Wenn einer von Cervantes kommt, dann kann er was erzählen

Susanne Klingenstein hat „Die Reisen Benjamins des Dritten“ von Scholem Jankew Abramowitsch aus dem Jiddischen neu übersetzt. Und wie: Eine Weltsprache ist zu entdecken. Von

Yehuda Ludwig Schwerin: Illustration zu Masoes Binyomin hashlishi (1955). Benjamin und Senderl unterwegs. Abgedruckt in: Susanne Klingenstein, Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. Harrassowitz Verlag 2014. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Anm. d. Red.: Dieser Beitrag wurde ohne Kenntnis der Originalsprache verfasst. Mehr zum Thema hier.

Es ist im Jahr 2019 keine Selbstverständlichkeit, dass ein großer publikumsorientierter Verlag die Neuübersetzung eines jiddischen Klassikers ankündigt. Das liegt vor allem daran, dass die jiddische Literaturszene nach ihrer weitgehenden Vernichtung im Zweiten Weltkrieg in Deutschland in Vergessenheit geriet – aber auch an den Besonderheiten dieser einzigartigen Sprache. Der jüdische Intellektuelle Gershom Scholem, der sich viel mit Problemen der Übersetzung beschäftigte, schrieb über sie 1917 in einer Rezension:

Die Aufgabe einer prinzipiell einwandfreien Uebersetzung jidischer Schriftwerke gehört zu den schwierigsten der Uebersetzungskunst. Diese Schwierigkeit gründet sich auf die besondere Zwiespältigkeit der jidischen Sprache, deren innere Form zu einem wesentlichen Teil schon die einer Uebersetzung ist.

Was Sholem mit dem Attribut „Zwiespältigkeit“ noch eher zurückhaltend beschreibt, ist in der Tat eines der faszinierendsten Sprachgebilde, die unsere Spezies hervorgebracht hat – das Jiddische kennt hierfür den wunderbaren Fachbegriff schmelzschsprach. Geboren im Mittelalter aus einem wohl rheinischen Dialekt des Mittelhochdeutschen – geschrieben wurde es aber von Beginn an in hebräischen Buchstaben – und in der Folgezeit geformt unter den verschiedensten politischen und religiösen Einflüssen, entwickelte sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wohl flexibelste und gewissermaßen polyglotteste Sprache der Welt, die in Europa hebräische und aramäische Einflüsse ebenso in sich vereinte wie romanische und slawische und in der amerikanischen Diaspora sogar  englische Bestandteile problemlos absorbierte (ein Geschäft in Newark namens Físcher’ß tschip ßtor warb Ende des 19. Jahrhunderts für schábeß ßejlß).1

Andererseits litt keine Sprache so unter der Verachtung – nein: dem Hass – jüdischer wie nichtjüdischer Zeitgenossen. Über den besonders in Deutschland grassierenden Antisemitismus, der im Jiddischen nichts anderes sah als ein „unerträglich verwirrtes Geplapper“ (so Richard Wagner in seinem Pamphlet „Über das Judentum in der Musik“), brauchen wir hier nicht viele Worte zu verlieren – viel schwerer für die (Selbst-)Verzwergung der jiddischen Sprachgemeinde wog das Urteil der aufgeklärten, assimilierten, sich auf ihr Hochdeutsch einiges einbildenden Juden. So urteilte der wohl profilierteste Vertreter der jüdischen Aufklärung (Haskala), der Philosoph und Übersetzer Moses Mendelssohn, im Jahr 1782 kaum weniger hart:

Hingegen würde ich es sehr ungern sehen, wenn […] die jüdisch-deutsche Mundart [also das Jiddische] und die Vermischung des Hebräischen mit dem Deutschen durch die Gesetze autorisirt würden. Ich fürchte, dieser Jargon hat nicht wenig zur Unsittlichkeit des gemeinen Mannes beigetragen […]. Wie würde es mich kränken, wenn die Landesgesetze selbst jenem Mißbrauche beider Sprachen gleichsam das Wort redeten!

Im Bereich der westjiddischen Varietät (also vor allem im Deutschen Reich) führte der Einfluss Mendelssohns und der Haskala zum langsamen Aussterben der jiddischen Sprache, die nach und nach vom Hochdeutschen verdrängt wurde und seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als ausgestorben gilt.

Im Sprachraum der ostjiddischen Varietät, also im heutigen Polen, Weißrussland, Litauen und der Ukraine, wohin das Jiddische infolge verschiedener Wanderungs- und Vertreibungsbewegungen seit dem 13. Jahrhundert gelangt war, entfaltete die Haskala nie einen solchen Einfluss. Hier konnte sich die jiddische Sprache ab dem 19. Jahrhundert zu einer Quasi-Nationalsprache der jüdischen Minderheit entwickeln.

Ein gewichtiger Anteil an dieser Umdeutung der jiddischen Sprache im Osten kam der Literatur zu, und ganz besonders dem Schriftsteller Scholem Jankew Abramowitsch, der als ihr eigentlicher „Urvater“ gilt. 1836 in der Nähe von Minsk geboren, wurde er mit seinen unter dem Pseudonym Mendele Moicher-Sforim („Mendele der Buchhändler“) veröffentlichten Werken ab 1860 zu einem Volksschriftsteller, dessen Beliebtheit bei der ostjüdischen Leserschaft kaum hoch genug einzuschätzen ist. Sein erstmals 1878 erschienener Roman „Kitser masoes Binyomin hashlishi“, der nun in der Neuübersetzung von Susanne Klingenstein unter dem Titel „Die Reisen Benjamins des Dritten“ im Hanser Verlag erschienen ist, markiert einen frühen Höhepunkt der modernen jiddischen Literatur.

Der titelgebende „Benjamin der Dritte“ ist ein jüdischer Don Quixote – manch eine Übersetzung des Werks trug sogar diesen Untertitel. In der Agonie seines ostjüdischen Schtetls hat er sich so sehr in die Welt der Literatur versenkt oder verirrt – zum Beispiel in die Reisebeschreibungen der „ersten beiden“ Benjamins und Alexanders des Großen –, dass er sich zu einer Ostreise wahrhaft mythischen Ausmaßes berufen fühlt. Er will seinen trübes, zielloses Dasein in seiner unbefriedigenden Ehe hinter sich lassen und die sagenumwobenen „Roten Juden“ irgendwo im fernen Osten, hinter dem mythischen Fluss „Sambation“ ausfindig machen.

Als Begleiter erwählt er sich den treuen, aber auch einfältigen Senderl, den er mit dem unbescheidenen Versprechen überzeugt, ihn zum Vizekönig machen zu wollen, wenn er unter den aufzuspürenden verlorenen Stämmen Israels zum König ernannt wird.

Von dem Moment an, als Benjamin und Senderl sich an einer Windmühle (sic!) treffen, um ihren persönlichen Auszug aus Ägypten in die Tat umzusetzen, beginnt ein virtuoses, hochkomisches Spiel mit literarischen Vorbildern, biblischen Referenzen und der zaristischen Zensur. Die beiden Helden schlagen sich mehr schlecht als recht bis nach Dnjeprowitz/Kiew durch, wo sie unversehens in die russische Armee eingezogen werden – welches Schicksal ihnen am Ende beschieden ist, sei hier offen gelassen.

Wenden wir uns nun der Leistung der Übersetzerin und Herausgeberin Susanne Klingenstein zu, der wir die Aufnahme von Abramowitschs Klassiker in die Reihe der Neuübersetzungen beim Hanser Verlag verdanken. Dazu muss allerdings vorausgeschickt werden, dass aufgrund der oben geschilderten politischen Rolle des Jiddischen, die zwischen West und Ost und im Laufe der Jahrhunderte von abgrundtiefer Ablehnung zu emphatischer Zuneigung, ja: Verklärung umschwenkte, auch die Rolle der Übersetzung des Jiddischen ins Deutsche kontrovers diskutiert worden ist. Dabei war die Tatsache, dass das Jiddische über ein schier unendliches Reservoir an erklärungsbedürftigen Fremdwörtern und fremdsprachlichen Einsprengseln verfügt, noch nicht einmal der Mittelpunkt des Streits.

Die ersten Übersetzungen Abramowitschs, angefertigt von einem gewissen Alexander Eliasberg, zogen den Zorn des Essayisten Fritz Mordechai Kaufmann auf sich:

Dort, wo Mendale [also Abramowitsch] das zeitlich oder gefühlsmäßig Zusammengehörende zu dem bis ins kleinste organisierten Gebilde eines einzigen Satzes langen Atems und volltönender Melodie zusammenschweißt, hackt Eliasberg kurzatmige, unverbundene Sätze ab, denen das einigende Fluidum der glücklich hingesetzten Partikeln, der gebieterisch verbindenden Konjunktion fehlt und die nun klanglos und entwertet, wie Füllsel im Raume klappern.

Hinter dieser Fundamentalkritik stehen weniger übersetzungstechnische als kulturelle Gründe: Eliasberg verkörperte nämlich – gewissermaßen noch in der anpassungsorientierten Tradition Mendelssohns – ein Übersetzerideal, das den (nichtjüdischen) deutschen Leserinnen und Lesern Abramowitschs Welt möglichst nah bringen wollte und daher Kulturspezifika, Fremdwörter und idiosynkratische Redeweisen so weit wie möglich glättete oder gar tilgte.

Für spätere Autoren und Übersetzer, die gerade den kulturellen und religiösen Wert der ostjüdischen Welt betonen wollten, konnte dieser Ansatz nur ein Gräuel sein. Gershom Scholem, Jahrgang 1897, brachte diese Ansicht in seiner bereits oben zitierten Übersetzungskritik wie folgt auf den Punkt:

Die innere Form des Jidischen, dessen oberste und bestimmendste geistige Ordnungen nicht ihm selber, sondern dem Hebräischen entstammen, ist eine Abbildung des hebräischen Sprachgeistes im Deutschen, das gewissermaßen seine Materie gebildet hat, und so hat jeder, wer heute aus dem Jidischen ins Deutsche übersetzen will, jenen Abbildungsprozeß noch einmal zu wiederholen. Von hierher begreift sich die Forderung, die man an alle Uebersetzer aus dem Jidischen unbedingt wird stellen müssen: Die Kenntnis des Hebräischen und seiner bestimmenden Ordnungen, andernfalls die Uebersetzung Gefahr läuft, seelenlos zu werden und kalt, das heißt: jene Wärme höchst eigentümlicher Art, die die Reibung des Hebräischen und Deutschen aneinander im Jidischen erzeugt hat, und die noch in der letzten seiner Manifestationen liegt, zu verlieren, da der Uebersetzende sie in sich nicht primär zu reproduzieren vermag.

Wo andere Übersetzerinnen und Übersetzer vielleicht die Freiheit haben, den ihnen genehmen Weg frei zu wählen, begibt sich, wer Abramowitsch übersetzt, unweigerlich auf heiklen Boden.

Als 20 Jahre nach Scholems Diktum der Schriftsteller Efraim Frisch die erste deutsche Übersetzung der „Reisen Benjamins des Dritten“ herausgab, waren die Zeiten allerdings wieder andere: Zu Zeiten der Naziherrschaft in Deutschland mochte zwar der jüdische Klassiker dem jüdischen Publikum in Deutschland durchaus gefallen – die mitunter beißende Gesellschaftssatire Abramowitschs, die die jüdischen Schtetl-Bewohner für ihr Elend durchaus auch selbst verantwortlich macht, passte aber umso weniger in die Zeit. Und so entstand eine Übersetzung, die in sprachlicher Hinsicht durchaus über die so scharf kritisierten Eliasberg-Versuche hinausging, auf der anderen Seite aber ein Bild des Autors schuf, der, so Susanne Klingenstein in ihrem Nachwort zum vorliegenden Band, „das dünne Bild von einem Mendele als jiddischem Autor [etablierte], der gottergeben über seine fröhlich-armen Landsleute schrieb“.

Klingenstein selbst, Jahrgang 1959, steht für eine dritte Generation von Übersetzerinnen aus dem Jiddischen, die als Sprachfremde oder „Nachsprachliche“ nicht mehr aus der Unmittelbarkeit der jiddischen Sprach- und Welterfahrung schöpft, sondern es sich wie jede andere Fremdsprache angeeignet hat. Ihre Übersetzung, so schreibt sie selbst im umfangreichen Nachwort,

privilegiert das heutige Lesevergnügen und wählt eine Sprache, die in Rhythmus und Wortwahl so natürlich wie möglich ist, aber der Höflichkeit, ja Vornehmheit des Tons, den Mendele wählte, Rechnung trägt. Wörter, die im Deutsch des späten 19. Jahrhunderts nicht gängig waren, werden nicht benutzt. Die syntaktischen Einheiten bleiben, soweit ästhetisch vertretbar, bewahrt; die wichtigsten Anspielungen werden in den Anmerkungen erklärt.

Diese übersetzungs-programmatischen Einlassungen machen klar: Obwohl die Ausgabe in einem Publikumsverlag erschienen ist und sich ganz offensichtlich an eine breite Leserschaft richtet, die (wie ich) nicht in der Lage ist, das jiddische Original zu lesen, verfolgen Übersetzerin und Verlag hier das Ziel, uns jede noch so kleine Anspielung, jede Variante und jede Deutungsrichtung des Textes vorzulegen. Von den 285 Seiten des Bandes füllt der Roman selbst gerade einmal die ersten 159 – der Rest sind (in dieser Reihenfolge) Anmerkungen, Nachwort, editorische Notiz, Bibliographie und Zeittafel.

Man merkt dem Band den philologischen Elan an, mit dem hier ein Autor ins Licht der Öffentlichkeit gebracht wird, und die zahlreichen Fußnoten und Anmerkungen stoßen dem Leser, der (wie ich) unbedarft und ungebildet an die Materie herangeht, das Tor zu der faszinierenden jiddischen Kultur und Geschichte weit auf.

Machen wir das im Vergleich an einer fast beliebigen Textstelle deutlich: Hier macht sich Senderl über seine eigene Reise lustig (links Frisch, rechts Klingenstein):

Sitz zu Hause und rühr dich nicht, sagt das Sprichwort, und die Leute sagen, eine Sprichwort ist, Profanes vom Heiligen zu scheiden, so gut wie ein Spruch im Talmud.
Sidi doma da ni ripasja* lautet ein Sprichwort. Und man sagt ja, ein Sprichwort ist, es sei zwischen ihnen wohl unterschieden, eine Gemore.
* Sitz zu Hause und rühr dich nicht (сиди дома да не рыпайcя). [Anmerkung und Kursivierung im Original.]

Erst Klingensteins polyglotte Präzision macht hier deutlich, welchen unermesslichen Sprachraum Abramowitsch mit seinem Text aufspannt. Der ganze Text ist von hebräischen Fachbegriffen wie Gemore, einem rabbinischen Lehrsatz, durchzogen, ebenso wie mit russischen Einsprengseln, insbesondere in den (oft scheiternden) Unterhaltungen mit nicht-jüdischen Reisebekanntschaften.

Aus den Missverständnissen, die bei dieser Vielsprachlichkeit ganz selbstverständlich auftreten, bezieht Abramowitschs Roman auch seine Komik. Im obigen Beispiel unterläuft Senderl (wohl unbewusst) die rituellen jüdischen Trennungsregeln: denn das jiddische Allerweltswort leháwdl, bei Frisch übersetzt als „Profanes zum Heiligen zu scheiden“, bei Klingenstein etwas nüchterner „es sei zwischen ihnen wohl unterschieden“, sollte eigentlich gerade (weltliche) Sprichwörter und (religiöse) Gemore voneinander scheiden, und sie gerade nicht, wie Senderl es den Volksmund zitierend tut, gleichsetzen.

Dass die Übersetzung eines Romans mit so vielen sprachlichen und inhaltlichen Schichten nicht jede gleichermaßen privilegieren kann, versteht sich von selbst. Daher verwundert Klingensteins oben zitierte Selbsteinschätzung, ihr Text privilegiere das „heutige Lesevergnügen“. Denn viele ihrer übersetzerischen Entscheidungen sind eher dazu geeignet, andere Aspekte des Textes hervorzukehren, wie seine Vielsprachlichkeit, seinen Anspielungsreichtum oder seine politische Bissigkeit. Dass dabei ein nicht unbedingt stilistisch glatter oder leicht lesbarer Text herauskommt, ist gar nicht weiter verwunderlich und bei Texten mit großem philologischem Unterbau auch nicht verwerflich.

Fest steht: Das Klischee der jiddischen Betulichkeit sucht man bei Klingenstein vergeblich. Das Lesen dieses Romans ist durchaus mit Denkarbeit verbunden, wenn man in der untergegangenen Welt des russischen Ostjudentums nicht gerade geistig zu Hause ist. Ginge es nur um das „Lesevergnügen“, so ließe sich an Stellen wie der folgenden einiges kritisieren bzw. lektorieren:

Erst wenn das Neue sich eingenistet hat und handfest seinen Nutzen beweist, reißt man es an sich, genießt es und vergisst darüber völlig den armen Kerl, der es im Schweiße seines Angesichts erfand. Er muss schon froh sein, wenn die Welt sich nach seinem Tod an ihn erinnert und ihm ein Denkmal errichtet. Millionen von Menschen leben heute glücklich und frei in Amerika, während Kolumbus, nachdem er den Gedanken gefasst hatte, Amerika zu entdecken, noch viel gelitten hat. Die Welt hielt ihn für verrückt und erübrigte für ihn nichts als Spott.

Das mag dem Original nahekommen (man sehe vom geschichtspolitisch konfusen Inhalt an dieser Stelle ab), aber der verwirrend mit „während“ angeschlossene Tempussprung im vorletzten Satz ist stilistisch bestenfalls ungelenk, und das Verb „etwas für jemanden erübrigen“ klingt arg gewollt altertümelnd.

Diese Stilkritik soll aber nicht darüber hinwegtönen, dass Klingenstein und ihr Lektor Wolfgang Matz mit ihrer fast rührend liebevoll zusammengestellten Ausgabe Pionierarbeit geleistet haben. Jeder und jedem, der Lust hat, sich auf ein oft völlig übersehenes Kapitel der europäischen Literaturgeschichte zu begeben, bietet der Band einen vorzüglichen Einstiegspunkt, von dem aus sich die Geschichte des europäischen Judentums und die weiteren Klassiker der jiddischen Literatur ganz neu entdecken lassen.

 


Scholem J. Abramowitsch/Susanne Klingenstein: Die Reisen Benjamins des Dritten. (Im jiddischen Original: Kitser masoes Binyomin hashlishi.)

Hanser 2019 ⋅ 288 Seiten ⋅ 28 Euro

www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-reisen-benjamins-des-dritten/978-3-446-26395-6/

  1. Abgedruckt in Marion Aptroot/Roland Gruschka: Jiddisch. Geschichte und Kultur einer Weltsprache, C.H. Beck 2010, S. 120f.

2 Kommentare

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  1. 1
    Susanne Klingenstein

    Die Stilkritik im letzten Absatz Ihres sehr schönen Essays scheint zunächst berechtigt. Aber wenn man genauer über den kritisierten Satz nachdenkt, kommt doch zu dem Schluß, dass die vorgeschlagene Lösung für das Problem, das dieser Satz stellt, nicht so schlecht ist. Der Gebrauch von“während“ beinhaltet nämlich sowohl Gegensatz als auch Gleichzeitigkeit (beides ist im jiddischen Original intendiert). Das Leiden von Kolumbus liegt vor dem Glück der Emigranten in Amerika; also ist die Zeitenfolge richtig hier. Ich würde beim Überdenken der Stelle heute wahrscheinlich einfache Vergangenheit wählen („noch sehr viel litt“); allerdings sollte auch der gesprochene Charakter und das Hingeworfene dieser Stelle angedeutet werden.
    Die Wortwahl von „erübrigen“ ergab sich aus dem flaubertschen Stilprinzip, Sätze nur im äussersten Notfall in einem schwachen Wort enden zu lassen. Wenn man also „übrig haben“ gewählt hätte, hätte der Satz gelautet (so in einer früheren Fassung): „und hatte für ihn nichts als Spott übrig.“ Oi! Schlechter Rhythmus.
    Dass es sich in diesem Satz nicht um einen historisch genauen Bericht über die Entdeckung Amerikas handelt, ist ja klar. Beim genaueren Nachdenken kommt man dahinter, dass Abramowitsch hier mit leichter Hand andeutet, dass das letztlich kommerzielle Unternehmen von Kolumbus neue Siedlungsgebiete (auch für Juden) eröffnete. Kolumbus ist die Folie für den vierten (nie genannten) Benjamin: den englischen Premierminister Benjamin Disraeli — denn in diesem Roman geht es auf der politischen Ebene um die Möglichkeit, Juden in Palästina anzusiedeln, eine Möglichkeit, die durch Disraelis Erwerb der ägyptischen Anteil am Suez Kanal für GB und eine neue aktive Nahost Politik der Engländer erstmals als reale Möglichkeit aufschien. Kolumbus markiert für Abramowitsch den Beginn des Kolonialismus und „tongue in cheek“ verkündet er hier die positiven Konsequenzen. Abramowitsch war vehementer Antikolonialist. Jeder Satz bei Abramowitsch hat mindestens drei Bedeutungsebenen. Die muss man nicht mitbekommen; aber wenn man über eine Stelle stolpert (meist wegen einer von Abramowitsch ausgelegten Fussangel, wie eben auch in diesem Satz), dann muss man darüber nachdenken, warum er eine Sache gerade so und nicht anders formuliert.

    In Ihrem russischen Zitat ist ein Fehler: das л muss ein п sein. So auch im Buch (S. 74). Ihr Druckfehler hat mich ganz schön erschreckt!

    Haben wir diese Ausgabe „fast rührend liebevoll zusammengestellt“? Abramowitsch war ein unglaublich belesener und anspruchsvoller Intellektueller und stand in seiner unerbittlichen Präzision Gershom Scholem in nichts nach. Wir wollten ein Buch machen, das in seiner Genauigkeit und intellektuellen Diszipliniertheit den Ansprüchen dieser dornigen Nachdenker genügt hätte. Das war unsere Form der Ehrerweisung. Und Sie selbst haben ja nun auch sehr schön und genau dem großen Abramowitsch ihre Reverenz erwiesen. Ihnen sei Dank!

    • 2
      Felix Pütter

      Herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Die Ausführungen machen noch einmal deutlich, wie viel Herzblut und Denkarbeit Sie in jede einzelne Textstelle gesteckt haben. Den Transkribierfehler habe ich soeben korrigiert. Danke für den Hinweis.

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