Dirk van Guns­te­ren und Niko­laus Stingl: die Schwergewichtler

Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl sind mit ihrer sorgfältigen Neuübersetzung von John Dos Passos’ „USA-Trilogie“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

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Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021: Nikolaus Stingl (links) und Dirk van Gunsteren für die Neuübersetzung der "USA-Trilogie" (Bilder: privat).

Am 28. Mai wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

John Dos Pas­sos’ USA-Tri­lo­gie ist ein Klas­si­ker der moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur und wur­de 1998 von der Modern Libra­ry auf Platz 23 der 100 bes­ten eng­lisch­spra­chi­gen Roma­ne des 20. Jahr­hun­derts gewählt. Rowohlt hat 2020 eine Neu­über­set­zung der impo­san­ten Roman­tri­lo­gie in einer 1600-sei­ti­gen Dünn­druck­aus­ga­be – mit vier Lese­bänd­chen in den Far­ben der US-Flag­ge – her­aus­ge­bracht. Das ist fol­ge­rich­tig, denn Der 42. Brei­ten­grad (The 42nd Par­al­lel, 1930), 1919 (Nine­teen Nine­teen, 1932) und Das gro­ße Geld (The Big Money, 1936) müs­sen zusam­men gele­sen wer­den: Erst in ihrer Gesamt­heit for­men die dut­zen­den Mosa­ik­stein­chen, aus denen die drei Bän­de zusam­men­ge­setzt sind, ein Bild der ers­ten drei Jahr­zehn­te des 20. Jahr­hun­derts in Amerika.

Der Mon­ta­ge­ro­man umfasst vier Erzähl­sti­le: Die „Wochen­schau“ („News­re­el“) beleuch­tet die Epo­che in Col­la­gen aus authen­ti­schen Schlag­zei­len, Zei­tungs­ar­ti­keln und popu­lä­ren Lie­dern; kur­ze Bio­gra­phien wid­men sich his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten wie Hen­ry Ford, Tho­mas Edi­son, Jack Reed oder Isa­do­ra Dun­can; in „Das Auge der Kame­ra“ („The Came­ra Eye“) voll­zieht Dos Pas­sos in einem enig­ma­ti­schen stream of con­scious­ness sei­nen eige­nen Wer­de­gang vom Kind zum poli­tisch enga­gier­ten Autor nach; den Haupt­teil bil­den die in Fort­set­zun­gen erzähl­ten Lebens­ge­schich­ten von zwölf fik­tio­na­len Figu­ren. Die­se ver­su­chen mehr oder min­der erfolg­reich, ihren Platz in der neu­en ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft zu fin­den, wobei sich man­che von ihnen unter­wegs begeg­nen oder über die zahl­rei­chen Neben­fi­gu­ren mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Als ers­tes tref­fen wir den früh ver­wais­ten Mac (eigent­lich Feni­an O’Hara McCrea­ry) aus Con­necti­tut, einen gelern­ten Dru­cker schot­tisch-iri­scher Abstam­mung, der sich als fah­ren­der Händ­ler, Tel­ler­wä­scher, Land­strei­cher und Bahn­ar­bei­ter durchs gan­ze Land schlägt und dabei halb­her­zi­ge Ver­su­che unter­nimmt, die ame­ri­ka­ni­sche Arbei­ter­re­vo­lu­ti­on zu unter­stüt­zen. Weil sei­ne Frau Mai­sie, die er hei­ra­ten muss­te, nach­dem er sie geschwän­gert hat­te, gegen die Gewerk­schafts­ar­beit ist und statt­des­sen lie­ber sozi­al auf­stei­gen will, ver­lässt er sie und ihre bei­den Kin­der und schließt sich der Arbei­ter­re­vo­lu­ti­on in Mexi­ko an. Mac lässt sich durch’s Leben trei­ben und bleibt nie lang an einem Ort, Zufalls­be­kannt­schaf­ten beglei­ten ihn ein Stück des Weges und ver­schwin­den dann sang- und klang­los und auf Nim­mer­wie­der­se­hen. Das alles scheint ihn emo­tio­nal völ­lig unbe­rührt zu las­sen, als gin­ge es gar nicht um sein eige­nes Leben. Die­se Ent­frem­dung von sich selbst, die Kluft zwi­schen Arbeit und Lebens­sinn ist auch in der Erzäh­lung spür­bar und ver­hin­dert, dass man beim Lesen eine wirk­li­che Bin­dung zu Mac aufbaut.

Sym­pa­thi­scher sind da schon Janey Wil­liams, eine jun­ge Ste­no­gra­phin aus Washing­ton, die sich durch har­te Arbeit aus ihrer engen Her­kunft befrei­en will, und ihr Bru­der Joe, ein rau­er, ein­fach gestrick­ter Kerl, der als Jugend­li­cher von zu Hau­se abhaut, um zur See zu fah­ren. Janeys Chef J. Ward Moo­reh­ouse ist ein ehr­gei­zi­ger Auf­stei­ger, der es „vom Zei­tungs­jun­gen zum Prä­si­den­ten“ brin­gen will. Dafür nimmt der Self-made Man sein Schick­sal selbst in die Hand, hei­ra­tet zwei­mal vor­teil­haft und stößt die Ehe­gat­tin eben­so vor­teil­haft wie­der ab, sobald sie sei­nen Kar­rie­re­plä­nen nicht mehr för­der­lich ist. Die emo­tio­na­len Kol­la­te­ral­schä­den für sei­ne Mit­men­schen las­sen den mani­pu­la­ti­ven Fuchs völ­lig kalt, und sein skru­pel­lo­ser Kar­rie­rewil­len ruft beim Lesen eine gewis­se Empö­rung her­vor – doch das ist immer­hin bes­ser als die Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Schick­sal des Arbei­ters Mac.

Für Dos Pas­sos stand Ein­füh­lung in sei­ne Figu­ren wohl auch nicht im Vor­der­grund, viel­mehr woll­te er die sozia­len und öko­no­mi­schen Kräf­te dar­stel­len, die das moder­ne Ame­ri­ka antrei­ben, das Ver­hält­nis von Arbeit und Kapi­tal, die Macht der Wer­bung und die Jagd nach dem „gro­ßen Geld“. Und so beein­druckt die Tri­lo­gie zumin­dest in den Lebens­ge­schich­ten eher durch Umfang und Beob­ach­tungs­ga­be als durch aus­ge­feil­ten Stil. Aber auch wenn John Dos Pas­sos (1896–1970) nicht der lite­ra­rischs­te unter sei­nen Zeit­ge­nos­sen war, so gilt er doch neben Heming­way, Faulk­ner und Fitz­ge­rald als einer der bedeu­tends­ten Ver­tre­ter der ame­ri­ka­ni­schen Moder­ne. Sein Roman Man­hat­tan Trans­fer (1925) inspi­rier­te unter ande­rem Alfred Döblin zu Ber­lin Alex­an­der­platz, und auch in der USA-Tri­lo­gie nimmt der Autor sei­ne Zeit mit dem schar­fen Blick des Repor­ters unter die Lupe.

Die Jury­be­grün­dung

„Dos Pas­sos hat eine schil­lern­de Tri­lo­gie über eine Nati­on auf der Über­hol­spur geschrie­ben. Das Spek­trum des Erzäh­lens reicht von der trei­bend rhyth­mi­sier­ten Erzäh­lung über die Zei­tungs­schlag­zei­le, das Kame­ra­au­ge bis hin zu poin­tier­ten Por­traits zur Zeitgeschichte.“

Die Über­set­zung

Nach der Erst­über­set­zung von Paul Bau­disch aus dem Jahr 1979 hat der Rowohlt Ver­lag die preis­ge­krön­ten Über­set­zer Dirk van Guns­te­ren (u. a. Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt-Preis 2007) und Niko­laus Stingl (u. a. Ledig-Rowohlt-Preis 1995, Paul-Celan-Preis 2007) mit die­ser wich­ti­gen Neu­über­set­zung beauf­tragt und damit eine aus­ge­zeich­ne­te Wahl getrof­fen. Die bei­den haben sich die Arbeit auf­ge­teilt (Teil 1: van Guns­te­ren, Teil 2: Stingl, Teil 3: bei­de) und eine flüs­si­ge, sehr gut les­ba­re Über­set­zung wie aus einem Guss geschaf­fen. Das war sicher nicht immer leicht, denn neben den vier Haupt­er­zähl­sti­len und Figu­ren­re­den aus unter­schied­li­chen Regis­tern muss­ten zahl­rei­che Ter­mi­ni aus Mili­tär­we­sen und See­fahrt recher­chiert wer­den, damit der Sol­dat John Doe oder der See­mann Joe Wil­liams authen­tisch reden und den­ken. Auf 45 Sei­ten Anmer­kun­gen geben die Über­set­zer zudem Infor­ma­tio­nen zu den wich­tigs­ten his­to­ri­schen Hintergründen.

Der Erzähl­stil ist nüch­tern und sach­lich, selbst über Schick­sals­schlä­ge wie den Tod der eige­nen Eltern wird emo­ti­ons­los und distan­ziert berich­tet. Dabei bil­det die deut­sche Ver­si­on oft die im Eng­li­schen übli­chen Anein­an­der­rei­hun­gen mit „und“ nach, wodurch der schlich­te, unauf­ge­reg­te Erzähl­ges­tus erhal­ten bleibt.

Doch natür­lich taucht in die­sem Pan­ora­ma der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft auch das gan­ze Spek­trum sozia­ler Zuge­hö­rig­kei­ten auf. Allein schon den zahl­rei­chen Haupt- und Neben­fi­gu­ren, die die drei Bän­de bevöl­kern, eine eige­ne Stim­me zu ver­lei­hen, ist eine gro­ße über­set­ze­ri­sche Leis­tung. Dabei fällt auf, dass umgangs­sprach­li­che Ele­men­te leicht neu­tra­li­siert wer­den: Aus Wort­wech­seln wie „Say, bo, where’s the office of the Neva­da Work­man?“ – „What the hell d’you wan­ter know for?“ wird im Deut­schen: „Sag mal, wo ist denn hier das Büro des Neva­da Work­man?“ – „Wozu willst du das denn wis­sen?“ Das klingt um eini­ges förm­li­cher als die eng­li­sche Ver­si­on. Doch auf Dau­er wäre eine bemüht kon­stru­ier­te Umgangs­spra­che mit Ver­kür­zun­gen und Aus­las­sun­gen wohl eher anstren­gend zu lesen gewe­sen. Und viel­leicht haben die Über­set­zer sich bewusst gegen eine all­zu deut­lich mar­kier­te Umgangs­spra­che (sei es eine aktu­el­le oder künst­lich pati­nier­te) ent­schie­den, damit dem deut­schen Text nicht in weni­gen Jah­ren das wider­fährt, was dem New York Times-Rezen­sen­ten Richard Gil­man in Bezug auf das Ori­gi­nal schon 1997 unan­ge­nehm auf­ge­fal­len ist – näm­lich die Fül­le an hoff­nungs­los ver­al­te­ten umgangs­sprach­li­chen Wen­dun­gen: Some­thing that […] pops out now is the pre­sence of a lar­ge, fatal­ly dated body of slang and col­lo­quia­lisms: swell, grub, hun­ky-dory, let­tuce and kale (for money), fresh (for imper­ti­nent).“ So gese­hen, ist eine neu­tra­le Spra­che ver­mut­lich die nach­hal­ti­ge­re Stra­te­gie. Und ihr Gespür für den rich­ti­gen Ton­fall und Schluss­poin­ten stel­len die Über­set­zer trotz­dem ein­drucks­voll unter Beweis:

Down at the end a big man with wal­rus whis­kers was stan­ding at the bar tal­king fast in a drun­ken whi­ning voice, „If they’d only give me my head I’d run the bas­tards outa town soon enough. Too god­dam many lawy­ers mixed up in this. Run the sons­o­bit­ches out. If they resists shoot ’em, that’s what I says to the Gover­nor, but they’re all the­se sons­o­bit­ches a lawy­ers fus­sin’ ever­ythin’ up all the time with war­rants and habe­as cor­pus and long­win­ded rigma­ro­le. My ass to habe­as corpus.“

Am Ende der The­ke stand ein gro­ßer Mann mit Wal­ross­bart und schwang mit betrun­ke­ner, kla­gen­der Stim­me Reden. „Wenn sie mich nur machen las­sen wür­den, hät­te ich die­se Scheiß­ker­le schnell aus der Stadt gejagt. Da haben zu vie­le ver­damm­te Anwäl­te die Fin­ger im Spiel. Schmeißt die­se Stin­ker ein­fach raus. Wenn sie nicht wol­len, schie­ßen wir sie ein­fach übern Hau­fen, das hab ich dem Gou­ver­neur auch gesagt, aber jetzt kom­men die­se gott­ver­damm­ten Anwäl­te und ver­an­stal­ten ihren Zir­kus von wegen rich­ter­li­cher Ver­fü­gung und Habe­as Cor­pus und dem gan­zen lang­at­mi­gen Gewäsch. Habe­as Cor­pus kann mich mal.“

Das „Auge der Kame­ra“ ist in sei­ner Dif­fu­si­tät schwer greif­bar. Wie in einem Bewusst­seins­strom lie­fert es ellip­ti­sche Infor­ma­ti­ons­fet­zen ohne Punkt und Kom­ma, zunächst aus kind­li­cher, dann aus immer erwach­se­ne­rer Sicht. Das ist äußerst ver­wir­rend, und manch­mal fragt man sich, wer da eigent­lich gera­de mit wem spricht – wie bei die­ser Drosch­ken­fahrt des Jun­gen Jack mit sei­ner Mut­ter und einem anony­men Mann über den Schuylkill-Fluss:

why that’s the Schuyl­kill ⋅ the horse’s hoofs ratt­le sharp on smooth wet asphalt after cob­bles ⋅ through the gray streaks of rain the river shim­mers rud­dy with win­ter mud ⋅ When I was your age Jack I dove off this bridge through the rail of the bridge we can look way down into the cold rai­nys­him­me­ry water ⋅ Did you have any clothes on? ⋅ Just my shirt

oh da ist der Schuyl­kill ⋅ auf dem nas­sen glat­ten Asphalt klingt das Klap­pern der Pfer­de­hu­fe schär­fer als auf dem Kopf­stein­pflas­ter ⋅ durch die grau­en Regen­schwa­den schim­mert der Fluss röt­lich vom win­ter­li­chen Schlamm ⋅ Als ich so alt war wie du Jack bin ich von die­ser Brü­cke gesprun­gen durch die Gelän­der kann man das kal­te ver­reg­net schim­mern­de Was­ser sehen ⋅ Hat­test du was an? ⋅ Nur mein Hemd

„Ver­reg­net schim­mern­des Was­ser“ klingt etwas erwach­se­ner als „rai­nys­him­me­ry water“, man hät­te hier durch­aus mit „regen­schim­mern­dem“ oder „regen­schimm­ri­gem“ Was­ser kind­li­che Sprach­mus­ter nach­bil­den und so den Spre­cher­wech­sel mit­ten im Satz deut­li­cher mar­kie­ren kön­nen. Ande­rer­seits ist gera­de das unmerk­li­che Hin- und Her­sprin­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Spre­chern cha­rak­te­ris­tisch für das „Auge der Kamera“.

Auch die „Wochen­schau“ ist nicht ohne, denn manch­mal bestehen die Absät­ze, die aus wirk­li­chen Zei­tungs­ar­ti­keln jener Zeit stam­men, nur noch aus wild zusam­men­ge­stü­ckel­ten Satzschnipseln:

say cir­cus ani­mals only eat Chi­ca­go hor­se­me­at Tax­sa­le of India­na lots marks fina­le of World’s Fair boom uses flag as rag­bag kil­led on can­ni­bal isle kee­per falls into water and sea­li­ons attack him.

sagen, dass die Zir­kus­tie­re aus­schließ­lich Pfer­de­fleisch aus Chi­ca­go fres­sen Zwangs­ver­stei­ge­run­gen von Grund­stü­cken in India­na mar­kiert das Ende des durch die Welt­aus­stel­lung aus­ge­lös­ten Booms benutzt Fah­ne als Putz­lum­pen auf einer Kan­ni­ba­len­in­sel getö­tet Wär­ter fällt ins Was­ser und wird von See­lö­wen angegriffen.

Da muss man beim Lesen erst­mal durch­stei­gen, bevor man es ange­mes­sen über­set­zen kann.

Sti­lis­ti­scher Höhe­punkt der Tri­lo­gie sind die Bio­gra­phien, die in teils ellen­lan­gen, aber elo­quen­ten Sät­zen das Leben ech­ter Per­sön­lich­kei­ten beschrei­ben. Der bekann­tes­te Text, der auch in vie­len Antho­lo­gien steht, ist „Die Lei­che eines Ame­ri­ka­ners“ („The Body of an Ame­ri­can“) am Ende von 1919. Er schil­dert den Tod des unbe­kann­ten Sol­da­ten „John Doe“ im Ers­ten Welt­krieg und die fei­er­li­che Bei­set­zung des­sen, was von ihm übrig ist (viel ist es nicht), auf dem Mili­tär­fried­hof von Arling­ton. Der Abriss beein­druckt durch den schar­fen Kon­trast: Hier die fei­er­li­che Trau­er­re­de des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten, der mit sei­nem sal­ba­dern­den Ton (Ü: „der Name des­sen, der hier vor uns liegt, ist mit sei­ner unsterb­li­chen See­le ent­flo­hen …“, O: „the name of him who­se body lies befo­re us took flight with his impe­ris­ha­ble soul …“) die fei­nen Damen der Washing­to­ner Gesell­schaft zu Trä­nen rührt, dort das tat­säch­li­che, sehr kur­ze Leben des John Doe, das so gar nichts Fei­er­li­ches oder Schö­nes an sich hat­te, son­dern im Dreck der fran­zö­si­schen Schüt­zen­grä­ben ein abrup­tes Ende fand.

Naked he went into the army;
they weig­hed you, mea­su­red you, loo­ked for flat feet, squee­zed your penis to see if you had clap, loo­ked up your anus to see if you had piles, coun­ted your teeth, made you cough, lis­tened to your heart and lungs, made you read the let­ters on the card, char­ted your uri­ne and your intel­li­gence,
gave you a ser­vice record for a future (impe­ris­ha­ble soul)
and an iden­ti­fi­ca­ti­on tag stam­ped with your seri­al num­ber to hang around your neck, issued O.D. regu­la­ti­on equip­ment, a con­di­ment can and a copy of the arti­cles of war.
Atten’SHUN such in your gut you c–r wipe that smi­le off your face eyes right watt­ja tink dis is a choirch-social? For-ward‑D’ARCH.

Nackt trat er in die Armee ein;
sie wogen dich, maßen dich, unter­such­ten dich auf Platt­fü­ße, drück­ten dei­nen Penis, um fest­zu­stel­len, ob du Trip­per hast, schau­ten in dei­nen Hin­tern, um fest­zu­stel­len, ob du Hämor­rhoi­den hast, zähl­ten dei­ne Zäh­ne, lie­ßen dich hus­ten, hör­ten dein Herz und dei­ne Lun­ge ab, lie­ßen dich die Buch­sta­ben von der Kar­te able­sen, erfass­ten dei­nen Urin und dei­ne Intel­li­genz,
gaben dir für die Zukunft (unsterb­li­che See­le) einen Wehr­pass
und zum Um-den-Hals-Hän­gen eine Erken­nungs­mar­ke, in die dei­ne Kenn­zif­fer ein­ge­prägt war, hän­dig­ten dir eine oliv­grü­ne Aus­rüs­tung, ein Ess­ge­schirr und ein Exem­plar der Kriegs­ar­ti­kel aus,
Aaaaach­TUNG, Bauch rein, du Schwanz­lut­scher, grins nicht so däm­lich, Augeeeen rechts, wir sind doch hier nicht beim Kir­chen­kränz­chen! Vorwääärts-MARSCH.

Im Ori­gi­nal kommt der Rhyth­mus durch die vie­len im Eng­li­schen übli­chen bzw. mög­li­chen ein- und zwei­sil­bi­gen Wör­ter, Par­al­lel­kon­struk­tio­nen und Gleich­klän­ge noch stär­ker zum Aus­druck, doch auch die Über­set­zung zieht sprach­lich die pas­sen­den Regis­ter. Das mili­tä­ri­sche „O.D. [oli­ve drab] regu­la­ti­on equip­ment“ wird ele­gant zur „oliv­grü­nen Aus­rüs­tung“ auf­ge­löst und der Arme­en­eu­ling sehr über­zeu­gend ange­schnauzt, wobei die stan­dard­sprach­li­che Über­tra­gung von „watt­ja tink dis is“ dadurch mehr als kom­pen­siert wird, dass das Schimpf­wort aus­ge­schrie­ben und nicht nur ange­deu­tet wird – was beim Erschei­nen des Ori­gi­nals 1932 wohl kaum mög­lich war.

Die Über­set­zung von John Dos Pas­sos’ Mam­mut­werk mit all sei­nen ver­schie­de­nen Erzähl­sti­len, Satz­frag­men­ten und Anspie­lun­gen auf die ame­ri­ka­ni­sche Geschich­te ist eine enor­me Her­aus­for­de­rung, die Dirk van Guns­te­ren und Niko­laus Stingl sou­ve­rän gemeis­tert haben und damit frag­los wür­di­ge Anwär­ter auf den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se sind.

Lieb­lings­satz

„Mei­ne Zukunft hab ich schon hin­ter mir.“


John Dos Pas­sos | Dirk van Guns­te­ren und Niko­laus Stingl

USA-Tri­lo­gie

Im ame­ri­ka­nisch-eng­li­schen Ori­gi­nal: U.S.A. tri­lo­gy

Rowohlt 2020 ⋅ 1645 Sei­ten ⋅ 50 Euro

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