Raue Töne aus dem Dazwischen

Letztes Jahr im Oktober wurde Shehan Karunatilaka für seinen Roman „The Seven Moons of Maali Almeida“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Ein Jahr später ist nun endlich die deutsche Übersetzung von Hannes Meyer erschienen. Hat sich das Warten gelohnt? Von

Cover von 'Die sieben Monde des Maali Almeida' vor sphärischem Hintergrund
„Die sieben Monde des Maali Almeida“ übersetzt von Hannes Meyer. Hintergrund: Adam Ling via Unsplash.

Am 12. Sep­tem­ber 2023 war der Boo­ker Pri­ze-Trä­ger 2022 mit sei­nem zwei­ten, preis­ge­krön­ten Roman The Seven Moons of Maa­li Almei­da beim Inter­na­tio­na­len Lite­ra­tur­fes­ti­val in Ber­lin zu Gast. Vor einem vol­len Saal und zusätz­lich über einen Live­stream zuge­schal­te­ten Zuhörer*innen las der inzwi­schen merk­lich rou­ti­nier­te Autor aus sei­nem Buch, führ­te elo­quent und sou­ve­rän das Gespräch mit der Mode­ra­to­rin Bar­ba­ra Wahls­ter und lausch­te ange­regt den Pas­sa­gen, die der Schau­spie­ler Komi Tog­bo­nou aus der noch unver­öf­fent­lich­ten deut­schen Über­set­zung vor­trug. Ja, die deut­sche Über­set­zung, erwähn­te die Mode­ra­to­rin ein­gangs, die erschei­ne lei­der erst am 28. Novem­ber, im Gegen­satz zur nie­der­län­di­schen zum Bei­spiel, die sei schon erschie­nen, man müs­se sich also noch ein wenig gedulden.

Noch bevor die Ver­an­stal­tung rich­tig begon­nen und der Autor sein Publi­kum um den Fin­ger gewi­ckelt hat­te, ging ein Auf­stöh­nen und ein Lachen durch den Saal. Man war sich, so wirk­te es zumin­dest, einig dar­über, dass die Deut­schen mal wie­der ganz schön spät dran waren. Bestimmt lach­ten da auch eini­ge mit, die zwar einer 90-minü­ti­gen Ver­an­stal­tung auf Eng­lisch fol­gen kön­nen, einen gan­zen Roman dann aber doch lie­ber auf Deutsch lesen, und schlicht ent­täuscht waren, dass sie nicht direkt mit der Lek­tü­re begin­nen konnten.

Als ich nach einem anre­gen­den und unter­halt­sa­men Abend dann auf dem Weg nach Hau­se war, ging mir die­ser Moment nicht mehr aus dem Kopf. Kar­u­na­til­a­ka hat­te doch selbst erwähnt, wie vie­le Jah­re er an sei­nem Roman gear­bei­tet hat­te, und alle hat­ten sich doch beim Zuhö­ren selbst davon über­zeu­gen kön­nen, dass es sich hier wirk­lich um einen beson­de­ren Text han­del­te, mit sei­nem bis­si­gen Humor und den tro­cke­nen Pun­ch­li­nes, die in schnel­lem Rhyth­mus auf­ein­an­der fol­gen. Da müss­te doch klar sein, dass eine Über­set­zung von die­sem Buch – eine, die man nicht nur jetzt, schnell, neu­gie­rig, son­dern auch in zwan­zig Jah­ren noch lesen will − eben­falls Zeit braucht. Der spä­te Erschei­nungs­ter­min muss­te doch ein gutes Zei­chen sein, dach­te ich trot­zig. Ver­mut­lich ließ der Rowohlt Ver­lag sei­nem Über­set­zer ein­fach die Zeit, die der Text ver­lang­te. Es kommt ja inzwi­schen viel zu oft vor, dass erfolg­rei­che oder auch nur erfolgs­ver­spre­chen­de eng­lisch­spra­chi­ge Titel unter gro­ßem Zeit­druck über­setzt wer­den, oft von meh­re­ren Übersetzer*innen zusam­men, die sich den Text aufteilen.

Ich beschloss also noch auf dem Heim­weg, dass ich mir die Über­set­zung nach ihrem Erschei­nen ganz genau anschau­en wür­de – um zu zei­gen, dass gute Über­set­zun­gen Zeit brau­chen und das War­ten wert sind. Jetzt ist Die sie­ben Mon­de des Maa­li Almei­da in der Über­set­zung von Han­nes Mey­er erhält­lich, und was soll ich sagen: Mein schö­ner Plan ist nicht ganz aufgegangen.

Aber bevor ich mich hier mit mei­ner Ent­täu­schung breit­ma­che, zunächst zur Hand­lung: Die beginnt damit, dass ein gewis­ser Maa­li Almei­da plötz­lich in der Schla­ge vor einem Schal­ter steht und nicht mehr weiß, wie er dort­hin gekom­men ist. Er befin­det sich in einer Art Bahn­hofs- oder Kran­ken­haus­ge­bäu­de, so genau lässt sich das nicht sagen, und um ihn her­um herrscht heil­lo­ses Cha­os. Alle schrei­en durch­ein­an­der und die Gestal­ten, die da schrei­en, sehen merk­wür­dig aus, irgend­wie wabernd, Haut und Augen in unna­tür­li­chen Far­ben, die Kör­per übel zuge­rich­tet. Ist das etwa das Jen­seits? Ist Maa­li tot? Ganz sicher ist er sich nicht, viel­leicht träumt er ja oder hat nur zu vie­le von Jakis Par­ty­pil­len geschluckt, aber sei­ne Erschei­nung spricht schon sehr dafür: Sei­ne Klei­der sind zer­ris­sen und blut­ver­schmiert, sein Kopf defor­miert, ihm fehlt ein Schuh und das Objek­tiv sei­ner Kame­ra, die er noch um den Hals trägt, ist zerbrochen.

Schon nach weni­gen Sei­ten bin ich gefes­selt von der Welt, die der Roman eröff­net. Wir befin­den uns mit Maa­li in Colom­bo, Sri Lan­ka, Anfang der 1990er Jah­re. Maa­li ist tot, das steht bald fest, nur wie er gestor­ben ist, das bleibt ein Rät­sel. Er befin­det sich im Dazwi­schen, und die­ses Dazwi­schen ist das Colom­bo, in dem er bis vor weni­gen Stun­den noch gelebt hat. Die Leben­den ahnen ja nicht, wie vie­le Geis­ter, Ghoule und Dämo­nen ihnen stän­dig um die Ohren sau­sen. Sie rei­ten auf Win­den, kön­nen aber nur über­all dort hin schwe­ben, wo ihre Lei­che gewe­sen ist oder ihr Name gespro­chen wird.

Vor allem aber hat es mir die Stim­me ange­tan, die von all dem erzählt:

You have seen dead bodies, more than your fair share, and you always knew whe­re the souls had gone. The same place the fla­me goes when you snuff it, the same place a word goes when you say it. The mother and daugh­ter buried under bricks in Kili­noch­chi, the then stu­dents bur­ned on tyres in Mala­be, the plan­ter tied to a tree with his ent­rails. None of them went any­whe­re. They were, and then they were not. Just like all of us won’t be when our cand­les run out of wick. The wind takes you and the world swings by at the speed of a ricks­haw, faces and figu­res flut­ter past, some less ter­ri­fied than others, most with feet that don’t touch the ground. You have one respon­se for tho­se who belie­ve Colom­bo to be over­c­row­ded: wait till you see it with ghosts.

Du hast schon mehr als genug Lei­chen gese­hen, und jedes Mal wuss­test du, wo die See­len hin waren. Dahin, wohin die Flam­me ver­schwin­det, wenn man sie aus­bläst, wohin auch ein Wort ver­schwin­det, wenn man es aus­spricht. Die Mut­ter und Toch­ter, unter Zie­gel­stei­nen begra­ben in Kili­noch­chi, die zehn Stu­den­ten, auf Auto­rei­fen ver­brannt in Mala­be, der Plan­ta­gen­be­sit­zer, mit den eige­nen Ein­ge­wei­den an einen Baum gefes­selt. Kei­ner von ihnen ist irgend­wo­hin gekom­men. Sie waren da, und dann waren sie nicht mehr da. So wie wir alle nicht mehr da sein wer­den, wenn unse­rer Ker­ze der Docht aus­geht. Der Wind trägt dich fort, und die Welt rauscht in Motor­riksch­age­schwin­dig­keit vor­bei, Gesich­ter und Gestal­ten flat­tern vor­über, eini­ge weni­ger ent­setzt als ande­re, und die Füße der meis­ten berüh­ren nicht den Boden. Den Leu­ten, die Colom­bo für über­lau­fen hal­ten, hast du eines zu sagen: War­tet, bis ihr die Stadt mit Geis­tern gese­hen habt.

Für die Geis­ter der Toten ist die­ses „Dazwischen“-Colombo ein Schritt auf ihrem Weg ins „Licht“. Sie­ben Mon­de, sie­ben Tage und Näch­te haben sie Zeit, ins Licht zu gehen, sonst ver­schließt es sich ihnen für immer. Aber Maa­li hat noch etwas zu erle­di­gen: Er muss ver­hin­dern, dass sei­ne Fotos ver­lo­ren gehen. Vor sei­nem Tod war er Kriegs­fo­to­graf, ist seit Aus­bruch des Bür­ger­kriegs 1983 für unter­schied­li­che Auf­trag­ge­ber in Kampf­ge­bie­te gereist, wur­de Zeu­ge von Pro­tes­ten, Ver­schwö­run­gen, Mas­sa­kern und unbe­schreib­li­cher Grau­sam­keit. Was er gese­hen hat, hat er mit sei­ner Kame­ra fest­ge­hal­ten, und die Nega­ti­ve sei­ner wich­tigs­ten Auf­nah­men hat er gut ver­steckt. Jetzt, da er tot ist und die­je­ni­gen, denen sie scha­den wür­den, sei­ne Bil­der ver­schwin­den las­sen, muss er dafür sor­gen, dass alle sie sehen. Er ver­sucht, sei­ne bes­te Freun­din Jaki und sei­nen Gelieb­ten DD dazu zu brin­gen, die Nega­ti­ve zu fin­den, aber als Geist ist das gar nicht so ein­fach. Sie­ben Mon­de, sie­ben Kapi­tel lang fol­gen wir Maa­li durch Colom­bo, wäh­rend Jaki und DD, sowie zwei besto­che­nen Poli­zei­be­am­ten, nach dem ver­miss­ten Maa­li suchen.

Mit Maa­li Almei­da hat She­han Kar­u­na­til­a­ka einen Erzäh­ler geschaf­fen, durch den schier unsag­ba­re Gewalt erzähl­bar wird. Maa­li spricht in der zwei­ten Per­son, führt als einer, der sich selbst über­lebt hat, mit einem Du, das viel­leicht mal sein Ich war, ein unge­brems­tes Selbst­ge­spräch. Er erzählt von sich selbst aus der Beob­ach­ter­po­si­ti­on her­aus, auf die sein Dasein nun beschränkt ist. Und er spricht als einer, der schon alles gese­hen hat, den nichts mehr scho­ckiert, und der nichts mehr zu ver­lie­ren und nie­man­dem Rechen­schaft abzu­le­gen hat. 

Bei der Erzähl­stim­me fängt mei­ne Ent­täu­schung beim Lesen der deut­schen Über­set­zung an. Die ers­ten hun­dert Sei­ten habe ich noch im Ori­gi­nal gele­sen; auch ich war unge­dul­dig und woll­te lie­ber gleich mit der Lek­tü­re begin­nen. Ich war sofort gepackt vom Rhyth­mus, von der Schlag­fer­tig­keit – und erken­ne Maa­lis Stim­me dann in der Über­set­zung nur mit Mühe wie­der. Sie ist weni­ger spitz, weni­ger gewitzt. Die Sät­ze sind unrhyth­mi­scher, meist umständ­li­cher als im Ori­gi­nal, und zer­fa­sern oft, statt am Ende mit einer fla­chen Poin­te einzuschlagen:

That kind of talk will get you put in a tyre.

Mit sol­chen Wor­ten han­delst du dir einen Rei­fen um den Hals ein.

Das Bei­spiel ist recht belie­big her­aus­ge­grif­fen, zeigt aber anschau­lich die Ten­denz der Über­set­zung, Klang und Rhyth­mus der Sät­ze auf­zu­wei­chen. Und es macht noch ein wei­te­res, damit zusam­men­hän­gen­des Pro­blem deut­lich: Das Regis­ter der Erzäh­lung ver­rutscht – wie hier bei „that kind of talk“/„mit sol­chen Wor­ten“ – merk­lich nach oben, sowohl in der Erzähl­stim­me als auch in der Figu­ren­re­de. Selbst in gro­ßer Auf­re­gung wird viel im Prä­ter­itum gespro­chen, Satz­struk­tu­ren wer­den umständ­lich und Rede­fluss und ver­ba­le Schlag­ab­tau­sche ver­lie­ren an Tem­po. Auch ein­zel­ne Aus­drü­cke heben das Regis­ter immer wie­der an, wie hier in die­ser Fra­ge, die Maa­lis Mut­ter an Jaki und DD richtet:

‘Did he tell eit­her of you that he tried to suicide?’

„Hat er einem von euch je erzählt, dass er mal einen Selbst­mord­ver­such unter­nom­men hat?“

Nicht erst beim direk­ten Ver­gleich mit dem Ori­gi­nal fal­len sol­che Aus­drü­cke auf. Der Blick ins Ori­gi­nal lässt hier noch etwas deut­lich wer­den, auch das kenn­zeich­nend für die Über­set­zung ins­ge­samt: Han­nes Mey­er ergänzt eine Men­ge Füll- und Bin­de­wör­ter, wie hier „je“ und „mal“; beson­ders oft tau­chen „auch“s und „aber“s auf, wo sie im Ori­gi­nal nicht ste­hen. Es wird den meis­ten Übersetzer*innen so gehen, dass sich in der ers­ten Fas­sung zu vie­le Par­ti­keln und ande­re Füll­wör­ter ein­schlei­chen. Vie­le davon soll­ten dann aber bei der Über­ar­bei­tung gestri­chen wer­den. Denn meist sind sie über­flüs­sig, für Ton und Rhyth­mus nicht immer vor­teil­haft, und manch­mal ver­schie­ben sie auch den Sinn eines Sat­zes, wie in den fol­gen­den Beispielen:

She also spies a ted­dy bear that your dad brought back from Colom­bo along with a sexu­al­ly trans­mit­ted dise­a­se, which was his par­ting gift to your Amma.

Jon­ny ser­ves tea infu­sed with gin­ger and roy­al jel­ly. The way he taught you to make it.

Jaki fin­det auch den Ted­dy­bä­ren, den dein Vater im glei­chen Jahr mit­ge­bracht hat, wie auch eine gewis­se sexu­ell über­trag­ba­re Krank­heit, sein Abschieds­ge­schenk an dei­ne Amma.

Jon­ny ser­viert Tee mit Ing­wer und Gelée Roya­le. Genau wie er es auch dir bei­gebracht hat.

Beson­ders Maa­li als Erzäh­ler, der in ers­ter Linie über sein Spre­chen cha­rak­te­ri­siert wird, ist in der Über­set­zung etwas schwe­rer greif­bar. Das hängt auch mit zwei wei­te­ren grund­le­gen­den Schwie­rig­kei­ten bei der Über­tra­gung einer Erzäh­lung in der zwei­ten Per­son Sin­gu­lar ins Deut­sche zusam­men: „you“ könn­te man in man­chen Kon­tex­ten ja auch als „man“ über­setzt, nicht als „du“. Das tut der Über­set­zer gele­gent­lich an Stel­len, wo sich dadurch eine all­ge­mei­ne­re, vage­re Wahr­neh­mungs­per­spek­ti­ve auf­tut. Ich höre Maa­li hier auf Deutsch oft bei „du“ und damit ganz bei sich und sei­ner Wahr­neh­mung blei­ben, aber das ist Interpretationssache.

Fata­ler für die Über­set­zung ist das zwei­te Pro­blem: Neben Pas­sa­gen im Prä­sens gibt es immer wie­der Rück­blen­den, in denen Maa­li in die Ver­gan­gen­heits­form wech­selt. Die kla­re Unter­schei­dung der bei­den Zeit­ebe­nen muss unbe­dingt bei­be­hal­ten wer­den, denn damit spielt der Roman – zwei Zeit­ebe­nen über­la­gern sich am sel­ben Schau­platz und manch­mal schei­nen sie sich kurz über­ein­an­der­zu­le­gen oder gar zu ver­schwim­men. Nun sind deut­sche Ver­ben in der zwei­ten Per­son Sin­gu­lar Prä­ter­itum lei­der sehr sper­rig, fast immer mehr­sil­big und in münd­li­cher Spra­che eher unna­tür­lich. Ganz auf das Per­fekt aus­zu­wei­chen, bräch­te auch eine Rei­he von Schwie­rig­kei­ten mit sich. Also ent­schei­det der Über­set­zer sich für das Prä­ter­itum und streut hier und da ein Per­fekt ein, wohl um die Schwe­re der Prä­te­ri­al­for­men abzu­fe­dern. Tat­säch­lich wirkt das Per­fekt oft auch genau so: wie ein ver­zwei­fel­ter Ver­such, die­se Pas­sa­gen zu ret­ten. Im Prä­ter­itum klingt das Gan­ze dann näm­lich so wie hier in einer Sze­ne, in der Maa­li von dem Tele­fo­nat mit sei­nem ster­ben­den Vater erzählt:

You were in a for­eign air­port, bak­ing in heat, lis­tening to the man you bla­med for ever­y­thing get the last word. No, Dada. Not this time. You grip the hand­le and put three more quar­ters in the pay­pho­ne and ima­gi­ne it was the slot machi­ne at Pega­sus.
‘Excu­se me?’
You pul­led back the lever and let it rip.
‘Your gene­ra­ti­on fucked this coun­try. And then you ran away.’
‘You are lec­tu­ring me about quit­ting?’
You heard a gasp on the end of the line and you pau­sed befo­re say­ing the lines you had script­ed in teenage bed­rooms all jour life. ‘You have done not­hing. And now you never will. I have taken images that will out­last us all. The only good thing you ever did was spawn me.’

Du schwitz­test in der Hit­ze eines frem­den Flug­ha­fens und hör­test zu, wie der Mann, der für dich an allem schuld war, das letz­te Wort bekam. Nein, Dada. Dies­mal nicht. Du krall­test die Fin­ger um den Hörer, warfst noch drei Quar­ters in das Münz­te­le­fon und stell­test dir vor, dass es ein ein­ar­mi­ger Ban­dit im Pega­sus war.
„Wie bit­te?“
Du ris­sest den Hebel run­ter und lie­ßest die Wal­zen rasen.
„Dei­ne Gene­ra­ti­on hat die­ses Land in die Schei­ße gerit­ten. Und dann hast du dich ver­pisst.“
„Du hältst mir einen Vor­trag übers Auf­ge­ben?“
Du hör­test ein Keu­chen am ande­ren Ende und hiel­test inne, bevor du die Zei­len sag­tes, die du in dei­nem Jugend­zim­mer ewig ein­stu­diert hat­test.
„Du hast nichts geleis­tet. Und das wirst du auch nie. Ich habe Fotos auf­ge­nom­men, die uns alle über­dau­ern wer­den. Das ein­zig Gute, das du je hin­ge­kriegt hast, bin ich.“

Schwer vor­stell­bar, dass über­haupt jemand so spricht, geschwei­ge denn Maa­li, zumal in sei­ner Situa­ti­on. Zuge­ge­ben, hier steht man als Übersetzer*in vor einem nur schwer zu lösen­den Pro­blem. Eigent­lich bleibt einem nichts ande­res übrig, als die Erzähl­struk­tur in Bezug auf Tem­pus für das Deut­sche neu zu erfinden.

Bei mei­ner Lek­tü­re der Über­set­zung kos­tet es mich in den Pas­sa­gen im Prä­ter­itum ein wenig Über­win­dung, wei­ter­zu­le­sen. Ich lese mög­lichst schnell, das hilft ein biss­chen, in den Pas­sa­gen im Prä­sens mehr als bei denen im Prä­ter­itum. Trotz­dem blei­be ich immer wie­der hän­gen, an Aus­rut­schern im Ton wie diesem:

On most of the corp­ses, its spi­rit squats like a suc­cu­bus, sta­ring down like a grie­ving child, try­ing to figu­re out how to brea­the its­elf back into its shell.

Auf den meis­ten Lei­chen hockt suk­ku­bus­ar­tig der dazu­ge­hö­ri­ge Geist, starrt einem trau­ern­den Kin­de gleich her­nie­der und weiß nicht, wie er sich zurück in sei­ne Hül­le hau­chen kann.

Oder an inhalt­li­chen Unschär­fen, wie in die­ser Szene:

DD sits down on the table whe­re you used to put your feed up and get shou­ted at. His dad was once pos­ted as ambassa­dor to an Arab sta­te whe­re put­ting your feet up was a sign of dis­re­spect. DD had cer­tain ticks socia­li­sed into him. Like the ina­bi­li­ty to apo­lo­gi­se and the eager­ness to disagree.

DD setzt sich an den Tisch, auf den du immer die Füße gelegt und dafür einen Anschiss kas­siert hast. Sein Vater war mal Bot­schaf­ter in einem ara­bi­schen Land, wo es als respekt­los gilt, die Füße hoch­zu­le­gen. DD hat­te gewis­se Tics ein­ge­impft bekom­men. Zum Bei­spiel die Unfä­hig­keit, sich jemals zu ent­schul­di­gen, und den Hang zum Widersprechen.

Wie­so soll­te DD die­se Tics „ein­ge­impft“ bekom­men? Die Inten­tio­na­li­tät, die das Verb impli­ziert, scheint nicht zu pas­sen. Ein Blick ins Ori­gi­nal ist auf­schluss­reich: „DD had cer­tain ticks socia­li­sed into him.“ Hier steht das Verb the­ma­tisch auf einer ganz ande­ren, gesell­schafts­kri­ti­schen Ebe­ne, die sich durch den Roman zieht. Und die mor­pho­syn­tak­ti­sche Fle­xi­bi­li­tät, mit der ‚to socia­li­se‘ hier ein­ge­setzt wird, ist doch eigent­lich eine Steil­vor­la­ge für die Über­set­zung. Nur vier Sei­ten wei­ter lese ich dann:

DD noti­ces the mess on the sofa. The reason why his absent mind had let him to sit on the cof­fee table which no one was allo­wed to put their feet on. It is the remains of the box under your bed.

DD bemerkt das Cha­os auf dem Sofa. Dar­auf­hin setzt er sich gedan­ken­ver­sun­ken auf den Couch­tisch, auf den man eigent­lich nicht mal die Füße legen darf. Denn dort sind die Über­res­te des Kar­tons von unter dem Bett verstreut.

Moment, was? DD hat sich doch gera­de schon gesetzt, oder nicht? „Dar­auf­hin“ fügt hier eine ande­re Abfol­ge ein. Dabei ist das Ori­gi­nal ganz klar: DD hat sich schon gesetzt, er hat sich sogar direkt „auf“ und nicht „an“ den Tisch gesetzt, von dem hier die Rede ist. Außer­dem klingt der nächs­te Satz jetzt so, als wäre das Cha­os auf dem Tisch, nicht dem Sofa aus­ge­brei­tet. Flüch­tig­keits­feh­ler, die spä­tes­tens im Lek­to­rat hät­te auf­fal­len sol­len. Und auf den fol­gen­den Sei­ten stol­pe­re ich über eini­ge wei­te­re sol­cher Ungenauigkeiten.

Mag sein, dass vie­le über die­se klei­nen Unstim­mig­kei­ten ein­fach hin­weg­le­sen. Ich hof­fe es! Denn ich wün­sche dem Roman eigent­lich vie­le, vie­le deutsch­spra­chi­ge Leser*innen. Und viel­leicht hat, wer das Buch mit weni­ger hohen Erwar­tun­gen in die Hand nimmt, ja auch mehr Freu­de dar­an. Trotz­dem: Die aus­ge­reif­te Über­set­zung eines meis­ter­haf­ten Romans, die ich mir erhofft hat­te, ist Die sie­ben Mon­de des Maa­li Almei­da nicht so rich­tig. Auf Deutsch liest sich der Roman lei­der eben doch wie eine in zu kur­zer Zeit ange­fer­tig­te Über­set­zung, der eine zu ober­fläch­li­che Lek­tü­re vor­aus­ge­gan­gen und ein zu flüch­ti­ges Lek­to­rat gefolgt ist. Iro­ni­scher­wei­se kom­me ich jetzt also doch zu dem Fazit, das ich mir so schön zurecht­ge­legt hat­te: Eine gute Über­set­zung braucht ein­fach Zeit. Mehr Zeit, als die Arbeits­be­din­gun­gen von Übersetzer*innen meist zulas­sen. Und die­ser Roman hät­te etwas mehr Zeit und Auf­merk­sam­keit bei sei­ner Über­set­zung wirk­lich verdient.

She­han Kar­u­na­til­a­ka | Han­nes Mey­er

Die sie­ben Mon­de des Maa­li Almeida



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    Heike Reissig

    Inter­es­sant. Was ich bei die­ser Kri­tik aller­dings ver­mis­se, sind kon­kre­te Vor­schlä­ge für Alter­na­ti­ven. Es ist so leicht, etwas zu bemän­geln – aber wie hät­te die Kri­ti­ke­rin die bean­stan­de­ten Stel­len denn gelöst? Lei­der wird auch nichts Posi­ti­ves her­vor­ge­ho­ben. Das muss bit­ter für den Über­set­zer sein, der ver­mut­lich meh­re­re Mona­te unter gro­ßem Druck an sei­ner Über­tra­gung ins Deut­sche gefeilt hat. Und wir wis­sen nicht, wie stark wäh­rend der Redak­ti­on in sei­ne Über­set­zung ein­ge­grif­fen wur­de. Da müs­sen wir ja oft dis­ku­tie­ren und lei­der auch Kom­pro­mis­se schlie­ßen, obwohl wir ja eigent­lich die Urheber*innen der deut­schen Fas­sung sind.

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