Wie der „Cli­gès“ nach Deutsch­land kam

Es hat ein wenig gedauert, bis Chrétien de Troyes’ Versroman „Cligès“ aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurde. Um genau zu sein: 830 Jahre. Von

Der Beginn des Cligès in einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Quelle: Bibliothèque Nationale de France.

Zwi­schen der Publi­ka­ti­on eines Texts und dem Erschei­nen sei­ner Über­set­zung kann schon ein­mal ein wenig Zeit ver­ge­hen. Dass jemand einen Autor über­setzt, der bereits ver­stor­ben ist, kann eben­falls vor­kom­men. Wenn eine Über­set­ze­rin ein Werk in ihre eige­ne Spra­che bringt, das schät­zungs­wei­se 830 Jah­re alt ist und des­sen Autor ver­mut­lich seit 820 Jah­ren tot ist, ist dies jedoch nicht ganz so all­täg­lich. Im Jah­re 2006 geschah genau das: Ingrid Kas­ten ver­öf­fent­lich­te ihre Über­set­zung des Cli­gès aus dem Alt­fran­zö­si­schen, des letz­ten noch nicht ins Neu­hoch­deut­sche über­setz­ten Romans von Chré­ti­en de Troyes. Die Über­set­zun­gen der übri­gen Wer­ke des Autors in unse­re Spra­che sind ein gan­zes Stück älter – wie kommt es, dass es im Fal­le des Cli­gès so lan­ge gedau­ert hat, und wie war der Weg dort­hin? Wel­che Her­aus­for­de­run­gen stel­len sich bei der Über­set­zung eines so alten Texts und wie geht die Über­set­ze­rin damit um?

Zunächst eini­ge Wor­te zu Chré­ti­en de Troyes selbst, des­sen Name heut­zu­ta­ge viel weni­ger berühmt ist als der eini­ger Figu­ren (Lan­ze­lot! Par­zi­val!), die er in die euro­päi­sche Lite­ra­tur ein­führ­te. Über sein Leben weiß man nur wenig. Gebo­ren wur­de er ver­mut­lich um 1135 und starb um 1185. Bekannt sind sei­ne Mäze­ne, da er sie in sei­nem Werk expli­zit nennt: Marie de Cham­pa­gne und Phil­ipp von Flan­dern. Sei­ne Bil­dung lässt dar­auf schlie­ßen, dass er Geist­li­cher war. Ver­mu­tet wer­den eine Ver­wandt­schaft mit der könig­li­chen Fami­lie von Eng­land (dort herrsch­te seit 1066 eine fran­zö­sisch­stäm­mi­ge Dynas­tie und die Ober­schicht sprach Fran­zö­sisch!) und ein län­ge­rer Auf­ent­halt dort sowie am Hof von Eleo­no­re von Aqui­ta­ni­en, Mut­ter von Marie de Cham­pa­gne und wie sie eine bedeu­ten­de För­de­rin von Dich­tern.1

Ver­mut­lich war kein ande­rer Autor des 12. Jahr­hun­derts so pro­duk­tiv wie Chré­ti­en de Troyes: Sein Werk umfasst fünf im cham­pag­ni­s­chen Dia­lekt abge­fass­te Roma­ne, von denen der letz­te, Le Con­te du Graal, unvoll­endet blieb. Diver­se wei­te­re Wer­ke, die der Autor im Pro­log zu sei­nem Cli­gès selbst auf­zählt, sind nicht erhal­ten. Kurz gesagt zäh­len Chré­ti­ens Roma­ne, die wie damals all­ge­mein üblich in Acht­sil­blern mit Paar­reim abge­fasst sind, zur soge­nann­ten Matiè­re de Bre­ta­gne, d. h. sie basie­ren auf kel­ti­schen Stof­fen. Das beson­de­re Ver­dienst des Autors besteht dar­in, dass er die­se münd­lich über­lie­fer­ten Stof­fe ver­schrif­tet und dabei mit höfi­schen Idea­len ver­knüpft, also zwei Tra­di­tio­nen gekonnt ver­eint. Der höfi­sche Roman rich­tet sich an ein klei­nes, aris­to­kra­ti­sches Publi­kum, die han­deln­den Per­so­nen sind eben­so vor­nehm. Der Held, ein tap­fe­rer und kunst­fer­ti­ger Rit­ter, besteht spe­zi­ell ihm zuge­dach­te Prü­fun­gen und ist als Erbe des Sän­gers aus den Lie­dern der pro­ven­za­li­schen Tro­ba­dors einer höher­ge­stell­ten Dame erge­ben; sei­ne Lie­be macht ihn gleich­zei­tig zu einem wert­vol­len Mit­glied der Gesell­schaft. An sich ist die höfi­sche Lie­be ehe­bre­che­risch, Chré­ti­en de Troyes ver­tritt eine ande­re Ansicht und preist die Ehe zwi­schen zwei Lie­ben­den als idea­le Verbindung.

Er schreibt auf Alt­fran­zö­sisch, also in einer Spra­che, in der als Relikt der Fäl­le des Latei­ni­schen ein Zwei-Kasus-Sys­tem exis­tiert und in der schein­bar moder­ne Wör­ter ganz ande­re Bedeu­tun­gen haben kön­nen (so kann choi­sir zwar „aus­wäh­len“, aber auch „erbli­cken“ bedeu­ten). Ins Mit­tel­hoch­deut­sche wur­den die meis­ten von Chré­ti­ens Roma­nen recht schnell über­setzt bzw. adap­tiert – Erec et Eni­de und Yvain ou le Che­va­lier au Lion durch Hart­mann von Aue, der Con­te du Graal durch Wolf­ram von Eschen­bach, alles etwa zwi­schen 1180 und 1210. Eine voll­stän­di­ge mit­tel­hoch­deut­sche Bear­bei­tung des Cli­gès, mit dem wir uns hier näher befas­sen wol­len, hat wahr­schein­lich exis­tiert, ist jedoch nur in Frag­men­ten erhal­ten. Der Ver­fas­ser ist ver­mut­lich Ulrich von Tür­heim, der in der ers­ten Hälf­te des 13. Jahr­hun­derts leb­te.2 Eine Adap­t­ati­on von Lan­ce­lot ou le Che­va­lier de la Char­ret­te exis­tiert offen­bar nicht.3

Da hät­ten wir nun alle fünf erhal­te­nen Roma­ne genannt. Ihre ers­te voll­stän­di­ge Edi­ti­on haben wir Wen­de­lin Foers­ter (1844–1915) zu ver­dan­ken, einem öster­rei­chi­schen Roma­nis­ten, der ab 1876 als ordent­li­cher Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bonn lehr­te. Die ein­zel­nen Bän­de wur­den zwi­schen 1884 und 1899 ver­öf­fent­licht (1932 folg­te post­hum als letz­tes Der Per­ce­val­ro­man). Foersters Wör­ter­buch zu Kris­ti­an von Troyes‘ sämt­li­chen Wer­ken erschien erst­mals 1914 und erleb­te meh­re­re Neuauflagen.

Nach Foersters Tod wur­den zwi­schen 1929 und 1977 dann auch alle Wer­ke von Chré­ti­en de Troyes in neu­hoch­deut­schen Über­set­zun­gen ver­öf­fent­licht4 – das heißt: fast alle. Erst 2006 erschien end­lich die zwei­spra­chi­ge Aus­ga­be des wohl 1175 ver­fass­ten Cli­gès bei De Gruy­ter in der Über­set­zung von Ingrid Kas­ten. Von ihr stammt im Übri­gen auch eine von drei Über­set­zun­gen des Romans Erec et Eni­de, ver­öf­fent­licht 1979.

War­um nur so spät? Dar­über las­sen sich ein paar Ver­mu­tun­gen anstel­len. Wie wei­ter oben bereits erwähnt exis­tiert im Gegen­satz zu ande­ren Roma­nen wie dem Con­te du Graal kei­ne erhal­te­ne mit­tel­hoch­deut­sche Bear­bei­tung, es fehlt also sozu­sa­gen ein bis in unse­re Zeit nach­wir­ken­der Ver­mitt­ler.5 Hin­zu kommt, dass der Cli­gès sich in Hand­lung und Auf­bau deut­lich von den übri­gen Roma­nen sei­nes Autors unter­schei­det. Er geht als ein­zi­ger nicht auf eine kel­ti­sche Legen­de zurück. Die erzähl­te Geschich­te umspannt etwa zwan­zig Jah­re und meh­re­re Kul­tur­räu­me, der Artus­hof ist zwar Maß­stab und Ide­al, aber weder Aus­gangs­punkt noch Ende.

Alix­and­re, der älte­re Sohn des Kai­sers von Grie­chen­land, bringt von einer Rei­se zum Hof des Königs Artus eine Frau namens Sore­da­mor und einen Sohn namens Cli­gès nach Hau­se. Damit die­ser einst Kai­ser wer­den kann, ver­ein­bart Alix­and­re mit sei­nem jün­ge­ren Bru­der Alis, dass die­ser selbst die Kro­ne tra­gen, aber nie­mals hei­ra­ten darf. Nach Alix­and­res Tod wird Alis von sei­nen Getreu­en gedrängt, sein Ver­spre­chen zu bre­chen, und stimmt schließ­lich einer Hei­rat mit Feni­ce zu, der Toch­ter des Kai­sers von Deutsch­land. Cli­gès und Feni­ce ver­lie­ben sich inein­an­der, die jun­ge Frau über­lis­tet ihren Ehe­mann mit­hil­fe eines Zau­ber­tranks, um sich ihre Jung­fräu­lich­keit zu bewah­ren, und stellt sich schließ­lich mit­tels eines wei­te­ren Tranks tot. Cli­gès raubt sie aus dem Grab und ver­steckt sie in einem Turm; nach eini­gen Mona­ten wer­den die Lie­ben­den ent­deckt und flie­hen an den Artus­hof. Bevor es zum Krieg kom­men kann, stirbt Alis, Cli­gès und Feni­ce kön­nen hei­ra­ten und Cli­gès besteigt den Thron.

Wie aus der Inhalts­an­ga­be (gekürzt um eini­ge Neben­hand­lungs­strän­ge und eini­ges Zit­tern und Ban­gen der Lie­bes­paa­re in bei­den Genera­tio­nen) her­vor­geht, nimmt der Cli­gès durch eine Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen einem jun­gen Mann und der Frau sei­nes Onkels auf den noch heu­te bekann­ten Tris­tan-Stoff Bezug. Feni­ce möch­te jedoch kei­ne zwei­te Isol­de wer­den, sich nicht kör­per­lich zwei Män­nern hin­ge­ben, und hebt sich mit­tels einer List für Cli­gès auf, den sie liebt. Chré­ti­en de Troyes erwähnt im Pro­log zum Cli­gès, dass er u. a. den Tris­tan-Stoff bereits bear­bei­tet hat, doch das Werk ist uns lei­der nicht erhal­ten. Ingrid Kas­ten weist in der Ein­lei­tung zu ihrer Über­set­zung auf diver­se Motiv­par­al­le­len zur Tris­tan-Geschich­te hin und stellt die Fra­ge, ob es sich bei Chré­ti­ens Roman um einen Anti-Tris­tan oder viel­mehr um einen Hyper‑, Neo- oder Super-Tris­tan han­delt.6 Wir haben es zwar mit einem zur Matiè­re de Bre­ta­gne zäh­len­den Werk zu tun, doch auch die Matiè­re de Rome (deren Vor­bild Wer­ke aus der latei­ni­schen Lite­ra­tur sind) ist präsent.

Klei­ne Rand­be­mer­kung, bevor wir uns der Über­set­zung von Chré­ti­ens Roman ins Neu­hoch­deut­sche zuwen­den: Obwohl die han­deln­den Per­so­nen aus ver­schie­de­nen Kul­tur­räu­men stam­men, wird nur an einer ein­zi­gen Stel­le ein Dol­met­scher erwähnt (und zwar in Vers 3959, für die Sprach­kom­bi­na­ti­on Grie­chisch-Deutsch). Als z. B. Alix­and­re und sei­ne Gefähr­ten sich König Artus nähern, fragt die­ser die jun­gen Män­ner kurz, woher sie denn stam­men, aber die Ver­stän­di­gung klappt sofort problemlos.

Ingrid Kas­ten war bis zu ihrer Eme­ri­tie­rung Pro­fes­so­rin für Älte­re deut­sche Lite­ra­tur und Spra­che am Insti­tut für Deut­sche und Nie­der­län­di­sche Phi­lo­lo­gie der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, hat aber auch Roma­nis­tik stu­diert. Ihre Über­set­zung des Cli­gès rich­tet sich in ers­ter Linie an Ger­ma­nis­tIn­nen, wie sie am Anfang und am Ende der Ein­lei­tung betont.7 Sie ori­en­tiert sich an der Edi­ti­on von Foers­ter und damit an einer „For­schungs­tra­di­ti­on, die der deut­schen Roma­nis­tik Welt­gel­tung ver­schafft hat.„8 Wäre die­se Tra­di­ti­on heu­te noch leben­dig, hät­te es viel­leicht frü­her eine Über­set­zung des Cli­gès ins Neu­hoch­deut­sche aus der Hand eines Roma­nis­ten oder einer Roma­nis­tin gegeben…?

Die 2006 erschie­ne­ne Über­set­zung bil­det die Acht­sil­bler mit Paar­reim des Ori­gi­nals in reim­lo­sen deut­schen Ver­sen ohne ein bestimm­tes Metrum nach. Der Vor­teil einer Wie­der­ga­be in Ver­sen liegt dar­in, dass beim Lesen das Wech­seln zwi­schen dem Ori­gi­nal und der dane­ben­ste­hen­den Über­set­zung erleich­tert wird, ande­rer­seits wirkt das Ergeb­nis unwei­ger­lich etwas holp­rig, da sich der Satz­bau des Alt­fran­zö­si­schen im heu­ti­gen Deut­schen unmög­lich 1:1 repro­du­zie­ren lässt, es kommt teil­wei­se zu unschö­nen Enjam­be­ments (im Neufran­zö­si­schen ist es etwas ein­fa­cher). Ins­ge­samt bleibt die neu­hoch­deut­sche Fas­sung sehr eng am Ori­gi­nal und an der Spra­che des Autors – auch in Fäl­len, in denen dies etwas merk­wür­dig wirkt. Zu nen­nen sind hier für das mit­tel­al­ter­li­che Erzäh­len typi­sche abrup­te Tem­pus­wech­sel (Quant il voit venir les Gre­zois / Ses a devant lui ape­lez, dt. „Als er die Grie­chen kom­men sieht / hat er sie zu sich geru­fen“, Vers 1116 f.) und eine Nei­gung zu Pleo­nas­men (Ein­si sont con­trei­re et divers, dt. „so gegen­sätz­lich sind sie und ver­schie­den“, Vers 163). Die Über­set­ze­rin geht auf die­ses und ande­re Phä­no­me­ne bereits in der Ein­lei­tung sowie in ihrem sehr aus­führ­li­chen Kom­men­tar ein. Im Kom­men­tar begrün­det sie gele­gent­lich auch ihre Ent­schei­dung für eine bestimm­te Über­set­zung. In Fäl­len, in denen eine Deu­tung der Ver­se des Ori­gi­nals schwie­rig ist oder sich das Glei­che schwer auf Deutsch sagen lässt, zitiert Ingrid Kas­ten aus älte­ren Über­set­zun­gen ins Neufran­zö­si­sche und heu­ti­ge Eng­li­sche und stellt meh­re­re mög­li­che Lösun­gen neben­ein­an­der. Im Fal­le der Eigen­na­men Alix­and­re und Jehan hat sie sich für eine Ein­deut­schung ent­schie­den, die bei­den Figu­ren wer­den zu Alex­an­der und Johann.

Bei Wort­spie­len wie dem mit amer (lieben/bitter), l’a­mer (das Bittere/das Lie­ben) und la mer (das Meer) in Vers 545 ff. wird kein Ver­such unter­nom­men, sie im Deut­schen nach­zu­bil­den, aber sie wer­den im Kom­men­tar erläu­tert. Etwas kniff­lig ist gene­rell auch die Wie­der­ga­be von Sub­stan­ti­ven, die Geschlecht, Alter und sozia­le Stel­lung einer Per­son bezeich­nen. Die Anre­de sire wird von Ingrid Kas­ten stets mit „Herr“ (bzw. der Plu­ral seignor mit „mei­ne Her­ren“) über­setzt; für dame wählt sie „Madame“, wenn es sich um eine Anre­de han­delt (was Schö­ning als „befremd­lich“ emp­fin­det9), in ande­ren Fäl­len heißt es im Deut­schen meist „Her­rin“. Feni­ces Aus­sa­ge „A tort sui ape­lee dame“ in Vers 5240, mit der sie Cli­gès zu ver­ste­hen geben möch­te, dass sie zwar mit sei­nem Onkel ver­hei­ra­tet, aber noch immer Jung­frau ist, lau­tet in der Über­set­zung „zu Unrecht nennt man mich Frau“.

Wie alle fran­zö­si­schen Roma­ne des 12. Jahr­hun­derts weist auch der Cli­gès diver­se detail­rei­che Kampf­sze­nen auf. Um sie ange­mes­sen über­set­zen zu kön­nen, muss man zunächst ein­mal wis­sen, wie im Mit­tel­al­ter über­haupt gekämpft wur­de und wel­che Waf­fen ver­wen­det wur­den. Die Beschrei­bung eines Gefechts hört sich z. B. so an (Vers 1311):

Main­ten­ant les espees çaingnent,
Lor chev­aus çaing­lent et estraingnent
Mon­tent et pra­nent lor escuz.
Quant il orent as cos panduz
Les escuz et les lan­ces prises
De colors pain­tes par devises,
El gué tuit an un frois s’esleissent :
Et cil de la les lan­ces beissent,
Ses vont isne­le­mant ferir ;
Mes cil lor sorent bien merir,
Qui nes esparg­n­ent ne refusent
Ne por aus plain pié ne reüsent,
Ainz fiert chascuns si bien le suen,
Qu’il n’i a che­va­lier si buen,
N’es­tuis­se vui­dier les arçons.
 

Nun gür­ten sie die Schwer­ter um,
sie legen ihren Pfer­den die Sat­tel­gur­te an,
sit­zen auf und neh­men ihre Schilde.
Nach­dem sie sich die Schilde
um den Hals gelegt und die Lan­zen genom­men hatten,
die sich durch ihre Far­ben unterschieden,
stürm­ten sie alle auf ein­mal über die Furt.
Und die auf der ande­ren Sei­te sen­ken die Lanzen
und beei­len sich, auf sie einzuschlagen,
aber die Grie­chen konn­ten es ihnen gut heimzahlen,
sie scho­nen sie nicht und wei­chen ihnen nicht aus
und schen­ken ihnen kei­nen Fuß­breit Boden.
Viel­mehr schlägt jeder den Geg­ner so heftig,
dass es kei­nen noch so tüch­ti­gen Rit­ter gibt,
der nicht aus dem Sat­tel geho­ben wor­den wäre.

Eine Beson­der­heit die­ses (mut­maß­lich) zwei­ten Romans von Chré­ti­en de Troyes sind die lan­gen inne­ren Mono­lo­ge, in denen die Lie­ben­den sich fra­gen, wie ihnen geschieht, ob die gelieb­te Per­son ihre Gefüh­le erwi­dert etc. Ganz ähn­li­che Ein­schü­be in die Hand­lung fin­den sich auch in den etwas älte­ren zur Matiè­re de Rome zäh­len­den Roma­nen wie dem Roman d’E­ne­as. Die lan­gen Refle­xio­nen sind eher schwer nach­voll­zieh­bar, die dahin­ter­ste­hen­den Vor­stel­lun­gen für uns heu­te unge­wohnt. Vie­le Topoi hat Chré­ti­en von Ovid über­nom­men, z. B. die Beschrei­bung der Lie­be als Krank­heit, als Kriegs­dienst etc. Die­se auf den ers­ten Blick wenig zugäng­li­chen lyri­schen Pas­sa­gen haben gleich­zei­tig ihre ganz eige­ne Schön­heit, die es in der Über­set­zung zu trans­por­tie­ren gilt, wie in Vers 702 ff.:

Or me di donc rei­son, comant
Li darz est par­mi l’u­el passez,
Qu’il n’an est ble­ciez ne quassez.
Se li darz par­mi l’u­el i antre,
Li cuers por quoi se diaut el vantre,
Que li iauz aus­si ne s’an diaut,
Qui le pre­mier cop an requiaut?
 

Nun erklä­re mir also, wie
der Pfeil durch das Auge gegan­gen ist,
ohne etwas zu ver­let­zen oder zu beschädigen.
Wenn der Pfeil das Auge durchbohrt,
war­um tut dann das Herz im Inne­ren weh,
nicht aber das Auge,
das den ers­ten Schlag empfing?

Ingrid Kas­ten betont in der Ein­lei­tung zu ihrer kom­men­tier­ten Über­set­zung, dass die­se für inter­es­sier­te Ger­ma­nis­tIn­nen bestimmt ist, also für Men­schen, die kein oder wenig Alt­fran­zö­sisch ver­ste­hen. Dies gilt jedoch im Grun­de auch für heu­ti­ge Roma­nis­tIn­nen, da gründ­li­che Sprach­kennt­nis­se im Stu­di­um längst nicht mehr ver­mit­telt wer­den und der mit­tel­al­ter­li­chen Lite­ra­tur wenig Beach­tung zuteil wird. Es gelingt der Über­set­ze­rin, die kom­ple­xe Hand­lung in einem leicht ver­ständ­li­chen und moder­nen Deutsch wie­der­zu­ge­ben und den Roman, der im Werk des Chré­ti­en de Troyes eine Son­der­stel­lung ein­nimmt, einem brei­ten Publi­kum zugäng­lich zu machen.

Wer den Kom­men­tar stu­diert, erfährt außer­dem vie­le Din­ge über den Autor und sei­ne Zeit. Die Poe­sie des Ori­gi­nals wird in der deut­schen Fas­sung weni­ger spür­bar. Wird es irgend­wann eine ande­re deut­sche Fas­sung geben, die uns auch die­se Ebe­ne näher­bringt? Den­je­ni­gen, die sie erle­ben möch­ten, bleibt vor­läu­fig nichts ande­res übrig, als Alt­fran­zö­sisch zu ler­nen – und alle ande­ren kön­nen sich freu­en, dass Ingrid Kas­tens Über­set­zung der deutsch­spra­chi­gen Leser­schaft auch den letz­ten von Chré­ti­ens Roma­nen eröff­net und die letz­te Lücke 77 Jah­re nach Erschei­nen der ers­ten neu­hoch­deut­schen Fas­sung des Con­te du Graal geschlos­sen wurde.


Chré­ti­en de Troyes/Ingrid Kas­ten: Cligès.

De Gruy­ter 2006 ⋅ 434 Sei­ten ⋅ 189,95 Euro

www.degruyter.com/viewbooktoc/product/178748

  1. Sie­he Chré­ti­en de Troyes : bref aper­çu sur l’hom­me et l’œu­vre in Chré­ti­en de Troyes: Lan­ce­lot ou le Che­va­lier de la Char­ret­te Tra­duc­tion, intro­duc­tion et notes par Jean-Clau­de Aubail­ly, Paris 1991, S. 463 ff.
  2. Sie­he Chré­ti­en de Troyes: Cli­gès Auf der Grund­la­ge des Tex­tes von Wen­de­lin Foers­ter über­setzt und kom­men­tiert von Ingrid Kas­ten, Berlin/New York 2006, S. 21 f.
  3. Der Ende des 12. Jahr­hun­derts ent­stan­de­ne Lan­ze­let des Ulrich von Zatz­ik­ho­ven hat mit Chré­ti­ens Roman zwar den Titel­hel­den gemein­sam, die Hand­lung ist jedoch eine völ­lig ande­re. Das „rät­sel­haf­te Stück Artus­li­te­ra­tur“ (Klap­pen­text) ori­en­tiert sich ver­mut­lich nicht am Che­va­lier de la Char­ret­te, son­dern an einer ganz ande­ren, nicht erhal­te­nen alt­fran­zö­si­schen Vorlage.
  4. Wer Genaue­res wis­sen möch­te, möge in der Biblio­gra­phie ins Neu­hoch­deut­sche über­setz­ter mit­tel­al­ter­li­cher Quel­len von Nor­bert Ohler (Wies­ba­den 1991) nachschauen.
  5. Im Fal­le von Lan­ce­lot ou le Che­va­lier de la Char­ret­te ist eine Ver­mitt­lung über den in Pro­sa abge­fass­ten Zyklus Lan­ce­lot-Graal und des­sen mit­tel­hoch­deut­sche Über­set­zung wahr­schein­lich. Auch die eng­li­sche Artus-Tra­di­ti­on mit Le Mor­te Darthur von Tho­mas Mal­l­o­ry, der sich eben­falls auf den Lan­ce­lot-Graal bezieht, mag eine Rol­le gespielt haben.
  6. de Troyes/Kasten 2006, S. 5 ff. 
  7. sie­he ibi­dem, S. 1 & 24 
  8. Dop­pel­be­spre­chung der Über­set­zun­gen von Ingrid Kas­ten und Lau­rence Harf-Lan­c­ner von Udo Schö­ning in der Zeit­schrift für roma­ni­sche Phi­lo­lo­gie, Band 126, Heft 2, S. 371–374, Zitat von S. 371
  9. Bespre­chung in der ZrP 126/2, S. 373

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.