Gro­ße klei­ne Spra­che Kiswahili

Von Krimis über Lyrik bis hin zu sozialkritischen Romanen – die Literaturszene auf Kiswahili hat einiges zu bieten. In deutscher Übersetzung ist bisher allerdings kaum etwas zu finden. Von

Ein Gemälde des tansanischen Malers David Mzuguno, mit freundlicher Genehmigung der Forster Gallery Zanzibar.

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.


Wie hast du Kis­wa­hi­li gelernt?

Ers­te Wor­te und Flos­keln habe ich wäh­rend einer Rei­se nach Tan­sa­nia auf­ge­schnappt. Kurz dar­auf fing ich an, Afri­ka­wis­sen­schaf­ten zu stu­die­ren und begann Kis­wa­hi­li an der Uni zu ler­nen. Wäh­rend des Stu­di­ums mach­te ich einen zwei­mo­na­ti­gen Inten­siv­sprach­kurs an der Sta­te Uni­ver­si­ty of Zan­zi­bar und wohn­te bei einer Gast­fa­mi­lie. Dort waren ganz beson­ders die Kin­der mei­ne liebs­ten Lehrer*innen. Ich habe auch immer ver­sucht, viel auf Kis­wa­hi­li zu lesen. Zuerst Kin­der­bü­cher, dann Romane.

Kis­wa­hi­li wird in Ost­afri­ka, vor allem in Tan­sa­nia und Kenia, aber im Prin­zip von Süd­so­ma­lia bis Nord­mo­sam­bik, von der Küs­te bis in den Ost-Kon­go, Ruan­da, Burun­di und Ugan­da gespro­chen. Kis­wa­hi­li ist die Eigen­be­zeich­nung, bei der das „ki-“ mar­kiert, dass es sich um eine Spra­che han­delt, es macht sozu­sa­gen ein Adjek­tiv aus dem Wort­stamm „-swa­hi­li“ und wird in ande­ren Spra­chen oft weg­ge­las­sen. Anga­ben zu Sprecher*innenzahlen sind geschätzt und vari­ie­ren stark. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass etwa 18 Mil­lio­nen Men­schen vor allem an der ost­afri­ka­ni­schen Küs­te Swa­hi­li als Mut­ter­spra­che spre­chen. Aller­dings ist Swa­hi­li als Ver­kehrs­spra­che in Ost­afri­ka und dar­über hin­aus weit ver­brei­tet und so zählt es mit etwa 200 Mil­lio­nen Sprecher*innen laut UNESCO zu einer der zehn meist­ge­spro­che­nen Spra­chen der Welt. Gram­ma­ti­ka­lisch ist Kis­wa­hi­li eine Ban­tu­spra­che, ent­wi­ckel­te sich aber als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um im Kon­takt mit Händ­lern aus dem ara­bi­schen Raum, Per­si­en, Indi­en und Euro­pa und ent­hält vie­le Wor­te, die aus deren Spra­chen ent­lehnt sind, ins­be­son­de­re aus dem Arabischen.

Wie sieht die Lite­ra­tur­sze­ne auf Kis­wa­hi­li aus?

Obwohl das Schrei­ben auf Eng­lisch in den letz­ten Jah­ren an Beliebt­heit gewon­nen hat, gibt es eine leben­di­ge Kis­wa­hi­li-Lite­ra­tur­sze­ne mit Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur wie Kri­mis und Lie­bes­ro­ma­nen, aber auch hoch­kom­ple­xer phi­lo­so­phi­scher Lite­ra­tur und Lyrik, die bereits auf eine sehr lan­ge Tra­di­ti­on zurück­blickt, sowie Thea­ter­stü­cken. Die Infra­struk­tur in der tan­sa­ni­schen Buch­bran­che lässt lei­der etwas zu wün­schen übrig und ist natür­lich auch sämt­li­chen glo­ba­len und natio­na­len Kri­sen unter­wor­fen. Daher ist die Lite­ra­tur­sze­ne vor allem eins: krea­tiv. Ins­be­son­de­re, was die Dis­tri­bu­ti­ons­we­ge betrifft. Vie­le Autor*innen sind gleich­zei­tig auch Verleger*innen und Buchhändler*innen. Wäh­rend in den 1970er und 80er Jah­ren vie­le als soge­nann­te „brief­ca­se publishers“ ihre Bücher aus Kof­fern auf der Stra­ße ver­kauf­ten, schlie­ßen sich Schrei­ben­de auch heu­te in Kol­lek­ti­ven zusam­men und ver­brei­ten ihre Tex­te, unter ande­rem digi­tal. Es gibt zum Bei­spiel meh­re­re kon­kur­rie­ren­de Apps, die den Kauf und die Lek­tü­re von Büchern jun­ger Autor*innen auf dem Han­dy ermöglichen. 

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Es gibt lei­der kaum Über­set­zun­gen aus dem Kis­wa­hi­li ins Deut­sche und die meis­ten der weni­gen Roma­ne, die über­setzt wur­den, sind mitt­ler­wei­le ver­grif­fen. Es gibt aber ein paar Wer­ke, die aktu­ell ver­füg­bar und durch­aus emp­feh­lens­wert sind. Ver­su­chung von Alex Ban­zi, eine Erzäh­lung, die im Tan­sa­nia der 1960er Jah­re spielt und die Hand­lungs­spiel­räu­me inner­halb der Paar­be­zie­hung zwi­schen tra­di­tio­nel­len und moder­nen Ansprü­chen aus­lo­tet, über­setzt und mit einer Ein­füh­rung von Uta Reus­ter-Jahn. Ein umfang­rei­che­res Werk ist Blu­me des Tros­tes von Wil­liam E. Mkuf­ya, über­setzt von Bar­ba­ra Schmid-Hei­den­hain – ein kom­ple­xer Roman, der in einer exis­ten­zia­lis­ti­schen Erzähl­tra­di­ti­on steht und anhand der AIDS-Epi­de­mie in Tan­sa­nia den Sinn von Leben und Ster­ben hin­ter­fragt. Etwas mehr in Rich­tung Unter­hal­tung geht die „Bwa­na Msa“-Krimireihe von Muham­med Said Abdul­la, von der zwei Bän­de Der Geis­ter­wald der Ahnen und Der Brun­nen von Gini­gi auf Deutsch als Hör­spie­le erschie­nen sind, über­setzt und gele­sen von Gui­do Kor­zon­nek. Die „Bwa­na Msa“-Krimis leg­ten Anfang der 1960er Jah­re den Grund­stein für das wahr­schein­lich belieb­tes­te Gen­re des tan­sa­ni­schen Lese­pu­bli­kums, den Swahili-Krimi.

Und was ist noch nicht übersetzt?

Wie bereits ange­deu­tet, eigent­lich fast alles, also nen­ne ich hier nur ein paar Bei­spie­le: Die Kri­mi-/Thril­ler­rei­he über den Pri­vat­de­tek­tiv Jor­am Kian­go, geschrie­ben von dem mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen Autor Ben R. Mtob­wa. Über 30 Jah­re lang zog Mtob­wa mit immer neu­en action­ge­la­de­nen Geschich­ten, die unter­hal­ten und gleich­zei­tig Kri­tik an sozia­len und poli­ti­schen Gege­ben­hei­ten üben, das Publi­kum in sei­nen Bann. Die Rei­he erfreut sich noch immer gro­ßer Beliebt­heit. Der wun­der­vol­le Roman Makua­di wa soko huria (dt. „die Zuhäl­ter der frei­en Märk­te“) von Chachage Seit­hy L. Chachage, der gekonnt aus der Per­spek­ti­ve eines inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­ten von neo­ko­lo­nia­len Struk­tu­ren und Klep­to­glo­ba­li­sie­rung erzählt. Auch von Euphra­se Kezi­la­ha­bi, dem legen­dä­ren, ver­stor­be­nen Autor hoch­li­te­ra­ri­scher und hoch­po­li­ti­scher Tex­te ist lei­der nichts übersetzt. 

Wer auf Kis­wa­hi­li schreibt, hat natür­lich auch in ers­ter Linie ein swa­hi­li­spra­chi­ges Publi­kum in Ost­afri­ka im Hin­ter­kopf. Auf­grund man­geln­der Kennt­nis der poli­ti­schen, his­to­ri­schen und kul­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten in Tan­sa­nia dürf­ten die Roma­ne Kezi­la­ha­bis dem deut­schen Lese­pu­bli­kum wohl eher schwer zugäng­lich sein. Doch auch Lite­ra­tur jün­ge­rer Autor*innen, die in der Dia­spo­ra leben und schrei­ben, liegt noch nicht auf Deutsch vor, wie zum Bei­spiel Pen­zi la Damu (dt. „Blut­lie­be“) von Anna Sam­wel Man­y­an­za, die in der Schweiz lebt.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Kis­wa­hi­li? Wie gehst du damit um?

Kis­wa­hi­li ist zwar eine stan­dar­di­sier­te Spra­che, den­noch gibt es regio­nal star­ke Unter­schie­de und auch für Autor*innen, die auf Kis­wa­hi­li schrei­ben, ist es nicht sel­ten ihre Zweit- oder Dritt­spra­che. Außer­dem ist das Swa­hi­li eine krea­ti­ve Spra­che, die sich extrem schnell wan­delt. Wort­neu­schöp­fun­gen fin­den schnell ihren Platz im Sprach­ge­brauch, Jugend­spra­che erneu­ert sich qua­si täg­lich und was ges­tern noch cool war, ist heu­te schon völ­lig über­holt. Daher begeg­nen mir ins­be­son­de­re, aber nicht nur in neue­ren Tex­ten, des Öfte­ren Wor­te oder Kon­struk­tio­nen, die mir und den mir zugäng­li­chen Wör­ter­bü­chern nicht geläu­fig sind. Wäh­rend bei ande­ren Spra­chen Online-Foren Abhil­fe schaf­fen kön­nen, gibt es für Kis­wa­hi­li recht weni­ge Online-Res­sour­cen. Da kann nur der Kon­takt zu Swahilisprecher*innen vor Ort hel­fen, die in der Regel für Auf­klä­rung sorgen. 

Metha­li, Sprich­wör­ter wie z. B. „Hata mbuyu uli­anza kama mchicha“ („Selbst ein Bao­bab hat mal als Spi­nat ange­fan­gen“) stel­len gleich zwei Her­aus­for­de­run­gen dar. Zum einen ver­birgt sich hin­ter der wört­li­chen Bedeu­tung eine meta­pho­ri­sche, die sich sel­ten sofort erschließt, ins­be­son­de­re da ich zur Swa­hi­li-Kul­tur ja auch nur einen Bezug von außen habe. Zum ande­ren ist es oft nicht leicht, ein ent­spre­chen­des Bild im Deut­schen zu fin­den. Und wenn es ein deut­sches Sprich­wort mit der­sel­ben Bedeu­tung gibt, ver­wen­de ich das deut­sche Sprich­wort als Über­set­zung oder über­set­ze ich das ursprüng­li­che Bild, weil es den Text kul­tu­rell und geo­gra­fisch verortet?

Was kann Kis­wa­hi­li, was Deutsch nicht kann?

Weil Kis­wa­hi­li eine agglu­ti­nie­ren­de Spra­che ist, kann es einen kom­plet­ten Satz mit nur einem Wort aus­drü­cken, z. B. „Nili­vyo­wa­ony­e­sha“ („Wie ich euch gezeigt habe“). Außer­dem kann man sich auf Kis­wa­hi­li recht gut gen­der­neu­tral aus­drü­cken. „Er“ und „sie“ sind iden­tisch, und die meis­ten Sub­stan­ti­ve, die Per­so­nen bezeich­nen, haben kein Geschlecht. 


Venice Trom­mer

Venice Trom­mer stu­dier­te Afri­ka­wis­sen­schaf­ten an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin. Sie liest, ver­kauft, ver­legt und über­setzt Bücher – am liebs­ten von Autor*innen aus Afri­ka und der Dia­spo­ra. Sie über­setzt aus dem Eng­li­schen, Fran­zö­si­schen, Por­tu­gie­si­schen und Swa­hi­li und lebt und arbei­tet in Ber­lin. Gemein­sam mit Ste­fa­nie Hirs­brun­ner und Kar­la Kutz­ner orga­ni­siert sie das Afri­can Book Fes­ti­val Ber­lin und betreibt die Inter­Kon­ti­nen­tal Buch­hand­lung sowie den gleich­na­mi­gen Ver­lag.
Foto © Jörg Kandziora



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Mit Dank für das Bei­trags­bild an
an die Fors­ter Gal­lery Zanzibar

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