„Eine expli­zi­te Stra­te­gie habe ich beim Über­set­zen eigent­lich selten“

Dirk van Gunsteren ist die deutsche Stimme vieler großer US-amerikanischer Autoren, darunter Thomas Pynchon, T.C. Boyle und Philip Roth. Eine schönere Arbeit als die als Übersetzer, könne er sich nicht vorstellen, erzählt er im Gespräch. Interview:

Foto des Übersetzers Dirk van Gunsteren
Der Übersetzer Dirk van Gunsteren im Gespräch. © Privat

Ihre neu­es­te Über­set­zung ist Bar­ba­ra King­sol­vers Roman Demon Cop­per­head, der 2023 den Pulit­zer-Preis erhielt. King­sol­vers Bücher wur­den in der Ver­gan­gen­heit von ver­schie­de­nen Über­set­ze­rin­nen ins Deut­sche gebracht. Wie kam es dazu, dass Sie einen Titel von ihr über­nom­men haben?

Ich geste­he, dass ich Bar­ba­ra King­sol­ver und ihre Bücher bis dahin nicht kann­te. Demon Cop­per­head wur­de mir ange­bo­ten, ich war auf Anhieb begeis­tert und wur­de mit dem Ver­lag schnell einig.

Wie kön­nen sich Leser:innen Ihre Arbeit an einem Text vor­stel­len? Ganz kon­kret: Was war Ihre Her­an­ge­hens­wei­se beim Über­set­zen von Demon Cop­per­head?

Ich habe wie immer das gan­ze Buch gele­sen – ein­fach um zu wis­sen, ob mich zum Bei­spiel auf S. 450 eine Über­ra­schung erwar­tet, die schon auf S. 45 vor­be­rei­tet wird. Eine expli­zi­te Stra­te­gie habe ich beim Über­set­zen eigent­lich sel­ten; in die­sem Fall beschränk­te sie sich auf ein paar Über­le­gun­gen: Demon Cop­per­head wird von sei­nem gleich­na­mi­gen Hel­den erzählt, einem jun­gen Mann von etwa zwan­zig. Er ist unge­bil­det, aber intel­li­gent, er hat viel Schlim­mes erlebt und etli­che Illu­sio­nen über die Men­schen ver­lo­ren, sich aber einen tro­cke­nen, sar­kas­ti­schen Humor bewahrt und ist nicht auf den Mund gefal­len. Sein spe­zi­fi­scher, schnodd­ri­ger, sehr umgangs­sprach­li­cher Ton ver­leiht dem Buch einen ganz beson­de­ren Reiz. Ich habe auf Wör­ter aus der Jugend­spra­che weit­ge­hend ver­zich­tet (hier und da viel­leicht mal ein „mega“) und häu­fig umgangs­sprach­li­che Mar­ker ver­wen­det: „raus“ für „her­aus“, „krie­gen“ statt „erhal­ten“, kein ein­zi­ges „jedoch“ im gan­zen Buch, usw. Die Richt­schnur war: Es soll­te locker erzählt klin­gen. Ver­schärf­te ortho­gra­fi­sche Ver­schlei­fun­gen („gehn“, „nich“) kamen nicht in Fra­ge, weil Demon dann prol­li­ger gewirkt hät­te, als er ist – außer­dem lan­det man kon­se­quen­ter­wei­se bald bei „wien“ („wie ein“), und das fin­de ich sehr unschön. Ein wesent­li­ches Ele­ment war die Ver­wen­dung des Kon­junk­tivs II für die zahl­rei­chen indi­rek­ten Reden. Auf den 850 Sei­ten fin­det sich (hof­fent­lich) kein ein­zi­ger kor­rek­ter Kon­junk­tiv der indi­rek­ten Rede, und zwar weil man in kei­ner S‑Bahn und auf kei­nem Schul­hof je die Wor­te „sie habe“ oder „er sei“ hören wird. (Es brauch­te ein biss­chen Beharr­lich­keit und Über­re­dungs­kunst, das Lek­to­rat davon zu überzeugen.)

Wie stellt man als Über­set­zer sicher, dass der Erzähl­stil 800 Sei­ten lang schlüs­sig ist?

„Schlüs­sig“ ist der Stil von Anfang an oder gar nicht. Wenn mit „schlüs­sig“ aber „kon­sis­tent“ gemeint ist: Im Grun­de habe ich Demon sei­ne Geschich­te erzäh­len hören – sei­ne Stim­me ist im Ori­gi­nal sehr authen­tisch, und das sorgt für Kon­sis­tenz (oder Schlüs­sig­keit). Die gan­ze Qua­li­tät, der Ton, der Rhyth­mus eines Tex­tes erwei­sen sich aber erst beim lau­ten Lesen, und dar­um habe ich mir vie­le Sät­ze oder Absät­ze vor­ge­le­sen oder vor­le­sen las­sen und war erst zufrie­den, wenn sie wie der Demon klan­gen, den ich im Ohr hatte.

King­slovers Roman spal­tet ein wenig die Gemü­ter. Einer­seits wird die mit­un­ter schar­fe Sozi­al­kri­tik geschätzt, ande­rer­seits ist der Roman an der Gren­ze zum „Pover­ty Porn“, wo Armut auf eine Art und Wei­se dar­ge­stellt wird, die Mit­ge­fühl erre­gen soll. Hat­ten Sie beim Über­set­zen Angst vor Kitsch und Klischees?

Das fin­de ich ziem­lich befremd­lich. „Pover­ty Porn“? Wer hat sich das aus­ge­dacht, und was für eine Hal­tung steckt dahin­ter? Mit die­sem Urteil wird ja unter­stellt, dass sich die Autorin des The­mas Armut bemäch­tigt und es für ihre Zwe­cke (Auf­la­gen­stei­ge­rung?) benutzt hat, und das erscheint mir zynisch bis nie­der­träch­tig. Im Grun­de klingt in die­sem Vor­wurf genau die Her­ab­las­sung und Ver­ach­tung der städ­ti­schen Ame­ri­ka­ner gegen­über den Men­schen in den fly-over sta­tes an, die King­sol­ver in ihrem Roman schil­dert. Nein, das ist kein „Pover­ty Porn“ – King­sol­ver beschreibt ein­fach die Ver­hält­nis­se im Wes­ten von Vir­gi­nia: Arbeits­lo­sig­keit und Armut, Men­schen, die im Rah­men eines Pilot­pro­jekts der Phar­ma­in­dus­trie von gewis­sen­lo­sen Ärz­ten opio­id­süch­tig gemacht wur­den und von den Städ­tern als „Hill­bil­lies“ und Hin­ter­wäld­ler ver­ach­tet wer­den. Sie zeigt uns einen Land­strich, in dem vier­zig Pro­zent der Kin­der prak­tisch als Wai­sen auf­wach­sen, weil ihre Eltern ent­we­der im Knast oder süch­tig sind, und wo inner­halb eines Jah­res über hun­dert­tau­send Men­schen – Bus­fah­rer, Leh­re­rin­nen, Poli­zis­ten – an ihrer Sucht gestor­ben sind. Ich weiß nicht, wie man das in einem Roman dar­stel­len soll, ohne Mit­ge­fühl zu erre­gen, und habe in Demon Cop­per­head weit und breit kei­nen Kitsch und kei­ne Kli­schees gefun­den, vor denen ich hät­te zurück­zu­cken wollen.

Sie brin­gen vie­le gro­ße US-ame­ri­ka­ni­sche Autor:innen ins Deut­sche – dar­un­ter Cor­mac McCar­thy, Tho­mas Pyn­chon, Phil­ip Roth, oder T. C. Boyle. Wel­che davon waren für Ihre Arbeit prägend?

Prä­gend war kei­ner davon – auch wenn mein Leser­herz Tho­mas Pyn­chon gehört. Ich habe Gele­gen­heit gehabt, den genann­ten Autoren genau auf die Fin­ger zu sehen, und dabei viel Inter­es­san­tes gelernt, aber als Über­set­zer soll­te man sich ja gera­de nicht prä­gen las­sen, son­dern beweg­lich genug blei­ben, um sich immer wie­der neue Bücher zu eigen machen und ihnen gerecht wer­den zu können.

Sie haben Ame­ri­ka­nis­tik stu­diert und über­set­zen seit 1984 pri­mär US-ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur. Wie neh­men Sie deren Ent­wick­lung wahr?

Ich neh­me zu wenig davon wahr, um etwas Fun­dier­tes sagen zu kön­nen. Viel­leicht täu­sche ich mich, aber wie mir scheint, wer­den die „gro­ßen Namen“ weni­ger und die The­men düs­te­rer. Und wenn das stimmt – ist das eine Entwicklung?

In einem Por­trät von Ihnen heißt es: „Nach der Rück­kehr und sie­ben Jah­ren des Taxi­fah­rens durchs nächt­li­che Mün­chen ent­schloß sich van Guns­te­ren zu einem Stu­di­um der ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te und beschloß dann zu über­set­zen.“ War­um fass­ten Sie damals den Ent­schluss, Über­set­zer zu werden?

Ich woll­te mit Spra­che arbei­ten, mög­lichst mit Lite­ra­tur, viel­leicht (ein gro­ßer Traum) in einem Buch­ver­lag. Über­set­zen erschien mir aller­dings noch reiz­vol­ler: kein Chef! Ich habe mich bei der Zeit­schrift „Trans­at­lan­tik“ bewor­ben, tat­säch­lich Auf­trä­ge bekom­men und fest­ge­stellt: Das ist es! Es war Lie­be auf den ers­ten Blick.

Nun über­set­zen Sie seit gut 40 Jah­ren Lite­ra­tur. Ist das Über­set­zen für Sie noch immer reiz­voll oder hat man irgend­wann alles schon ein­mal gelesen?

Natür­lich stellt sich mit der Zeit eine gewis­se Rou­ti­ne ein, aber jedes Buch ist anders und eine neue Her­aus­for­de­rung, das macht für mich einen gro­ßen Reiz des Über­set­zens aus: Eben noch habe ich mich mit den Nöten eines Wai­sen­jun­gen in den Appa­la­chen beschäf­tigt, jetzt tau­che ich in eine uto­pi­sche Gemein­schaft im 19. Jahr­hun­dert ein. Ich betre­te eine neue Welt und über­neh­me Ver­ant­wor­tung für ein Werk, an dem der Autor, die Autorin jah­re­lang gear­bei­tet hat. Das fin­de ich span­nend und ehren­voll. Ich kann mir kei­nen schö­ne­ren Beruf vorstellen.

Hat­ten Sie über­set­ze­ri­sche Vor­bil­der, an denen Sie sich im Lau­fe Ihrer Kar­rie­re ori­en­tiert haben?

Vor­bil­der habe ich nicht, aber es gibt Über­set­zun­gen, die mich sehr beein­druckt haben und aus denen ich viel gelernt habe: Die Enden der Para­bel (Tho­mas Piltz) ist nach wie vor eine Groß­tat, die man kaum genug loben kann, die prak­tisch makel­lo­se Über­set­zung eines wahn­sin­nig schwie­ri­gen und sehr komi­schen Romans, vor der ich mich jedes­mal, wenn ich dar­in blät­te­re, in Ehr­furcht ver­nei­ge; Einer flog über das Kukucks­nest (Hans Her­mann) und eini­ge Sto­ries von Charles Bukow­ski (Carl Weiss­ner), weil sie in den 1970er Jah­ren neue Wege auf­ge­zeigt haben; Moby-Dick (Mat­thi­as Jen­dis) und Der Tun­nel (Niko­laus Stingl), weil man merkt, dass es bei allem Aber­witz auf Klar­heit und Genau­ig­keit ankommt; Wal­den (Wal­ter E. Rich­artz), weil nüch­ter­ne Welt­be­trach­tung und lyri­scher Aus­druck auch im Deut­schen so wun­der­bar ver­eint sind wie im Ori­gi­nal, und sehr, sehr vie­le ande­re. Also: Vor­bil­der? Nein. Von ande­ren ler­nen? Auf jeden Fall. Am meis­ten viel­leicht aus schlech­ten Übersetzungen.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren nah­men die über­set­ze­ri­schen Debat­ten an Fahrt auf. Erst ging es ums Gen­dern, dann um Diver­si­tät und nun KI. Inwie­weit wir­ken sich sol­che Debat­ten auf Ihre Arbeit mit Tex­ten aus?

Bis­lang so gut wie gar nicht. Dem Gen­dern sind in lite­ra­ri­schen Tex­ten mei­nes Erach­tens enge Gren­zen gesetzt. Wenn in einer Pas­sa­ge wie­der­holt von „high school stu­dents“ (also Schü­lern bei­der­lei Geschlechts) die Rede ist, wür­de die wie­der­hol­te Wen­dung „Schü­le­rin­nen und Schü­ler“ auf­ge­setzt wir­ken. Ich ver­fah­re meist situa­ti­ons­be­zo­gen. Was Diver­si­tät betrifft: In Der mensch­li­che Makel kommt das N‑Wort acht­und­zwan­zig mal vor. Das Buch spielt in einer Zeit, in der die­ses Wort zum all­ge­mei­nen Wort­schatz gehör­te. Soll man das im Nach­hin­ein beschö­ni­gen? Ich fin­de nicht. „Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding“ hat es bei mei­nen Über­set­zun­gen bis­her nicht gege­ben – ich bin, was das angeht, auch mehr als skep­tisch. Und KI? Ich habe die ers­te Sei­te von Demon Cop­per­head von ChatGPT über­set­zen las­sen und war beein­druckt. Dass „tits“ in die­sem Fall kei­ne „Mei­sen“ sind, hat­te die KI nicht kapiert, davon abge­se­hen war’s aber nicht so schlecht, wie ich gehofft hat­te. Ob sie irgend­wann auch eine sti­lis­ti­sche Kon­sis­tenz hin­kriegt, ob sie Wort­spie­le, spre­chen­de Namen, asso­zia­ti­ve Sprün­ge adäquat wie­der­ge­ben kann… ? Las­sen wir uns überraschen.

Und zum Abschluss: Wann sind Sie mit einer Über­set­zung zufrieden?

Wenn ich sie (gut) gele­sen höre und mer­ke, dass die Bil­der, die der Text im Kopf des Lesers erzeugt, klar und stim­mig sind und von einem guten Rhyth­mus getra­gen wer­den. Wenn ich den Ein­druck habe, dass die Über­set­zung nicht über­setzt klingt.


Dirk van Gunsteren

Dirk van Guns­te­ren, 1953 gebo­ren, stu­dier­te Ame­ri­ka­nis­tik. 2007 erhielt er den Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt-Preis, 2018 den Über­set­zer­preis der Stadt Mün­chen. Er über­setz­te u.a. T.C. Boyle, Jona­than Safran Foer, Patri­cia High­s­mith, John Irving, Phil­ip Roth und Richard Stark.


Bar­ba­ra King­sol­ver | Dirk van Guns­te­ren

Demon Cop­per­head


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