„Man braucht einen langen Atem“

Über das Leben und Wirken von Übersetzerinnen und Übersetzern ist oft viel zu wenig bekannt. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX will das ändern und macht sich mit ebenso großer Geduld wie Findigkeit auf die Spurensuche. Interview:

Das UeLEX-Team, von links nach rechts: Aleksey Tashinskiy, Julija Boguna und Andreas F. Kelletat vom Germersheimer Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. (Quelle: Fotografie Britta Hoff)
Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX enthält Essays zum Leben und Werk von Übersetzerinnen und Übersetzern, ergänzt durch umfassende Bibliographien. Auch im Rahmen von regelmäßig stattfindenden Symposien zu Übersetzen und Literatur (UeLit) wird die längst überfällige Grundlagenforschung zur Kulturgeschichte des Übersetzens betrieben. Die Ergebnisse erscheinen auf UeLEX und in bisher vier Sammelbänden: Übersetzer als Entdecker, Übersetzerforschung, Das WIE des Übersetzens sowie (demnächst) Die Geschichte des Übersetzens in der DDR.

Seit 2015 ist das Germersheimer Übersetzerlexikon online. Wie kam es zu diesem Projekt?

Andreas F. Kelletat: Am Anfang wollten wir einfach ein schönes Buch herausbringen mit den vielleicht hundert wichtigsten Übersetzern und Übersetzerinnen. Ein Personenlexikon, so wie es ein Lexikon der Päpste gibt, ein Lexikon der Philosophen, ein Lexikon der Dichter, ein Lexikon der Heiligen – aber eben keins für Übersetzer. Und dann tauchte ein Problem auf: Wir haben Experten gebeten, uns die zehn bedeutendsten Übersetzer, zum Beispiel aus dem Italienischen, zu nennen. Sie kannten zwar die wichtigsten Dichter wie Dante, Petrarca und so weiter, aber bei den Übersetzern waren sie überfragt. Ähnlich sah es im Russischen, Französischen, Spanischen, Finnischen oder Chinesischen aus. Deshalb mussten wir das Buchprojekt erstmal auf Eis legen.

Julija Boguna: 2011 gab es dann in Germersheim eine UeLit-Tagung, bei der der Stockholmer Slavist Lars Kleberg das schwedische Übersetzerlexikon Svenskt översättarlexikon vorgestellt hat. Uns war schnell klar, dass wir so etwas auch für das Deutsche auf die Beine stellen wollen. Die Schweden haben damals großzügigerweise angeboten, uns die Plattform, die sie zwei, drei Jahre lang programmiert haben, kostenlos zur Verfügung zu stellen. Sonst hätten wir die digitale Variante wahrscheinlich nicht so schnell favorisiert. Wir mussten die Plattform natürlich noch für unsere Belange modifizieren, aber so konnten wir unsere digitale Präsenz recht schnell aufbauen. Man sieht übrigens noch ein paar schwedische Programmierspuren: Wenn man bei UeLEX hin- und herklickt, erscheinen oben in der Suchleiste schwedische Begriffe wie sprak oder artiklar.

Wie haben Sie das Översättarlexikon für deutsche Verhältnisse modifiziert?

Aleksey Tashinskiy: Na ja, vielleicht eher an Germersheimer Bedürfnisse angepasst, wir wollten das Ganze nämlich nicht so populärwissenschaftlich wie die Schweden aufziehen, sondern geisteswissenschaftlicher. Auch brauchten wir zusätzliche Entitäten wie Herausgeberschaft und so weiter. Abgesehen von einer Lokalisierung mussten also noch zusätzliche Funktionen dazuprogrammiert werden.

JB: Wir haben zum Beispiel die Mittlersprache, die sogenannte Relaissprache, eingeführt, weil es uns ganz wichtig war, diese Prozesse nachzuvollziehen: Wurde direkt aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt oder über das Russische als eine der großen Sprachen? Das fehlte in der Struktur der Schweden.

AFK: Man muss bedenken, dass Schweden acht Millionen Einwohner hat, das Översättarlexikon wendet sich also an eine ganz breite Leserschaft, an Buchhändler, Antiquariate, Journalisten, Leute, die sich generell für Literatur interessieren. Unsere Artikel sind viel länger, haben auch Fußnoten und fußen stärker in den Philologien und der Übersetzungsforschung. Die schwedischen Beiträge sind eher feuilletonartig und deutlich kürzer.

AT: Wobei wir am Anfang eigentlich auch kurze Essays schreiben wollten, aber dann mussten wir feststellen, dass wir gar kein Wissen über diese Gruppe der Kulturschaffenden haben. Wir sind die ersten, die überhaupt das primäre Wissen über diese Personen generieren. Zu etlichen Übersetzern sind keinerlei Einträge in irgendwelchen Lexika zu finden, es war also oft ein mühsames Recherchieren in Archiven, in Privatnachlässen, in irgendwelchen digitalen Tiefen. Wir haben deshalb die Artikel zu vollwertigen wissenschaftlichen Aufsätzen ausgebaut.

UeLEX wendet sich also in erster Linie an Wissenschaftler und Studenten?

AFK: Genau, wobei die Forscher nicht unbedingt aus der Translationswissenschaft kommen müssen, sondern auch aus Disziplinen wie der Slavistik, Komparatistik, Buchwissenschaft oder Geschichtsforschung, vielleicht auch der Politikwissenschaft. Aus dieser breiten Adressatengruppe resultiert natürlich ein Problem: Wenn wir zum Beispiel an einem Übersetzer aus dem Russischen arbeiten, dürfen wir bei den Rezipienten keine Russischkenntnisse voraussetzen. Das ist immer eine große Herausforderung für unsere Autoren, denn die haben als Slavisten oder Sinologen natürlich dieses Spezialwissen und wollen es auch ausbreiten. Da ist dann viel Redaktionsarbeit nötig.

AT: Wir passen unsere Beiträge zwar an ein heterogenes Publikum an, aber UeLEX ist vor allem ein Forschungsvorhaben. Es ist kein Versuch, eine Gruppe von Leuten zu popularisieren, die bisher wenig im Bewusstsein der Öffentlichkeit war, sondern das primäre Interesse besteht darin, die Geschichte des Übersetzens akteursorientiert zu erforschen.

Woher kommen die Mittel für UeLEX?

AFK: Es gibt keine Mittel. Die gesamte redaktionelle Arbeit wird in der Freizeit der Mitarbeiter und Herausgeber geleistet.

Also kein Geld, dafür mehr Freiheit bei der Gestaltung?

AFK: Das kann man so sagen. Vom Zentrum für Interkulturelle Studien der Universität Mainz haben wir kleinere Beträge für studentische Hilfskräfte sowie Unterstützung für unsere Tagungen und Publikationen bekommen. Leider können wir keine Honorare zahlen, das macht es schwierig für die Beitragenden. Es gibt einige freiberufliche Übersetzer, darunter sehr bekannte, die gerne ein Porträt schreiben würden, aber mit der Recherche dauert so ein Text vier, acht Wochen, das können sie sich gar nicht leisten. Wir suchen noch nach Sponsoren, die uns besonders für solche Freiberufler ein bisschen unter die Arme greifen können. Bisher konnten wir nur für einzelne kurze Archiv- oder Forschungsaufenthalte von Studierenden eine Förderung vom Deutschen Übersetzerfonds erhalten.

Ohne großes Eigenengagement aller Beteiligten geht es also nicht. Wer arbeitet denn außer dem Kernteam noch an UeLEX mit?

AFK: Mitunter entstehen Beiträge aus studentischen Seminar- oder Masterarbeiten zu einem bestimmten Übersetzer. Weil unsere Germanistikstudierenden allesamt keine deutschen Muttersprachler sind, muss da sehr viel redigiert und sprachlich nachgearbeitet werden. Die zweite Gruppe sind gestandene Wissenschaftler, da ist es unterschiedlich – manche Beiträge kann man so veröffentlichen, wie sie geschickt werden, das ist aber eher die Ausnahme, mit vielen muss man sich noch sehr intensiv austauschen und sagen, dieser Aspekt wäre vielleicht noch wichtig oder das könnte man auch so gewichten. Eben die normale Herausgeber- und Redaktionsarbeit. Anderswo hat man Peer Review-Verfahren, wir machen das im Dialog mit offenem Visier.

Gibt es außer in Schweden noch in anderen Ländern ähnliche Projekte?

JB: In den Niederlanden und Dänemark gibt es ebenfalls digitale Übersetzerprojekte.

AT: Und es gibt ein türkisches Übersetzerlexikon in gedruckter und digitaler Form. Das ist zwar ganz anders gestrickt, aber auch durch die Anregung und den Austausch mit Kollegen bei einer Tagung in Germersheim entstanden.

AFK: In Finnland, Island, Lettland, Tschechien und Polen gibt es ebenfalls Pläne. Unser Lexikon gilt jetzt schon als Vorbild. Es ergibt sich auch eine Art Schneeballeffekt, weil wir viele Mitarbeiter aus diesen Ländern haben. Meistens sind das Germanisten, die sich mit deutscher Literatur auskennen, aber eben keine Deutschen sind, und sie erforschen auch übersetzte Literatur: Wie wurde zum Beispiel die eigene italienische Literatur ins Deutsche übersetzt? Wir waren auch viel im In- und Ausland unterwegs und haben das Übersetzerlexikon auf Konferenzen vorgestellt. So entsteht ein Netzwerk, und das Projekt ist relativ bekannt geworden. Aber viele wollen dann erstmal nach Geld suchen und sich eine Förderung sichern, bevor sie mit der Arbeit anfangen. Das klappt meist so nicht. Man muss ohne Geld anfangen.

UeLEX umfasst bisher 65 Übersetzerinnen und Übersetzer, die aus über 30 Sprachen übersetzt haben. Wie werden sie ausgewählt? Wer bekommt einen Beitrag, wer nicht?

JB: Diese Frage beschäftigt uns schon von Anfang an. Wir beschränken uns auf Übersetzer, die ins Deutsche gearbeitet haben, und wir schreiben in der Regel über keinen, der noch lebt und aktiv übersetzt. Das geschieht einerseits aus rechtlichen Gründen, aber auch aus Gründen der Distanz: Wir wollen Beiträge verfassen, die unserem wissenschaftlichen Anspruch genügen. Und beleidigte Aussagen von Übersetzern, die sich missverstanden oder nicht gebührend gewürdigt fühlen, wollen wir vermeiden. Es gibt allerdings Ausnahmen, Japanisch ist so ein Fall. Wir bemühen uns um möglichst große Sprachenvielfalt, und wenn man die Liste anschaut, sieht man, dass auch „kleine“ und distante Sprachen vertreten sind und nicht nur die Triade Französisch, Englisch und Spanisch.

AFK: Zumindest ältere Übersetzerinnen und Übersetzer, die Preise gewonnen haben, werden wir in den nächsten Jahren wohl doch berücksichtigen, auch weil wir so an den Vorlass herankommen. Dieses hochinteressante Material (Verlagsverträge, korrigierte Fahnen und so weiter) landet ja selten in Archiven, sondern nach dem Tod der Übersetzer meist auf der Müllhalde. Die Erben haben oft keine Ahnung, was das für Schätze sind. Deshalb wäre es sinnvoll, ältere Übersetzerinnen und Übersetzer jetzt mit in den Blick zu nehmen, um dieses Kulturgut zu sichern. Aber wir sind ein kleines Team und müssen natürlich aufpassen, dass wir uns nicht übernehmen. Bisher schaffen wir pro Jahr etwa zwölf Beiträge, wir haben aber eine Liste mit mindestens dreitausend Übersetzern, die lexikonwürdig wären. Das muss erstmal abgearbeitet werden … Das Projekt ist auf mehrere Jahrzehnte angelegt, und man braucht einen langen Atem.

AT: Es liegt übrigens bei vielen ein Missverständnis vor – sie denken, UeLEX wäre eine Werbeplattform für Übersetzer, eine Liste von Leuten, deren Übersetzungen wir empfehlen wollen, weil wir sie für besonders gelungen halten. Dem ist nicht so. Es ist in erster Linie ein translationshistorisches Vorhaben, und wir versuchen, alle repräsentativen Vertreter, die irgendwann gewirkt haben, aufzunehmen. Wenn jemand nicht in der Liste auftaucht, bedeutet das nicht, dass wir ihn oder sie exkludiert haben, sondern nur, dass er oder sie entweder nach den formalen Kriterien nicht reinpasst oder sich ganz einfach noch niemand mit diesem Übersetzer beschäftigt hat.

JB: Wir sind auch nicht ausschließlich auf „Höhenkammliteratur“ aus. Das Paradebeispiel ist unser Porträt zur Micky Maus-Übersetzerin Erika Fuchs

… obwohl die ja auch schon ein Klassiker ist.

JB: Stimmt, aber eben kein Klassiker des Literaturkanons. Das Kriterium der Bedeutsamkeit misst sich nicht nur daran, in wie vielen Literaturgeschichten die Werke auftauchen, die übersetzt wurden.

AFK: Schauen Sie sich beispielsweise das Porträt von Adolf Molnar an – kein Mensch kennt ihn, er hat keinen Wikipedia-Eintrag und nichts, und trotzdem ist er für uns interessant. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt uninteressante Menschen gibt. Und je bunter der Lebenslauf, desto interessanter wird es …

AT: … auch in Bezug auf die Sprachenbiographie oder das Berufsprofil, wenn etwa nicht hauptberuflich übersetzt wird, sondern die übersetzerische Tätigkeit Teil einer wissenschaftlichen oder anderen Aktivität ist. Diese Vielfalt wollen wir breit abdecken.

Wer war der erste Übersetzer bei UeLEX?

AT: Einen „Ur-Übersetzer“ gibt es nicht. Es fing an mit etwa zehn Übersetzerporträts, die wir zunächst auf einer UeLit-Tagung präsentiert und mit der anwesenden Fach-Community diskutiert haben, bevor sie simultan veröffentlicht wurden. Dazu zählten der Spanischübersetzer Erich Arendt, der Shakespeare-Übersetzer August Wilhelm Schlegel, die Russischübersetzerin Heddy Pross-Weerth und der Dichter Manfred Peter Hein, der aus dem Finnischen, Lettischen und Samischen übersetzt.

Welche Sprachen sind bisher noch unterrepräsentiert?

AFK: Wir haben eine große Lücke bei den alten Sprachen, bei Übersetzungen aus dem Altgriechischen, Lateinischen oder Persischen. Die Altphilologen haben wahrscheinlich sehr viel dazu gemacht, aber dieses Wissen in eine neue Form zu gießen und auch mit aktuellen übersetzungswissenschaftlichen Fragestellungen und Diskursen zu verknüpfen, wäre ganz bestimmt interessant. Vor allem wenn man bedenkt, wie dominierend das Übersetzen aus dem Lateinischen und Griechischen im 17. und 18. Jahrhundert war, als es all die, pardon, „kleinen“ Nationalsprachen so noch gar nicht gab. Da haben wir noch einen sehr großen blinden Fleck. Aber das liegt natürlich auch daran, dass es kaum noch junge Leute gibt, die sich damit beschäftigen. Wer kann Latein und Griechisch? Das war für frühere Übersetzergenerationen völlig selbstverständlich, die mussten am Gymnasium jede Woche 8-9 Stunden Latein pauken und sechs Jahre lang Altgriechisch, heute macht das kein Mensch mehr, sodass uns da der Zugang fehlt. Aber eigentlich ist man bei allen Nicht-Schulsprachen froh, wenn sich da jemand auskennt und etwas dazu beitragen kann. Schwierig wird es natürlich bei Beiträgen zu Übersetzern, die aus mehreren Sprachen übersetzt haben. Manche arbeiten aus sieben, acht Sprachen, aber die Philologen können immer nur „ihre“ Sprache. Bald erscheint ein Artikel zu einem Übersetzer, der Sappho-Gedichte aus dem Altgriechischen ebenso wie Mao-Gedichte aus dem Chinesischen übersetzt hat. Finden Sie mal jemanden, der Ihnen dazu etwas schreibt.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

AT: Wir haben eine ganze Reihe von Artikeln in der Röhre, es gibt einen regelrechten Redaktionsstau. Das hat damit zu tun, dass wir im Moment an unserem vierten Sammelband arbeiten, das nimmt uns völlig in Beschlag. Aber ein thematischer Artikel zur klassisch-romantischen Übersetzungstheorie im „Goethe-Jahrhundert“ ist vor Kurzem fertig geworden, ebenso ein Artikel über Erich Kästner als Übersetzer …

AFK: … und ein Beitrag über Marie Holzman, eine schon mit 19 Jahren ermordete Übersetzerin aus dem Litauischen. Jetzt gerade arbeite ich an einem Porträt über René König, den berühmten Soziologen, der ins Exil in die Schweiz gegangen ist. Das hängt mit einem weiteren Projekt zusammen, das wir gemeinsam mit den Universitäten in Wien und Lausanne ins Leben gerufen haben: Übersetzen im Exil (Exil:Trans). In den nächsten drei Jahren werden wir Übersetzer erforschen, die 1933-45 im Exil waren, und daraus auch einzelne Artikel für UeLEX gewinnen.

AT: Ich kümmere mich um eine Reihe von Übersetzerinnen und Übersetzern, die in der Sowjetunion im Exil waren. Einige von ihnen haben dann später in der DDR oder BRD Literatur übersetzt. Sie hatten vielleicht vorher gar nichts mit Russisch zu tun, waren aber als Kommunisten gezwungen, in die Sowjetunion zu fliehen, kehrten dann zurück und wurden zu Übersetzern. Da kann man spannende Verquickungen zwischen dem persönlichen Schicksal, dem politischen Kontext und dem übersetzerischen Geschehen sehen, auch in der Sprachenbiographie. Wie wirkt sich das Exil auf das Übersetzen aus? In solchen Schicksalen wird auch das Jahrhundertgeschehen reflektiert.

Voraussichtlich im Herbst soll die 7. UeLit-Tagung zum Thema „Übersetzer im Exil (1933-1945)“ stattfinden. Was erwartet uns da?

JB: Es ist eine offene Tagung für alle, aber es werden auf jeden Fall auch unsere Wiener und Lausanner Partner dabei sein, sodass wir uns doppelgleisige Erkenntnisse sowohl für Exil:Trans als auch für UeLEX erhoffen.

AFK: Es gibt bereits sehr viel Exilforschung, über Politiker, Forscher, Dichter, Sportler, Mediziner oder Romanisten im Exil. Nur zu einer Gruppe gibt es bisher so gut wie gar nichts, das sind die Übersetzer im Exil. Da wollen wir neue Erkenntnisse gewinnen: Wie war das mit dem Übersetzen im Exil? Welche Publikationsmöglichkeiten gab es? Was geschah mit den Rechten an früheren Übersetzungen, wenn jemand ins Exil ging? Das „Schicksal der Texte“, wie Aleksey es nennt – wie ist es darum bestellt? Wie ist es mit den jüdischen Übersetzern, dürfen sie Mitglieder der Schrifttumskammer sein, dürfen sie überhaupt noch übersetzen? Gibt es Übersetzer, die im Exil leben, aber ihre Übersetzungen erscheinen noch innerhalb Deutschlands? Diese zwölf Jahre sind zwar ein vergleichsweise kurzer Zeitraum, aber doch von einschneidender Bedeutung für die Kulturgeschichte des Übersetzens – zum Beispiel auch für Honorarfragen. 1932 war man im Bund deutscher Übersetzer schon so weit, einen Tarifvertrag mit den Verlagen abzuschließen, damit Übersetzer genauso gut bezahlt werden wie der Buchhalter oder der Gestalter im Verlag. Das ist dann 1933 durch Goebbels‘ Gleichschaltung zerschlagen worden. Selbst für die Position der heutigen Übersetzer ist die Zeit des Nationalsozialismus also von großer Bedeutung.

Wie fühlen Sie sich bei Ihrer Arbeit? Als Entdecker, Schatzsucher, Detektive – oder ist es eher wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen?

AT: Alles zugleich! Die aufwendige Recherche ist zwar manchmal frustrierend, aber wenn man dann was entdeckt, ist man umso erfreuter darüber, dass man etwas entdeckt hat, was vorher noch nie Bestandteil der veröffentlichten Wissensbestände war.

AFK: Das ist auch oft das Tolle für die Studenten. Wenn sie anfangen zu recherchieren und merken: Es gibt ja nicht mal einen Wikipedia-Artikel dazu, was soll ich jetzt machen? Und dann suchen sie weiter und kriegen irgendwann einen Faden in die Hand, und dann riffelt sich das auf, und sie merken, dass sie mit ihrer Arbeit Wissen produzieren – Wissen, das bisher noch gar nicht existiert. Für eine Universität, wo Forschung und Lehre doch irgendwie zusammengehen soll, ist das geradezu vorbildlich. Neues Wissen generieren durch Forschung, das ist eine ganz tolle Erfahrung.

Wer ist Ihr Lieblingsübersetzer oder Ihre Lieblingsübersetzerin bei UeLEX?

AT: Der Lieblingsübersetzer ist immer der, mit dem man sich aktuell beschäftigt. Da entstehen quasi Lebensabschnittspartnerschaften. Wobei es bei mir eigentlich polygam ist – ich habe zurzeit mehrere Lieblingsübersetzer. Sie sind alle sehr unterschiedlich, und jeder ist auf seine oder ihre Weise interessant und einmalig. Genau das ist ja das Faszinierende an UeLEX.

Andreas F. Kelletat ist Professor am Arbeitsbereich Interkulturelle Germanistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Julija Boguna und Aleksey Tashinskiy sind wissenschaftliche Mitarbeiter am AB Interkulturelle Germanistik. Sie alle verfassen und redigieren Beiträge, geben die Begleitpublikationen zur Übersetzungsforschung heraus und organisieren die UeLit-Tagungen am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim.
Die UeLEX-Redaktion freut sich jederzeit über Vorschläge für weitere Porträts von Übersetzerinnen und Übersetzern. Wenn ihr eine Idee für einen eigenen Beitrag habt, meldet euch einfach bei den Herausgebern!

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