Hoch­ri­si­ko­be­ruf

Der Thriller „Les Traducteurs“ zeigt, wie aufregend und gefährlich das Übersetzen von Literatur manchmal ist. Der Film ist nun auf französischen Streaming-Diensten verfügbar. Von

Bei der Arbeit. © (2019) © Trésor Films/France 2 Cinéma/Mars Films/Wild Bunch/Les Productions du Trésor/Artémis Productions
Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Chris­ta Mar­tin.
Voir aus­si le tex­te ori­gi­nal ici.

Weit ent­fernt vom dis­kre­ten Ambi­en­te der Salons von Saint-Ger­main-des-Prés, im Tru­bel der Frank­fur­ter Buch­mes­se, so beginnt der Film Les Tra­duc­teurs (dt. Die Über­set­zer) von Régis Roin­sard. Die­se Anfangs­sze­ne vol­ler Getö­se über­zeugt durch ihre Authen­ti­zi­tät, denn wer Publi­ka­ti­ons­rech­te ergat­tern und Ver­trä­ge aus­han­deln will, für den ist Frank­furt ein­fach ein Muss. Laut und medi­en­wirk­sam insze­niert der Ver­le­ger Eric Anstrom (dar­ge­stellt von einem viel­leicht etwas zu generv­ten und machia­vel­li­schen Lam­bert Wil­son) die Ankün­di­gung des letz­ten Ban­des aus der Erfolgs­tri­lo­gie sei­nes Hau­ses: Der Mann, der nicht ster­ben woll­te, drit­ter Teil der Serie Däda­lus des rät­sel­haf­ten Autors Oscar Brach.

Die­ser Ein­stieg hat schon das Zeug, den Über­set­zer-Zuschau­er für sich zu gewin­nen – einen Skep­ti­ker (von Natur aus), voll freu­di­ger Erwar­tung ange­sichts des viel­ver­spre­chen­den Titels, zugleich jedoch (berufs­be­dingt) stän­dig dar­auf aus, Unge­reimt­hei­ten und das Aus­ein­an­der­klaf­fen von Fik­ti­on und Rea­li­tät auf­zu­spü­ren. Tat­säch­lich erin­nert schon der Titel in Ver­bin­dung mit dem nor­disch klin­gen­den Namen des Her­aus­ge­bers und der Geheim­nis­tue­rei um die Iden­ti­tät des Autors an die Mil­le­ni­um-Saga von Stieg Lar­son (beson­ders den Titel Ver­blen­dung, ins Deut­sche über­setzt von Wib­ke Kuhn). Hier bewe­gen wir uns im „upper seg­ment“ der knapp zehn Super-Best­sel­ler mit jähr­lich sechs­stel­li­gen Ver­kaufs­zah­len, für die ein Ver­le­ger bis zum Äußers­ten gehen wür­de, um den Gral her­aus­zu­brin­gen und die Ein­nah­men zu kas­sie­ren – und damit teil­wei­se auch die Publi­ka­ti­on all der nicht so gut ver­käuf­li­chen Autoren sei­nes Hau­ses zu finanzieren.

Im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung und der Beschleu­ni­gung muss der Ver­le­ger, wenn er mit viel Glück und den nöti­gen Mit­teln das gro­ße Los gezo­gen hat, die Kon­se­quen­zen all der Zuge­ständ­nis­se, die er dafür machen muss­te, auf den Her­stel­lungs­pro­zess des Buches abwäl­zen. Das betrifft vor allem die Fris­ten, falls der Ver­lag des Ori­gi­nals zur Bedin­gung macht, dass das Werk in sämt­li­chen Über­set­zun­gen gleich­zei­tig erscheint, um zu ver­hin­dern, dass sein „Schatz“ plötz­lich von einem Tag auf den ande­ren frei zugäng­lich wird. Geht es hier auch nur um weni­ge Akteu­re in der Ver­lags­welt, ist doch der Kon­text völ­lig glaub­haft dargestellt.

Ich selbst hat­te (noch) nicht die Gele­gen­heit, einen die­ser Best­sel­ler zu über­set­zen; aber ich ken­ne die Erfah­rungs­be­rich­te des Über­set­zers Domi­ni­que Defert, die offen­bar als Inspi­ra­ti­on für Roin­sards Film dien­ten. 2013 erzähl­te Defert in BibliObs: „Ich habe Dan Brown in einem Bun­ker über­setzt, und mit zwei bewaff­ne­ten Body­guards.“ Auf der 35. Tagung der Lite­ra­tur­über­set­zer, auf der es um „Zeit über­set­zen“ ging, war Domi­ni­que Defert einer der Refe­ren­ten am Run­den Tisch des Ver­ban­des der Lite­ra­tur­über­set­zer in Frank­reich (ATLF) zum The­ma „Immer schnel­ler: Über­set­zung und Erfolgs­lo­gik“. Dort beschrieb er dem stau­nen­den Publi­kum die Bedin­gun­gen, unter denen er an der Über­set­zung von Dan Browns Infer­no mit­ge­ar­bei­tet hat­te. Ver­schlos­se­ne Türen, „neu­tra­li­sier­te“ Com­pu­ter, streng über­wach­ter Inter­net­zu­gang, bis hin zu den Fähn­chen in den Lan­des­far­ben, mit denen in dem unter­ir­di­schen Groß­raum­bü­ro die Berei­che der ein­zel­nen Spra­chen deko­riert waren: Man­che Sze­nen aus dem Film wir­ken wie Insze­nie­run­gen des­sen, was Domi­ni­que Defert damals berichtete.

Hin­ter die­sen radi­ka­len Maß­nah­men wird nur all­zu deut­lich erkenn­bar, dass die Über­set­zer unter Gene­ral­ver­dacht ste­hen, die Geheim­hal­tungs­pflicht zu ver­let­zen und mit dem kost­ba­ren Manu­skript Pro­dukt­pi­ra­te­rie zu betrei­ben. Obwohl ein Über­set­zer ganz offen­sicht­lich als letz­ter ein Inter­es­se dar­an haben kann, den Ast abzu­sä­gen, auf dem er sitzt, erweist sich der alte geflü­gel­te Spruch vom tra­dut­to­re, tra­dit­to­re wie­der ein­mal als zäh­le­big. Hier setzt auch der Plot im Film Les Tra­duc­teurs an: Die ers­ten Sei­ten des so sorg­sam gehü­te­ten Manu­skripts tau­chen im Inter­net auf, der Pirat droht mit wei­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen, sofern man ihm nicht ein gigan­ti­sches Löse­geld zahlt, und der Ver­le­ger wird ver­su­chen, den Übel­tä­ter unter den neun Über­set­zern zu ent­tar­nen, die er enga­giert hat und von denen einer oder eine in sei­nen Augen zwangs­läu­fig der oder die Schul­di­ge sein muss.

An die­ser Stel­le mehr zu ver­ra­ten, wäre scha­de, denn der Film Les Tra­duc­teurs ist ja über die fik­tio­na­le Erzäh­lung vom Über­set­zen hin­aus vor allem ein Thril­ler mit einem gelun­ge­nen Plot und man­cher­lei über­ra­schen­den Wen­dun­gen. Die Abge­schlos­sen­heit des Bun­kers bie­tet den idea­len Rah­men für die Ent­wick­lung eines her­vor­ra­gen­den „Whod­u­nit“ à la Aga­tha Christies Mord im Ori­ent-Express, auf das eine der Figu­ren übri­gens aus­drück­lich anspielt, als sie sich im Bun­ker ein­quar­tie­ren. Im zwei­ten Teil des Films schafft der Regis­seur ein Gegen­ge­wicht zu der bedrü­cken­den Abge­schie­den­heit des Bun­kers. Hier erzählt er in zahl­rei­chen Rück­blen­den über den Autor, die Ent­ste­hung des Werks und die eigent­li­che Hand­lung, und in Vor­aus­deu­tun­gen zeigt er, wie der Ver­le­ger schließ­lich die Wahr­heit erkennt, in beun­ru­hi­gen­den Face-to-Face-Ein­stel­lun­gen, über die ich kein wei­te­res Wort ver­lie­ren will, um der dra­ma­tur­gisch per­fek­ten Hand­lung nicht die Span­nung zu nehmen.

Ein paar Wor­te dage­gen kann ich zu dem sagen, was für mich eine der Stär­ken die­ses Films aus­macht: zu den Figu­ren. Im Unter­schied zur Lite­ra­tur lässt der Film mit sei­nem spe­zi­fi­schen Tem­po weni­ger Zeit für eine tie­fe­re psy­cho­lo­gi­sche Dar­stel­lung der Figu­ren; umso bemer­kens­wer­ter ist es daher, wie hier mit weni­gen Repli­ken und Wen­de­punk­ten lebens­wah­re Por­träts von Über­set­zern ent­ste­hen. So etwa zu Beginn des Films, als die Por­tu­gie­sisch-Über­set­ze­rin Thel­ma Alves (ali­as Maia Lei­te) von ihrer Kün­di­gung erfährt und ihrem Gesprächs­part­ner, der über­rascht ist, dass sie von ihrer Über­set­zungs­ar­beit allein nicht leben kann, ver­är­gert ent­geg­net: „Seit wann kann man von einem ein­zi­gen Job über­le­ben?“ Oder wenn der grie­chi­sche Über­set­zer (Mano­lis Mavro­ma­ta­kis), der zum Über­set­zen allein sein woll­te und auf­grund der Sicher­heits­maß­nah­men bei den ande­ren sit­zen muss, mault: „Ich habe die­sen Beruf doch nicht gelernt, um in einem Groß­raum­bü­ro zu arbeiten.“

Beson­de­re Erwäh­nung ver­dient auch die bemer­kens­wer­te S. B. Knud­sen in der Rol­le der däni­schen Über­set­ze­rin Helen Tuxen. Eben­so rea­lis­tisch wie die ande­ren Figu­ren ver­kör­pert sie den Typ der her­vor­ra­gend des­il­lu­sio­nier­ten Über­set­ze­rin, die mit dem Schrei­ben eige­ner Tex­te geschei­tert und bei der Über­set­zung gestran­det ist. Das­sel­be gilt für die Sze­ne, in der Kate­ri­na Anis­ino­va, die schö­ne rus­si­sche Über­set­ze­rin (gespielt von Olga Kury­l­en­ko) mit der Ele­ganz einer Ophe­lia lang­sam auf den Grund des Swim­ming­pools sinkt. Der jun­ge eng­li­sche Über­set­zer Alex Good­man miss­ver­steht ihre Hand­lung – wie sicher auch vie­le Zuschau­er – und springt hin­ter­her, um sie zu ret­ten. An die­ser Stel­le lag mir aller­dings, wie zwei­fel­los vie­len Über­set­zern unter den Zuschau­ern, der Gedan­ke an einen Selbst­mord völ­lig fern, und ich erkann­te den Über­set­zer wie­der, der sogar die Gefüh­le beim Ertrin­ken aus eige­ner Erfah­rung aus­lo­ten will, um sie in der Über­set­zung bes­ser wie­der­zu­ge­ben. Schließ­lich muss ich noch die Leis­tung des jun­gen Alex Law­ther wür­di­gen, der Alex Good­man im Film berüh­rend und ver­stö­rend zugleich spielt. Allein schon mit ihm dürf­te die­ser Film ein brei­te­res Publi­kum errei­chen, hat sich die­ser jun­ge Mann doch in einer sehr erfolg­rei­chen Net­flix-Serie (The End oft he f***ing World) einen Namen gemacht.

Mit ihrer Bezie­hung zu dem Autor, den sie über­set­zen, ihrer Art zu über­set­zen und den Bezie­hun­gen, die sie unter­ein­an­der knüp­fen, zeich­nen die­se Figu­ren ein schil­lern­des Bild von einem facet­ten­rei­chen Beruf, in dem vie­le Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer ihre Kol­le­gen  oder sich selbst wie­der­erken­nen wer­den. Der Regis­seur muss sich jeden­falls mit dem Beruf ver­traut gemacht haben, auch wenn er nur den Hin­ter­grund zu die­sem Film lie­fert – wie gesagt, einem ein­drucks­vol­len und unter­halt­sa­men Thriller.

Die Über­set­zer. (fran­zö­si­scher Ori­gi­nal­ti­tel: Les Traducteurs)

Regie: Régis Roin­sard, Novem­ber 2019, 105 Minuten

Online (bis­her nur in fran­zö­si­scher Spra­che) ver­füg­bar unter: https://video-a-la-demande.orange.fr/film/

2 Comments

Add Yours
  1. 1
    Laura-Ulrike Jahr

    Vie­len Dank für die­se wun­der­ba­re Vorstellung/Kritik des Films „Les Tra­duc­teurs“! Eure Vor­stel­lung ist so packend geschrie­ben, dass ich den Film gleich direkt schau­en muss. Zum Glück habe ich mich vor gut 16 Jah­ren dazu ent­schie­den Fran­zö­sisch in der Schu­le zu wäh­len – so kann ich den Film jetzt sofort genießen.

  2. 2
    Irina

    Ich laue­re schon seit Mona­ten dar­auf, den Film sehen zu kön­nen. Wer weiß, ob er es in die deut­schen Kinos geschafft hät­te. Ich wer­de ihn mir online anschau­en. Vie­len Dank für den Hin­weis, die Rezen­si­on und natür­lich die Über­set­zung der­sel­ben für alle des Fran­zö­si­schen nicht Mächtigen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert