Sabi­ne Bau­mann preist Frank Hei­bert und Hin­rich Schmidt-Hen­kel

Nur beim Signieren, zum Glück nicht beim Übersetzen in Schieflage: Hinrich Schmidt-Henkel und Frank Heibert 2016. © Buchhandlung Schleicher, Berlin
„Meis­ter­wer­ke der Welt­li­te­ra­tur“ – all­zu leicht­fer­tig wird mit die­ser Bezeich­nung oft umge­gan­gen, ohne eine Sekun­de dar­über zu reflek­tie­ren, wie beschränkt die soge­nann­te Welt­li­te­ra­tur ohne Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer doch wäre. In die­ser Rubrik fra­gen wir Men­schen, die sich aus­ken­nen, nach ihren per­sön­li­chen – über­setz­ten! – Meis­ter­wer­ken. Lieb­lings­über­set­zun­gen, die sie beein­druckt, geprägt, beschäf­tigt haben, Vor­bil­der, Ido­le, heim­li­che oder nicht so heim­li­che Stars. Den Anfang macht Sabi­ne Bau­mann, Lek­to­rin beim Ver­lag Schöff­ling & Co. und Redak­teu­rin der Zeit­schrift Über­set­zen.

Wenn ich dar­über nach­den­ke, wel­che Über­set­zun­gen mich geprägt haben, fal­len mir als Ers­tes die Donald-Duck-Heft­chen und die Aste­rix-und-Obelix-Bän­de ein, die ich als Kind und Jugend­li­che ver­schlun­gen habe. Eri­ka Fuchs’ Inflek­ti­ve „ächz, keuch, stöhn“ sind seit­her in mei­nen Sprach­ge­brauch über­ge­gan­gen, und Gud­run Penn­dorfs deut­sche Ent­spre­chun­gen zur anspie­lungs­rei­chen Spra­che von René Goscin­ny kann ich bis heu­te aus­wen­dig. Aller­dings habe ich mir lan­ge kei­ner­lei Gedan­ken dar­über gemacht, dass es sich um Über­set­zun­gen han­del­te, und habe die Namen der Über­set­ze­rin­nen und was sie bei ihrer krea­ti­ven Ein­deut­schung alles geleis­tet haben, erst viel spä­ter erfah­ren.

An heu­ti­gen lite­ra­ri­schen Über­set­zun­gen könn­te ich sehr vie­le nen­nen, die ich stil­bil­dend fin­de, die Aus­wahl fällt mir schwer. Aus die­sem Grund eine sozu­sa­gen meta-lite­ra­ri­sche Emp­feh­lung für all die­je­ni­gen, die sich mit Spra­che und Über­set­zung beschäf­ti­gen wol­len: Die Neu­über­set­zung von Ray­mond Que­ne­aus Exer­ci­ces de Style durch Frank Hei­bert und Hin­rich Schmidt-Hen­kel. Die 1947 erschie­ne­nen Stil­übun­gen sind ein berühm­ter Text des Ouli­po-Schrift­stel­lers Que­ne­au, der weni­ger dar­an inter­es­siert war, was ein lite­ra­ri­scher Text erzählt, als dar­an, wie er es tut. Ein und die­sel­be kur­ze Epi­so­de über einen Mann in einem Bus, der spä­ter noch ein­mal an einem Bahn­hof auf­taucht, wird über hun­dert Mal vari­iert. Mal als Kri­mi, mal als Lie­bes­schnul­ze, mal als Sci­ence-Fic­tion, aber auch in unter­schied­li­chen lyri­schen For­men, aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven und in unter­schied­li­chen Ton­la­gen (komisch, tra­gisch, poli­tisch, traum­wand­le­risch) wird erzählt. Die Ouli­po-Schu­le expe­ri­men­tier­te mit bestimm­ten Schreib­re­geln, sodass die Epi­so­de auch manch­mal qua­si mathe­ma­tisch oder in einer Art Code abge­wan­delt wird.

Die Exer­ci­ces de Style sind in vie­le Spra­chen über­setzt wor­den, ins Deut­sche zuerst von Lud­wig Harig und Eugen Helm­lé im Jahr 1961. Doch erst Hin­rich Schmidt-Hen­kel und Frank Hei­bert sind der Moder­ni­tät der Vor­la­ge ganz gerecht gewor­den und haben die Stil­übun­gen ins 21. Jahr­hun­dert kata­pul­tiert. Ihren spie­le­ri­schen, immer leicht iro­ni­schen umgangs­sprach­li­chen Sound hört man in den neu über­setz­ten Tex­ten, in den erst­mals auf Deutsch vor­lie­gen­den Exer­ci­ces iné­dits, und in einem herr­li­chen Anhang „Mög­li­che mög­li­che Stil­übun­gen“. Hier zum Bei­spiel der Anfang der Vari­an­te „Les­bisch“: „Mann, Mann, Mann, mons­ter­heiß jetzt zu Mit­tag, die Kawa noch in der Werk­statt und der Bus voll bis oben­hin. Und alles Typen. Moment, da ist doch eine, die sieht ganz süß aus, super­lan­ger Hals, und der Hut ist inter­es­sant, so mit Bor­te statt Band, aber ziem­lich but­ch.“

Also kurz, nicht nur eine Über­set­zung, son­dern auch eine Über­set­zungs­schu­le und als sol­che auf jeden Fall ein Meis­ter­werk!

Sabi­ne Bau­mann, gebo­ren 1966 in Frank­furt am Main, pro­mo­vier­te zu und über­setz­te Vla­di­mir Nabo­kov aus dem Eng­li­schen und dem Rus­si­schen. 2010 erhielt sie für ihre Über­tra­gung sei­nes Kom­men­tars zu Alex­an­der Pusch­kins Vers­ro­man Eugen One­gin den Strae­le­ner Über­set­zer­preis der Kunst­stif­tung NRW. Nach Sta­tio­nen bei den Ver­la­gen Farrar, Straus & Giroux, New York, S. Fischer und Klos­ter­mann ist sie seit 2009 Lek­to­rin bei Schöff­ling & Co. in Frank­furt am Main, wo sie sowohl für deutsch­spra­chi­ge als auch inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur zustän­dig ist. Eben­so lan­ge macht sie zusam­men mit Anke Bur­ger und Gesi­ne Schrö­der ehren­amt­lich die Redak­ti­on der Zeit­schrift Über­set­zen des VdÜ.


Ray­mond Queneau/Frank Heibert/Hinrich Schmidt-Hen­kel: Stil­übun­gen. (Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Exer­ci­ces de Style.)

Suhr­kamp 2016 ⋅ 224 Sei­ten ⋅ 22 Euro

www.suhrkamp.de/buecher/stiluebungen-raymond_queneau_22495.html

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