Mit alba nach Latein­ame­ri­ka

Der „Boom“ lateinamerikanischer Literatur der 70er und 80er Jahre ist lange her. Das mehrsprachige Magazin alba. lateinamerika lesen zeigt, dass es ein halbes Jahrhundert später noch viele unentdeckte Schätze gibt. Von

Ein Andenkondor segelt über Lateinamerika und betrachtet den Kontinent von oben. Foto: Óðinn Melsted

Der latein­ame­ri­ka­ni­sche Kon­ti­nent hat mich schon oft in sei­nen Bann gezo­gen. Von Pin­gui­nen im Feu­er­land, da wo die Anden enden, oder gera­de erst begin­nen, wie man will, bis zu den Reis- und Boh­nen­ge­rich­ten Mit­tel­ame­ri­kas, brach­te jede Rei­se vie­le neue Ein­drü­cke. So auch mei­ne letz­te Rei­se dort­hin, auch wenn die nur in mei­nem Kopf war. Durch Zufall erfuhr ich von alba, einem Maga­zin für latein­ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur, das ein­mal jähr­lich erscheint und mir eine alte Ver­mu­tung bestä­tig­te – dass es in der latein­ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur noch viel zu ent­de­cken gibt.

Die knapp 160 Sei­ten des Maga­zins sind gefüllt mit kur­zen Pro­sa­tex­ten, Gedich­ten, Illus­tra­tio­nen, Rezen­sio­nen, Inter­views und wei­te­ren Text­for­men. Alle Tex­te sind min­des­tens zwei­mal abge­druckt: im Ori­gi­nal und in Über­set­zung. Und auch wenn die The­men und Aus­füh­run­gen der ein­zel­nen Tex­te teils sehr unter­schied­lich sind, haben sie etwas gemein­sam – alle haben einen Bezug zu Latein­ame­ri­ka. Inter­es­san­ter­wei­se sind es nicht nur Tex­te von latein­ame­ri­ka­ni­schen Autorin­nen und Autoren, son­dern auch von Deut­schen und Öster­rei­che­rin­nen, die auf Deutsch ent­stan­den sind, und für alba ins Spa­ni­sche über­setzt wur­den.

Eine Wei­le trug ich die dies­jäh­ri­ge 11. Aus­ga­be des schön gebun­de­nen Maga­zins mit mir her­um. Es wiegt knapp über 500 Gramm, was nicht gera­de leicht ist, doch die sie­ben­und­zwan­zig kur­zen Pro­sa­tex­te und Gedich­te waren die idea­len Beglei­ter auf mei­nen meist halb­stün­di­gen Fahr­ten mit einer deut­schen Regio­nal­bahn. Ich zog alba aus mei­ner Tasche und war plötz­lich ich nicht mehr irgend­wo zwi­schen Köln und Düs­sel­dorf, son­dern jen­seits des Atlan­tiks.

Mit Jua­na Adcock ver­folg­te ich Regen­bö­gen in der S‑Bahn, lausch­te mit Paul Zech dem Geheul einer Affen­her­de, beob­ach­te­te mit Ver­ó­ni­ca Ger­ber Bicecci ein Geis­ter­teil­chen (una par­tí­cu­la fan­tas­ma) und such­te mit Pablo Mon­toya auf einem Bahn­hof in Paris. Wonach wir genau such­ten, hat er mir gar nicht ver­ra­ten. Man­che Tex­te sind hei­ter und ver­spielt, man­che neh­men sich selbst nicht ganz so ernst, ande­re sind schwe­re­re Kost und blie­ben mir, auch nach­dem ich alba zuge­klappt hat­te und aus der Bahn stieg, noch eine Wei­le im Kopf. Wie etwa die­ser Aus­schnitt von Clau­dia Guer­ra:

Bixho­ze‘ re‘ taa­ta‘ nisadxu’ni‘ dxi runi ni ná xa‘ na‘ xquend­abiaa­ni‘, rusi­guu­na‘ ladxi­dó‘ ca gun­aa ni ma‘ bia­ba ndaa­ni‘ xquix­he hua­ti. Bixho­ze‘, ti nguiiu qui gan­na ganax­hii ti ladxidó’si. Tapa bizana‘ gulen­iá‘, recaa­che‘ laa­ca sica bidxi­chi‘ ndaa­ni‘ gui­ru­bia beñe xti‘ cue‘ ladxi­dua‘. Rin­deesi­du de ca biya­lu jñaa­du‘: nay­a­an­deca‘.

El recuer­do de mi pad­re, un bebe­dor de la juventud, un soña­dor y un Zoro­as­tro en los ojos de las hadas caí­das en su maniá­ti­ca red de des­i­lu­sión, mi pad­re es un „sem­idi­os“ en el amor. A los cua­tro hijos de mamá los guar­do como mone­das en el abe­dul secre­to de la pared de lodo de mi alma. Sólo nos pare­ce­mos en los dos ojos may­ús­cu­los de mi madre.
Die Erin­ne­rung an mei­nen Vater, einen, der sich an der Jugend betrinkt, ein Träu­mer und ein Zoro­as­trier in den Augen der in sei­nem eigen­sin­ni­gen Netz aus Ent­täu­schung ver­fan­ge­nen Feen, in der Lie­be ist mein Vater ein „Halb­gott“. Die vier Kin­der von Mama hüte ich wie Mün­zen im Geheim­fach in der Lehm­wand mei­ner See­le. Wir glei­chen uns nur in den zwei rie­si­gen Augen mei­ner Mut­ter.

Die Autorin die­ser Zei­len, Clau­dia Guer­ra, hat den Text zum gro­ßen Glück ihrer nicht-zapo­te­ki­schen Leser­ge­mein­de auch ins Spa­ni­sche über­tra­gen, was Lea Hüb­ner wie­der­um in deut­sche Wor­te gefasst hat. Zapo­te­kisch ist eine indi­ge­ne Spra­che Mexi­kos und eine kur­ze Inter­net­re­cher­che ver­rät, dass sie an die 750 000 Spre­cher hat und dem Satz­bau Verb-Sub­jekt-Objekt folgt. Es gibt online ein deutsch-zapo­te­ki­sches Wör­ter­buch und eine zapo­te­ki­sche Hip-Hop-Sze­ne.

Die 11. Aus­ga­be des Maga­zins ist ihren Autorin­nen gewid­met:

Aquí esta­mos es el leit­mo­tiv de esta edi­ción con una pre­sen­cia mayo­ri­ta­ria de auto­ras. En la bús­que­da de Buena lite­ra­tu­re nos encon­tra­mos con ellas y nos preg­un­ta­mos: ¿Sigu­en sien­do apro­pi­a­das cate­go­rí­as como ‘escri­tu­ra femi­ni­na’ o han sido ya supera­das por los text­os?
Hier sind wir ist das Leit­mo­tiv die­ser Aus­ga­be, in der Autorin­nen in der Über­zahl sind. Auf der Suche nach guter Lite­ra­tur sind wir auf sie gesto­ßen, und frag­ten: Sind Kate­go­rien wie ‚weib­li­ches Schrei­ben‘ noch ange­mes­sen oder las­sen die Tex­te sie hin­ter sich?

Die Fra­ge ist legi­tim, doch lei­der wird im Maga­zin nicht kon­kret dar­auf ein­ge­gan­gen. Eini­ge der Tex­te sind von Frau­en ver­fasst und eini­ge behan­deln das Leben von Frau­en, aber ohne den Hin­weis der Redak­ti­on auf der ers­ten Sei­te wäre die­ses Leit­mo­tiv wahr­schein­lich an mir vor­bei­ge­gan­gen. Ein genau­es Nach­zäh­len zeigt, dass die Autorin­nen in der Aus­ga­be tat­säch­lich in der Über­zahl sind. 12 der 23 Bei­trä­ge sind von Frau­en ver­fasst. Das sieht nach Gleich­be­rech­ti­gung aus, aber die soll­te selbst­ver­ständ­lich sein und nicht beson­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den müs­sen. Ich hät­te mir gewünscht, dass die Fra­ge nach einer „weib­li­chen Stim­me“ kla­rer im gesam­ten Maga­zin her­aus­ge­ar­bei­tet wird. Viel­leicht war jedoch genau das die Inten­ti­on der Redak­ti­on – zu zei­gen, dass die Tex­te Kate­go­rien wie „weib­li­ches Schrei­ben“ hin­ter sich gelas­sen haben?

Das Maga­zin wird von alba. latein­ame­ri­ka lesen her­aus­ge­ge­ben, einem Ver­ein für Kul­tur­aus­tausch, der 2012 ins Leben geru­fen wur­de, um noch kaum ent­deck­te Schät­ze der latein­ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tu­ren in den deutsch­spra­chi­gen Raum zu brin­gen. alba ist durch und durch lie­be­voll gestal­tet. Man merkt, dass der Redak­ti­on (die übri­gens ehren­amt­lich arbei­tet) viel dar­an liegt, ein qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ges und ästhe­tisch anspre­chen­des Maga­zin her­aus­zu­ge­ben. Die Auf­ma­chung der ein­zel­nen Bei­trä­ge zieht sofort die Bli­cke auf sich, sei es das Schrift­bild wie etwa bei dem zapo­te­ki­schen Text, die Illus­tra­tio­nen oder die teils unge­wöhn­li­chen For­ma­tie­run­gen der Gedich­te.

Alle Tex­te sind in min­des­tens zwei Spra­chen abge­druckt. (Aus­nah­me sind Rezen­sio­nen vie­rer Über­set­zun­gen latein­ame­ri­ka­ni­scher Wer­ke, die kürz­lich auf Deutsch erschie­nen sind und nur auf Deutsch rezen­siert wur­den.) Eine der Spra­chen ist immer Deutsch, die zwei­te eine der vie­len Spra­chen des latein­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents. Im Fal­le von Clau­dia Guer­ras Gedich­ten kommt noch eine Fas­sung in der indi­ge­nen Spra­che hin­zu. In die­ser Aus­ga­be des Maga­zins habe ich fünf ver­schie­de­ne Spra­chen gezählt, wobei hier die ein­zel­nen län­der­ei­ge­nen Vari­an­ten des Spa­ni­schen nicht mit ein­be­zo­gen sind.

Zwei­spra­chi­ge Aus­ga­ben machen beson­ders dann Spaß, wenn man zumin­dest Grund­kennt­nis­se in den jewei­li­gen Spra­chen auf­wei­sen kann. An die­se Ziel­grup­pe scheint alba auch gerich­tet: Lite­ra­tur­in­ter­es­sier­te, die sich für Latein­ame­ri­ka begeis­tern kön­nen und offen dafür sind, sich von neu­en Tex­ten und For­ma­ten über­ra­schen zu las­sen. Sie bil­den sicher­lich einen Groß­teil der Leser­schaft.

Über­set­zun­gen in zwei­spra­chi­gen Publi­ka­tio­nen sind beson­ders inter­es­sant und unter­schei­den sich oft von ande­ren Über­set­zun­gen. Das Ori­gi­nal ist prä­sen­ter und gera­de Über­set­zer, die ger­ne ab und an etwas wei­ter vom Ori­gi­nal­text abwei­chen, wer­den immer sei­nen Schat­ten sehen. Zwei­spra­chi­ge Aus­ga­ben zei­gen den Über­set­zungs­pro­zess und machen ihn für die Leser anschau­lich, viel­leicht sogar nach­voll­zieh­bar, aber sie beein­flus­sen die­sen Pro­zess auch. Es ist, als wür­de die Leser­schaft dem Über­set­zer stän­dig über die Schul­ter schau­en. Dies hat die Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen der ein­zel­nen Bei­trä­ge in alba aber nicht davon abge­hal­ten der Idio­ma­tik ihrer Spra­che treu zu blei­ben:

Había cal­cu­la­do que podía ven­der el moli­no para maíz que había comp­ra­do para tra­ba­jar des­pués de que se le murie­ron todos los pol­los que tenía de cri­an­za en una sola olea­da de gri­pe avi­ar, pero desis­tió lue­go de que la seño­ra que acep­tó cui­dar a sus hijas le dijo que ese era el segu­ro de vida de sus niñas. Si algo llega­ba a pas­ar­le en ese via­je – no fue­ra a quer­er­lo Dios y no era que se lo dese­a­ra –, sus hijas podí­an seguir tra­ba­ján­do­lo y ten­drí­an para comer si ella fal­ta­ba.
Sie hat­te aus­ge­rech­net, sie könn­te die Mais­müh­le ver­kau­fen, die sie ange­schafft hat­te, um wei­ter arbei­ten zu kön­nen, als all ihre Hüh­ner bei einer Vogel­grip­pe gestor­ben waren, aber den Gedan­ken gab sie wie­der auf, als die Frau, die ihre Kin­der für die Zeit ver­sor­gen wür­de, sie dar­auf hin­wies, das sei die Lebens­ver­si­che­rung für die Töch­ter. Wür­de ihr irgend­et­was zusto­ßen auf der Rei­se – Gott bewah­re! – hät­ten die Mäd­chen mit der Müh­le ein Aus­kom­men, auch wenn sie nicht mehr wäre.

Ein Aus­schnitt von Clau­dia Hernán­dez‘ Roza, tum­ba, que­ma – einem Pro­sa­text, den Chris­ti­ne Quandt aus dem sal­va­do­ria­ni­schen Spa­nisch ins Deut­sche über­setzt hat, zeigt einen inter­es­san­ten Unter­schied zwi­schen den bei­den Spra­chen. Nor­ma­ler­wei­se kann man fast immer davon aus­ge­hen, dass der deut­sche Text län­ger ist, als die Über­set­zung. Doch Chris­ti­ne hat hier erkannt, dass der im sal­va­do­ria­ni­schen Spa­nisch aus zwölf Wör­tern bestehen­de Hin­weis an Got­tes All­ge­gen­wär­tig­keit im Deut­schen nicht mehr als zwei­er Wör­ter bedarf. Genau so wür­de man auf Deutsch sagen.

Mein per­sön­li­cher Favo­rit ist „A small place“, ein Text von Jamai­ca Kin­caid, aus dem anti­gua­ni­schen Eng­lisch über­setzt von Kari­na Theu­rer. Ich kann mich aber nicht ent­schei­den, ob mir die eng­li­sche, oder doch die deut­sche Fas­sung bes­ser gefällt.

If you go to Anti­gua as a tou­rist, this is what you will see. If you come by aero­pla­ne, you will land at the V.C. Bird Inter­na­tio­nal Air­port. Vere Corn­wall (V.C.) Bird is the Prime Minis­ter of Anti­gua. You may be the sort of Tou­rist who would won­der why a Prime Minis­ter would want an air­port named after him.
Wenn du auf Anti­gua Urlaub machst, könn­test du Fol­gen­des sehen. Wenn du im Flug­zeig anreist, wirst du auf dem V.C. Bird Inter­na­tio­nal Air­port lan­den. Vere Corn­wall (V.C.) Bird ist Anti­gu­as Pre­mier­mi­nis­ter. Viel­leicht gehörst du zu jener Sor­te Tou­ris­ten, die sich wun­dert, war­um ein Pre­mier­mi­nis­ter einen Flug­ha­fen nach sich benen­nen möch­te.

Die zwei­te Per­son wirkt für mich auf Eng­lisch ganz anders als auf Deutsch. Viel­leicht liegt es dar­an, dass Eng­lisch nicht mei­ne Mut­ter­spra­che ist, aber mit „Du“ füh­le ich mich direk­ter ange­spro­chen als mit einem eng­li­schen „you“. Die­se unter­schied­li­che Wir­kung macht die zwei­spra­chi­ge Aus­ga­be des Tex­tes beson­ders inter­es­sant, weil sie mir zeigt, wie ich mich als Lese­rin des deut­schen Tex­tes anders füh­le, als wenn ich die eng­li­sche Ver­si­on lese.

In dem Text geht es um Hei­mat und um Tou­ris­mus. Die Autorin betrach­tet ihre Hei­mat mit den Augen eines Frem­den und beglei­tet den Leser auf einer Rei­se über ihre Insel, nur um ihm am Ende ins Gesicht zu knal­len:

The thing you have always suspec­ted about yourself the minu­te you beca­me a tou­rist is true: A tou­rist is an ugly human being.
Was du immer schon ahn­test, im Augen­blick, als du zum Tou­ris­ten wur­dest, stimmt: Ein Tou­rist ist eine häss­li­che Krea­tur.

Bei Latein­ame­ri­ka denkt man erst­mal nicht an Anti­gua, an Zapo­te­kisch, oder an Gedich­te des deut­schen Schrift­stel­lers Paul Zech. Genau das ist das Schö­ne an alba – das Maga­zin ist so viel­fäl­tig wie der Kon­ti­nent selbst. Eine bun­te Mischung aus Text­for­men, The­men und doch ein roter Faden durch den Bezug zu Latein­ame­ri­ka. Das Maga­zin gibt es seit 2012, es erscheint zur­zeit ein­mal jähr­lich (scha­de, dass es nicht öfter ist) und kos­tet 10 € pro Exem­plar. Wenig Geld für viel Kunst.

alba. latein­ame­ri­ka lesen. 11. Aus­ga­be. Juni 2018.

160 Sei­ten ⋅ 10 Euro

www.albamagazin.de/product-page/alba11

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