Ver­fäl­schen ist kein Über­set­zen

Übersetzungskritik könne auch ohne Kenntnis des Originaltextes möglich sein, wurde hier kürzlich insinuiert. Welch ein Unsinn. Von

Gabriel von Max: Affen als Kunstrichter (1889). Quelle: wikiart.org
Die Debat­te über Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der Über­set­zungs­kri­tik geht mit der Inter­ven­ti­on von Dirk van Guns­te­ren in eine neue Run­de. Hier die bis­he­ri­gen Bei­trä­ge im Über­blick:

(1) Sieg­lin­de Gei­sel: Über­set­zen heißt ant­wor­ten (27. Juni 2018)
(2) Felix Püt­ter: Ant­wor­ten heißt inter­pre­tie­ren (11. Juli 2018)
(3) Sieg­lin­de Gei­sel: Über­set­zen – im Geist des Ori­gi­nals (17. Juli 2018)
(4) Felix Püt­ter: Kri­tik – Im Geist der Über­set­zung (12. Sep­tem­ber 2018)

Lie­ber Felix,

eine sehr inter­es­san­te Debat­te, und ich ste­he ganz und gar auf Frau Gei­sels Sei­te, ins­be­son­de­re was ihre drei Anfor­de­run­gen an die Über­set­zungs­kri­tik betrifft: Wer die Aus­gangs­spra­che nicht beherrscht oder, falls doch, Ori­gi­nal und Über­set­zung nicht ver­gleicht, kann die eigent­li­che Qua­li­tät einer Über­set­zung nicht beur­tei­len; ihm fal­len die hüb­schen Wort­spie­le und der „krea­ti­ve“, „sou­ve­rä­ne“, „wort­ge­wal­ti­ge“ Umgang des Über­set­zers mit der Ziel­spra­che ins Auge, und das nimmt er dann viel­leicht zum Zei­chen, dass es sich um eine gelun­ge­ne (und womög­lich „sehr les­ba­re“) Über­set­zung han­delt. Nun ist es ja ganz schön, wenn eine Über­set­ze­rin Wort­spie­le kann und über vie­le Regis­ter ver­fügt – aber das ist doch erst die hal­be Mie­te. Wirk­lich gelun­gen ist eine Über­set­zung erst, wenn sie auch den Geist, den Ton, die Atmo­sphä­re des Ori­gi­nals über­zeu­gend wie­der­gibt.

So ver­ste­he ich auch Frau Gei­sels Bemer­kung über die (fik­ti­ve?) Autorin, die im Aus­land auf Lese­rei­se geht und merkt, dass ihr Buch dort ganz anders auf­ge­fasst wird, als sie es geschrie­ben hat: Es geht ja nicht nur dar­um, dass alles kor­rekt über­setzt ist, son­dern viel­mehr um die Hal­tung, den Humor (oder sein Feh­len), die Stim­me des Autors, den eben­so viel­be­schwo­re­nen wie schwer defi­nier­ba­ren Ton. Wie wür­dest du einen Pyn­chon-Roman fin­den, der über­setzt ist, als wäre er von John Irving? Wie wür­de Pyn­chon das fin­den?

Ich habe mal mit Mar­cus Ingen­da­ay einen Abend ver­quatscht, in des­sen Ver­lauf er mir sei­ne Auf­fas­sung vom Über­set­zen erklärt hat. Ich habe ihm hef­tig wider­spro­chen, weil ich es unver­ant­wort­lich fin­de, einen Autor wie Gad­dis zu ver­lus­ti­gen, wo es doch gera­de die Sper­rig­keit und der bit­te­re Sar­kas­mus sind, die ihn aus­zeich­nen. Das Ori­gi­nal ist eben kei­ne Ver­fü­gungs­mas­se, mit der ich ver­fah­ren kann, wie ich will. Es ist viel­leicht wit­zig, pathe­tisch, tief­grün­dig, obs­zön, zer­fah­ren oder ein­fach nur bescheu­ert – aber es ist das Ori­gi­nal und somit der Maß­stab für eine gute Über­set­zung. Der Autor ist der Herr des Tex­tes, und als Über­set­zer habe ich ihm zu die­nen. Mit „Kult um das Ori­gi­nal“, wie du das nennst, hat das nun wirk­lich über­haupt nichts zu tun – das ist so, als wür­dest du von einem Archi­tek­ten sagen, er trei­be einen Kult um sei­ne Plä­ne.

Du schreibst, man müs­se „an einen Über­set­zer wie Mar­cus Ingen­da­ay nicht die Fra­ge […] stel­len, ob er das Ori­gi­nal ‚ver­fälscht‘ habe oder nicht, son­dern viel­mehr müss­te man sich fra­gen, ob er eine schlüs­si­ge Inter­pre­ta­ti­on des Ori­gi­nals vor­zu­stel­len und vor allem mit den Mit­teln der eige­nen Spra­che wie­der­zu­ge­ben imstan­de ist“. Ich gebe dir inso­fern recht, als die Fra­ge, ob Mar­cus Ingen­da­ay das Ori­gi­nal ver­fälscht hat, sich erüb­rigt, bzw. schnell beant­wor­tet ist: Ja, er hat das Buch ver­fälscht, auf, wie ich fin­de, gro­tes­ke Wei­se. Und mei­ne Ant­wort auf die zwei­te Fra­ge lau­tet: Wenn ich ein Buch lese, will ich es selbst deu­ten, und dar­um muss jede Inter­pre­ta­ti­on des Über­set­zers, und sei sie noch so schlüs­sig, so weit wie mög­lich unter­blei­ben. Wer Wort­gir­lan­den flech­ten und sein Ego nicht aus dem Spiel las­sen will, kann ja selbst Roma­ne schrei­ben.

Aus all dem ergibt sich die Ant­wort auf dei­ne letz­te Fra­ge: Ja, eine fun­dier­te Über­set­zungs­kri­tik ohne Kennt­nis der Aus­gangs­spra­che hal­te ich für unmög­lich.

Wider­spruch? Zustim­mung? Wir freu­en uns auf wei­te­re Debat­ten­bei­trä­ge zwi­schen „End­lich sagt’s mal einer“ und „Was für ein Quatsch“. Unten in den Kom­men­ta­ren oder per Mail an redaktion@tralalit.de.

1 Comment

Add Yours

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.