Ron Wink­ler: der Spielerische

Ron Winkler hat für den Band „Angefangen mit San Francisco“ Gedichte aus dem Werk des 2021 verstorbenen Dichters Lawrence Ferlinghetti ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt. Dafür ist er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Von

Nominiert für seine Übersetzung aus dem Englischen: Ron Winkler © dirk.skiba Fotografie

Am 21. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Der Dich­ter, Künst­ler, Buch­händ­ler, Ver­le­ger, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Akti­vist Law­rence Fer­lin­ghet­ti galt als „Vater“ der Beat-Gene­ra­ti­on, und hat sei­ne, zumin­dest hier­zu­lan­de, bekann­te­ren Dich­ter­kol­le­gen Jack Kerouac, Allen Gins­berg und Wil­liam S. Bur­roughs doch um Jahr­zehn­te über­lebt. Fer­lin­ghet­ti wur­de 1919 in New York gebo­ren, ging nach einer tur­bu­len­ten Kind­heit und Jugend zur Navy, stu­dier­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der Colum­bia Uni­ver­si­ty, pro­mo­vier­te an der Sor­bon­ne in Paris und ließ sich anschlie­ßend in San Fran­cis­co nie­der. Hier grün­de­te er 1953 den legen­dä­ren City Lights Book­shop, der schnell zum Treff­punkt von Avant­gar­de-Künst­lern und Schrift­stel­lern wur­de, und kurz dar­auf den gleich­na­mi­gen Ver­lag. Zu des­sen ers­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen gehör­ten Fer­lin­ghet­tis eige­ner ers­te Gedicht­band Pic­tures of the Gone World (1955) sowie Allen Gins­bergs berühm­tes Gedicht „Howl“ in dem Band Howl and Other Poems (1956), für das Fer­lin­ghet­ti als Ver­le­ger sogar wegen „Obs­zö­ni­tät“ der Pro­zess gemacht wurde.

Der Durch­bruch als Dich­ter gelang Fer­lin­ghet­ti mit sei­nem zwei­ten Gedicht­band, A Coney Island of the Mind (1958), der sich mil­lio­nen­fach ver­kauf­te und in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wur­de. Hier setzt Fer­lin­ghet­ti gewis­ser­ma­ßen den Ton für sein Schrei­ben, hier ver­bin­det sich all­täg­li­che, gespro­che­ne Spra­che mit der Spra­che sei­ner poe­ti­schen Vor­bil­der (allen vor­an Walt Whit­man). Sie ist mal derb, mal ele­gisch, mal wütend, mal sanft, eben­so aus­schwei­fend, spie­le­risch, sinn­lich wie knapp, prä­zi­se und lako­nisch. Die Gedich­te des Ban­des bewe­gen sich mal im Zick­zack über die Sei­ten, die Ver­se rei­ßen anein­an­der oder flie­ßen leben­dig, rhyth­misch inein­an­der, mal sind sie klas­sisch links­bün­dig, zen­triert oder im Block gesetzt. Sie kla­gen an, rech­nen ab mit „Amerika/ mit sei­nen Geis­ter­städ­ten und lee­ren Ellis Islands/ und sei­ner sur­rea­len Land­schaft der/ unge­steu­er­ten Prärien/ Supermarktsuburbias/ dampf­be­heiz­ten Got­tes­äcker“, mit dem „beto­nier­ten Kontinent/ gespickt mit faden Billboards/ die Glücks­ver­spre­chen illus­trie­ren“. Sie sind vehe­men­ter gesell­schafts­kri­ti­scher Appell, aber auch all­täg­li­che Moment­auf­nah­men des moder­nen Groß­stadt­le­bens, Betrach­tun­gen wei­ter Land­schaf­ten, ekphras­ti­sche Erkun­dung von Gemäl­den oder Skulp­tu­ren und atmo­sphä­ri­sche Traumbilder.

Auf A Coney Island of the Mind fol­gen zahl­rei­che wei­te­re Gedicht­bän­de, Roma­ne, Thea­ter­stü­cke, Essays, Rei­se­jour­na­le sowie bild- und kon­zept­künst­le­ri­sche Pro­jek­te. Bis ins hohe Alter blieb Fer­lin­ghet­ti aktiv. Zuletzt erschien 2019 der Roman Litt­le Boy, den Ron Wink­ler im sel­ben Jahr für den Schöff­ling Ver­lag über­setz­te. 2023 folg­te dann mit Ange­fan­gen mit San Fran­cis­co eine vom Über­set­zer selbst erstell­te Aus­wahl von Fer­lin­ghet­tis Lyrik. Die Samm­lung ver­eint Gedich­te aus vier Jahr­zehn­ten, von 1958 mit A Coney Island of the Mind, über den titel­ge­ben­den Band Start­ing from San Fran­cis­co von 1961, dann The Secret Mea­ning of Things (1968), Open Eye, Open Heart (1973), Who Are We Now? (1976), Land­scapes of Living & Dying (1979) bis hin zu Over All the Obs­ce­ne Boun­da­ries von 1984.

Bereits in den 70er und 80er Jah­ren erschie­nen – in klei­ner Aus­wahl – Gedich­te von Fer­lin­ghet­ti in deut­scher Über­set­zung, etwa von Wulf Teich­mann, in den 90ern und 2000ern dann in limi­tier­ter Auf­la­ge ein­zel­ne Gedich­te über­setzt von Ingrid und Rein­hard Har­baum. Ein­zig von A Coney Island of the Mind lie­gen gleich meh­re­re voll­stän­di­ge deut­sche Über­set­zun­gen vor. Mit Aus­nah­me der bis­her aktu­ells­ten Fer­lin­ghet­ti-Über­set­zung, der 2005 erschie­ne­nen deut­schen Fas­sung von A Coney Island of the Mind und A Far Rocka­way of the Heart von Klaus Berr, sind die­se Bän­de aller­dings nur noch anti­qua­risch oder über­haupt nicht mehr erhältlich.

Ron Wink­ler macht Fer­lin­ghet­tis Gedich­te also zum Teil wie­der, zum Teil erst­ma­lig auf Deutsch zugäng­lich, und das zum ers­ten Mal im Kon­text einer grö­ße­ren Aus­wahl. Der Band ver­mit­telt einen guten Ein­druck von der rhyth­mi­schen Viel­falt, den moti­visch-the­ma­ti­schen Net­zen und der Refe­renz­dich­te von Fer­lin­ghet­tis dich­te­ri­schem Werk sowie von den – ech­ten wie inter­tex­tu­el­len – Land­schaf­ten, die es durch­wan­dert. Der Über­set­zer nimmt uns in Ange­fan­gen mit San Fran­cis­co mit auf eine Rei­se: durch das Werk Fer­lin­ghet­tis, an die US-ame­ri­ka­ni­sche West­küs­te der 50er Jah­re und von dort quer durchs Land und bis über den Atlantik …

Die Jury-Begrün­dung

Ron Wink­ler hat Gedich­te von Law­rence Fer­lin­ghet­ti aus­ge­wählt und aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch auf eine Wei­se über­setzt, die das lyri­sche Werk des Beat-Poe­ten in sei­ner spie­le­ri­schen Dimen­si­on frei­legt, ohne die Her­kunft aus dem »dun­kels­ten der Orte« zu ver­nach­läs­si­gen. Wink­lers Phan­ta­sie und sprach­li­cher Über­mut füh­ren in ein Klang-Kon­zert, das Fer­lin­ghet­ti als Wahl­ver­wand­ten von Dan­te und Chagall plau­si­bel macht. – Eine Über­set­zung, die aus heu­ti­ger Zeit auf einen Geist von damals antwortet.

Die Über­set­zung

Ron Wink­ler sticht ein wenig her­aus aus dem Kreis der Nomi­nier­ten, nicht nur als der ein­zi­ge Lyrik-Über­set­zer, und weil mit Ange­fan­gen mit San Fran­cis­co zumin­dest (bzw.: nur) ein „Klas­si­ker“ nomi­niert ist, wie die Her­ren Lite­ra­tur­kri­ti­ker erleich­tert (bzw.: ent­täuscht) anmer­ken. Nein, vor allem ist an Ron Wink­lers Nomi­nie­rung beson­ders, dass in sei­nem Fall auch die Kom­po­si­ti­on der Tex­te in Ange­fan­gen mit San Fran­cis­co Teil sei­ner über­set­ze­ri­schen Arbeit war. Ein Vor­wort von ihm wäre sicher span­nend gewe­sen: War­um Fer­lin­ghet­ti? War­um gera­de jetzt? Wie ver­lief die Begeg­nung mit dem Werk Law­rence Fer­lin­ghet­tis? Wonach rich­tet sich sei­ne Aus­wahl der Tex­te und sei­ne über­set­ze­ri­sche Annäherung?

Auch ohne Vor­wort merkt man Ron Wink­lers Über­set­zun­gen an, dass sie kei­ne unper­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit Fer­lin­ghet­tis Gedich­ten sind, dass er sich beim Über­set­zen nicht selbst zurück­nimmt, um die Gedich­te für sich und aus ihrer Zeit spre­chen zu las­sen. Man tut ihnen sicher kei­nen Gefal­len, wenn man sie auf ein Podest stellt und am Anspruch einer „reprä­sen­ta­ti­ven“ oder objek­tiv „bril­lan­ten“ Über­set­zung (wie es ganz unbe­schei­den im Klap­pen­text heißt) misst. Wink­lers Über­set­zun­gen sind rhyth­misch und seman­tisch nicht sehr genau am Ori­gi­nal ori­en­tiert; er ist merk­lich weni­ger auf Knapp­heit und ein­fa­ches Voka­bu­lar bedacht wie Fer­lin­ghet­ti, der expli­zit for­der­te, Dich­ter soll­ten ihren Platz im Elfen­bein­turm ver­las­sen und zu einem brei­ten Publi­kum sprechen.

Manch­mal rei­ben sich die deut­schen Gedich­te an den his­to­risch, geo­gra­phisch und poli­tisch-kul­tu­rell so klar situ­ier­ten Ori­gi­na­len, wenn sie sehr viel moder­ne, auch jugend­sprach­li­che Aus­drü­cke ver­wen­den, oder wenn Wort­fin­dun­gen in Form von rich­tig deut­schen, wuch­ti­gen Nomi­nal­kom­po­si­ta die klar struk­tu­rier­ten Ver­se auf­mi­schen. Sie fügen dem Ori­gi­nal oft etwas hin­zu, spit­zen die Bedeu­tung zu oder redu­zie­ren sie – sie füh­ren aber auch die spie­le­ri­sche Freu­de des Dich­ters beim Über­set­zen vor. Zum Bei­spiel bei „Wes­ten­ta­schen­char­liechap­lin“ für „a litt­le char­ley­chap­lin man“, bei „Nicht­spei­se­pilz­knopf“ für „ine­di­ble mushrom but­ton“, bei „Schild­krö­ten­ka­ra­wa­nenzei­chen“ für „trot­ting turt­le sym­bols“ oder bei „Mogel­pa­ckungs­mön­che“ für „make-belie­ve monks“.

Ange­fan­gen mit San Fran­cis­co kann nur gewin­nen, wenn man es als die Begeg­nung des Dich­ters Ron Wink­ler mit den Gedich­ten Law­rence Fer­lin­ghet­tis (und damit als eine von vie­len mög­li­chen Begeg­nun­gen mit des­sen Werk) liest. Oder eben, in der For­mu­lie­rung der Jury, als ein Ant­wor­ten auf „den Geist von damals“ – wobei die­sem Geist oft auch gera­de nicht ent­spro­chen wird, wenn z.B. aus „ita­li­ans“ „Ita­lie­ne­rin­nen und Ita­lie­ner“ wer­den. Es ist ein Gespräch, eine Begeg­nung, die sich im Über­set­zen voll­zieht, die in den Über­set­zun­gen noch in Bewe­gung ist. Wenn wir uns die­ser Bewe­gung beim Lesen über­las­sen, trägt sie uns viel­leicht mit. Auch weil die Aus­wahl der Gedich­te sehr stim­mig ist, weil sich aus ihr eine gewis­se Dra­ma­tur­gie ergibt. Sie setzt noch ein­mal an bei A Coney Island of the Mind, das vie­len Leser:innen des Ban­des zumin­dest vage bekannt sein dürf­te. Dann folgt direkt das titel­ge­ben­de Gedicht, in San Fran­cis­co bre­chen wir auf:

Start­ing From San Francisco

Here I go again
crossing the coun­try in coach trains
(back to my old
lone wan­de­ring)
All night East­ward… Upward
over the Gre­at Divi­de and on
into Utah
over Gre­at Salt Plain
and onward, rocking,
the white dawn burst
across mesas,
table-lands,
all flat, all laid away.
Gre­at gla­ry sun—
wood bridge over water…
Later in still light, we still reel onward—
Onward? […]

Ange­fan­gen mit San Francisco

Es zieht mich wie­der,
das Land in Rei­se­zü­gen zu durch­que­ren
(zurück auf mei­nem alten
soli­tä­ren Treck)
Die gan­ze Nacht gen Osten… hoch
ent­lang der Gre­at Divi­de und dann
nach Utah
über die Gre­at Salt Plain
und hol­pernd wei­ter,
wei­ßer Mor­gen­däm­mer­aus­bruch
über mesas, Tafel­ber­ge,
Hoch­ebe­nen
ganz flach, ganz abge­legt.
Inten­si­ves Son­nen­glei­ßen –
Holz als Brü­cke überm Was­ser. …
Dann flau­es Licht, wir schau­keln wei­ter –
Wei­ter? […]

Ist es ein bewusst mar­kier­tes Zögern, die­ses „Es zieht mich…“ und der irrea­le zu-Infi­ni­tiv „zu durch­que­ren“ hier ganz am Anfang, in dem die Rei­se erst noch Anlauf neh­men muss, noch nicht so sehr im Gang zu sein scheint, wie bei „Here I go again…“ und „crossing“? Ist es Zufall, dass das Sub­jekt („I go“) des Ori­gi­nals zum Objekt („Es zieht mich“), der Antrieb ein klein wenig aus dem Selbst in etwas Ande­res, Vor­aus­ge­gan­ge­nes ver­la­gert wird? Fast meint man, hier schreibt sich die Nach­träg­lich­keit der Über­set­zung dem über­setz­ten Gedicht ein.

„Wei­ter?“ − Ja, es geht wei­ter, hät­te aber mit einem Echo auf „auf­wärts“ („upward“) natür­lich auch „vor­wärts“ („for­ward“) gehen kön­nen. Es geht in die Wei­te, in die Welt und ins Inne­re, ins Visio­nä­re oder die Ver­gan­gen­heit, und manch­mal bei­des zugleich. Zum Bei­spiel in einem Gedicht mit dem Titel „Seit­dem die Vögel nicht mehr zwit­schern“ („After the Cries of the Birds“) aus dem Band Das gehei­me Inne­re der Din­ge (The Secret Mea­ning of Things) von 1968, das so beginnt: „Die Ewig­keit durcheilend/ seit­dem die Vögel nicht mehr zwitschern/ sehe ich die ‚Zukunft die­ser Welt‘/ jetzt nur noch dif­fus erkennbar/ in Folk-Rock-Fest­sä­len […]“. „Die Ewig­keit durcheilend/ zu einer neu­en pas­to­ra­len Ära“ sieht das spre­chen­de Ich „die Schat­ten jener Zukunft/ auf jener wei­ßen Insel/ die als San Fran­cis­co im ihr frem­den Meer schwimmt“, sieht „die Stadt als Insel/ flot­tiert end­lich wirk­lich frei/ nie wirk­lich Teil Amerikas/ der Osten Osten und der Wes­ten Westen/ und bey­de tra­fen sich in alter Zeyt/ im ‚Wunsch dem nach­zu­ge­hen was jen­seits liegt des Geists‘/ und kei­nen Weg mehr weiß als den nach innen/ nach­dem Kolum­bus Ame­ri­ka zurück­ge­won­nen hatte“.

Längst nicht immer, wenn die Über­set­zung dem Ori­gi­nal ein wenig von der Sei­te weicht, lässt sich das so sin­nig erklä­ren wie beim Anfang von „Ange­fan­gen mit San Fran­cis­co“. Schon beim Titel von „Seit­dem die Vögel nicht mehr zwit­schern“ mag man sich fra­gen, war­um die Vögel denn in der Über­set­zung schon im Titel stumm sind, und ob sie davor wirk­lich nur fried­lich gezwit­schert haben. Wo es im Ori­gi­nal heißt „after Colum­bus reco­ver­ed Ame­ri­ca“ mag man sich fra­gen, war­um Kolum­bus Ame­ri­ka „zurück­ge­won­nen hat­te“ (und nicht ‚hat‘) und ob er es denn wirk­lich „zurück­ge­won­nen“ hät­te. (Dass ein paar Ver­se spä­ter gan­ze Stäm­me, viel­leicht etwas ver­harm­lo­send, am Hori­zont „abtau­chen“ („dis­ap­pear“), liegt dar­an, dass sie in Wink­lers Fas­sung spä­ter wie­der „auf­tau­chen“ („reap­pear“) sollen…)

Und es geht „wei­ter“ an frem­de Orte, träu­me­risch und doch ganz gegen­wär­tig, wie hier in die­sem Gedicht aus dem Band Offe­ne Augen offe­nes Herz (Open Eyes, Open Heart, 1973):

Into Dark­ness, in Granada

O if I were not so unhap­py
I could wri­te gre­at poet­ry!
Dusk falls through the oli­ve trees
Feder­i­co Gar­cía Lor­ca
leaps about among them
dod­ging the dark as it falls upon him
O if only I could leap like him
and make gre­at songs
Ins­tead I swing about wild­ly
as in a children’s
jungle gym
in a vacant lot by Ben Shahn
[…]

Von Gra­na­da in die Finsternis

Oh wäre ich nicht so ent­mu­tigt
was für tol­le Lyrik könn­te ich dann schrei­ben!
Däm­me­rung fällt durch Oli­ven­bäu­me
zwi­schen ihren Stäm­men
macht Gar­cía Lor­ca gro­ße Schrit­te
um dem Dun­kel aus­zu­wei­chen wo es ihn erreicht
Oh könn­te ich wie er mäan­dern
und gro­ße Lie­der fabri­zie­ren
Statt bloß von hier nach dort zu schwin­gen
wie ein Kind
in einem Indoor­dschun­gel
auf einem Brach­ge­län­de von Ben Shahhn
[…]

Hier fragt man sich dann viel­leicht doch kurz, ob der Über­set­zer sich wie das lyri­sche Ich „ent­mu­tigt“ und nicht zu „tol­ler Lyrik“ im Stan­de zeigt – und das Gedicht damit in einem genia­len Twist per­for­ma­tiv-par­odis­tisch umsetzt. Auch das Ori­gi­nal setzt ja ein wenig iro­nisch an mit zwei Ver­sen, die mit ihrem Rhyth­mus an den Anfang eines etwas abge­schmack­ten Kreuz­reims den­ken las­sen. Die­sen Rhyth­mus bil­det der Über­set­zer im ers­ten Vers auch nach, der zwei­te ver­wäs­sert dann aber. Doch die Über­set­zung pro­du­ziert auch ande­re Bil­der als das Ori­gi­nal: Die „children’s/ jungle gym“ wird nach „indoor“ ver­la­gert und aus dem erwach­se­nen Dich­ter, der dort (bild­lich gespro­chen) und nicht ohne bit­te­re Komik umher­schwingt, wird in der deut­schen Fas­sung selbst wie­der ein Kind. Wer die Gemäl­de Ben Shahns nicht kennt, wird bei der Suche nach „Brach­ge­län­den“ ver­mut­lich nicht auf sei­ne „Vacant Lots“ sto­ßen. Ob das „Ich“ noch mit den glei­chen Gefüh­len zu Gar­cía Lor­ca auf­blickt wie das „I“ im Ori­gi­nal, wird durch die Auf­lö­sung der Wie­der­ho­lung von „leap“ ein wenig frag­lich („Feder­i­co Gar­cía Lorca/ leaps about“ – „O if only I could leap like him“ vs. „macht Gar­cía Lor­ca gro­ße Schrit­te“ – „Oh könn­te ich wie er mäandern“). 

In den letz­ten drei Ver­sen des knapp ein­sei­ti­gen Gedichts wird dann „total dark­ness“ zum „Herz der Fins­ter­nis“, was beim Lesen in der rein deutsch­spra­chi­gen Aus­ga­be schon ein wenig auf Abwe­ge führt. Und in der Ver­än­de­rung der Rei­hen­fol­ge der Ele­men­te ver­liert sich die kla­re Glie­de­rung, die fast ima­gis­tisch wir­ken­de bild­li­che Dich­te und der dump­fe Auf­prall im Banalen:

[…]
And padd­le away slow­ly
into total dark­ness
in a Dove boat

[…]
Um schließ­lich auf der Dove
ins Herz der Fins­ter­nis
zu pad­deln

Trotz­dem funk­tio­niert das Gedicht auf Deutsch für sich genom­men − und die Abwei­chun­gen, die hier auf­fal­len, sind auch kon­sis­tent mit Ron Wink­lers Her­an­ge­hens­wei­se ins­ge­samt: der locker-leich­te Umgang mit den Bil­dern, eine Lust zu spe­zi­fi­sche­ren, geschraub­ten Ver­ben (hier „fabri­zie­ren“ für „make“ und „mäan­dern“ für „leap“), die etwas wei­che­re (manch­mal auch ver­wäs­sern­de) Ein­bet­tung des Gan­zen in mehr Wortmaterial. 

Der genaue Blick zurück zum Ori­gi­nal lässt die­se über­set­ze­ri­schen Stra­te­gien sicht­bar und damit Wink­lers Stim­me in der Begeg­nung mit Fer­lin­ghet­ti deut­lich hör­bar wer­den. Es hät­te, zumal in einer ein­spra­chi­gen Aus­ga­be, auch etwas mehr Fer­lin­ghet­ti sein dürf­te. In jedem Fall ist das Buch ein Gewinn für die­je­ni­gen, die sich für das Werk des Dich­ters inter­es­sie­ren und mehr davon auf Deutsch ent­de­cken möch­ten. Und auch wenn die Leich­tig­keit, mit der Ron Wink­ler die­ses rie­si­ge Pro­jekt ange­gan­gen ist, und ohne die es viel­leicht gar nicht umsetz­bar gewe­sen wäre, manch­mal ein recht leicht­fer­tig daher kommt: Ange­fan­gen mit San­fran­cis­co wird noch vie­len Leser:innen Freu­de berei­ten, ob sie Law­rence Fer­lin­ghet­tis Gedich­ten zum ers­ten Mal oder noch­mal neu begeg­nen – jetzt durch die Augen und in der Stim­me des Dich­ters Ron Winkler.

Lieb­lings­stel­le

die Poe­sie ist tot, lang lebe die Poe­sie
mit Furor­blick & Bisonkraft.

Law­rence Fer­lin­ghet­ti | Ron Wink­ler

Ange­fan­gen mit San Francisco


Schöff­ling & Co. 2023 ⋅ 260 Sei­ten ⋅ 28 Euro


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