Große kleine Sprache: Tschechisch

Tschechien ist Gastland der Leipziger Buchmesse 2019. Zu diesem Anlass haben wir eine Übersetzerin zur tschechischen Sprache und Literatur befragt. Von

„Promenade in den Rieger Gärten“ des böhmischen Malers Bohumil Kubišta. Quelle: Wikipedia

Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt; davon wird aber nur ein winziger Bruchteil ins Deutsche übersetzt. In dieser Rubrik fragen wir Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Bisherige Beiträge in dieser Rubrik:

Wie hast du Tschechisch gelernt?

Ich habe in Leipzig Übersetzen studiert und mit Tschechisch eigentlich fast bei Null angefangen. Vorher hatte ich nur einen Volkshochschulkurs gemacht. Während des Studiums war ich dann mehrere Semester in Prag, was mir sehr geholfen hat, die Sprache zu lernen. Tschechisch verwende ich als meine zweite Arbeitssprache leider viel weniger als Englisch. Das habe ich in den letzten Jahren versucht, ein bisschen zu ändern. Durch den Gastlandauftritt hatte ich erfreulicherweise auch deutlich mehr Übersetzungsanfragen aus dem Tschechischen.

Wie sieht die tschechische Literaturszene aus?

Ich würde sagen, sie ist überschaubar, aber dennoch spannend. Das Land ist klein. Die Buchmesse in Prag ist im Vergleich zu Leipzig oder Frankfurt übersichtlich. Trotzdem entdecke ich dort immer interessante Verlage und Bücher. Besonders die Kinderbücher sind oft sehr schön gestaltet. Ich bin immer wieder beeindruckt von den genialen Illustratorinnen und Illustratoren, den neuen Comics und in letzter Zeit von den markanten Autorinnen.

Was sollte man unbedingt gelesen haben?

Es gibt einen Sammelband mit neuerer Literatur aus Tschechien, „Die letzte Metro“, 2017 erschienen bei Voland & Quist, der einen guten Überblick über die aktuelle Literaturszene gibt. Wer Klassiker lesen möchte, kann sich zum Beispiel Bohumil Hrabal oder Ota Pavel vornehmen, da ist die Auswahl an übersetzten Werken recht groß. Von Hrabal habe ich zum Beispiel vor einer Weile „Ich dachte an die goldenen Zeiten“ gelesen (übersetzt von Susanna Roth).
Ich bin ein Fan von Jaroslav Rudiš, der die Atmosphäre verschiedener Großstädte brillant einfängt, z.B. in „Der Himmel unter Berlin“ oder „Vom Ende des Punks in Helsiniki“ (beide übersetzt von Eva Profousová). Außerdem mag ich die Bücher von Petra Soukupová, die auch als Drehbuchautorin arbeitet und hochinteressante Bücher für Kinder und Erwachsene schreibt. Auf Deutsch erscheint von ihr im Wieser Verlag demnächst der Band „Montagmorgen“, übersetzt von Johanna Posset. Der Wieser Verlag hat zusammen mit dem Brünner Verlag Větrné mlýny eine ganze Reihe unter dem Titel „Tschechische Auslese“ herausgebracht, in der man viele spannende Autorinnen und Autoren (zum Teil erstmals) auf Deutsch entdecken kann, darunter auch den von deutscher Seite lange ignorierten Michal Ajvaz, der im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Geschichten schreibt („Die Rückkehr des alten Waran“, übersetzt von Veronika Siska). Und dann wären noch die herrlichen Kinderbücher zu erwähnen, die in den letzten Jahren beim Karl Rauch Verlag erschienen sind, z.B. „Tippo und Fleck“ von Barborá Klárová, Tomáš Končinský, Daniel Špaček und Petr Šťepán (übersetzt von Lena Dorn) und „Kopf im Kopf“ von David Böhm & Ondřej Buddeus (übersetzt von Doris Kouba). Das ist natürlich eine sehr subjektive Auswahl …

Was ist noch nicht übersetzt?

Tschechische Comics gibt es leider noch viel zu wenige auf Deutsch. So sehr ich die Werke von Jaromír 99 mag („Alois Nebel“, „Zátopek“, auf Deutsch bei Voland & Quist erschienen): Er ist bei weitem nicht der einzige Comiczeichner aus Tschechien, der es verdient hat, auch in Deutschland wahrgenommen zu werden. Da gibt es zum Beispiel auch Lucie Lomová, TOY_BOX, Lela Geislerová, Pavel Čech, Jíři Grus … Die Liste könnte noch ewig weitergehen. Einige davon kann man dieses Jahr auch auf der Leipziger Buchmesse kennenlernen.

Was sind die Schwierigkeiten und Besonderheiten beim Übersetzen aus dem Tschechischen?

Die tschechische Sprache ist ungeheuer flexibel, durch Präfigierung können zum Beispiel neue Varianten eines Verbs entstehen, die dann in keinem Wörterbuch zu finden sind. Da muss man schon ein gutes Gespür haben, um das treffende Wort zu finden. Muttersprachler konsultieren zu können, ist immer eine große Hilfe.

Außerdem werden Diminutiva wirklich exzessiv genutzt. Nicht nur in Kinderbüchern. Im Deutschen gibt es viel weniger Koseformen und es ist auch nicht so üblich. Das reduziere ich dann schon gelegentlich.

Sprechende Namen sind ein weiteres Spezialthema. Im Grunde hat fast jeder Tscheche / jede Tschechin einen Nachnamen mit einer Bedeutung. Nicht nur die bei uns häufigen Berufsbezeichnungen wie Müller oder Meier, sondern auch Namen wie Cibulková (abgeleitet von Zwiebel), Nejezchlebová (Frau IsskeinBrot) oder Brzobohatý (bald reich). Und das sind keine Fantasienamen, sondern Namen, die man regelmäßig beim Zeitunglesen oder an Klingelschildern sieht. Sie zu übersetzen ist in den meisten Fällen nicht nötig, weil es ja ganz normale Nachnamen sind. Aber daraus können sich natürlich Wortspiele ergeben oder Hinweise auf den Charakter der Figuren. Gleichzeitig kann aber der Klang des Namens eine Rolle spielen. Da muss man also abwägen. Hin und wieder steht man auch vor der Frage, ob man Vornamen eindeutscht. Das ist inzwischen nicht mehr so üblich, außer natürlich in Kinderbüchern.
Und wenn man schon beim Eindeutschen ist, stellt sich auch die Frage nach den Ortsnamen. Wo hört man auf einzudeutschen, weil es nach Geschichtsrevisionismus ausschaut? Geht nur Prag oder Brünn auch noch? Lieber Olmütz oder Olomouc? Das muss man wohl bei jedem Text neu entscheiden, in Abhängkeit vom Kontext.

Außerdem kann sich Tschechisch ganz schön kurz fassen, da fällt mir immer sofort „nevím“ ein. Das ist auf Deutsch ein Drei-Wort-Satz: „Ich weiß nicht.“ Das mag bei einer literarischen Übersetzung kein großer Unterschied sein, aber wenn ich Untertitel übersetze, stellt mich jedes Zeichen mehr im Zieltext vor Probleme. Und bei Comics ist die Sprechblase dann vielleicht wirklich nur für fünf Buchstaben ausgelegt …

Wir suchen für die Rubrik „Große kleine Sprache“ Übersetzerinnen und Übersetzer, die Lust haben, ihre „kleine“ Sprache mit unserem Fragebogen vorzustellen. Wenn du dich angesprochen fühlst, melde dich gerne unter redaktion@tralalit.de.

Katharina Hinderer, geboren 1977, absolvierte ein Übersetzerstudium in Leipzig und Prag und war anschließend als Übersetzerin im Medienbereich angestellt. Seit 2017 ist sie als freiberufliche Übersetzerin, Untertitlerin und Filmbeschreiberin tätig und hat unter anderem Comics, Jugendliteratur und Belletristik aus dem Englischen und Tschechischen übertragen. Ihre Übersetzung eines Auszugs aus dem Debutroman von Anna Bolavá wurde 2016 beim Susanna Roth-Übersetzungswettbewerb der Tschechischen Zentren ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig und ist Mitglied des Literaturübersetzerverbands VdÜ sowie des Verbands der audiovisuellen ÜbersetzerInnen AVÜ.

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