Rei­ne Über­stei­gung

Originaltreue gilt noch immer als Maßstab für Übersetzungen, Schöpfertum hingegen als Charakteristikum von Autorschaft. Das muss sich ändern. Von

Eine Version des Originals. Paula Modersohn-Becker: Porträt des Dichters Rainer Maria Rilke, 1906 (Ausschnitt). Quelle: WikiCommons
Über­set­zung: Julia Rosche und Fio­na Money.
The Eng­lish ori­gi­nal of this essay is avail­ab­le here.

Im Jahr 2006 brach­te der schot­ti­sche Dich­ter Don Pater­son eine „Ver­si­on“ (so nann­te er es) von Rai­ner Maria Ril­kes Sonet­te an Orpheus (engl. Son­nets to Orpheus) her­aus. Er leg­te gro­ßen Wert dar­auf, sein Vor­ge­hen von dem eines Über­set­zers abzu­gren­zen. Ril­kes deut­sche Sonet­te in eng­li­sche Lyrik umzu­for­men, so Pater­son, sei ein ganz eige­ner krea­ti­ver Pro­zess. Hier ist eines sei­ner Gedich­te im Ver­gleich mit einer eher kon­ven­tio­nel­len Über­set­zung aus dem Jahr 1987:

A tree rose from the earth. O pure trans­cen­dence–
Orpheus sings: O tall oak in the ear!
All was still. And then wit­hin that silence
he made the sign, the chan­ge, and touched the lyre.

One by one they crept out from the wood,
empty­ing each set and form and lair;
and loo­king in their eyes, he unders­tood
they’d fal­len quiet in neit­her ste­alth nor fear,

but in their lis­tening. Growl and bark and roar
died in their bre­ast as each took to the clea­ring.
Befo­re this day, the­re hadn’t been a shack

that might have held the song, a plain ear­thwork
hol­lo­wed by their most obscu­re desi­re:
today the temp­le rises in their hea­ring.

Don Pater­son, Ver­si­on, Son­nets To Orpheus, 2006

A tree stood up. Oh pure upri­sing!
Orpheus is sin­ging! Oh tall tree in the ear!
And ever­ything grew still. Yet in the silence the­re
chan­ges took place, signals and fresh begin­nings.

Crea­tures of still­ness crow­ded from the clear
unt­an­gled woods, from nests and lairs;
and it tur­ned out that their light step­ping
came not from fear or from cun­ning

but so they could lis­ten. Shriek, bel­low and roar
had shrunk in their hearts. And while befo­re
the­re was scar­ce­ly a hut whe­re they might stay,

just a shel­ter made of the dar­kest cra­vings
with shaky posts for an ent­ran­ce-way -
you made a temp­le for them in their hea­ring.

David Young, Trans­la­ti­on, Son­nets To Orpheus, 1987

Und hier zum Ver­gleich Ril­kes Ori­gi­nal:

Da stieg ein Baum. O rei­ne Über­stei­gung!
O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
Und alles schwieg. Doch selbst in der Ver­schwei­gung
ging neu­er Anfang, Wink und Wand­lung vor.

Tie­re aus Stil­le dran­gen aus dem kla­ren
gelös­ten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, daß sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so lei­se waren,

son­dern aus Hören. Brül­len, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Her­zen. Und wo eben
kaum eine Hüt­te war, dies zu emp­fan­gen,

ein Unter­schlupf aus dun­kels­tem Ver­lan­gen
mit einem Zugang, des­sen Pfos­ten beben, -
da schufst du ihnen Tem­pel im Gehör.

Rai­ner Maria Ril­ke, Die Sonet­te an Orpheus, Ers­ter Teil (1922)

Youngs Über­set­zung ori­en­tiert sich stär­ker an Ril­kes Wort­wahl. Die letz­te Zei­le der ers­ten Stro­phe, um nur ein Bei­spiel zu neh­men, lau­tet auf Deutsch: „neu­er Anfang, Wink und Wand­lung“. Youngs Über­set­zung „chan­ges […] signals and fresh begin­nings“ ist deut­lich näher am Ori­gi­nal als Pater­sons, der in die­ser Zei­le eine Lei­er erwähnt, die im Ori­gi­nal über­haupt nicht zu fin­den ist. Betrach­tet man bei­de Gedich­te in ihrer Gesamt­heit, sind kaum gra­vie­ren­de Unter­schie­de aus­zu­ma­chen: Bei­den liegt erkenn­bar der­sel­be Ori­gi­nal­text zugrun­de.

Wor­in liegt nun der Erkennt­nis­wert eines sol­chen Ver­gleichs? Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Pater­sons Ver­such, sei­ne „Ver­si­on“ des Tex­tes einer vom Über­set­zen grund­sätz­lich ver­schie­de­nen Kate­go­rie zuzu­ord­nen, macht eine Rei­he von Pro­ble­men sicht­bar, die die Defi­ni­ti­on des Begriffs „Über­set­zung“ betref­fen – dies wird vor allem bei Über­set­zun­gen von lyri­schen Tex­ten deut­lich.

Die Über­set­zung wird übli­cher­wei­se als Äqui­va­lenz­be­zie­hung defi­niert: eine „ori­gi­nal­ge­treue“ Über­set­zung bie­tet eine akku­ra­te Repro­duk­ti­on des Ori­gi­nals in einer ande­ren Spra­che. Dies ist in der Tat die Funk­ti­ons­wei­se von Über­set­zung in der Pra­xis, vor allem im Fall von nicht-lite­ra­ri­schen Tex­ten – jemand, der eine Gebrauchs­an­wei­sung über­setzt, ver­sucht in der Regel, die­sel­ben Instruk­tio­nen wie der Ori­gi­nal­text zu ver­mit­teln.

Unter­sucht man aber lite­ra­ri­sche Über­set­zun­gen, dann wird das Gan­ze etwas kom­pli­zier­ter. Die Vor­stel­lung einer akku­ra­ten Repro­duk­ti­on ver­schlei­ert nicht nur, dass eine wirk­lich „treue“ Über­set­zung unmög­lich ist, sie redu­ziert die über­set­ze­ri­sche Tätig­keit auch auf einen ent­per­so­na­li­sier­ten Pro­zess, der ein­zig dazu da ist, die Gedan­ken des Autors von einer in die ande­re Spra­che zu brin­gen. Ich möch­te vor­schla­gen – auch, wenn wohl nie­mand in abseh­ba­rer Zukunft plant, die prak­ti­sche Defi­ni­ti­on des Über­set­zens zu ver­wer­fen –, dass mehr im Über­set­zungs­pro­zess steckt als die­ser Gemein­platz. Unse­re skla­vi­sche Bin­dung an stren­ge Defi­ni­tio­nen von Autor­schaft und Ori­gi­na­li­tät steht wei­ter­füh­ren­den Dis­kus­sio­nen über die Wech­sel­be­zie­hun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Tex­ten im Weg.

Die ers­te und wohl grund­le­gends­te Fra­ge ist natür­lich, was genau über­setzt wer­den soll – eine Fra­ge, die sehr eng mit den Dis­kus­sio­nen um die Bedeu­tun­gen eines Tex­tes ver­wo­ben ist. Es scheint offen­sicht­lich, dass das Über­set­zen nicht nur Wort für Wort geschieht, aber so etwas wie „Sinn­ein­heit für Sinn­ein­heit“ ist so gut wie unde­fi­nier­bar.1 Ein Über­set­zer oder eine Über­set­ze­rin muss eine über­wäl­ti­gen­de Men­ge an Fak­to­ren berück­sich­ti­gen: den Ori­gi­nal­text, den kul­tu­rel­len Kon­text, in dem das Werk ver­fasst wur­de und die Zeit und den Ort, an dem es wahr­schein­lich in der Über­set­zung gele­sen wird. Und auch die Bedürf­nis­se der Ver­lags­bran­che wol­len berück­sich­tigt sein (bei­spiels­wei­se, ob das Buch in einem aka­de­mi­schen Kon­text oder von einem brei­te­ren Publi­kum gele­sen wer­den soll). Ein ein­fa­ches Bei­spiel: Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer der Har­ry-Pot­ter-Saga müs­sen sich ent­schei­den, wie sie die vie­len spe­zi­fisch bri­ti­schen Kon­zep­te, die den Text durch­zie­hen, über­set­zen. Die chi­ne­si­sche Über­set­zung von Su Nong erklärt in einer Fuß­no­te, was Corn­flakes sind, wäh­rend die israe­li­sche Über­set­ze­rin Gili Bar-Hil­lel ent­schied, dass „sher­bert lemon“ am bes­ten als Scho­ko­la­de zu über­set­zen sei; eini­ge ver­le­gen den Schau­platz in ein Inter­nat in ihrem Land, wäh­rend ande­re alles auf bri­ti­schem Boden belas­sen.

Und sol­che Über­le­gun­gen sind nur der Anfang. Wenn wir einen lyri­schen Text wie Ril­kes Sonet­te an Orpheus genau­er betrach­ten, wer­den sol­che Span­nun­gen beson­ders deut­lich. Da die Bedeu­tungs­ebe­nen eines Gedichts mit mehr als nur Wor­ten aus­ge­drückt wer­den kön­nen, wer­den zahl­rei­che Debat­ten dar­über geführt, ob Lyrik über­haupt ange­mes­sen über­setzt wer­den kann.2 Mehr noch als in Pro­sa­tex­ten sind für Lyrik die Wort­wahl, der Rhyth­mus und der Reim sowie eine gan­ze Rei­he ande­rer lin­gu­is­ti­scher und sti­lis­ti­scher Ent­schei­dun­gen essen­zi­ell. Grob gesagt: Über­set­zer müs­sen sich ent­schei­den, ob sie mehr Wert auf die Bedeu­tun­gen ein­zel­ner Wör­ter legen und Abstri­che beim Über­tra­gen des Stils und des Rhyth­mus machen – oder, ob sie die Bedeu­tun­gen frei­er über­tra­gen und Fokus auf den Stil legen.

Dass Lyrik oft­mals als unüber­setz­bar ange­se­hen wird, liegt genau dar­an, dass vie­le mit der Vor­stel­lung akku­ra­ter Repro­du­zier­bar­keit an sie her­an­ge­hen. Über­set­ze­rin­nen lyri­scher Tex­te haben ver­schie­de­ne Metho­den, die­se Hür­de zu über­win­den. Um zu Don Pater­son zurück­zu­kom­men – er hat ein Nach­wort zu sei­nem Orpheus ver­fasst, in dem er die Unter­schie­de zwi­schen sei­ner „Ver­si­on“ und einer kon­ven­tio­nel­len Über­set­zung genau­er erläu­tert:

[A]rtists also put them­sel­ves in the way of a dan­ge­rous kind of sym­pa­the­tic reso­nance. (Of which Ril­ke wri­tes appro­vin­g­ly, and rather unwi­se­ly, in ‘be the glass that shat­ters with its own rin­ging.’ ‘Zer­schlug’ I was temp­ted to ren­der as ‘shi­ver’ or ‘trem­ble’, as a shat­te­red glass is no use to anyo­ne.)
Künst­ler stel­len sich selbst einer auf gefähr­li­che Art und Wei­se mit­schwin­gen­den Reso­nanz in den Weg. (Ril­ke schreibt dar­über wohl­wol­lend und recht unklug: ‚Sei das Glas, das mit dem eige­nen Läu­ten zer­schellt.‘ Ich war ver­sucht, das Wort ‚zer­schlug‘ als ‚shi­ver‘ or ‚trem­ble‘ zu über­set­zen, da zer­bro­che­nes Glas wohl nie­man­dem nützt.)

Er hebt beson­ders sei­ne krea­ti­ven Ent­schei­dun­gen und Urtei­le, sei­ne eige­ne Reak­ti­on auf Ril­kes Text her­vor. Es fällt jedoch schwer, dar­in mehr als nur eine beson­ders selbst­be­wuss­te Über­set­zung zu erken­nen, die die Inter­pre­ta­tio­nen des Über­set­zers berück­sich­tigt. Pater­sons Über­set­zung mag von den übli­chen Bedeu­tun­gen von zer­schlug abwei­chen, doch das Resul­tat ist immer noch eine Kom­bi­na­ti­on des Ori­gi­nal­texts und sei­ner gründ­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sem – wie das bei Über­set­zun­gen so üblich ist.

Pater­son ver­sucht sein eige­nes Werk von kon­ven­tio­nel­len Über­set­zun­gen zu distan­zie­ren, weil er der ver­brei­te­ten Mei­nung ist, dass Über­set­zun­gen Schöp­fun­gen zwei­ter Ord­nung sind: Wenn er als Autor wahr­ge­nom­men wer­den will, muss es so aus­se­hen, als ob er tat­säch­lich mehr täte als nur Über­set­zen. Daher schreibt er in sei­nem Nach­wort:

Über­set­zun­gen ver­al­ten. Nun kön­nen auch freie Über­tra­gun­gen kei­ne ewi­ge Gül­tig­keit bean­spru­chen; sie altern aber anders.
Trans­la­ti­ons date. Free ver­si­ons, on the other hand, can never be defi­ni­ti­ve; but nor do they date in qui­te the same way.

Dies führt uns zu der Fra­ge zurück, was Über­set­zun­gen eigent­lich über­set­zen. Neu­über­set­zun­gen wer­den ver­öf­fent­licht, weil älte­re Über­set­zun­gen – anders als das Ori­gi­nal – ein Ver­falls­da­tum haben: Ori­gi­na­le sind Spie­gel­bil­der ihrer Zeit, wäh­rend sich Über­set­zun­gen zwi­schen der Zeit der Ent­ste­hung des Ori­gi­nals und der Gegen­wart, in der die Über­set­zung ver­fasst wird, hin und her bewe­gen. (In sei­ner Neu­über­set­zung von Der Herr der Rin­ge (2000) ver­sucht Wolf­gang Kre­ge zum Bei­spiel die Spra­che zu moder­ni­sie­ren, indem er sich der deut­schen Umgangs­spra­che bedient: Sam nennt Fro­do „Chef“ oder „Boss“, und Pip­pin ver­weist auf ein Fund­bü­ro.) Pater­son möch­te sei­nen Orpheus als Ori­gi­nal ver­kau­fen, das nicht nach ein paar Jahr­zehn­ten wie­der als ver­al­tet gilt. Sei­ne Gedich­te sol­len unab­hän­gig vom Ori­gi­nal beur­teilt wer­den und nicht danach, ob sie die Vor­stel­lun­gen der Leser erfül­len, wie genau Ril­ke auf Eng­lisch zu klin­gen hat.

Die Erwar­tungs­hal­tun­gen gegen­über Gedicht­über­set­zun­gen haben sich zudem geän­dert. Frü­her wur­den die Über­set­zun­gen von Ril­kes Gedich­ten noch gereimt. In den frü­hen acht­zi­ger Jah­ren argu­men­tier­te jedoch der Über­set­zer Albert Ernest Flem­ming, dass die Nach­ah­mung von Ril­kes Rei­men im Eng­li­schen schlicht­weg „unmög­lich“ sei und nur dazu füh­re, dass Über­set­zer „fal­sche oder unpas­sen­de Wör­ter“ wähl­ten. Bedeu­tet dies nun, dass die frü­he­ren, gereim­ten Über­set­zun­gen einer geson­der­ten Kate­go­rie bedür­fen, die als weni­ger ori­gi­nal­ge­treu anzu­se­hen ist? Inwie­weit hebt sich Pater­sons „Ver­si­on“ von solch ande­ren Über­set­zun­gen ab?

Wenn wir auf Ril­kes ein­gangs zitier­tes Gedicht zurück­kom­men, wird deut­lich, dass Pater­son nichts kate­go­risch anders macht als frü­he­re Über­set­zer. Die Ände­run­gen, die er vor­nimmt – wie bei­spiels­wei­se die Ein­füh­rung einer Lei­er in der ers­ten Stro­phe – neh­men stets Bezug auf den Ori­gi­nal­text und des­sen Kon­text. Sei­ne „Ver­si­on“ ist nach wie vor eine Kom­bi­na­ti­on von Ril­kes Ori­gi­nal und sei­ner eige­nen Inter­pre­ta­ti­on, sie nimmt auch auf ande­re Aspek­te Bezug – sogar auf vor­he­ri­ge Über­set­zun­gen. Den­noch wird der Begriff „Über­set­zung“ sei­ner Mei­nung nach dem Aus­maß sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ori­gi­nal­text, mit bereits exis­tie­ren­den eng­li­schen Über­set­zun­gen und sei­nen eige­nen dich­te­ri­schen Ent­schei­dun­gen (wie bei­spiels­wei­se der Über­set­zung von Wör­tern wie zer­schlug) nicht gerecht.

Pater­sons Ver­such, eine „Ver­si­on“ und nicht eine Über­set­zung zu schaf­fen, zeigt, dass die Cha­rak­te­ri­sie­rung einer Über­set­zung als „ori­gi­nal­ge­treu“ jeg­li­che Aner­ken­nung des krea­ti­ven Inputs der Über­set­zer aus­schließt. Wir benö­ti­gen weni­ger restrik­ti­ve Kon­zep­te, um die­se Pro­zes­se ange­mes­sen zu beschrei­ben. Statt das Über­set­zen als einen Vor­gang zwi­schen zwei Spra­chen zu sehen, wür­de ich vor­schla­gen, dass wir es im Sin­ne der Vor­sil­be „über“ ver­ste­hen soll­ten – als Über­set­zen, Über­tra­gen und sogar als Über­schrei­ten. Dies umfasst nicht nur die Idee, dass das Über­set­zen sich von einer Per­son, einem Gegen­stand und einen Zustand in einen ande­ren bewegt, son­dern auch das „über, dar­über hin­aus, das Über­schrei­ten“.

Das Bild die­ser kom­ple­xen Ver­knüp­fun­gen ist Teil der Dis­kus­sio­nen über Über­set­zun­gen, oft wird aber ein­fach dem „zwi­schen“ Ori­gi­nal und Über­set­zung die meis­te Auf­merk­sam­keit geschenkt. Das „Über“-Konzept aber erlaubt es uns die ver­schie­de­nen Ver­bin­dun­gen zwi­schen Über­set­zung und Ori­gi­nal, Autor und Über­set­zer zu ent­de­cken. Auf die­se Wei­se wird es mög­lich, Pater­sons schöp­fe­ri­sche Impul­se anzu­er­ken­nen, ohne die­se Impul­se jedoch dem Über­set­zungs­pro­zess abzu­spre­chen. So kön­nen wir zugleich dem Autor die Allein­herr­schaft über den Text neh­men und Über­set­zun­gen nicht auf­grund ihrer Treue zum Ori­gi­nal bewer­ten, son­dern auch alle ande­ren Ein­flüs­se aner­ken­nen. Es han­delt sich nicht um eine ein­sei­ti­ge Über­tra­gung des Ori­gi­nal­tex­tes in einen über­set­zen Text, nicht ein­mal ein Dia­log zwi­schen den bei­den Text­for­men – es umfasst alles, was Ein­fluss auf den Autor und den Über­set­zer neh­men kann, auch die vor­he­ri­gen Über­set­zun­gen.

Die­ser Ansatz ist auch nicht zu weit von dem ent­fernt, was wir beden­ken müs­sen, wenn wir die Ori­gi­na­le im Kon­text ande­rer Wer­ke und Autoren, die sie beein­flus­sen, betrach­ten: In bei­den Fäl­len haben wir es mit einem Stim­men­wech­sel zu tun. Es gibt zahl­rei­che Tex­te, die bei­spiels­wei­se Shake­speare nach­er­zäh­len, der selbst wie­der­um frü­he­re Tex­te nach­er­zähl­te und die­se über­trug.

Wir soll­ten Über­set­zun­gen nicht als sekun­där, son­dern als viel­fäl­tig anse­hen, als Grund­la­ge zur Neu­in­ter­pre­ta­ti­on eines Tex­tes, was wie­der­um nicht so weit von Shake­speares Nach­er­zäh­lun­gen in unse­ren eige­nen kul­tu­rel­len Kon­text ent­fernt ist. Über­set­zer ant­wor­ten nicht nur auf das Ori­gi­nal, son­dern auch auf ande­re Über­set­zun­gen und Tex­ten, so wie Tex­te immer auf ande­re Wer­ke ant­wor­ten.

Es stimmt, dass der Arbeits­pro­zess beim Über­set­zen etwas anders ist, wenn man ohne eine direk­te Quel­le arbei­tet. Den­noch ist Pater­sons Bear­bei­tung von Ril­kes Sonet­ten nicht weit von Youngs Über­set­zung ent­fernt, genau­so wie sei­ne Form der Bear­bei­tung nicht von Mar­ga­ret Atwoods betont weib­li­cher Ver­si­on der Odys­see The Pene­lo­pi­ad ent­fernt ist, oder Jean Rhys neue Ver­si­on von Jane Eyre in The Wide Sargas­so Sea – bei­de Tex­te wer­den den­noch als Ori­gi­na­le ange­se­hen.

Wenn wir Über­set­zun­gen nach ihrer Treue zum Ori­gi­nal beur­tei­len, berau­ben wir uns selbst der Mög­lich­keit, die unzäh­li­gen Umfor­mun­gen des Tex­tes wäh­rend des Über­set­zens genau­er zu betrach­ten. Dies bedeu­tet, dass sich Dich­ter wie Pater­son die Mühe machen müs­sen, eine eige­ne Kate­go­rie zu kre­ieren, die es erlaubt, dass ihre Gedich­te als eigen­stän­di­ge Wer­ke ange­se­hen wer­den. Wenn wir es Tex­ten erlau­ben, die Gren­zen zwi­schen Über­set­zung und Ori­gi­nal zu über­win­den und sie als mit­ein­an­der ver­wand­te Sub­jek­te in einem Kon­ti­nu­um wahr­neh­men und kei­ne Hier­ar­chi­sie­rung der Kate­go­rien vor­neh­men, wer­den wir pro­duk­ti­ve­re Dis­kus­sio­nen über die Kunst des Über­set­zens ansto­ßen.

  1. Vgl. Hie­ro­ny­mus, Brief 57. An Pamma­chi­us: Über die bes­te Art zu über­set­zen, Ü Lud­wig Scha­de: „Ich geste­he und beken­ne mit allem Frei­mut, daß ich bei der Über­set­zung grie­chi­scher Tex­te, abge­se­hen von den hei­li­gen Schrif­ten, wo selbst die Anord­nung der Wor­te ein Geheim­nis ist, nicht Wort für Wort, son­dern sinn­ge­mäß über­tra­ge.“
  2. Vgl. Mat­thew Rey­nolds, The Poe­try of Trans­la­ti­on.

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