Unse­re Lieb­lings­über­set­zun­gen 2023

Was soll unter dem Weihnachtsbaum liegen? Natürlich Bücher. Oder genauer gesagt: Natürlich Übersetzungen! Die Redaktion versorgt euch mit ein paar heißen Tipps!

Frohe Festtage mit fünf Übersetzungen. Hintergrundbild: Artboard via Unsplash

Einer mei­ner Lieb­lings­fil­me ist Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier, in dem ein von Bill Mur­ray gespiel­ter, ego­zen­tri­scher Wet­ter­an­sa­ger in einer Zeit­schlei­fe fest­steckt und erst nach einer lan­gen Rei­se der Selbst­er­kennt­nis aus ihr erlöst wird. Ganz ähn­lich ergeht es der Haupt­fi­gur in Sol­vej Bal­les Roman Über die Berech­nung des Raum­in­halts I – kein Wun­der also, dass es mei­ne dies­jäh­ri­ge Lieb­lings­über­set­zung ist.

Die Buch­händ­le­rin Tara Sel­ter ist auf dem Rück­weg einer Anti­qua­ri­ats­mes­se in Bor­deaux, als sie bemerkt, dass sie den Mor­gen im Hotel schon ein­mal erlebt hat. Sie ver­sucht zunächst, sich jedes Detail zu mer­ken und weiht ihren Freund Tho­mas ein, doch am nächs­ten Tag kann nur sie sich an alles erin­nern. Mit jeder Wie­der­ho­lung des acht­zehn­ten Novem­bers ver­blas­sen auch ihre eige­nen Erin­ne­run­gen. Aber nicht nur das, auch Ver­bren­nun­gen wer­den zu Nar­ben, Gegen­stän­de ver­schwin­den, und Gewohn­hei­ten ändern sich. Durch die Mono­to­nie der Wie­der­ho­lun­gen beginnt sie sich von ihren Mit­men­schen und vor allem von Tho­mas zu ent­frem­den und eine Art Dop­pel­le­ben zu führen.

Im ers­ten Teil des groß ange­leg­ten Roman­pro­jekts gefal­len mir beson­ders die detail­rei­chen Beob­ach­tun­gen der Umge­bung, die bei­na­he lyri­sche Spra­che und der Rhyth­mus, der sich am Inhalt der Geschich­te ori­en­tiert und von Gleich­mä­ßig­keit über klei­ne Varia­tio­nen bis zu Beschleu­ni­gung wech­selt. Es ist Peter Urban-Hal­le gelun­gen, die­se wich­ti­gen Ele­men­te sehr ein­füh­lend und prä­zi­se zu über­set­zen. Der zwei­te Teil erschien im Sep­tem­ber, Teil drei kommt im Mai 2024 her­aus und ich freue mich schon jetzt auf die wei­te­ren Fort­set­zun­gen und hof­fe, Tara bleibt noch etwas län­ger in der Zeit­schlei­fe gefan­gen. – Vik­to­ria Wenker

Sol­vej Balle/Peter Urban-Hal­le (aus dem Däni­schen): Über die Berech­nung des Raum­in­halts I, Matthes & Seitz. 2023, 170 Sei­ten, 22 Euro.


„Die Opfer der Geschich­te leben immer im Exil, fern von zuhau­se, inner­lich und äußer­lich. Die Kin­der der Erin­ne­rung eben­so. Wir leben als Frem­de, als Über­set­zer,“ heißt es in DMZ Kolo­nie, dem jüngs­ten Lyrik­band von Don Mee Choi. Über­set­zen ist pro­gram­ma­tisch für ihr Leben eben­so wie ihr lite­ra­ri­sches Werk, ist der Schaf­fens­mo­dus für ihre „geo­po­li­ti­sche Poe­tik“. Anhand der DMZ, der Trenn­li­nie zwi­schen Nord- und Süd­ko­rea, die nur dem Namen nach eine demi­li­ta­ri­sier­te Zone ist, erkun­det Choi die Geschich­te ihres Lan­des, die ver­wo­ben ist mit der ihren.

Gebo­ren in Seo­ul, floh sie als Kind mit ihrer Fami­lie nach Hong­kong und emi­grier­te schließ­lich in die USA, wo sie als Lyri­ke­rin und Über­set­ze­rin lebt. Ihr Vater war Kriegs­fo­to­graf, eini­ge sei­ner Foto­gra­fien hat sie in ihren Lyrik­band ein­ge­floch­ten. Per­sön­li­che Erin­ne­run­gen und ver­mit­tel­te Trau­ma­ta über­setzt Choi in Poe­sie, in fik­tio­na­li­sier­te Tage­buch­ein­trä­ge, Col­la­gen, in Zeich­nun­gen und Bil­der. Durch die frag­men­ta­ri­sche Hybrid­form hat sie mit DMZ Kolo­nie ein Werk geschaf­fen, das schrift- und bild­ge­wor­de­ne Resis­tenz gegen die neo­ko­lo­nia­le Spra­che Eng­lisch ist, gegen Gewalt und Ver­ges­sen. Eine zwin­gen­de, sog­haf­te Kom­po­si­ti­on, die mich weit über die schlan­ken 143 Sei­ten in ihren Bann gezo­gen hat.

DMZ Colo­ny wur­de 2020 mit dem Natio­nal Book Award for Poet­ry aus­ge­zeich­net und stand Sei­te an Sei­te mit sei­ner deut­schen Fas­sung auf der Short­list des Inter­na­tio­na­len Lite­ra­tur­preis 2023. Ver­dient, denn Ulja­na Wolfs Über­set­zung ist abso­lut bril­lant. Nicht zuletzt die Jon­gla­ge mit ter­mi­no­lo­gi­schen Fein­hei­ten rund um Ben­ja­min, Deleu­ze und Kaf­ka gelingt ihr spie­le­risch, ihre Wort­wahl ist stets eben­so prä­zi­se wie poe­tisch. Wolfs Fein­füh­lig­keit macht der fili­gra­nen Kom­ple­xi­tät des Ori­gi­nals alle Ehre. – The­re­sa Rüger

Don Mee Choi/Uljana Wolf (aus dem Eng­li­schen): DMZ Kolo­nie, Spec­tor Books 2023, 143 Sei­ten, 24 Euro.


Der Kanin­chen­stall ist ein Hoch­haus­kom­plex, in dem die unter­schied­lichs­ten Figu­ren unter einem Dach woh­nen – da gibt es zum Bei­spiel Blan­di­ne, die mit drei Jungs in einer WG lebt und von Hil­de­gard von Bin­gen beses­sen ist; da wäre eine Frau, die online Nach­ru­fe auf die Richt­li­ni­en der Web­site über­prüft und dabei mit dem rei­chen (und ziem­lich schrä­gen) Erben einer ver­stor­be­nen Schau­spie­le­rin anein­an­der gerät, oder ein altes Ehe­paar, das mit toten Nage­tie­ren zu kämp­fen hat.

Die US-Ame­ri­ka­ne­rin Tess Gun­ty führt in ihrem Debüt­ro­man, der den Natio­nal Book Award 2022 gewon­nen hat, nicht nur aus­ge­fal­le­ne Figu­ren und Lebens­ge­schich­ten auf, son­dern nutzt auch ver­schie­de­ne Text­sor­ten wie Lis­ten, Nach­ru­fe, schwung­vol­le Dia­lo­ge oder phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit von Bin­gens Werk, wech­selt mun­ter die Erzähl­per­spek­ti­ve und schreckt auch nicht vor einer Bil­der­ge­schich­te zurück. Gelun­gen ist ihr ein unglaub­lich unter­halt­sa­mes Pot­pour­ri, das in der deut­schen Fas­sung von Sophie Zeitz auf gan­zer Linie über­zeugt. Die Über­set­ze­rin über­trägt die Cha­rak­ter­zeich­nun­gen lie­be­voll ins Deut­sche, die Dia­lo­ge sind poin­tiert, und mit den ver­schie­de­nen Text­sor­ten jon­gliert sie voll­kom­men mühelos.

Wer Lust auf eine etwas ande­re Geschich­te hat, die trotz der vie­len Figu­ren und teils wirr anmu­ten­den Erzähl­strän­ge einen fes­seln­den Plot auf­weist und gleich­zei­tig Kri­tik an den USA des 21. Jahr­hun­derts übt, ist mit Sophie Zeitz’ ein­drucks­vol­ler Über­set­zung bes­tens bedient! – Lisa Men­sing

Tess Gunty/Sophie Zeitz (aus dem Eng­li­schen): Der Kanin­chen­stall, Kie­pen­heu­er & Witsch 2023, 416 Sei­ten, 25 Euro.


2020 ist in einem mei­ner fran­zö­sisch­spra­chi­gen Lieb­lings­ver­la­ge ein Roman­de­büt erschie­nen, das mich mehr berührt hat als alles, was ich seit lan­gem gele­sen hat­te: Un jour ça sera vide von Hugo Lin­den­berg. In dem Roman tau­chen wir ein in die Welt eines zehn­jäh­ri­gen Jun­gen, der den Som­mer bei sei­ner Groß­mutter in der Nor­man­die ver­bringt: lan­ge Tage am Strand, Lan­ge­wei­le, stil­les Beob­ach­ten, eine Begeg­nung und eine inni­ge, wenn auch unglei­che Freund­schaft, die sei­ne Sicht auf die Welt und auf sich selbst verändert. 

Die Erzäh­lung ent­steht aus sze­ni­schen Moment­auf­nah­men, sie fließt mit gro­ßer Leich­tig­keit dahin. Doch im Glück des Prot­ago­nis­ten über sei­nen neu­en Freund wird eine Zer­brech­lich­keit spür­bar, die auch eine Schwe­re erken­nen lässt. Es geht in Hugo Lin­den­bergs Roman näm­lich auch dar­um, was es bedeu­tet, in eine trau­ma­ti­sier­te Fami­lie gebo­ren zu wer­den, die im Schwei­gen über erlit­te­ne Grau­sam­kei­ten erstarrt; um Ver­lust und Ein­sam­keit, um die Angst vor dem Wahn­sinn und die Scham ange­sichts der eige­nen Anders­ar­tig­keit – und um den Schmerz eines Kin­des, das für all das noch kei­ne Wor­te hat. Die­sem Schmerz nähert sich der Roman mit unge­heu­rer Zärtlichkeit.

Als ich das Buch zu Ende gele­sen hat­te, frag­te ich direkt beim Ver­lag nach, ob schon eine deut­sche Über­set­zung in Pla­nung sei. Ja, da war etwas in Pla­nung: Im März 2023 erschien Eines Tages wird es leer sein beim Nau­ti­lus Ver­lag − in der Über­set­zung von Lena Mül­ler, die sich Satz für Satz an das Ori­gi­nal anschmiegt. Mei­ne zwei­te Lek­tü­re die­ses Romans war bestimmt nicht die letz­te. Er ist ein gro­ßes Geschenk, „Für alle ein­sa­men Kin­der und Ver­rück­ten“, wie es in der Wid­mung heißt, und für alle ande­ren. – Sula Tex­tor

Hugo Lindenberg/Lena Mül­ler (aus dem Fran­zö­si­schen): Eines Tages wird es leer sein, Edi­ti­on Nau­ti­lus 2023, 168 Sei­ten, 22 Euro.


Als ich Joshua Cohens Die Netan­ja­hus Anfang 2023 las, war noch nicht abseh­bar, wie sich die Lage im Nahen Osten zum Jah­res­en­de hin ent­wi­ckeln wür­de. Der Roman spielt nicht dort (obwohl man es bei dem Titel viel­leicht den­ken könn­te), son­dern in einer klei­nen ame­ri­ka­ni­schen Vor­stadt, und han­delt von einer ver­gleichs­wei­se win­zi­gen, semi-fik­ti­ven Epi­so­de aus dem Leben der Fami­lie Netan­ja­hu, die Ende der 50er Jah­ren in die USA zog. Der jet­zi­ge israe­li­sche Prä­si­dent Ben­ja­min Netan­ja­hu taucht ledig­lich als Kind auf; wesent­lich pro­mi­nen­ter ist sein Vater Ben­zi­on Netan­ja­hu, ein etwas ver­bohr­ter Wis­sen­schaft­ler, der sich mit jüdi­scher Geschich­te in Spa­ni­ens gol­de­nem Zeit­al­ter beschäftigt.

Die Fami­lie Netan­ja­hu ist zu Gast bei Ruben Blum, der am Cor­bin Col­lege lehrt und forscht. Als ein­zi­ger ande­rer Jude auf dem Cam­pus wird Blum aus­ge­wählt, Netan­ja­hu (der ein Vor­stel­lungs­ge­spräch an der Uni­ver­si­tät hat) zu beher­ber­gen. Die bei­den Fami­li­en cla­shen auf vie­len Ebe­nen, fun­da­men­tal für die geschickt dar­ge­stell­ten Momen­te der Rei­bung sind dabei die unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen jüdi­scher Iden­ti­tät. Wie die Netan­ja­hus das wohl­ge­ord­ne­te ame­ri­ka­ni­sche Mit­tel­schichts­le­ben der Blums auf den Kopf stel­len, ist urko­misch, bizarr und ins­ge­samt groß­ar­ti­ge Unter­hal­tung. Lose basiert die Geschich­te üri­gens auf einer Anek­do­te des berühm­ten ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Harold Bloom, mit dem Cohen bis zu sei­nem Tod in regem Aus­tausch stand.

Joshua Cohen erhielt 2022 für den Roman den Pulit­zer Preis, sein Über­set­zer Ingo Herz­ke in die­sem Jahr den Ham­bur­ger Lite­ra­tur­preis. Manch­mal mag einem der Hype um Bücher, die Prei­se gewin­nen und von der Lite­ra­tur­kri­tik gefei­ert wer­den, täu­schen – doch schon als ich die Über­set­zung zuklapp­te, wuss­te ich, dass die Wahr­schein­lich­keit nicht beson­ders hoch war, dass ich in die­sem Jahr noch etwas Bes­se­res lesen wür­de. Und so kam es: Die Netan­ja­hus ist das bes­te Buch, das ich in die­sem Jahr lesen durf­te. Es ist schlicht sehr gute Lite­ra­tur, die sehr gut über­setzt wur­de, und unter jedem Weih­nachts­baum lie­gen soll­te. – Julia Rosche

Joshua Cohen/Ingo Herz­ke (aus dem Eng­li­schen): Die Netan­ja­hus, Schöff­ling 2023, 288 Sei­ten, 25 Euro.



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