Tipps für tol­le Kinderbücher

Noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken? Die TraLaLit-Redaktion empfiehlt spannende, lustige und inspirierende Übersetzungen für Kinder von 2 bis 10 Jahren.

Bild von Carl Larsson: Kinder horchen an der Tür, ob der Weihnachtsmann schon da ist.
Was der Weihnachtsmann wohl bringt? Detail aus Carl Larssons Der Tag vor Weihnachten (1892), Quelle: WikiArt

Plitsch, platsch, pitsch patsch

Plitsch, platsch! Pitsch, patsch, wie schön ist die­se Pfüt­ze! Abzähl­rei­me ken­nen fast alle aus ihrer Kind­heit, ene mene muh ist hier­zu­lan­de fes­ter Bestand­teil des Kul­tur­guts. Doch die tat­säch­li­che Bedeu­tung der rhyth­mi­schen Sil­ben­rei­hun­gen rückt bei sol­chen Abzähl­rei­men meist in den Hin­ter­grund. Sie die­nen Kin­dern dazu, per Zufalls­prin­zip jeman­den aus­zu­wäh­len, sind tief in ihren Kul­tur­krei­sen ver­an­kert, aber zäh­len wohl kaum zu Lite­ra­tur oder Lyrik. War­um also sol­che Rei­me übersetzen? 

War­um nicht, hat man sich wohl im Ver­lag Bao­bab Books gedacht, als man Nazli Hodaie damit beauf­trag­te, Reza Dal­va­nds Ver­si­on des im Iran all­seits bekann­ten und münd­lich über­lie­fer­ten Abzähl­reims vom klei­nen Vogel­kind in der Pfüt­ze zu über­set­zen. Abge­zählt wird auf einer Hand, das Vög­lein fällt in eine Pfüt­ze auf der Hand­flä­che, und wäh­rend die ers­ten vier Fin­ger noch hilfs­be­reit sind, stellt sich her­aus, dass es der Dau­men war, der das Vogel­kind über­haupt erst in die Pfüt­ze gestupst hat. 

Doch eigent­lich ist die Geschich­te auch hier neben­säch­lich, wich­tig sind der Klang, der Rhyth­mus und die Bil­der. In der Über­set­zung nie leich­te Aspek­te, aber Nazli Hodaie ist es gelun­gen, mit Rei­men wie Pfüt­ze-Müt­ze-Grüt­ze und geschubst-gestupst ein klin­gen­des Gedicht zu schaf­fen. Der ira­ni­sche Vers Li li li li hosak (لی لی لی لی حوضک) ist dabei in per­si­schen Schrift­zei­chen in die Illus­tra­ti­on mit ein­ge­bun­den. Ein Buch zum Vor­le­sen, Bil­der bestau­nen und sogar zum Rein­bei­ßen (die Druck­far­ben auf dem Recy­cling­kar­ton sind auf rein pflanz­li­cher Basis). – Frey­ja Melsted

Reza Dal­va­nd: Plitsch, platsch – pitsch, patsch / Li li li li hosak
Ein Abzähl­reim aus dem Iran. Zwei­spra­chig Deutsch – Per­sisch
Aus dem Per­si­schen von Nazli Hodaie
Bao­bab Books 2021
Ab 2 Jahren 


Fol­ge dei­nem Stern

Inspi­riert wur­de das Bil­der­buch der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Ste­pha­nie V.W. Lucia­no­vic von einer Super­no­va und der Fra­ge eines Kin­des: „Wuss­test du, dass Pla­ne­ten ster­ben? Ist das nicht traurig?“

Das von Vash­ti Har­ri­son lie­be­voll illus­trier­te und von Anna Schaub über­setz­te Buch erzählt die Geschich­te eines Mäd­chens, das eines Abends einen Stern am Nacht­him­mel sieht. Sicht­bar ist er, weil er am Ende sei­nes Lebens zu einer Super­no­va wird und dadurch hell auf­leuch­tet. Fas­zi­niert von dem hel­len Him­mels­kör­per, der vie­le Jah­re lang strahlt, beginnt sie, sich mit Astro­no­mie zu beschäf­ti­gen, und fasst eines Tages den Ent­schluss, Astro­nau­tin zu wer­den, um ihrem Stern vor dem end­gül­ti­gen Erlö­schen näher zu kommen.

Das Buch inspi­riert in kind­ge­rech­tem Ton wort­wört­lich dazu, nach den Ster­nen zu grei­fen, nicht auf­zu­ge­ben und beharr­lich auf einen Traum hin­zu­ar­bei­ten. Es ver­packt die Wun­der der Astro­no­mie so, dass die unend­li­che Wei­te und die Fas­zi­na­ti­on, die der Welt­raum auf Men­schen aus­übt, greif­bar wer­den. Eine schö­ne Geschich­te, die Kin­der zum Träu­men anregt. – Alex­an­dra Jordan

Ste­pha­nie V.W. Lucia­no­vic: Fol­ge dei­nem Stern
Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Anna Schaub
Illus­triert von Vash­ti Har­ri­son
Zucker­süß Ver­lag 2021
Ab 4 Jahren


Akis­si

Eins vor­ab: Für besinn­li­che Weih­nach­ten wäre Akis­si die fal­sche Ansprech­part­ne­rin. Die fidel-fre­che Prot­ago­nis­tin der gleich­na­mi­gen Kin­der­co­mics von Mar­gue­ri­te Abou­et wäre viel zu sehr damit beschäf­tigt, ihre Hei­mat­stadt Abidjan in der Elfen­bein­küs­te auf­zu­mi­schen, um gemüt­lich im Fami­li­en­kreis Plätz­chen zu essen oder Weih­nachts­lie­der zu singen.

Aber für alle, die das graue, pan­de­mi­sche Win­ter-Einer­lei hie­si­ger Brei­ten satt haben, kön­nen die quietsch­bun­ten Zeich­nun­gen von Mathieu Sapin in Kom­bi­na­ti­on mit den far­ben­fro­hen Über­set­zun­gen von Ulrich Pröf­rock und Annet­te von der Wep­pen wie eine Vit­amin­kur wir­ken. Glück­li­cher­wei­se ver­zich­ten die bei­den dar­auf, Orts­spe­zi­fi­ka wie das wil­de Spiel Gâte-Gâte ein­zu­deut­schen, und sor­gen so für einen amü­san­ten Kul­tur­im­port im Kinderzimmer.

Akis­sis mit­un­ter hals­bre­che­ri­sche Aben­teu­er in der gro­ßen Stadt möch­te man zwar nicht unbe­dingt selbst erle­ben, doch ihr Eigen­sinn und ihr Selbst­be­wusst­sein sind so anste­ckend, dass man nach der Lek­tü­re sofort den nächs­ten Urlaub in Abidjan ver­brin­gen möch­te. Und wenn das nicht infra­ge kommt, hat man immer­hin ein paar neue Wör­ter gelernt, neue Bil­der gese­hen und eine neue Freun­din gewon­nen. – Felix Pütter

Mar­gue­ri­te Abouet/Mathieu Sapin: Akis­si 1–3
Aus dem Fran­zö­si­schen von Ulrich Pröf­rock (Bd. 1–2) und Annet­te von der Wep­pen (Bd. 3)
Repro­dukt 2021 (Bd. 3)
Ab 6 Jahren


Frau­en­le­ben im Lauf der Zeit

Anhand infor­ma­ti­ver Tex­te und far­ben­fro­her Illus­tra­tio­nen wird in die­sem Kin­der­buch die Geschich­te der Mensch­heit, von der Stein­zeit bis heu­te, aus der Per­spek­ti­ve von Frau­en prä­sen­tiert. Dabei wer­den The­men wie Beruf, Haus­halt, Mode, Reli­gi­on und medi­zi­ni­scher Fort­schritt zu unter­schied­li­chen Zei­ten dargestellt.

Die Geschichts­schrei­bung erfolgt chro­no­lo­gisch. Die Leser:innen erfah­ren aber, dass die Rol­le der Frau und die Gleich­be­rech­ti­gung zwi­schen den Geschlech­tern sich im Lau­fe der Zeit nicht aus­schließ­lich ver­bes­sert hat. Und so merkt auch die frü­he­re Schwei­zer Bun­des­prä­si­den­tin Miche­li­ne Cal­my-Rey im Vor­wort an, dass sie bei der Lek­tü­re die wohl­ha­ben­den Frau­en im Alten Ägyp­ten bei­na­he um ihre Frei­heit benei­de­te, wäh­rend ihr klar wur­de, dass Frau­en in vie­ler­lei Hin­sicht Män­nern heut­zu­ta­ge immer noch nicht gleich­ge­stellt sind.

Es wer­den auch berühm­te Frau­en vor­ge­stellt, die z. B. Klei­dung für Frau­en ent­war­fen (wie Coco Cha­nel und Mary Quant) oder sich als Schrift­stel­le­rin­nen nur unter Pseud­onym oder anonym „einen Namen“ machen konn­ten (wie die Bron­të-Schwes­tern und Jane Aus­ten). Für Kin­der ein inter­es­san­tes und gleich­zei­tig inspi­rie­ren­des Buch zum The­ma Gleich­be­rech­ti­gung. – Vik­to­ria Wenker

Katar­zy­na Rad­zi­wiłł: Frau­en­le­ben im Lauf der Zeit
Aus dem Pol­ni­schen von Mar­ti­na Polek
Illus­triert von Johan­na Cza­p­lew­s­ka
Hel­ve­tiq Ver­lag 2021
Ab 8 Jahren


Jacks wun­der­sa­me Rei­se mit dem Weihnachtsschwein

Wenn man jung ist, misst man vie­len Din­gen einen ande­ren Wert bei. Eine schmud­de­li­ge Decke, eine halb-kaput­tes Auto oder ein fast zer­fled­der­tes Kuschel­tier lösen in Erwach­se­nen höchs­tens nost­al­gi­sche Gefüh­le aus – für Kin­der kön­nen sie jedoch die Welt bedeu­ten. J.K. Row­lings neu­es­te Schöp­fung, der schüch­ter­ne Jun­ge Jack, hat ein Frot­tee-Schwein namens DS, das er über­all­hin mit­nimmt. DS hilft Jack dabei, die Her­aus­for­de­run­gen des Lebens zu meis­tern, dazu gehö­ren die Schei­dung der Eltern und ein Schul­wech­sel. Auch der neue Part­ner der Mut­ter und sei­ne stör­ri­sche Toch­ter Hol­ly, die mit der Tren­nung der Eltern genau­so wenig zurecht kommt wie Jack, sor­gen dafür, dass er die Nähe des Schweins braucht. Als Hol­ly das Schwein im Zuge einer Strei­te­rei aus dem fah­ren­den Auto wirft, ist Jack am Boden zer­stört. Aber in der Nacht vor Weih­nach­ten erwa­chen sei­ne Spiel­zeu­ge zum Leben und erklä­ren ihm, wie er sein gelieb­tes Schwein aus dem Land der Ver­lo­re­nen ret­ten kann.

In den letz­ten Mona­ten war Row­ling vor allem wegen ihrer frag­wür­di­gen poli­ti­schen Hal­tun­gen in den Schlag­zei­len. Mit Jacks wun­der­sa­me Rei­se mit dem Weih­nachts­schwein führt sie aber noch mal vor Augen, war­um Har­ry Pot­ter zu so einem Rie­sen­er­folg wur­de. Ihr neu­es Kin­der­buch ist ein kurz­wei­li­ger, klas­si­scher Aben­teu­er­ro­man mit einem ent­schlos­se­nen Hel­den und einem lie­bens­wer­ten, aber wenig durch­schau­ba­ren Side­kick, die im Land der Ver­lo­re­nen eini­ge Lek­tio­nen über das Leben und den Ver­lust ler­nen. In Fried­rich Pflü­gers ein­gän­gi­ger und wit­zi­ger Über­set­zung kann Row­lings Kin­der­buch sei­nen gan­zen Charme ent­fal­ten. Die zum Leben erwach­ten Spiel­zeu­ge mögen zwar an Toy Sto­ry oder den Nuss­kna­cker erin­nern, anders als dort steht hier aber nicht die Mensch­lich­keit der Din­ge, son­dern der Mensch mit sei­nem gesam­ten Gefühls­spek­trum im Mit­tel­punkt – denn erst der Mensch ver­leiht den Din­gen ihren ganz beson­de­ren Wert. – Julia Rosche

J.K. Row­ling: Jacks wun­der­sa­me Rei­se mit dem Weih­nachts­schwein
Aus dem Eng­li­schen von Fried­rich Pflü­ger
Carl­sen
Ab 8 Jahren


Alle Welt zu Tisch

Nach Alle Welt und Auf nach Yel­low­stone! legt das pol­ni­sche Erfolgs­paar Alek­san­dra Miziel­ińs­ka und Dani­el Miziel­iń­ski ein neu­es groß­ar­ti­ges und groß­for­ma­ti­ges Buch für klei­ne Ent­de­cker vor. Die Autoren und ihr Über­set­zer Tho­mas Wei­ler haben sich tief in die kuli­na­ri­sche Recher­che gekniet und ihre gesam­mel­ten Schman­kerl so lie­be­voll auf­be­rei­tet, dass man beim Lesen rich­tig Appe­tit auf die gro­ße wei­te Welt bekommt.

Ein­stei­gen kann man ganz nach Geschmack über eine Land­kar­te, ein chro­no­lo­gi­sches Inhalts­ver­zeich­nis oder eine Lis­te von süßen bis def­ti­gen Rezep­ten. Anhand der Ess­kul­tur erfährt man ganz neben­bei Wis­sens­wer­tes und Kurio­ses über das Leben in ver­schie­dens­ten Län­dern – etwa, dass Pil­ze­sam­meln in Polen Volks­sport ist, war­um marok­ka­ni­sche Zie­gen auf Bäu­me klet­tern und dass Glückskek­se gar nicht aus Chi­na kom­men. Das Kapi­tel zu Deutsch­land ist dabei eben­so span­nend wie die Tex­te zu exo­ti­schen Län­dern. Oder wuss­tet ihr, dass im Mit­tel­al­ter ein gif­ti­ger Pilz im Rog­gen bei uns regel­mä­ßig Mas­sen­wahn­vor­stel­lun­gen aus­ge­löst hat? Das Buch bie­tet eine Fül­le von Infos, ver­ständ­lich erklärt und anschau­lich bebil­dert – ein wah­rer Genuss für wiss­be­gie­ri­ge Kin­der und ihre Eltern. – Han­ne Wiesner

Nata­lia Bara­now­s­ka, Alek­san­dra Miziel­ińs­ka und Dani­el Miziel­iń­ski: Alle Welt zu Tisch
Aus dem Pol­ni­schen von Tho­mas Wei­ler
Moritz Ver­lag 2021
Ab 10 Jahren


Der Urwald hat mei­nen Vater verschluckt

Eva hat kei­nen Vater. Bis­her hat ihr das nicht beson­ders viel aus­ge­macht, schließ­lich ver­steht sie sich mit ihrer Mut­ter super, aber als sie eine Pro­jekt­ar­beit in Bio schrei­ben soll, ent­schei­det sie sich für das The­ma „Bio­lo­gi­sche Väter“. Weder Mut­ter noch Leh­re­rin freu­en sich über die­se The­men­wahl, aber Eva lässt sich nicht beir­ren und macht sich auf die Suche nach ihrem bio­lo­gi­schen Vater. Als sie her­aus­fin­det, dass der in Suri­na­me lebt, mel­det sie sich heim­lich bei der TV-Sen­dung Ver­lo­re­ne Zeit, die Men­schen dabei hilft, Ver­wand­te wie­der­zu­fin­den. Zusam­men mit dem Fern­seh­team macht sich Eva auf in den suri­na­me­si­schen Urwald, um ihren Vater aufzuspüren.

Simon van der Geest behan­delt in sei­nem Kin­der­buch ein The­ma, das heut­zu­ta­ge sicher vie­le jun­ge Leser:innen anspricht, die genau wie Eva nur mit einem Eltern­teil auf­wach­sen. Dadurch, dass Evas Vater in Suri­na­me, einer ehe­ma­li­gen Kolo­nie der Nie­der­lan­de, lebt, erhält der Roman eine wich­ti­ge geschicht­li­che und poli­ti­sche Note, und die Suche nach dem Vater wird zur Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät. Hier­für taucht der Autor tief in die Welt der zwölf­jäh­ri­gen Eva ein, die nicht nur mit der Vater­su­che, son­dern auch mit der ers­ten Ver­liebt­heit, ihrem bes­ten Freund Luuk und ihrer unko­ope­ra­ti­ven berühm­ten Mut­ter zu kämp­fen hat – und mit einem sechs­ten Zeh am rech­ten Fuß, der immer krib­belt, wenn jemand lügt.

Immer wie­der wird der Text von Evas Pro­jekt­ar­beit durch­bro­chen, in der sie mit lus­ti­gen Zeich­nun­gen ihre neu­en Erkennt­nis­se fest­hält. Die Über­set­ze­rin Andrea Kluit­mann hat die ach­ter­bahn­ar­ti­ge Gefühls­welt der Prot­ago­nis­tin und die rasan­te Suche nach ihrem Vater gefühl­voll und authen­tisch ins Deut­sche über­tra­gen. – Lisa Mensing

Simon van der Geest: Der Urwald hat mei­nen Vater ver­schluckt
Aus dem Nie­der­län­di­schen von Andrea Kluit­mann
Illus­triert von Karst-Jan­ne­ke Rogaar
Thie­ne­mann-Ess­lin­ger Ver­lag
Ab 10 Jahren


In der Kür­ze liegt die Würze

Kur­ze Sät­ze kön­nen für Übersetzer:innen manch­mal eine grö­ße­re Her­aus­for­de­rung sein als lan­ge. Eine Bespre­chung von … 

Brot­lo­se Kunst

Zwei aktu­el­le Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­spre­chen einen neu­en Blick auf den Lite­ra­tur­be­trieb. Lei­der schei­tern bei­de krachend. 

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