Alles an ihm war rot

Die Kanadierin Anne Carson gilt als eine der ungewöhnlichsten Dichterinnen unserer Zeit. Die deutsche Übersetzung zweier Versromane gewährt einen Einblick in Carsons komplexes Spiel mit Form und Sprache. Von

"Geryon war ein Monster alles an ihm war rot." Lucas Cranach d. Ä. zeigt ihn gemeinsam mit seinem Mörder Herakles und den Rindern. Bildmaterial (Ausschnitt): Wikimedia Commoons

Die kana­di­sche Dich­te­rin Anne Car­son ist eine Über­set­ze­rin, und das gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht. Als Pro­fes­so­rin der klas­si­schen Phi­lo­lo­gie hat sie bei­spiels­wei­se Frag­men­te des Ste­si­cho­rus, der als einer der ers­ten grie­chi­schen Dich­ter epi­sche Stof­fe in eine lyri­sche Form brach­te, ins Eng­li­sche über­setzt. Die Bruch­stü­cke, die von sei­nem Werk erhal­ten sind, erzäh­len unter ande­rem die Geschich­te von Geryon (in der Geryon­eis), einer mons­ter­haf­ten Gestalt, die oft mit meh­re­ren Kör­pern, Köp­fen und Flü­geln dar­ge­stellt wird. Als Sagen­ge­stalt ist Geryon vor allem für sei­ne Rol­le in der 10. Auf­ga­be des Hera­kles bekannt. Die­sem wur­de auf­ge­tra­gen, die rote Stier­her­de Geryons zu rau­ben. Im Kampf tötet Hera­kles ihn schließ­lich mit Hil­fe eines im Blut der Hydra getränk­ten Pfeils.

In ihrem nun unter dem deut­schen Titel Rot beim S. Fischer Ver­lag erschie­ne­nen Werk über­trägt Car­son den mythi­schen Stoff in die Gegen­wart. Mehr noch: Sie über­setzt ihn für eine Leser­schaft des 21. Jahr­hun­derts. Car­son ist dabei kei­nes­falls die Ers­te, die sich lite­ra­risch mit dem Mythos aus­ein­an­der­setzt. Denn Geryon kommt auch in Dan­tes Infer­no vor, wo er auf sei­nen Schul­tern den Dich­ter gemein­sam mit Ver­gil vom sieb­ten in den ach­ten Höl­len­kreis beför­dert. Schon Dan­tes Cha­rak­te­ri­sie­rung Geryons hat­te rela­tiv wenig mit den grie­chi­schen Dar­stel­lun­gen zu tun. Es scheint daher kaum ver­wun­der­lich, dass Geryon gut sie­ben­hun­dert Jah­re spä­ter bei Carl­son als lau­ni­ger Teen­ager auf­taucht, der mit Hera­kles auf einer Art Selbst­fin­dungs­trip durch Süd­ame­ri­ka unter­wegs ist.

Dass dies nicht zu abge­dro­schen wirkt, liegt vor allem an Anne Car­sons Form und Spra­che: Sie ist nicht nur dafür bekannt, alte Stof­fe in die Moder­ne zu ver­set­zen, son­dern auch für ihre Miss­ach­tung jeg­li­cher Gen­re-Gren­zen und des sehr frei­en Mischens von Kunst­for­men. Car­son ist eben nicht nur Phi­lo­lo­gin – sie arbei­tet neben­bei auch als Dich­te­rin, Essay­is­tin, Kri­ti­ke­rin, und ver­bin­det in ihren bis­lang erschie­ne­nen lite­ra­ri­schen Wer­ken Pro­sa, Gedicht­for­men, dra­ma­ti­sche Ele­men­te, Lite­ra­tur­kri­tik und Über­set­zun­gen. Rot ent­hält die von Car­son über­set­zen Frag­men­ten der Geryon­eis, eine essay­is­ti­sche Ein­füh­rung, ver­schie­de­ne Anhän­ge und ein fik­ti­ves Inter­view mit Ste­si­cho­rus. Das sub­ver­si­ve Spiel mit ver­schie­de­nen Gen­res und die unge­hemm­ten Moder­ni­sie­rung anti­ker Tex­te machen Car­son zu einer der expe­ri­men­tells­ten und inter­es­san­tes­ten eng­lisch­spra­chi­gen Dich­te­rin­nen ihrer Genera­ti­on.

Rot behan­delt Geryons Geschich­te in Form zwei­er Roma­ne, die in Ame­ri­ka sepa­rat ver­öf­fent­licht wur­den, in Deutsch­land aber nun gemein­sam in der Über­set­zung von Anja Utler her­aus­ge­bracht wur­den. In gewis­ser Wei­se han­delt es sich vor allem bei dem ers­ten Teil, Auto­bio­gra­fie von Rot, um eine Com­ing-of-Age-Geschich­te par excel­lence. Zudem han­delt es sich hier­bei um eine Neu­über­set­zung. Bereits 2001 wur­de das Werk in der deut­schen Über­set­zung von Karen Lau­er, eben­falls unter dem Titel Rot, ver­öf­fent­licht. Aller­dings ent­hielt die­se Aus­ga­be noch nicht die Fort­set­zung Red Doc<, die erst 2013 ver­öf­fent­licht und nun von Utler erst­ma­lig über­setzt wur­de. In dem zwei­ten Teil erzählt Car­son die Geschich­te Geryons wei­ter, wie er erwach­sen wird, altert und sich geschei­ter­ten Bezie­hun­gen und dem Ver­fall des eige­nen Kör­pers stel­len muss.

Bei Auto­bio­gra­fie von Rot und Red Doc< han­delt es sich nicht um Roma­ne in klas­si­scher Hin­sicht. Car­son hat näm­lich für den Stoff die Form des Vers­ro­mans gewählt. Wäh­rend der Vers­ro­man in Deutsch­land vor­ran­gig mit der höfi­schen Dich­tung des Mit­tel­al­ters asso­zi­iert wird, hat sich die­se lite­ra­ri­sche Form anders­wo gro­ßer Beliebt­heit erfreut. Alex­an­der Push­kins Euge­ne One­gin gilt dabei als Weg­be­rei­ter des moder­nen Vers­ro­mas. Anne Car­sons Vers­ro­ma­ne sind weder gereimt (mit Aus­nah­me eini­ger Bin­nen­rei­me), noch fol­gen sie einem bestimm­ten Metrum. Trotz­dem geben die­se Roma­ne durch die Vers­ein­tei­lung, die immer wie­der Sinn­ein­hei­ten durch­bre­chen, eine stren­ge Form vor.

So hat jedes Wort in jeder von Car­sons Zei­len sei­nen fes­ten Platz. Dem­entspre­chend kön­nen die zuwei­len befremd­li­chen Kon­struk­tio­nen in der deut­schen Satz­stel­lun­gen nicht immer bei­be­hal­ten wer­den. Dies zeigt sich bereits in den von Car­son aus dem Grie­chi­schen über­setz­ten Frag­men­ten des Ste­si­cho­rus, die wie­der­um von Utler direkt aus dem Eng­li­schen ins Deut­sche über­tra­gen wer­den. Es han­delt sich also um eine Dop­pel­über­set­zung, die deut­lich macht, wie stark sich Utler an Car­sons stren­ger Satz­stel­lung ori­en­tiert und auch ori­en­tie­ren muss, um der außer­ge­wöhn­li­chen Form gerecht zu wer­den:

The red world And cor­re­spon­ding red bree­zes / Went on Geryon did not
Die rote Welt Und die zuge­hö­ri­gen roten Bri­sen / Gin­gen wei­ter Geryon nicht

Die bei­den Vers­ro­ma­ne sind eine über­aus loh­nens­wer­te Lek­tü­re, die von der sti­lis­tisch kohä­ren­ten und zuwei­len durch­aus poe­ti­schen Über­set­zung von Anja Utler lebt. Höhe­punkt ist dabei die Erst­über­set­zung des Red Doc<. Die Fort­set­zung der Geschich­te lie­fert inhalt­lich zwar wenig inter­es­san­tes; in for­ma­ler und sprach­li­cher Hin­sicht hat sie jedoch eini­ges zu bie­ten. Das Expe­ri­men­tel­le wird erwei­tert und noch frei­er aus­ge­führt. Es kom­men Stro­phen hin­zu, die der klas­si­schen Gedicht­form ähneln; an ande­ren Stel­len wer­den die Zei­len ver­kürzt und wie Spal­ten eines Zei­tungs­ar­ti­kels for­ma­tiert. Dies sorgt allein schon optisch für eine unge­wohn­te Lese­er­fah­rung, und lie­fert eini­ge High­lights die­ser Über­set­zung. Dazu gehö­ren die Über­tra­gun­gen der „Wife of Brain“-Gedichte, die mit dem Titel „Frau von Hirn“ sehr tref­fend über­setzt wer­den. Ein schö­nes Bei­spiel ist die­ses:

Wife of Brain
we are the Wife of Brain
We enter we tell you
at this point you have litt­le grounds to com­p­lain we say
to their pla­ces
A red man unfol­ding his wings is how it begins then the lights
spins it like a play omnes
come on or go off on the sta­ge
Frau von Hirn
Auf­tritt wir und wir sagen dir
wir sind die Frau von Hirn
gibt nichts zu lamen­tie­ren bis hier­hin wir sagen
ein roter Mann der sei­ne Flü­gel schwingt steht am Beginn und dann gehen
die Lich­ter an oder aus oder die Büh­ne
rotiert es ist wie ein Stück omnes
an ihre Plät­ze

Car­sons zuwei­len sper­ri­ge, aber stets inter­es­san­te Spra­che lässt so eini­ge unge­wöhn­li­che Bil­der ent­ste­hen. Das „tickend rote Taxi des Alb­traums“ (im Ori­gi­nal „the ticking red taxi of the incu­bus“) kommt bei­spiels­wei­se in einem der von Car­son über­setz­ten Ste­si­cho­rus-Frag­men­te vor und lässt auch ohne Kennt­nis­se des Alt­grie­chi­schen erah­nen, wie frei und spie­le­risch Car­son über­setzt und den Stoff ver­ar­bei­tet hat. Die Über­tra­gung die­ser zuwei­len extra­va­gan­ten Bil­der, die zudem noch in eine beson­de­re Form gebracht wer­den müs­sen, dürf­ten wohl für jede Über­set­ze­rin eine will­kom­me­ne Her­aus­for­de­rung sein. Utler ist es bemer­kens­wert gut gelun­gen, ähn­li­che, adäqua­te, oder gar gänz­lich neue Bil­der in der deut­schen Spra­che zu fin­den.

Lei­der schmä­lern jedoch zwei Aspek­te den Gesamt­ein­druck die­ser ansons­ten bemer­kens­wer­ten Über­set­zung. Je wei­ter man sich in die Lek­tü­re ver­tieft, umso mehr wer­den sprach­li­che Unfein­hei­ten und tech­ni­sche Pro­blem die­ser Über­set­zung deut­lich. Es beschleicht einen der Ver­dacht, dass sie – obwohl selbst­be­wusst und gekonnt – sti­lis­tisch noch ele­gan­ter hät­te aus­fal­len kön­nen. Kurz­um: Es fehlt der deut­schen Über­set­zung an jener dich­te­ri­schen Fines­se, die das Ori­gi­nal so beson­ders macht.

Als Bei­spiel hier­für soll die Über­set­zung des zwei­ten Kapi­tels mit dem Titel „each“ die­nen. In der Neu­über­set­zung wird das Wort „each“, das sich the­ma­tisch als roter Faden durch das Kapi­tel zieht, mit „für sich“ über­setzt. Die­ses „für sich“ wird dann erneut in einem Reim-Spiel auf­ge­grif­fen:

He clothed hims­elf in this strong word each.

He spel­led it at school on the black­board (per­fect­ly) with a pie­ce Of red silk chalk

He thought soft­ly

of other words he could keep with him like bre­ach and screach.

Er klei­de­te sich in die­se star­ken Wör­ter für sich.

In der Schu­le schrieb er sie (rich­tig) mit einem Stück rot­sei­di­ger Krei­de an die Tafel.

Weich dach­te er an wei­te­re Wör­ter,

die er bei sich haben könn­te wie Pfür­sich und für Fische.

In der Über­set­zung ent­ste­hen aus einem Wort zwei. In dem Kon­text die­ses Wer­kes erscheint es aller­dings umständ­lich, da Car­son immer wie­der mit dem Wort „each“ arbei­tet und sei­ne sin­gu­lä­re Bedeu­tung the­ma­ti­siert. Das hat zur Fol­ge, dass aus der Phra­se „this strong word each“ im Deut­schen der Plu­ral „die­se star­ken Wör­ter“ ent­steht. Auch auf den Inhalt des Tex­tes bezo­gen, erscheint die­se Ände­rung miss­lun­gen, da die Iden­ti­fi­zie­rung des Prot­ago­nis­ten mit nur einem Wort („he clothed hims­elf …“) plau­si­bler erscheint als mit zwei Wör­tern.

Zudem hinkt der Reim „Für sich – Pfür­sich – für Fische“. Der Wort­ge­halt ist dabei zweit­ran­gig; es geht an die­ser Stel­le pri­mär um den Klang, der im Eng­li­schen die Wör­ter merk­lich bes­ser ver­bin­det: „each-bre­ach-screach“. Ent­schei­dend ist hier der Diph­tong „ea“, der eine Brü­cke zwi­schen die­sen Wör­tern schlägt, und die gleich­för­mi­ge Struk­tur der Wör­ter. Im Deut­schen ent­steht zwar auch ein Wort­spiel, der Reim wird jedoch nicht gänz­lich aus­ge­führt, so dass der Text an die­ser Stel­le holp­rig wirkt.

Zudem wird die Über­set­zung hier dem Inhalt nicht gänz­lich gerecht, der das asso­zia­ti­ve Den­ken des Prot­ago­nis­ten mit­tels des Wort­klangs dar­stellt. In der Erst­über­set­zung von Karen Lau­er wur­de „each“ mit „jeder“ über­setzt und dann mit „Feder“ und „Geze­ter“ gereimt, was deut­lich bes­ser funk­tio­niert. Wie umständ­lich die Über­set­zung von „each“ mit „für sich“ ist, zeigt auch der fol­gen­de Satz:

She ans­we­red, Each means like you and your bro­ther each have your own room.
Sie ant­wor­te­te, Für sich heißt etwas wie von euch bei­den hat jeder ein Zim­mer für sich.

Im deut­schen Satz wird neben „für sich“ zusätz­lich mit „jeder“ gear­bei­tet, um die Bedeu­tung her­vor­zu­he­ben. Es wirkt jedoch müh­sam, vor allem im Ver­gleich mit der Erst­über­set­zung, in der das Wort „jeder“ genügt: „Jeder das heißt zum Bei­spiel du und dein Bru­der habt jeder ein eige­nes Zim­mer.“ Die Prä­gnanz der eng­li­schen Spra­che ist bekannt­lich nicht immer ele­gant ins Deut­sche über­trag­bar. In einem lite­ra­ri­schen Werk, in dem auf­grund der for­ma­len Bedin­gun­gen öko­no­misch mit Spra­che umge­gan­gen wird, fal­len sol­che umständ­li­chen Kon­struk­tio­nen jedoch umso stär­ker auf.

Irri­tie­rend ist in der deut­schen Über­set­zung außer­dem die Kom­ma­set­zung. Im Ori­gi­nal sind Punk­te am Satz­en­de zwar durch­gän­gig vor­han­den, Kom­mas wer­den jedoch über­aus spär­lich ver­wen­det, zumeist nur bei addi­ti­ven Kon­struk­tio­nen und zur Her­vor­he­bung von direk­ter Rede. Es war sicher­lich Absicht, die­sen frei­en Umgang mit der Zei­chen­set­zung auch ins Deut­sche zu über­tra­gen, aller­dings ruft dies im Deut­schen deut­lich schnel­ler Ver­wir­run­gen her­vor als im Eng­li­schen. Das liegt vor allem dar­an, dass in der eng­li­schen Spra­che ins­ge­samt weni­ger Kom­mas benö­tigt wer­den als in der deut­schen. Folg­lich fällt deren An- und Abwe­sen­heit deut­lich weni­ger auf. In der deut­schen Über­set­zung fin­den sich bei­spiels­wei­se Ver­se ohne jeg­li­che Kom­ma­set­zung, wie „Aus einer Holz­lat­te die er im Kel­ler gefun­den hat­te bau­te er eine Klam­mer band sie sich auf den Rücken und sei­ne Flü­gel dar­an fest“. Die­se wer­den wie­der­um gefolgt von Ver­sen mit kor­rek­ter Kom­ma­set­zung: „Nicht das Foto ver­stört dich, son­dern dass du die Foto­gra­fie als sol­che nicht ver­stehst“. Da im Deut­schen jeder zwei­te Satz tat­säch­lich auch ein Kom­ma benö­tigt, fällt die­ser Wech­sel in der Über­set­zung wesent­lich stär­ker auf und lenkt letzt­end­lich vom Inhalt ab.

Vor allem der letz­te Aspekt ist bedau­erns­wert, da Utler mit Rot eine groß­teils har­mo­ni­sche, effek­ti­ve und stim­mi­ge Über­set­zung gelun­gen ist, die das Expe­ri­men­tel­le und Spie­le­ri­sche an Car­sons Schrei­ben in der deut­schen Spra­che wider­spie­gelt. Zwar fehlt zuwei­len die poe­ti­sche Raf­fi­nes­se, die die­se sehr gute Über­set­zung zu einer groß­ar­ti­gen machen wür­de, trotz­dem soll­te man es sich auf kei­nen Fall ent­ge­hen las­sen, eine der größ­ten eng­lisch­spra­chi­gen Dich­te­rin­nen der Gegen­wart auf Deutsch zu erle­ben.

Anne Carson/Anja Utler: Rot – Zwei Roma­ne in Ver­sen (im Ori­gi­nal: The Auto­bio­gra­phy of Red und Red Doc>)

S. Fischer Ver­lag 2019 ⋅ 320 Sei­ten ⋅ 24 Euro

www.fischerverlage.de/buch/anne_carson_rot/9783103972795

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