Dou­glas R. Hof­stadter preist James Falen

In der Rubrik "Meisterwerk" stellen Gastautoren ihre liebste Übersetzung vor. Professor Douglas R. Hofstadter hat mehr als eine, aber alle von demselben Roman. Von

Übersetzer bei der Arbeit: Eve Falen, Douglas Hofstadter, James Falen (1998). Quelle: Privat

Über­set­zung: Frey­ja Mels­ted, Julia Rosche und Felix Püt­ter.
The Eng­lish ori­gi­nal of this essay is avail­ab­le here.

Am Anfang mei­ner Lei­den­schaft für Alex­an­der Pusch­kins hin­rei­ßen­den, her­vor­ra­gen­den, herr­li­chen, hyp­no­ti­sie­ren­den Vers­ro­man Eugen One­gin (oder Euge­ne One­gin auf Eng­lisch, oder Евгений Онегин auf Rus­sisch) stand die hol­de Kunst der Über­set­zung – der Lyri­k­über­set­zung, um genau zu sein. Ich kann­te das Werk zunächst nur auf Eng­lisch, doch schon damals war ich so hin­ge­ris­sen, dass ich mich spä­ter sogar selbst an einer Über­set­zung ver­such­te, auch wenn ich anfangs kaum ein Wort Rus­sisch sprach. Es ist eine kurio­se Geschich­te, die viel­leicht eini­ge inter­es­sie­ren könn­te, und die ich dar­um hier erzäh­len will.

In den frü­hen Neun­zi­ger­jah­ren hat­te ich noch kei­nen blas­sen Schim­mer davon, dass die Rus­sen Eugen One­gin fast ein­hel­lig für den Gip­fel ihrer rei­chen Lite­ra­tur­land­schaft hal­ten, aber unge­ach­tet die­ser Bil­dungs­lü­cke hat­te ich in mei­nen Bücher­re­ga­len zwei eng­li­sche Vers­über­set­zun­gen des Werks ste­hen. Eines Tages mach­te ich mei­ner Frau Carol, die lei­der 1993 ver­stor­ben ist, den Vor­schlag, sie gemein­sam par­al­lel zu lesen. Ich stell­te es mir so vor, dass erst sie die eine One­gin-Stro­phe vor­las (das sind 14 Zei­len mit einem beson­de­ren, immer glei­chen Metrum und Rhyth­mus), dann ich die­sel­be Stro­phe in einer ande­ren eng­li­schen Über­set­zung, und dann jeder noch­mal, sodass wir jede Stro­phe zwei­mal hör­ten, bevor wir zur nächs­ten über­gin­gen. So began­nen mei­ne Erkun­dun­gen der berau­schen­den Welt des Eugen One­gin.

Im Jahr 1996 – inzwi­schen hat­te ich erfah­ren, welch gro­ße Bedeu­tung Eugen One­gin für die rus­si­sche Kul­tur hat – schrieb ich einen kur­zen Arti­kel für die New York Times Book Review, in dem ich vier eng­li­sche Über­set­zun­gen des Romans mit­ein­an­der ver­glich. Natür­lich hat­te ich eine Lieb­lings­fas­sung, aber alle vier gefie­len mir und ich lob­te sie dem­entspre­chend. Die ältes­te der vier Über­set­zun­gen war im Jahr 1937 erschie­nen, der Über­set­zer war ein Schrift­stel­ler namens Oli­ver Elton. Ich fand Eltons One­gin-Ver­si­on nicht schlecht, aber sie hat­te auch nichts Per­len­des oder gar Knis­tern­des.

Die nächs­te eng­li­sche Fas­sung des Eugen One­gin erschien im Jahr 1963. Ihr Urhe­ber war der bekann­te deut­sche Schrift­stel­ler und Über­set­zer Wal­ter Arndt, der aus dem Deut­schen und Rus­si­schen ins Eng­li­sche über­setz­te. Sein Eng­lisch war sehr gut, aber man merkt sei­nen Über­set­zun­gen den deut­schen Akzent an, des­sen er selbst sich offen­bar nie bewusst war. So unter­schwel­lig die­ser Akzent auch sein mag, er beein­träch­tigt die Les­bar­keit sei­nes Tex­tes. Man muss aller­dings auch beden­ken, dass sei­ne Über­set­zung von Eugen One­gin zum dama­li­gen Zeit­punkt die ers­te Neu­über­set­zung seit fünf­und­zwan­zig Jah­ren war. Arndt erhielt dafür den Bol­lin­gen Award, einen renom­mier­ten Über­set­zer­preis der Prince­ton Uni­ver­si­ty.

1964 kam dann das drei­spra­chi­ge Enfant ter­ri­ble Vla­di­mir Nabo­kov mit einer kata­stro­pha­len Wort-für-Wort-Über­set­zung an, ohne Anmut, ohne Rhyth­mus, ohne Metrum. Nabo­kov aber – wenn es je einen Ver­fech­ter des Per­ver­sen gab, dann ihn – schmäh­te sein eige­nes Werk, ihm war es „noch nicht häss­lich genug“ und ließ höh­nisch wis­sen, wie sehr er sich dar­auf freue, es noch wei­ter zu ent­stel­len. Und so blut­rüns­tig er sich auch über EO her­mach­te (noch immer nicht blut­rüns­tig genug, sei­ner Mei­nung nach!), er erhielt unge­heu­er viel Auf­merk­sam­keit, schließ­lich war er seit Loli­ta welt-berüch­tigt. Über­ra­schend vie­le intel­li­gen­te Leu­te lie­ßen sich erst von sei­nen Wort­wol­ken das Hirn ver­ne­beln und dann im Sog sei­nes Unsinns mit­rei­ßen. Zu Nabo­kovs gro­tes­kem Pro­jekt nur so viel: Für mich hat es sei­ne Über­set­zung nicht ver­dient, auf dem­sel­ben Reg­al­brett zu ste­hen wie die Über­set­zun­gen, die ich bewun­de­re (und in mei­nem Arbeits­zim­mer wird man sie dort auch wirk­lich nicht fin­den).

Drei­zehn Jah­re spä­ter, im Jahr 1977, erschien eine Über­set­zung von Sir Charles Johns­ton, einem hoch ange­se­he­nen bri­ti­schen Diplo­ma­ten. Ich wür­de Johns­tons Über­set­zung unge­fähr auf dem Niveau von Arndt ein­stu­fen – annehm­bar, ziem­lich gut sogar, aber in vie­ler Hin­sicht feh­ler­haft. Sie klingt rhyth­misch ungleich­mä­ßig, die gram­ma­ti­schen Kon­struk­tio­nen sind oft ver­quast und unver­ständ­lich, die Ver­se klin­gen merk­wür­dig und etwas holp­rig. Den­noch war es Johns­tons Über­set­zung, die mich zum ers­ten Mal mit Eugen One­gin in Berüh­rung brach­te. Um genau­er zu sein war Johns­tons Über­set­zung eine der zwei, die ich mit Carol laut las, kurz bevor sie ver­starb.

Die ande­re Über­set­zung, die wir zusam­men lasen, war von James Falen, einem  Rus­sisch­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­ty of Ten­nes­see. Sei­ne Über­set­zung wur­de 1990 von der Uni­ver­si­ty of Sou­thern Illi­nois Press ver­öf­fent­licht, einem rela­tiv unbe­kann­ten Ver­lag, und es war rei­nes Glück, dass sie mir in einer mei­ner Lieb­lings­buch­hand­lun­gen in die Hän­de fiel. Ich kauf­te die Über­set­zung und dach­te, „Ach, das kann ja nichts sein … So ein ame­ri­ka­ni­scher Pro­fes­sor, der irgend­wo hin­ter den Appa­la­chen sitzt, wird es doch nicht mit einem kul­ti­vier­ten und welt­ge­wand­ten bri­ti­schen Diplo­ma­ten auf­neh­men kön­nen!?“ Wie man sieht, war ich vol­ler Vor­ur­tei­le, die mir heu­te die Scha­mes­rö­te ins Gesicht trei­ben. Aber das war wirk­lich mei­ne spon­ta­ne Reak­ti­on. Ich soll­te wohl erwäh­nen, dass ich Eugen One­gin zu dem Zeit­punkt noch nicht ver­fal­len war – tat­säch­lich hat­te ich bis dato nur die ers­ten paar Ver­se von Johns­tons Über­set­zung gele­sen, und die hat­ten mich defi­ni­tiv nicht vom Hocker geris­sen – aber ich war von Lyri­k­über­set­zun­gen im All­ge­mei­nen fas­zi­niert, also kauf­te ich mir Falens Über­set­zung ein­fach mal. Was für ein Glück, dass ich immer­hin dazu nicht zu ver­bohrt war!

Eini­ge Jah­re ver­brach­ten die Über­set­zun­gen von Johns­ton und Falen Rücken an Rücken in mei­nem Regal und staub­ten vor sich hin. Eines Tages aber – wer weiß, war­um? – frag­te ich Carol: „Sag mal, wol­len wir nicht mal ver­su­chen, die bei­den Über­set­zun­gen zu zweit zu lesen?“ Zu mei­ner Freu­de war auch sie Feu­er und Flam­me und sie­he da, schon nach ein paar Sei­ten hat­ten wir uns bei­de in Falens Über­set­zung ver­liebt! Sie war so wun­der­bar gleich­mä­ßig, klar, ein­gän­gig, poe­tisch, berüh­rend und wun­der­schön – in einem Wort, berau­schend. So viel zum The­ma „irgend­wo hin­ter den Appa­la­chen“!

Das waren also die vier Über­set­zun­gen, die ich 1996 in mei­nem Arti­kel in der New York Times ver­glich – Eltons, Arndts, Johns­tons und Falens. Kur­ze Zeit spä­ter ver­öf­fent­lich­te ich eine erwei­ter­te Fas­sung die­ses Arti­kels als ein Kapi­tel mei­nes Buches Le Ton beau de Marot: In Prai­se of the Music of Lan­guage, das sich vor allem mit dem Über­set­zen und der Suche nach Schön­heit beschäf­tigt. Das dar­auf fol­gen­de Kapi­tel beschäf­tig­te sich mit Nabo­kovs Blut­bad. Aber in die­sem letz­te­ren Kapi­tel zitier­te ich auch eine Stro­phe – nur eine! – aus der Feder einer viel älte­ren Über­set­ze­rin namens Babet­te Deutsch. Ich kann­te zu die­sem Zeit­punkt nur die­se eine Stro­phe von ihr, über die ich in einem obsku­ren Buch von einem rus­si­schen Phy­si­ker gestol­pert war, aber mir war sofort klar, dass es sich bei ihrer Über­set­zung um ein magisch fun­keln­des Juwel han­del­te.

Eini­ge Mona­te spä­ter erb­te zufäl­lig ein Freund eines Freun­des eines Freun­des in Ohio eine Rei­he gebrauch­ter Bücher, dar­un­ter aus Zufall auch eine unge­le­se­ne Erst­aus­ga­be von Babet­te Deutschs gesam­ter Über­set­zung. Da er mei­nen New-York-Times-Arti­kel gese­hen hat­te, beschloss er, mir das Buch zu schi­cken. Dafür wer­de ich ihm auf ewig dank­bar sein. Schnell stell­te ich fest, dass Babet­te Deutsch (die übri­gens vie­le Bücher ver­öf­fent­licht hat, dar­un­ter auch einen pika­res­ken Roman über das Leben des fran­zö­si­schen Dich­ters Fran­çois Vil­lon) eine begna­de­te Sprach­künst­le­rin war, und hielt ihre One­gin-Über­set­zung für ein voll­ende­tes Juwel (oder etwa ein „falen­de­tes Juwel“)? Wenn man mich fest­na­geln woll­te, wür­de ich Falens Über­set­zung etwas über die von Deutsch stel­len, aber man muss auch beden­ken, dass sei­ne Über­set­zung aus dem Jahr 1990 und ihre aus dem Jahr 1936 datiert. Ich weiß nicht, ob Falen Deutschs Über­set­zung vor­lag, ich wür­de sagen, nein.

Was ver­an­lass­te Jim Falen dann, EO zu über­set­zen? Nun, sei­ne Frau Eve schenk­te ihm 1977 eine Aus­ga­be von Charles Johns­tons brand­neu­er Über­set­zung, da sie wuss­te, wie sehr Jim das rus­si­sche Ori­gi­nal lieb­te. Jim las die Über­set­zung, reagier­te aber vor allem ent­täuscht. Die Über­set­zung mach­te ihn ver­rückt, er spür­te ihre Defi­zi­te an jeder Stel­le, so wie es nur jemand ver­mag, der sowohl die Schön­heit des Ori­gi­nals ver­steht als auch die poe­ti­schen Mög­lich­kei­ten des Eng­li­schen erkennt.

Und so begann Jim bald – zu sei­ner eige­nen Über­ra­schung und aus­ge­löst von sei­ner Ent­täu­schung über Johns­tons Über­set­zung – an sei­ner eige­nen eng­li­schen Über­set­zung von Eugen One­gin zu arbei­ten. Er hat­te sich nie träu­men las­sen, dass er sich die­sen lite­ra­ri­schen Gip­fel ein­mal vor­neh­men wür­de, und er brauch­te auch über zehn Jah­re. Aber schließ­lich brach­te er die­se wun­der­ba­re, gera­de­zu scho­ckie­rend schö­ne Über­set­zung her­aus.

Im Herbst 1997 besuch­te ich Stan­ford und aus irgend­ei­nem Grund hat­te ich es mir in den Kopf gesetzt, Jims Über­set­zung öffent­lich vor­zu­le­sen. Man benö­tigt um die vier Stun­den, um das gan­ze Buch mit sei­nen 380 Stro­phen zu jeweils 14 Ver­sen laut vor­zu­tra­gen, also haben wir zwei Abend­ver­an­stal­tun­gen dar­aus gemacht. Die­se wun­der­schö­ne Kopro­duk­ti­on von Pusch­kin und Falen in Stan­ford mit einem klei­nen, aber begeis­te­rungs­fä­hi­gen Publi­kum zu tei­len, ver­setz­te mich in einen unbe­schreib­li­chen Rausch. Durch Falens Über­set­zung war ich Pusch­kin so nahe gekom­men, und durch das Vor­le­sen konn­te ich die­ses Gefühl mit dut­zen­den ande­ren tei­len. Ein magi­sches Erleb­nis.

Zu dem Zeit­punkt wäre mir nicht im Traum ein­ge­fal­len, das rus­si­sche Ori­gi­nal zu lesen, denn mit mei­nen Rus­sisch­kennt­nis­sen war es nicht beson­ders weit her. Ich dach­te mir ein­fach: „Ich habe Eugen One­gin gele­sen, es ist fan­tas­tisch, ein herr­li­ches Werk.“ Doch die Wege des Schick­sals sind manch­mal uner­gründ­lich. Um die Zeit unter­rich­te­te ich auch Lyri­k­über­set­zung an der India­na Uni­ver­si­ty und beschloss, über Eugen One­gin zu spre­chen. Ich gab mei­nen Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten ver­schie­de­ne Stro­phen (von Deutsch, Elton, Arndt, Johns­ton und Falen) zum Lesen und Kom­men­tie­ren. Und als wir so kom­men­tier­ten, frag­te ich: „Kann hier zufäl­lig jemand Rus­sisch?“ Aber nie­mand mel­de­te sich. Ich hat­te immer­hin ein klei­nes biss­chen Rus­sisch gelernt und las daher zu Hau­se ein paar mei­ner Lieb­lings­stro­phen, nur zum Spaß. Ich las sto­ckend, aber vol­ler Begeis­te­rung, und teil­te das, was ich aus der Lek­tü­re mit­nahm, in mei­nem Semi­nar.

Inzwi­schen hat­te ich erfah­ren, dass vie­le Rus­sen das gan­ze Buch von Anfang bis Ende aus­wen­dig kön­nen. Nicht etwa weil sie gezwun­gen wer­den, es zu ler­nen. Nein, ein­fach aus Lie­be. Das beein­druck­te mich sehr und moti­vier­te mich, es ihnen gleich­zu­tun. Ich begann eini­ge mei­ner Lieb­lings­stro­phen aus Falens Über­set­zung auf Rus­sisch aus­wen­dig zu ler­nen. Ich las die Stro­phen ein­fach immer und immer wie­der, bis sie hän­gen blie­ben. Und dann sag­te ich sie auf, nur für mich, und ver­in­ner­lich­te sie. Dadurch ver­bes­ser­te sich auch mein Rus­sisch und einer mei­ner lebens­lan­gen Träu­me – Rus­sisch zu ler­nen – ging in Erfül­lung. Ich beleg­te sogar einen Rus­sisch­kurs und übte, indem ich mich regel­mä­ßig mit Rus­sen zum Mit­tag­essen traf.

War­um ich nicht Falens Über­set­zung aus­wen­dig lern­te? Wäre das nicht viel ein­fa­cher gewe­sen? Die Ant­wort ist ein­fach: Es gibt hun­der­te Mil­lio­nen Men­schen, die die­ses Werk im Ori­gi­nal lie­ben und die gro­ße Tei­le wie­der­erken­nen, wenn man sie zitiert. Wenn man mit einer Stro­phe beginnt, kön­nen sie sie fort­set­zen. Aus­wen­dig. (Es war kein Scherz, als ich sag­te, dass es das Lieb­lings­werk der Rus­sen ist!) Aber nie­mand kennt Falens Über­set­zung aus­wen­dig. Das heißt kei­nes­wegs, dass die Über­set­zung nicht so schön oder tief­grün­dig oder mit­rei­ßend ist wie das Ori­gi­nal. Aber da es eine Über­set­zung ist, ist die Fan­ge­mein­de mil­lio­nen­fach klei­ner. Wer also in eine sol­che Gemein­schaft ein­tre­ten will, der muss das Werk in der Ori­gi­nal­spra­che aus­wen­dig ler­nen. Also habe ich das getan, oder zumin­dest annä­hernd. (Ich lern­te etwa ein Fünf­tel aus­wen­dig, an die 1000 Zei­len in toto.)

Zu dem Zeit­punkt stand ich bereits mit James Falen in Kon­takt, erst brief­lich, spä­ter dann per E‑Mail sowie tele­fo­nisch. Sei­ne Über­set­zung hat­te mich so sehr berührt, dass ich irgend­wann anfing, hier und da ein paar Stro­phen in mein eige­nes Eng­lisch zu über­set­zen. Ich konn­te der Ver­su­chung ein­fach nicht wider­ste­hen. So wie jemand, der einen Pia­nis­ten bewun­dert und des­halb das Ver­lan­gen ver­spürt, sich selbst ans Kla­vier zu set­zen. Eines Tages, als ich schon wun­der­ba­re Stun­den mit der Über­set­zung von sechs, sie­ben Stro­phen ver­bracht hat­te, frag­te ich mich: „War­um nicht das gan­ze Buch über­set­zen? Wäre das nicht das höchs­te der Gefüh­le?“ Ehe ich mich ver­sah, steck­te ich bereits mit­ten­drin in die­sem gro­ßen lite­ra­ri­schen Aben­teu­er.  Zu mei­ner gro­ßen Freu­de unter­stütz­te James Falen mein Vor­ha­ben voll und ganz.

Eini­ge Zeit spä­ter erhielt ich durch einen ver­rück­ten Zufall eine Ein­la­dung von Ste­ve Black­well, einem Kol­le­gen von Jim in der Sla­wis­tik der Uni­ver­si­ty of Ten­nes­see in Knoxvil­le. Ste­ve hat­te kei­ne Ahnung von mei­ner Begeis­te­rung für One­gin, von der für Falen ganz zu schwei­gen. Er lud mich ein, um über „das Absur­de“ in der Lite­ra­tur zu spre­chen (womit ich mich seit Lan­gem beschäf­tig­te). „Was für ein wun­der­ba­rer Zufall“, dach­te ich, „ich kann nach Ten­nes­see fah­ren, ein biss­chen über das Absur­de spre­chen und Jim Falen tref­fen – unglaub­lich!“ Selbst­ver­ständ­lich nahm ich die Ein­la­dung an und Ste­ve orga­ni­sier­te nicht nur den geplan­ten Vor­trag über das Absur­de, son­dern auch eine zwei­tei­li­ge Lesung von Jim Falens Euge­ne One­gin. Wahn­sinn! Bevor ich nach Ten­nes­see ging, kon­tak­tier­te ich den Ver­lag und ließ mir jedes ein­zel­ne Exem­plar aus ihrem Bestand schi­cken, um die hun­dert Taschen­bü­cher. Ich pack­te das gro­ße Bücher­pa­ket in mein Auto und nahm es mit nach Ten­nes­see.

Zur Über­ra­schung mei­nes Publi­kums ver­kün­de­te ich zu Beginn der Lesung: „Jeder bekommt ein Exem­plar geschenkt!“ Es waren um die 90 Leu­te erschie­nen, zum Glück hat­te ich gera­de genug Exem­pla­re dabei. Danach las ich in Anwe­sen­heit von Jim und sei­ner Frau Eve die ers­ten vier Kapi­tel vor – für mich eine gro­ße Ehre und ein fan­tas­ti­scher Spaß. Zwei Aben­de spä­ter, zur zwei­ten Lesung, erschie­nen wie­der 90 Leu­te. Noch ein­mal 90 Zuhö­rer für die letz­ten vier Kapi­tel zu inter­es­sie­ren, war ein gro­ßer Tri­umph für mich. Aus mei­ner eher flüch­ti­gen Bekannt­schaft mit Jim und Eve Falen ent­wi­ckel­te sich eine wun­der­ba­re und tie­fe Freund­schaft – so ziem­lich das bes­te Ergeb­nis mei­nes Inter­es­ses an der Kunst des Über­set­zens.

Den Rest des Jah­res 1998 ver­brach­te ich damit, wie ein Beses­se­ner Stro­phe für Stro­phe zu über­set­zen, in wel­chen Staat, in wel­ches Land es mich auch ver­schlug. Man­che Stro­phen wer­de ich nie ver­ges­sen: Ich über­setz­te in der Ast­ga­bel eines Bau­mes in der kali­for­ni­schen Sier­ra, oder auf Sienas Piaz­za del Cam­po, kurz bevor ich mir mit mei­nen zwei Kin­dern das Palio anschau­te, oder jetlag­ge­plagt in einem Café im Pari­ser Qua­tier Latin. Und nie­mals wer­de ich ver­ges­sen, wie ich die aller­letz­te Stro­phe des Romans in Pusch­kins eige­ner Woh­nung in St. Peters­burg über­setz­te – ich saß sogar an Pusch­kins Schreib­tisch in Pusch­kins Arbeits­zim­mer, unter den Augen des Dich­ters selbst, und wur­de für zwei vol­le Stun­den (Боже мой!) in die­sem rus­si­schen Natio­nal­hei­lig­tum allein gelas­sen.

In die­sem für mich sehr beson­de­ren Jahr unter­nahm ich eini­ge sechs­stün­di­ge Kurz­trips von India­na run­ter in die Gegend um Knoxvil­le, durch Ken­tu­ckys berühm­te Pfer­de­idyl­le und Ten­nes­sees male­ri­sches Cum­ber­land-Gebir­ge, um Jim und Eve in ihrem wun­der­schö­nen Haus am Ran­de des Litt­le Ten­nes­see Rivers zu besu­chen. Bei mei­nem letz­ten Besuch, als ich gera­de am Fein­schliff mei­ner Über­set­zung saß, ver­brach­ten wir drei unver­gess­li­che Aben­de bei Sher­ry und Scho­ko­la­de, an denen ich mein Manu­skript vor­trug, um hier und da ein paar Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men, und Jim ab und an eine Stro­phe sei­ner eige­nen Über­set­zung zitier­te, damit wir uns an dem Ver­gleich laben konn­ten. So wird man sel­ten bewir­tet! Einer der Höhe­punk­te mei­nes Lebens.

Schon von Anfang an wuss­te ich genau, wem ich die Über­set­zung wid­men wür­de, und so geschah es, dass ich bei mei­nem letz­ten Besuch mei­ne lie­be­vol­le Wid­mung an Jim und Eve Falen ver­fass­te, bei der ich mich Zei­le für Zei­le an Pusch­kins Wid­mung an sei­nen Freund Pjotr Alex­an­d­ro­witsch Pletnjow ori­en­tier­te. Als ich eines Abends sehr spät mit Schrei­ben fer­tig war, schlich ich mich aus mei­nem Schlaf­zim­mer und leg­te die Wid­mung auf einen Tisch im Ess­zim­mer, so dass Jim und Eve sie am nächs­ten Mor­gen fin­den wür­den – und so kam es auch. Es war ihnen nicht klar, dass ich die Wid­mung tat­säch­lich mit in das Buch auf­neh­men wür­de, aber natür­lich tat ich es. Ver­stand sich das nicht von selbst? Mei­ne Über­set­zung hat­te also zwei Wid­mun­gen: Pusch­kins an sei­nen Freund und mei­ne eige­ne, an mei­ne Freun­de. Hier sind die zwei Gedich­te (übri­gens mit 17 Zei­len, also kei­ne One­gin-Stro­phen, obwohl der Stil sehr ähn­lich ist):

Nicht um die Welt zu amü­sie­ren,
Nein, weil mir Freund­schaft teu­er ward,
Wünscht’ ich Dir hier zu prä­sen­tie­ren
Ein Pfand von wür­di­ge­rer Art,
Der schö­nen See­le wert vor allem,
Die hei­lig träu­mend sich erfreut
An dich­te­ri­schem Wider­hal­len
Und hoch­ge­sinn­ter Ein­fach­heit;
Statt­des­sen muss dir nur gefal­len
Die­ser Kapi­tel Bun­ter­lei,
Die, halb zum Lachen, halb zum Wei­nen,
Volks­ton und Ide­al ver­ei­nen
Sorg­lo­se Frucht von Spie­le­rei,
Schlaf­lo­sen Näch­ten, Inspi­rie­rung,
Unrei­fer, wel­ker Jah­re Sinn,
Ver­stan­des kal­te Regis­trie­rung
Und Her­zens schmerz­li­cher Gewinn.(Aus dem Rus­si­schen von Rolf-Diet­rich Keil)
Nicht um die Welt zu amü­sie­ren –
Nabókov gar!? – nein, nur Euch zwei
Wünscht’ ich, oh Falens, zu ser­vie­ren
Ein Pfand, das wür­di­ger Euch sei,
Wert, Eurer See­le zu gefal­len,
Die hei­lig träu­mend ihre Gunst
Erweist der kla­ren, lebens­pral­len,
Erha­ben-schlich­ten Dich­ter­kunst;
So bin­den nun uns unter allen
Die­se Kapi­tel, eins bis acht,
Die, halb zum Lachen, halb zum Wei­nen,
Volks­ton und Ide­al zu einen,
Ich spie­le­risch her­vor­ge­bracht;
Die sprung­haf­ten Gedan­ken­flüs­se
Aus grü­ner Jah­re grau­em Sinn,
Die weiß­wein­küh­len Geist-Ergüs­se,
Und rotweinschwang’ren Herz­ge­winn.
(Aus dem Eng­li­schen von Felix Püt­ter)

Falls ihr, lie­be Lese­rin­nen und Leser, nun dar­an inter­es­siert seid, Eugen One­gin zu lesen, aber kein Rus­sisch könnt, wür­de ich euch raten, es mir und Carol gleich­zu­tun – lest zwei Ver­sio­nen gleich­zei­tig und ver­gleicht sie Stro­phe für Stro­phe. Aber es dürf­te klar sein, dass ich Charles Johns­tons Über­set­zung dazu nicht emp­feh­len kann. Statt­des­sen wür­de ich die Über­set­zun­gen von Babet­te Deutsch und James Falen lesen, die ich bei­de sehr schät­ze (oder, falls ihr, wer­te Lese­rin­nen und Leser, dar­auf besteht, dann nehmt Jims Über­set­zung und mei­ne eige­ne, die 1999 ver­öf­fent­licht wur­de – übri­gens genau 200 Jah­re nach der Geburt von Alex­an­der Ser­ge­je­witsch Pusch­kin).

Falens und Deutschs Über­set­zun­gen sind sehr unter­schied­lich. Aber das bedeu­tet nicht, dass sie nicht bei­de wun­der­bar sein kön­nen. Sie sind wun­der­bar unter­schied­lich. Aber wie ist das Ver­hält­nis von Über­set­zung und Ori­gi­nal? Das Ori­gi­nal ist in vie­ler­lei Hin­sicht ein beein­dru­cken­des Werk, aber das lässt sich auch über die­se bei­den Über­set­zun­gen sagen. Ich zöge­re kei­ne Sekun­de, bei­den Über­set­zun­gen genau­so viel Witz, genau­so viel Tie­fe zu attes­tie­ren wie dem Ori­gi­nal. Aber mir geht es auch nicht um die­se Art von Ver­gleich. Die Fra­ge ist: Kann man sich in sie ver­lie­ben? Ver­mö­gen sie ihre Lese­rin­nen und Leser so ein­zu­neh­men und so zu berau­schen wie Pusch­kins Text den berausch­tes­ten rus­si­schen Leser?

Ich habe den Ein­druck, dass mich Jim Falens Über­set­zung des Eugen One­gin genau­so berauscht hat wie jede rus­si­sche See­le, die das Ori­gi­nal gele­sen hat – oder zumin­dest fast genau­so. Und selbst nach 25 Jah­ren abso­lu­ter Hin­ga­be bin ich noch immer berauscht von EO. Heu­te bin ich mit dem Werk nicht nur auf Eng­lisch, son­dern auch auf Rus­sisch eng ver­traut und ken­ne auch (aller­dings nicht so innig) die schö­nen, flüs­si­gen, poe­ti­schen Über­set­zun­gen ins Deut­sche, Fran­zö­si­sche und sogar ins Schwe­di­sche. (Von allen vier deut­schen Über­set­zun­gen, die ich besit­ze, gefällt mir übri­gens die von Rolf-Diet­rich Keil am bes­ten.)

Zum Abschluss will ich noch ein­mal beto­nen, dass ich mich nur durch den Akt des krea­ti­ven Über­set­zens in die­ses groß­ar­ti­ge Werk der Lite­ra­tur ver­liebt habe. Dies ist der erstaun­li­chen Kraft einer her­aus­ra­gen­den Über­set­zung à la James Falen oder Babet­te Deutsch zu ver­dan­ken. Es lebe die hohe, die hol­de Kunst der Über­set­zung!

Dou­glas R. Hof­stadter ist Dis­tin­guis­hed Pro­fes­sor of Cogni­ti­ve Sci­ence and Com­pa­ra­ti­ve Lite­ra­tu­re an der India­na Uni­ver­si­ty in Bloo­m­ing­ton, wo er seit 30 Jah­ren das Cen­ter for Rese­arch on Con­cepts and Cogni­ti­on lei­tet. Den meis­ten ist er für sei­ne Bücher bekannt, die sich mit dem mensch­li­chen Geist, Den­ken, Bewusst­sein und Com­pu­tern beschäf­ti­gen. Sein berühm­tes­tes Werk Gödel, Escher, Bach: ein End­lo­ses gefloch­te­nes Band (deut­sche Über­set­zung von Phil­ipp Wolf-Win­degg und Her­mann Feu­er­seee) erhielt im Jahr 1980 den Pulit­zer­preis und ver­kauft sich nach wie vor. Deut­lich weni­ger bekannt ist er zu sei­nem Bedau­ern für sei­ne lite­ra­ri­schen Über­set­zun­gen (wie z.B. Eugen One­gin) oder sei­ne Tex­te über die Kunst des Über­set­zens, wie sei­nen 1997 erschie­ne­nen Band Le Ton beau de Marot: In Prai­se of the Music of Lan­guage. Die­se zwei Bücher und sei­ne ande­ren Tex­te über das Über­set­zen ver­dan­ken sich sei­ner lebens­lan­gen Sprach­lei­den­schaft. Hof­stadter nennt sich selbst ger­ne „π‑lingual“: Sei­ne bruch­stück­haf­ten Sprach­kennt­nis­se erge­ben in Sum­me etwa 3,14159265358979…

Alex­an­der Puschkin/James E. Falen: Euge­ne One­gin. A Novel in Ver­se (Eng­li­sche Über­set­zung. Im rus­si­schen Ori­gi­nal: Евгений Онегин)

Oxford Uni­ver­si­ty Press ⋅ 288 Sei­ten ⋅ £ 8,99

global.oup.com/ukhe/product/eugene-onegin-9780199538645

Lite­ra­tur­lis­te:

Dou­glas R. Hof­stadter. Le Ton Beau De Marot: In Prai­se Of The Music Of Lan­guage. New York: Basic Books, 1997.

Александр Сергеевич Пушкин. Евгений Онегин. Собрание Сочинений в десяти томах (Том четвертый). Москва: Государственное издательство Художественной Литературы, 1959.

Über­set­zun­gen (nach Über­set­zer­na­men sor­tiert):

Arndt, Wal­ter: Euge­ne One­gin. New York: E. P. Dut­ton, 1963.

Busch, Ulrich: Eugen One­gin: Roman in Ver­sen. Mün­chen: Manes­se-Ver­lag, 1981.

Deutsch, Babet­te: Euge­ne One­gin. In Poems, Pro­se and Plays of Alex­an­der Push­kin, edi­ted by Avrahm Yar­mo­lin­sky, 111–311. Modern Libra­ry. New York: Ran­dom House, 1936.

Elton, Oli­ver: Evge­ny One­gin. Lon­don: The Push­kin Press, 1937.

Falen, James E.: Euge­ne One­gin. Car­bonda­le, Illi­nois: Sou­thern Illi­nois Uni­ver­si­ty Press, 1990.

Hof­stadter, Dou­glas R.: Euge­ne One­gin. New York: Basic Books, 1999.

Johns­ton, Sir Charles: Euge­ne One­gin: A Poe­tic Novel. Lon­don: Pri­va­te Prin­ting, 1977.

Keil, Rolf-Diet­rich: Jew­ge­ni One­gin: Roman in Ver­sen. Gie­ßen: Wil­helm Schmitz Ver­lag, 1980.

Nabo­kov, Vla­di­mir: Euge­ne One­gin. Bol­lin­gen Seri­es LXXII. New York: Pan­the­on, 1964.

Nabo­kov, Vladimir/Baumann, Sabi­ne: Eugen One­gin. Frank­furt: Stro­em­feld, 2009.

Anmer­kung der Redak­ti­on: Für eine par­al­le­le deut­sche Lek­tü­re zwei­er Über­set­zun­gen à la Doug und Carol Hof­stadter emp­fiehlt Dou­glas Hof­stadter die von Rolf-Diet­rich Keil und Ulrich Busch.

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