Gro­ße klei­ne Spra­che: Irisch

In Zeiten, in denen sich auf der irischen Insel die Zukunft der ganzen europäischen Union entscheidet, empfiehlt sich ein genauerer Blick auf Sprache und Literatur dieses eigenen Kulturraums, der sich erst nach und nach von der anglophonen Überformung befreit. Von

Mildred Anne Butler: End of the day. Quelle: wikiart.com

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt; davon wird aber nur ein win­zi­ger Bruch­teil ins Deut­sche über­setzt. In die­ser Rubrik fra­gen wir Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Bis­he­ri­ge Bei­trä­ge in die­ser Rubrik:

Wie hast du Irisch gelernt?

Bei Sprach­kur­sen in Irland, und dann beim Stu­di­um, ich habe in Bonn und Ham­burg Kel­to­lo­gie stu­diert. In Ham­burg geht das jetzt nicht mehr, weil alle „klei­nen“ Spra­chen abge­schafft wor­den sind – muss man sich mal vor­stel­len! Das Insti­tut in Ham­burg hat­te einen so guten Ruf, dass sogar Leu­te aus Irland und Wales her­ka­men, um ein Semes­ter hier zu stu­die­ren …

Wie sieht die iri­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Sehr leb­haft, es hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren etli­che Ver­lags­neu­grün­dun­gen gege­ben, es gibt an Lite­ra­tur so unge­fähr alles: Roma­ne, Sach­bü­cher, Bio­gra­phien, Kin­der­bü­cher jeder Art, Bil­der­bü­cher, Über­set­zun­gen ins Iri­sche, Lyrik. Vor allem Lyrik. Die boomt, und es kommt sogar vor, dass Leu­te, die auf Eng­lisch schrei­ben, ihre Gedich­te auf eige­ne Kos­ten ins Iri­sche über­set­zen und dann auf Irisch vor­tra­gen las­sen, weil – hier zitie­re ich eine iri­sche Lite­ra­tur­zeit­schrift – „Irisch ein­fach mehr sexy ist.“

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Eini­ge von den mit­tel­al­ter­li­chen Epen, aus dem Sagen­kreis um Cúchu­l­ainn, Gedich­te von Nua­la Ní Dhomh­naill, viel­leicht einen Kri­mi von Anna Heuss­aff, und natür­lich von Máir­tín Ó Cad­hain: Cré na Cil­le. Das gilt als der bedeu­tends­te Roman in iri­scher Spra­che des 20. Jahr­hun­derts, gleich­ran­gig mit „Ulys­ses“ (das ja auf Eng­lisch ist), auf Deutsch: „Grab­ge­flüs­ter“ (Krö­ner Ver­lag).

Was ist noch nicht über­setzt?

Unend­lich viel! Und man­ches müss­te drin­gend neu über­setzt wer­den! Es galt lan­ge als salon­fä­hig, eng­li­sche Über­set­zun­gen von iri­schen Büchern zu über­set­zen, ein Bei­spiel: An t‑oileanach von Tomás Ó Criomht­hann, das hieß auf Deutsch Die Boo­te fah­ren nicht mehr aus, was ein blöd­sin­ni­ger Titel war, denn die Boo­te fuh­ren in höchs­tem Maße aus, als das Buch geschrie­ben wur­de! Ó Criomht­hann war stolz dar­auf, dass Men­schen wie er unter eigent­lich uner­träg­li­chen Umstän­den auf den Blas­ket­in­seln über­leb­ten. Der ste­tig wie­der­keh­ren­de Satz des Buches ist: „Unse­res­glei­chen wird es nie wie­der geben“, das wur­de im Iri­schen sprich­wört­lich. Im Iri­schen gibt es ein Wort für „Mensch“, wie im Deut­schen. Im Eng­li­schen ja nicht, in der eng­li­schen Über­set­zung, „The Island­man“ von Robin Flower, steht also immer „man“, wo im Iri­schen „dui­ne“ (eben: Mensch) steht – und in der Fas­sung von Anne­ma­rie und Hein­rich Böll ist das jedes­mal mit „Mann“ über­setzt, und man kriegt den total fal­schen Ein­druck, dass auf Blas­ket schlim­me­re Zustän­de herrsch­ten als in Sau­di-Ara­bi­en!

Bei Ó Criomht­hann (ihr seht schon, es ist eins mei­ner Lieb­lings­bü­cher!) kommt dazu, dass es seit eini­gen Jah­ren eine Neu­aus­ga­be von „An t‑oileanach“ gibt, mit Kapi­teln, die in die frü­he­ren nicht auf­ge­nom­men waren, weil dem Publi­kum Wör­ter wie „Schleim“ und „Pis­se“ nicht zuzu­mu­ten waren. Es fehlt auch das Kapi­tel, in denen er beschreibt, wie sei­ne Eltern für ihn eine Ehe arran­giert hat­ten und wie er ver­sucht hat, da raus­zu­kom­men, weil er eine Frau von einer ande­ren Insel lieb­te, aber die Sip­pe kann­te kein Par­don.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Iri­schen?

Eigent­lich, dass es viel zu wenig Wör­ter­bü­cher gibt, man muss immer wie­der rum­fra­gen und den hal­ben Bekann­ten­kreis und lau­ter Uni­leu­te akti­vie­ren, um dahin­ter­zu­kom­men, zumal bei AutorIn­nen, die nicht mehr leben.

Wie gehst du damit um?

Nach Gefühl und Wel­len­schlag, ich hof­fe, wenn ein Pro­blem selbst mit Hil­fe aller ver­füg­ba­ren Fach­leu­te nicht zu klä­ren ist, dass die Über­set­zung in sich stimmt und dass mei­ne Lösung im inne­ren Uni­ver­sum des Buches einen Sinn ergibt.

Was kann Irisch, was Deutsch nicht kann?

Weiß ich eigent­lich nicht. Irisch kann iri­sche Lebens­be­din­gun­gen wun­der­bar beschrei­ben und dar­stel­len und alles sagen, was dazu nötig ist. Aber das kann ja jede Spra­che in ihrem Land. Aber natür­lich gibt es Wör­ter und Aus­drü­cke, die ich ganz beson­ders wun­der­bar fin­de. Dass es den Unter­schied zwi­schen Ver­laufs­form und ein­ma­li­ger Hand­lung gibt, ver­gleich­bar mit dem deut­schen „ich bin am“. Als Rhein­län­de­rin liegt mir das natür­lich sehr nahe, aber im Iri­schen ist es Hoch­spra­che. Und es gibt so schö­ne Wör­ter wie „spi­deóg“, das ist ein Trop­fen, der dir an einem kal­ten Tag an der Nase hängt“!

Wir suchen für die Rubrik „Gro­ße klei­ne Spra­che“ Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die Lust haben, ihre „klei­ne“ Spra­che mit unse­rem Fra­ge­bo­gen vor­zu­stel­len. Wenn du dich ange­spro­chen fühlst, mel­de dich ger­ne unter redaktion@tralalit.de.

Gabrie­le Haefs, gebo­ren in Wachtendonk/Niederrhein, stu­dier­te Volks­kun­de, Sprach­wis­sen­schaft, Kel­to­lo­gie und Nor­dis­tik an den Uni­ver­si­tä­ten in Bonn und Ham­burg. 1982 schloss sie ihr Stu­di­um mit einer volks­kund­li­chen Dis­ser­ta­ti­on an der Uni­ver­si­tät Ham­burg ab. Sie lebt als Über­set­ze­rin und lite­ra­ri­sche Gele­gen­heits­ar­bei­te­rin in Ham­burg.
Foto: Miguel Fer­raz

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