Lass kra­chen

Die Literaturwissenschaft hat die Geschichte der Übersetzung so gut wie vergessen. Ein Glück, denn das gibt Übersetzerinnen und Übersetzern die Möglichkeit, selbst auf die Suche zu gehen. Von

Phlipp Harsdörffers "Fünffacher Denckring der Teutschen Sprache" aus dem Band "Philosophische und Mathematische Erquickstunden" (Nürnberg 1651). Er enthält in fünf gegeneinander verdrehbaren Scheiben (von innen nach außen) Vorsilben, Anfangs-, Mittel- und Endbuchstaben sowie Nachsilben. Damit lassen sich ca. 83 Mio. verschiedene Neologismen zusammensetzen, wie z.B. "Hybisch", "Ziepschafft", "blasch" etc. Der Denckring steht im Internet auch als digitale Wortfindungsmaschine zur Verfügung. Bildquelle: Wikimedia.

Das lite­ra­ri­sche Über­set­zen ist zwei­fels­oh­ne eine anspruchs­vol­le kul­tu­rel­le Tech­nik. Es ist aber auch zugleich kör­per­los, gera­de­zu unfass­bar. Wie ein schim­mern­des Spie­gel­bild im See wird es umso unkla­rer, je näher man ihm kommt, und zer­rinnt beim Ver­such, es zu fas­sen, zwi­schen den Fin­gern. Was von Fer­ne ein­deu­tig erscheint – Wör­ter­bü­cher!, Lexi­kon­ar­ti­kel!, Kom­pen­di­en! – ver­flüs­sigt sich bei genaue­rem Hin­se­hen bis zur völ­li­gen Auf­lö­sung. Und so schei­tern Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer mit schö­ner Regel­mä­ßig­keit dar­an, das Geheim­nis ihres Tuns Außen­ste­hen­den zu erklä­ren, die dann den Kopf schüt­teln, ver­wun­dert dar­über, dass man so lan­ge über sei­nen Tex­ten brü­tet, wenn man doch – „heut­zu­ta­ge“ – auch ein­fach alles bei Goog­le oder DeepL ein­ge­ben kön­ne.

Sol­chen Kopf­schütt­lern ist es wohl zu ver­dan­ken, dass das Über­set­zen bis heu­te die ein­zi­ge künst­le­ri­sche Dis­zi­plin ohne Geschich­te geblie­ben ist. Man kann das Über­set­zen inzwi­schen stu­die­ren (an zwei Uni­ver­si­tä­ten in Deutsch­land, und län­ger als drei­ßig Jah­re ist auch das nicht her), aber eine Geschich­te des Lite­ra­ri­schen Über­set­zens wird man in den dor­ti­gen Stu­di­en­plä­nen ver­geb­lich suchen.

Wenn über­haupt, dann ver­wech­selt man dort die Geschich­te der Theo­rie des Über­set­zens mit der Geschich­te des Über­set­zens selbst; ein selt­sa­mer Kate­go­ri­en­feh­ler, denn schließ­lich ist Lite­ra­tur­ge­schich­te doch etwas ganz ande­res als die Geschich­te der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft. Nur beim Über­set­zen wird das unrich­ti­ger­wei­se gleich­ge­setzt.

Über die Grün­de für die­se bei genaue­rem Hin­se­hen unglaub­li­che Leer­stel­le im lite­ra­ri­schen Gedächt­nis kann man lan­ge sin­nie­ren. Sinn­vol­ler aber, ungleich pro­duk­ti­ver, kann man sei­ne Zeit aber mit eige­nen Erkun­dungs­gän­gen durch die rei­che Geschich­te des lite­ra­ri­schen Über­set­zens ver­brin­gen. Hier fin­det der geneig­te Leser schier unglaub­li­che unge­ho­be­ne Schät­ze, die neu­gie­ri­ge Phi­lo­lo­gin rie­si­ge uner­schlos­se­ne For­schungs­ge­bie­te und die welt­zu­ge­wand­ten Über­set­zer einen uner­schöpf­li­chen Vor­rat an Vor­bil­dern und Anknüp­fungs­punk­ten.

Zwölf sol­cher Erkun­dungs­gän­ge lie­gen nun in dem im Ver­lag Mat­thes & Seitz erschie­ne­nen Band „Zai­ten­klän­ge. Geschich­ten aus der Geschich­te der Über­set­zung“ vor, der von Marie Lui­se Knott, Tho­mas Bro­vot, Ulrich Blu­men­bach und Jür­gen Jakob Becker her­aus­ge­ge­ben wur­de.

Drei Über­set­ze­rin­nen und fünf Über­set­zer, eine Schrift­stel­le­rin, ein His­to­ri­ker, eine Künst­le­rin und ein Rechts­an­walt bie­ten in dem Sam­mel­band Ein­bli­cke in die Geschich­te des Über­set­zens, nach deren Lek­tü­re es jeder Lese­rin, jedem Leser in den Ohren sau­sen und brau­sen wird.

Man stel­le sich vor, eini­ge Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler fän­den sich zusam­men, eine Antho­lo­gie mit „Geschich­ten aus der Geschich­te der Lite­ra­tur“ zu ver­fas­sen. Bei einem sol­chen Vor­ha­ben mutier­te wohl jeder selbst zu einem der ein­gangs kri­ti­sier­ten Kopf­schütt­ler, und das ange­sichts etli­cher Regal­ki­lo­me­ter Lite­ra­tur­ge­schichts­schrei­bung wohl zu Recht. Hier aber ist es anders. Die­se muti­gen zwölf sind Pio­nie­re, die in wei­test­ge­hend uner­forsch­tes Gelän­de vor­sto­ßen. Ent­spre­chend regel­mä­ßig wird auf „mage­re Über­lie­fe­rung“ oder wei­ter­ge­hen­de For­schung, die es „lei­der nicht gibt“, ver­wie­sen.

Und so ent­beh­ren die Bei­trä­ge, die sich mit Über­set­zungs­ge­schich­ten aus vier Jahr­hun­der­ten befas­sen, glück­li­cher­wei­se jener aka­de­mi­schen Schraub- (nein, Leer­lauf-)Spra­che, die in den tau­mel­krei­selnd sinn­kri­seln­den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten mehr und mehr um sich greift. Statt­des­sen ent­deckt man in den Geschich­ten von frü­her etwas Über­ra­schen­des: Pra­xis! Gegen­warts­be­zug! Anwend­bar­keit!

Was der uni­ver­si­tär betrie­be­nen soge­nann­ten Trans­la­ti­ons-Wis­sen­schaft ent­ge­hen muss­te, ande­rer­seits aber jenen, die – wie die in die­sem Band Ver­sam­mel­ten – selbst Tag für Tag an der Spra­che wer­keln und fei­len, gar nicht ent­ge­hen konn­te, rückt hier in den Mit­tel­punkt: Über­set­zen, das ist in ers­ter Linie ein Tun.

Und in etwa so wie die Archi­tek­tur­ge­schich­te eines Mau­rers, der sich weni­ger dafür inter­es­siert, wel­che „sozio-ästhe­ti­schen Para­dig­ma­ta his­to­ri­scher Mate­ria­li­tät“ sich an einem Gie­bel mani­fes­tie­ren, son­dern eher, sagen wir, wie man damals die Kel­le gehal­ten hat, muss man sich auch die­ses Unter­fan­gen vor­stel­len.

Genau­so, wie ein Mau­rer des 21. Jahr­hun­derts mehr mit einem Mau­rer des 17. zu bespre­chen hät­te als ein Archi­tek­tur­his­to­ri­ker, so hat der Band dort sei­ne Stär­ken, wo die Bei­trä­ge das Heu­te und das Frü­her ins Gespräch brin­gen. Exem­pla­risch führt dies die Über­set­ze­rin Susan­ne Lan­ge durch, die in ihrem Por­trait der „Frucht­brin­gen­den Gesell­schaft“ aus dem 17. Jahr­hun­dert ein jahr­hun­der­te­über­grei­fen­des Über­set­zer­tref­fen her­bei­ima­gi­niert und zu dem Schluss kommt:

Viel­leicht ist das Vor­bild der Frucht­brin­gen­den Gesell­schaft auch ein Hin­weis dar­auf, was heu­te ein Über­set­zer­fonds leis­ten könn­te: den Aus­tausch nicht nur der Über­set­zer, son­dern auch der Schrift­stel­ler und ande­ren Sprach­wer­ker – über die Zei­ten und Spra­chen hin­weg –, damit in ein viel­leicht all­zu ver­fes­tig­tes Sprach­ge­bäu­de wie­der Leben und Wan­del kommt.

Dass das hier so kon­kret for­mu­liert wird, hat einen Grund: Anlass für die Samm­lung die­ser höchst­per­sön­li­chen Stich­pro­ben in den Tie­fen­schich­ten des Über­set­z­er­we­sens war näm­lich das 20. Jubi­lä­um besag­ten Über­set­zer­fonds. Man­che der Bei­trä­ge wur­den dort auf der Büh­ne vor­ge­tra­gen oder vor­ge­stellt.

Man spürt den typisch über­set­ze­ri­schen Geist die­ses Fest­ak­tes noch nach über einem Jahr durch die­ses Buch wehen. Fast fühlt man sich in die Fei­er­stun­de selbst zurück­ver­setzt: Lehr­reich liest sich das alles (Gelehr­sam­keit steht Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern nie schlecht zu Gesicht), aber hei­ter (wer sich selbst zu ernst nimmt, hat noch nie gut über­setzt).

So hebt der Band an mit einer Ehren­re­de der Schrift­stel­le­rin Feli­ci­tas Hop­pe, die ein Lob­lied auf die Töl­pel singt und erstaun­li­che Par­al­le­len zur Zunft der inter­pre­ter/intöl­pel­ter zu kon­stru­ie­ren weiß:

Kann es ein schö­ne­res Wap­pen­tier geben für eine Zunft, die, welt­weit ver­tre­ten, seit ewi­gen Zei­ten flie­gend und schwim­mend mit sämt­li­chen Ele­men­ten auf ein­mal kämpft und dabei kei­ne Sekun­de ihre Aus­sicht auf Beu­te aus den Augen ver­liert; eine bekannt­lich ziem­lich schlüpf­ri­ge Beu­te, denn wel­cher Dich­ter­fisch will schon gefan­gen wer­den?

Mit die­ser furio­sen Ein­lei­tung ist der Ton gesetzt für elf wei­te­re Bei­trä­ge, die wirk­lich alles aus­tes­ten, was zwi­schen zwei Sach­buch­de­ckeln so denk­bar ist.

Das sta­bi­le Gerüst des klug zusam­men­ge­stell­ten Sam­mel­ban­des bil­den die äußerst geschichts­kun­di­gen Ana­ly­sen aus vier Jahr­hun­der­ten Über­set­zungs­his­to­rie. Es beginnt (der sonst omni­prä­sen­ten Luther war schon in einem frü­he­ren Band der Betei­lig­ten das zen­tra­le The­ma gewe­sen) bei Susan­ne Lan­ges schon erwähn­tem Bei­trag über die Frucht­brin­gen­de Gesell­schaft, die im 17. Jahr­hun­dert die Kunst der Über­set­zung als wich­ti­ge Kul­tur­in­jek­ti­on für den deut­schen Sprach­raum betrach­te­ten und das Über­set­zen als sprach­spie­le­ri­sche und vor allem ‑schöp­fe­ri­sche Ange­le­gen­heit betrach­te­ten. Den Denck­ring, den wir zur Illus­tra­ti­on die­ses Bei­trags ver­wen­det haben, ent­stammt der Über­set­z­er­werk­statt.

Chro­no­lo­gisch folgt Josef Wini­gers Text über Moses Men­dels­sohn und Les­sing, die mit ihren Brie­fen, die neu­es­te Lite­ra­tur betref­fend im 18. Jahr­hun­dert zum ers­ten Mal auch sys­te­ma­tisch Über­set­zungs­kri­tik betrie­ben (ein TraLaLit avant la lett­re, gewis­ser­ma­ßen). Chris­ti­an Adam gibt ein Über­blick über  die kurio­se Rol­le über­setz­ter Lite­ra­tur im NS-Regime und Fer­di­nand Melichar berich­tet, teils aus eige­ner Erfah­rung, über die Geschich­te des Urhe­ber­rechts und wie es dazu kam, dass Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer den Autorin­nen heut­zu­ta­ge zumin­dest urhe­ber­recht­lich gleich­ge­stellt sind.

Rund um die­se infor­ma­ti­ven Bei­trä­ge grup­pie­ren sich per­sön­li­che Hom­ma­gen und Bio­gra­fien von Über­set­zer­per­sön­lich­kei­ten aus der Ver­gan­gen­heit. Andre­as Tret­ners lie­be­voll-minu­tiö­ses Por­trät der Rus­sisch-Über­set­ze­rin Hil­de Anga­rowa, Ulja­na Wolfs gelehrt rau­nen­des Lob­lied auf den Sprach­ex­pe­ri­men­ta­tor John Hul­me und Marie Lui­se Knotts Ein­füh­rung in Peter Urbans Über­set­zer­nach­lass fal­len in die­se Kate­go­rie. Sie füh­ren ein­drück­lich vor Augen, dass die, die sich mit der Neu­schöp­fung von Spra­che beschäf­ti­gen, höchst inter­es­san­te Per­sön­lich­kei­ten sind, an denen die Lite­ra­tur­ge­schichts­schrei­bung zu oft geflis­sent­lich vor­bei­ge­se­hen hat.

Und damit kei­ner glau­be, Über­set­zer sei­en zu kei­ner eige­nen Schöp­fung in der Lage, run­det eine drit­te „Kate­go­rie“ von Bei­trä­gen den Band ab, die sich kaum kate­go­ri­sie­ren lässt. Sie alle spie­len mit dem sprach­wis­sen­schaft­li­chen Ges­tus der umge­ben­den Bän­de, heben sich aber zugleich von ihm ab. Andre­as Jandl betreibt mit sei­ner Kor­re­la­ti­ons­anayl­se zwi­schen Brü­cken­ar­chi­tek­tur und Lite­ra­tur­über­set­zung unter­halt­sa­men Nerd-Non­sens. Chris­ti­an Han­sen träumt sich aus sei­nem Kul­tur­schaf­fen­den­da­sein so weit weg, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wo man ist. Ulf Stol­ter­foht dekon­stru­iert in sei­nem Gedicht­zy­klus dicke hose dah­lem im Hand­um­dre­hen 300 Jah­re Über­set­zungs­theo­rie (der Titel die­ser Rezen­si­on ent­stammt dem letz­ten Vers im letz­ten Gedicht des Ban­des). Und die Künst­le­rin Nan­ne Mey­er greift den sprach­spie­le­ri­schen Unter­ton in ihrem gra­fi­schen Essay Ver-Zeich­nun­gen auf.

Das ist bunt, das ist leben­dig, das ist viel­fäl­tig, das sprengt die Gren­zen des Gen­res „Sam­mel­band“, und das Wich­tigs­te: Das ist auf kei­ner Sei­te lang­wei­lig, weil die Autorin­nen und Autoren sich im bes­ten Sin­ne mit ihrer Sache gemein machen. In die­sem Fall der Sprach-Sache. Sie haben ja auch eini­ges gemein mit den Über­set­ze­rin­nen und ‑ern, über die sie da schrei­ben: Die Spra­che – und die Sache.

Den von Susan­ne Lan­ge erho­be­nen Anspruch, „in ein viel­leicht all­zu ver­fes­tig­tes Sprach-[und ich möch­te hin­zu­fü­gen: Gedanken-]gebäude wie­der Leben und Wan­del zu brin­gen“, den löst die­ser Sam­mel­band schon im Allein­gang ein. Wenn das der Auf­takt für zwan­zig wei­te­re Jah­re Deut­scher Über­set­zer­fonds gewe­sen ist, dürf­te noch so man­ches Gebäu­de ins Leben, Wan­deln und viel­leicht sogar Wan­ken kom­men.

Marie Lui­se Knott, Tho­mas Bro­vot, Ulrich Blu­men­bach, Jür­gen Jakob Becker (Hrsg.): Zai­ten­klän­ge. Geschich­ten aus der Geschich­te der Über­set­zung

Mat­thes & Seitz 2018 ⋅ 264 Sei­ten ⋅ 20 Euro

www.matthes-seitz-berlin.de/buch/zaitenklaenge.html?lid=3

4 Comments

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  1. 1
    Larisa Schippel

    Lie­ber Herr Püt­ter,
    dan­ke für Ihre Buch­vor­stel­lung, ich habe es auch bestellt, denn es scheint ja inter­es­san­te Bei­trä­ge von inter­es­san­ten Über­set­ze­rIn­nen zu ent­hal­ten.
    Was ich mich aller­dings bei der Lek­tü­re Ihrer Bespre­chung gefragt habe, ist, war­um es immer wie­der so ein vehe­men­tes Inter­es­se von Über­set­ze­rIn­nen gibt, par­tout den seit lan­gem wohl eta­blier­ten Schein­dis­sens zwi­schen Übersetzungswissenschaft/Translationswissenschaft und Über­set­zen auf­recht zu erhal­ten und stets mit neu­en Halb­wahr­hei­ten zu besie­geln.
    Nun schei­nen Sie ja einen umfas­sen­den Über­blick über die Leh­re an den ein­schlä­gi­gen Uni­ver­si­tä­ten zu haben: „Man kann das Über­set­zen inzwi­schen stu­die­ren (an zwei Uni­ver­si­tä­ten in Deutsch­land, und län­ger als drei­ßig Jah­re ist auch das nicht her), aber eine Geschich­te des Lite­ra­ri­schen Über­set­zens wird man in den dor­ti­gen Stu­di­en­plä­nen ver­geb­lich suchen.“ Neben­bei, in D sind es fünf, an denen man Über­set­zen stu­die­ren kann! – Leip­zig, Hei­del­berg, Mainz-Ger­mers­heim, Saar­brü­cken und ja, auch Mün­chen… Mein Über­blick ist da beschei­de­ner, aber dafür viel­leicht auch euro­päi­scher, ande­rer­seits… Wenn man den deutsch­spra­chi­gen Raum wenigs­tens noch dazu näh­me, fin­det mal seit etwa 15 Jah­ren eine inten­si­ve trans­la­ti­ons-/über­set­zungs­wis­sen­schaft­li­cher For­schung an den Uni­ver­si­tä­ten Hei­del­berg, Mainz-Ger­mers­heim (mit dem Auf­bau eines digi­ta­len Über­set­zer­le­xi­kons), Leip­zig (inso­weit weiß ich es), aber auch an den öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tä­ten in Wien und Graz wird inten­si­ve über­set­zungs­his­to­ri­sche For­schung betrie­ben, ganz zu schwei­gen von ande­ren euro­päi­schen Uni­ver­si­tä­ten im nicht-deutsch­spra­chi­gen Raum, etwa in Bel­gi­en, in Ita­li­en, Slo­ve­ni­en uvam. Ganz zu schwei­gen vom außer­eu­ro­päi­schen Raum.

    Aber auch in der For­schung ken­nen Sie sich ja gut aus: „Wenn über­haupt, dann ver­wech­selt man dort die Geschich­te der Theo­rie des Über­set­zens mit der Geschich­te des Über­set­zens selbst; ein selt­sa­mer Kate­go­ri­en­feh­ler…“.

    VIel­leicht schau­en Sie ja noch mal nach? Lesen das Eine oder das Ande­re viel­leicht auch (noch mal)? Wir mögen ja als Wis­sen­schaft­le­rIn­nen beschränkt, vor allem aber mit „jener aka­de­mi­schen Schraub- (nein, Leerlauf-)Sprache“ geseg­net sein. Aber stel­len Sie sich vor: Wir haben vor Jah­ren schon das Feh­len einer Über­set­zungs­ge­schich­te bemerkt, womög­lich einer (nicht-natio­nal begrenz­ten) Kul­tur­ge­schich­te des Über­set­zens. Und stel­len Sie sich wei­ter vor (auch wenn es Ihnen schwer­fal­len wird): Wir haben uns an die Arbeit gemacht! Und wir haben dazu publi­ziert und Pro­jek­te in Angriff genom­men. Man kann das nach­le­sen!

    Und im Übri­gen: Vie­le von uns sind außer­dem auch noch Über­set­ze­rIn­nen. Aber das alles muss man nicht wis­sen, wenn man sich in Bon-mots über Wis­sen­schaft und For­schung son­nen möch­te. Wie heißt es immer? Die tro­cke­ne Theo­rie! Und wer es sich auf dem brei­ten Pla­teau des Wis­sen­schaft­ler-Bashings ein­mal gemüt­lich gemacht, fühlt sich in einer Mehr­heit gut auf­ge­ho­ben…

    • 2
      Felix Pütter

      Lie­be Frau Schip­pel,
      herz­li­chen Dank für Ihren Kom­men­tar. Da Sie unzwei­fel­haft Recht haben, las­se ich ihn im Wesent­li­chen unkom­men­tiert, will nur auf zwei Umstän­de hin­wei­sen, die mir recht wich­tig sind.

      1. Ich bin kein Über­set­zer.
      2. Mein Hin­weis auf das Feh­len einer Über­set­zungs­ge­schich­te bezog sich mit­nich­ten, wie Sie ver­mu­ten, auf das gan­ze Feld der Über­set­zungs­wis­sen­schaft, son­dern auf die zwei (ja, zwei) Orte, an denen man in Deutsch­land lite­ra­ri­sches Über­set­zen stu­die­ren kann, näm­lich Düs­sel­dorf und Mün­chen, die mir aus ers­ter bzw. zwei­ter Hand bekannt sind. Das steht übri­gens auch so im Text.
      3. Ich spre­che der Über­set­zungs­wis­sen­schaft nicht die Exis­tenz, son­dern die Rele­vanz ab – für die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft im Beson­de­ren, wie auch aus dem aller­ers­ten Satz der vor­an­ge­stell­ten Ein­lei­tung deut­lich wer­den dürf­te, fer­ner aber auch für das Leben im All­ge­mei­nen. Das ist, so viel geste­he ich ein, ein har­sches Wert­ur­teil, aber anders als Exis­tenz ist Rele­vanz zu mei­nem Glück nicht objek­tiv beleg­bar. Inso­fern kön­nen wir uns in die­sem Punkt ger­ne unei­nig einig sein. Ich wür­de mich aber ger­ne eines Bes­se­ren beleh­ren las­sen.

      Ich will nun jedoch kei­ne Kei­le zwi­schen jene trei­ben, die sich mit der ehren­wer­ten Sprach-Sache der Über­set­zung beschäf­ti­gen. Wenn wir uns – und das unter­stel­le ich jedem, der sich mit die­sem The­ma beschäf­tigt – gemein­sam auf die gro­ße Revo­lu­ti­on der Lite­ra­tur vor­be­rei­ten wol­len, dann soll­ten wir das gemein­sam tun. Auf die Revo­lu­ti­on der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft durch Ihr Fach war­te ich gespannt.
      Felix Püt­ter

  2. 3
    Josef Winiger

    Lie­be Frau Schip­pel,
    „Wis­sen­schaft­ler-Bashing“ möch­te ich wirk­lich nicht betrei­ben. Aber mir scheint die phi­lo­lo­gisch bzw. lite­ra­tur­ge­schicht­lich bestimm­te Per­spek­ti­ve, die die uni­ver­si­tä­re For­schung zur Geschich­te der Lite­ra­tur­über­set­zung gemein­hin ein­nimmt, pro­ble­ma­tisch zu sein. Es ist nicht die Per­spek­ti­ve der über­set­ze­ri­schen Pra­xis oder, eine Schicht tie­fer, der kul­tur­his­to­risch rele­van­ten über­set­ze­ri­schen Moti­va­ti­on. Es zeigt sich u.a. dar­an, dass sich die For­schung an den gro­ßen Namen der Lite­ra­tur­ge­schich­te ent­lang han­gelt, also an Schrift­stel­lern, die neben­bei auch über­setzt oder sich zum Über­set­zen geäu­ßert haben. Kon­kre­ter Fall: Für den Auf­satz über Les­sing und Men­dels­sohn im bespro­che­nen Buch muss­te ich mona­te­lang recher­chie­ren, weil es zwar gewal­tig viel Lite­ra­tur über Les­sing und ziem­lich viel über Men­dels­sohn gibt, doch zu ihrer inten­si­ve Befas­sung mit der über­set­ze­ri­schen Pra­xis so gut wie nichts. In ein­schlä­gi­gen Auf­sät­zen und Abris­sen wer­den Gott­sched, Bodmer/Breitinger, Her­der, Wie­land abge­han­delt, nicht aber die über­set­zungs­his­to­risch weit wich­ti­ge­re Über­set­zungs­pra­xis und Über­set­zungs­kri­tik der bei­den.
    Ich war ein Berufs­le­ben lang haupt­be­ruf­li­cher Lite­ra­tur­über­set­zer und beschäf­ti­ge mich seit eini­ger Zeit inten­si­ver mit der Geschich­te mei­nes Fachs. Dabei eröff­nen sich mir fas­zi­nie­ren­de, vor­dem völ­lig unbe­kann­te Wel­ten, aber ich muss mir aufs müh­sams­te Auf­sät­ze von Exper­ten (meist His­to­ri­kern) zusam­men­su­chen, die in ent­le­ge­nen Fach­zeit­schrif­ten oder Tagungs­bän­den erschie­nen sind, und dann selbst ver­su­chen, mir ein Bild zu machen. Auch die Abris­se in Enzy­klo­pä­dien hel­fen mir nicht, denn sie refe­rie­ren bloß dür­re Fak­ten, kul­tur­his­to­ri­sche „Anschau­ung“, wie sie, um ein belie­bi­ges Bei­spiel zu nen­nen, in den zahl­los vor­lie­gen­den Wer­ken über die Male­rei der ita­lie­ni­schen Renais­sance ver­mit­telt wird, sucht man ver­ge­bens dar­in.
    Mir ist nicht unbe­kannt, dass an etli­chen Uni­ver­si­tä­ten die Geschich­te der Lite­ra­tur­über­set­zung in For­schung und Leh­re prä­sent ist, aber der Ein­druck drängt sich auf, dass sie stets am Ran­de der Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten (ein­schließ­lich der Tra­duk­to­lo­gie) ange­sie­delt ist. Nir­gends wird sie „haupt­amt­lich“ betrie­ben, welt­weit gibt es, soweit ich sehe, kei­nen ein­zi­gen Lehr­stuhl für die­ses wahr­haf­tig nicht unwe­sent­li­che Teil­ge­biet der Kul­tur­ge­schich­te. Die Fol­ge davon ist, dass es prak­tisch kei­ne Syn­the­sen gibt, die einem kul­tur­his­to­risch inter­es­sier­ten all­ge­mei­nen Publi­kum zugäng­lich wären. Eine Aus­nah­me, die es nach­zu­ah­men gäl­te: Die Mono­gra­phie von Dimi­tri Gutas über die Über­set­zungs­be­we­gung im mit­tel­al­ter­li­chen Bag­dad, „Greek Thought, Ara­bic Cul­tu­re“, in sie­ben Spra­chen über­setzt, nicht jedoch ins Deut­sche.
    Der „eta­blier­te Schein­dis­sens“ ist gewiss zu bekla­gen, aber die Ver­ant­wor­tung dafür sehe ich nicht allein bei den Über­set­zern.
    Josef Wini­ger

  3. 4
    Andreas Tretner

    Lie­ber Felix,
    es gab/gibt die­ses Desi­de­rat zwei­fel­los – und tat­säch­lich wer­den Anstal­ten gemacht, dies zu ändern, die als „Auf­bruch“ zu bezeich­nen nicht unter­trie­ben oder jeden­falls eine glaub­haf­te Ver­hei­ßung ist. Die Eröff­nung des Ger­mers­hei­mer UeLex ist die eine Groß­tat; diver­se Schrif­ten bei Frank&Timme doku­men­tie­ren eine inten­si­vier­te Über­set­zer­for­schung. Da ist etwas in Bewe­gung gekom­men – und ich sehe es als eine star­ke Ein­la­dung an uns Über­set­ze­rIn­nen zur Kol­la­bo­ra­ti­on. „Vie­le von uns sind außer­dem auch noch Über­set­ze­rIn­nen“, schreibt Laris­sa Schip­pel. Eini­ge von uns Über­set­ze­rin­nen machen auch Wis­sen­schaft, wäre in Anbe­tracht des hier rezen­sier­ten Ban­des zu ergän­zen, sie ver­mö­gen Impul­se zu geben. Theo­rie und Empi­rie bedür­fen ein­an­der, das ist eine Bin­se, auch per­so­nell gese­hen. Ich freue mich auf das, was da noch kommt. Und wage zu hof­fen, dass ent­ste­hen­de For­men der Zusam­men­ar­beit sich eines Tages auch noch ein biss­chen mehr und bes­ser insti­tu­tio­na­li­sie­ren lie­ßen. Denn bekannt­lich sind die Struk­tu­ren, in denen Lite­ra­tur­über­set­zer arbei­ten, mit denen des Wis­sen­schafts­be­trie­bes am aller­we­nigs­ten kom­pa­ti­bel.

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