„Eine auf­ge­setz­te Jugend­spra­che fin­de ich eher anstrengend“

Drei erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchübersetzerinnen sind dieses Jahr für den Preis "Neue Talente" nominiert. Wir haben mit der Englischübersetzerin Christel Kröning gesprochen.

Interview: und

"Mit Meat Market präsentiert Christel Kröning eine selbstbewusste und durchweg unterhaltsame Übersetzung, die zum Vorbild für das gesamte Genre taugt", heißt es in der Jurybegründung zum Sonderpreis "Neue Talente". Bild von Christel Kröning: WEP Multimedia.

Am 22. Okto­ber 2021 wird der Deut­sche Jugend­li­te­ra­tur­preis ver­ge­ben. Der mit 10.000 Euro dotier­te Son­der­preis „Neue Talen­te“ geht in die­sem Jahr an eine her­aus­ra­gen­de Nach­wuchs­über­set­ze­rin. Nomi­niert sind Mar­le­na Breu­er (Pol­nisch), Lena Dorn (Tsche­chisch) und Chris­tel Krö­ning (Eng­lisch).

Herz­li­chen Glück­wunsch zur Nomi­nie­rung als „Neu­es Talent“! Du bist für dei­ne Über­set­zung von Juno Daw­sons Meat Mar­ket – Schö­ner Schein nomi­niert. Wie kam es dazu, dass du Lite­ra­tur­über­set­ze­rin gewor­den bist?

Vie­len Dank! Also, ich habe mir lan­ge Zeit nicht so vie­le Gedan­ken dar­über gemacht, was ich spä­ter mal wer­den will. Zwi­schen­durch hat­te ich die Idee, Psy­cho­lo­gie zu stu­die­ren, aber als wir dann von der Schu­le aus zur Arbeits­agen­tur geschleift wur­den, kam bei mei­nem „Wel­cher Beruf passt zu mir“-Test Übersetzen/Dolmetschen her­aus, und ich dach­te – ah, stimmt, das ist ja auch ein Beruf, das klingt ja eigent­lich ganz cool. Nach­dem ich mich dann an ver­schie­de­nen Unis bewor­ben hat­te, hat­te ich die Wahl zwi­schen Fachübersetzen/Dolmetschen in Ger­mers­heim oder Lite­ra­tur­über­set­zen in Düs­sel­dorf. Im End­ef­fekt dach­te ich mir, Bücher über­set­zen ist bestimmt span­nen­der, und Dol­met­schen wäre mir eh zu stres­sig gewesen.

Wie bist du schließ­lich zum Über­set­zen von Jugend­li­te­ra­tur gekommen?

Eines der ers­ten Bücher, das ich über­setzt habe, war ein Jugend­buch mit dem Titel Eine Woche für die Ewig­keit. Dazu kam ich über Mar­ti­na Tichy, die schon seit etli­chen Jah­ren sehr erfolg­reich auch vie­le Jugend­bü­cher über­setzt. Wir haben uns 2014 bei einem Über­set­zungs­work­shop zum The­ma Lachen – Über­set­zen – Lachen ken­nen­ge­lernt und uns sofort gut ver­stan­den. 2016 bekam sie von Carl­sen die Anfra­ge für Eine Woche für die Ewig­keit, das von zwei Autoren geschrie­ben ist und des­halb auch zwei Über­set­zer bekom­men soll­te. Dar­auf­hin hat sie mich gefragt, ob ich mit ihr zusam­men­ar­bei­ten möch­te. Ich habe natür­lich sofort zuge­sagt. Carl­sen hat wohl gefal­len, was ich da abge­lie­fert habe, und ich habe danach noch wei­te­re Jugend­bü­cher für den Ver­lag über­setzt – Clean, Meat Mar­ket und All Our Hid­den Gifts – Die Macht der Kar­ten.

Ist die Arbeit als Lite­ra­tur­über­set­ze­rin so, wie du sie dir vor­ge­stellt hast?

Ja, uns wur­de im Stu­di­um schon pro­phe­zeit, dass wir weder Reich­tum noch Ruhm damit ern­ten wer­den. Von Reich­tum kann auch kei­ne Rede sein, der Beruf ist ein­fach unsi­cher und schlecht bezahlt, des­we­gen arbei­te ich par­al­lel in Teil­zeit bei einer Auto­ver­si­che­rung, damit ich auf jeden Fall immer genug Geld habe, um Essen und Mie­te zu bezah­len, und nicht in Panik ver­fal­len muss, wenn zwi­schen­durch mal kein Auf­trag kommt. Ein gro­ßer Luxus ist auch, dass ich, wenn die Ver­trags­be­din­gun­gen zu schlecht sind oder mir das Buch ein­fach nicht liegt, nicht alle Auf­trä­ge anneh­men muss. Aber ich habe schon wäh­rend des Stu­di­ums gemerkt, dass der Beruf viel Freu­de macht, sonst wür­de man sich das Gan­ze ja nicht antun. Und es wird auch an vie­len Ecken und Enden, zum Bei­spiel durch den VdÜ, dar­auf hin­ge­ar­bei­tet, die Berufs­si­tua­ti­on zu verbessern. 

In Meat Mar­ket – Schö­ner Schein lässt die jun­ge Lon­do­ne­rin Jana Novak ihr bis­he­ri­ges Leben als Top­mo­del Revue pas­sie­ren. Wie hast du den pas­sen­den Ton für die 18-jäh­ri­ge Ich-Erzäh­le­rin gefunden? 

Ich kann­te Juno Daw­sons Schreib­stil schon, weil ich davor Clean von ihr über­setzt hat­te. Da gibt es auch eine Ich-Erzäh­le­rin, wie Jana in Meat Mar­ket. Die bei­den haben gewis­se Ähn­lich­kei­ten, sind bei­de sym­pa­thisch, viel­leicht etwas rot­zig, und haben einen inter­es­san­ten Blick auf die Welt. Als Über­set­ze­rin ver­brin­ge ich ja mona­te­lang Zeit mit sol­chen Roman­fi­gu­ren, und das war in dem Fall ein sehr ange­neh­mes Bei­sam­men­sein. All­mäh­lich habe ich Jana immer bes­ser „ken­nen­ge­lernt“, und je bes­ser ich sie kann­te, des­to bes­ser konn­te ich mir auch ihr Deutsch vor­stel­len. Den Ton habe ich also eigent­lich durchs Über­set­zen gefun­den – indem ich den Text ins Deut­sche über­set­ze, arbei­te ich die deut­sche Stim­me der eng­li­schen Prot­ago­nis­tin her­aus. Wie vie­le Übersetzer:innen lese ich mir den Text am Ende laut vor und hor­che genau, ob die Stim­me authen­tisch ist.

Teen­ager haben oft eine ganz eige­ne Aus­drucks­wei­se. Hast du eine bestimm­te Inspi­ra­ti­ons­quel­le für Jugend­spra­che? Hörst du ein­fach den Teen­agern auf der Stra­ße zu?

Eine auf­ge­setz­te Jugend­spra­che vol­ler Flos­keln und Aus­drü­cke, die auch schnell altern, fin­de ich eher anstren­gend. Ich hof­fe, dass mir sowas nicht in den Text rein­ge­rutscht ist. Ich habe viel­mehr ver­sucht, eine Umgangs­spra­che zu fin­den, die ein­fach nicht zu erwach­sen klingt. Um Jugend­spra­che zu hören, muss ich gar nicht irgend­wel­che Teen­ager auf der Stra­ße beläs­ti­gen. Bei der Auto­ver­si­che­rung habe ich vie­le jün­ge­re Kolleg:innen, und auch der Kon­takt mit Kun­den aus ganz Deutsch­land und in allen Alters­stu­fen bie­tet eine gro­ße Band­brei­te an Ausdrucksweisen. 

Neben der Mode­bran­che spie­len im Buch auch Social Media und The­men wie sexu­el­le Gewalt, Ess­stö­run­gen und Abhän­gig­keit eine Rol­le – wie hast du dich in die­se Berei­che „ein­ge­ar­bei­tet“?

Abhän­gig­keit und Ess­stö­run­gen wur­den auch in Clean schon beschrie­ben, dadurch war ich in die­sen The­men schon ganz gut drin. Bei Social Media muss ich tat­säch­lich öfter recher­chie­ren, weil ich sel­ber nicht viel auf die­sen Platt­for­men unter­wegs bin. Bri­git­te Kälb­le, die das Buch – übri­gens ganz her­vor­ra­gend – lek­to­riert hat, hat hier und da noch etwas zurecht­ge­rückt, weil sie sich bei Insta­gram und Co bes­ser auskennt.

Die deut­sche Jugend­spra­che hat vie­le Ein­flüs­se aus dem Anglo-Ame­ri­ka­ni­schen. In der Über­set­zung blei­ben ver­ständ­li­cher­wei­se auch vie­le Aus­drü­cke im Eng­li­schen ste­hen – wie ent­schei­dest du, wann du eine Stel­le über­setzt und wann nicht?

Ich hat­te eigent­lich nicht den Ein­druck, dass im Buch ver­mehrt Angli­zis­men vor­kom­men. Wobei, na ja, vie­le Fach­be­grif­fe der Mode­welt sind Angli­zis­men, wie zum Bei­spiel „Scout“, der heißt auf Deutsch nicht „Model­ent­de­cker“ oder sowas.

In einem Satz sagt der Mode­de­si­gner etwa „Wo the fuck ist er?“

Ja, das ist Der­mot Deen. Der hat im Ori­gi­nal einen iri­schen Akzent, der sehr mar­kiert ist, indem Der­mot zum Bei­spiel gehäuft „feck“ und „fecking“ sagt, was grob aus­ge­drückt die iri­sche Ver­si­on von „fuck“ und „fuck­ing“ ist – auf diver­se Vari­an­ten davon bin ich dann auch aus­ge­wi­chen. Wenn er im Eng­li­schen sagt: „Fashion! It’s fun, isn’t it? It’s fri­vo­lous! When did any cunt say that about foot­ball, and that’s the most fecking fri­vo­lous thing in the who­le fecking world!“ – wird das im Deut­schen zu: „Mode! Ist doch nur Jux und Dol­le­rei, oder nicht? Völ­lig bedeu­tungs­los. Wer wür­de das je über Fuß­ball sagen? Und Fuß­ball ist ja wohl das Aller-fuck­ing-unbe­deu­tends­te auf die­ser gro­ßen fuck­ing Welt!“ So hebt sich auch im Deut­schen sei­ne Spra­che von der der ande­ren ab.

Der Desi­gner sagt auch an einer Stel­le zu Jana „Bit­te duz mich, Dar­lin’“, nach­dem sie ihn höf­lich mit „Sie“ anre­det. Im Eng­li­schen wird da ja nicht unterschieden.

Ja, da muss man im Deut­schen oft über­le­gen, wann es passt, zum „Du“ zu wech­seln. Dann guckt man halt, wo es sich anbie­tet. Hier ist es an der Stel­le, wo er Jana das Kleid anzieht:

„So …“, I say as he mea­su­res my hips, „did you always want to be a Designer?“
„Woll­ten Sie …“, fan­ge ich an, wäh­rend Der­mot mei­ne Hüf­ten aus­misst.
„Bit­te duz mich, Dar­lin’, sonst komm ich mir gleich noch älter vor.“
„Woll­test du immer schon Desi­gner werden?“

Im Eng­li­schen wird das Sie­zen vs. Duzen natür­lich nicht the­ma­ti­siert, aber Der­mot ist ja ein Erwach­se­ner, den Jana als 16-Jäh­ri­ge auf Deutsch erst sie­zen wür­de. Und kurz vor­her sagt er eben: „Fuck, bit­te tötet mich, ich bin alt.“ Des­we­gen lag da der Ball vorm Tor.

Gab es noch ande­re Stel­len, wo du etwas für das deut­sche Publi­kum anpas­sen musstest?

Ja, das ging zum Glück oft ohne all­zu gro­ßen Auf­wand. Zum Bei­spiel spricht Jana ein Spiel namens „Buck­ar­oo“ an, das man in Eng­land offen­bar kennt. Buck­ar­oo ist so ein Spiel­zeug­esel aus Plas­tik. Ziel ist es, mög­lichst vie­le Sachen an ihn dran­zu­hän­gen, bevor er aus­tritt. Und Jana sagt an einer Stel­le, dass sie sich wie Buck­ar­oo fühlt, weil sie mit so vie­len Ket­ten und Arm­rei­fen behängt ist. Bei mir fühlt sie sich wie ein Weih­nachts­baum. Ist ja zumin­dest unge­fähr das glei­che Bild.

In dem Buch sind auch vie­le ver­schie­de­ne Sprach­re­gis­ter, die du jeweils ins Deut­sche über­tra­gen muss­test. Einer­seits natür­lich die Jugend­spra­che, ande­rer­seits aber auch den Jar­gon der Mode­welt, in dem Erwach­se­ne oft mit lee­ren Phra­sen um sich werfen.

Mag­gie, die Lei­te­rin der Model­agen­tur, hat zum Bei­spiel eine sehr schein­hei­li­ge, möch­te­gern-ver­ständ­nis­vol­le Art zu spre­chen, im Sin­ne von „wir haben unse­re Models ja so lieb und wol­len nur das Bes­te für sie“. Und viel­leicht glaubt sie das sogar, gleich­zei­tig rät sie den Models aber, sich mei­net­we­gen aus­schließ­lich von Säf­ten zu ernäh­ren, oder sie ver­harm­lost einen Foto­gra­fen, der sexu­el­le Straf­ta­ten begeht, als „bösen Jun­gen“. Mag­gie hat in dem Buch sehr vie­le ver­schie­de­ne Kose­na­men für Jana, die eben auch von ihrer ver­meint­li­chen Zunei­gung zeu­gen, die eigent­lich Gering­schät­zung ist. Da habe ich mir eine Lis­te mit den ver­schie­de­nen Vari­an­ten – Schätz­chen, Klei­nes, gutes Mäd­chen, usw. – ange­legt, um den Über­blick zu behal­ten und auch immer mal wie­der abzu­wech­seln. Außer­dem muss­te ich auf­pas­sen, weil Der­mot, der Desi­gner, auch Spitz­na­men für Jana hat. Er ist aber „einer von den Guten“ und soll­te natür­lich nicht die glei­chen Spitz­na­men ver­wen­den wie die „böse“ Che­fin der Modelagentur.

Zum Abschluss eine rück­bli­cken­de Fra­ge auf dein bis­he­ri­ges Schaf­fen. Was war für dich per­sön­lich das schöns­te oder wich­tigs­te Buch, das du über­setzt hast?

Ich kann es auf drei ein­gren­zen. Meat Mar­ket gehört auf jeden Fall dazu. Und auch Was ist mit uns von Becky Albertal­li und Adam Sil­ve­ra, das ich zusam­men mit Han­na Flied­ner für Arc­tis über­setzt habe. In dem Buch war mir der Erzäh­ler sehr sym­pa­thisch, mit dem habe ich sehr ger­ne Zeit ver­bracht, so wie auch mit Jana in Meat Mar­ket. Und ich durf­te Ein Zim­mer für sich allein von Vir­gi­nia Woolf für Ana­con­da neu über­set­zen, das kommt auf jeden Fall auch in die Top 3. Der Essay war noch ein­mal etwas ganz ande­res, so einen Text hat­te ich davor noch nie. Ich bin ein biss­chen dar­an ver­zwei­felt, aber auf eine gute Art. Da muss­te ich die Sät­ze oft erst ein­mal aus­ein­an­der­neh­men, sie ver­ste­hen, dann die Ein­zel­tei­le über­set­zen und neu zusam­men­fü­gen. Das war ein biss­chen wie puz­zeln. Gleich­zei­tig ist es natür­lich ein­fach ein tol­ler Text, mit dem ich mich sehr ger­ne beschäf­tigt habe.

Chris­tel Krö­ning stu­dier­te in Düs­sel­dorf Lite­ra­tur­über­set­zen. Neben Unter­hal­tungs- und Jugend­li­te­ra­tur (z. B. Juno Daw­son) über­setzt sie Sach­bü­cher, Lyrik, Essays und Erzäh­lun­gen (u. a. von Vir­gi­nia Woolf) aus dem Eng­li­schen ins Deut­sche. Rund um das The­ma Lite­ra­tur­über­set­zen hält sie auch Vor­trä­ge und sie enga­giert sich im Pres­se­team des Ver­bands der Literaturübersetzer/innen, VdÜ. Mehr über Chris­tel Krö­ning auf www.christelkroening.de  


Juno Dawson/Christel Krö­ning: Meat Mar­ket – Schö­ner Schein (im eng­li­schen Ori­gi­nal: Meat Market)

Carl­sen ⋅ 416 Sei­ten ⋅ 15 Euro

https://www.carlsen.de/softcover/meat-market-schoner-schein/

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