Wenn einer von Cer­van­tes kommt, dann kann er was erzäh­len

Susanne Klingenstein hat „Die Reisen Benjamins des Dritten“ von Scholem Jankew Abramowitsch aus dem Jiddischen neu übersetzt. Und wie: Eine Weltsprache ist zu entdecken. Von

Yehuda Ludwig Schwerin: Illustration zu Masoes Binyomin hashlishi (1955). Benjamin und Senderl unterwegs. Abgedruckt in: Susanne Klingenstein, Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. Harrassowitz Verlag 2014. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.

Es ist im Jahr 2019 kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass ein gro­ßer publi­kums­ori­en­tier­ter Ver­lag die Neu­über­set­zung eines jid­di­schen Klas­si­kers ankün­digt. Das liegt vor allem dar­an, dass die jid­di­sche Lite­ra­tur­sze­ne nach ihrer weit­ge­hen­den Ver­nich­tung im Zwei­ten Welt­krieg in Deutsch­land in Ver­ges­sen­heit geriet – aber auch an den Beson­der­hei­ten die­ser ein­zig­ar­ti­gen Spra­che. Der jüdi­sche Intel­lek­tu­el­le Gershom Scholem, der sich viel mit Pro­ble­men der Über­set­zung beschäf­tig­te, schrieb über sie 1917 in einer Rezen­si­on:

Die Auf­ga­be einer prin­zi­pi­ell ein­wand­frei­en Ueber­set­zung jidi­scher Schrift­wer­ke gehört zu den schwie­rigs­ten der Ueber­set­zungs­kunst. Die­se Schwie­rig­keit grün­det sich auf die beson­de­re Zwie­späl­tig­keit der jidi­schen Spra­che, deren inne­re Form zu einem wesent­li­chen Teil schon die einer Ueber­set­zung ist.

Was Sholem mit dem Attri­but „Zwie­späl­tig­keit“ noch eher zurück­hal­tend beschreibt, ist in der Tat eines der fas­zi­nie­rends­ten Sprach­ge­bil­de, die unse­re Spe­zi­es her­vor­ge­bracht hat – das Jid­di­sche kennt hier­für den wun­der­ba­ren Fach­be­griff schmelzsch­sprach. Gebo­ren im Mit­tel­al­ter aus einem wohl rhei­ni­schen Dia­lekt des Mit­tel­hoch­deut­schen – geschrie­ben wur­de es aber von Beginn an in hebräi­schen Buch­sta­ben – und in der Fol­ge­zeit geformt unter den ver­schie­dens­ten poli­ti­schen und reli­giö­sen Ein­flüs­sen, ent­wi­ckel­te sich bis zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts die wohl fle­xi­bels­te und gewis­ser­ma­ßen poly­glot­tes­te Spra­che der Welt, die in Euro­pa hebräi­sche und ara­mäi­sche Ein­flüs­se eben­so in sich ver­ein­te wie roma­ni­sche und sla­wi­sche und in der ame­ri­ka­ni­schen Dia­spo­ra sogar  eng­li­sche Bestand­tei­le pro­blem­los absor­bier­te (ein Geschäft in Newark namens Físcher’ß tschip ßtor warb Ende des 19. Jahr­hun­derts für schá­beß ßejlß).1

Ande­rer­seits litt kei­ne Spra­che so unter der Ver­ach­tung – nein: dem Hass – jüdi­scher wie nicht­jü­di­scher Zeit­ge­nos­sen. Über den beson­ders in Deutsch­land gras­sie­ren­den Anti­se­mi­tis­mus, der im Jid­di­schen nichts ande­res sah als ein „uner­träg­lich ver­wirr­tes Geplap­per“ (so Richard Wag­ner in sei­nem Pam­phlet „Über das Juden­tum in der Musik“), brau­chen wir hier nicht vie­le Wor­te zu ver­lie­ren – viel schwe­rer für die (Selbst-)Verzwergung der jid­di­schen Sprach­ge­mein­de wog das Urteil der auf­ge­klär­ten, assi­mi­lier­ten, sich auf ihr Hoch­deutsch eini­ges ein­bil­den­den Juden. So urteil­te der wohl pro­fi­lier­tes­te Ver­tre­ter der jüdi­schen Auf­klä­rung (Haska­la), der Phi­lo­soph und Über­set­zer Moses Men­dels­sohn, im Jahr 1782 kaum weni­ger hart:

Hin­ge­gen wür­de ich es sehr ungern sehen, wenn […] die jüdisch-deut­sche Mund­art [also das Jid­di­sche] und die Ver­mi­schung des Hebräi­schen mit dem Deut­schen durch die Geset­ze auto­ri­sirt wür­den. Ich fürch­te, die­ser Jar­gon hat nicht wenig zur Unsitt­lich­keit des gemei­nen Man­nes bei­getra­gen […]. Wie wür­de es mich krän­ken, wenn die Lan­des­ge­set­ze selbst jenem Miß­brau­che bei­der Spra­chen gleich­sam das Wort rede­ten!

Im Bereich der west­jid­di­schen Varie­tät (also vor allem im Deut­schen Reich) führ­te der Ein­fluss Men­dels­sohns und der Haska­la zum lang­sa­men Aus­ster­ben der jid­di­schen Spra­che, die nach und nach vom Hoch­deut­schen ver­drängt wur­de und seit den 70er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts als aus­ge­stor­ben gilt.

Im Sprach­raum der ost­jid­di­schen Varie­tät, also im heu­ti­gen Polen, Weiß­russ­land, Litau­en und der Ukrai­ne, wohin das Jid­di­sche infol­ge ver­schie­de­ner Wan­de­rungs- und Ver­trei­bungs­be­we­gun­gen seit dem 13. Jahr­hun­dert gelangt war, ent­fal­te­te die Haska­la nie einen sol­chen Ein­fluss. Hier konn­te sich die jid­di­sche Spra­che ab dem 19. Jahr­hun­dert zu einer Qua­si-Natio­nal­spra­che der jüdi­schen Min­der­heit ent­wi­ckeln.

Ein gewich­ti­ger Anteil an die­ser Umdeu­tung der jid­di­schen Spra­che im Osten kam der Lite­ra­tur zu, und ganz beson­ders dem Schrift­stel­ler Scholem Jan­kew Abra­mo­witsch, der als ihr eigent­li­cher „Urva­ter“ gilt. 1836 in der Nähe von Minsk gebo­ren, wur­de er mit sei­nen unter dem Pseud­onym Men­de­le Moi­cher-Sfo­rim („Men­de­le der Buch­händ­ler“) ver­öf­fent­lich­ten Wer­ken ab 1860 zu einem Volks­schrift­stel­ler, des­sen Beliebt­heit bei der ost­jü­di­schen Leser­schaft kaum hoch genug ein­zu­schät­zen ist. Sein erst­mals 1878 erschie­ne­ner Roman „Kit­ser masoes Bin­yo­min hash­li­shi“, der nun in der Neu­über­set­zung von Susan­ne Klin­gen­stein unter dem Titel „Die Rei­sen Ben­ja­mins des Drit­ten“ im Han­ser Ver­lag erschie­nen ist, mar­kiert einen frü­hen Höhe­punkt der moder­nen jid­di­schen Lite­ra­tur.

Der titel­ge­ben­de „Ben­ja­min der Drit­te“ ist ein jüdi­scher Don Qui­xo­te – manch eine Über­set­zung des Werks trug sogar die­sen Unter­ti­tel. In der Ago­nie sei­nes ost­jü­di­schen Schtet­ls hat er sich so sehr in die Welt der Lite­ra­tur ver­senkt oder ver­irrt – zum Bei­spiel in die Rei­se­be­schrei­bun­gen der „ers­ten bei­den“ Ben­ja­mins und Alex­an­ders des Gro­ßen –, dass er sich zu einer Ost­rei­se wahr­haft mythi­schen Aus­ma­ßes beru­fen fühlt. Er will sei­nen trü­bes, ziel­lo­ses Dasein in sei­ner unbe­frie­di­gen­den Ehe hin­ter sich las­sen und die sagen­um­wo­be­nen „Roten Juden“ irgend­wo im fer­nen Osten, hin­ter dem mythi­schen Fluss „Sam­ba­ti­on“ aus­fin­dig machen.

Als Beglei­ter erwählt er sich den treu­en, aber auch ein­fäl­ti­gen Sen­derl, den er mit dem unbe­schei­de­nen Ver­spre­chen über­zeugt, ihn zum Vize­kö­nig machen zu wol­len, wenn er unter den auf­zu­spü­ren­den ver­lo­re­nen Stäm­men Isra­els zum König ernannt wird.

Von dem Moment an, als Ben­ja­min und Sen­derl sich an einer Wind­müh­le (sic!) tref­fen, um ihren per­sön­li­chen Aus­zug aus Ägyp­ten in die Tat umzu­set­zen, beginnt ein vir­tuo­ses, hoch­ko­mi­sches Spiel mit lite­ra­ri­schen Vor­bil­dern, bibli­schen Refe­ren­zen und der zaris­ti­schen Zen­sur. Die bei­den Hel­den schla­gen sich mehr schlecht als recht bis nach Dnjeprowitz/Kiew durch, wo sie unver­se­hens in die rus­si­sche Armee ein­ge­zo­gen wer­den – wel­ches Schick­sal ihnen am Ende beschie­den ist, sei hier offen gelas­sen.

Wen­den wir uns nun der Leis­tung der Über­set­ze­rin und Her­aus­ge­be­rin Susan­ne Klin­gen­stein zu, der wir die Auf­nah­me von Abra­mo­witschs Klas­si­ker in die Rei­he der Neu­über­set­zun­gen beim Han­ser Ver­lag ver­dan­ken. Dazu muss aller­dings vor­aus­ge­schickt wer­den, dass auf­grund der oben geschil­der­ten poli­ti­schen Rol­le des Jid­di­schen, die zwi­schen West und Ost und im Lau­fe der Jahr­hun­der­te von abgrund­tie­fer Ableh­nung zu empha­ti­scher Zunei­gung, ja: Ver­klä­rung umschwenk­te, auch die Rol­le der Über­set­zung des Jid­di­schen ins Deut­sche kon­tro­vers dis­ku­tiert wor­den ist. Dabei war die Tat­sa­che, dass das Jid­di­sche über ein schier unend­li­ches Reser­voir an erklä­rungs­be­dürf­ti­gen Fremd­wör­tern und fremd­sprach­li­chen Ein­spreng­seln ver­fügt, noch nicht ein­mal der Mit­tel­punkt des Streits.

Die ers­ten Über­set­zun­gen Abra­mo­witschs, ange­fer­tigt von einem gewis­sen Alex­an­der Eli­as­berg, zogen den Zorn des Essay­is­ten Fritz Mor­de­c­hai Kauf­mann auf sich:

Dort, wo Menda­le [also Abra­mo­witsch] das zeit­lich oder gefühls­mä­ßig Zusam­men­ge­hö­ren­de zu dem bis ins kleins­te orga­ni­sier­ten Gebil­de eines ein­zi­gen Sat­zes lan­gen Atems und voll­tö­nen­der Melo­die zusam­men­schweißt, hackt Eli­as­berg kurz­at­mi­ge, unver­bun­de­ne Sät­ze ab, denen das eini­gen­de Flu­idum der glück­lich hin­ge­setz­ten Par­ti­keln, der gebie­te­risch ver­bin­den­den Kon­junk­ti­on fehlt und die nun klang­los und ent­wer­tet, wie Füll­sel im Rau­me klap­pern.

Hin­ter die­ser Fun­da­men­tal­kri­tik ste­hen weni­ger über­set­zungs­tech­ni­sche als kul­tu­rel­le Grün­de: Eli­as­berg ver­kör­per­te näm­lich – gewis­ser­ma­ßen noch in der anpas­sungs­ori­en­tier­ten Tra­di­ti­on Men­dels­sohns – ein Über­set­ze­r­ide­al, das den (nicht­jü­di­schen) deut­schen Lese­rin­nen und Lesern Abra­mo­witschs Welt mög­lichst nah brin­gen woll­te und daher Kul­tur­spe­zi­fi­ka, Fremd­wör­ter und idio­syn­kra­ti­sche Rede­wei­sen so weit wie mög­lich glät­te­te oder gar tilg­te.

Für spä­te­re Autoren und Über­set­zer, die gera­de den kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Wert der ost­jü­di­schen Welt beto­nen woll­ten, konn­te die­ser Ansatz nur ein Gräu­el sein. Gershom Scholem, Jahr­gang 1897, brach­te die­se Ansicht in sei­ner bereits oben zitier­ten Über­set­zungs­kri­tik wie folgt auf den Punkt:

Die inne­re Form des Jidi­schen, des­sen obers­te und bestim­mends­te geis­ti­ge Ord­nun­gen nicht ihm sel­ber, son­dern dem Hebräi­schen ent­stam­men, ist eine Abbil­dung des hebräi­schen Sprach­geis­tes im Deut­schen, das gewis­ser­ma­ßen sei­ne Mate­rie gebil­det hat, und so hat jeder, wer heu­te aus dem Jidi­schen ins Deut­sche über­set­zen will, jenen Abbil­dungs­pro­zeß noch ein­mal zu wie­der­ho­len. Von hier­her begreift sich die For­de­rung, die man an alle Ueber­set­zer aus dem Jidi­schen unbe­dingt wird stel­len müs­sen: Die Kennt­nis des Hebräi­schen und sei­ner bestim­men­den Ord­nun­gen, andern­falls die Ueber­set­zung Gefahr läuft, see­len­los zu wer­den und kalt, das heißt: jene Wär­me höchst eigen­tüm­li­cher Art, die die Rei­bung des Hebräi­schen und Deut­schen anein­an­der im Jidi­schen erzeugt hat, und die noch in der letz­ten sei­ner Mani­fes­ta­tio­nen liegt, zu ver­lie­ren, da der Ueber­set­zen­de sie in sich nicht pri­mär zu repro­du­zie­ren ver­mag.

Wo ande­re Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer viel­leicht die Frei­heit haben, den ihnen geneh­men Weg frei zu wäh­len, begibt sich, wer Abra­mo­witsch über­setzt, unwei­ger­lich auf heik­len Boden.

Als 20 Jah­re nach Scholems Dik­tum der Schrift­stel­ler Efraim Frisch die ers­te deut­sche Über­set­zung der „Rei­sen Ben­ja­mins des Drit­ten“ her­aus­gab, waren die Zei­ten aller­dings wie­der ande­re: Zu Zei­ten der Nazi­herr­schaft in Deutsch­land moch­te zwar der jüdi­sche Klas­si­ker dem jüdi­schen Publi­kum in Deutsch­land durch­aus gefal­len – die mit­un­ter bei­ßen­de Gesell­schafts­sa­ti­re Abra­mo­witschs, die die jüdi­schen Schtetl-Bewoh­ner für ihr Elend durch­aus auch selbst ver­ant­wort­lich macht, pass­te aber umso weni­ger in die Zeit. Und so ent­stand eine Über­set­zung, die in sprach­li­cher Hin­sicht durch­aus über die so scharf kri­ti­sier­ten Eli­as­berg-Ver­su­che hin­aus­ging, auf der ande­ren Sei­te aber ein Bild des Autors schuf, der, so Susan­ne Klin­gen­stein in ihrem Nach­wort zum vor­lie­gen­den Band, „das dün­ne Bild von einem Men­de­le als jid­di­schem Autor [eta­blier­te], der gott­er­ge­ben über sei­ne fröh­lich-armen Lands­leu­te schrieb“.

Klin­gen­stein selbst, Jahr­gang 1959, steht für eine drit­te Genera­ti­on von Über­set­ze­rin­nen aus dem Jid­di­schen, die als Sprach­frem­de oder „Nach­sprach­li­che“ nicht mehr aus der Unmit­tel­bar­keit der jid­di­schen Sprach- und Welt­erfah­rung schöpft, son­dern es sich wie jede ande­re Fremd­spra­che ange­eig­net hat. Ihre Über­set­zung, so schreibt sie selbst im umfang­rei­chen Nach­wort,

pri­vi­le­giert das heu­ti­ge Lese­ver­gnü­gen und wählt eine Spra­che, die in Rhyth­mus und Wort­wahl so natür­lich wie mög­lich ist, aber der Höf­lich­keit, ja Vor­nehm­heit des Tons, den Men­de­le wähl­te, Rech­nung trägt. Wör­ter, die im Deutsch des spä­ten 19. Jahr­hun­derts nicht gän­gig waren, wer­den nicht benutzt. Die syn­tak­ti­schen Ein­hei­ten blei­ben, soweit ästhe­tisch ver­tret­bar, bewahrt; die wich­tigs­ten Anspie­lun­gen wer­den in den Anmer­kun­gen erklärt.

Die­se über­set­zungs-pro­gram­ma­ti­schen Ein­las­sun­gen machen klar: Obwohl die Aus­ga­be in einem Publi­kums­ver­lag erschie­nen ist und sich ganz offen­sicht­lich an eine brei­te Leser­schaft rich­tet, die (wie ich) nicht in der Lage ist, das jid­di­sche Ori­gi­nal zu lesen, ver­fol­gen Über­set­ze­rin und Ver­lag hier das Ziel, uns jede noch so klei­ne Anspie­lung, jede Vari­an­te und jede Deu­tungs­rich­tung des Tex­tes vor­zu­le­gen. Von den 285 Sei­ten des Ban­des füllt der Roman selbst gera­de ein­mal die ers­ten 159 – der Rest sind (in die­ser Rei­hen­fol­ge) Anmer­kun­gen, Nach­wort, edi­to­ri­sche Notiz, Biblio­gra­phie und Zeit­ta­fel.

Man merkt dem Band den phi­lo­lo­gi­schen Elan an, mit dem hier ein Autor ins Licht der Öffent­lich­keit gebracht wird, und die zahl­rei­chen Fuß­no­ten und Anmer­kun­gen sto­ßen dem Leser, der (wie ich) unbe­darft und unge­bil­det an die Mate­rie her­an­geht, das Tor zu der fas­zi­nie­ren­den jid­di­schen Kul­tur und Geschich­te weit auf.

Machen wir das im Ver­gleich an einer fast belie­bi­gen Text­stel­le deut­lich: Hier macht sich Sen­derl über sei­ne eige­ne Rei­se lus­tig (links Frisch, rechts Klin­gen­stein):

Sitz zu Hau­se und rühr dich nicht, sagt das Sprich­wort, und die Leu­te sagen, eine Sprich­wort ist, Pro­fa­nes vom Hei­li­gen zu schei­den, so gut wie ein Spruch im Tal­mud.
Sidi doma da ni ripas­ja* lau­tet ein Sprich­wort. Und man sagt ja, ein Sprich­wort ist, es sei zwi­schen ihnen wohl unter­schie­den, eine Gemo­re.
* Sitz zu Hau­se und rühr dich nicht (сиди дома да не рыпайcя). [Anmer­kung und Kur­si­vie­rung im Ori­gi­nal.]

Erst Klin­gen­steins poly­glot­te Prä­zi­si­on macht hier deut­lich, wel­chen uner­mess­li­chen Sprach­raum Abra­mo­witsch mit sei­nem Text auf­spannt. Der gan­ze Text ist von hebräi­schen Fach­be­grif­fen wie Gemo­re, einem rab­bi­ni­schen Lehr­satz, durch­zo­gen, eben­so wie mit rus­si­schen Ein­spreng­seln, ins­be­son­de­re in den (oft schei­tern­den) Unter­hal­tun­gen mit nicht-jüdi­schen Rei­se­be­kannt­schaf­ten.

Aus den Miss­ver­ständ­nis­sen, die bei die­ser Viel­sprach­lich­keit ganz selbst­ver­ständ­lich auf­tre­ten, bezieht Abra­mo­witschs Roman auch sei­ne Komik. Im obi­gen Bei­spiel unter­läuft Sen­derl (wohl unbe­wusst) die ritu­el­len jüdi­schen Tren­nungs­re­geln: denn das jid­di­sche Aller­welts­wort leháwdl, bei Frisch über­setzt als „Pro­fa­nes zum Hei­li­gen zu schei­den“, bei Klin­gen­stein etwas nüch­ter­ner „es sei zwi­schen ihnen wohl unter­schie­den“, soll­te eigent­lich gera­de (welt­li­che) Sprich­wör­ter und (reli­giö­se) Gemo­re von­ein­an­der schei­den, und sie gera­de nicht, wie Sen­derl es den Volks­mund zitie­rend tut, gleich­set­zen.

Dass die Über­set­zung eines Romans mit so vie­len sprach­li­chen und inhalt­li­chen Schich­ten nicht jede glei­cher­ma­ßen pri­vi­le­gie­ren kann, ver­steht sich von selbst. Daher ver­wun­dert Klin­gen­steins oben zitier­te Selbst­ein­schät­zung, ihr Text pri­vi­le­gie­re das „heu­ti­ge Lese­ver­gnü­gen“. Denn vie­le ihrer über­set­ze­ri­schen Ent­schei­dun­gen sind eher dazu geeig­net, ande­re Aspek­te des Tex­tes her­vor­zu­keh­ren, wie sei­ne Viel­sprach­lich­keit, sei­nen Anspie­lungs­reich­tum oder sei­ne poli­ti­sche Bis­sig­keit. Dass dabei ein nicht unbe­dingt sti­lis­tisch glat­ter oder leicht les­ba­rer Text her­aus­kommt, ist gar nicht wei­ter ver­wun­der­lich und bei Tex­ten mit gro­ßem phi­lo­lo­gi­schem Unter­bau auch nicht ver­werf­lich.

Fest steht: Das Kli­schee der jid­di­schen Betu­lich­keit sucht man bei Klin­gen­stein ver­geb­lich. Das Lesen die­ses Romans ist durch­aus mit Denk­ar­beit ver­bun­den, wenn man in der unter­ge­gan­ge­nen Welt des rus­si­schen Ost­ju­den­tums nicht gera­de geis­tig zu Hau­se ist. Gin­ge es nur um das „Lese­ver­gnü­gen“, so lie­ße sich an Stel­len wie der fol­gen­den eini­ges kri­ti­sie­ren bzw. lek­to­rie­ren:

Erst wenn das Neue sich ein­ge­nis­tet hat und hand­fest sei­nen Nut­zen beweist, reißt man es an sich, genießt es und ver­gisst dar­über völ­lig den armen Kerl, der es im Schwei­ße sei­nes Ange­sichts erfand. Er muss schon froh sein, wenn die Welt sich nach sei­nem Tod an ihn erin­nert und ihm ein Denk­mal errich­tet. Mil­lio­nen von Men­schen leben heu­te glück­lich und frei in Ame­ri­ka, wäh­rend Kolum­bus, nach­dem er den Gedan­ken gefasst hat­te, Ame­ri­ka zu ent­de­cken, noch viel gelit­ten hat. Die Welt hielt ihn für ver­rückt und erüb­rig­te für ihn nichts als Spott.

Das mag dem Ori­gi­nal nahe­kom­men (man sehe vom geschichts­po­li­tisch kon­fu­sen Inhalt an die­ser Stel­le ab), aber der ver­wir­rend mit „wäh­rend“ ange­schlos­se­ne Tem­pus­sprung im vor­letz­ten Satz ist sti­lis­tisch bes­ten­falls unge­lenk, und das Verb „etwas für jeman­den erüb­ri­gen“ klingt arg gewollt alter­tü­melnd.

Die­se Stil­kri­tik soll aber nicht dar­über hin­weg­tö­nen, dass Klin­gen­stein und ihr Lek­tor Wolf­gang Matz mit ihrer fast rüh­rend lie­be­voll zusam­men­ge­stell­ten Aus­ga­be Pio­nier­ar­beit geleis­tet haben. Jeder und jedem, der Lust hat, sich auf ein oft völ­lig über­se­he­nes Kapi­tel der euro­päi­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te zu bege­ben, bie­tet der Band einen vor­züg­li­chen Ein­stiegs­punkt, von dem aus sich die Geschich­te des euro­päi­schen Juden­tums und die wei­te­ren Klas­si­ker der jid­di­schen Lite­ra­tur ganz neu ent­de­cken las­sen.


Scholem J. Abramowitsch/Susanne Klin­gen­stein: Die Rei­sen Ben­ja­mins des Drit­ten. (Im jid­di­schen Ori­gi­nal: Kit­ser masoes Bin­yo­min hash­li­shi.)

Han­ser 2019 ⋅ 288 Sei­ten ⋅ 28 Euro

www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-reisen-benjamins-des-dritten/978–3‑446–26395‑6/

  1. Abge­druckt in Mari­on Aptroot/Roland Grusch­ka: Jid­disch. Geschich­te und Kul­tur einer Welt­spra­che, C.H. Beck 2010, S. 120f.

2 Comments

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  1. 1
    Susanne Klingenstein

    Die Stil­kri­tik im letz­ten Absatz Ihres sehr schö­nen Essays scheint zunächst berech­tigt. Aber wenn man genau­er über den kri­ti­sier­ten Satz nach­denkt, kommt doch zu dem Schluß, dass die vor­ge­schla­ge­ne Lösung für das Pro­blem, das die­ser Satz stellt, nicht so schlecht ist. Der Gebrauch von„während“ beinhal­tet näm­lich sowohl Gegen­satz als auch Gleich­zei­tig­keit (bei­des ist im jid­di­schen Ori­gi­nal inten­diert). Das Lei­den von Kolum­bus liegt vor dem Glück der Emi­gran­ten in Ame­ri­ka; also ist die Zei­ten­fol­ge rich­tig hier. Ich wür­de beim Über­den­ken der Stel­le heu­te wahr­schein­lich ein­fa­che Ver­gan­gen­heit wäh­len („noch sehr viel litt“); aller­dings soll­te auch der gespro­che­ne Cha­rak­ter und das Hin­ge­wor­fe­ne die­ser Stel­le ange­deu­tet wer­den.
    Die Wort­wahl von „erüb­ri­gen“ ergab sich aus dem flau­bertschen Stil­prin­zip, Sät­ze nur im äus­sers­ten Not­fall in einem schwa­chen Wort enden zu las­sen. Wenn man also „übrig haben“ gewählt hät­te, hät­te der Satz gelau­tet (so in einer frü­he­ren Fas­sung): „und hat­te für ihn nichts als Spott übrig.“ Oi! Schlech­ter Rhyth­mus.
    Dass es sich in die­sem Satz nicht um einen his­to­risch genau­en Bericht über die Ent­de­ckung Ame­ri­kas han­delt, ist ja klar. Beim genaue­ren Nach­den­ken kommt man dahin­ter, dass Abra­mo­witsch hier mit leich­ter Hand andeu­tet, dass das letzt­lich kom­mer­zi­el­le Unter­neh­men von Kolum­bus neue Sied­lungs­ge­bie­te (auch für Juden) eröff­ne­te. Kolum­bus ist die Folie für den vier­ten (nie genann­ten) Ben­ja­min: den eng­li­schen Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Dis­rae­li – denn in die­sem Roman geht es auf der poli­ti­schen Ebe­ne um die Mög­lich­keit, Juden in Paläs­ti­na anzu­sie­deln, eine Mög­lich­keit, die durch Dis­rae­lis Erwerb der ägyp­ti­schen Anteil am Suez Kanal für GB und eine neue akti­ve Nah­ost Poli­tik der Eng­län­der erst­mals als rea­le Mög­lich­keit auf­schien. Kolum­bus mar­kiert für Abra­mo­witsch den Beginn des Kolo­nia­lis­mus und „tongue in cheek“ ver­kün­det er hier die posi­ti­ven Kon­se­quen­zen. Abra­mo­witsch war vehe­men­ter Anti­ko­lo­nia­list. Jeder Satz bei Abra­mo­witsch hat min­des­tens drei Bedeu­tungs­ebe­nen. Die muss man nicht mit­be­kom­men; aber wenn man über eine Stel­le stol­pert (meist wegen einer von Abra­mo­witsch aus­ge­leg­ten Fuss­an­gel, wie eben auch in die­sem Satz), dann muss man dar­über nach­den­ken, war­um er eine Sache gera­de so und nicht anders for­mu­liert.

    In Ihrem rus­si­schen Zitat ist ein Feh­ler: das л muss ein п sein. So auch im Buch (S. 74). Ihr Druck­feh­ler hat mich ganz schön erschreckt!

    Haben wir die­se Aus­ga­be „fast rüh­rend lie­be­voll zusam­men­ge­stellt“? Abra­mo­witsch war ein unglaub­lich bele­se­ner und anspruchs­vol­ler Intel­lek­tu­el­ler und stand in sei­ner uner­bitt­li­chen Prä­zi­si­on Gershom Scholem in nichts nach. Wir woll­ten ein Buch machen, das in sei­ner Genau­ig­keit und intel­lek­tu­el­len Dis­zi­pli­niert­heit den Ansprü­chen die­ser dor­ni­gen Nach­den­ker genügt hät­te. Das war unse­re Form der Ehrer­wei­sung. Und Sie selbst haben ja nun auch sehr schön und genau dem gro­ßen Abra­mo­witsch ihre Reve­renz erwie­sen. Ihnen sei Dank!

    • 2
      Felix Pütter

      Herz­li­chen Dank für Ihren Kom­men­tar! Die Aus­füh­run­gen machen noch ein­mal deut­lich, wie viel Herz­blut und Denk­ar­beit Sie in jede ein­zel­ne Text­stel­le gesteckt haben. Den Tran­skri­bier­feh­ler habe ich soeben kor­ri­giert. Dan­ke für den Hin­weis.

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