100 Jah­re Celan – drei neue Perspektiven

Paul Celan wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Anlass für eine Menge Veröffentlichungen, die ein neues Licht auf den berühmten Dichter und Übersetzer werfen – oder es zumindest versuchen. Von

Paul Celan und sein Rumänisch-Übersetzer Petre Solomon, 1947. Bild (bearbeitet): Wikimedia

Paul Celan ist als Dich­ter bekannt – deut­lich pro­duk­ti­ver war er jedoch als Über­set­zer. Die deutsch­spra­chi­ge lite­ra­ri­sche Öffent­lich­keit ver­dankt ihm unter ande­rem die Ent­de­ckung Ossip Man­del­s­tams, die bis heu­te ein­zi­ge voll­stän­di­ge Über­set­zung von Paul Valé­rys Lang­ge­dicht „La jeu­ne par­que“ und die Über­tra­gung von Gedich­ten André du Bou­che­ts. Wiki­pe­dia lis­tet inge­samt mehr von ihm über­setz­te Autoren als eige­ne Wer­ke auf.

Trotz die­ses unge­heu­ren Out­puts ist Cel­ans Über­set­zer­tä­tig­keit der post­hu­men, ger­ma­nis­tisch gepräg­ten Lite­ra­tur­ge­schich­te kaum mehr als Rand­no­ti­zen wert gewe­sen. Dies ist nicht nur des­halb ver­wun­der­lich, weil Cel­ans gesam­te Bio­gra­fie viel­spra­chig ist wie nur weni­ge (gebo­ren im poly­glot­ten Czer­no­witz, kaum je in einem deutsch­spra­chi­gen Land gelebt, gestor­ben in der Sei­ne), es ist nicht nur des­halb erstaun­lich, weil Celan selbst, an pro­mi­nen­tes­ter Stel­le zumal, von der Kunst der Posie als einer dia­lo­gi­schen gespro­chen hat („das Gedicht will zu einem Andern“), und es ist nicht nur des­halb fatal, weil Cel­ans eige­ne Über­set­zer­tä­tig­keit bereits 1998, gewis­ser­ma­ßen als größ­te aller bis­he­ri­gen Rand­no­ti­zen in einer Aus­stel­lung des Mar­ba­cher Lite­ra­tur­ar­chivs unter dem Titel „Frem­de Nähe“ akri­bisch auf­ge­ar­bei­tet wurde.

Nein, den aktu­el­len Bio­gra­fien, in denen bei­spiels­wei­se auf Celan und sein Ver­hält­nis zu „den Deut­schen“ Bezug genom­men oder er als „jüdi­scher Dich­ter deut­scher Spra­che“ bezeich­net wird, fehlt auch eine wei­te­re wich­ti­ge Per­spek­ti­ve: Schließ­lich hat Cel­ans eige­ne Lyrik trotz ihrer sprach­li­chen Her­me­tik und ihres bis­wei­len befremd­li­chen Umgangs mit dem Voka­bu­lar des Deut­schen eine beein­dru­cken­de Kar­rie­re rund um den Glo­bus hin­ge­legt, allen vor­an die welt­be­rühm­te Todes­fu­ge (die bezeich­nen­der­wei­se zuerst in der rumä­ni­schen Über­set­zung von Petre Solo­mon, unter dem Titel „Tan­goul morții“, erschie­nen ist). Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer haben inso­fern einen gewich­ti­gen Anteil am lite­ra­ri­schen Wir­ken Paul Cel­ans gehabt, und sie haben sei­ne Dich­tung tie­fer und gründ­li­cher durch­drun­gen als kaum jemand sonst, wovon unter ande­rem der aus­ge­zeich­ne­te, Celan gewid­me­te Band 53/54 der Zeit­schrift Text + Kri­tik zeugt.

Kurz: Das dop­pel­te Celan-Jubi­lä­um 2020 – hun­derts­ter Geburts­tag und fünf­zigs­ter Todes­tag – bie­tet den idea­len Absprungs­punkt, um Dich­tung und Spra­che Paul Cel­ans völ­lig neu in den Blick zu neh­men. Bezie­hungs­wei­se: böte. Hät­te geboten.

Bei Durch­sicht der für 2020 ange­kün­dig­ten Celan-Titel stach zwi­schen den offen­bar unver­meid­li­chen Celan-Bio­gra­fien (wie oft muss der Autor, mit Bar­t­hes gespro­chen, eigent­lich noch ster­ben, damit die­ses öde, anti­quier­te Gen­re end­lich aus den Ver­lags­pro­gram­men ver­schwin­det!?) zu Beginn des Jah­res zunächst ein Band mit dem Titel Todes­fu­ge. Bio­gra­phie eines Gedichts her­vor, ver­fasst vom Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Ex-Suhr­kamp-Geschäfts­füh­rer Tho­mas Sparr.

Aha, dach­te man sich da als neu­gie­ri­ger Leser, ein Gedicht wird bio­gra­phiert, immer­hin eine Inno­va­ti­on, aus kun­di­ger Hand dazu. Die Todes­fu­ge hat ja wahr­lich eine beweg­te über sieb­zig­jäh­ri­ge Geschich­te, und die­se als „Bio­gra­phie eines Gedichts“ nach­zu­er­zäh­len könn­te unver­hoff­te Per­spek­ti­ven auf den Text eröff­nen. Wie klang der rumä­ni­sche Ur-Celan? Wie und dank wel­cher Über­set­ze­rin­nen bzw. Über­set­zer dif­fun­dier­te der Text, der in Deutsch­land zunächst gar nicht so ein­schlug, wie man mit dem Wis­sen um sei­nen spä­te­ren Erfolg ver­mu­ten könn­te, ins Aus­land? Wel­chen Trans­for­ma­tio­nen unter­lag das Gedicht in den zahl­lo­sen Fas­sun­gen, die Men­schen rund um die Welt von ihm schu­fen? Wer rück­te wo und wann wel­che (Be-)Deutungsschichten in den Blick­punkt und warum?

Ant­wor­ten auf all die­se Fra­gen lie­fert das Buch von Tho­mas Sparr dann lei­der doch nicht. Er behaup­tet zwar in sei­nem Nachwort:

Die Rezep­ti­on der „Todes­fu­ge“ in ande­ren Spra­chen und Kul­tu­ren ist essen­ti­ell für ihr Verständnis.

Die fast 300 Sei­ten, die man an die­sem Punkt gele­sen hat, tra­gen zu die­sem Ver­ständ­nis aller­dings kaum bei. Sparrs Buch ist nicht mehr als eine neu­mo­disch nach Orten und Jah­ren geglie­der­te, aber letzt­lich doch ziem­lich kon­ven­tio­nell-linea­re „Bio­gra­phie eines Men­schen“, näm­lich Paul Cel­ans, was allein schon dadurch ersicht­lich wird, dass er den 50 Jah­ren, die seit Cel­ans Tod ver­gan­gen sind, gera­de ein­mal zwei kur­ze Kapi­tel von zusam­men gera­de ein­mal 14 Sei­ten wid­met. Tho­mas Sparr inter­es­siert sich sicht­lich mehr für Cel­ans Lebens­ge­schich­te und literar­his­to­ri­schen Gos­sip als für eine tat­säch­lich vom Text und sei­ner eige­nen Geschich­te her gedach­te „Bio­gra­fie eines Gedichts“ (deren Reiz ja gera­de dar­in läge, dass sie sich unab­hän­gig von der Bio­gra­fie von des­sen Ver­fas­ser entwickelte).

Womög­lich ist Sparr auch sein eige­nes Ver­fah­ren zu Kopf gestie­gen, die Todes­fu­ge als Zeit­do­ku­ment in den his­to­ri­schen Kon­text zu stel­len. Sei­ne Lieb­lings­geg­ner sind die Kri­ti­ker der 50er Jah­re, die den his­to­ri­schen Gehalt die­ses Gedichts ver­kann­ten und es rein werk­im­ma­nent abur­tei­len zu kön­nen glaub­ten. Der Mut, dem ent­ge­gen­zu­hal­ten und gleich­zei­tig eine „werk­im­ma­nen­te“ Lite­ra­tur-Geschich­te abseits der bio­gra­fi­schen Pfa­de zu schrei­ben, hat ihm offen­bar gefehlt.

Wer es ganz und gar werk­im­ma­nent haben möch­te, der kann zu dem von Micha­el Eskin eben­falls im Früh­jahr her­aus­ge­ge­be­nen Gesprächs­band Schwe­rer wer­den. Leich­ter sein – Gesprä­che um Paul Celan grei­fen. Eskin nähert sich Celan gewis­ser­ma­ßen von der ande­ren Sei­te. Wo Sparr im Jahr 1920 bei Cel­ans Geburt anhebt, fängt Eskin in sei­nen vier Zwie­ge­sprä­chen mit Ulri­ke Dra­es­ner, Ger­hard Falk­ner, Aris Fio­re­tos und Durs Grün­bein gewis­ser­ma­ßen im Jahr 2020 an zu bohren.

Alle fünf Betei­lig­ten die­ses Gesprächs­pro­jek­tes sind mehr­spra­chi­ge Wort­künst­ler, alle fünf sind mehr oder weni­ger regel­mä­ßig als Über­set­ze­rin oder Über­set­zer tätig und wei­sen im Anhang atem­be­rau­ben­de Bio-Biblio­gra­fien aus, Eskin selbst sowie Aris Fio­re­tos sind sogar im Aus­land wohn­haft – und doch fehlt den vier Wort­wech­seln bis auf weni­ge Aus­nah­men ein über­ra­schen­der Außen­blick. Sie blei­ben ent­täu­schend blass.

Lite­ra­ri­sche Ober­fläch­lich­keit, wie im Fal­le Sparrs, kann man Eskin und sei­nen Gäs­ten nicht vor­wer­fen. Im Gegen­teil: Hier wird zitiert, ana­ly­siert und asso­zi­iert, was das Zeug hält, hier wird eine qua­si-enzy­klo­pä­di­sche Kennt­nis des Wer­kes und Paul Cel­ans sowie aller Betei­lig­ten schon schlecht­hin vorausgesetzt.

Das Pro­blem ist viel­mehr, dass Paul Celan und sei­ne Gedich­te vor lau­ter Bedeu­tungs­hu­be­rei unter die Räder gerät, was nicht den vier Befrag­ten, wohl aber dem Her­aus­ge­ber und Fra­gen­stel­ler Micha­el Eskin zuzu­schrei­ben ist. Zum einen hat sich Eskin ent­schie­den, eine Autorin und drei Autoren für sei­ne Gesprä­che aus­zu­wäh­len, deren Werk zwar irgend­wie mit Celan ver­bun­den ist (wenn­gleich Eskin sie bis­wei­len erst davon über­zeu­gen muss), von denen aber kei­ner jene wort­ge­treu­en, exis­ten­zi­el­len Erfah­run­gen mit Cel­ans kryp­ti­schen Tex­ten gemacht hat, von denen wohl jeder sei­ner zahl­rei­chen Über­set­ze­rin­nen oder Über­set­zer in den ver­schie­dens­ten Sprach­räu­men zu berich­ten gewusst hätte.

Eskins zwei­tes Ver­säum­nis wiegt schwe­rer: Hät­te er sich nicht inter­es­san­te­re Fra­gen ein­fal­len las­sen kön­nen? Gab es wirk­lich kei­ne Alter­na­ti­ve dazu, einem bril­lan­ten Geist wie Durs Grün­bein in einem über 40 Druck­sei­ten lan­gen Inter­view aus­schließ­lich Durs-Grün­bein-Fra­gen à la „Wie sieht Durs Grün­bein die Welt“ zu stel­len? Natür­lich, an der Ober­flä­che geht es um Celan, aber eigent­lich will Eskin nicht mehr als sei­ne eige­ne Bele­sen­heit zur Schau stel­len, indem er das Werk sei­ner Inter­view­ten nach Celan-Bezü­gen durch­fors­tet und die­se dann damit konfrontiert.

Die­se Fra­ge­stra­te­gie ist nicht nur des­halb zum Schei­tern ver­ur­teilt, weil sie eine Gesprächs­at­mo­sphä­re erzeugt, die an ein Field-Repor­ter-Inter­view in der „Mixed Zone“ eines Fuß­ball­sta­di­ons erin­nert, in der sich aus­ge­laug­te Fuß­ball­pro­fis fra­gen las­sen dür­fen, wie es ihnen nach dem Spiel „geht“. Sie ermög­licht auch, wie das Post-Match-Inter­view, vor lau­ter Nabel­schau nur sel­ten inter­es­san­te Gesprä­che. Auf einer ein­sa­men Insel woll­te man, um ein Gleich­nis der Dra­ma­ti­ke­rin Rebek­ka Kri­chel­dorf auf­zu­grei­fen, jeden­falls tau­send­mal lie­ber mit einem Celan-Über­set­zer fest­sit­zen als mit einem die­ser Selbstgesprächspartner.

Ent­täuscht und kaum klü­ger als zuvor legen wir armen Toren also zwei wei­te­re Celan-Bücher bei­sei­te und freu­en uns, dass in einem klei­nen Karls­ru­her Regio­nal­ver­lag dann spä­ter im Jahr doch noch ein Buch erschie­nen ist, das unser Über­set­zer­herz hüp­fen lässt. Die­ses Buch hat mit den bei­den ande­ren kaum mehr als den Celan-Bezug gemein, über­haupt tobt es sich for­mal in einer eige­nen Liga aus.

Der unter Pseud­onym schrei­ben­de, eme­ri­tier­te Hoch­schul­pro­fes­sor B.S. Ort­hau nähert sich in sei­nem, nun ja, Dra­ma (er nennt es „Mon­ta­ge fik­ti­ver Tex­te“, was auch immer das sein soll) Frak­tur. Celan, Rim­baud u.a. Cel­ans Über­set­zung von Arthur Rim­bauds Bateau ivre von 1957, über einen äußerst ver­que­ren Umweg. Er lässt in der Form eines Thea­ter­stücks, Dreh­buchs oder Hör­spiels eine Grup­pe von Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lern im Ver­bund mit einer Psy­cho­lo­gin auf­tre­ten, die im Rah­men eines uni­ver­si­tä­ren Pro­jek­tes Cel­ans Rim­baud-Über­set­zung unter die Lupe neh­men. Wir sind bei Grup­pen­sit­zun­gen dabei, bekom­men aber auch die Semes­ter­pla­nun­gen drum­her­um mit, lesen die E‑Mails der Mit­glie­der, hören ihre pri­va­ten Gesprä­che zu Hause.

Die­ser Kunst­griff erzeugt ein gewöh­nungs­be­dürf­ti­ges Lese­er­leb­nis, zumal der Autor Gefal­len dar­an fin­det, umgangs­sprach­lich zu schrei­ben, was den intel­lek­tu­el­len Debat­ten eine eigen­wil­li­ge Note verleiht:

Neh­men wir dann Que j’aille à la mer! par­al­lel, äh, ana­log, dann ist das ein­deu­tig. Also ist das erst­mal Quatsch, was Klo­e­pfer da zur Basis sei­ner „Theo­rie“ machen will, und spä­ter stellt er dann, völ­lig unbe­ein­druckt von dem, was er zuvor gemeint hat, rela­tiv vor­der­grün­dig Par­al­le­len her zwi­schen der Schil­de­rung einer Visi­on bei Plut­arch in De genio Socra­tis und dem Bateau ivre.

Lässt man sich auf Ort­hau und sei­nen stel­len­wei­se ziem­lich zoti­gen Humor ein, dann bie­tet Frak­tur aller­dings das auf­re­gends­te Lese­er­leb­nis die­ses Celan-Jah­res. Die For­schungs­grup­pe, die er zur Haupt­fi­gur sei­nes Tex­tes macht, fühlt Celan näm­lich wirk­lich auf den Zahn. Peni­bler noch als die gesam­mel­te Lite­ra­tur­kri­tik, peni­bler ohne­hin als Eskin & Co., peni­bler als wir in der TraLaLit-Redak­ti­on neh­men sie Rim­bauds Bateau ivre und Cel­ans Trun­ke­nes Schiff aus­ein­an­der, klop­fen Wort um Wort nach Bedeu­tungs­schich­ten ab und set­zen alles wie­der so zusam­men, dass man her­nach tat­säch­lich das Gefühl hat, Celan und Rim­baud näher gekom­men zu sein.

Die Lek­tü­re von Ort­haus eigen­sin­ni­gem Werk, das auf kei­ner Sei­te irgend­je­man­dem irgend­et­was bewei­sen will, aber auf jeder Sei­te mehr Witz, Esprit ver­sprüht als Sparrs und Eskins Kopf­ge­bur­ten zusam­men und damit tat­säch­lich zum Sel­ber­le­sen anregt, ist damit tat­säch­lich eine Genug­tu­ung in die­sem sonst eher ent­täu­schen­den Celan-Jahr 2020.

All jenen, die sich für die glo­ba­le und poly­glot­te Dimen­si­on von Paul Cel­ans Schaf­fen inter­es­sie­ren, bleibt glück­li­cher­wei­se die älte­re, ein­gangs ver­link­te Lite­ra­tur – und das gedul­di­ge War­ten auf den Fort­schritt des Den­kens, der bis zum nächs­ten Jubi­lä­ums­jahr hof­fent­lich neue Ein­sich­ten und Per­spek­ti­ven auf einen der wich­tigs­ten Dich­ter des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts gebiert.

Tho­mas Sparr: Todes­fu­ge – Bio­gra­phie eines Gedichts

DVA 2020 ⋅ 336 Sei­ten ⋅ 22 Euro

randomhouse.de/Buch/Todesfuge-Biographie-eines-Gedichts/Thomas-Sparr/DVA-Sachbuch/e518387.rhd

Micha­el Eskin: Schwe­rer wer­den. Leich­ter sein.

Wall­stein 2020 ⋅ 176 Sei­ten ⋅ 22 Euro

wallstein-verlag.de/9783835336315-michael-eskin-schwerer-werden-leichter-sein.html

B.S. Ort­hau: Frak­tur. Celan, Rim­baud u.a.

Lin­de­manns 2020 ⋅ 440 Sei­ten ⋅ 25 Euro

infoverlag.de/programm/literatur-belletristik/480/fraktur.-celan-rimbaud‑u.a.

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