Der Wider­spens­ti­gen Zäh­mung

Ottessa Moshfeghs Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" besticht durch Sprachwitz und eine unkonventionelle Protagonistin. Die deutsche Übersetzung von Anke Caroline Burger gerät jedoch zu brav. Von

Auch Göttinnen brauchen mal eine Pause. Giorgione und Tizian: Schlummernde Venus, 1508/1510. Quelle: WikiCommons.

In der Lite­ra­tur haben Frau­en schon immer viel geschla­fen – vie­le von ihnen unfrei­wil­lig. Man den­ke an Dorn­rös­chen, Shake­speares Juliet oder Lewis Car­rolls Ali­ce. Im Gegen­satz zu die­sen Weg­be­rei­te­rin­nen möch­te die namen­lo­se Prot­ago­nis­tin in Ottes­sa Mosh­feghs eigen­wil­li­gen Roman Mein Jahr der Ruhe und Ent­span­nung gar nichts ande­res mit ihrem Leben anfan­gen als zu schla­fen.

Also beschließt sie „Win­ter­schlaf“ zu hal­ten und mit Hil­fe einer außer­or­dent­li­chen Viel­zahl von Schlaf­mit­teln den Groß­teil des Jah­res in einem Däm­mer­zu­stand zu ver­brin­gen, in dem sie mög­lichst wenig vom eige­nen Leben mit­be­kom­men kann. Das Gan­ze könn­te eine Aus­stei­ger­fa­bel aus weib­li­cher Per­spek­ti­ve sein – wäre die Prot­ago­nis­tin nicht wohl­ha­bend und über­durch­schnitt­lich attrak­tiv (wie sie selbst immer wie­der betont) und somit in Ame­ri­kas neo­li­be­ra­lem Zen­trum, New York, gesell­schaft­lich akzep­tiert.

Mosh­feghs Prot­ago­nis­tin, die gleich­zei­tig auch die Erzäh­le­rin des Romans ist, müss­te man eigent­lich unsym­pa­thisch fin­den. Die Bit­ter­keit und Ver­ach­tung, mit der sie über die New Yor­ker Kunst­sze­ne, die intel­lek­tu­el­le Eli­te, ihre Eltern und ihre weni­gen Freun­de läs­tert, wir­ken in einem Jahr­zehnt der beschö­ni­gen­den Insta­gram-Fil­ter fast schon befremd­lich. Dass der Roman den­noch funk­tio­niert, ist das gro­ße Ver­dienst der Autorin, die hier ihr gan­zes sprach­li­ches Kön­nen unter Beweis stellt. Mosh­feghs Ori­gi­nal­spra­che ist über­aus prä­zi­se, der Ton ihrer Erzäh­le­rin tro­cken, stel­len­wei­se lako­nisch.

Die deut­sche Über­set­zung von Anke Caro­li­ne Bur­ger gelingt am bes­ten, wenn die Erzähl­stim­me zur Ruhe kommt und die eige­ne Erfah­rungs­welt in schlich­ter Spra­che reflek­tiert. Sol­che Pas­sa­gen gibt es in dem Roman genü­gend und bie­ten der Über­set­ze­rin die Gele­gen­heit, ihr Kön­nen unter Beweis zu stel­len. Es ist eben­so der Über­set­ze­rin zu ver­dan­ken, dass man sich als Lese­rin der deut­schen Fas­sung von die­ser durch­aus gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Erzäh­le­rin durch die Geschich­te füh­ren lässt. Bur­ger gelingt es, die eigen­wil­li­gen Cha­rak­te­re auch in der Über­set­zung nicht zu blo­ßen Kari­ka­tu­ren ver­kom­men zu las­sen, was kein gerin­ges Ver­dienst ist.

Lei­der schmä­lern jedoch sprach­li­che Unge­nau­ig­kei­ten, die vor allem bei der Über­set­zung der wit­zigs­ten und sati­rischs­ten Stel­len des Romans zum Vor­schein kom­men, die Qua­li­tät der deut­schen Fas­sung. Bei genaue­rer Lek­tü­re der Über­set­zung stößt man unfrei­wil­lig auf eini­ge Dis­so­nan­zen, die man zunächst als Klei­nig­kei­ten abtun möch­te. In ihrer Sum­mie­rung haben die­se aller­dings so gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen, dass sie die Figu­ren­zeich­nung beein­flus­sen und die Komik des Romans abschwä­chen.

Deut­lich wird dies bei­spiels­wei­se an fol­gen­der Stel­le:

She’d buy a sin­gle cho­co­la­te at the Go-diva store, then we’d walk around all the shops and my mother would call things „cheap“ and „hick-style“ and „a blou­se for the Devil’s who­re.“ She kind of came ali­ve at the per­fu­me coun­ter. „This one smells like a hooker’s pan­ties“.
Sie spen­dier­te mir eine ein­zi­ge Pra­li­ne bei der Codi­va-Con­fi­se­rie, dann sahen wir uns aus­gie­big in den Läden der Shop­ping Mall um. Mei­ne Mut­ter nann­te alles „bil­lig“ und „geschmack­los“ und „Klei­dung für des Teu­fels Hure“. In der Par­füm­ab­tei­lung kam sogar rich­tig Leben in sie. „Hier stinkt’s ja wie im Slip einer Bord­stein­schwal­be“.

Es ist nur schwer nach­voll­zieh­bar, war­um die Über­set­ze­rin hier einen so blu­mi­gen – wenn auch ver­brei­te­ten – Euphe­mis­mus wie „Bord­stein­schwal­be“ gewählt hat. Das Wort passt weder so recht zur Erzäh­le­rin, die sich gern und groß­zü­gig an dem vul­gä­ren Voka­bu­lar der Neu­zeit bedient, noch zu deren Mut­ter, die ihre Toch­ter, sofern sie sie nicht gänz­lich ver­nach­läs­sigt, von klein auf als eben­bür­ti­ge Erwach­se­ne behan­delt und vor die­ser kein Blatt vor den Mund nimmt. Dies wird in der vor­an­ge­stell­ten Auf­zäh­lung mehr als deut­lich. Zumal die deut­sche Über­set­zung an die­ser Stel­le auch die Komik des Ori­gi­nals, in dem eine Mut­ter im kon­ser­va­ti­ven Ame­ri­ka Wor­te wie „who­re“ oder „hoo­ker“ unver­blümt den Mund neh­men darf, nicht gekonnt über­trägt.

Sol­che klei­nen, sprach­li­chen Ver­feh­lun­gen, die den Ton der Vor­la­ge nicht ganz tref­fen, möch­te man gern ent­schul­di­gen, doch lei­der han­delt es sich dabei nicht um Ein­zel­fäl­le. Über­set­zun­gen wie die­se müss­ten eigent­lich jeden moder­nen Leser stut­zig machen:

Reva often spo­ke about „sett­ling down.“ That sound­ed like death to me.
Reve rede­te oft davon, sie wol­le end­lich „soli­de wer­den“. Für mich klang das wie ein Todes­ur­teil.

Eine Rede­wen­dung wie „sett­ling down“, die so tief im ame­ri­ka­ni­schen Lie­bes­jar­gon ver­wur­zelt ist, mag schwer über­setz­bar schei­nen. Man muss jedoch nur kurz ver­su­chen, sich die deut­schen Pen­dants zu die­ser in New York leben­den, hoch gebil­de­ten, in der Kunst­sze­ne arbei­ten­den 26-Jäh­ri­gen Erzäh­le­rin und ihrer bes­ten Freun­din Reva vor­zu­stel­len. Es ist unwahr­schein­lich, dass zwang­haft unver­krampf­te Ber­li­ner Mitt­zwan­zi­ger Aus­drü­cke wie „soli­de wer­den“ in ihrem Sprach­ge­brauch haben.

Am deut­lichs­ten hör­bar sind sol­che Dis­so­nan­zen in der Über­set­zung einer der wohl komischs­ten Stel­len des Romans – einer meis­ter­haf­ten, bit­ter­bö­sen Abrech­nung mit dem männ­li­chen New Yor­ker Hip­ster­tum:

I’d choo­se him a mil­li­on times over the hips­ter nerds I’d see around town and at the gal­le­ry. In col­le­ge the art histo­ry depart­ment had been rife with that spe­ci­fic brand of young male. An „alter­na­ti­ve“ to the main­stream frat boys and pre­med strai­ght and nar­row guys, the­se scho­l­ar­ly, charm­less, intel­lec­tu­al brats domi­na­ted the more crea­ti­ve depart­ments. As an art histo­ry major, I couldn’t escape them. „Dudes“ rea­ding Nietz­sche on the sub­way […] when I’d been at par­ties with them, or out at bars, they’d igno­re me. They were so self-serious and dis­trac­ted with their look-ali­ke com­pa­n­ions that you’d think they were wrest­ling with a decisi­on of such high sta­kes, the world might explo­de. They wouldn’t be dis­trac­ted by „pus­sy,“ they would have me belie­ve. The truth was pro­bab­ly that they were just afraid of vagi­nas, afraid that they’d fail to under­stand one as pret­ty and pink as mine…
[Tre­vor] war gepflegt, sport­lich, selbst­be­wusst und mir tau­send Mal lie­ber als die Hips­ter, die mir in der Stadt oder der Gale­rie begeg­ne­ten. Bei uns im Fach­be­reich Kunst­ge­schich­te hat­te es nur so vor sol­chen „Alter­na­ti­ven“ gewim­melt. Die waren viel­leicht anders als die 08/15-Bur­schen­schaft­ler und lang­wei­li­gen Stre­ber­ty­pen, aber sie besa­ßen null Charme und gin­gen einem mit ihrem intel­lek­tu­el­len Geha­be auf die Ner­ven. In den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten traf man sie über­all, und im Haupt­fach Kunst­ge­schich­te gab es erst recht kein Ent­kom­men. In der U‑Bahn lasen sie Nietz­sche […] Auf Par­tys oder in Bars wur­de ich von sol­chen Män­nern kon­se­quent igno­riert. Sie waren so in ihre ernst­haf­ten Män­ner­ge­sprä­che ver­tieft, dass man mei­nen soll­te, unglaub­lich wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen stün­den an an, und wenn sie nicht gefällt wür­den, gin­ge die Welt unter. Sie woll­ten einem weis­ma­chen, dass sie sich von so etwas Bana­lem wie „Sex“ nicht ablen­ken lie­ßen. In Wahr­heit hat­ten sie wahr­schein­lich Angst vor weib­li­chen Geschlechts­or­ga­nen, hat­ten Angst, dass sie eine schö­ne, rosi­ge Muschi wie mei­ne nicht ver­ste­hen wür­den…

Ob „main­stream frat boy and pre­med nar­row and strai­ght guys” hier wirk­lich adäquat über­setzt wor­den sind, ist durch­aus frag­lich. War­um das iro­ni­sche „dudes“ und auch das Wort „brats“ gänz­lich unter­schla­gen wur­de, bleibt eben­falls unklar, da sich auch im Deut­schen für bei­de Begrif­fe Gegen­stü­cke fin­den las­sen. All dies sind jedoch Nach­läs­sig­kei­ten, die man noch ver­zei­hen will.

Die Über­set­ze­rin hat gar nicht erst ver­sucht das Wort „pus­sy“ ins Deut­sche zu über­tra­gen, son­dern ein­fach durch das Wort „Sex“ ersetzt. Das ist nicht nur ent­täu­schend, son­dern auch inhalt­lich pro­ble­ma­tisch. Denn in dem Absatz geht es gar nicht um die Sex-Aver­si­on männ­li­cher Hips­ter, son­dern um deren frau­en­ver­ach­ten­des Ver­hal­ten, das sie mit Hil­fe gespiel­ter Sen­si­bi­li­tät und ihres Pseu­do-Intel­lekts ver­schlei­ern. Dies wird bereits im vor­he­ri­gen Satz offen­sicht­lich, zumal die Anfüh­rungs­zei­chen andeu­ten, dass die Erzäh­le­rin die männ­li­che Hip­ster­spra­che imi­tiert.

Der abwer­ten­de Begriff „pus­sy“ degra­diert Frau­en zu sexu­el­len Objek­ten  und wur­de von Mosh­fegh sicher­lich bewusst ver­wen­det, um die ver­meint­lich Alter­na­ti­ven als ver­steck­te Machos zu ste­reo­ty­pi­sie­ren. Dass dies in der Über­set­zung gänz­lich ver­lo­ren geht, ist bedau­erns­wert. Mög­lich ist, dass die Über­set­ze­rin ihr Voka­bu­lar für weib­li­che Geschlechts­or­ga­ne auf­he­ben und lie­ber im nächs­ten Satz ein­streu­en woll­te. Doch auch die deut­sche Spra­che hat mehr an abwer­ten­den und poin­tier­ten Bezeich­nun­gen zu bie­ten als es die Über­set­zung des Romans sug­ge­riert – das haben Autorin­nen wie Elfrie­de Jeli­nek oder Char­lot­te Roche zu Genü­ge bewie­sen.

Sobald die Mosh­fegh die Spra­che einer des­il­lu­sio­nier­ten und zyni­schen 26-jäh­ri­gen imi­tiert, wirkt die deut­sche Über­set­zung alt­mo­disch. Es scheint, als habe sich die Über­set­ze­rin an den ent­schei­den­den Stel­len von der Obs­zö­ni­tät und Moder­ni­tät der Ori­gi­nal­spra­che ein­schüch­tern las­sen. „Let me be a cold bitch“ wird etwas unge­lenk  als „Ich war gern die eis­kal­te Trul­la“ über­setzt, die „heorindünne[n] Zwil­lin­ge“, die sich im Ori­gi­nal noch ein „high five“ geben dür­fen, klat­schen sich in der Über­set­zung ab, und der „spit-cove­r­ed penis“ muss in der Über­set­zung ohne Epi­the­ton aus­kom­men. Das hat zur Fol­ge, dass die Über­set­zung dem schwar­zen Humor der Vor­la­ge nicht gerecht wird und der Roman an Ori­gi­na­li­tät ein­büßt.

Ein ver­glei­chen­der Blick auf die ame­ri­ka­ni­sche Cover­ge­stal­tung lässt den Ver­dacht auf­kom­men, dass der Ver­lag bei der Zäh­mung des Ori­gi­nals sei­ne Fin­ger im Spiel hat­te und auf alles Grel­le und Unge­stü­me ver­zich­ten woll­te. Das deut­sche Cover, rosa statt neon­pink, passt zur Über­set­zung: Weni­ger Pop Art, mehr deut­sches Bie­der­mei­er.

Ottes­sa Moshfegh/Anke Caro­li­ne Bur­ger: Mein Jahr der Ruhe und Ent­span­nung. (Im eng­li­schen Ori­gi­nal: My Year of Rest and Rela­xa­ti­on)

Lie­bes­kind 2018 ⋅ 320 Sei­ten ⋅ 22 Euro

https://www.liebeskind.de/buecher/neuerscheinungen/item/mein-jahr-der-ruhe-und-entspannung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.