Neu­es aus dem Unter­grund

Die gefeierte Autorin Ljudmila Petruschewskaja ist „Das Mädchen aus dem Hotel Metropol“. Antje Leetz hat diese grausam düstere und doch auch heitere und komische Geschichte einer turbulenten Kindheit ins Deutsche übertragen. Die deutsche Fassung unterscheidet sich in manchen Punkten jedoch wesentlich von der russischen Originalausgabe. Von

Das Hotel Metropol im Zentrum Moskaus. Vor etwa 80 Jahren wurde hier Ljudmila Petruschewskaja geboren. Bild: Wikimedia Commons

Die 1938 gebo­re­ne Ljud­mi­la Petru­schew­ska­ja hat­te es in ihrer Kind­heit und Jugend nicht gera­de leicht. Sie erlebt sowohl den sta­li­nis­ti­schen Ter­ror, den grau­sa­men zwei­ten Welt­krieg als auch die Armut der Nach­kriegs­zeit. Sie ent­stammt einer Fami­lie rus­si­scher Intel­lek­tu­el­ler, die vom Regime Sta­lins als „Volks­fein­de“ bezeich­net wer­den und von denen vie­le hin­ge­rich­tet wur­den oder plötz­lich wie vom Erd­bo­den ver­schluckt waren. Mit der Per­spek­ti­ve eines klei­nen Mäd­chens und zugleich dem Ein­blick einer rei­fen, lebens­er­fah­re­nen Frau erzählt die Autorin in dem bereits 2006 auf Rus­sisch und nun 2019 auch auf Deutsch erschie­nen Werk von ihren frü­hes­ten Erin­ne­run­gen.

Es ist kaum zu über­se­hen, dass Petru­schew­ska­jas wil­de Kind­heit den grau­sam rea­len Cha­rak­ter ihrer spä­te­ren Wer­ke, für den sie bekannt ist, schon früh geprägt hat. Den Figu­ren ihrer Wer­ke (vor allem Frau­en­fi­gu­ren) pas­sie­ren schreck­li­che Din­ge und sie tun schreck­li­che Din­ge. Die Erzäh­lun­gen, für die sie auch inter­na­tio­nal bekannt wur­de, sind Mär­chen für Erwach­se­ne und han­deln etwa von einer Frau, die ver­sucht, das Kind ihrer Nach­ba­rin zu töten; einem Mäd­chen, das in einer ver­las­se­nen Gegend ohne Erin­ne­rung auf­wacht oder einer Mut­ter, die ihre Kin­der lieb­te, bis sie wie­der zuhau­se ein­zo­gen. Petru­schew­ska­ja schreibt unsen­ti­men­tal und gna­den­los, meist aber auch mit einem Sinn von Mit­ge­fühl, Hoff­nung und Komik.

Das Leben der Autorin begann im „Metro­pol“, heu­te ein luxu­riö­ses Hotel im Zen­trum Mos­kaus, in dem Ljud­mi­la ihre ers­ten Schrit­te tat. Vor dem zwei­ten Welt­krieg wohn­ten dort hohe Beam­te der bol­sche­wis­ti­schen Regie­rung – Men­schen, die, wie Petru­schew­ska­ja beschreibt, „eine Idee, eine Uto­pie hat­ten“. Dar­un­ter Petru­schw­ska­jas Urgroß­va­ter, bei dem sie, zusam­men mit ihrer Mut­ter, eine Zeit lang leb­te. Es mag gla­mou­rös klin­gen, an einem so bedeu­ten­den Ort auf­zu­wach­sen, doch die weni­gen Jah­re, die die jun­ge Petru­schew­ska­ja in Mos­kau ver­bringt sind gekenn­zeich­net von Zusam­men­le­ben auf engs­tem Raum, im Schat­ten stän­di­ger Furcht.

Nicht alle Wur­zeln der spä­te­ren Autorin lie­gen in die­sem Hotel Metro­pol und daher ist der Titel „Das Mäd­chen aus dem Hotel Metro­pol“ etwas irre­füh­rend. Vie­le, sicher auch stark prä­gen­de, Jah­re ver­brach­te Petru­schew­ska­ja fern­ab von Mos­kau, fern von den gla­mou­rö­sen Bau­ten der Haupt­stadt, zwangs­aus­ge­sie­delt und aus­ge­sto­ßen, in Kin­der­hei­men und bet­telnd auf der Stra­ße. Petru­schew­ska­ja zieht wäh­rend ihrer Kind­heit stän­dig von einem Ort zum nächs­ten und muss sich andau­ernd auf neue Umge­bun­gen und Umstän­de ein­stel­len. Sie wächst bei ihrer Mut­ter, aber auch bei diver­sen ande­ren Fami­li­en­mit­glie­dern auf. Wenn es ihr zu viel wird, trotzt sie jeg­li­cher Auto­ri­tät, läuft weg und schlägt sich eine Wei­le selbst durch. Die all­täg­li­chen Qua­len sind dabei in ihren Erzäh­lun­gen selbst­ver­ständ­lich und kei­nes­wegs düs­ter dar­ge­stellt.

Das rus­si­sche Aus­gangs­werk heißt: Маленькая девочка из „Метрополя“: повести, рассказы, эссе. Zu Deutsch: Das klei­ne Mäd­chen aus dem „Metro­pol“: Erzäh­lun­gen, Geschich­ten und Essays. Schon die Bezeich­nung der deut­schen Über­set­zung als „Roman“ deu­tet dar­auf hin, dass es sich nicht ganz um das­sel­be Werk han­delt. Die deut­sche Fas­sung ent­hält tat­säch­lich nur Aus­schnit­te der mehr als dop­pelt so lan­gen rus­si­schen Aus­ga­be, die zusätz­li­che Geschich­ten, Essays und auch z.B. ein Kapi­tel mit dem Titel „Rus­sisch-Tür­ki­sches Wör­ter­buch“ (mehr eth­no­gra­phi­sche Noti­zen zu ein­zel­nen Begrif­fen als ein tat­säch­li­ches Wör­ter­buch) ent­hält. Die bei­den Aus­ga­ben im Ori­gi­nal und in der Über­set­zung, haben allei­ne durch die unter­schied­li­che Zusam­men­set­zung eine ande­re Form und einen ande­ren Cha­rak­ter.

Den­noch hat sich bei den Aus­schnit­ten aus „Das Mäd­chen aus dem Hotel Metro­pol“, die in der deut­schen Aus­ga­be ent­hal­ten sind, die Form und das lite­ra­ri­sche Gen­re beim Über­set­zungs­vor­gang nicht ver­än­dert. Wie in der rus­si­schen Fas­sung ist die deut­sche Über­set­zung eine Anein­an­der­rei­hung kur­zer, eher lose zusam­men­hän­gen­der, nur teils auf­ein­an­der auf­bau­en­der Sze­nen, ent­hält jedoch kei­ne fik­ti­ven Cha­rak­te­re, die sich im Lau­fe der Erzäh­lung ent­wi­ckeln oder eine strin­gen­ten Hand­lung, wie es bei einem Roman der Fall wäre.

Das ers­te Kapi­tel der rus­si­schen Fas­sung ist in der Über­set­zung das zwei­te. Davor wur­de ein „Anfangs­ka­pi­tel“ ein­ge­fügt, das einem Inter­view mit der Autorin im Hotel Metro­pol von 2017 ent­stammt. Der Erzähl­stil ist dar­in dem­entspre­chend auch ein ande­rer, und steht im Kon­trast zu der kind­li­chen Erzähl­per­spek­ti­ve der fol­gen­den Kapi­tel. Was ver­mut­lich wie ein Tea­ser wir­ken soll, nimmt Sze­nen vor­weg, die in spä­te­ren Kapi­teln in der­sel­ben Form wie­der­keh­ren und dadurch einen (unge­woll­ten?) Déjà-vu-Effekt haben. Vor allem aber ent­hält die­ses ein­ge­scho­be­ne ers­te Kapi­tel qua­si eine Moral des gesam­ten Buches:

Ich tra­ge die Ideen mei­ner Ver­wand­ten, die alle Opfer des Ter­rors wur­den, in mir. Mir sind rei­che, macht­be­ses­se­ne Men­schen suspekt, Reich­tum und Macht gene­rell. Bis auf den heu­ti­gen Tag akzep­tie­re ich die huma­nis­ti­schen Prin­zi­pi­en mei­ner revo­lu­tio­nä­ren Vor­fah­ren. Ich habe das alles mit der Mut­ter­milch ein­ge­so­gen. Aber ich has­se jede Art von Ideo­lo­gie, jede Form von Gewalt.

In ein paar weni­gen Sät­zen wird hier die Erkennt­nis zusam­men­ge­fasst, zu der auf­merk­sa­me Lese­rin­nen und Leser am Ende der Lek­tü­re auch so gelan­gen wür­de. Die Über­set­zung ver­stärkt stel­len­wei­se den Ein­druck, dass es sich um ein Buch han­delt, das man nicht zur Unter­hal­tung liest (wie man einen Roman lesen wür­de, wenn die­ses Buch tat­säch­lich einer wäre), son­dern der Inhalt erklärt wird. Da das Werk vie­le Aus­drü­cke, Moti­ve und Ver­wei­se auf die rus­si­sche Kul­tur und Geschich­te ent­hält, steht die Über­set­ze­rin vor der schwie­ri­gen Auf­ga­be, dem deut­schen Publi­kum so gut wie mög­lich zu hel­fen, die­se Anspie­lun­gen zu ver­ste­hen, ohne dabei zu weit zu gehen. Der auto­bio­gra­phi­sche sach­buch­haf­te Cha­rak­ter des Werks wird in der deut­schen Fas­sung zusätz­lich durch vie­le Bil­der, einen Stamm­baum und ein erklä­ren­des Glos­sar bestärkt, auf das alles im Ori­gi­nal aber gänz­lich ver­zich­tet wird.

Stel­len­wei­se gera­ten die­se wohl­ge­mein­ten Hil­fe­stel­lun­gen etwas pla­ka­tiv, machen die Anek­do­te aber ein­fa­cher zu ver­ste­hen, wie etwa bei Ein­schü­ben in Klam­mer:

Я сейчас работаю между станциями метро «Баррикадная» и «Улица 1905 года». И никто не знает, что все это дела моего двоюродного деда Владимира Ильича, все названия, эти вывороченные камни мостовой и баррикады, все эти будущие скульптуры типа «Булыжник — орудие пролетариата».
Ich woh­ne und schrei­be zwi­schen den Mos­kau­er Metro­sta­tio­nen Bar­ri­kad­na­ja („Bar­ri­ka­de“) und Stra­ße des Jah­res 1905. Und nie­mand weiß, dass die­se Bezeich­nun­gen von mei­nem Groß­on­kel Wla­di­mir Weger stam­men, die­se her­aus­ge­ris­se­nen Pflas­ter­stei­ne und die Bar­ri­ka­den, die Skulp­tur Der Pflas­ter­stein – Die Waf­fe des Pro­le­ta­ri­ats. Bis zum heu­ti­gen Tag hol­pern die Mos­kau­er Bus­se zwi­schen dem Platz des Auf­stands und der Metro­sta­ti­on Bar­ri­kad­na­ja über einen his­to­ri­schen Pflas­ter­stein.

Klei­ne Erklä­run­gen baut die Über­set­ze­rin auch in den Fließ­text oder in Neben­sät­ze ein. So wird etwa, wenn die bekann­te Mär­chen­fi­gur „Баба-яга“ (Baba Jaga) erwähnt wird, im Deut­schen immer hin­zu­ge­fügt, dass es sich um „die Hexe Baba Jaga“ han­delt. Über ihren Urgroß­va­ter Ded­ja meint sie:

малыши всегда принимали его за Деда Мороза и окружали, смеясь.
Klei­ne Kin­der hiel­ten ihn immer für Väter­chen Frost, den rus­si­schen Weih­nachts­mann, umring­ten ihn und lach­ten.

Die­se Hin­wei­se sind hilf­reich, doch manch­mal wer­den Din­ge erklärt, die sicher­lich vie­len Mit­tel­eu­ro­pä­ern ein Begriff sind und wir­ken dann stö­rend, denn sie ver­än­dern den Fluss der Erzähl­stim­me. Die erklä­ren­de Erzähl­hal­tung steht in Kon­trast zu der an ande­ren Stel­len eher unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­le­rin, der man nicht jedes Wort glau­ben soll­te oder will. Denn man fragt sich mit­un­ter beim Lesen, ob wirk­lich alles, was als Erin­ne­rung wie­der­ge­ge­ben, und als Fakt dar­ge­stellt wird, tat­säch­lich so pas­siert sein kann. Oder kann­te Petru­schew­ska­jas Groß­mutter wirk­lich die Wer­ke der gro­ßen rus­si­schen Dich­ter und Den­ker aus­wen­dig und sag­te sie auf, weil die Fami­lie zu dem Zeit­punkt kei­ne Bücher hat­te?

Petru­schew­ska­ja erzählt, wie man es von älte­ren Men­schen oft kennt. Sie ist erbar­mungs­los rea­lis­tisch und ein­zel­ne Erin­ne­run­gen sind oft in ver­schie­dens­ten Zusam­men­hän­gen ver­knüpft. Die Geschich­te von ihrer Groß­mutter Walen­ti­na, in die lan­ge vor Petru­schew­ska­jas Geburt der gro­ße Dich­ter Wla­di­mir Maja­kow­ski unglück­lich ver­liebt war und dem Walen­ti­na das Herz brach, erzählt sie öfter, jedes Mal ein biss­chen anders, so wie sie sich erin­nert, oder so, wie es ihr ver­mut­lich immer wie­der ein biss­chen anders erzählt wur­de. Auch wenn sie von ihren eige­nen Erin­ne­run­gen erzählt, ver­mit­telt sie den Lese­rin­nen und Lesern ein Gefühl für die Situa­ti­on und geht nicht wei­ter auf unwich­ti­ge Details ein, an die sie sich selbst nicht mehr genau erin­nert:

Уж что-что, а жизнь цыганского табора мы видели ежегодно, как только спадала вода в Волге. […] Не помню, как они плясали, но я плясала в детском доме точно так же.
Wenn ich etwas kann­te, dann war es das Leben in einem Zigeu­ner­la­ger. In Kui­by­schew hat­te ich es, kaum dass das Was­ser in der Wol­ga gesun­ken war, jedes Jahr beob­ach­ten kön­nen. […] Ich weiß nicht mehr genau, wie sie tan­zen, aber im Kin­der­heim tan­ze ich genau­so wie sie.

Durch die Erzäh­lun­gen wird deut­lich, dass mit der klei­nen Ljud­mi­la eine Frau her­an­wächst, die gelernt hat, Din­ge zu hin­ter­fra­gen und ande­ren Men­schen nicht immer zu ver­trau­en. Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Caryl Emer­son sieht in die­sem Welt­bild die Grund­la­ge für Petru­schew­ska­jas unver­kenn­ba­re Erzähl­stim­me:

Hers is a Dos­to­evski­an „under­ground” voice, lod­ged insi­de a first­per­son per­spec­ti­ve that tho­rough­ly distrusts the natu­ral world as well as other human bein­gs. Emer­son, The Came­bridge Intro­duc­tion to Rus­si­an Lite­ra­tu­re, S. 232.
Ihre Stim­me ist eine „Unter­grund­stim­me” à la Dos­to­jew­ski, ver­packt in eine Ich-Per­spek­ti­ve, die der Umwelt, sowie ande­ren Men­schen, voll und ganz miss­traut.

„Das Mäd­chen aus dem Hotel Metro­pol“ ist stel­len­wei­se ähn­lich grau­sam und gro­tesk wie Petru­schew­ska­jas Kurz­ge­schich­ten und Thea­ter­stü­cke, von denen eini­ge bereits ins Deut­sche über­setzt wur­den – vie­le davon eben­falls von Ant­je Leetz, die mit dem lite­ra­ri­schen Schaf­fen der Autorin bes­tens bekannt ist. Petru­schew­ska­jas grim­mi­ge und unsen­ti­men­ta­le Erzähl­hal­tung brach in den 1970er Jah­ren, als sie als Autorin immer bekann­ter wur­de, unzäh­li­ge Tabus und lan­ge Zeit trau­ten sich die gro­ßen Maga­zi­ne nicht, ihre Geschich­ten zu ver­öf­fent­li­chen.

Mitt­ler­wei­le zählt Ljud­mi­la Petru­schew­ska­ja zu den bedeu­tends­ten Schrift­stel­le­rin­nen Russ­lands und es ist umso erfreu­li­cher, dass mehr und mehr ihrer Wer­ke auch auf Deutsch erschei­nen. „Das Mäd­chen aus dem Hotel Metro­pol“ ist ein Ein­blick in die schwie­ri­ge Kind­heit der Autorin und kei­nes­wegs durch­ge­hend so düs­ter, wie auf­grund der ent­setz­li­chen Rah­men­hand­lung zu erwar­ten wäre. In der Über­set­zung von Ant­je Leetz gehen die zusätz­li­che Erklä­run­gen und Ein­schü­be stel­len­wei­se auf Kos­ten des Knap­pen und Unsen­ti­men­ta­len in Petru­schw­ska­jas Erzähl­stim­me. Die deut­sche Fas­sung ist dafür infor­ma­tiv und die weni­ger knap­pe, aus­schwei­fen­de­re Erzähl­hal­tung passt, wenn man sich dar­an gewöhnt hat, auch sehr gut zu der Vor­stel­lung einer älte­ren Frau, die von frü­her erzählt.

Ljud­mi­la Petruschwskaja/Antje Leetz: Das Mäd­chen aus dem Hotel Metro­pol. (Im rus­si­schen Ori­gi­nal: Маленькая девочка из „Метрополя“: повести, рассказы, эссе.)

Schöff­ling & Co. 2019 ⋅ 312 Sei­ten ⋅ 24 Euro

www.schoeffling.de/buecher/ljudmila-petruschewskaja/das‑m%C3%A4dchen-aus-dem-hotel-metropol

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