Geschich­ten für die Adventszeit

Von koreanischen Schutzgeistern, dänischen Weltenbummlern, begabten Hühnern und Weihnachten in der Karibik – bei diesen Tipps ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Wintergemälde "Und wir haben keine Angst" (И мы не боимся) des russischen Malers Nicholas Roerich von 1922. Quelle: WikiCommons

Wenn man sowie­so zuhau­se blei­ben soll, kann man es sich auch gleich mit selbst­ge­ba­cke­nen Plätz­chen, wür­zi­gem Glüh­wein und einem gro­ßen Sta­pel Bücher auf dem Sofa gemüt­lich machen. Die Lese­emp­feh­lun­gen der TraLaLit-Redak­ti­on für über­setz­te Erzäh­lun­gen und Geschichten:

Die Nacht vor Weihnachten

Eine ster­nen­kla­re Nacht, ver­schnei­te Dör­fer, klir­ren­de Käl­te – selbst wenn es die­ses Jahr mit wei­ßen Weih­nach­ten wie­der Essig wird, ver­setzt uns die­se wun­der­ba­re Erzäh­lung in Win­ter­stim­mung: „Wie schön wäre es jetzt, mit über­ein­an­der­ge­schla­ge­nen Bei­nen auf der Ofen­bank zu lie­gen, in aller Ruhe ein Pfeif­chen zu rau­chen und durch die seli­ge Schläf­rig­keit hin­durch die Kol­jad­ki und Lie­der der fröh­li­chen Bur­schen und Mäd­chen zu hören, die sich in Scha­ren unter den Fens­tern drängen.“

Im ukrai­ni­schen Dorf Dikan­ka schläft in die­ser tru­beli­gen Weih­nachts­nacht kein Mensch: Wäh­rend die jun­gen Leu­te sin­gend um die Häu­ser zie­hen, scheint die älte­re Genera­ti­on samt und son­ders damit beschäf­tigt, sich zu heim­li­chen Stell­dich­eins in frem­de Häu­ser zu schlei­chen. Nur der Schmied Waku­la bleibt dem aus­ge­las­se­nen Trei­ben miss­mu­tig fern, denn Oxa­na, die eit­le Dorf­schö­ne (von der man „bei­na­he in aller Welt, auf der einen Sei­te von Dikan­ka eben­so wie auf der ande­ren Sei­te von Dikan­ka“ spricht), hat ihn mal wie­der ver­schmäht – er soll ihr erst wie­der unter die Augen tre­ten, wenn er ihr „Schu­he wie die der Zarin“ mit­bringt. Doch um die zu bekom­men, müss­te es schon mit dem Teu­fel zuge­hen. Prak­ti­scher­wei­se weilt der in die­ser Nacht höchst­per­sön­lich unter ihnen (wovon die Dörf­ler, obwohl sie ihn stän­dig im Mun­de füh­ren, natür­lich nichts ahnen). Eigent­lich will sich der Höl­len­fürst an Waku­la rächen, weil der ihn auf einem Bild in der Kir­che höchst unvor­teil­haft dar­ge­stellt hat. Doch der eben­so from­me wie bau­ern­schlaue Waku­la dreht den Spieß um und rei­tet auf dem Rücken des Teu­fels zum Zaren­pa­last nach St. Petersburg.

Mit lei­sem Spott und lie­be­vol­ler Iro­nie führt Gogol sei­ne Figu­ren in all ihrer Selbst­ver­liebt­heit, Treu­lo­sig­keit, Wich­tig­tue­rei und Tratsch­sucht vor. Doro­thea Trot­ten­berg mischt nicht weni­ger kunst­voll als das rus­si­sche Vor­bild leben­di­ge Schil­de­run­gen mit volks­tüm­li­chen Ele­men­ten, sodass sich ihre Neu­über­set­zung genau­so ver­gnüg­lich liest wie das Ori­gi­nal. Herr­lich illus­triert von Mehr­dad Zae­ri, zeigt die Geschich­te, wie weit man es mit etwas Chuz­pe und Gott­ver­trau­en brin­gen kann. Han­ne Wiesner

Niko­lai Gogol/Dorothea Trot­ten­berg: Die Nacht vor Weih­nach­ten (Ночь перед Рождеством). Insel 2020, 125 Sei­ten, 14 Euro

Maca­dam oder Das Mäd­chen von Nr.12

Liest man die fran­zö­si­sche Ver­si­on, Maca­dam, hat man schnell das Gefühl, der Erzäh­ler sitzt einem gegen­über. Liest man die Über­set­zung von Sina de Mala­fos­se, Maca­dam oder Das Mäd­chen von Nr. 12, ist es genau­so. Jedes Mal, wenn eine der elf Geschich­ten aus dem Erzähl­band des Elsäs­sers Jean-Paul Didier­lau­rent zu Ende ist, herrscht Stil­le – und Lust und Neu­gier auf die nächs­te Kurz­ge­schich­te. In medi­as res begin­nen die Geschich­ten, kurz, dicht, strin­gent auf­ge­baut, span­nend, schnell am Punkt: Die uner­hör­te, uner­war­te­te Neu­ig­keit wird erzählt, sei es von dem Pfar­rer, dem eine Ver­eh­re­rin bei der Beich­te so auf die Ner­ven geht, dass er sich heim­lich ein Gerät zulegt, womit er sich zer­streut; oder die wun­der­vol­le Lie­bes­ge­schich­te von Mat­hil­de, dem Mäd­chen von Nr. 12, und deren Begeg­nung mit einem Unbe­kann­ten… oder das böse Geheim­nis des Bewoh­ners der Anla­ge „Les Gly­ci­nes“ in der Kurz­ge­schich­te „Bru­me“, mit der Didier­lau­rent den Prix Heming­way 2010 erhal­ten hat. Lust auf mehr?

Dann lest eine wei­te­re Geschich­te aus dem Erzähl­band. Der Über­set­ze­rin ist es gelun­gen, die sprach­li­chen Bil­der gut umzu­set­zen, mit denen Didier­lau­rent ger­ne spielt. Die All­tags­spra­che, sowie die unter­schied­li­chen Sprach­ebe­nen in der Umgangs­spra­che, hat sie sehr gekonnt in eine ein­fa­che, kraft­vol­le, jedoch nicht der­be Spra­che über­tra­gen. Die im Fran­zö­si­schen viel häu­fi­ger ver­wen­de­ten Kraft­aus­drü­cke hat sie geglät­tet: So wird aus dem der­ben „il l’emmerdait“ ein „er konn­te sie mal kreuz­wei­se“! Emo­tio­na­le Momen­te oder die Hoff­nun­gen in der Lie­bes­ge­schich­te von Mat­hil­de sind viel­leicht manch­mal ein biss­chen kit­schig über­setzt, neh­men aber der Geschich­te weder Tie­fe noch Iro­nie : „Mat­hil­de ne vivait plus que pour cet­te brè­ve ren­cont­re qui, tous les jours, venait enchan­ter son exis­tence“ wird bei Mala­fos­se zu „Seit­her leb­te Mat­hil­de nur noch für die­se kur­ze Begeg­nung, die jeden Tag ihr Dasein ver­süß­te.“ Elf Geschich­ten mit Charme und Lebens­klug­heit – genau rich­tig für lan­ge dunk­le Win­ter­aben­de. Hil­de­gard Mader

Didier­lau­rent, Jean-Pau­l/­Si­na de Mala­fos­se: Maca­dam oder Das Mäd­chen von Nr. 12 (Maca­dam). dtv 2017, 160 Sei­ten, 14,90 Euro

Wer nicht?

Eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten für ein fried­li­ches Mit­ein­an­der als Gesell­schaft ist die Fähig­keit, ande­re Men­schen und ihre Hand­lun­gen zu ver­ste­hen. Mit Clau­dia Piñei­ros Erzäh­lun­gen kön­nen sich Lese­rin­nen und Leser dar­in üben, auch wenn es manch­mal leich­ter, manch­mal schwe­rer fal­len wird. Wer nicht? ist jenen Men­schen gewid­met, „die imstan­de sind, sich in ande­re hin­ein­zu­ver­set­zen, ob sie nun selt­sam sind oder nicht.“

„Wer ist schon nicht ein biss­chen komisch?“, fragt ein Mann rhe­to­risch und fasst damit auch die The­ma­tik der sech­zehn Erzäh­lun­gen in Wor­te. Piñei­ros Dar­stel­lung der Figu­ren ist ein­fühl­sam, ohne zu bewer­ten. Zugleich erkun­det sie, wozu ein „nor­ma­ler“ Mensch fähig ist, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt. Ihr Blick ist dabei so scharf­sin­nig, dass weni­ge Wor­te rei­chen, um ein viel­schich­ti­ges Bild zu zeich­nen, was in Peter Kult­zens prä­zi­ser Über­set­zung aus dem argen­ti­ni­schen Spa­nisch sei­ne Wir­kung zeigt, denn: Auf die Details kommt es an. So fällt einem Park­wäch­ter auf, dass eine Frau beim Ein­kau­fen zwei unglei­che Schu­he trägt, bemerkt aber nicht den Blut­fleck, den sie mit ihrem Fuß zu ver­de­cken versucht.

In jeder Erzäh­lung wird der Span­nungs­bo­gen neu auf­ge­zo­gen, in jedem Moment könn­te die Geschich­te eine Wen­dung neh­men, das Ende kommt oft unvor­her­ge­se­hen. Die Autorin spielt mit Erwar­tun­gen, sowohl mit denen der Figu­ren als auch denen der Lesen­den, und immer wie­der steht unaus­ge­spro­chen die Fra­ge im Raum, wie man sel­ber in die­ser oder jener Situa­ti­on reagie­ren wür­de. Die Lage der Cha­rak­te­re ist oft unge­wöhn­lich, aber nicht aus der Luft gegrif­fen – so etwas könn­te jedem pas­sie­ren. Sich in ande­re hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen, klingt beim Lesen der Wid­mung wie eine Vor­aus­set­zung, die man mit­brin­gen soll­te, um die Hand­lun­gen der Figu­ren nach­voll­zie­hen zu kön­nen. Dabei ist Clau­dia Piñei­ro viel­leicht nicht klar, dass ihre Art, die Figu­ren zu zeich­nen, einem genau dies bei­brin­gen kann. Frey­ja Melsted

Clau­dia Piñeiro/Peter Kult­zen: Wer nicht? (Quién no). Uni­ons­ver­lag 2020, 192 Sei­ten, 19 Euro

Du und ich und alle ande­ren Kinder

Der bel­gi­sche Kin­der- und Jugend­buch­au­tor Bart Moeya­ert, der im letz­ten Jahr mit dem Astrid-Lind­gren-Gedächt­nis-Preis aus­ge­zeich­net wur­de, und Mir­jam Press­ler sind bei­de Meis­ter ihres Fachs – und waren ein „per­fect match“, wie die­se Antho­lo­gie beweist.

Du und ich und alle ande­ren Kin­der ver­eint alle Erzäh­lun­gen und Kin­der­ge­dich­te, die bis 2013 von Bart Moeya­ert erschie­nen sind, in einem Band. Moeya­erts Tex­te bestechen durch die für ihn typi­sche ein­fa­che Spra­che, die eine unglaub­li­che Tief­grün­dig­keit zu erzeu­gen weiß. Press­lers Über­set­zung aus dem Nie­der­län­di­schen merkt man an, dass sie Moeya­erts Stil bis ins kleins­te Detail auf­ge­so­gen hat – hier sitzt jedes Wort und jedes Gefühl an der rich­ti­gen Stel­le. In dem Erzähl­band geht es vor allem um das all­täg­li­che Leben unse­rer jün­ge­ren Mit­men­schen, um Pro­ble­me oder auch ein­fach um Erleb­nis­se mit Freun­den, der Fami­lie, Nach­barn. Es geht um Begeg­nun­gen, Vor­ur­tei­le, Eifer­sucht, Neid, Ein­sam­keit und Lie­be. All die­sen klei­nen gro­ßen The­men räumt Moeya­ert in sei­nen Geschich­ten genü­gend Raum ein, damit sie sich dem Lesen­den sub­til offen­ba­ren kön­nen. Da gibt es zum Bei­spiel Mar­t­he, die auf­ge­regt auf die Ankunft ihres Vaters war­tet, der ihr ein Geschenk ver­spro­chen hat: „Ein Geschenk mit Kral­len und Flü­geln und einem Schna­bel. Einen Kana­ri­en­vo­gel in einem Käfig. Oder einen Wel­len­sit­tich.“ Als der Vater schließ­lich nach Hau­se kommt und einen Kar­ton mit­bringt, aus dem Geräu­sche kom­men, platzt Mar­t­he fast vor Neu­gier. Aber was fin­det sie im Kar­ton? Ein Huhn, ein blö­des Huhn! Die Ent­täu­schung ist groß – doch ahnt Mar­t­he noch nicht, was ihr Huhn alles kann!

Der Erzähl­band kommt mit sat­ten 512 Sei­ten daher, von denen man kei­ne mis­sen möch­te. Die Buch­ge­stal­tung wur­de in den Far­ben Rot, Schwarz und Weiß gehal­ten – jeder Kurz­ge­schich­te wird eine gra­fisch anspre­chen­de Titel­sei­te gewid­met und die Zeich­nun­gen ver­schie­de­ner Illus­tra­to­rin­nen und Illus­tra­to­ren ergän­zen die Geschich­ten eindrucksvoll.

Die­ses Kin­der­buch soll­ten auch Erwach­se­ne lesen, um die fan­tas­ti­schen Geschich­ten Moeya­erts mit­er­le­ben zu kön­nen und sich in ande­re Gedan­ken­wel­ten hin­ein­zu­ver­set­zen (oder zurück­zu­ver­set­zen). Es ist das per­fek­te Vor­le­se­buch, das per­fek­te Selbst­le­se­buch und das per­fek­te Über­haupt­le­se­buch. Lisa Men­sing

Bart Moeyaert/Mirjam Press­ler: Du und ich und alle ande­ren Kin­der (Jij en ik en alle ande­re kin­de­ren). Han­ser 2016, 512 Sei­ten, 24 Euro

Ihre Art des Weinens

Die Prot­ago­nis­tin­nen in die­ser Samm­lung von teils lose zusam­men­hän­gen­den Erzäh­lun­gen sind fast aus­nahms­los süd­ko­rea­ni­sche Frau­en. Sie erzäh­len ihre Geschich­ten selbst. So ent­steht ein Mono­log, der die Lesen­den einer­seits unmit­tel­bar am Gesche­hen teil­ha­ben, ande­rer­seits Orts- und Per­so­nen­wech­sel uner­klärt lässt. Die ande­ren Per­so­nen, die zuhö­ren, stel­len kei­ne Rück­fra­gen, und so wer­den auch die Lese­rin­nen und Leser ohne Kon­text in den nächs­ten Abschnitt der Geschich­te geso­gen. Dabei schreckt die Autorin nicht vor über­na­tür­li­chen Ele­men­ten zurück, die, obwohl sie zen­tra­le Aspek­te der Geschich­ten sind, zugleich durch den Rea­lis­mus dar­in geer­det wer­den, ja sogar nor­mal erscheinen.

Die titel­ge­ben­de Geschich­te „Ihre Art des Wei­nens“ beschreibt die obi­gen Aus­füh­run­gen sehr gut: Gleich zu Beginn wird uns zuge­traut, ohne Kon­text zu ver­ste­hen, denn im Deut­schen wird durch den Titel nicht klar, ob eine Frau weint oder ob meh­re­re Men­schen wei­nen. Die­se anfäng­li­che Fra­ge wird zwar im Lau­fe der Geschich­te beant­wor­tet, jedoch tre­ten min­des­tens genau­so vie­le an ihre Stel­le. Die Prot­ago­nis­tin eröff­net ihre Geschich­te, indem sie davon erzählt, wie das Atmen ihres neu­ge­bo­re­nen Bru­ders „wie das Flü­gel­schla­gen eines Insek­tes“ durch das Zim­mer wan­dert. So lan­ge, bis sei­ne nicht voll­stän­dig ent­wi­ckel­ten Lun­gen den klei­nen Kör­per nicht mehr am Leben erhal­ten kön­nen und er stirbt. Von die­sem Zeit­punkt an wird er nur noch „das Kind“ genannt und lebt als geis­ter­haf­ter Beglei­ter in der und durch die Prot­ago­nis­tin, ist sowohl in schwie­ri­gen Situa­tio­nen ihr Beschüt­zer als auch das geis­ter­haft-prä­sen­te Mahn­mal jener Nacht. Die Prot­ago­nis­tin erzählt, wie ihre Fami­lie mit die­sem und ande­ren Ver­lus­ten umgeht, wer auf­hör­te zu wei­nen und wie die­se Per­son für das Aus­blei­ben der Trä­nen einen Ersatz fin­det. Gleich­zei­tig ver­ar­bei­tet sie den Ver­lust, die Trau­er ihrer Eltern und übt sub­ti­le Gesell­schafts­kri­tik – Aspek­te, die hin­ter der eigent­li­chen Erzäh­lung erst zurück­tre­ten, die man hin­ein­le­sen kann, aber nicht muss.

Kang Seung-Hees Über­set­zung spie­gelt den nüch­tern-ver­wor­re­nen Erzähl­stil wider und schafft so ein­dring­li­che Bil­der, dass man noch lan­ge nach Ende der Lek­tü­re an sie denkt. Alex­an­dra Jordan

Che­on Woon-youn­g/­Kang Seung-Hee: Ihre Art des Wei­nens (그녀의 눈물 사용 법). Kon­kurs­buch 2017, 256 Sei­ten, 12,90 Euro

Nach der Sonne

Beim Lesen über­setz­ter Lite­ra­tur schwingt immer eine gewis­se Erwar­tungs­hal­tung mit. Man könn­te zum Bei­spiel anneh­men, dass der Erzähl­band des jun­gen däni­schen Autors Jonas Eika einem unser Nach­bar­land, aus dem über­schau­bar viel über­setzt wird, ein klei­nes biss­chen näher­bringt. Aber falsch gedacht: Kopen­ha­gen ist in sei­nen Erzäh­lun­gen nur ein wenig ein­la­den­der Zwi­schen­stopp. So muss der Prot­ago­nist in der Ein­gangs­ge­schich­te „Alvin“ bei sei­ner Ankunft in der Stadt fest­stel­len, dass die Bank, für die er arbei­tet, in einem rie­si­gen Kra­ter ver­sun­ken ist. Er trifft in einem Café auf Alvin, der ihm einen Schlaf­platz anbie­tet und ihn in den Han­del mit Deri­va­ten ein­führt. Mit ihm fliegt der Prot­ago­nist kur­zer­hand wei­ter nach Buka­rest, wo ihr Flirt ein ernüch­tern­des Ende nimmt. Von dort geht es in den ins­ge­samt fünf Erzäh­lun­gen wei­ter an den Strand von Can­cún, der Par­ty­haupt­stadt Mexi­cos, und in die Wüs­te Nevadas.

Eika kennt kei­ne Gren­zen, schon gar nicht in der Lite­ra­tur. Sei­ne Lese­rin­nen und Leser ent­führt er in unge­wohn­te Sphä­ren, die er mit solch kli­ni­scher Prä­zi­si­on zeich­net, dass ihre Exis­tenz nicht abwe­gig, son­dern im Mikro­kos­mos sei­ner Erzäh­lun­gen voll­kom­men selbst­ver­ständ­lich wir­ken. Selbst­be­wusst inte­griert er dabei auch fan­tas­ti­sche Ele­men­te. Wenn jedoch mexi­ka­ni­sche Beach Boys kari­ka­tur­haf­ten euro­päi­schen Tou­ris­ten den Rücken mit Son­nen­creme ein­schmie­ren, dann scheint die mit­un­ter ver­stö­ren­de Welt, in die uns Eika mit­nimmt, nicht all­zu fern­ab der Rea­li­tät. In sei­nen Geschich­ten regiert das Geld; es geht fast immer um Sex, Aus­beu­tung und Macht.

Sprach­lich über­zeu­gen sei­ne Erzäh­lun­gen auf jeder Sei­te. Dass die­se im Deut­schen nichts an Dop­pel­bö­dig­keit und Raf­fi­nes­se ein­bü­ßen, ist natür­lich sei­ner Über­set­ze­rin Ursel Allen­stein zu ver­dan­ken – dass Eikas „poe­ti­sche Spra­che“ im klas­si­schen Feuil­le­ton hoch gelobt wird auch. Die Lek­tü­re sei­ner Erzäh­lun­gen lehrt uns vor allem eins: In Däne­mark wird gera­de groß­ar­ti­ge Lite­ra­tur geschrie­ben, die Ursel Allen­stein nicht weni­ger groß­ar­tig ins Deut­sche gebracht hat. Julia Rosche

Jonas Eika/Ursel Allen­stein: Nach der Son­ne (Efter solen). Han­ser Ber­lin 2020, 144 Sei­ten, 20 Euro

Zwölf Geschich­ten aus der Fremde

Gabri­el Gar­cía Már­quez gilt weder hier­zu­lan­de noch in mei­ner Hei­mat Kolum­bi­en als Erzäh­ler von Weih­nachts­ge­schich­ten – zu viel Rea­li­tät, ob magisch oder nicht. Aber Weih­nach­ten ist bekannt­lich nicht über­all gleich. Und ein Hauch von kari­bi­scher Weih­nacht lässt sich in vie­len sei­ner Erzäh­lun­gen trotz­dem spü­ren. So auch in Zwölf Geschich­ten aus der Frem­de: Zwölf ver­schie­de­ne Stim­men erzäh­len von son­der­ba­ren Din­gen, die Latein­ame­ri­ka­nern außer­halb ihrer Hei­mat zusto­ßen. Mit viel Leich­tig­keit wur­de Doce cuent­os pere­gri­nos von Dag­mar Ploetz und dem in die­sem Jahr ver­stor­be­nen Die­ter E. Zim­mer ins Deut­sche übersetzt.

„En Navidad…“, so beginnt die Geschich­te „Das Licht ist wie das Was­ser“. Zu Weih­nach­ten ertrinkt (oder doch nicht?) eine gan­ze Schul­klas­se, weil eine Glüh­bir­ne absicht­lich zer­schla­gen wur­de. Klingt eher nach einer Tra­gö­die! Die Jun­gen Toto und Joel bekom­men dank guter Schul­leis­tun­gen ein Ruder­boot zu Weih­nach­ten, obwohl es in Madrid gar kein schiff­ba­res Was­ser gibt. An einem Abend, als die Eltern ins Kino gehen, erin­nert sich Toto an die Erklä­rung sei­nes Vaters über den Ursprung des Lichts: „Das Licht ist wie das Was­ser […] man öff­net den Hahn, und es fließt her­aus.“ Also zer­schla­gen die Brü­der eine Glüh­bir­ne und ihr neu­es Boot kann zum Ein­satz kom­men, denn „ein Strom gol­de­nen und fri­schen Lichts begann wie Was­ser […] zu flie­ßen.“ Und so fah­ren sie jeden Mitt­woch zur See. Den Abschluss des Schul­jahrs wol­len sie mit ihren Schul­ka­me­ra­den zu Hau­se fei­ern. Doch die Fei­er gerät aus dem Ruder! Sogar die Feu­er­wehr muss anrü­cken. Die gan­ze Stadt wird von einem gol­de­nen Licht­strom erleuch­tet, der sich von den Bal­ko­nen über die Fas­sa­den sei­nen Weg durch Madrid sucht. In der über­schwemm­ten Woh­nung schwe­ben neben dem Mobi­li­ar die sie­ben­und­drei­ßig Ande­ren, die die­se Licht­über­flu­tung nicht über­stan­den haben.

Zuge­ge­be­ner­ma­ßen kein besinn­li­ches Weih­nachts­fest. Aber Ploetz und Zim­mer haben die Stim­mung treff­lich über­setzt, das Gefühl von Licht, von flüs­si­gem Hell, von Wär­me … wie Weih­nach­ten in der Kari­bik. Es wird nichts aus­ge­las­sen, nichts hin­zu­ge­fügt. Die Geschich­te des Lichts spricht für sich selbst, sowohl im Ori­gi­nal als auch in der Feder ihrer Über­set­zer, die sich als Meis­ter in der Kunst des „Licht­fah­rens“ erwei­sen. Sus­a­na Mogol­lón Guarín

Gabri­el Gar­cía Márquez/Dagmar Ploetz, Die­ter E. Zim­mer: Zwölf Geschich­ten aus der Frem­de (Doce cuent­os pere­gri­nos). Kie­pen­heu­er und Witsch 1993, 224 Sei­ten, 19,90 Euro

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