerst dafür argu­men­tie­ren, Pro­jek­te zu über­set­zen und nicht im Kanon zu den­ken. Als Bei­spiel kann ich Das Ein­sa­me Begräb­nis anfüh­ren, ein nie­der­län­di­sches Pro­jekt, bei dem Dichter*innen Men­schen zu Gra­be tra­gen, die ohne Ange­hö­ri­ge ster­ben. Die Dichter*innen ver­fas­sen Abschieds­ge­dich­te für die­se Men­schen, die dann am Grab vor­ge­tra­gen wer­den. Das Pro­jekt wird mitt­ler­wei­le in der Schweiz ver­wirk­licht. Wenn wir auf den nie­der­län­di­schen Sprach­raum gucken, könn­te man ganz vie­le Pro­jek­te „nach­bau­en“. Etwa die gran­dio­se Idee des Sta­ds­dich­ter, der etwas ganz ande­res ist als ein Wri­ter in Resi­dence (jemand der vor Ort ist, eine Lesung hält), son­dern jemand, der aus der Stadt selbst kommt oder mit ihr ver­bun­den ist, und für ein oder zwei Jah­re Pro­jek­te für die Stadt und Poe­sie im städ­ti­schen Raum ent­wi­ckelt und zu einer Art Poe­sie­bot­schaf­ter wird. Für uns und den Tri­ma­ran ist es ein Anlie­gen, Struk­tu­ren zu schaf­fen, die sich posi­tiv auf die Lyrik­re­zep­ti­on auswirken. 

CW: Tat­säch­lich stel­len die Hef­te nicht nur Ange­bo­te an die Leser*innen dar, son­dern auch an Übersetzer*innen und Ver­la­ge jen­seits der Gren­ze, um zu sagen: Schaut her, das ist span­nend, es ist auch schon ein Über­set­zungs­pro­zess ange­lau­fen und dar­auf könn­te man zurück­grei­fen. Mit die­sem Hin­ter­ge­dan­ken suchen wir natür­lich auch die Autor*innen für unser Über­set­zungs­pro­jekt aus: Wem wün­schen wir jen­seits der Gren­ze Aufmerksamkeit? 

Auf wel­che Dichter*innen dür­fen wir uns in der drit­ten Aus­ga­be des Tri­ma­ran freuen?

CW: Wir freu­en uns auf und mit José F.A. Oli­ver aus Hausach, den anda­lu­si­schen Schwarz­wald­dich­ter, wie er sich selbst ger­ne nennt, den wir mit Maud Van­hau­waert aus Ant­wer­pen zusam­men­ge­bracht haben, die auch Stadt­dich­te­rin in Ant­wer­pen war und tol­le Poe­sie­pro­jek­te in die Stadt gebracht hat, die bei­den bil­den ein Tan­dem. Und dazu Özlem Özgül Dündar, die unlängst für ihr Hör­spiel „tür­ken, feu­er“ aus­ge­zeich­net wur­de,  und Dean Bowen, der aus Rot­ter­dam stammt und wirk­lich eine ganz außer­ge­wöhn­li­che Art der mehr­spra­chi­gen Poe­to­lo­gie in Gedich­te umsetzt und ein neu­es zeit­ge­mä­ßes Kreol entwirft. 

Im Man­tel­teil wid­met sich das Maga­zin in der kom­men­den Aus­ga­be u. a. Mehr­spra­chig­keit und Sprach­wech­seln. Die drit­te Aus­ga­be erscheint im September/Oktober 2021. 


Chris­toph Wenzel


Chris­toph Wen­zel, gebo­ren 1979 in Hamm/Westf., lebt in Aachen, Stu­di­um der Lite­ra­tur- und Sprach­wis­sen­schaf­ten, Pro­mo­ti­on zum Dr. phil. mit einer pro­duk­ti­ons­äs­the­ti­schen Arbeit über Frag­men­ta­rik bei Franz Kaf­ka. Er schreibt Lyrik, Essays und für das Radio, bis­her vier Ein­zel­ti­tel, zuletzt: „lid­schluss“ (Edi­ti­on Kor­re­spon­den­zen, 2015). Ver­schie­de­ne Aus­zeich­nun­gen: u. a. Alfred-Gru­ber-Preis beim Lyrik­preis Meran, Rolf-Die­ter-Brink­mann-Sti­pen­di­um, För­der­preis des Lan­des NRW, Dresd­ner Lyrik­preis. Er ist Redak­teur des dt.-ndl.-fläm. Lyrik­ma­ga­zins TRIMARAN, Mit­be­grün­der des [SIC] – Lite­ra­tur­ver­lags, Her­aus­ge­ber von Antho­lo­gien mit dt.- und nie­der­län­disch­spra­chi­ger Gegenwartslyrik.

Ste­fan Wieczorek


Ste­fan Wiec­zo­rek, geb. 1971 in Koblenz, ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Über­set­zer. Er lebt in Aachen, im Drei­län­der­eck Nie­der­lan­de-Bel­gi­en-Deutsch­land. Er ist Her­aus­ge­ber der Rei­he Lite­ra­tur aus Flan­dern im Leip­zi­ger Lite­ra­tur­ver­lag und kura­tiert die Lyrik-Edi­ti­on Nie­der­lan­de in der Edi­ti­on Vir­gi­nes. Für die horen stell­te er das The­men­heft Bojen & Leucht­feu­er. Neue Tex­te aus Flan­dern und den Nie­der­lan­den zusam­men. Gemein­sam mit Chris­toph Wen­zel gab er 2016 die zwei­spra­chi­ge Antho­lo­gie Pol­der­poe­sie. Jun­ge Lyrik aus Flan­dern und den Nie­der­lan­den her­aus. Bei­de bil­den auch die Kern­re­dak­ti­on des zwei­spra­chi­gen Maga­zins Tri­ma­ran. Zuletzt erschie­nen in sei­ner Über­set­zung der Roman Der Men­schen­hei­ler von Koen Pee­ters (Osburg 2021), der Lyrik­band Mehr­fach abwe­send von Ester Nao­mi Per­quin (Elif 2021) und der Lyrik­band Nach­drift (Leip­zi­ger Lite­ra­tur­ver­lag 2021) von Char­lot­te Van den Broeck.

Lyrikmagazin Trimaran Ausgabe 3

Tri­ma­ran – Lyrik­ma­ga­zin | Poëziemagazine

für Deutsch­land, Flan­dern und die Nie­der­lan­de

Lili­en­feld Ver­lag 2021 ⋅ 130 Sei­ten ⋅ 15 Euro

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