Andre­as Tret­ner: der Lässige

Angel Igovs Roman „Die Sanftmütigen“ greift ein literarisches Tabuthema in Bulgarien auf: die politischen Schauprozesse gegen Ende des 2. Weltkriegs. Andreas Tretner hat den kleinen, aber feinen Text mit viel Verve übersetzt. Von

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: Andreas Tretner für "Die Sanftmütigen". Bild: Roman Ekimov/Panda
Am 12. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir in den Wochen vor der Buch­mes­se alle fünf Nomi­nier­ten vor. Alle Fol­gen der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

„Selig sind die Sanft­mü­ti­gen, denn sie wer­den das Erd­reich besit­zen“, heißt es in der Berg­pre­digt. Den armen Schlu­cker und mäßig begab­ten „Quar­tals­dich­ter“ Emil Stre­zov schert das wenig. Nach­dem sei­ne gesam­te Fami­lie von der Tuber­ku­lo­se hin­weg­ge­rafft wur­de, wächst er bei einem Schus­ter in einem Armen­vier­tel von Sofia auf. Dort bleibt er ein Außen­sei­ter, sein ein­zi­ger Freund ist der stot­tern­de Schus­ters­sohn Kos­ta. Nach der Macht­er­grei­fung der Kom­mu­nis­ten 1944 steigt er so unver­se­hens wie rasant auf: Erst patrouil­liert er mit roter Arm­bin­de als Volks­mi­li­zio­när durch die Stra­ßen, dann wird er Rund­funk­re­por­ter und bald dar­auf Anklä­ger beim Volksgericht.

Und die Zeit des Emil Stre­zov brach an. Der noch nicht gekämpft hat­te, doch den es zu kämp­fen ver­lang­te; der über Enthu­si­as­mus ver­füg­te und ein revo­lu­tio­nä­res Gerech­tig­keits­emp­fin­den, das ihn zu einem gerech­ten Urteil befä­hi­gen wür­de; und der die Arbeit nicht scheu­te – denn (…) das Amt eines Volks­an­klä­gers war ein har­ter Job.

Im 2. Welt­krieg war das Zaren­tum Bul­ga­ri­en ein Ver­bün­de­ter Nazi-Deutsch­lands, bis im Sep­tem­ber 1944 die sowje­ti­sche Rote Armee ein­mar­schier­te und nach einem Putsch die Kom­mu­nis­ten an die Macht kamen. Vor­der­grün­dig, um Kriegs­ver­bre­cher und Kol­la­bo­ra­teu­re zu bestra­fen, tat­säch­lich aber auch, um die alten Eli­ten aus­zu­schal­ten, fan­den von Dezem­ber 1944 bis April 1945 über hun­dert Schau­pro­zes­se nach Mos­kau­er Vor­bild statt. Vor den eigens ein­ge­rich­te­ten „Volks­ge­rich­ten“ wur­den tau­sen­de von Poli­ti­kern und Intel­lek­tu­el­len zum Tode oder zu hohen Haft­stra­fen ver­ur­teilt. Die bul­ga­ri­sche Lite­ra­tur hat lan­ge Zeit einen Bogen um die­ses his­to­ri­sches Tabu gemacht, das Angel Igov mit Die Sanft­mü­ti­gen nun bricht. Der Roman war des­halb in Bul­ga­ri­en eine klei­ne Sensation.

Nicht nur das The­ma ist mutig und über­fäl­lig, auch die Per­spek­ti­ve ist bemer­kens­wert: Die anony­men Erzäh­ler sind offen­bar Leu­te aus Stre­zovs Vier­tel, die sein Kom­men und Gehen, wie es auf­merk­sa­me Nach­barn nun mal tun, ganz genau registrieren:

Wir kann­ten dich gut, Emil Stre­zov, über Mona­te und Jah­re haben wir jeden dei­ner Schrit­te verfolgt.

Wie der Chor in einer anti­ken Tra­gö­die kom­men­tie­ren sie das Gesche­hen und räu­men dabei selbst ein, dass sie nur bedingt zuver­läs­si­ge, vor­ein­ge­nom­me­ne Erzäh­ler sind, die ihre Augen und Ohren über­all haben und sich den Rest zusam­men­rei­men, denn „woher soll man wis­sen, wie es wirk­lich gewe­sen ist“.

Um sei­ne eige­nen Zie­le zu errei­chen, macht sich Stre­zov, wie vie­le ande­re, zum wil­li­gen Hand­lan­ger der neu­en Macht­ha­ber. Sobald die Todes­ma­schi­ne­rie ein­mal ange­lau­fen ist, beginnt sie immer schnel­ler zu rotie­ren, bis sich die klei­nen Räd­chen im Getrie­be, selbst wenn sie woll­ten, dem Tem­po nicht mehr ent­ge­gen­stem­men kön­nen. Zum Beweis der eige­nen poli­ti­schen Zuver­läs­sig­keit über­bie­ten sich Rich­ter und Anklä­ger in den gefor­der­ten Straf­ma­ßen. Ver­ein­zel­te Stim­men der Ver­nunft, die ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild vom Grad der Schuld Ein­zel­ner zu zeich­nen ver­su­chen, wer­den im all­ge­mei­nen revo­lu­tio­nä­ren Feu­er­ei­fer schlicht­weg über­tönt. Die Sanft­mü­ti­gen lie­fern somit reich­lich Stoff zum Nach­den­ken – über Schuld und Stra­fe, Ermäch­ti­gung und Ent­mach­tung, Ver­blen­dung und Mani­pu­la­ti­on, Ver­ant­wor­tung, Gerech­tig­keit und die Bana­li­tät des Bösen.

Die Jury­be­grün­dung

Andre­as Tret­ner hat Die Sanft­mü­ti­gen mit gro­ßer Erfin­dungs­ga­be und Lie­be fürs seman­ti­sche wie rhyth­mi­sche Detail in schwung­vol­les Deutsch gebracht.

Die Über­set­zung

Tret­ners Sprach­ge­wandt­heit trägt uns sou­ve­rän durch den Roman und eröff­net uns die ver­schie­de­nen Facet­ten der Sanft­mü­ti­gen. Der Ton­fall ist locker und dyna­misch, natür­lich wir­ken­de Umgangs­spra­che wird gekonnt mit obso­let-geho­be­nen Aus­drü­cken (für­der­hin, abhold) kom­bi­niert, hier eine mund­art­li­che Wen­dung (Stu­den­teln, ein Sei­del, beka­keln), da eine Unflä­tig­keit („Na was, ihr Hosen­schei­ßer­chen. Geht heim zu Mama“) ein­ge­floch­ten. Manch­mal stol­pern die Figu­ren auch über die Gram­ma­tik: „Die Marie aus unserm Vier­tel arbei­tet auch in der Abtei­lung. Die wo frü­her auf Heinz Rüh­mann stand“, „Täte bei uns rein­pas­sen“ oder „Ja, wis­sen Sie denn nicht, dass er dem Kom­mis­sar für jüdi­sche Fra­gen sein Schwa­ger ist?“ All das wird genau im rich­ti­gen Maß ein­ge­setzt und ver­bin­det sich so zu einem har­mo­ni­schen Lesevergnügen.

Fei­ner Humor ent­steht durch iro­nisch-absur­de Per­so­ni­fi­zie­run­gen, die Tret­ner geschickt nach­bil­det. Nach der Ankunft der Roten Armee fal­len die „roten Fah­nen … schwarm­wei­se über die Fas­sa­den der öffent­li­chen Gebäu­de her­ein“. An Weih­nach­ten gibt es „fet­te, selbst­zu­frie­de­ne Wurstrin­ge“, „der Win­ter tat sei­ne letz­ten Atem­zü­ge“, aber dafür „schnei­te es Gerüch­te aus dem tief­hän­gen­den Him­mel“, und Fahr­stüh­le zei­gen kan­ni­ba­lis­ti­sche Ten­den­zen: „Gleich­sam besänf­tigt durch den geschluck­ten Hap­pen Mensch, mach­te der Fahr­stuhl in der Auf­wärts­be­we­gung viel weni­ger Lärm.“ Häu­ser haben ein eige­nes, unver­wech­sel­ba­res Wesen, es gibt „gestren­ge“, „tan­zen­de“ und „vor Ent­rüs­tung bebende“.

Eine wei­te­re Beson­der­heit sind die ela­bo­rier­ten Ver­glei­che, die das gesam­te Buch durch­zie­hen. Nicht nur die Besu­cher eines Sofio­ter Bor­dells wer­den auf wenig schmei­chel­haf­te Wei­se mit einer Mena­ge­rie aus Pavia­nen, Kro­ko­di­len und schnauz­bär­ti­gen Rob­ben ver­gli­chen, auch die Ange­hö­ri­gen der alten Eli­ten krie­gen tie­risch ihr Fett weg: Der Erzäh­ler­chor ver­gleicht die ange­klag­ten Gene­rä­le, Anwäl­te und Jour­na­lis­ten mit eit­len Pfau­en, scharf­äu­gi­gen Schnee­eu­len und raub­gie­ri­gen Habich­ten, die „Kuckucks­ei­er leg­ten, wohin es ihnen gefiel“. An ande­rer Stel­le wird ein­drucks­voll geschil­dert, wie die ein­fa­chen Men­schen von der neu­en Bewe­gung wie von einer Flut über­rollt werden:

Es war der Puls, der Tages­rhyth­mus, der aus dem Tritt gekom­men war. Wel­len von Angst und Wel­len von Begeis­te­rung bran­de­ten, eine nach der ande­ren, eine die ande­re aus­trei­bend, über Häu­ser und Bara­cken, so dass das Vier­tel abwech­selnd ver­stumm­te, in Furcht erstarr­te, und dann wie­der Trau­ben von Men­schen aus­spie, die eben noch in den hin­ters­ten Win­keln ihres Zuhau­ses ver­kro­chen gewe­sen; bin­nen weni­ger Stun­den konn­te man die­sel­ben Gesich­ter erst hin­ter mor­schen Fens­tern, ver­gilb­ten Gar­di­nen lau­ern und plötz­lich wie­der auf der Stra­ße in einen flu­ten­den Men­schen­strom ein­ge­hen sehen, doch kurz bevor all die Strö­me zu einem stür­mi­schen Meer hät­ten zusam­men­flie­ßen und in irgend­ei­ne Rich­tung los­bre­chen kön­nen, kipp­te die Stim­mung wie­der um, die Leu­te sto­ben aus­ein­an­der, und die stau­bi­gen Stra­ßen waren leer.

„Selig sind die Barm­her­zi­gen, denn sie wer­den Barm­her­zig­keit erlan­gen“, sagen sich die Wir-Erzäh­ler, die den schwer lädier­ten Kos­ta von der Stra­ße auf­sam­meln und für­sorg­lich nach Hau­se brin­gen, nach­dem sie ihn zuvor sel­ber bewusst­los geschla­gen haben. Die Leid­tra­gen­den, die Sanft­mü­ti­gen und die Fried­fer­ti­gen – sie kön­nen lan­ge auf Gna­de, das Him­mel- oder Erd­reich war­ten, solan­ge Emil Stre­zov und sei­nes­glei­chen an der Macht sind. Das zeigt uns Angel Igovs Roman mit bit­ter­bö­sem Humor. Andre­as Tret­ner ist es zu ver­dan­ken, dass die­se Bot­schaft auch im Deut­schen ein­drück­lich rüber­kommt, denn er über­setzt sprach­spie­le­ri­sche Ele­men­te, Regis­ter­wech­sel und kom­ple­xe Bil­der mit einer läs­si­gen Vir­tuo­si­tät, die ihres­glei­chen sucht.

Lieb­lings­satz

Um Ehr­lich­keit zu wah­ren, müss­te die­ser Bericht sich dre­hen und win­den, mal ein Stück die stau­bi­gen Stra­ßen ent­lang­flit­zen, mal quer über die Dächer sprin­gen, so wie wir es taten, und manch­mal müss­te er sich auch gegen sich sel­ber wenden.

Zwei Fra­gen an den Nominierten

Was macht das Buch aus?
Andre­as Tret­ner: Ein klei­nes Buch, das ein gro­ßes The­ma angeht: die soge­nann­ten Volks­ge­rich­te 1944/45 in Bul­ga­ri­en, wo angeb­lich das Volk über die frü­he­ren Macht­ha­ber rich­tet, in Wahr­heit aber ein dik­ta­to­ri­sches Regime sich in den Sat­tel schwingt und alle Kon­kur­ren­ten aus­merzt. Der Autor fand hier­für den genia­len Dreh, einen kol­lek­ti­ven Erzäh­ler zu wäh­len, der die­ses Volk tat­säch­lich reprä­sen­tiert. Die Cli­que hat im Sofio­ter Vier­tel Juč­bu­nar das Sagen, wel­ches ein proletarisch/subproletarischer Schmelz­tie­gel mit sehr eige­nen Geset­zen war. Sie sind die „Che­cker“ im Vier­tel und daher das, was ein lite­ra­ri­scher Erzäh­ler zu sein hat: näm­lich all­wis­send. Jeden­falls tun sie so, machen sprach­lich und men­tal eine Men­ge her. Man folgt ihren Tira­den gern, auch wenn man ihnen nicht immer ganz traut. Zumal die Selbst­ge­wiss­heit im Lau­fe des Buches flö­ten geht, die wil­de Gang wird spür­bar domes­ti­ziert. Also krie­gen wir erzählt, wie das Volk die Macht über­nimmt, und bekom­men zugleich mit, wie es in Wahr­heit ent­mach­tet wird.

Was haben Sie beim Über­set­zen gelernt?
Zum einen: dass man in Pro­sa wie­der­ge­ge­be­ne Dia­lo­ge so „insze­nie­ren“ kann, dass An- und Abfüh­run­gen und sons­ti­ge Hilfs­zei­chen ent­behr­lich wer­den. Dar­aus ergibt sich eine sehr inten­si­ve und dyna­mi­sche, moder­ne Erzähl­wei­se. Igov führt es im Bul­ga­ri­schen vor; ich hat­te nicht gleich gedacht, dass das im Deut­schen auch zu machen geht. Wit­zi­ger­wei­se kön­nen sich Autor und Über­set­zer dabei unter­schied­li­cher Verb­mo­di bedie­nen, die es in der je ande­ren Spra­che nicht gibt: Ren­ar­ra­tiv hie, Kon­junk­tiv der indi­rek­ten Rede da. Eins durchs ande­re zu erset­zen reich­te aber bei wei­tem nicht aus. – Und zum ande­ren: dass man schlech­te Gedich­te, wie sie der Autor sei­nen Figu­ren unter­schiebt, beson­ders gut über­set­zen muss!

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.


Angel Igov/Andreas Tret­ner: Die Sanft­mü­ti­gen (Im bul­ga­ri­schen Ori­gi­nal: Kpomkume)

eta Ver­lag 2019 ⋅ 216 Sei­ten ⋅ 17,90 Euro

www.eta-verlag.de/produkt/die-sanftmuetigen/

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