Das Wun­der, die rich­ti­gen Wor­te zu finden

Elke Erb ist nicht nur Lyrikerin, sondern auch eine begnadete Übersetzerin. Ihre bislang unveröffentlichte Übersetzung von Oleg Jurjews Gedicht „Sabalodskijs Ballade“ zeigt die hohe Dichtkunst der diesjährigen Georg-Büchner-Preisträgerin. Von

Die preisgekrönte Dichterin, Autorin und Übersetzerin Elke Erb 2013 in Berlin (Quelle: imago images)

Ich wer­fe mich z.B. mit dem Gedicht von Aron­son aufs Bett und stöh­ne: „Es geht nicht. Es geht über­haupt nicht“. Und auf ein­mal dreht es sich und dreht es sich. Du musst irgend­et­was machen, was dich hin­ter dei­ne eige­ne funk­tio­nie­ren­de Per­son bringt. Auf ein­mal kommt da viel mehr als du geahnt hast. Gut ist auch Zorn, gut ist auch eine tota­le tum­be Ver­ges­sen­heit, Ver­dros­sen­heit. Das sind alles Jen­seits-Zustän­de, die nicht die­ses pro­pe­re Kön­nen haben müs­sen, das aber DANN kommt. Und nach­her ist es wie durch ein Wunder.

Das sagt Elke Erb in einem auch sonst sehr span­nen­den Gespräch mit Karol Sauer­land. Der rus­si­sche Dich­ter Leo­nid Aron­son (1939–1970) ist tat­säch­lich eine Her­aus­for­de­rung: Sei­ne Tex­te sind vol­ler Wör­ter wie „schön“, „lie­ben“ „Qual“, „Trau­er“, „wei­nen“, glück­lich“, also Ele­men­te, die eher an Kitsch als an moder­ne Poe­sie den­ken las­sen, sind aber kühn und eigen­ar­tig und bewusst pro­vo­ka­tiv. Was macht man als Über­set­zer? Gibt es fes­te Rezep­te? Natür­lich nicht. Das ist jedes­mal ein Aben­teu­er. Ein­mal spra­chen Elke Erb, Oleg Jur­jew und ich über die Pro­ble­me der Über­set­zung. Ich bewun­de­re in die­sem Gespräch die Lösung für einen Aus­druck bei Aron­son: Da steht ein­fach дева молодая (wört­lich „jun­ge Jung­frau“). Was macht man damit? Was eine Spra­che dul­det, funk­tio­niert in der ande­ren nicht unbe­dingt. Elke Erbs Lösung: Jung­fräu­li­ches Weib. So eine Leich­tig­keit ist meis­tens das Resul­tat einer gro­ßen Anstren­gung, auch der Ver­zweif­lung. Man muss sehr hart­nä­ckig sein, um auf eine Lösung zu war­ten und sich nicht mit einem Kom­pro­miss zufriedenzugeben.

Über ihre Begeg­nung mit Aron­sons Gedich­ten sag­te Elke im sel­ben Gespräch: „Ich ver­stand sie nicht völ­lig, was das Rus­si­sche betrifft, aber sie wirk­ten sofort auf mich, womit? Intui­tiv? Unter­schwel­lig?“ Als Autor kann man den Ver­stand abschal­ten. Als Über­set­zer? Nie­mals wird so gründ­lich gele­sen wie beim Über­set­zen. Lesen kann man ein Gedicht intui­tiv. Aber intui­tiv über­set­zen? Kann man über­set­zen, wenn nicht alle Zusam­men­hän­ge nach­voll­zieh­bar sind? Ande­rer­seits: Sind jemals alle Zusam­men­hän­ge in einem Gedicht nach­voll­zieh­bar? Gibt es ein ernst­zu­neh­men­des Gedicht, das einer Ana­ly­se völ­lig zugäng­lich ist? Bestimmt nicht.

Es gibt ver­schie­de­ne über­set­ze­ri­sche Regeln, Tricks und Ver­fah­ren. Das Hand­werk ist genau­so not­wen­dig wie die Zeit, die man inves­tiert, und das Wun­der, von dem Elke Erb im zitier­ten Gespräch erzählt.

Zu allen theo­re­ti­schen Fra­gen der Über­tra­gung eines Gedich­tes gehört unbe­dingt die­se: was wir als Ergeb­nis haben wol­len. Ein Gedicht? Eine Vor­stel­lung von die­sem Gedicht? Einen Kom­men­tar zum Gedicht? Eine kor­rek­te Befol­gung des Reim­sche­mas? Ich den­ke, es kann unter­schied­li­che Ant­wor­ten geben, und für ver­schie­de­ne Zwe­cke braucht man ver­schie­de­ne Lösun­gen. Aber wenn man Gedich­te über­setzt und sel­ber Dich­ter ist, den­ke ich, ist die Prio­ri­tät: ein Gedicht als Ergeb­nis. Als Oleg Jur­jew und ich mit unse­ren Über­set­zer-Kol­le­gen die­se Pro­ble­ma­tik bespra­chen, frag­te er ein­mal: „Was wol­len wir errei­chen, wenn wir einen leben­di­gen Löwen über­set­zen? Das Phä­no­men ‚Löwe‘ oder das Phä­no­men ‚Leben‘? Wol­len wir lie­ber einen leben­di­gen Hund prä­sen­tie­ren oder einen toten Löwen?“ Elke Erbs Über­set­zun­gen geben das Phä­no­men „Leben“ wie­der. Jedes Gedicht in ihrer Über­set­zung ist in ers­ter Linie ein Gedicht, erst dann hat es ande­re Funk­tio­nen: Wie­der­ga­be des Inhal­tes, der for­ma­len Struk­tur oder der lite­ra­tur­ge­schicht­li­chen Position.

Elke Erb und ich haben vie­le Tex­te zusam­men über­setzt, und dabei hat­te ich oft die Gele­gen­heit, zu beob­ach­ten, wie sie arbei­tet: Sie gibt nie auf, solan­ge die ein­zig mög­li­che Lösung nicht gefun­den ist. Oft sag­te sie, nach­dem sie eine Text­stel­le, über die wir uns tage­lang aus­ge­tauscht hat­ten, end­lich gezwun­gen hat­te, so zu sein, wie sie es haben woll­te: „Man muss sich das mer­ken. Man will immer von uns, dass wir erklä­ren, wie wir arbei­ten. Aber man ver­gisst dann die gan­ze Qual. Es bleibt nur die Lösung.“

Das stimmt. Auch jetzt habe ich ihre Über­set­zung eines unüber­setz­ba­ren Gedich­tes vor mir und über­le­ge mir, wie ich das Wun­der erkläre.

***

Nach Oleg Jur­jews Tod sag­te Elke Erb, sie wol­le sei­ne Gedich­te über­set­zen. Das war ihr spon­tan geäu­ßer­tes Bedürf­nis nach einem wür­di­gen Abschied von einem Freund, das war ihre Art, einen Trau­er­kranz zu schi­cken. Wir haben eini­ge Gedich­te aus dem letz­ten, post­hum erschie­ne­nen Buch aus­ge­wählt. Dar­un­ter Saba­lods­kijs Bal­la­de, einen eigent­lich unüber­setz­ba­ren Text. Und ja, das Wun­der ist wie­der geschehen.

Das Gedicht im rus­si­schen Ori­gi­nal und in Elke Erbs Übersetzung

Ich ver­su­che, eini­ge Schwie­rig­kei­ten zu zei­gen, die mei­nes Erach­tens von Elke Erb mit Bra­vour gelöst wur­den. Wich­tig ist: Auch auf Rus­sisch ist das Gedicht nicht ohne wei­te­res „ver­ständ­lich“. Um Gedich­te lesen zu kön­nen, braucht man kei­ne Kom­men­ta­re. Aber es gibt Leser, mich zum Bei­spiel, die Kom­men­ta­re lie­ben. Viel­leicht kann man sie mit Restau­rant­be­su­chern ver­glei­chen, die ger­ne wis­sen wür­den, wie ein Gericht zube­rei­tet wird. Und viel­leicht ist es, wenn es um hohe Koch­kunst geht, auch unmög­lich, alles zu begrei­fen, was ein Koch geleis­tet hat. Ich hof­fe, dass der fol­gen­de Ver­such einer Ana­ly­se einen Blick in Elke Erbs über­set­ze­ri­sche Küche ermög­licht. Er basiert auf dem Kom­men­tar, den der Peters­bur­ger Lyri­ker Vale­ry Schubin­sky und ich für eine kom­men­tier­te Aus­ga­be von Oleg Jur­jews Gedich­ten ver­fasst haben.

Die Schwie­rig­kei­ten begin­nen schon beim Titel: Saba­lods­kijs Bal­la­de. Niko­lai Sabo­lozki (1903–1958), wie man sei­nen Namen auf Deutsch meist schreibt, war ein bedeu­ten­der Dich­ter, der im Kreis von Daniil Charms ange­fan­gen hat. Sei­ne eigen­ar­ti­gen, selt­sa­men Gedich­te pass­ten gut in die Ästhe­tik des Absur­den hin­ein, in der die „Oberiu­ten“ gear­bei­tet haben. Er war der ein­zi­ge Dich­ter aus die­sem Freun­des­kreis, der die Jah­re des sta­li­nis­ti­schen Ter­rors und des Zwei­ten Welt­kriegs über­leb­te. Sei­ne spä­ten Gedich­te sind anders, in der von sowje­ti­schen Schrift­stel­lern ver­lang­ten Ein­fach­heit gehalten.

Der Name in der Über­schrift ist wohl­ge­merkt auch im rus­si­schen Ori­gi­nal nicht kor­rekt geschrie­ben, son­dern laut­schrift­lich, was selt­sam und befremd­lich wirkt. Falls ein deut­scher Leser den Namen Sabo­lozki kennt, wird ihm gleich ein Zei­chen gege­ben, dass das Gedicht mit ver­schie­de­nen Schich­ten der Rea­li­täts­wahr­neh­mung spielt. Das Wort „Bal­la­de“ taucht auf, weil es ein Gedicht von Sabo­lozki gibt, das Schu­kow­skis Bal­la­de heißt und Anspie­lun­gen auf das Werk von Was­si­li Schu­kow­ski (1783–1852) ent­hält, über den Oleg Jur­jew ein­mal in sei­ner Kolum­ne im Tages­spie­gel schrieb: „Er gilt als der Begrün­der der rus­si­schen Roman­tik und als Leh­rer Pusch­kins, was in der rus­si­schen Zivi­li­sa­ti­on unge­fähr der Rol­le der Got­tes­mut­ter entspricht.“

In Saba­lods­kijs Bal­la­de wird sowohl mit Sabo­lozkis als auch mit Schu­kow­skis Meta­pho­rik gear­bei­tet. Stro­phe 1 hebt mit einer Nacht­land­schaft an, die in ihrer Selt­sam­keit an Sabo­lozki erin­nert, aber in ihrer Länd­lich­keit ziem­lich zeit­los anmutet:

1.
речка — рейчатый топчан
лес — копейчатый колчан
церковь — луковки д‑луковки да-репчатыя́
а над нею по ночам
óблака стальной кочан
сени тём над берегом д‑решетчатыя́
1.
der Fluß – eine Holzbrettpritsche
der Wald – ein Köcher aus Lanzen
die Kir­che – Zwiebeltürmchen
und nachts über sie
der Wol­ke stäh­ler­ner Krautkopf
und über dem Ufer Die­len aus Dun­kel­hei­ten vergittert

… eine trü­ge­ri­sche Ruhe vor dem Sturm der Strophe

1а.
ни бог ни царь ни вол ни волк
ни коц ни поц нам не подмога
чадит в талерке ярый воск
вдыхает месяц однорого
невинна как стакан вина
вздыхает девушка одна
1a.
nicht Gott nicht Zar nicht Ochs nicht Wolf
nicht Kotz nicht Potz sind uns Hilfe
im Lämp­chen qualmt glü­hen­des Wachs
ein­hör­nig säuft der Mond
ein Mäd­chen seufzt allein
unschul­dig wie ein Glas Wein

Am Anfang steht ein Zitat aus der Inter­na­tio­na­len, das gleich bis zur Unkennt­lich­keit ent­stellt wird: „nicht Gott nicht Zar nicht Ochs nicht Wolf / nicht Kotz nicht Potz sind uns Hil­fe”. Ent­spre­chend ist es rich­tig, dass die­ses Zitat auch auf Deutsch nicht gleich ins Auge springt. Elke Erb baut in ihrer Über­set­zung einen eben­so gro­ßen Abstand zum deut­schen Text der Inter­na­tio­na­len auf wie Oleg Jur­jews Gedicht zur rus­si­schen Ver­si­on. Zur Erin­ne­rung die Stel­le aus der Inter­na­tio­na­len: „Es ret­tet uns kein höh’­res Wesen, / kein Gott, kein Kai­ser noch Tri­bun“ (Übers. von Emil Luck­hardt (1880–1914)). Was in bei­den Fäl­len für alle nor­ma­len Leser ver­lo­ren geht: Kotz hieß der Über­set­zer, der das Kampf­lied ins Rus­si­sche über­tra­gen hat. Braucht man die­ses Wis­sen als Leser? Eigent­lich nicht. Die Ver­se eines Gedichts funk­tio­nie­ren auf einer ande­ren Ebe­ne als der des ratio­na­len Ver­ständ­nis­ses. Was macht man als Über­set­zer? Am bes­ten sorgt man ein­fach dafür, dass die Ver­se eben­so funk­tio­nie­ren. Und das ist genau das, was Elke Erb immer macht. Gleich nach dem Inter­na­tio­na­le-Zitat ändert sich der Ton abrupt und geht ins Mär­chen­haf­te über. Im Hin­ter­grund sind Schu­kow­skis mär­chen­haf­te Bal­la­den zu hören.

In den nächs­ten Stro­phen wer­den die Bil­der, die in 1 und 1a ange­deu­tet wer­den, wei­ter ent­wi­ckelt, zusam­men­ge­fügt, wie­der aus­ein­an­der gezo­gen. Elke Erb ist nach ihrem übli­chen Prin­zip ein­fach dem Text gefolgt. Aber das ist eben das, was sie als Über­set­ze­rin aus­macht: Die­ses „ein­fach“ wird von der dich­te­ri­schen Intui­ti­on unter­stützt – und von viel Arbeit.

Dass das Gedicht – und das ist auch eine Hom­mage an Sabo­lozki – in einer Traum­lo­gik des Absur­den gehal­ten ist, hebt die Tat­sa­che nicht auf, dass sei­ne rei­che Bild­lich­keit und die Dich­te sei­ner Anspie­lun­gen, die über­ein­an­der geschich­tet wer­den und inein­an­der­grei­fen, von einer sehr kla­ren, aber für den Leser unsicht­ba­ren Logik vom ers­ten Vers bis zum letz­ten geführt wer­den. Die Über­set­zung behält die­se Dich­te und die­sen Reich­tum bei, auch die­se Logik. Dabei ist es kei­ne „erklä­ren­de“ Über­set­zung, was auch ein mög­li­ches Ver­fah­ren ist, bei dem aber das Phä­no­men „Löwe“ und nicht das Phä­no­men „Leben“ über­mit­telt wird.

Zwi­schen einem Gedicht, wie es im Kopf sei­nes Autors ent­steht, und die­sem Gedicht, wie es die­sen Kopf ver­lässt, bleibt immer eine Kluft. Sie sind nie iden­tisch. Zwi­schen dem Ori­gi­nal und der Über­set­zung gibt es einen eben­sol­chen Raum. Alles Wis­sen, das der Über­set­zer über ein Gedicht hat, bleibt in die­sem Raum. Hier noch eini­ge Bei­spie­le, die zei­gen, was in die­sem Raum geblie­ben ist:

2.
вол(к((хв) за рекою бодро ржал
казак еврею подражал
а по бережку д‑ехали да-казаченьки
не царь не бог ну хоть герой
висит надувшись над горой
в носу железные козячинки
2.
Ochs-Wolf-Zau­be­rer wie­her­te munter
der Kosak ahm­te den Juden nach
und das Ufer ent­lang fuh­ren, ja fuh­ren Kosakchen
nicht Zar nicht Gott zur Not ein Held
hängst auf­ge­bla­sen überm Berg
in der Nase eiser­ne Popel

Für „Ochs-Wolf-Zau­be­rer wie­her­te” ste­hen auf Rus­sisch drei Wör­ter inein­an­der ver­schach­telt: вол(к (хв)): also вол (Ochs), волк (Wolf) und волхв (Zau­be­rer). Eine Mög­lich­keit wäre gewe­sen, nach drei deut­schen Wör­tern zu suchen, die genau­so ähn­lich sind und genau­so gut mit­ein­an­der ver­floch­ten wer­den kön­nen. Das hät­te das Spie­le­ri­sche unter­stri­chen, aber die absurd anmu­ten­de Ver­wand­lung, die der am Ende erschei­nen­de Zau­be­rer unter­stützt, wäre ver­lo­ren gegan­gen. Jede Über­set­zung ist eine stän­dig zu tref­fen­de Ent­schei­dung: Was opfern? Das ist eine der Regeln, die ich bei Elke Erb gelernt habe: Manch­mal ist die beschei­dens­te Lösung die eleganteste.

„der Kosak ahm­te den Juden nach” ist ein Zitat aus einem Scherz­ge­dicht von Ossip Man­del­s­tam (1891–1938) über Pawel Was­sil­jew (1909–1937), einen Dich­ter aus Sibi­ri­en, mit dem Man­del­s­tam in den 1930er Jah­ren befreun­det war, des­sen Gedich­te er moch­te und von dem man­che behaup­te­ten, er wür­de Man­del­s­tams Stil nach­ah­men: „Das Pferd miau­te, der Kater wie­her­te – / Der Kosak ahm­te den Juden nach.“ Die­se Anspie­lung erklärt übri­gens das Wort „wie­her­te“ am Anfang der Stro­phe. Zu die­sem Tier­gar­ten gesel­len sich wie­der die Fabel­we­sen aus der Inter­na­tio­na­len: „nicht Zar nicht Gott zur Not ein Held”, die hier den Platz der Wol­ke aus der ers­ten Stro­phe einnehmen.

2а.
а ты не плачь о дева-свет
и не пугайся снами
мы принесем тебе конфет
и чаю с сухарями
а как набуешь башмачок
враз просветлеет басма щек
2a.
du aber wei­ne nicht, Jungfer-Licht
und fürch­te dich nicht zu träumen
wir brin­gen dir auch Bonbons
und Tee mit Zwieback
und ziehst du das Schuh­werk an
wird hell dir das Lin­nen der Wangen

„du aber wei­ne nicht, Jung­fer-Licht / und fürch­te dich nicht zu träu­men” ist wie­der eine Anspie­lung auf Mär­chen, Bal­la­den und den Roman­ti­ker Schu­kow­ski und erin­nert uns damit wie­der an Sabo­lozki, aber auch an ande­re Kin­der­ge­dich­te und an Pusch­kin, der sei­ner­seits mit Schu­kow­skis Moti­ven spielt. In ers­ter Linie han­delt es sich um die von Schu­kow­ski über­setz­te Bal­la­de Leno­re von Gott­fried August Bür­ger und zwei Varia­tio­nen die­ser Bal­la­de, die Schu­kow­ski geschrie­ben hat. Im Ori­gi­nal­ge­dicht und der einen Varia­ti­on (Ljud­mi­la) wird ein Mäd­chen vom toten Bräu­ti­gam ins Reich der Toten ent­führt, in der ande­ren Varia­ti­on (Swet­la­na) ent­puppt sich das ledig­lich als böser Traum. Auf bei­de Varia­tio­nen bezieht sich Pusch­kin in Eugen One­gin, wenn er von Tat­ja­nas Traum erzählt.

3.
забегáл из-за болот
забалодский-забалот
и он все щурится и все он щерится
на подводное щурьё
на небесное чирьё
сам как пухлый гриб-печерица
3.
hin­ter den Sümp­fen her­vor kam Saba­lods­kij gelaufen
und die Augen zusam­men­knei­fend die Zäh­ne bleckend
gegen die­ses Unterwasser-Pack
die­se Himmelspickel
und selbst ist er ein pral­ler Egerling

An die­ser Stel­le kann ich mir sehr gut Elke Erb vor­stel­len, die, wie sie im oben zitier­ten Gespräch beschreibt, „sich aufs Bett wirft und stöhnt: ‚Es geht nicht. Es geht über­haupt nicht‘“, aber doch wei­ter­macht. Sabo­lozki wird zu einem der sich immer ver­wan­deln­den Wesen, Wolf aus den Sümp­fen, Fisch unter Was­ser und am Ende gar ein Pilz.

3a.
и липы на тверской и лупы на мясницкой
и трудовой трамвай стекающий в депо…
есть девушка одна и как бы мне присниться ей
есть денежка москва и я шагаю по
не знай не знай сих страшных снов
нас умоляет иванов
3a.
die Lin­den in der Twer­s­ka­ja, der Mjas­niz­ka­ja Linsenlupen
die arbeit­sa­me Tram, rin­nend in ihr Depot
da gibts ein Mädel, wie könnt ich errei­chen, daß sie von mir träumt
da gibts eine Mos­kau-Mün­ze, ich schrei­te über sie hin
kenn nicht, kenn sol­che Alp­träu­me nicht
fleht lwa­now uns an

Bei „die Lin­den in der Twer­s­ka­ja, der Mjas­niz­ka­ja Lin­sen­lu­pen” ist es wie­der Man­del­s­tam, den das rus­si­sche Ohr als rhyth­mi­sches Zitat wahr­nimmt, was ich in der Über­set­zung als eine rhyth­mi­sche Anspan­nung wahr­neh­me, die, wenn nicht bewusst, dann unbe­wusst auf ein Zitat hin­deu­tet. Ansons­ten ent­spannt sich das Gedicht hier, bekommt einen zar­ten träu­me­ri­schen Ton­fall. Aber nur für kur­ze Zeit. Dann wer­den Schu­kow­ski und Sabo­lozki wie­der zusam­men­ge­führt, wer­den immer unheim­li­cher: „kenn nicht, kenn sol­che Alp­träu­me nicht” ist ein Vers aus einer Bal­la­de Schu­kow­skis, wo alles Schreck­li­che sich als blo­ßer Traum erweist. Aber in die­sem Gedicht ist der Schre­cken real: „fleht lwa­now uns an”. Sabo­lozkis berühm­tes Gedicht von 1928 heißt Die Iwa­nows, und die­se Anspie­lung ver­spricht nichts Gutes.

4.
среди горы неровныя
на длинной высоте
невинныя нескромныя
есть девушки не те
их пальчики д‑бескровныя
засунуты в пальте
4.
zwi­schen den Ber­gen und Bergchen
auf ihrem lan­gen Kamm
gibt es unschul­di­ge unbescheidene
Mäd­chen, doch nicht die rechten
ihre blut­lo­sen Fingerlein
ste­cken in Paletots

In den letz­ten bei­den Stro­phen wird die Stro­phen­paar­struk­tur umge­kehrt: Anders als in den ers­ten drei Tei­len kom­men zuerst Mär­chen, Bal­la­den und Mäd­chen – und dann die absur­den und sur­rea­len Ele­men­te sowje­ti­scher Rea­li­tät, mit Niko­lai Bucha­rin, dem ein­fluss­rei­chen Poli­ti­ker, der vie­le Dich­ter pro­te­gier­te, dar­un­ter Man­del­s­tam, Sabo­lozki und Pawel Was­sil­jew. Bucha­rin selbst wur­de 1937 ver­haf­tet und 1938 als Trotz­kist ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet. Man­del­s­tam starb 1938 im Lager; Was­sil­jew wur­de 1937 erschos­sen; Sabo­lozki war 1938–1944 im Lager.

4a.
и ленин на воде и сталин в птичьем гаме
бухарин засыпающий голавль…
куда летишь яфет не думая о хаме
куда плывешь казак куда бежишь корабль
не спи вставай девица-свет
ах ничего на свете нет
что б совладало с нами
4a.
Lenin auf dem Was­ser Sta­lin im Vogellärm
Bucha­rin – dösen­der Döbel …
wo fliegst du hin, Jafet, Hams nicht gedenkend
wo fährst du hin, Kosak, wohin, Schiff, eilst du da
schlaf nicht steh auf Jungfer-Licht
ach es gibt nichts auf der Welt
das über uns Herr wer­den könnte.

Am Ende mischt sich im Gedicht alles noch ein­mal, die bibli­schen Jafet und Ham kom­men auch dazu (Sim fehlt). Die aller­letz­ten Ver­se lau­ten: „ach es gibt nichts auf der Welt / das über uns Herr wer­den könn­te.” Wer weiß, wie viel Iro­nie, wie viel Ernst in die­sen Ver­sen steckt? Wer sind „wir“? Men­schen? Dich­ter? Lie­ben­de? Wei­nen­de? Lachen­de? Die Bösen? Die Guten?

Ich bewun­de­re Elke Erb dafür, dass sie all die Ambi­va­lenz, die in die­sem Text atmet, bei­be­hal­ten konn­te. In der Tat ein Wun­der: „Und nach­her ist es wie durch ein Wunder.“

Wie über­setzt man das Unüber­setz­ba­re? Man tut es ein­fach. Aber das ist natür­lich leicht gesagt. Denn Wör­ter so im Satz ste­hen zu las­sen, dass jedes sei­nen ein­zig pas­sen­den Platz ein­nimmt, ist eine gro­ße Kunst, die aus dem Zusam­men­wir­ken von Kön­nen, Wil­len und Inspi­ra­ti­on besteht. Über­set­zer behaup­ten oft und zu Recht, dass, wie wich­tig auch die Kennt­nis­se der Aus­gangs­spra­che sind, das Beherr­schen der Ziel­spra­che wich­ti­ger ist. Denn „Gut ist auch Zorn, gut ist auch eine tota­le tum­be Ver­ges­sen­heit, Ver­dros­sen­heit. Das sind alles Jen­seits-Zustän­de, die nicht die­ses pro­pe­re Kön­nen haben müs­sen, das aber DANN kommt.“ All das ist das Rin­gen mit der eige­nen Spra­che. Es gibt nicht vie­le Dich­ter, glau­be ich, die eine so enge, so ver­trau­te Bezie­hung zur eige­nen Spra­che haben wie Elke Erb. Des­halb ist sie auch eine Über­set­ze­rin, von der jeder Autor nur träu­men kann. Ich weiß noch, wie Oleg Jur­jew reagier­te, als wir die ers­te Sei­te von Elke Erbs Über­set­zung sei­ner Pro­sa gele­sen hat­ten. Er sag­te, dass sie nicht die Wör­ter über­setzt, son­dern das, wofür alles geschrie­ben wur­de, dass sie weiß, woher die Wör­ter kom­men und wozu sie gut sind.

Oleg Jur­jew im Gespräch mit Elke Erb. ©Olga Martynova

Elke Erb, geb. 1938, ist eine der wich­tigs­ten zeit­ge­nös­si­schen Dich­te­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen (u. a. von Mari­na Zweta­jewa, Oleg Jur­jew und Olga Mar­ty­n­o­va) und Mit­glied der Aka­de­mie der Küns­te in Ber­lin. Sie erhielt 2019 das Bun­des­ver­dienst­kreuz und wur­de 2020 mit dem Georg-Büch­ner-Preis für ihr Lebens­werk ausgezeichnet.

Oleg Jur­jew (1959–2018), geb. in Lenin­grad, leb­te seit 1991 in Frank­furt am Main. Der deutsch-rus­si­sche Über­set­zer und Autor schrieb Roma­ne (u. a. „Spa­zier­gän­ge unter dem Hohl­mond“, „Der neue Golem oder Der Krieg der Kin­der und Grei­se“ und „Die rus­si­sche Fracht“), Lyrik, Dra­men und Essays. Von 2006 bis 2013 hat­te er im Ber­li­ner Tages­spie­gel sei­ne eige­ne Kolum­ne „Jur­jews Klassiker“.

Olga Mar­ty­n­o­va, geb. 1962 in Sibi­ri­en, auf­ge­wach­sen in Lenin­grad. 1991 zog sie zusam­men mit Oleg Jur­jew nach Deutsch­land. Sie ist Mit­glied des PEN und der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung und wur­de unter ande­rem mit dem Ros­wi­tha-Preis (2011), dem Inge­borg-Bach­mann-Preis (2012) und dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­preis (2015) aus­ge­zeich­net. Zuletzt erschie­nen: „Der Engel­herd“ (Roman, 2016) und „Über die Dumm­heit der Stun­de“ (Essays, 2018).

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