Über­set­zung des Monats: Apo­ka­lyp­ti­sche Variationen

Bis vor wenigen Jahren war der Schriftsteller Antanas Škėma im deutschsprachigen Raum völlig unbekannt. Claudia Sinnigs Übersetzungskunst lässt jedoch keinen Zweifel: Es handelt sich um einen großen Namen der litauischen Literatur. Von

Clau­dia Sin­nig beweist in ihrer Über­set­zung von Apo­ka­lyp­ti­sche Varia­tio­nen ein beson­de­res Gespür für den facet­ten­rei­chen und viel­fäl­ti­gen Erzähl­stil des Autors und über­trägt sei­ne Spra­che so ein­dring­lich wie eindrucksvoll.
Über­set­zung des Monats November
Titel

Apo­ka­lyp­ti­sche Variationen

Autor

Anta­nas Škėma

Über­setzt von

Clau­dia Sinnig

Ori­gi­nal­spra­che

Litau­isch

Ori­gi­nal­ti­tel

Apo­ka­lip­tinės Variacijos

Link zur Verlagsseite

guggolz-verlag.de/apokalyptische-variationen

Wer sich hier­zu­lan­de und heut­zu­ta­ge Infor­ma­tio­nen über das Leben und Werk Anta­nas Škė­mas (1910–1961) beschaf­fen will, wird durch­aus fün­dig, doch beson­ders ergie­big ist das Ergeb­nis der Suche nicht. Im deutsch­spra­chi­gen Raum ist der litaui­sche Schrift­stel­ler weit­ge­hend unbe­kannt und wur­de über­haupt erst 2017, als Litau­en Schwer­punkt­land der Leip­zi­ger Buch­mes­se war, erst­mals ins Deut­sche über­setzt. Es han­del­te sich dabei um Škė­mas ein­zi­gen Roman Das wei­ße Lein­tuch, eben­falls über­setzt von Clau­dia Sin­nig. Dabei gehört Anta­nas Škė­ma zu den inter­es­san­tes­ten Neu­ent­de­ckun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re. Nun, bei­na­he acht­zig Jah­re nach Škė­mas Tod, gibt es ein zwei­tes sei­ner Bücher auf Deutsch zu lesen, eine Samm­lung kur­zer Pro­sa­tex­te, zwi­schen 1929 und 1960 ent­stan­den, erschie­nen unter dem Titel Apo­ka­lyp­ti­sche Varia­tio­nen im Gug­golz Verlag.

Die ein­zel­nen Tex­te in Apo­ka­lyp­ti­sche Varia­tio­nen, oft Erzäh­lun­gen, man­che auch eher Skiz­zen oder Sze­nen, sind ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen ent­nom­men und mög­lichst chro­no­lo­gisch ange­ord­net. Die musi­ka­lisch laut­ma­le­ri­sche Art des Autors, sein Umfeld und Erleb­tes in Wor­te zu fas­sen, zeigt sich bereits in sei­nen frü­hes­ten Wer­ken. Schon bei der ers­ten Geschich­te des damals 19-jäh­ri­gen Autors, „Angst“, gerät man beim Lesen in den Sog der klang­rei­chen Übersetzung.

Dong, Dong, Dong, Dong … hing fei­er­lich in der Luft. Ein Inva­li­den-Orches­ter spiel­te einen trau­ri­gen Wal­zer, die Melo­die ging unter die Haut. Dong, tön­te es zum letz­ten Mal und ver­ging in der lin­den Abend­luft. Die Akkor­de der Musik wur­den ein­dring­li­cher und stren­ger. Hier und da spa­zier­ten Pär­chen umher, glück­lich mit sich und die­sem Abend. Es wur­de dunkel.

Beim Wei­ter­le­sen fol­gen wir Škė­mas immer rhyth­mi­scher wer­den­den Erzäh­lung in der lite­ra­ri­schen Ver­ar­bei­tung des­sen, was prä­gen­de Erleb­nis­se im Leben des Autors gewe­sen sein müs­sen. Stel­len­wei­se ist die­se Ver­ar­bei­tung auf bei­nah absur­de Art trau­rig. Der Autor selbst spricht in einem Zei­tungs­ar­ti­kel anläss­lich sei­nes 40. Geburts­tags, der eben­falls im Buch ent­hal­ten ist, von einer „Par­al­le­li­tät von Gro­tes­ke und Tra­gö­die“. Und den­noch sind vor allem sei­ne Beschrei­bun­gen und Schil­de­run­gen der Umge­bung oft ein­fach unglaub­lich schön.

Viel­leicht ver­schenkt ja die­ser gebeug­te Rie­se mit dem ris­si­gen, brö­ckeln­den Rücken ein ver­ges­se­nes Geheim­nis, viel­leicht wird sich in jenen baro­cken Gir­lan­den aus Blu­men und Blät­tern eine Pro­phe­zei­ung erfül­len, viel­leicht wirst du in der kal­ten, trü­ben, in ihrer ewi­gen Stil­le furcht­erre­gen­den Kir­che nach lan­gem War­ten end­lich sehen, wie der schreck­li­che Hei­li­ge vom Sockel steigt und mit schwe­ren, stei­ner­nen Schrit­ten das Gewöl­be erschüt­tert wie der Kom­tur im Don Gio­van­ni, und dir gleich einen zent­ner­schwe­ren Schmet­ter­ling auf die Schul­tern legen und ein Wort aus­spre­chen, ein bedrü­cken­des Wort, das die schwar­zen Gewöl­be erbe­ben und die ver­ros­te­te Orgel Töne der Ver­gel­tung posau­nen lässt. So leicht, so unver­meid­lich war es, sich im alten Vil­ni­us zu verirren.

Bei solch prä­zi­sen Beschrei­bun­gen wird es beim Über­set­zen oft kniff­lig. Auf die Fra­ge, ob das Litaui­sche eine kom­pli­zier­te Spra­che sei und beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen an deut­sche Über­set­zer stel­le, ant­wor­tet Clau­dia Sin­nig in einem Inter­view des Bör­sen­blatts: „[…] es ist eine unge­heu­re for­men­rei­che, dif­fe­ren­zier­te Spra­che, das macht jede Über­set­zung her­aus­for­dernd.“ Auch ohne Kennt­nis des Litaui­schen ist die­se Dif­fe­ren­ziert­heit im deut­schen Buch erkenn­bar. Die Prä­zi­si­on der Spra­che hat die Über­set­ze­rin mit einem beson­de­ren Gespür für fei­ne Bedeu­tungs­nu­an­cen übertragen.

Vor allem Erzähl­tech­ni­ken, die an einen Bewusst­seins­strom oder stream of con­scious­ness erin­nern, bei der Sät­ze oft nur asso­zia­tiv zusam­men­hän­gen und nur lose durch drei Punk­te ver­bun­den anein­an­der­ge­reiht wer­den, machen die Schil­de­run­gen unmit­tel­bar und ein­dring­lich. Wäh­rend die frü­he­ren Geschich­ten stel­len­wei­se (und da kön­nen ein­zel­ne Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen das Züng­lein an der Waa­ge sein) ele­gant an Kli­schees vor­bei­schram­men, wer­den sie mit zuneh­men­der Lebens­er­fah­rung des Autors immer dich­ter und und asso­zia­ti­ver. Beson­ders auf­fäl­lig ist dies, wenn Anta­nas Škė­ma bestimm­te Moti­ve und Sym­bo­li­ken immer wie­der auf­greift, die­se aber im Lau­fe der Jah­re und somit des Buches unter­schied­lich ver­ar­bei­tet. So etwa beim Stern-Motiv:

Tie­fe Ruhe erfüllt dein Zim­mer, und auf dei­nen Armen liegt der Abglanz der Ster­ne. Die Ster­ne ste­hen hoch am Him­mel, ihre himm­li­schen, suchen­den Strah­len brin­gen Selig­keit. Aber als sie dei­ne ohn­mäch­ti­gen Arme fan­den, bist du erschau­ert. Der win­zi­ge Mus­kel an dei­nem lin­ken Augen­lid zuckt jetzt noch. War­um? Die Ster­ne ste­hen so hoch am Him­mel, und das Licht des Him­mels ist so segensreich.

In die­sem ers­ten Bei­spiel aus einer der frü­he­ren Erzäh­lun­gen lie­gen die Ster­ne, bezie­hungs­wei­se ihr Abglanz, im über­tra­ge­nen Sin­ne auf den Armen der Per­son, doch das Bild ist ein­deu­tig und nicht weit her­ge­holt, um nicht zu sagen ein Gemein­platz. Ein Ver­gleich mit dem Motiv in einer spä­te­ren Erzäh­lung gegen Ende des Buches, ver­fasst von einem Autor mit mehr Schrift­stel­ler- und Lebens­er­fah­rung, zeigt sei­ne sti­lis­ti­sche Entwicklung:

Der schwar­ze Rabe von Edgar All­an Poe flat­ter­te um ihn her­um und fauch­te immer nur das eine ein­zi­ge Wort [nim­mer­mehr]. Vom Him­mel stie­gen die Ster­ne her­ab. Und sie ver­blass­ten beim Näher­kom­men. Die ver­lö­schen­den Son­nen schla­cker­ten wie rohes Eigelb über sei­nem Kopf.

Die Stim­mung in den bei­den Sze­nen ist eine völ­lig ande­re und sie ste­hen natür­lich in unter­schied­li­chen Kon­tex­ten, doch die im zwei­ten Bei­spiel vom Him­mel her­ab­stei­gen­den Ster­ne, die ver­lö­schen wie rohes Eigelb, zei­gen eine wesent­lich kom­ple­xe­re Meta­pho­rik. Dies ist nur ein Bei­spiel von vie­len, das zeigt, wie sich Škė­ma als Mensch und Künst­ler im Lau­fe sei­nes Lebens ent­wi­ckelt hat. Clau­dia Sin­nig war bei die­sem Pro­zess nicht dabei. Doch allein die Tat­sa­che, dass man ihn am deut­schen Text so ein­drucks­voll nach­ver­fol­gen kann, zeugt von ihrem tie­fen Ver­ständ­nis von Škė­ma und sei­nem schrift­stel­le­ri­schen Gesamtwerk.

Als wei­te­res Motiv zie­hen sich Klän­ge wie ein roter Faden durch die Über­set­zung und berei­chern die Geschich­ten mit einer Hin­ter­grund­mu­sik. Stimm­la­gen ein­zel­ner Cha­rak­te­re wer­den genau beschrie­ben, mal spricht ein Tenor, mal ein Bass, mal fliegt Stra­win­skys Feu­er­vo­gel durch die Luft, in einer ande­ren Sze­ne erstirbt Bachs Orgel­klang, die Win­de bla­sen meta­pho­risch ihre Trom­pe­ten. Auch Stil­le und Schwei­gen sind all­ge­gen­wär­tig und wer­den als Kon­tras­te her­vor­ge­ho­ben. Am Schluss häm­mert nur noch die Celes­ta, „Dang ding ding dang“.  Die­se laut­ma­le­ri­schen Aus­drü­cke sind sowohl klang­lich, rhyth­misch als auch visu­ell, was das Schrift­bild betrifft, beson­ders auf­fäl­lig. All die­se Aspek­te soll­te auch die deut­sche Über­set­zung auf­zei­gen, was nicht immer leicht ist, in die­sem Fall aber wun­der­bar gelingt.

Die The­men der ein­zel­nen Geschich­ten spie­geln die Bio­gra­phie des Autors wider. In einer Art Ein­lei­tung zu einer Samm­lung meh­re­rer zusam­men­hän­gen­der Erzäh­lun­gen schreibt er selbst:

Bei­de Wel­ten sind unwirk­lich: sowohl die rea­le als auch die von mir erschaf­fe­ne. In der wirk­li­chen Welt wür­den bei­de ineins verschmelzen.

Anta­nas Škė­mas Lebens­lauf ist, wenn auch für einen litaui­schen Schrift­stel­ler nicht unbe­dingt außer­ge­wöhn­lich, in vie­ler­lei Hin­sicht beson­ders und auf­grund äuße­rer Umstän­de von Anfang an inter­na­tio­nal geprägt. Er wird 1910 im pol­ni­schen Łodź gebo­ren, zu jener Zeit Teil des Rus­si­schen Reichs, wächst in Russ­land, der Ukrai­ne und Litau­en auf, flieht als jun­ger Erwach­se­ner vor der sowje­ti­schen Besat­zung nach Deutsch­land und emi­griert 1949 schließ­lich in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo er sich in Chi­ca­go und New York nie­der­lässt. 1961 stirbt er bei einem Auto­un­fall in Penn­syl­va­nia. Sei­nen Lebens­un­ter­halt ver­dien­te er sich in diver­sen Zünf­ten, ursprüng­lich stu­dier­te er Medi­zin und Jura, arbei­te­te in den 30er Jah­ren als Schau­spie­ler und Thea­ter­re­gis­seur und in den USA auch als Fabrik­ar­bei­ter und Liftboy.

Die Samm­lung der über Jah­re hin­weg ent­stan­de­nen Wer­ke wird durch die­se viel­fäl­ti­gen Lebens­er­fah­run­gen getra­gen. Die ein­zel­nen Geschich­ten ste­hen prin­zi­pi­ell für sich, doch bestimm­te Über­set­zungs- und Ver­lags­ent­schei­dun­gen ver­lei­ten dazu, sie im Kon­text der Bio­gra­phie ihres Autors zu lesen. Letzt­end­lich erleich­tern Glos­sar, aus­führ­li­che Anmer­kun­gen und Nach­wort in gewis­ser Wei­se die Arbeit der Über­set­ze­rin, denn es ist eine Mög­lich­keit, Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen zu erklä­ren und zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen zu ver­mit­teln. Vor allem aber kann dar­in his­to­ri­scher Kon­text wie­der­ge­ge­ben wer­den, in des­sen Recher­che Clau­dia Sin­nig offen­sicht­lich viel Arbeit und Mühe gelegt hat.

Der letz­te Abschnitt, der in sei­ner emo­tio­na­len Wir­kungs­kraft kaum über­trof­fen wird, endet mit vier kur­zen Sät­zen: „Sie trägt ein blau­es Jäck­chen. Mei­ne sechs­jäh­ri­ge Madon­na. Sie wird den Sohn gebä­ren, der noch trau­ri­ger ist als sie selbst. Dang ding ding dang – häm­mert die Celes­ta.“ Eigent­lich müss­ten sie erst sacken, doch das Buch endet nicht hier. Unmit­tel­bar folgt ein letz­tes Fund­stück mit dem Titel „Anta­nas Škė­ma wird 40“. Die­se letz­te „Geschich­te“, mehr auto­bio­gra­phi­sches Essay als Erzäh­lung und ursprüng­lich als Zei­tungs­ar­ti­kel erschie­nen, bestä­tigt die Annah­me, die beim Lesen immer wie­der auf­kommt: Anta­nas Škė­ma hat­te es in sei­nem Leben nicht leicht. Auch wenn der Text wie ein Nach­trag wirkt, der sich von den Erzäh­lun­gen abhebt, ver­voll­stän­digt er das Bild eines Schrift­stel­lers, der in die­sem Band sein Leben in Wor­te fasst und dar­aus fik­ti­ve Geschich­te strickt.

Letzt­end­lich am beein­dru­ckends­ten ist Škė­mas Gabe, unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven und Foka­li­sie­run­gen zu ver­mit­teln. Sei es die per­so­ni­fi­zier­te „Stil­le der Nacht“, die aus der ers­ten Per­son erzählt, oder eine Geschich­te aus der Per­spek­ti­ve des Winds, der um sei­ne Freun­din, eine ver­stor­be­ne Bir­ke, trau­ert. Hin­zu kom­men Geschich­ten aus dem Blick­win­kel von Kin­dern sowie von Erwach­se­nen, von Opfern und Tätern. Jede Per­spek­ti­ve zeich­net ein eige­nes Bild und ist beson­ders effek­tiv, weil die Über­set­zung für jede den pas­sen­den Ton fin­det. Die Stil­le der Nacht spricht sanft und ein­fühl­sam („Beru­hi­ge dich, ruh dich aus, ich ste­he dir bei, ich bin die Stil­le der Nacht.“), Sasch­ka, Mit­ka und der klei­ne Mar­tin spre­chen, wie nur Kin­der in unschul­di­ger Grau­sam­keit spre­chen („Ich schlit­ze ihm den Bauch auf, und sei­ne Där­me fal­len raus.“ „Du bist dumm! Die Augen müs­sen ihm aus­ge­ris­sen wer­den.“ „Ich rei­ße sei­ne Zun­ge raus und nag­le sie ihm an die Stirn.“ „Du bist dumm! Zuerst müs­sen ihm die Augen aus­ge­ris­sen  werden.“).

Apo­ka­lyp­ti­sche Varia­tio­nen gehört zu den Büchern aus „klei­nen“ Spra­chen, die zwi­schen domi­nan­te­ren Spra­chen am Bücher­markt manch­mal unter­zu­ge­hen dro­hen, jedoch mit her­aus­ra­gen­der über­set­ze­ri­scher Leis­tung glän­zen. Clau­dia Sin­nig ver­mit­telt deutsch­spra­chi­gen Lese­rin­nen und Lesern ein Stück litaui­scher Lite­ra­tur­ge­schich­te in all sei­ner sti­lis­ti­schen Viel­falt und sprach­li­chen Prä­zi­si­on. Jede Erzäh­lung ist ein Erleb­nis und trotz oft tra­gi­scher und trau­ri­ger Inhal­te berei­tet die wort­ge­wand­te Ver­ar­bei­tung auf jeder Sei­te Freude.

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.

Drei Fra­gen an Clau­dia Sinnig

Anta­nas Škė­ma gilt als einer der gro­ßen Namen der litaui­schen Lite­ra­tur. Was zeich­net ihn als Schrift­stel­ler aus?

Škė­ma kam ja als erfah­re­ner, bekann­ter Schau­spie­ler (auf Litau­ens wich­tigs­ten Büh­nen in den 1930er und 1940er Jah­ren) zur Lite­ra­tur. Des­halb war er sich des Gewichts und der Wir­kung des sprach­li­chen Klangs hoch­gra­dig bewusst, und zwar nicht nur von Into­na­ti­on und Melo­die: Einer sei­ner Weg­be­glei­ter sag­te ein­mal, sinn­ge­mäß, es wür­de sich ver­mut­lich in Škė­mas Gesamt­werk kei­ne ein­zi­ge Stel­le fin­den, an der zwei benach­bar­te Wör­ter mit dem­sel­ben Kon­so­nan­ten beginnen.

Die­se Sen­si­bli­tät und Sorg­falt im Umgang mit der Spra­che hat gewiß auch damit etwas zu tun, dass Škė­ma von früh an poly­glott gewe­sen ist. Er war ja in einem litau­isch-pol­ni­schen Eltern­haus auf­ge­wach­sen, zunächst im damals zum rus­si­schen Reich gehö­ri­gen Polen und hat dann (im Ers­ten Welt­krieg und im rus­si­schen Bür­ger­krieg), also schon als Klein­kind, in Russ­land und in der Ukrai­ne gelebt. Sei­ne Zeit­ge­nos­sen sagen, er habe lebens­lang (immer­hin: als Schau­spie­ler und Lite­rat!) Litau­isch mit deut­li­chem sla­wi­schem Akzent gespro­chen. Zudem hat Škė­ma einen Groß­teil auch sei­nes spä­te­ren, „eigent­li­chen“ Schrift­stel­ler­le­bens im Exil, also im fremd­spra­chi­gen Aus­land ver­bracht: von 1944 bis 1949 in Deutsch­land und in den USA. (In die­ser Hin­sicht, also der selbst­ver­ständ­li­chen und dann auch erzwun­ge­nen Mehr­spra­chig­keit, war er zu sei­ner Zeit bei Wei­tem nicht allein, sowohl unter den Lite­ra­ten als auch unter den Men­schen in Ost­mit­tel­eu­ro­pa insgesamt.)

Hin­zu kommt Škė­mas nicht min­der aus­ge­präg­tes, recht außer­ge­wöhn­li­ches Inter­es­se an der lite­ra­ri­schen Form. Als ange­hen­der Schrift­stel­ler hat­te er sich den in die­ser Hin­sicht wohl strengs­ten, anspruchs­volls­ten Men­tor gesucht, den die litaui­sche Lite­ra­tur zu sei­ner Zeit (und wahr­schein­lich über­haupt) zu bie­ten hat­te: den Lyri­ker Hen­ri­kas Rad­aus­kas (1910–1975), einen Anhän­ger des rus­si­schen Akmeis­mus, des­sen Ver­se von einer unüber­trof­fe­nen, gera­de­zu legen­dä­ren kris­tal­li­nen Prä­zi­si­on und Schön­heit sind. Und Rad­aus­kas, rigo­ro­ser Poeta doc­tus und kau­zi­ger Eigen­bröt­ler, hat sich (was an ein Wun­der grenz­te und einem Rit­ter­schlag gleich­kam) des Debü­tan­ten ange­nom­men und des­sen ers­ten Jah­re als Lite­rat beglei­tet – als Gesprächs­part­ner, als pedan­ti­scher ers­ter Leser, als kri­ti­scher und zugleich wohl­wol­len­der Rezensent.

Eines sol­chen star­ken for­mel­len Halts oder Kor­setts hat Škė­ma wohl auch bedurft, denn die bei­den offen­kun­digs­ten Beson­der­hei­ten sei­nes Schaf­fens bestehen ja einer­seits in einer unglaub­lich viel­ge­stal­ten, ja wider­sprüch­li­chen Lei­den­schaft, in einem unbe­ding­ten, unduld­sa­men und auf­rich­ti­gen Mit­tei­lungs­be­dürf­nis von Trau­ma­ti­schem, Tabui­ser­tem und Exzen­tri­schem und, ande­rer­seits, in der eben­so küh­nen wie not­wen­di­gen, eben­so radi­ka­len wie plau­si­blen Moder­ni­sie­rung sei­ner eige­nen und damit auch der litaui­schen Prosa.

Kurz: Die Beson­der­heit von Škė­mas Schaf­fen besteht mei­nes Erach­tens in einer extre­men, für ihn selbst, sein Umfeld und auch die Leser­schaft scho­nungs­lo­sen und des­halb oft schmerz­haf­ten Auf­rich­tig­keit – sprach­lich, for­mell und inhaltlich.

Was waren beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen beim Über­set­zen sei­ner Apo­ka­lyp­ti­schen Varia­tio­nen?

Ganz all­ge­mein gesagt: Ver­ständ­lich­keit, Klar­heit und Kohä­renz zu bewah­ren bzw. – für die deutsch­spra­chi­ge Leser­schaft ohne Kon­text­kennt­nis mit Anmer­kun­gen und Nach­wort – her­zu­stel­len. Dies erfor­der­te, die Sinn­lich­keit, Genau­ig­keit und Schlicht­heit der Tex­te ein­ge­denk der auch mir selbst zum Teil zu die­sem Zweck erst zu erkun­den­den his­to­ri­schen, kul­tu­rel­len, lite­ra­ri­schen und regio­na­len Kon­tex­te im Deut­schen herauszuarbeiten.

Und im Ein­zel­nen, zum Bei­spiel, mich Škė­mas ris­kan­ter Grat­wan­de­rung zwi­schen Sen­ti­men­ta­lem und Abgrün­di­gem auf­rich­tig aus­zu­set­zen, das heißt, sie nicht vage, ver­all­ge­mei­nert oder abs­trakt, son­dern so kon­kret, genau und greif­bar wie mög­lich zu über­tra­gen und sie so gut ich konn­te zu bewäl­ti­gen. Kon­ti­nui­tät und Ent­wick­lung sei­nes Schaf­fens von den eher tra­di­tio­nel­len Anfän­gen bis hin zum ful­mi­nan­ten moder­nis­ti­schen Ende zu bewah­ren und damit, unter ande­rem, auch den „litaui­schen“ Blick in und auf New York oder Chi­ca­go wahr­nehm­bar zu las­sen oder zu machen.

Die meis­ten deutsch­spra­chi­gen Lese­rin­nen und Leser wis­sen nur wenig über den kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Kon­text, in dem die Tex­te ste­hen. Muss man den ken­nen, um Škė­ma zu verstehen?

Ich glau­be (und hof­fe) nicht. Es ist ein ergrei­fen­des Buch über die unent­weg­te Sehn­sucht und Suche nach Hoff­nung, wenigs­tens einem Fünk­chen, in tie­fen, ver­zwei­fel­ten Lebens­kri­sen und Gewis­sens­nö­ten, also über sehr indi­vi­du­el­le, gera­de­zu inti­me Grenz­erfah­run­gen, exis­ten­zi­el­le Über­for­de­run­gen, die genau dadurch, also durch das Per­sön­li­che, auch all­ge­mein­gül­tig, uni­ver­sell und gut nach­voll­zieh­bar sind.

Die Umstän­de oder Aus­lö­ser die­ser Lebens­kri­sen sind ganz gewiss bedrü­cken­der und erdrü­cken­der als die Lebens­be­din­gun­gen der meis­ten von uns: Krieg und Gewalt­herr­schaft, Unge­wiss­heit und Angst, Exil und Not. Und doch leben auch wir in, wie es scheint, immer schwie­ri­ge­ren Zei­ten und rücken sol­che Erfah­run­gen und Erleb­nis­se von Kata­stro­phen und Tra­gö­di­en in Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und, mög­li­cher­wei­se, in der Zukunft auch an uns näher her­an. Škė­mas Prot­ago­nis­ten sind ja zumeist durch und durch moder­ne Men­schen, also skep­ti­sche und unge­dul­di­ge, lei­den­schaft­li­che und lebens­hung­ri­ge, emp­find­li­che, an sich selbst (ver)zweifelnde und fehl­ba­re Indi­vi­dua­lis­ten, und sie rin­gen mit den­sel­ben The­men und Pro­ble­men wie wir, z. B. mit Trau­ma und Ver­rat, mit Unschlüs­sig­keit und Lie­be und Einsamkeit.

Škė­mas Pro­sa­stü­cke schei­nen mir so anrüh­rend, aber auch span­nend und tröst­lich, dass sie, eher umge­kehrt, wie Brü­cken, Pfa­de oder Fens­ter zum Erkun­den die­ser unbe­kann­ten Kon­tex­te ein­la­den, pro­vo­zie­ren oder hin­füh­ren könn­ten. Ich habe mein Mög­lichs­tes getan, die­se Kon­tex­te mit Erläu­te­run­gen auf­schei­nen zu las­sen und Inter­es­se an wei­te­ren Erkun­dun­gen zu wecken, denn ich hal­te ein bes­se­res Ver­ständ­nis von ihnen für sehr wich­tig, gera­de­zu uner­läß­lich: Die­se his­to­ri­schen Umstän­de, Ereig­nis­se und Schau­plät­ze betref­fen auch uns, nicht nur in der Ver­gan­gen­heit, son­dern auch in der Gegen­wart und in der Zukunft. Je mehr wir über sie wis­sen und uns ihrer bewusst sind, umso bes­ser kön­nen wir uns in der Welt zurecht­fin­den, hand­lungs­fä­hig sein – und uns schließ­lich auch selbst begreifen.

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