Zer­stö­rung oder die Ana­ly­se einer Dystopie

Cécile Wajsbrot zeichnet surreale, melancholische Bilder einer Gesellschaft, die obskure Mächte lautlos unterwandern. Analytische Schärfe in sprachlicher Brillanz übersetzt Anne Weber, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2020, mit kühler Sachlichkeit. Von

Paris - Ort der Dystopie in Cécile Wajsbrots neuem Roman "Zerstörung" (Quelle: WikiCommons)

Selbst­herr­lich und prä­po­tent kommt sie daher, die schlei­chen­de Macht­er­grei­fung einer obsku­ren auto­ri­tä­ren Grup­pie­rung: Plötz­lich ist nichts mehr so wie zuvor, ihr bis­he­ri­ges Leben zer­bricht – wie konn­te das pas­sie­ren? Was haben wir nicht gehört, fragt sich die Ich-Erzäh­le­rin, gab es Warnsignale?

Quel­que cho­se nous atten­dait, et il était trop tard pour l’éviter.
Etwas erwar­te­te uns, und es war zu spät, ihm aus dem Weg zu gehen.

Immer wie­der, ungläu­big, fragt die Ich-Erzäh­le­rin: „Wer sind Sie?“ Zuerst bleibt sie vage, und doch hat die­se Stim­me Macht über die Prot­ago­nis­ten des Romans. Sie, die Schrift­stel­le­rin, sol­le einen Sound Blog pro­du­zie­ren und ablie­fern, ohne dass ihr Ein­fluss dar­auf, was aus ihren MP3-Datei­en wird, ein­ge­räumt wird! Und sehr bald wird sehr klar: Die mäch­ti­ge Stim­me kann auf Unter­stüt­zer zurück­grei­fen, die sie hät­ten hin­dern kön­nen, nach Ber­lin zu fah­ren, weil sie der stän­di­gen Bevor­mun­dung hat ent­flie­hen wollen.

Nous n’aurions pas dû vous lais­ser par­tir. Vous auriez pu m‘en empêcher? Nos moy­ens sont plus import­ants que vous ne croyez.
Wir hät­ten Sie nicht weg­ge­hen las­sen sol­len. Hät­ten Sie mich dar­an hin­dern können?
Unse­re Mit­tel sind beacht­li­cher, als Sie glauben.

Bald stellt sich her­aus, die Grup­pie­rung hat ein Ziel: die Zer­stö­rung all des­sen, was da ist an demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren, Frei­hei­ten und  Grund­rech­ten – zuguns­ten staat­li­cher Auto­ri­tät, Regeln, Kon­trol­len, Ein­schrän­kun­gen  und der Abschaf­fung der Kul­tur – ein zeit­los aktu­el­ler Roman!

Die fran­zö­si­sche Schrift­stel­le­rin Céci­le Wajs­brot beschreibt in ihrem Roman Dest­ruc­tion, der 2019 in Frank­reich erschie­nen ist, die Auf­lö­sung der Fun­da­men­te einer frei­en und demo­kra­ti­schen Gesell­schaft. Wajs­brot erstellt eine bril­lan­te Gesell­schafts­ana­ly­se, oft in kur­zen, ein­fa­chen Sät­zen, die um so melo­di­scher wir­ken, wenn man sie schnell liest – sie ent­wi­ckeln eine Dyna­mik und einen Leserhyth­mus. Wajs­brot ent­wirft gewal­ti­ge, sur­re­al anmu­ten­de, teils düs­te­re Bil­der. Die Gefahr ist dif­fus, unsicht­bar, ungreif­bar, aber wirkmächtig.

Wajs­brot, aus pol­nisch-jüdi­scher Fami­lie, schrieb die­sen Roman als Reak­ti­on auf den Auf­stieg der Front Natio­nal bei der letz­ten Prä­si­den­ten­wahl 2017: Sie beschreibt ihre Zwei­fel an den fran­zö­si­schen Intel­lek­tu­el­len, vor allem an deren poli­ti­scher Abge­ho­ben­heit. Inten­siv beleuch­tet sie auch ihre Selbst­zwei­fel und fragt sich, ob nicht auch sie ver­sagt hat. Sie iden­ti­fi­ziert dabei in ihrer Ana­ly­se einen wich­ti­gen Aspekt die­ses Auf­stiegs: die Spra­che. Mit meis­ter­haf­ter Klar­heit und ana­ly­ti­scher Schär­fe arbei­tet sie den Gegen­satz zur Spra­che der Popu­lis­ten her­aus, deren Stra­te­gie es ist, Spra­che zu ver­ein­fa­chen. Es gibt kei­ne kom­ple­xen Inhal­te, Kom­ple­xi­tät kann die­se neue Spra­che nicht aus­drü­cken, denn Neben­sät­ze sind ver­bo­ten, die Satz­struk­tur mit drei Ele­men­ten, Sub­jekt, Verb und Objekt sind zwin­gend vorgeschrieben.

N’u­ti­li­ser que le pré­sent, employ­er le moins d’adjectifs pos­si­ble, pas de sub­or­don­nées. La phra­se idéa­le com­por­te trois mots, le sujet, le ver­be et le com­plé­ment. Pas de coor­di­na­ti­on, la jux­ta­po­si­ti­on. Ain­si détruit-on la suite des idées, ain­si détruit-on la pensée.
Nur die Gegen­warts­form ver­wen­den, so wenig Adjek­ti­ve wie mög­lich, kei­ne Neben­sät­ze. Der idea­le Satz besteht aus drei Wör­tern, Sub­jekt, Verb, Objekt. Kei­ne zusam­men­ge­setz­te Sät­ze, son­dern Anein­an­der­rei­hun­gen. So wird die Abfol­ge von Ideen, so wird das Den­ken zerstört.

Den­noch hat die­se Reduk­ti­on, die Sim­pli­zi­tät der Welt, eine star­ke Anzie­hungs­kraft und wird zum Vehi­kel des Erfolgs der Auto­ri­tä­ren. Die Zukunft wird geformt, wie sie sein soll, sprach­li­che Mani­pu­la­ti­on bewirkt das Den­ken, ist ihr Fazit.

Anne Weber hat den Roman, der die­se beängs­ti­gen­de Dys­to­pie schil­dert, ins Deut­sche über­setzt. Sie ist mit Céci­le Wajs­brot befreun­det, bei­de leben in Paris. Zwei Sprach­ge­wal­ti­ge, denn bei­de sind Schrift­stel­le­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, ken­nen bei­de Metiers.

Anne Weber ist kei­ne Unbe­kann­te. Sie erhielt 2016 den Johann-Hein­rich-Voß-Preis der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung „für her­vor­ra­gen­de Leis­tun­gen auf dem Gebiet der Über­set­zung“ und 2017 wur­de sie mit dem renom­mier­ten Eugen-Helm­lé-Über­set­zer­preis aus­ge­zeich­net, wie übri­gens Céci­le Wajs­brot 2014 vor ihr. Anne Weber nutzt vor­wie­gend drei Ver­fah­ren, mit denen es ihr gelingt, ein eige­nes über­setz­tes Werk aus dem Aus­gangs­text zu erschaffen:

1. Sie über­setzt „treu“, Wort für Wort, fast schon 1:1 zwi­schen Aus­gangs- und Ziel­text. Außer­ge­wöhn­lich ist, dass sie das Kunst­stück voll­bringt, gleich­zei­tig sehr nah am Text und doch auch eigen zu über­set­zen: Nir­gend­wo hat man das Gefühl, dass im Deut­schen fran­zö­si­sche Struk­tu­ren fest­stell­bar wären, die der Treue geschul­det sind. Wüss­te man nicht, dass sie aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt, man könn­te die Ori­gi­nal­spra­che nur erra­ten. Das ist eine wirk­li­che Kunst, im eige­nen Stil einen Text so zu schrei­ben, dyna­misch, flüs­sig les­bar, wie ein unsicht­ba­res Tran­skript, das kei­nes ist, son­dern ihr Werk.

Leur dis­cours revêtait des for­mes anon­di­nes, reno­çait cer­tains mots, à des for­mu­les qui avai­ent fait autre­frois leurs suc­cès mais un suc­cès limi­té. Les liv­res qu’ils auto­ri­sent aujourd’hui n’ont que des phra­ses cour­tes, bâties sur le même modèle.
Ihre Reden nah­men belang­lo­se For­men an, sie ver­zich­te­ten auf bestimm­te Wör­ter, auf Aus­drü­cke, mit denen sie frü­her Erfolg gehabt hat­ten, mäßi­gen Erfolg. Die Bücher, die heu­te erlaubt sind,
ent­hal­ten nur noch kur­ze Sät­ze, die alle nach dem­sel­ben Modell gebaut sind.

„Dis­cours“  könn­ten Anspra­chen, Vor­trä­ge sein, eben­so wie „Dis­kurs“ ein poli­ti­scher Duk­tus sein kann, der auch gemeint sein könn­te: Anne Weber bleibt bei „Rede“ . Bücher kön­nen „nach dem­sel­ben Sche­ma auf­ge­baut“ sein oder „die glei­che Struk­tur haben“ oder „den glei­chen Auf­bau“. Anne Weber bleibt bei „Modell“ der über­set­ze­ri­schen Treue – stil­si­cher, klar und flüssig.

2. Dann aber wird die Treue zur Untreue, denn Anne Weber inter­pre­tiert, sprach­lich und sti­lis­tisch immer sehr gut gelöst: Ihr Ver­ständ­nis des Tex­tes, ihre Aus­le­gung aller­dings ent­spricht nicht zwin­gend dem, was ich als  Lese­rin ver­stan­den hät­te oder was ich auch hät­te ver­ste­hen kön­nen. Zwei Beispiele:

Les liv­res qu’ils auto­ri­sent aujourd’hui…
Die Bücher, die heu­te erlaubt sind…

„auto­ri­ser“ über­trägt sie mit „erlau­ben“: Das bedeu­tet, sie nimmt den posi­ti­ven Begriff, im Sin­ne eines Gewäh­rens. Das ist eine Ent­schei­dung, denn hät­te sie z. B. mit „geneh­mi­gen“ über­setzt, hät­te der Leser oder die Lese­rin Asso­zia­tio­nen mit Pro­zes­sen des Über­prü­fens, der Eva­lu­ie­rung, der Kon­trol­le, der (büro­kra­ti­schen) Frei­ga­be gehabt. Das ist ihre Deu­tung. Ein ande­res Bei­spiel, das zeigt, wie sie ihr Ver­ständ­nis setzt:

Pour­tant j’avais mani­fes­té […] cont­re le har­cè­le­ment au travail.
[…] gegen sexu­el­le Beläs­ti­gung bei der Arbeit.

„Le har­cè­le­ment au tra­vail“ muss nicht zwangs­läu­fig eine „sexu­el­le Beläs­ti­gung“ sein, es kann genau­so gut Mob­bing aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den bezeich­nen, z. B. wegen des Aus­se­hens oder wegen einer Behin­de­rung. Anne Weber ent­schei­det sich für eine mög­li­che Vari­an­te und spe­zi­fi­ziert. Sie klärt die Din­ge für sich und legt die Deu­tung fest: Mob­bing am Arbeits­platz ist sexu­el­le Belästigung.

3. Anne Weber geht aber noch wei­ter. Sie macht Aus­las­sun­gen, d. h. sie lässt Sät­ze unüber­setzt. Das geschieht dann, wenn für sie eine Pas­sa­ge oder eini­ge Sät­ze kon­sis­tent und logisch sind, dann lässt sie die Wie­der­ho­lun­gen oder Red­un­dan­zen der Autorin weg­fal­len, sie über­setzt sie nicht.

Die­se Arbeits­me­tho­de hat auch der Lau­da­tor, Wolf­gang Matz, anläss­lich der Ver­lei­hung des Voß-Prei­ses der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung an Anne Weber erwähnt: „Indem sie  nur das von einer Spra­che in die ande­re trägt, was sie wirk­lich schätzt, ist sie eine zwar sehr selek­ti­ve, aber gera­de dadurch bedeu­ten­de Ver­mitt­le­rin wirk­li­cher Lite­ra­tur zwi­schen den bei­den Kul­tu­ren gewor­den“. Und Anne Weber hat char­mant geant­wor­tet mit einem sehr schö­nen Bei­spiel: „In Indi­en bestell­te ein­mal ein euro­päi­scher Tou­rist eine Cola und bekam statt­des­sen eine Fan­ta ser­viert. Als er auf den Irr­tum auf­merk­sam mach­te, bekam er die beschwich­ti­gen­de Ant­wort: Same, same. Same — but different!“

Das kann man so sehen. In eini­gen Fäl­len aber wer­den Sach­ver­hal­te unschär­fer oder Stim­mun­gen nicht mit­ge­nom­men. Die Ich-Erzäh­le­rin in Wajs­brots Roman ist eine melan­cho­li­sche Per­son, die dar­an lei­det, dass sie die Warn­si­gna­le nicht wahr­ge­nom­men hat, sie ist ver­zwei­felt über die Kul­tur­lo­sig­keit der Auto­ri­tä­ren, die ihr ihre kul­tu­rel­le Iden­ti­fi­ka­ti­on rau­ben. Sie lei­det. Sprach­lich arbei­tet die Autorin mit Wie­der­ho­lun­gen, oder Varia­tio­nen, die die Trau­rig­keit über das Ver­lo­re­ne ver­stär­kend aus­drü­cken sollen.

Anne Weber reagiert mit Aus­las­sun­gen. Sie nimmt nur den Teil in die Über­set­zung auf, der ihr wich­tig erscheint oder sach­lich gebo­ten, was die Wie­der­ho­lung auch aus­drü­cken soll­te, fällt weg. Damit kommt die deut­sche Ver­si­on hel­ler, freund­li­cher und weni­ger düs­ter daher, die fran­zö­si­sche Fas­sung lebt jedoch von der tie­fen per­sön­li­chen Betrof­fen­heit, der Melan­cho­lie über das Ver­lo­re­ne, Unwie­der­bring­li­che, als ob Wajs­brot den Zeit­geist unter Coro­na beschrie­ben hät­te. Viel­leicht kommt daher das inten­si­ve Mit­ge­fühl beim Lesen (obwohl sie den Roman 2016 begon­nen und bereits 2019 fer­tig­ge­stellt hat).

Tout ce qui est anci­en, et dans tous les domai­nes, ils le détrui­sent – les bâti­ments, les archi­ves, les musées, pro­gres­si­ve­ment et surement.
Ils parent la dest­ruc­tion de noms, réno­va­ti­on, ent­re­ti­en, reconstruction.
Alles, was alt ist in allen mög­li­chen Berei­chen – Gebäu­de, Archi­ve, Muse­en – zer­stö­ren sie lang­sam, aber sicher.

Ähn­lich:

[…] et que les gens, si vous les sol­li­ci­tez, ne cher­che­ront pas d’autre explication.
Ils vous par­le­ront sans méfiance.
[…] und die Leu­te wer­den kei­ne ande­ren Moti­ve ver­mu­ten, wenn Sie sie fragen.

Im ers­ten Satz ist davon die Rede, dass Men­schen nicht bös­gläu­big sei­en. Der zwei­te Satz ver­stärkt das: Nicht nur sei kei­ne Erklä­rung nötig, son­dern kein Miss­trau­en vor­han­den. Eine Stil­fi­gur, die sich bei Wajs­brot durch­zieht, wenn sie insis­tie­ren, Emo­tio­nen zeich­nen oder Denk­bil­der aus­ma­len möch­te. Anne Weber lässt sie weg­fal­len – ersatzlos.

Im Ergeb­nis erschafft Anne Weber einen eige­nen Text, sprach­lich und sti­lis­tisch gelun­gen. Ich fin­de es aller­dings scha­de, dass die emo­tio­na­len Über­zeich­nun­gen, auch die Melan­cho­lie über die ver­lo­ren gegan­ge­ne Welt, die­se Red­un­danz als Stil­mit­tel für den Aus­druck des Abschieds von einer gelieb­ten Welt, abge­schwächt wird. Liest man inten­siv in die­se Dyna­mik hin­ein, immer mit der Wajs­brot eige­nen Prä­gnanz im Aus­druck, macht genau der Gegen­satz zwi­schen sach­li­cher Beschrei­bung und der Melan­cho­lie die Fas­zi­na­ti­on des Romans aus. Sie fal­len einer küh­len sti­lis­ti­schen Sach­lich­keit Anne Webers zum Opfer.


Céci­le Wajsbrot/Anne Weber: Zer­stö­rung (im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Destruction)

Wall­stein 2020 ⋅ 229 Sei­ten ⋅ 20 Euro

www.wallstein-verlag.de/9783835336100-zerstoerung.html

1 Comment

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  1. 1
    Irina

    Das mit der Ver­ein­fa­chung der Spra­che erin­nert ja sehr an „1984“ von Geor­ge Orwell. In die­ser Welt wird auch die Lite­ra­tur völ­lig umge­stal­tet, um kon­form zu sein.

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