Von der Ver­gäng­lich­keit des Schönen

Was von einem Leben als Übersetzerin am Ende bleibt, zeichnet Bruno Pellegrinos Roman „Stadt auf Zeit“ in der Übersetzung von Lydia Dimitrow eindrücklich nach. Von

Cover des Buches "Stadt auf Zeit" von Bruno Pellegrino vor blauem Hintergrund
Bruno Pellegrinos "Stadt auf Zeit", aus dem Französischen übersetzt von Lydia Dimitrow. Hintergrundbild: Scott Webb auf Unsplash.

Mit Stadt auf Zeit, erschie­nen im Ver­lag die brot­sup­pe, hat Lydia Dimi­t­row nun den drit­ten der mitt­ler­wei­le vier Roma­ne des Schwei­zer Autoren Bru­no Pel­le­gri­no ins Deut­sche über­setzt. Die Hand­lung: Ein jun­ger Mann, gera­de mit dem Stu­di­um fer­tig, wird von einer Stif­tung beauf­tragt, das Werk einer Über­set­ze­rin zu sich­ten. Dafür reist er in die Stadt, in der die­se einen gro­ßen Teil ihres Lebens ver­bracht hat, und wid­met sich meh­re­re Mona­te der Auf­ga­be, im Haus der Über­set­ze­rin ihre Schrif­ten zu kata­lo­gi­sie­ren. Dabei lässt der Prot­ago­nist das eige­ne Leben nur all­zu gern hin­ter sich, und je mehr er über Arbeits­pro­ben, Über­set­zungs­ent­wür­fen und auf Ein­kaufs­zet­tel gekrit­zel­ten Noti­zen brü­tet, des­to tie­fer dringt er in die Welt der Über­set­ze­rin ein – oder glaubt dies zumin­dest. Eine gro­ße Rol­le spielt dabei auch die ihn umge­ben­de Stadt, deren Beson­der­hei­ten und ganz eige­ne Pro­ble­me er nach und nach entdeckt.

Der Name der Stadt fällt im Roman kein ein­zi­ges Mal, nur durch das dem Text vor­an­ge­stell­te Zitat aus Italo Cal­vi­nos Le cit­tà invisibili/Die unsicht­ba­ren Städ­te wird sie als Vene­dig iden­ti­fi­ziert. Das expli­zi­te Benen­nen ist dank Pel­le­gri­nos Beschrei­bun­gen der Sin­nes­ein­drü­cke, die in der Lagu­nen­stadt auf den Erzäh­ler ein­pras­seln, aber auch fast über­flüs­sig, denn der Detail­reich­tum, mit dem bei­spiels­wei­se auf Archi­tek­tur ein­ge­gan­gen wird, macht die Stadt unver­kenn­bar. Beson­ders kommt das zur Gel­tung, wenn die Haupt­fi­gur den Blick auf den Him­mel oder das all­ge­gen­wär­ti­ge Was­ser rich­tet, die ihre Erschei­nung in weni­gen Augen­bli­cken völ­lig ver­än­dern können.

Le ciel a clig­no­té sans émett­re le moind­re gronde­ment. En l’espace de quel­ques minu­tes, l’horizon s’est estom­pé dans une bru­me bleue. Une plu­ie de petits oise­aux blancs s’est abat­tue com­me des morceaux de por­ce­lai­ne. L’embarcadère tan­guait de plus en plus fort, je suis res­sor­ti pour attendre sur le quai.

Ohne das lei­ses­te Grol­len leuch­te­te der Him­mel auf. Inner­halb von Minu­ten ver­schwamm der Hori­zont in blau­em Nebel. Ein Regen aus klei­nen wei­ßen Vögeln pras­sel­te nie­der wie Scher­ben aus Por­zel­lan. Die Anle­ge­stel­le schwank­te, ich ging zurück zum Kai und war­te­te dort.

An die­sem Zitat zeigt sich, dass Pel­le­gri­no das Wet­ter schon fast zu einer eige­nen Per­son macht. Er beschreibt die Ver­än­de­run­gen des Wet­ters statt mit dem dafür übli­chen impar­fait mit dem pas­sé com­po­sé, das eigent­lich Aktio­nen vor­be­hal­ten ist. Pel­le­gri­no ver­zich­tet im Roman kate­go­risch auf die Ver­wen­dung des pas­sé simp­le, der tra­di­tio­nel­len Zeit­form lite­ra­ri­scher Tex­te im Fran­zö­si­schen, wodurch der Text unmit­tel­ba­rer wird und das Publi­kum der Haupt­fi­gur und ihren Gedan­ken näher ist. Der para­tak­ti­sche Stil, mit dem Haupt­sät­ze ohne Kon­junk­tio­nen anein­an­der­ge­reiht wer­den, zieht sich durch den gan­zen Text und ver­leiht ihm eine has­ti­ge Dring­lich­keit, die die Unru­he des Prot­ago­nis­ten, der sich vor sei­nen Pro­ble­men in die neue Auf­ga­be flüch­tet, fühl­bar macht. Wäh­rend Pel­le­gri­no für die Hand­lun­gen der Figu­ren eine schlich­te Spra­che ver­wen­det, wir­ken die Natur­be­schrei­bun­gen durch Meta­phern und Ver­glei­che poe­tisch. So ensteht zwi­schen der Ruhe­lo­sig­keit der Spra­che und der Schön­heit der Natur eine Span­nung. Dimi­t­row gelingt es, die­se Span­nung ein­zu­fan­gen, indem sie eben­falls auf Kon­junk­tio­nen, Par­ti­kel oder ande­ren sprach­li­chen Schmuck verzichtet.

Das Leben von Über­set­zen­den spielt eine gro­ße Rol­le im Roman. Eini­ge Stel­len, die aus dem Blick­win­kel der Über­set­ze­rin selbst erzählt wer­den, zei­gen uns bei­spiels­wei­se die Freu­de, end­lich genau die rich­ti­ge Lösung gefun­den zu haben, aber auch die Schwie­rig­keit, die­se direkt fest­hal­ten zu müssen.

Une phra­se est venue la tirer du som­meil au milieu de la nuit. Elle a ouvert les yeux et immé­dia­te­ment elle a su com­ment fai­re, mais le temps qu’elle allu­me sa lam­pe de che­vet, qu’elle enfile un peig­noir et que démar­re son vieil ordi­na­teur, sa solu­ti­on s’était dis­si­pée. Il aurait suf­fi de la noter à la main. Les mots étai­ent si nets, si puis­sants dans son esprit, elle ne s’est pas dou­tée de leur volatilité.

In der Nacht riss sie ein Satz aus dem Schlaf. Sie schlug die Augen auf und wuss­te sofort, wie sie es ange­hen muss­te, aber bis sie ihre Nacht­tisch­lam­pe ein­ge­schal­tet, den Bade­man­tel über­ge­zo­gen und ihren alten Com­pu­ter hoch­ge­fah­ren hat­te, war ihr die Lösung wie­der ent­glit­ten. Sie hät­te sie sich auch hand­schrift­lich notie­ren kön­nen. Die Wor­te waren ihr so klar und deut­lich im Kopf erschie­nen, sie hat­te ihre Flüch­tig­keit nicht mit einberechnet.

Mit­hil­fe der von ihr ver­wen­de­ten Ver­ben gelingt es Dimi­t­row hier wun­der­bar, einer­seits die Dring­lich­keit, die die Über­set­ze­rin packt, und ande­rer­seits die Flüch­tig­keit der Über­set­zungs­lö­sung zu kom­mu­ni­zie­ren. Wo im Fran­zö­si­schen die Adjek­ti­ve „net“ und „puis­sant“ prä­di­ka­tiv ver­wen­det wer­den, ergänzt sie im Deut­schen „erschie­nen“, was den Satz mit einer zusätz­li­chen visu­el­len Ebe­ne schön abrundet.

Es wer­den aber auch nega­ti­ve Aspek­te des Über­set­zer­da­seins beleuch­tet. Die Über­set­ze­rin im Roman ist erfolg­reich, ihre Über­set­zun­gen wer­den mit Prei­sen aus­ge­zeich­net und ver­kau­fen sich gut, und trotz­dem führt sie ein Schat­ten­da­sein, ohne dass sie für ihre Arbeit brei­te Aner­ken­nung der Öffent­lich­keit erfährt. Eine Inter­net­re­cher­che der Haupt­fi­gur zur Über­set­ze­rin erweist sich als wenig ergiebig:

On ne trou­vait sur elle, en ligne, que de rares pho­to­gra­phies. Deux ou trois dépê­ches d’agence cir­cu­lai­ent, tou­jours les mêmes, avec de légers chan­ge­ments qui intro­dui­sai­ent par­fois des con­tra­dic­tions. Sa bio­gra­phie était réduite au mini­mum – nais­sance, étu­des, lis­te d’œuvres, distinctions.

Im Inter­net fand man von ihr nur ein paar sel­te­ne Foto­gra­fien. Es waren zwei, drei Pres­se­mel­dun­gen im Umlauf, immer leicht abge­wan­delt, was hier und da zu Wider­sprü­chen führ­te. Ihre Vita blieb auf das Nötigs­te redu­ziert – Geburts­jahr, Stu­di­um, Biblio­gra­fie, Auszeichnungen.

Hier bleibt Dimi­t­row bei der Über­set­zung von „que de rares pho­to­gra­phies“ zu nah am fran­zö­si­schen Ori­gi­nal, was auf zwei Ebe­nen zu Pro­ble­men führt. Zum einen kommt es zu einer leich­ten Sinn­ver­schie­bung, da sich „nur ein paar sel­te­ne Foto­gra­fien“ so liest, als ob die­se Rari­tä­ten wären. Dabei ist „rares pho­to­gra­phies“ hier nicht qua­li­ta­tiv, son­dern quan­ti­ta­tiv zu ver­ste­hen: Die Haupt­fi­gur erhält bei ihrer Inter­net­re­cher­che nur weni­ge Ergeb­nis­se. Zum ande­ren ist das Regis­ter von „Foto­gra­fien“ hier etwas zu hoch. Die deut­lich häu­fi­ge­ren und all­tags­sprach­li­chen „Fotos“ oder „Bil­der“ hät­ten im Kon­text der Such­ma­schi­nen­er­geb­nis­se sicher bes­ser gepasst.

Erfreu­li­cher­wei­se wird Über­set­zen­den nicht nur in der Roman­hand­lung, son­dern auch bei der Buch­ge­stal­tung viel Platz ein­ge­räumt. Lydia Dimi­t­row wird auf dem Ein­band als Über­set­ze­rin genannt und Pel­le­gri­no erwähnt sie in sei­ner Dank­sa­gung. Auch bei Cal­vi­nos Ein­gangs­zi­tat wer­den die jewei­li­gen Über­set­zen­den ins Fran­zö­si­sche bzw. Deut­sche ange­ge­ben, was eine ange­neh­me Über­ra­schung dar­stellt und ein Zei­chen der Wert­schät­zung ist, die der unab­hän­gi­ge Ver­lag die brot­sup­pe sei­nen Über­set­zen­den entgegenbringt.

Ein wei­te­res wich­ti­ges The­ma im Roman ist der Ver­lust. Nach und nach stellt sich her­aus, dass sich der Erzäh­ler in sei­ne Arbeit flüch­tet, um der Demenz­er­kran­kung sei­ner Groß­mutter zu ent­kom­men. Dies wird dadurch erschwert, dass auch die Über­set­ze­rin, mit deren Leben er sich inten­siv aus­ein­an­der­setzt, an einem ähn­li­chen Lei­den erkrankt ist. Damit wirft der Roman die Fra­ge auf, wie viel von einem Men­schen bleibt und wie man ihn in Erin­ne­rung behal­ten kann. Der Erzäh­ler ver­sucht, sich ein Bild der Über­set­ze­rin anhand der Gegen­stän­de in ihrem Haus zu machen. Dass sol­che Bil­der letz­ten Endes höchst sub­jek­tiv sind und oft wenig mit der Rea­li­tät zu tun haben, bemerkt auch der Prot­ago­nist immer wie­der, zum Bei­spiel als er ein Radio­in­ter­view mit der Über­set­ze­rin fin­det und es erschro­cken abschal­tet, als er merkt, dass ihre tat­säch­li­che Stim­me gar nicht sei­nen auf ihrem Schrei­ben beru­hen­den Vor­stel­lun­gen entspricht.

Die Erkran­kung und der damit ein­her­ge­hen­de Ver­lust spie­gelt sich über­all in der Stadt. Das all­ge­gen­wär­ti­ge Was­ser nagt an Vene­digs Sub­stanz, und durch Über­schwem­mun­gen, Schim­mel und Ero­si­on droht kon­ti­nu­ier­lich das Ver­schwin­den der Stadt. Pel­le­gri­no ver­fällt aber nicht in Unter­gangs­ro­man­tik, son­dern schlägt den Bogen zur rea­len Klimakrise.

Tout un ima­gi­n­aire apo­ca­lyp­tique m’aidait à me figu­rer l’engloutissement, les places ens­ab­lées, les objets trans­for­més en coraux, les bal­cons ornés de varech, les famil­les d’hippocampes éta­b­lies dans les clo­chers. J’étais ici depuis quel­ques semain­es, et je voy­a­is les rues se fis­surer. Je voy­a­is les bâti­ments s’enfoncer dans la vase, les égli­ses pen­cher, tou­tes les sur­faces se défor­mer. Il fau­drait peut-être bien­tôt con­dam­ner les rez-de-chaus­sée, mais je ne croya­is plus que la ville cou­lerait. Elle ne ferait que crou­pir dans quel­ques cen­timè­tres, peut‑être un mèt­re, d’une eau saumât­re qui ne refluer­ait jamais, com­me un corps dans son pro­pre jus. Elle devi­en­drait tout sim­ple­ment insalub­re, inha­bi­ta­ble. Les gens s’en iraient.

Ein Fun­dus von End­zeit­bil­dern half dabei, mir die Über­flu­tung aus­zu­ma­len, sand­be­deck­te Plät­ze, zu Koral­len ver­stei­ner­te Gegen­stän­de, mit Tang ver­zier­te Bal­ko­ne, in Kirch­tür­men hei­misch gewor­de­ne See­pferd­chen­fa­mi­li­en. Ich war seit ein paar Wochen hier und sah, wie die Stra­ßen ris­sig wur­den. Ich sah, wie die Gebäu­de im Schlamm absack­ten, Kir­chen sich zur Sei­te neig­ten, Ober­flä­chen sich ver­form­ten. Viel­leicht dau­er­te es nicht mehr lang, bis man das Erd­ge­schoss auf­ge­ben müss­te, aber ich glaub­te nicht mehr dar­an, dass die Stadt unter­ge­hen wür­de. Sie wür­de ein­fach nur ein paar Zen­ti­me­ter, viel­leicht einen Meter tief in bra­cki­gem Was­ser, das nir­gend­wo­hin mehr abflös­se, vor sich hin modern, wie ein Kör­per im eige­nen Saft. Sie wür­de schlicht ver­kom­men, unbe­wohn­bar wer­den. Die Men­schen wür­den sie verlassen.

Pel­le­gri­no zeigt hier, dass die Kli­ma­kri­se nicht zu einer Art Water­world à la Kevin Cos­t­ner führt, son­dern Orte auf tra­gi­sche und glanz­lo­se Wei­se für Men­schen unbe­wohn­bar macht. Er geht noch einen Schritt wei­ter, indem er fest­stellt, dass die­se Gedan­ken bezüg­lich der Zukunft Vene­digs an ande­ren Orten wie Lagos oder Jakar­ta bereits jetzt Wirk­lich­keit sind – Orte, die nicht über die finan­zi­el­len Mit­tel ver­fü­gen, um sich gegen die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels zu schüt­zen. Dimi­t­rows Über­set­zung glänzt hier vor allem bei den Beschrei­bun­gen der fan­tas­ti­schen Unter­was­ser­welt. Bei der Über­set­zung von „objets trans­for­més en coraux“ fin­det sie für das gene­rel­le „trans­for­més“ mit „zu Koral­len ver­stei­ner­te Gegen­stän­de“ eine Über­set­zung, die das ange­streb­te Bild noch grif­fi­ger macht. Stö­rend ist aller­dings die Über­set­zung von „refluer­ait“ mit „abflös­se“. Der sehr geho­be­ne Kon­junk­tiv II wirkt fehl am Platz, und es wäre viel­leicht bes­ser gewe­sen, auf die Bil­dung mit wür­de und Infi­ni­tiv zurück­zu­grei­fen, wie in den vor­he­ri­gen und nach­fol­gen­den Sätzen.

Der knap­pe Roman teilt sich in kur­ze Text­ab­schnit­te und Sze­nen, die meist nicht län­ger als zwei Sei­ten umfas­sen. Die­ses For­mat ver­leiht dem Text eine neb­li­ge Atmo­sphä­re, in der vie­les unge­sagt und sche­men­haft bleibt. Einer­seits passt das sehr gut zu der intro­spek­ti­ven, nach­denk­li­chen Stim­mung, denn man fühlt sich ähn­lich ver­lo­ren wie der Erzäh­ler. Ande­rer­seits bleibt vie­les nur ange­deu­tet und wird nicht wei­ter aus­ge­führt, auch wenn man viel­leicht noch ger­ne mehr erfah­ren hät­te. Die spär­li­che Hand­lung bie­tet da eher den Rah­men, um über die genann­ten The­men zu medi­tie­ren und um Raum für die Natur­be­schrei­bun­gen zu schaffen.

Über zwei Stel­len bin ich beim Lesen der Über­set­zung gestolpert:

Au der­nier coup de frein du train, la plu­ie a rayé la vit­re de stries ver­ti­cal­es. Sur le quai, rel­ents lacus­tres – canard, algues tiè­des, nei­ge –, quel­que cho­se de chi­mi­que aus­si, chlore ou déter­gent, une odeur de pisci­ne. Les grands esca­liers devant la gare res­sem­blai­ent à l‘image que je m’en étais faite.

Als der Zug zum letz­ten Mal brems­te, zog es den Regen in senk­rech­ten Strei­fen über die Schei­be. Auf dem Kai ein Geruch nach Tüm­pel – Ente, lau­war­me Algen, Schnee –, auch etwas Che­mi­sches, Chlor oder Rei­ni­gungs­mit­tel, wie im Schwimm­bad. Die gro­ße Trep­pe vor dem Bahn­hof sah aus, wie ich sie mir vor­ge­stellt hatte.

Hier ver­wun­dert die wört­li­che Über­set­zung von „sur le quai“ als „auf dem Kai“. Natür­lich kann das poly­se­me quai eben­falls Kai bedeu­ten, was im Kon­text von Vene­dig auch nahe­liegt. Aller­dings ver­lässt der Prot­ago­nist hier den Zug und spricht danach von Bahn­hofs­trep­pen, wes­we­gen es sich bei die­sem quai wohl eher um einen Bahn­steig han­delt. Eine Klei­nig­keit, die die Lek­tü­re nicht wei­ter stört, aber gera­de auf­grund der gro­ßen Sorg­falt, mit der sonst über­setzt wur­de, heraussticht.

Am Ende des Romans lässt der Erzäh­ler ein Kleid der Über­set­ze­rin, das ihn völ­lig in sei­nen Bann gezo­gen hat, nach einem Sturm im über­schwemm­ten Haus ins Was­ser glei­ten und schaut dann zu, wie es umhertreibt:

La robe ne cou­lait pas, elle se mou­vait très len­te­ment jus­te sous la sur­face. Ser­ei­ne et silen­cieu­se, elle évo­luait dans la cui­sine com­me un grand pois­son jamais répertorié.

Das Kleid ging nicht unter, es trieb nur lang­sam direkt unter der Ober­flä­che. Fried­lich und still schwamm es durch die Küche wie ein gro­ßer, noch unent­deck­ter Fisch.

Das Verb réper­tori­er bedeu­tet „in ein Ver­zeich­nis auf­neh­men“ oder „inven­ta­ri­sie­ren“, also ein kla­rer Ver­weis auf die Tätig­keit des Prot­ago­nis­ten, der sei­ne Zeit damit zubringt, die Schrif­ten der Über­set­ze­rin zu kata­lo­gi­sie­ren. Für mich war die Bezeich­nung des Klei­des als „grand pois­son jamais réper­to­rié“ eine Art Ein­ge­ständ­nis der Uner­füll­bar­keit der eige­nen Auf­ga­be: Trotz sei­ner Mühen bleibt ihm die Über­set­ze­rin eine Unbe­kann­te; es gelingt ihm nicht, ihr Wesen durch das Inven­ta­ri­sie­ren ihrer Doku­men­te zu fas­sen. Die­se Bedeu­tung geht im Deut­schen ver­lo­ren. Auch die Über­set­zung von „jamais“ als „noch“ ver­schiebt die Fra­ge, ob die­se Auf­ga­be über­haupt zu erfül­len ist, eher ins Zeit­li­che und bejaht damit ihre prin­zi­pi­el­le Mög­lich­keit, was für mich im Gegen­satz zur Text­aus­sa­ge steht. Hier macht die Über­set­zung den Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum ein wenig kleiner.

Stadt auf Zeit ist eine kurz­wei­li­ge Lek­tü­re, die ihr Publi­kum nach Vene­dig und in das Innen­le­ben ihres Prot­ago­nis­ten ent­führt. Der Text besticht mit sei­nen poe­ti­schen Natur­be­schrei­bun­gen, der Dring­lich­keit sei­ner Spra­che und dem gekonn­ten Ver­we­ben von The­men wie Ver­lust, Ver­fall und Wan­del. Dass Pel­le­gri­no manch­mal nicht tie­fer auf die sehr inter­es­san­ten Ideen ein­geht, ist ein klei­nes Man­ko, eben­so dass Dimi­t­rows Über­set­zung an eini­gen weni­gen Stel­len nicht kom­plett rund ist. Ins­ge­samt ist es der Über­set­ze­rin aber gelun­gen, einen emp­feh­lens­wer­ten Roman für deutsch­spra­chi­ge Leser:innen zugäng­lich zu machen.

Noch mehr zur Über­set­zung könnt ihr im TOLE­DO-Jour­nal der Über­set­ze­rin erfahren.


Bru­no Pel­le­gri­no | Lydia Dimi­t­row

Stadt auf Zeit



ver­lag die brot­sup­pe 2023 ⋅ 140 Sei­ten ⋅ 27 Euro


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