Squid Game & Co: Die Unter­ti­tel­bran­che spielt „Friss oder stirb“

In der Welt der Untertitelübersetzer herrschen Squid-Game-artige Verhältnisse. Ein Ausflug hinter die Kulissen des Online-Streamings, und ein Kommentar zu der Frage, wer den Untertitelübersetzer-Markt kaputtmacht.

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Bild: Piotr Laskawski via Unsplash.

Dank der Net­flix-Serie Squid Game wird mehr über die unsicht­ba­re Kunst des Unter­ti­telns gespro­chen. Los­ge­tre­ten wur­de die Squid-Game-Debat­te von der zwei­spra­chi­gen Zuschaue­rin und Pod­cas­te­rin Young­mi May­er, die in den eng­li­schen Unter­ti­teln wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen zur korea­ni­schen Kul­tur und dem Hin­ter­grund der Cha­rak­te­re ver­lo­ren sah. Doch May­er hat­te irr­tüm­lich die Gehör­lo­sen­un­ter­ti­tel gese­hen, ohne den Unter­schied zu Stan­dard-Unter­ti­teln zu bemer­ken oder zu ken­nen. Des­halb gehen die meis­ten Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge zwar auf May­ers Kri­tik ein, wei­sen aber auf die beson­de­ren Ansprü­che an Über­set­zun­gen für Gehör­lo­sen­un­ter­ti­tel hin. Eini­ge hin­ter­fra­gen auch, ob die Kri­tik an der Über­set­zung gerecht­fer­tigt ist, weil für alle Arten von Unter­ti­teln beson­de­re Vor­ga­ben gel­ten. Doch immer stär­ker dreht sich die Debat­te auch um die Rah­men­be­din­gun­gen, unter denen Unter­ti­tel­über­set­zer arbei­ten – und um deren Bezahlung.

Unter­ti­tel als eine beson­de­re Form der Übersetzung

Men­schen spre­chen schnel­ler, als sie lesen – des­halb ist eine Ver­knap­pung des Sat­zes auf das Wesent­li­che nötig. Unter­ti­tel wer­den zeit­lich pas­send zu Ton­spur und Ein­stel­lung der Kame­ra ein­ge­blen­det. Aus die­ser Ein­blen­de­dau­er zwi­schen zwei Schnit­ten und der Lese­ge­schwin­dig­keit eines Erwach­se­nen ergibt sich die mög­li­che Län­ge des Unter­ti­tels. Bei­spiels­wei­se gibt Net­flix eine Lese­ge­schwin­dig­keit von 17 CPS (Cha­rac­ters per Second = Zei­chen pro Sekun­de) für Erwach­se­ne vor, bei maxi­mal zwei Zei­len zu je 42 Zei­chen. Weni­ger Zei­chen müs­sen rei­chen, wenn die Unter­ti­tel für Kin­der gemacht sind, die lang­sa­mer lesen. Weni­ger Platz für Dia­log­text bleibt auch bei Unter­ti­teln für Men­schen mit ein­ge­schränk­ten Hör­fä­hig­kei­ten, die Infor­ma­tio­nen dazu brau­chen, wer gera­de spricht oder wel­che Geräu­sche zu hören sind. Der deut­sche Berufs­ver­band AVÜ emp­fiehlt in sei­nen Qua­li­täts­stan­dards eine all­ge­mei­ne Lese­ge­schwin­dig­keit von 10–15 CPS

Über­set­zungs­an­sprü­che, wie man sie auch aus der Lite­ra­tur­über­set­zung kennt, müs­sen also mit den tech­ni­schen Gege­ben­hei­ten und dem stets sicht­ba­ren Video ver­ein­bart wer­den. Bei Wort­spie­len oder Rede­wen­dun­gen, die im Video auf­ge­grif­fen wer­den, muss der Unter­ti­tel­über­set­zer ver­su­chen, im Zusam­men­spiel von Bild und Text eine sprach­lich und visu­ell pas­sen­de Aus­drucks­wei­se zu fin­den. Schwie­rig wird es auch, wenn der Satz­bau der Audio­spra­che sich in der Ziel­spra­che des Unter­ti­tels nicht genau abbil­den lässt, aber nur in der Rei­hen­fol­ge der Quell­spra­che die Poin­te des Wit­zes auf den Ablauf der Sze­ne passt. Und dann gibt es bei man­chen Sprach­kom­bi­na­tio­nen noch das Pro­blem, dass bestimm­te Kon­struk­tio­nen in der Ziel­spra­che län­ger wer­den kön­nen (z.B. durch das im gespro­che­nen Deutsch häu­fig ver­wen­de­te Perfekt).

Arbeit mit Agen­tu­ren – wie „Blin­de Kuh“ gegen Mit­be­wer­ber, Maschi­nen und die Zeit

Die gro­ßen Strea­ming-Anbie­ter wie Net­flix, Ama­zon Prime, Dis­ney+ usw. arbei­ten mit Agen­tu­ren als Zwi­schen­händ­lern zusam­men, die die ver­schie­de­nen Sprach­ver­sio­nen koor­di­nie­ren und Teil­auf­ga­ben an Selbst­stän­di­ge unter­ver­ge­ben. Wie jeder Zwi­schen­händ­ler will eine sol­che Agen­tur dar­an ver­die­nen, indem sie nur einen Teil der Ein­nah­men als Ver­gü­tung an die Selbst­stän­di­gen wei­ter­gibt, indem sie ihre Pro­zes­se effi­zi­ent gestal­tet und inter­ne Kos­ten nied­rig hält.

Eini­ge Agen­tu­ren stel­len ihren Über­set­zern eine cloud­ba­sier­te Soft­ware zur Ver­fü­gung, so dass die­se Anschaf­fungs­kos­ten für die selbst­stän­di­gen Über­set­zer weg­fal­len. Oft ist dann aber eine Ein­ar­bei­tung in fir­men­ei­ge­ne Sys­te­me nötig, die nicht extra ver­gü­tet wird. Man­che Agen­tu­ren ver­su­chen, ihre Gewinn­mar­gen mit maschi­nel­ler Über­set­zung zu erhö­hen. Vie­le mei­ner Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen sehen sich dadurch in ihrer Arbeits­wei­se, ihrer Krea­ti­vi­tät und auch in ihren Ver­dienst­mög­lich­kei­ten ein­ge­schränkt. Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge für die Arbeit mit maschi­nel­ler Über­set­zung durch den euro­päi­schen Dach­ver­band AVTE wer­den bis­her nicht gehört.

Die Rah­men­be­din­gun­gen erschwe­ren es den Selbst­stän­di­gen auch, ihre Pro­jek­te sau­ber zu kal­ku­lie­ren. In der Regel erhält man vor der Pro­jekt­an­nah­me den Titel des Vide­os, die Video-Län­ge in Minu­ten, die Ver­gü­tung und den Zeit­rah­men bis zur Abga­be. Oft ist es nicht mög­lich, das Video erst zu sich­ten – Unter­ti­tel­über­set­zer haben die Wahl, ob sie das Pro­jekt ein­fach blind anneh­men oder nicht. Zwi­schen der Anfra­ge des Pro­jek­tes und dem Pro­jekt­be­ginn lie­gen oft nur weni­ge Tage oder gar Stun­den. Wer nicht schnell reagiert, wird fest­stel­len, dass das Pro­jekt schon weg ist. Die Abga­be­frist fällt oft auf das Wochen­en­de oder liegt so, dass über das Wochen­en­de gear­bei­tet wer­den muss. Einen Wochen­end- oder Express­zu­schlag gibt es selten.

Qua­li­tät steht in die­sem Sys­tem nicht an ers­ter Stel­le. Vor Arbeits­be­ginn soll­te man das Video ein­mal ganz anschau­en, damit man ein Gespür für Zwi­schen­tö­ne, Hand­lung, Wen­dun­gen, Cha­rak­te­re und ihren Ton­fall sowie Wort­spie­le und wie­der­keh­ren­de Aus­drü­cke ent­wi­ckelt. Für den Fein­schliff erfolgt idea­ler­wei­se nicht nur eine Recht­schreib­kor­rek­tur, son­dern man schaut das Film­ma­te­ri­al noch­mal ganz an, um die Über­set­zung im Kon­text mit Video und Audio zu bewer­ten. Doch die pau­scha­le und nied­ri­ge Ver­gü­tung ver­lei­tet dazu, bei der Über­set­zung selbst und bei die­sen Arbeits­schrit­ten zuguns­ten des wirt­schaft­li­chen Über­le­bens ein Auge zuzudrücken. 

Selbst wenn man kei­ne frei­wil­li­gen Kom­pro­mis­se macht, arbei­tet das Sys­tem gegen gründ­li­che, krea­ti­ve Arbeit. Für eine ca. 40-minü­ti­ge Doku­men­ta­ti­on mit vie­len ver­schie­de­nen Spre­chern habe ich ein­mal unglaub­li­che 17 Stun­den rei­ne Arbeits­zeit an zwei Tagen gebraucht. Unter Stress, mit einer nach­träg­li­chen kur­zen Ver­län­ge­rung der Abga­be­frist, ohne Auf­preis für den erhöh­ten Auf­wand. Und immer noch mit dem ungu­ten Gefühl, nicht das bes­te Ergeb­nis erzielt zu haben, weil die Zeit zu knapp war. Rück­fra­gen an den End­kun­den bzw. das Krea­tiv-Team waren nicht mög­lich; auch hier war ich im Blind­flug unterwegs.

Fix­prei­se auf Studentenjob-Niveau

Die Ver­gü­tung erfolgt bei inter­na­tio­na­len Strea­ming-Pro­jek­ten in der Regel in USD pro Video­mi­nu­te oder als Pau­schal­preis pro Pro­jekt. Der Strea­ming-Anbie­ter Net­flix bei­spiels­wei­se emp­fiehlt bestimm­te USD-Raten pro Video­mi­nu­te. Aller­dings kann man davon aus­ge­hen, dass nicht alle Agen­tu­ren die­se Rate 1:1 an Über­set­zer wei­ter­ge­ben. Eigent­lich sind Selbst­stän­di­ge ver­pflich­tet, ihre Bezah­lung selbst zu kal­ku­lie­ren und zu benen­nen. In der Pra­xis bestehen aber vie­le Agen­tu­ren auf ihren Fix­prei­sen. Einem Über­set­zer, der mehr ver­langt, wer­den ein­fach kei­ne Pro­jek­te zuge­teilt. Wie viel man als Über­set­zer pro Stun­de und damit im Jahr ver­dient, hängt also davon ab, wie schnell man übersetzt.

Am Anfang bzw. als Quer­ein­stei­ger lässt sich der Zeit­auf­wand, den ein bestimm­tes Video für die rei­ne Über­set­zung in der Bear­bei­tung braucht, kaum ein­schät­zen. Inzwi­schen weiß ich: Ein Film mit einer Spiel­dau­er von 80 Minu­ten kann zwei Arbeits­ta­ge in Anspruch neh­men, wenn sich die Cha­rak­te­re oft stumm-ver­liebt angu­cken. Die glei­che Län­ge kann bei einer Arzt­se­rie mit vie­len Fach­be­grif­fen und Cha­rak­te­ren drei­ein­halb bis vier Tage Arbeit kos­ten. Gera­de inhalt­lich anspruchs­lo­se „Scrip­ted Rea­li­ty“-Seri­en sind durch sich unter­bre­chen­de, schnel­le Spre­cher und unvoll­stän­di­ge Sät­ze schwer zu über­set­zen. Eine 20-minü­ti­ge Kin­der­sen­dung mit Rei­men, Lie­dern und Wort­spie­len kann locker einen gan­zen Arbeits­tag brau­chen. Man kann davon aus­ge­hen, dass es auf Dau­er nicht mög­lich ist, sie­ben bis acht Stun­den am Tag krea­tiv, kon­zen­triert und gesund zu übersetzen.

Mei­ne schlech­tes­te Bezah­lung ergab, her­un­ter­ge­bro­chen und in Euro umge­rech­net, etwa einen Stun­den­satz von 10,50 Euro. In mei­nem Stu­den­ten­job als Mes­se­hos­tess habe ich schon vor über zehn Jah­ren fürs Nett-Rum­ste­hen 10 bis 15 Euro pro Stun­de bekom­men. Den bes­ten Stun­den­satz, den ich im Bereich Unter­ti­tel­über­set­zung bis­her erzie­len konn­te, lag bei etwa 41 Euro – genau ein­mal in zwei­ein­halb Jah­ren. Im Schnitt lag mein erwirt­schaf­te­ter Stun­den­satz bei 15 bis 25 Euro. Vor Trans­fer­ge­büh­ren und sämt­li­chen ande­ren Kos­ten, mit dem Risi­ko von Wech­sel­kurs­schwan­kun­gen. Dazu kommt: Aktu­ell ist der Bereich der Strea­ming-Anbie­ter kom­plett von der Tan­tie­men-Aus­schüt­tung bei der VG Wort ausgenommen.

Bör­sen­no­tiert, aber unterfinanziert?

Im Ver­gleich zu ver­wand­ten Tätig­kei­ten im Bereich Publi­zis­tik liegt der von mir im Unter­ti­tel­über­set­zen erwirt­schaf­te­te Stun­den­satz am unte­ren Ende. Laut Free­lan­cer-Kom­pass 2021 liegt der Durch­schnitts­stun­den­satz für Free­lan­cer im DACH-Raum bei ca. 94 Euro. Der BDÜ Nord emp­fiehlt für Dol­met­scher und Über­set­zer einen Stun­den­satz von 85 Euro. Laut Hono­rar­um­fra­ge Buch 2021 des VdÜ erwirt­schaf­te­ten Lite­ra­tur­über­set­zer mit einem durch­schnitt­li­chen Jah­res­ge­winn von 19.311 Euro nur knapp die Hälf­te des bun­des­deut­schen Durch­schnitts­ein­kom­mens und sind damit spä­tes­tens im Alter armutsgefährdet.

Wer sich bera­ten lässt oder einen Busi­ness­plan schreibt, beginnt die Stun­den­satz­kal­ku­la­ti­on mit der Annah­me, dass er gewis­se Kos­ten decken und ein bestimm­tes Jah­res­ein­kom­men errei­chen muss. Jeder Selbst­stän­di­ge braucht genug Zeit für Mar­ke­ting, Akqui­se und Wei­ter­bil­dung. Nach Abzug von Urlaubs- und Krank­heits­zei­ten merkt man, dass man nicht 40 Stun­den pro Woche bezahlt arbei­ten kann. Mit die­sen rea­lis­ti­schen Annah­men und einem prak­ti­schen Online-Stun­den­satz-Rech­ner kommt man schnell dar­auf, dass ren­ta­ble Stun­den­sät­ze zwi­schen 50 und 150 Euro net­to lie­gen. Der gesetz­li­che Min­dest­lohn für Ange­stell­te in Sozi­al­ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­sen beträgt aktu­ell noch 9,60 Euro, soll aber schritt­wei­se auf 12 Euro stei­gen. Ist es da ange­mes­sen oder auch nur mög­lich, dass Über­set­zer mit ca. 10,50 Euro/Stunde aus­kom­men sol­len, noch dazu, wenn sie sämt­li­che (Sozialversicherungs)kosten und das Risi­ko der Selbst­stän­dig­keit tra­gen müssen?

Es liegt sicher nicht dar­an, dass Kon­zer­ne wie Net­flix, Ama­zon Prime oder Dis­ney+ zu wenig Geld haben. Die Serie Squid Game ist der bis­her erfolg­reichs­te Seri­en­start auf Net­flix. Sie wur­de inner­halb von vier Wochen von 142 Mil­lio­nen Net­flix-Kon­ten aus ange­se­hen. Net­flix hat­te im Quar­tal 3 des Jah­res 2021 einem Umsatz von 7,5 Mil­li­ar­den USD und 1,45 Mil­li­ar­den US-Dol­lar Net­to­ge­winn. Ein durch­schnitt­li­cher Film erwirt­schaf­tet etwa 50 % sei­nes Gesamt­um­sat­zes durch über­setz­te oder bar­rie­re­freie Ver­sio­nen – und doch wer­den nur 0,01 – 1,0 % des Bud­gets in Über­set­zung und Bar­rie­re­frei­heit inves­tiert, schreibt Ehren­pro­fes­sor Pablo Rome­ro-Fres­co in sei­ner For­schungs­ver­öf­fent­li­chung zu bar­rie­re­frei­en Filmen.

Die Pro­duk­ti­on von Squid Game hat im Ver­gleich recht gerin­ge 21,4 Mio. USD gekos­tet. Die Über­set­zung der neun Epi­so­den vom Korea­ni­schen ins Eng­li­sche dürf­te Net­flix, mit einer durch­schnitt­li­chen Län­ge von ca. 54 Minu­ten und einer Rate von 13 USD/Minute, ins­ge­samt etwa 6.318 USD oder 702 USD pro Fol­ge gekos­tet haben. Zum Ver­gleich: Der bri­ti­sche Ver­band Sub­t­le emp­fiehlt für einen 90-minü­ti­gen Spiel­film eine durch­schnitt­li­che Arbeits­zeit von zehn Tagen. Wobei zu beach­ten ist, dass ein Spiel­film meist in sich geschlos­sen ist, eine Seri­en­fol­ge aber nie ohne den Gesamt­kon­text betrach­tet wer­den kann. Der fran­zö­si­sche Ver­band ATAA emp­fiehlt für eine Seri­en­fol­ge mit einer Län­ge von 52 Minu­ten eine Bear­bei­tungs­zeit von einer Woche bis zu 10 Tagen. Rein theo­re­tisch über­tra­gen auf eine Squid-Game-Fol­ge von 52 Minu­ten Län­ge zu 13 USD/Minute, wäre das ein Tages­satz von 96 USD bei einer Woche Arbeits­zeit, oder 67,60 USD/Tag bei 10 Tagen Arbeits­zeit. In die­ser Grö­ßen­ord­nung bewe­gen sich ren­ta­ble Stun­den­sät­ze – nicht Tagessätze.

War­um machen Über­set­zer das mit?

Ich kann an die­ser Stel­le nur anek­do­tisch aus mei­ner eige­nen Erfah­rung berich­ten. Im Früh­jahr 2019 las ich eine Anzei­ge, in der nach selbst­stän­di­gen Über­set­zern für Unter­ti­tel gesucht wur­de. Ein inter­es­san­ter, abwechs­lungs­rei­cher Job in einer Zukunfts­bran­che, dach­te ich.

Auf die Bewer­bung hin wur­de mir ein Online-Test zuge­wie­sen, der sprach­lich und tech­nisch her­aus­for­dernd war. Ich muss­te mir krea­ti­ve Lösun­gen für Wort­wit­ze ein­fal­len las­sen, deren Stan­dard-Über­set­zung nicht zum Bild im Video oder auf die Zei­le pass­te. Und ich muss­te ler­nen, wie die Benut­zer­ober­flä­che des Pro­gramms funk­tio­niert. Bei mei­nem ers­ten rich­ti­gen Pro­jekt kam ich umge­rech­net auf ca. 18,50 Euro/Stunde. Naiv dach­te ich, dass ich mit der Zeit schnel­ler und bes­ser wer­de. Doch je bes­ser ich mich ein­ar­bei­te­te, des­to mehr stie­gen auch mei­ne Ansprü­che und ich wur­de lang­sa­mer. Dann kamen auch schwie­ri­ge­re Pro­jek­te. Nur sel­ten konn­te ich im Ver­lauf nach­ver­han­deln, und auch dann blieb ich immer noch in einem Bereich, der für Voll­zeit­selbst­stän­di­ge nicht ren­ta­bel ist. Als Teil mei­nes Port­fo­li­os funk­tio­nier­ten die­se Jobs – aber oft habe ich mich geär­gert, wenn ich dadurch zeit­lich so geblockt war, dass ich bes­ser zah­len­de Kun­den ver­trös­ten musste.

Dann kam die Pan­de­mie und Strea­ming-Anbie­ter brauch­ten immer mehr „Lock­down-Inhal­te“. Aus Sor­ge, wie sich die Wirt­schaft ent­wi­ckeln wür­de, mach­te ich schlecht­be­zahl­te Über­stun­den. Auf­grund ver­zö­ger­ter Dreh­ar­bei­ten folg­te dann eine Flau­te. Die konn­te ich nut­zen, um mei­nen „Maus­arm“ aus­zu­ku­rie­ren und mir zu über­le­gen, dass die­se „Zukunfts­bran­che“ eine Illu­si­on ist.

Genau wie ich ver­las­sen immer mehr Über­set­zer die Unter­ti­tel­bran­che. Beson­ders erfah­re­ne Über­set­zer sind frus­triert und geben auf. Nach­wuchs­über­set­zer und talen­tier­te Quer­ein­stei­ger mit Qua­li­täts­an­spruch kön­nen sich nicht ver­bes­sern oder stei­gen gar nicht erst voll in das Berufs­feld ein. Aber so lan­ge Agen­tu­ren, die wegen schlech­ter Bezah­lung und Arbeits­be­din­gun­gen in der Kri­tik ste­hen, sich eher öffent­lich über einen fik­ti­ven Man­gel an guten Über­set­zern beschwe­ren, als ihre Talen­te mit guter Bezah­lung und guten Arbeits­be­din­gun­gen zu hal­ten und zu för­dern, wird sich das nicht ändern.

Unter­ti­tel sind Teil des Mar­ken­kerns von Online-Streaming-Anbietern

Ich habe mei­ne Rate nach knapp zwei Jah­ren nach­ver­han­delt und ver­stärkt in ande­ren Berei­chen Akqui­se betrie­ben. Seit der Erhö­hung bekom­me ich weni­ger Unter­ti­tel-Pro­jek­te zuge­wie­sen. Mich stört das nicht, denn ich arbei­te lie­ber bes­ser bezahlt weni­ger Stun­den und habe dann mehr Zeit für gut zah­len­de Kun­den, die mich wert­schät­zen. Ich möch­te auch nicht, dass mei­ne klei­ne­ren Direkt­kun­den aus dem Bereich Über­set­zung und Text schlecht­be­zahl­te Kon­zern­pro­jek­te querfinanzieren.

Durch den Aus­tausch mit Kol­le­gen habe ich ver­stan­den, dass Ein­zel­ver­hand­lun­gen in die­ser Bran­che wenig brin­gen. Und dass ich mehr Zeit und Geld inves­tie­ren müss­te, um Soft­ware anzu­schaf­fen und mehr zu ler­nen. Doch auch dann müss­te ich mich zwi­schen eta­blier­ten Über­set­zern auf dem sehr klei­nen Markt gut zah­len­der Agen­tu­ren und Direkt­kun­den behaup­ten. Denn die­se gibt es immer sel­te­ner. Sie gera­ten durch die Kon­kur­renz mit Groß­agen­tu­ren unter Preis­druck und wer­den auch von die­sen „geschluckt“, wie z. B. die 1949 gegrün­de­te Ber­li­ner Syn­chron AG, die von immer grö­ße­ren Kon­kur­ren­ten über­nom­men wur­de und mitt­ler­wei­le zur Iyu­no Media Group gehört. Fas­zi­niert höre ich erfah­re­ne­ren Kol­le­gin­nen im AVÜ zu, wenn sie mir von der „Zeit vor Net­flix“ berich­ten, von einer blü­hen­den Unter­ti­tel­bran­che, in der sich in euro­päi­schen Län­dern eige­ne Unter­ti­tel­tra­di­tio­nen und natio­na­le Stan­dards her­aus­bil­den konnten.

Es scheint, dass die Ent­schei­dungs­trä­ger bzw. Bud­get­ver­wal­ter immer erst dann an Unter­ti­tel­über­set­zun­gen und deren Wert den­ken, wenn das Pro­dukt schon fast auf dem Markt ist oder dort Kri­tik erfährt. Das ist unfass­bar, denn obwohl Sprach­ver­sio­nen erst am Ende des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses ent­ste­hen, sind sie doch der Kern eines glo­ba­len Streaming-Angebotes.

Noch besteht aber Hoff­nung, die­ses „Friss, oder stirb“-Spiel hin­ter den Kulis­sen von Squid Game & Co. zu been­den. Viel­leicht erken­nen mehr Regis­seu­re, Dreh­buch­au­toren, Krea­ti­ve der Film­bran­che und vor allem das Publi­kum durch die­se Debat­te die Kraft von Unter­ti­teln. So sag­te Para­si­te-Regis­seur Bong Joon-ho in sei­ner Dan­kes­re­de bei den Gol­den Glo­bes sinn­ge­mäß, dass sich hin­ter der zen­ti­me­ter­ho­hen Hür­de von Unter­ti­teln vie­le wun­der­ba­re Fil­me eröff­nen. Ich hof­fe also, dass mehr Ent­schei­dungs­trä­ger ihre Wer­ke auch auf den letz­ten Metern des Pro­zes­ses beglei­ten und Geld in die­se paar Zen­ti­me­ter und deren Urhe­ber inves­tie­ren wollen.


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