Man nann­te sie die Hexe

Der Internationale Literaturpreis, verliehen vom Haus der Kulturen der Welt, ging 2019 an die mexikanische Autorin Fernanda Melchor und ihre deutsche Übersetzerin Angelica Ammar für "Saison der Wirbelstürme". Das Buch beeindruckt und erschüttert; die literarische Qualität ist bemerkenswert. Von

Foto: Dieter Teubert

Sai­son der Wir­bel­stür­me beginnt mit der Ent­de­ckung einer Lei­che. Also ein Kri­mi? Nein: kei­ne gerad­li­ni­ge Hand­lung, kein scharf­sin­ni­ger Ermitt­ler, kei­ne erleich­tern­de Wie­der­her­stel­lung von Recht und Gerech­tig­keit. Statt­des­sen schickt uns die Autorin durch ein Dickicht wild wuchern­der Geschich­ten, weil eben kein gera­der Weg zum Ver­ständ­nis der Tat führt, weil die Täter selbst auch Opfer und die wirk­li­chen Schul­di­gen gar nicht greif­bar sind.

In La Mato­sa, dem Dorf an der Stra­ße von der Hafen­stadt zu den Erd­öl­fel­dern, ist die „Hexe“ ermor­det wor­den. Zu ihr kamen die Frau­en bei Krank­hei­ten, unge­woll­ten Schwan­ger­schaf­ten oder für einen Lie­bes­zau­ber. Män­ner – jun­ge Män­ner – kamen, um sich für Sex­diens­te bezah­len zu las­sen, denn das schwarz­ge­klei­de­te Wesen, das da ein­sam in einem abge­le­ge­nen Haus vol­ler Unrat und Gerüm­pel leb­te und sich vor den Frei­ern als skur­ri­le Sän­ge­rin pro­du­zier­te, war eine Homo­se­xu­el­le. Aber war­um wur­de die Hexe ermor­det? Im Dorf mun­kelt man von Schät­zen, die im Haus ver­bor­gen sein sol­len, von einem faust­gro­ßen Dia­mant­ring – Gerüch­te, die ihrer­seits wei­te­re Mor­de zur Fol­ge haben. Ein Ver­dacht, wer die Täter sind, kommt schnell auf. Der Autorin geht es jedoch nicht um die Span­nung des whodon­eit, son­dern dar­um, sich in die Men­schen aus dem Umfeld der Hexe ein­zu­füh­len, in das Gewirr aus Wün­schen, Begier­den, Gefüh­len und Abhän­gig­kei­ten, in das sie heil­los ver­strickt sind. So tre­ten nach der Hexe in den fol­gen­den Kapi­teln meh­re­re Per­so­nen auf, deren Geschich­ten sich schein­bar von dem Mord ent­fer­nen, jedoch in einer spi­ral­för­mi­gen Bewe­gung um die­ses zen­tra­le Gesche­hen wie um das Auge des Hur­ri­kans krei­sen.

Fer­nan­da Mel­chor, 1982 in Ver­a­cruz gebo­ren, kennt die Regi­on, in der ihr Roman spielt, seit ihrer Kind­heit. Als sie in der Öffent­lich­keits­ar­beit der Uni­ver­si­tät Ver­a­cruz tätig war, stieß sie auf eine Zei­tungs­mel­dung über den Mord an einer Hexe. „Ich war sprach­los. Ich muss­te die Geschich­te hin­ter die­sem Ver­bre­chen schrei­ben“, erzählt sie in einem Inter­view. Da ihr die Recher­che vor Ort wegen der Dro­gen­ma­fia zu ris­kant erschien, erfand sie selbst Figu­ren und Hand­lung. Der Schau­platz hin­ge­gen dürf­te ihren Erfah­run­gen ent­spre­chen: eine Gegend mit Schau­platz ist eine Gegend mit ein­tö­ni­gen Zucker­rohr­fel­dern, dem nach einem Erd­rutsch wie­der auf­ge­bau­ten arm­se­li­gen Dorf und der Klein­stadt, in der Dro­gen­han­del und Ölin­dus­trie das Sagen haben.

Es ist ein trost­lo­ses Mexi­ko, das Fer­nan­da Mel­chor uns prä­sen­tiert, „Alp­traum-Rea­lis­mus“ („rea­lis­mo pesadil­les­co“), wie ein mexi­ka­ni­scher Jour­na­list es nann­te. Die Men­schen sind arm, ver­las­sen, ent­wur­zelt; Getratsch und Aber­glau­be ver­gif­ten ihre Bezie­hun­gen; Sex kommt bei ihnen stän­dig und in jeder Form vor, meist aber ver­bun­den mit Geld oder Gewalt. Die­sen Ver­lie­rern des Sys­tems hat die Autorin ihre Träu­me und ihren Hass abge­lauscht und in sei­ten­lan­gen Sät­zen auf­ge­schrie­ben, in einem Erzähl­fluss, der von einem The­ma zum nächs­ten über­geht und in der Über­set­zung syn­tak­tisch so gestal­tet ist, dass er eine eben­sol­che Sog­wir­kung ent­fal­tet wie das Ori­gi­nal. In der Über­set­zung wur­den die Sät­ze glück­li­cher­wei­se nicht zuguns­ten leich­te­rer Les­bar­keit zer­stü­ckelt:

Y cuan­do el chisme de que la Bru­ja paga­ba lle­gó has­ta Vil­la y el res­to de las ran­che­rí­as de ese lado del río aquel­lo se vol­vió una pro­ce­sión, un pere­gri­nar con­ti­nuo de much­achos y hom­bres ya hechos que se pelea­ban por ent­rar pri­me­ro y a veces nomás iban a echar bola, a bordo de camio­ne­tas y con la radio a todo volu­men y cajas de cer­ve­za que metí­an por la puer­ta de la coci­na y se encer­ra­ban ade­n­tro y se escucha­ba músi­ca y un bul­li­cio como de fies­ta, para espan­to de las veci­nas y sob­re todo de las pocas muje­res decen­tes que aún queda­ban en el pue­blo, para ent­on­ces ya ple­na­men­te inva­di­do de fula­nas y piru­jas veni­das des­de quién sabe dón­de, atraí­das por el ras­tro de bil­le­tes que las pipas del petró­leo deja­ban caer a su paso por la car­re­te­ra, much­ach­as de poco peso y mucho maquil­la­je […]
Und als es sich bis nach Vil­la und in die ande­ren Wei­ler auf die­ser Sei­te des Flus­ses her­um­sprach, dass die Hexe zahl­te, begann eine regel­rech­te Pro­zes­si­on, Bur­schen und gestan­de­ne Män­ner pil­ger­ten in Scha­ren zum Haus und prü­gel­ten sich, wer als Ers­ter hin­ein­durf­te, manch­mal hin­gen sie auch ein­fach nur her­um, kamen mit auf­ge­dreh­tem Radio in ihren Pick-ups ange­fah­ren, tru­gen Bier­käs­ten durch die Küchen­tür und sperr­ten sich drin­nen ein, man hör­te Musik und Radau wie auf einer Par­ty, zum Schre­cken der Nach­ba­rin­nen und vor allem der weni­gen anstän­di­gen Frau­en, die es im Dorf noch gab, das inzwi­schen von Huren aller Art bevöl­kert war, die von Gott weiß woher kamen, ange­zo­gen von der Spur aus Geld­schei­nen, die die Öltrans­por­ter auf ihrer Rou­te über die Land­stra­ße hin­ter­lie­ßen, leich­te Mäd­chen mit dicker Schmin­ke […]

Die gera­de­zu unun­ter­bro­che­ne „pro­ce­sión“ wird im spa­ni­schen Text noch augen­fäl­li­ger, weil die Neben­sät­ze nicht durch Kom­ma­ta abge­trennt wer­den müs­sen. Erst nach „pro­ce­sión“ kommt die ers­te Sprech­pau­se, bevor in einer Appo­si­ti­on („un pere­gri­nar … ade­n­tro“) detail­lier­te Beschrei­bun­gen fol­gen. Die Über­set­ze­rin nimmt den Ein­schnitt auf, ver­än­dert jedoch die Struk­tur, indem sie einen neu­en Satz mit dem Verb „pil­ger­ten“ anstel­le des Sub­stan­tivs beginnt, viel­leicht weil die ver­ba­le Form leben­di­ger klingt. Die vor­wie­gend rei­hen­de Struk­tur ist erhal­ten, eben­so wie die Erzähl­per­spek­ti­ve. Knapp und idio­ma­tisch gut gelöst ist hier auch die Über­tra­gung des Gegen­sat­zes „poco – mucho“ am Ende der Pas­sa­ge.

Die meis­ten Figu­ren zeich­net Mel­chor so, dass die Lese­rin­nen und Leser eine Mischung aus Mit­leid und Abscheu emp­fin­den. Wenn es eine Sym­pa­thie­trä­ge­rin gibt, dann die drei­zehn­jäh­ri­ge Nor­ma, die von ihrem Stief­va­ter Pepe psy­chisch abhän­gig gemacht und phy­sisch miss­braucht wird. Die Autorin zeigt, wie die­se sub­ti­le Mani­pu­la­ti­on funk­tio­niert, indem sie die Bezie­hung aus der Sicht des mit sei­nen Pro­ble­men allein gelas­se­nen Mäd­chens schil­dert. Ein­mal belauscht Nor­ma ein Gespräch zwi­schen Pepe und ihrer Mut­ter, die etwas beun­ru­higt ist über die Ent­wick­lung ihrer Toch­ter und deren Bezie­hung zu ihrem Stief­va­ter:

[…] y él le decía que no fue­ra ton­ta, que com­p­ren­die­ra que lo úni­co que él tra­ta­ba de hacer era dar­le cari­ño a esa pob­re niña que nun­ca tuvo la for­tu­na de con­tar con un pad­re, y que era nor­mal que la cha­ma­ca se con­fun­die­ra un poco al sen­tir el afec­to sin­ce­ro y totalm­en­te ino­cen­te de Pepe, e inclu­so que se encan­di­la­ra un poqui­to con él, vaya, está en la edad de la pun­za­da, de las hor­mo­nas albo­ro­ta­das, pobre­ci­ta, tal vez se ima­gi­na que yo la quie­ro otra mane­ra […]
[…] und er sag­te zu ihrer Mut­ter, dass sie sich doch nicht so blöd anstel­len soll­te, dass er sich nur ein biss­chen um Nor­ma küm­mer­te, weil sie nie einen Vater gehabt hat­te, die arme Klei­ne, und dass es des­halb ganz nor­mal war, dass sei­ne ech­te, unschul­di­ge Zunei­gung das Mäd­chen manch­mal durch­ein­an­der­brach­te, sie viel­leicht sogar ein biss­chen für ihn ent­flammt war, sie kam eben in die Puber­tät, ihre Hor­mo­ne spiel­ten ver­rückt, armes Ding, viel­leicht stellt sie sich sogar vor, dass ich sie auf ande­re Wei­se mag […]

An die­ser Stel­le spielt die Über­set­ze­rin durch das Wort „küm­mern“ die Pro­ble­ma­tik stär­ker her­un­ter als Pepe selbst, denn er spricht von „cari­ño“, was „Zunei­gung“, aber auch „Zärt­lich­keit“ bedeu­tet und vor­wie­gend für die Bezie­hung zu Kin­dern, Fami­li­en­mit­glie­dern oder Freun­den ver­wen­det wird (als Kose­wort auch: „Schatz“). Mög­li­cher­wei­se ging es ihr hier dar­um, kul­tu­rel­le Unter­schie­de zwi­schen deutsch­spra­chi­gen Län­dern und Latein­ame­ri­ka in Bezug auf kör­per­li­cher Nähe und Berüh­rung zu berück­sich­ti­gen; das Wort „Zunei­gung“ bringt sie geschickt im nächs­ten Satz (für „afec­to“) unter. In der indi­rek­ten Rede ver­zich­tet sie auf den Kon­junk­tiv I, offen­bar zuguns­ten der Unmit­tel­bar­keit des münd­li­chen Stils. Das passt auch bes­ser zum Über­gang in die direk­te Rede am Ende die­ser Text­stel­le, die bei­spiel­haft dafür ste­hen mag, wie die Autorin die haar­sträu­ben­de Ver­dre­hung und Umwer­tung der Tat­sa­chen durch den Machis­mo ent­larvt.

Die Autorin ver­wen­det in ihrem viel­stim­mi­gen Roman eine gan­ze Rei­he sprach­li­cher Regis­ter: in der Schil­de­rung der Atmo­sphä­re durch die Erzäh­ler­stim­me am Anfang, den Erin­ne­run­gen der ver­schie­de­nen Per­so­nen, ein­mon­tier­ten Ver­hör­pas­sa­gen oder den Refle­xio­nen des wie ein mexi­ka­ni­scher Cha­ron anmu­ten­den Toten­grä­bers, der im Schluss­ka­pi­tel all den namen­lo­sen Gewalt­op­fern den Weg zum Licht weist. Am häu­figs­ten kom­men die Per­so­nen selbst mit ihrer umgangs­sprach­li­chen bis vul­gä­ren Aus­drucks­wei­se zu Wort:

Se había lar­g­ado, el pin­che mar­ra­no del coman­dan­te, a bordo de la úni­ca patrul­la de Vil­la, en com­pa­ñía de sus esbir­ros; se había lar­g­ado para la casa de la Bru­ja tan pron­to aca­ba­ron de madre­ar­se a Bran­do en aquel cuar­ti­to detrás de la coman­dan­cia. ¿Dón­de está el dine­ro?, gri­ta­ba el mar­ra­no asquer­oso, hab­la o te aho­go como la pin­che rata que eres; hab­la o te cor­to la ver­ga y te la meto por el culo, cha­ma­co puto, maricón de mier­da, necio […]
Abge­hau­en war er, das Dreck­schwein von Kom­man­dant, mit sei­nen Scher­gen in dem ein­zi­gen Strei­fen­wa­gen von Vil­la abge­hau­en; nach­dem sie Bran­do in dem klei­nen Raum hin­ter der Poli­zei­wa­che fer­tig­ge­macht hat­ten, waren sie sofort zum Haus der Hexe abge­hau­en. Wo ist das Geld?, hat­te das Dreck­schwein geru­fen, rück raus damit oder ich ersäu­fe dich wie die Scheiß­rat­te, die du bist; raus damit oder ich schneid dir den Schwanz ab und steck ihn dir in den Hin­tern, ver­fluch­te Schwuch­tel, Scheiß­wich­ser, Sack­ge­sicht […]

Nicht immer spie­gelt die­se Spra­che den bru­ta­len Umgang der Per­so­nen mit­ein­an­der wie­der – „some­ti­mes it’s real­ly ten­der what they say“, erklär­te Ange­li­ca Ammar bei der Preis­ver­lei­hung, als sie zur Über­set­zung der vie­len Schimpf­wör­ter und Vul­gär­aus­drü­cke im Roman gefragt wur­de. Im mexi­ka­ni­schen Spa­nisch wer­de halt viel geflucht, auch wenn es nicht böse gemeint sei; im Deut­schen sei die Hemm­schwel­le anders. Allein das abwer­ten­de Adjek­tiv „pin­che“ zähl­te die Über­set­ze­rin 250 Mal. Sie über­setzt es je nach Kon­text unter­schied­lich und lässt es gele­gent­lich weg, aber auch so ist der Text nichts für zar­te Gemü­ter: „pin­che basura: ver­damm­ter Müll“, „pin­che vie­ja: Fot­ze“, „pin­ches cule­ros: die­se Wich­ser“… Für eini­ge die­ser Aus­drü­cke muss­te die Über­set­ze­rin, ermu­tigt vom Ver­lag, erst ein­mal ihren ent­spre­chen­den Wort­schatz erwei­tern– schließ­lich spie­gelt sich dar­in die Men­ta­li­tät einer Gesell­schaft, in die­sem Fall Frau­en­feind­lich­keit und Homo­pho­bie. Auf das in Mexi­ko beson­ders tabui­sier­te The­ma offe­ner oder laten­ter Homo­se­xua­li­tät geht Mel­chor in ihrem Roman auf sen­si­ble und dif­fe­ren­zier­te Wei­se ein, und bei aller Gewalt, Grau­sam­keit und Gefühl­lo­sig­keit spürt man bei den Figu­ren doch zumin­dest die Sehn­sucht nach dem, was in die­sem Buch nir­gends benannt wird: Lie­be.

In sei­ner Lau­da­tio auf Mel­chor und Ammar bei der Ver­lei­hung des Inter­na­tio­na­len Buch­prei­ses for­mu­lier­te der Über­set­zer Robin Detje die Wir­kung des Romans so:

„Ich bin über­for­dert. Alles ande­re wäre gelo­gen. Ich glau­be, wir waren in der Jury von der Sai­son der Wir­bel­stür­me alle über­for­dert, haben alle gestockt und eine Wei­le nicht wei­ter­le­sen kön­nen.“

Und er fragt:

„Was sol­len wir denn mit einer Lite­ra­tur, die uns nicht über­for­dert?“


Fer­nan­da Melchor/Angelica Ammar: Sai­son der Wir­bel­stür­me (Im spa­ni­schen Ori­gi­nal: Tem­po­ra­da de hura­ca­nes)

Wagen­bach ⋅ 240 Sei­ten ⋅ 22 Euro

www.wagenbach.de/buecher/titel/1177-saison-der-wirbelstuerme.html

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